K ampagnen __ 1
das Magazin der ERklärung von bern
Sa mb is c h e K u m pel
Rohstoffe
g ez ei c h n et
Das gefährlichste Geschäft der Schweiz Wieso bleiben viele Länder des globalen Südens trotz ihrer Bodenschätze bitterarm? Ein be deutender Teil der Antwort findet sich in der Schweiz. Abseits der Öffentlichkeit ist hier eine Branche entstanden, die im globalen Rohstoff handel die Fäden zieht. Die EvB hat gründlich recherchiert und präsentiert nun die erste Ana lyse der Rohstoffdrehscheibe Schweiz. Text_Urs Ry b i / T it e l b i l d _M e i n r a d S c h a d e
In vielen Ländern gehören Bergbau-Minen, Öl felder und Agro-Plantagen zu den gefährlichsten Orten für die dort arbeitenden und lebenden
Menschen. Vertreibungen, prekäre Arbeitsbedingungen, Wasserverschmutzung: Die lokalen Gefahren für Mensch und Umwelt sind hinlänglich bekannt. Auf staatlicher Ebene kommen weitere Risiken hinzu. Rohstoffreichtümer werden exportiert, ohne dass ein fairer Anteil an die Bevölkerung zurückfliesst. Was bleibt, sind oft nur Kor ruption und Konflikte. Dabei sind Rohstoffe eine wahre Goldgrube. Im Welthandel wird jeder vierte Dollar damit verdient. Aus Schweizer Sicht scheint das alles angenehm weit weg – ein Trugschluss, wie unsere Recherchen zeigen. Die EvB schätzt, dass rund ein Fünftel des globalen «ComFor tse tz ung>>
erklärung!_ 0 4 _ 2 0 1 1
# 04 September_11
v o n der A rbei t i n der Mo p an i m i ne .
Das geförderte Kupfer geht – wie so viele andere Bodenschätze aus anderen Minen auch – an einen Schweizer Rohstoff konzern.
2 __ R ohstoffe
>>Fortse t zun g v o n S e ite 1
modity trading» über Büros in Genf, Zug und ein paar weniger wichtige Handelshochburgen ab gewickelt wird. Eines der rohstoffärmsten Länder der Welt hat sich zur globalen Drehscheibe entwickelt. Eine ganze Branche fliegt unter dem Radar Bislang verband die Schweizer Öffentlichkeit mit dem Begriff «Rohstoffhändler» vor allem die schillernde Figur Marc Rich. Der jahrelang von der US-Justiz gejagte Ölhändler liess sich in den 70er-Jahren in Zug nieder. Und just jene Firma, die er mitgründete und 1993 verliess, sorgte mit ihrem Börsengang 2011 für breite Medienberichterstattung. Als das US-Wirtschaftsmagazin «Fortune» diesen Sommer seine jährliche Liste der weltweit grössten Unternehmen publizierte, war ein erstaunlicher Neuzugang zu vermelden. Mit einem Schlag auf Platz 18 der weltweit 500 grössten Unternehmen landete ein Schweizer Konzern namens Glencore. Keine Firma verkörpert die Geschichte und Dynamik des Rohstoffhandelsplatzes Schweiz anschaulicher. Steigende Rohstoffpreise und internes Wachstum liessen den Umsatz von 30 (1993) auf 144 Mrd. US-Dollar (2010) anschwellen. Dieses Jahr trat der grösste gemischte Rohstoffhändler der Welt aus dem Schatten und ging im Mai an die Börse. Damit wurde er – im Gegensatz zu vielen weiterhin privat gehaltenen Handelshäusern – rechenschaftspflichtig und sichtbarer. Eines bleibt ihnen aber gemeinsam: Die grössten Rohstoffhändler arbeiten heute allesamt in Schweizer Büros. Von den 12 umsatzstärksten Schweizer Unternehmen stammen nun 7 aus der Rohstoffbranche (siehe Tabelle). Wie kommt es, dass sie dennoch weitgehend unbekannt sind? Im jetzt vorliegenden Buch gehen wir den Ursachen nach, porträtieren die Hauptakteure und durchleuchten ihre Geschäftsmodelle.
Die umsatzstärksten Unternehmen in der Schweiz* Firma
Branche
Vitol
Rohstoffhandel (primär Öl)
Umsatz 2010 (Mrd. US-Dollar) 195
Glencore
Rohstoffhandel
145
Nestlé
Nahrungsmittel
117
Trafigura
Rohstoffhandel
79
Gunvor
Rohstoffhandel (primär Öl)
59
Novartis
Pharma
Litasco
Rohstoffhandel (primär Öl)
Roche
Pharma
Mercuria
Rohstoffhandel (primär Öl)
ABB
Maschinenindustrie
34
Xstrata
Rohstoffförderung (Bergbau)
30
Migros
Detailhandel
27
56 (2009) 52 50 ca. 50
* Manche dieser Konzerne haben ihren offiziellen Hauptsitz nicht in der Schweiz, wickeln aber über Schweizer Niederlassungen den Grossteil ihrer globalen Geschäfte ab. Nicht inbegriffen sind hier drei grosse Agrarhändler.
Ein wahrlich globales Geschäft Die Rohstoffbranche scheint direkt auf dem Reissbrett der Globalisierung entworfen worden zu sein. Rund um den Globus werden Rohstoffe produziert, gekauft, gelagert und verkauft. Nationalstaatlichen Autoritäten und Regulierungen entwischen diese Firmen häufig mit unverschämter Leichtigkeit. Denn ihre Handelsabteilungen können grundsätzlich von jedem Ort aus operieren. Während die Arbeit immer öfter in Genf oder Zug verrichtet wird, liegen die rechtlichen Haupt sitze und Muttergesellschaften meist in den Niederlanden und in Offshore-Steuerparadiesen. Für nationale Steuerämter und Gerichte sind solche Firmen deshalb kaum zu fassen. Eine der Reportagen im Rohstoffbuch zeigt dies eindrücklich am Beispiel Sambia. Obwohl der Weltmarktpreis für Kupfer auf Rekordniveau liegt, schreibt die dortige Glencore-Mine Verluste. Und ist somit steuerbefreit. Verkauft wird das Kupfer via Schweiz. Den Menschen vor Ort blei-
«Rohstoff – Das gefähr lichste Geschäft der Schweiz» Herausgeberin: Erklärung von Bern Gebunden, 440 Seiten, mit zahlreichen Illustrationen 15,5 5 22 cm, Salis Verlag, CHF 34.80/ EvB-Mitglieder: CHF 29.–
Z ahlen sagen mehr a l s W or t e...
Der Schweizer Rohstoffhandel hat sich seit
1998 verfünfzehnfacht.
Heute laufen mindestens
15 – 25 Prozent
des weltweiten Rohstoffhandels über die Schweiz.
7 der 12
umsatzstärksten Schweizer Firmen gehören zur Rohstoffbranche.
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ben einzig die enormen Schwefeldioxid-Emissionen der mineneigenen Schmelzerei. Die Erklärung von Bern hat im April zusammen mit anderen Organisationen eine OECD-Beschwerde gegen diese Steuertricks von Glencore eingereicht. Diese ist zurzeit noch hängig. Die Rohstoffbranche profitiert von einer Mischung aus Opportunismus und Passivität der Schweizer Wirtschaftspolitik. Der Basler Strafrechtsprofessor und international gefragte Korruptionsexperte Mark Pieth meint dazu im BuchInterview: «Mein Eindruck ist, dass man diese Dinge lange schon einfach geschehen lässt – ohne Plan und Absicht. Das war bei Themen wie Raubkunst, Waffenhandel, Embargoverletzungen oder zuletzt der Steuerflucht so und dürfte beim Rohstoffhandel nicht anders sein.» Für die EvB liegt es auf der Hand, dass hier viel zu tun ist. Sie hat deshalb einen neuen Fachbereich geschaffen. Wir werden dem Rohstoffsektor in der Schweiz ab sofort ganz genau auf die Finger schauen und uns für politische Rahmenbedingungen einsetzen, die auch von diesen Unternehmen ein faires Wirtschaften einfordern.
Die EvB verdankt die Finanzierung des Rohstoffbuchs einem ehemaligen EvB-Mitglied, das die EvB als Erbin grosszügig bedachte. Legate und Erbschaften ermöglichen uns, zusätzliche Projekte unabhängig und ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Interessen zu realisieren. Möchten Sie erfahren, wie Sie die EvB in Ihrem letzten Willen berücksichtigen können? Bestellen Sie kostenlos, vertraulich und unverbindlich die EvB-Testaments unterlagen, oder kontaktieren Sie Marion Graber persönlich: 044 277 70 12, marion.graber@evb.ch, www.evb.ch/erben.
Wichtiger Hinweis
Bitte melden Sie uns Ihren Umzug frühzeitig! Die Post teilt Adressänderungen seit einigen Jahren nicht mehr mit. Die Nachsendefrist dauert lediglich ein Jahr, danach werden die Briefe mit dem Vermerk «Empfänger unbekannt» an uns zurückgeschickt.
erklärung! 4/2011 Auflage 21 500 Exemplare Erklärung von Bern (EvB), Dienerstrasse 12, Postfach, 8026 Zürich, Telefon 044 277 70 00, Fax 044 277 70 01, info@evb.ch, www.evb.ch R edakt ion S usanne Rudolf Gestalt ung Clerici Partner Design, Zürich Dr uc k ROPRESS Genossenschaft, Zürich; gedruckt mit Biofarben auf Cyclus Print, 100 % Altpapier, klimaneutraler Druck Imp ress um
Herausgeberin
« erkl ä r u n g ! » ers c h e i n t 4 - b i s 5 - m al j ä h rl i c h . M i tg l i ederbeitrag: Fr. 60.– pro K alenderjahr (inklusive Abonnement «erklärung!» und EvB-D okumentation). Postkonto 80-8885-4
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Risikoreiche Kooperationen Susanne Rudolf
Was ist von Kooperationen zwischen Unterneh men und Nichtregierungsorganisationen (NGO), wie kürzlich in den Medien über Alliance Sud und Nestlé oder den WWF berichtet wurde, zu halten? Die verstärkte Zusammenarbeit wird zwar von einigen Medienschaffenden kritisch hinterfragt, andere loben dagegen die zunehmende Dialog bereitschaft der Unternehmen. Dass Konzerne vermehrt die Kooperation mit NGO suchen, erstaunt nicht. Schliesslich geht es darum, einer sensibilisierten Öffentlichkeit ge genüber als verantwortungsvolles Unternehmen aufzutreten. Das Risiko und die Auswirkungen einer Kooperation bleiben für die Firma gering, denn die Öffentlichkeit kann kaum noch zwischen effektiven Verhaltensänderungen und den PRFloskeln beziehungsweise dem «Greenwashing» einer Firma unterscheiden. Es sind die Organisationen, die bei einer Koope ration das Risiko tragen – auch wenn der Dialog zu einem partiellen Erfolg führen sollte. Schliess lich gehören Nichtregierungsorganisationen und Medien noch zu den wenigen Instanzen, die das Verhalten der Firmen kritisch und transparent beleuchten können. Kooperiert eine Organisation mit einem Unternehmen, setzt sie ihre Glaub würdigkeit aufs Spiel: Diese schwindet nämlich, sobald Zweifel an der Transparenz, der kriti schen Distanz oder der finanziellen Unabhängig keit aufkommen. Und damit verliert eine Organi sation auch das Vertrauen ihrer Unterstützer Innen. Die EvB thematisiert in ihrer aktuellen Dokumen tation die Kaffeepolitik von Nestlé in Mexiko. Wie glaubwürdig wäre dieser Bericht, wenn er in Kooperation mit Nestlé entstanden wäre? Die EvB steht zwar im Dialog mit Unternehmen, geht aber seit ihren Anfängen keine Kooperation mit ihnen ein. So kann sie unabhängig von wirt schaftlichen Interessen und inhaltlichen Kompro missen arbeiten. Und damit bleibt die EvB die EvB.
4 __ Um f rage
P atente
Diese Melone ess ich nicht! Gemäss einer repräsentativen Umfrage der EvB sind zwei Drittel der KonsumentInnen grundsätzlich gegen die Patentierbarkeit von Nutzpflanzen. Diese Ablehnung zielt auch auf Produkte des Agrokonzerns Syngenta. Diesem wurde im April dieses Jahres vom Europäischen Patentamt ein Patent für Melonen mit «angenehmem Geschmack» bestätigt.
Clerici Partner Design
Pate n t i erte S y n ge n ta mel one ?
Der Konsument tappt heute im Dunkeln.
Text_Fra n ç o i s M e i e n b e r g
Nichtregierungsorganisationen, Regierungen sowie Bauern- und Züchterverbände wehren sich schon seit Jahren gegen die Patentierbarkeit von Nutzpflanzen. Patente erlauben den Saatgut konzernen, auf dem Lebensmittelmarkt eine Monopolstellung zu erlangen. Zudem vermindern sie die Innovationskraft der Züchter, da diese nicht mehr frei auf Pflanzenmaterial für die Weiterzucht zurückgreifen können. Längerfris tig gefährdet dies unsere Ernährungssicherheit. Dass immer mehr konventionell gezüchtete Pflanzen patentiert werden, verschärft die Problematik zusätzlich. Auch Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten sehen diese Entwick lung kritisch. Gemäss einer von der EvB und Swissaid in Auftrag gegebenen Isopublic-Umfrage lehnen zwei Drittel
Patente auf Nutzpflanzen ab. 68 Prozent wünschen sich eine klare Kennzeichnung patentierter Früchte und Gemüse, auf deren Kauf knapp 50 Prozent verzichten möchten. Diese «Abstimmung mit dem Portemonnaie» ist heute aber nicht möglich. Denn patentierte Gemüse und Früchte sind im Laden nicht als solche erkennbar. Syngenta meldet, nach Monsanto und DuPont, am meisten konventionelle Nutzpflanzen zum Patent an. Nachdem ein anderes Saatgutunternehmen erfolglos Einspruch erhoben hatte, wurde ein besonders umstrittenes Syngenta-Patent (EP1587933) diesen April bestätigt. Es handelt sich dabei um das erste europäische Patent, bei dem eine konventionell gezüchtete Pflanze aufgrund ihres Geschmacks patentiert wurde. In der Patentschrift wird der Geschmack der Melone als «herb-erfri-
schend-sauer-süss» umschrieben. Syngentas Ansprüche erstrecken sich auf alle Melonen mit einem bestimmten Gehalt an Zitronensäure und Zucker sowie einem bestimmten pH-Wert. Das Patent umfasst die Pflanzen, die Samen, das Fruchtfleisch und deren Verwendung. Die «Erfindung» ist das Resultat herkömmlicher Kreuzung und Selektion (kein Gentech), wofür Syngenta auch auf Melonen indischer Herkunft zurückgegriffen hat. EvB und Swissaid fordern auf europäischer wie auch auf nationaler Ebene ein Verbot von Patenten auf Nutzpflanzen. Die Schweizer Detailhändler rufen wir dazu auf, keine patentierten Gemüse und Früchte mehr in ihr Sortiment aufzunehmen oder diese zumindest mit einer entsprechenden Kennzeichnung zu versehen – damit ihre Kundschaft künftig die Wahl hat. erklärung!_04_2011
T r a nsparenz __ 5
Multinationale Un t e r n e h m e n
Wenn Syngenta die Forschung der ETH unterstützt … Am 11. November letzten Jahres initiierten die ETH Zürich und Syngenta einen Lehrstuhl für nach haltige Agrarökosysteme. Syngenta? Wir wollten mehr wissen. Text_Fra n ç o i s M e i e n b e r g
Im Rahmen der Schweizerischen Ar beitsgruppe Gentechnologie (SAG) haben deren Präsidentin Maya Graf, François Meienberg (EvB) und Tina Goethe (Swissaid) bei einer Delegation der ETH unter Führung ihres Präsidenten Ralph Eichler Informationen zur Partnerschaft mit Syngenta eingeholt. Während der nächsten 10 Jahre finanziert Syngenta den Lehrstuhl mit
10 Millionen Franken. Im Gegenzug erhält Syngenta einen Sitz im Auswahlgremium für die Professur. All fällige Vorbehalte des Agrokonzerns gegenüber einer Kandidatur sollen gebührend berücksichtigt werden. Trotz seiner vertraglich zugesicherten Forschungsfreiheit befindet sich der Pro fessor unserer Meinung nach in einer informellen Abhängigkeit. Schliesslich ist kein Wissenschaftler darauf erpicht, den eigenen Geldgeber mit Forschungsresultaten zu diffamieren. Das Vorgehen der ETH erscheint uns etwas blauäugig. Den Lehrstuhl für nachhaltige Agrarökosysteme vom weltweit grössten Pestizidproduzen-
ten sponsern zu lassen, ist etwa so, wie wenn Marlboro eine Professur zur Suchtprävention finanzieren würde. Die ETH wäre gut beraten, wenn sie solche offensichtlichen Interessenkollisionen in Zukunft verhindern würde. Denn eine unabhängige Forschung ist ein wichtiges Gut, das es unbedingt zu verteidigen gilt.
Einen ausführlicheren Artikel zum Fall finden Sie auf www.evb.ch/syngentaeth.
Weltbank
CCC
Zögerliche Förderung von erneuerbaren Energien in der Türkei
Mode – Ein globales Geschäft: Neue Unterrichtseinheiten für die Sekundarstufe 1+2
Text_Chr i sti n e Eb e r l e i n
Tex t_ C hris t a Lu ginbühl
100 Millionen Dollar hat die Türkei zu günstigen Konditionen aus dem Klimainvestitionsfonds der Weltbank bezogen. Primäres Ziel der Gelder: erneuerbare Energien fördern und Energiesparmassnahmen finanzieren. Die EvB hat analysiert, was mit dem Geld geschehen ist. Am erfolgreichsten waren die Massnahmen zur Energieeinsparung bei Firmen. Wegen hoher regulativer Hürden für erneuerbare Energien in der Türkei floss nur wenig Geld in den Bau von Windkraftwerken; Sonnen- und Biomassenkraftwerke gingen gar leer aus. Mit einem Grossteil der Mittel baute die Türkei kleine Staudämme, was angesichts von deren negativen Auswirkungen höchst problematisch ist. Fazit: Erneuerbare Energien wurden mit den Klimafondsgeldern in der Türkei kaum gefördert. Zudem ist die Umsetzung der Projekte durch lokale Banken fragwürdig, dürfen diese doch keine konkreten Projektinformationen veröffentlichen. Die Lehren aus der EvB-Recherche werden in den Aufbau des neuen globalen grünen Klimafonds fliessen, der ebenfalls von der Weltbank verwaltet wird.
Am Beispiel der Modeindustrie lassen sich globale wirtschaftliche, politische und zivilgesellschaftliche Zusammenhänge exemplarisch aufzeigen. Arbeits- und Menschenrechte, Armut, Gewerkschaftsfreiheit, Marketing und Ethik sowie die Handlungsoptionen von Konsumierenden sind dabei wichtige Aspekte. Die Erklärung von Bern/Clean Clothes Campaign hat zu diesen Themen Unterrichtseinheiten für die Sekundarstufe 1 und 2 entwickelt. Diese orientieren sich am Konzept des globalen Lernens und enthalten in kompakter Form Hintergrundinformationen, Kurzfilme, Arbeitsblätter, Fragestellungen für Diskussionen und didaktische Umsetzungsideen. Mode: ein globales Geschäft DVD mit 12 Unterrichtseinheiten, 12 Franken
Jetzt bestellen: Erklärung von Bern, Postfach, 8026 Zürich, www.evb.ch, 044 277 70 00, info@evb.ch
6 __ P olitik
F inanzplatz Schwe i z
Einen Schritt vor, zwei Schritte zurück Die Credit Suisse und UBS finanzie ren die weltweit umstrittenste Bergbaufirma: Vedanta Resources. Dies zeigt, wie wenig die beiden Banken die Menschenrechte respek tieren.
Die EvB hat mit einer neuen Hintergrundrecherche und einem Update des Positionspapiers von 2010 die Website www.bankenundmenschenrechte.ch komplett aktualisiert. Schockierend ist die Finanzierung des indischen Rohstoffkonzerns Vedanta durch UBS und Credit Suisse. Reprisk, ein auf den Finanzsektor spezialisierter Dienstleister, platzierte Vedanta 2009 auf Platz 2 der weltweit kontroversesten Firmen. 2010 lag Vedanta auf Platz 3, gleich hinter Transocean und BP. Im Juni 2011 nahm der Menschenrechtsrat die «Guiding Principles on Business and Human Rights» an. Gemäss dieser Richtlinien sind Unternehmen in Zukunft nicht nur für Menschenrechtsverletzungen verantwort lich, die sie durch eigene Geschäfts tätigkeit direkt verursachen, sondern auch, wenn die Unternehmen über ihre Produkte und Dienstleistungen
balajimuthazhagan
Text_And r e a s Mi s s b a c h
protestieren gegen die geplante Zerstörung ihres Lebensraums durch die von UBS und CS mitfinanzierte Vedanta.
Indig ene Do n gr ia K o ndh
indirekt Menschenrechte verletzen. Darunter fällt eindeutig auch die Finanzierungstätigkeit der Banken, sei es direkt durch Kreditvergabe oder indirekt durch die Unterstützung bei der Platzierung von Aktien und Anleihen. Der Uno-Sonderbeauftragte für Un ternehmen und Menschenrechte, John Ruggie, fordert mit den Guiding Principles ausdrücklich, dass auch der Finanzsektor Verantwortung für von
ihm mitverursachte Menschenrechtsverletzungen übernimmt. Dies erfordert von den Banken Menschenrechtsrichtlinien, Prozesse für menschenrechtliche Sorgfaltsprüfungen und Transparenz. Trotz gewisser Fortschritte bei der Credit Suisse sind sowohl die Prozesse als auch die Transparenz der beiden Schweizer Grossbanken mangelhaft und erfüllen die Leitprinzipien des Uno-Sonderbeauftragten nicht.
Multilaterale Han d e l s a b k omm e n
WTO-Doha-Runde: Die unendliche Geschichte Die Verhandlungen in der Welthan delsorganisation (WTO) zur weite ren Handelsliberalisierung sind gescheitert. Die Verantwortlichen wollen dies aber nicht eingestehen. Text _Tho m a s B r au n s c h w e i g
Ende 2001 startete in der katarischen Hauptstadt Doha eine WTO-Verhandlungsrunde. Die Länder des Südens
waren wenig euphorisch. Um sie umzustimmen, versprachen die Industrieländer, prioritär auf die Entwicklungsbedürfnisse des Südens einzugehen. Seither hielten sich Meldungen über den bevorstehenden Verhandlungser folg und über Rückschläge die Waage, während sich die Gespräche zunehmend in eine Sackgasse bewegten. Dort stecken sie seit geraumer Zeit fest.
In einem letzten verzweifelten Versuch zur Gesichtswahrung wurde kürzlich versucht, ein Minipaket zu schnüren. In diesem sollten wenigstens den allerärmsten Ländern Handelserleichterungen zugestanden werden. Umso peinlicher, dass sich die tonangebenden Länder selbst darauf nicht einigen konnten. Nun hat die WTO dicht gemacht – für die Sommerpause. erklärung!_04_2011
Kons u m __ 7 K ampagnen
G esundheit
WHO wandelt auf ungesunden Pfaden Die an der Jahreskonferenz im Mai lancierte Reform der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beunruhigt Nichtregierungsorganisa tionen wie die EvB sehr. Sie befürchten eine Stärkung des Einflusses des Privatsektors und sehen darin die Unabhängigkeit der WHO gefährdet. Denn der Rückgang an öffent lichen Geldern macht die WHO abhängiger von der Privatwirtschaft. Die EvB hat deshalb den WHO-Aufsichtsrat – in dem die Schweiz wieder für drei Jahre vertreten ist – alarmiert. Text_Pat r i ck Dur i s c h
Der umstrittenste Teil der WHO-Reform betrifft das Einrichten eines globalen Multi-StakeholderGesundheitsforums. Dieses soll die Kohärenz zwischen den verschiedenen Akteuren in der Gesundheitspolitik fördern. Doch es besteht die Gefahr, dass die Privatwirtschaft überrepräsentiert wird und sie die Gesundheitspolitik zu ihren eigenen Vorteilen beeinflusst. Nicht alle Akteure im Gesundheitswesen arbeiten im öffentlichen Interesse. Eine bessere Koordination wäre mit effizienteren und flexibleren Modellen, wie öffentlichen Anhörungen oder Vernehmlassungen, möglich. Die WHO begründet die Reform mit den wachsenden Herausforderungen im Gesundheitswesen. In Wahrheit treibt die finanzielle Krise, in der die Organisation steckt, die Reform voran. Die fixen Beiträge der Mitgliedsstaaten nehmen ab und machen nur noch 20 Prozent des Budgets aus. Die WHO ist deshalb gezwungen, sich vermehrt an den privaten Sektor zu wenden – was jedoch das Risiko von Interessenkonflikten mit sich bringt. Um seine Rolle als führendes Gremium in der Gesundheitspolitik einnehmen zu können und die Interessen sowohl der Süd- wie Nordländer zu berücksichtigen, muss die WHO eine unabhängige multilaterale Organisation bleiben, deren Führung von den staatlichen Mitgliedern bestimmt wird. Die Reform stellt dies klar in Frage.
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K o l u m n e A n d r ea Hüsser
Ist Nestlé fair geworden?
Wann haben Sie das letzte Mal eine Tasse Nescafé getrunken? Wohl kaum in der Schweiz, denn hier ist Nescafé nicht mehr salonfähig. Frau und Herr Schweizer bevorzugen Nespresso; Lifestyle, Ge schmack und zeitsparende Zubereitungsweisen werden da gleich mitgeliefert. Kein Wunder, kostet ein Kilo 100 Franken. Laut Nestlé werden weltweit 12 300 Tassen Nespresso pro Minute getrunken. Beim Nescafé sind es 4600 Tassen pro Sekunde. Eindrückliche Zahlen – doch was sagen sie wirklich aus? Selbst mit Taschenrechner bleiben die Zahlen bedeutungslos. Ähnlich kommuniziert der Konzern bei Nachhaltig keitsprojekten wie dem Nescafé-Plan. Nur reicht da ein Taschenrechner nicht mehr, um das Ganze zu verstehen. Der Nescafé-Plan ist Nestlés jüngstes Projekt aus der Kategorie «Creating Shared Va lues». Damit will der Konzern den Kaffeebauern familien aus der Armut helfen, sich besseren Zu gang zu den Ressourcen schaffen und dabei auf die Umwelt achten. Der Plan enthält viele Ziele, hohe Investitionen und strotzt vor Zahlen. Wird Nestlé also letztlich doch noch fair? Interviews vor Ort mit Kaffeebauernfamilien in Mexiko, eines der Projektländer, lassen die Hoffnung schwinden. Nestlés angebliche Kursänderung gleicht eher einer Imagepolitur. So schafft es der Konzern mit ge schicktem politischem Lobbying, Subventionen vom mexikanischen Staat zu kassieren, mit seiner Einkaufsstrategie das System des fairen Handels zu unterwandern und so die ungerechte Wert schöpfungskette letztlich zu zementieren. Weil es für Konsumierende so schwierig ist, die PR-Spra che eines Konzerns zu durchschauen, hat die EvB den Nestlé-Plan in der beiliegenden Dokumenta tion genauer unter die Lupe genommen.
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L ukas Bärfuss
Aufklärer mit Substanz Hinterfragen, analysieren und provozieren: Mit diesem Dreischritt ist Lukas Bärfuss zum Schweizer Literaturstar avanciert. Ein Star notabene, der auch Stoffe wie Entwicklungs hilfe und Ölindustrie thematisiert. Für das Vorwort zu ihrem Rohstoffbuch hätte die EvB also keinen passenderen Autor finden können. Text_Oli v e r Cl a s s e n
Seit Jahren schon gehört er zu den meistgespielten Autoren auf den deutschsprachigen Bühnen, das Romandebüt «Hundert Tage» wurde 2008 mit Preisen überhäuft und seine Essays sind Weck rufe mit internationalem Echo. Dabei ist der li terarische Allrounder Lukas Bärfuss noch keine 40, gelernter Buchhändler und gehört zur raren Spezies der praktizierenden Schweizer Intellektuellen. Mit den gemütlichen, Pfeife schmauchenden Ikonen der 60er- und 70er-Jahre, die wir aus dem Deutschunterricht kennen, teilt der gebür tige Thuner jedoch weder Tonalität noch Themen. Bärfuss doziert nicht, sondern erzählt und zeigt auf – mal individuelle Notstände, mal systemische Missstände. Wobei gerade seine politischen Texte besonders sauber recherchiert, aber eben auch brillant inszeniert sind. Das gilt besonders für seinen Bestseller «Hundert Tage», eine so realitätsnahe wie faktenreiche Darstellung des Völkermordes in Ruanda und der zwischen Ohnmacht und Mitschuld oszillierenden Situation von Schweizer Entwicklungshelfern. «In der Kivu-Region habe ich die entsetz
2009 explizit jenem Gleitmittel des Kapitalismus, das die grössten Verwüstungen in der Natur und den Seelen der Menschen – Opfern wie Tätern – anrichtet. Angesiedelt ist «Öl» in Kasachstan, «spielen könnte es überall, wo Kolonisatoren sich im Namen von Konzernen die Erde und Bevölkerung untertan machen» («Frankfurter Rundschau»). Bärfuss ist kein schriftstellernder Journalist, sondern ein Autor, der brisante Aktualitäten zu dramatisieren weiss. Der einzelne Skandal interessiert ihn nur als Mittel zur Erkenntnis der ihm zugrunde liegenden Motive und Mechanismen. Diese Haltung teile er als zahlendes Mitglied mit der EvB. «Organisationen wie eure schaffen Bewusstsein dafür, dass die gerechte Verteilung der Lebensgrundlagen ein globales Anliegen ist, um das man lokal kämpfen muss.» Wer also müsste das erste mit einem Vorwort aus seiner Feder geadelte NGO-Buch lesen? «Alle, die auf Rohstoffe angewiesen sind, denke ich – also jeder und jede», meint Bärfuss lakonisch, aber keineswegs ironisch. Dafür ist es ihm mit dem heiligen Furor der Aufklärung als gemeinsamem Nenner von engagierter Literatur und zivilgesellschaftlichem Engagement viel zu ernst.
L ukas B ä rfu ss schrieb für die EvB das Vorwort zum Rohstoffbuch.
lichen Folgen des Kampfes um Rohstoffe mit eigenen Augen gesehen. Dieses Leid hat mich sehr empört, zumal ein grosser Teil der Ausbeute in den Westen geht», so Bärfuss heute. In seinem Theaterstück «Öl» widmete sich der Wahlzürcher und aktuelle Hausautor des Schauspielhauses
Keystone
___«Organisationen wie eure schaffen Bewusstsein dafür, dass die gerechte Verteilung der Lebensgrundlagen ein globales Anliegen ist, um das man lokal kämpfen muss.»
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