L O O P – W I R T S C H A F T N A C H H A LT I G V E R Ä N D E R N
1 2023
5,90 € Sharing is caring – schlaue Ideen für einen nachhaltigen Lebensstil. Goldene Zeiten für Schmuck aus Kreislaufwirtschaft. Wie sich die Energie der Sommersonne auch im Winter nutzen lässt. Starkoch Paul Ivić im Interview über Restlverwertung und Nachhaltigkeit in der Küche.
FCC FCCAustria AustriaAbfall Abfall Service ServiceAG AGsetzt setztauf auf Kreislaufwirtschaft Kreislaufwirtschaft
Für Füreine eine nachhaltige nachhaltigeZukunft Zukunft ist istes esessenziell, essenziell,aus aus Abfällen Abfällenwertvolle wertvolle Rohstoffe Rohstoffewiederzugewinnen. wiederzugewinnen. So Somachen machenwir wirdas dasbeim beimAltöl, Altöl, das dasals alsHochleistungsschmieröl Hochleistungsschmieröl seinen seinenWeg Wegzurück zurückininden den Kreislauf Kreislauffindet. findet.Oder Oderbeim beim Recycling Recyclingvon vonHolz Holzund undPapier. Papier. Und Undsogar sogarbeim beimRestmüll, Restmüll,aus ausdem demwir wir wertvollen wertvollenStrom Stromgewinnen gewinnen- -für fürdie die Energiewende Energiewendevon vonmorgen. morgen. Das Dasist istunser unserBeitrag Beitragzur zur Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit.
Editorial IMPRESSUM Chefredaktion Ulrike Moser-Wegscheider Grafik Anika Reissner Bildbearbeitung Reinhard Lang Fotos gettyimages.com/ViewStock (S. 1); Nike Ispa Production (S. 4/9); studiokamenar (S. 5/25); Ingo Pertramer (S. 5/26/28); Marzia Allietta (S. 6); Christian Lietzmann (S. 7); Paul Cochrane (S. 8); GYOC (S. 10); Sabine Hauswirth (S. 11); Kindby (S. 13); Vibe (S. 14); privat (S. 15); REfished (S. 16); Qwstion (S. 17); Horizn Studios (S. 17); RAG/ TV1 (S. 18); shutterstock.com/3D Vector/Hein Nouwens/Vjom/ Bonezboyz (S. 20/21); Makaro (S. 23); FENA Daily Jewellery (S. 24); Sebastian Kreuzberger (S. 28) Lektorat Iris Erber Redaktionsanschrift Egger & Lerch Corporate Publishing, velcom GmbH, Vordere Zollamtsstraße 13, 1030 Wien, T +43 1 524 89 00, www.egger-lerch.at Anzeigen- und Promotionskontakt velcom GmbH, Christoph Alten, T 0699/15046770, christoph.alten@velcom.at Druck Walstead Leykam Druck GmbH & Co KG, Bickfordstraße 21, 7201 Neudörfl Eigentümerin (100 %)/Medieninhaberin, Verlagsort, Verwaltungsund Herausgeberadresse Egger & Lerch Corporate Publishing, velcom GmbH, Vordere Zollamtsstraße 13, 1030 Wien, T +43 1 524 89 00 , www.egger-lerch.at Geschäftsführung Martin Kneschaurek Offenlegung gemäß § 25 Abs. 2 und 3 Mediengesetz www.egger-lerch.at/impressum
LIEBE LESERIN, LIEBER LESER! Produzieren, kaufen, verwenden und weg damit. Das ist nach wie vor der Lauf der Dinge, wenn es um Kleidung, Geräte, ja sogar Gebäude geht. Mehr als 90 Prozent aller Güter werden so hergestellt und konsumiert. Das führt dazu, dass Rohstoffe zur Neige gehen, Müllberge ins Unermessliche wachsen und die Herstellung immer neuer Produkte wiederum die CO2-Emissionen erhöht. So zu wirtschaften ist für 90 Prozent des Biodiversitätsverlusts und des Wassermangels, 50 Prozent aller Treibhausgase und 33 Prozent der schädlichen Gesundheitseinflüsse verantwortlich. Wenn Ihnen nun ebenso schwummrig wird wie uns, sollten Sie wissen: Wir haben es in der Hand, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Vor einem Jahr hat die österreichische Bundesregierung ihr Strategiepapier zur Kreislaufwirtschaft veröffentlicht, das skizziert, wie wir bis 2050 von einer linearen zu einer zirkulären Gesellschaft werden können – und müssen. Die Ziele sind klar definiert: geringerer Ressourcenverbrauch, weniger bis gar kein Abfall, Umweltverschmutzung vermeiden und Treibhausgasemissionen reduzieren. Klingt abstrakt? Mit unserem neuen Magazin „LOOP – Wirtschaft nachhaltig verändern“ zeigen wir, wieʼs gehen kann. Wir sprechen mit Spitzenkoch Paul Ivić warum es bei ihm in der Küche keine Restln gibt, zeigen, warum sich Sharing Economy nicht nur für die Umwelt, sondern auch für Ihr Geldbörsel lohnt und wie man herausfindet, ob den Nachhaltigkeitsversprechen von Unternehmen zu trauen ist. Und wenn Sie noch ein Last-Minute-Geschenk für Weihnachten suchen, das auch den Kreislaufwirtschafts-Kriterien entspricht, legen wir Ihnen unsere Geschichte über nachhaltigen Schmuck ans Herz. Viel Vergnügen mit der ersten Ausgabe von LOOP wünscht Ihnen Ulrike Moser-Wegscheider
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Inhalt
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22 Seite 6
kurz UND BÜNDIG Pizza, Pilze, Pfandsysteme - die spannendsten Meldungen zur Kreislaufwirtschaft.
Seite 8
Hingucker Bakterien, die umweltfreundlich färben, Turnschuhe ohne Kleber und Pflanzen, die Daten speichern.
Seite 11
Kommentar Karin Huber-Heim, Leiterin der Task Force Circular Economy, über Kreislaufwirtschaft als Generationenaufgabe.
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Seite 12
Sharing is Caring Von der Babyausstattung bis zum Auto: Schlaue Konzepte für einen nachhaltigen Lebensstil.
Seite 15
Interview
Seite 20
Stefan Giljum von der WU Wien erforscht, wie sich Wirtschaft und Konsum weltweit auf die Umwelt auswirken.
zwischen PLUS UND MINUS
Seite 16
Initiativen für Kreislaufwirtschaft nehmen Fahrt auf. Die Circular Economy in Zahlen.
packen WIR’S! Taschen, Rucksäcke und Koffer aus nachwachsenden Materialien.
Seite 18
Die Sonne unter die Erde stecken Ein oberösterreichischer Energiedienstleister speichert die Energie der Sommersonne, um sie im Winter zu nutzen.
Seite 22
Wie nachhaltig ist Schmuck? Individuell, nachhaltig und fair - drei österreichische Schmucklabels im Porträt.
Seite 26
„Wir wollen nichts verschwenden“ Starkoch Paul Ivić im Interview über Resteverwertung statt Verschwendung und Aha-Erlebnisse beim Einkaufen.
Seite 30
Kreislaufwirtschaft entwirren Woran erkennt man, dass Unternehmen es ernst mit der Circular Economy meinen?
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kurz UND BÜNDIG
Pizza, Pilze, Pfandsysteme – hier finden Sie die wichtigsten Meldungen zur internationalen Kreislaufwirtschaft im Überblick. Von A rn d t M ü l l e r
Pizza Circolare – die Kreislaufpizza.
Schalen und Kerne, Karotten und Brokkoli und WIEDERVERWERTEN UND GEWINNEN. Wertvolle Sachpreise und Konsumgutscheine winken denen, die mit der RecycleMichApp dokumentieren, wie sie Einweggebinde wie Dosen, Getränkekartons oder Waschmittelflaschen regelgerecht entsorgen. Mit dabei sind Partner wie Coca-Cola oder Henkel. Mehr unter recyclemich.at
als Abschluss eine Mayonnaise aus Aquafaba
(dem Kochwasser von Hülsenfrüchten wie
Bohnen oder Kichererbsen)? Für Fans von Pizza Margherita oder Prosciutto e Funghi
klingt das erst mal gewöhnungsbedürftig, was Pizzabäcker Aldo im Communitytreff-
punkt Locanda nel Parco in der norditalienischen Stadt Turin seinen Gästen auftischt. Aber die Pizza Circolare, so der Name des Teigfladens, kommt ausgezeichnet an. Sie ist Teil des europäischen Forschungsprojekts FUSILLI, das in 12 Reallaboren quer durch Europa die nachhaltige Lebensmittelversorgung in Städten erforscht. Innovative Ansätze wie die Kreislaufpizza, nachhaltige Kantinen oder urbane Gärten werden dabei getestet und wissenschaftlich evaluiert. Ziel ist, dass andere Städte die Ansätze übernehmen können – und passende Gesetze in der EU erlassen werden.
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REPARATURBONUS VERLÄNGERT.
Pfandsystem für EinwegDosen und -Flaschen. Vor Kurzem wurde die entsprechende Verordnung fertig, dauern wird es aber noch ein bisschen. Fix ist: Das Pfandsystem für EinwegDosen und -Flaschen kommt ab Jänner 2025. Konkret bedeutet das, dass beim Kauf entsprechender Produkte 25 Cent zusätzlich fällig werden. Dieses Geld erhält zurück, wer die Gebinde ordnungsgemäß, also unzerdrückt, zurückgibt. Im Grunde ist das kein großer Unterschied zum bestehenden System für Pfandflaschen, allerdings wird es nun auf weitere Gebinde ausgeweitet. Die Dosen und Flaschen wird man überall dort zurückgeben können, wo sie gekauft wurden. Weitere Details dazu werden in den kommenden Monaten veröffentlicht.
PLASTIKFRESSENDE PILZE. Der Kunststoff Polypropylen ist ein beliebtes Material für Einwegverpackungen. Er weist eine kurze Haltbarkeit auf, vermischt sich leicht mit anderem Kunststoff und wird daher so gut wie gar nicht wiederverwertet. Derzeit sollen über 30 Millionen Tonnen davon in den Weltmeeren vor sich hinrotten, deutlich mehr noch in den Flüssen der Erde. Ein Team von der Universität Sydney hat jetzt eine mögliche Lösung entwickelt: Pilze, die häufig im Boden und in Pflanzen vorkommen (Aspergillus terreus und Engyodontium album). Diese fressen den Kunststoff dank ihrer leistungsstarken Enzyme einfach. Wenn sie mit Hitze oder UV-Licht vorbehandelt werden, sogar noch schneller. Na dann, guten Appetit!
Recycling-Sessel für Olympia Die Franzosen haben in der Vorbereitung der Olympischen Spiele 2024 aus der Not eine Tugend gemacht: Aufgrund von Lieferkettenproblemen war es zu Engpässen in der Kunststoffindustrie gekommen. Zeitgleich stand die Produktion der Bestuhlung für Austragungsorte an. Also setzten die Organisatoren kurzerhand auf wiederverwertetes Altplastik. 11.000 Sitze entstehen so aus dem Material aus Sammelcontainern und entsprechenden Aktionen an Schulen. So lernen schon die Kleinsten, wie ihr eigenes Handeln zu einer besseren Zukunft beiträgt. In Summe wollen die Veranstalter, verglichen mit den Vorgänger-Wettbewerben, 50 Prozent klimaschädliche Emissionen einsparen.
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Der beliebte Reparaturbonus ist in die zweite Runde gegangen. Wenn Sie ein reparaturbedürftiges Elektrogerät haben, übernimmt die EU via Klimaschutzministerium 50 Prozent der anfallenden Kosten – in Summe bis zu 200 Euro pro Reparatur oder Kostenvoranschlag. Infos unter reparaturbonus.at
Kreislaufseife am Kreuzfahrtschiff. Der Kreuzfahrtbetreiber AIDA Cruises braut seit einigen Jahren Bier mit Meerwasser direkt an Bord einiger seiner Schiffe. Nun legt das Reiseunternehmen nach: mit einer hautpflegenden Seife, die vom Hamburger Start-up Coffeecycle produziert wird. Wie der Unternehmensname schon andeutet, besteht diese zum großen Teil aus Kaffeesatz von der Gastronomie der Ozeanriesen. Neben dem zertifizierten Fairtrade-Kaffee enthält die vegane Seife Kokos- und Olivenöl und ist frei von Mikroplastik.
BAKTERIEN FÄRBEN Textildruck muss nicht umweltschädlich sein.
Das Färben von Textilien ist für ein Fünftel der weltweiten Wasserverschmutzung verantwortlich. Dieses erhebliche Umweltproblem ließe sich lösen, wenn die Farben umweltfreundlich wären. Maison/0 vom Luxusgiganten LVHM testet dafür Bakterien, die nur mit Germ, Salz, Zucker und Proteinen gefüttert werden müssen, um Pigmente zu produzieren. Ein eigens dafür angefertigter Drucker nutzt zudem UV-Licht zur Sterilisation statt der üblichen, sehr energieintensiven dampfbasierten Methode.
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Hingucker
Der „Link Axis“ von Nike kommt ohne Kleber aus.
Je weniger unterschiedliche Materialien ein Produkt enthält, desto einfacher kann es wiederverwertet werden. Der Sportartikelhersteller Nike macht vor, wie das geht. Der vor Kurzem gestartete „Link Axis“ besteht nämlich nur mehr aus drei Komponenten: Außen- und Innensohle sowie ein (bereits wiederverwertetes) Mesh-Material, das den Fuß von oben umschließt und in das die beiden anderen Elemente einfach eingehängt werden. So kann auch auf Klebstoff verzichtet werden.
AUS DREI MACH EINS 9
DER DATENGARTEN
Ein Biotech-Start-up speichert Daten in Pflanzen. Das Wort „Serverfarm“ klingt zwar nach Landwirtschaft, ist aber maximal weit entfernt von naturnahem Leben. Genauer gesagt ist das Speichern unserer Datenaktivitäten inzwischen ein größeres Umweltproblem als die Luftfahrtindustrie. Das junge Team von „Grow your own cloud“ geht deshalb einen anderen Weg: Sie setzen auf die DNA in Pflanzen als Datenspeicher, der im Betrieb kein CO2, sondern sogar Sauerstoff erzeugt.
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Kommentar
Karin Huber-Heim, Leitung Task Force Circular Economy
Kreislaufwirtschaft eine Generationenaufgabe, die jetzt begonnen werden muss
schaftliche und zivilgesellschaftliche Initiativen oder auch solche aus dem Start-up-Sektor, stehen wir in Österreich wie die meisten
Karin Huber-Heim ist Vorsitzende der Task Force Kreislaufwirtschaft der österreichischen Bundesregierung und begleitet seit vielen Jahren die Nachhaltigkeitsaktivitäten von international tätigen Unternehmen.
S
Staaten noch am Anfang des Weges. Der
eine nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie,
wirtschaft erfordert neben technologischen
die international viel Beachtung findet. Als
und ökonomischen Änderungen auch einen
erst drittes Land – nach Finnland und den
Paradigmenwechsel von einer VERbraucher:in-
Niederlanden – enthält unsere Transforma-
nen- hin zu einer GEbraucher:innen-Gesell-
tionsstrategie quantitative Reduktionsziele
schaft, um eine Transformation herbeizuführen
für den Materialverbrauch bis 2050, um
und die Klimakrise wirksam bekämpfen zu
eine vollständig nachhaltige, regenerative
können.
eit einem Jahr verfügt Österreich über
Übergang zu einer klimaneutralen Kreislauf-
Kreislaufwirtschaft und -gesellschaft zu Derzeit liegt der Schwerpunkt vieler österrei-
etablieren.
chischer Aktivitäten noch auf Abfallwirtschaft, Ein koordinierter und kohärenter nationaler
Recyclingtechnologien und Materialersatz.
Prozess, der auf nationalem und internationa-
Aber auch wenn technologische Lösungen, wie
lem Austausch basiert, muss daher gestaltet
etwa der digitale Materialpass oder KI-Einsatz
und gefördert werden, um den notwendigen
in Design oder Rückführungslogistik wichtig
Strukturwandel zügig einzuleiten. Um die
sind: Innovation muss auch die Entwicklung
strategische Steuerung der Umsetzung von
neuer Kompetenzen, die Erprobung neuer
Kreislaufwirtschafts- und Bioökonomie-
Geschäftsmodelle oder den Aufbau neuer
Strategie sicherzustellen, tauschen sich
Wertschöpfungskreisläufe umfassen. Benötigt
Vertreter:innen aus verschiedenen Ministerien
werden innovative Ansätze, die neue Märkte
sowie Wirtschaft, Wissenschaft und Zivil-
für Unternehmenslösungen erschließen und
gesellschaft künftig in einem strukturierten
durch kontinuierliches Lernen unterstützt
Prozess aus und erarbeiten Empfehlungen
werden, um den Wandel voranzutreiben.
für die Bundesministerien für Klimaschutz So kann es gelingen, ökologische und öko-
sowie Arbeit und Wirtschaft.
nomische Ziele für eine lebenswerte Zukunft Auch wenn bereits Erfolge zu verzeichnen
auch für kommende Generationen in Einklang
sind, wie z. B. der staatliche Reparaturbonus,
zu bringen und Österreich ebenso wie Europa
Kooperationsprojekte zwischen Wissenschaft
als führenden Industriestandort für hochwer-
und Wirtschaft im Rahmen der FTI-Initiative Kreislaufwirtschaft, zahlreiche privatwirt-
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tige, ressourcenschonende und CO2-arme
Produktion zu positionieren.
Glossar ABONNIEREN Ob neuartige Abo-Modelle wirklich Teil der Kreislaufwirtschaft sind, darüber ließe sich streiten. Doch Abo-Produkte, so die Hoffnung, landen nicht so schnell im Müll, da sie öfter repariert werden. Außer Zeitungen lässt sich heute auch sonst einiges abonnieren, von Socken und Unterwäsche (z. B. blacksocks.com) über Damenmode (z. B. modami.de, myonbelle.de) und Sportschuhe (z. B. cyclon.com) bis hin zu teurer Elektronik. AUSLEIHEN Leihen kostet nichts und es bringt einen (wieder) in Kontakt mit Freund:innen, Nachbar:innen und Verwandten. In Österreich erleichtert etwa FragNebenan (fragnebenan. com) die Kontaktaufnahme mit Leuten aus der näheren Umgebung. Man registriert sich mit echtem Namen und echter Postadresse, um echte Menschen aus der Nachbarschaft zu treffen und – wenn man will – etwas auszuleihen.
Sharing is Caring Unter dem vieldeutigen Stichwort „Sharing Economy“ verstecken sich viele schlaue Konzepte für einen umweltfreundlicheren Lebensstil. Wir stellen einige vor. Von K l a u s P u t z e r
Wann hatten Sie zum letzten Mal eine CD in
MIETEN Gerade selten genutzte, teure Gebrauchsgegenstände kommen in Miete oft günstiger, von der Bohrmaschine über das Lastenfahrrad bis hin zum Balloutfit. Mieten kann man heute fast alles: Schaufelbagger (z. B. bei wackerneuson.at) Schafe, die einem den Garten „määähen“ (mietschafe.at), oder einen Privatjet für den Tagesausflug nach London (z. B. bei viennaairport-fbo. com). Von Letzterem raten wir ab, ansonsten stiftet das Mietbusiness durchaus Sinn und bringt etwas Zusatzkohle. Auf Shareonimo (shareonimo.at) (ver)mieten Privatpersonen „Peer to Peer“, Needit (needit.at) hat sich auf Sportartikel spezialisiert, während es bei Grover (grover.com) ElektronikGadgets gibt.
der Hand? Schon länger her? Dass wir Musik
online abonnieren, statt auf physischen Datenträgern zu besitzen, ist längst die Regel. Auch Filme, Serien und Dokus liefern Netflix und Co. bequemer ins Haus als einst die VHS-Kassette. Was digital existiert, besitzen wir nicht mehr, sondern holen es aus der Cloud. Das hat einerseits Musik- und Filmindustrie auf den Kopf gestellt, andererseits spart es eine Menge Plastikmüll. Schwindendes Besitzdenken macht sich aber auch jenseits digitaler Güter breit. Laut dem McKinsey Mobility Consumer Pulse Survey 2023 wollen unter 30−Jährige seltener ein eigenes Auto besitzen als ältere Generationen. Zumindest in Umfragen erklärt Gen Z ihre Absicht, mehr auf Öffis und Mikromobilität umzu-
TAUSCHEN Zu Tauschkreisen wie den Kostnixläden (kostnixladen.at) kann man zwanglos vorbeischauen und Dinge, die andere dagelassen haben, gegen freie Spenden mitnehmen. Oder man spendet selbst etwas. Tauschen funktioniert auch bei Wohnungen: Auf Plattformen wie Home Exchange (homeexchange.com) können Immobilienbesitzer das eigene Domizil für einen begrenzten Zeitraum gegen eine andere Bleibe irgendwo auf der Welt einwechseln.
steigen. Das ist gut, denn gerade der Verkehrssektor bietet großes Veränderungspotenzial, wie wir weiter unten zeigen. Zwischen Stadtgarten und Silicon Valley Teilen, Mieten und Abonnieren liegen voll im Trend, Digitalisierung sei Dank. Hinter dem freundlichen Begriff „Sharing Economy“ stecken allerdings ganz unterschiedliche Phänomene. Was hat der urbane
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Gemeinschaftsgarten mit Airbnb, was das öffentliche Bücherregal mit Spotify zu tun? Wo auf der einen Seite digitale Vermittler Millionengewinne für wenige Shareholder scheffeln, versucht man andernorts, Güter in einen Kreislauf zu bringen, um Rohstoffe zu sparen und Mehrwert für viele zu schaffen. Sharing Economy bewegt sich also irgendwo zwischen idealistischer Konsumkritik und Hyperkapitalismus. Abo-Boxen für Kinderkleidung: Wenn der Strampler mit der Post kommt.
Wir haben ein Sharing-Glossar zusammengestellt und uns zwei Bereiche angeschaut, wo das Teilen besonders sinnvoll ist.
BEISPIEL 1 K i n d e rk ra m
Kleine Kinder wachsen nicht nur schnell aus ihrem Gewand heraus, auch andere Utensilien werden mit der Zeit nicht mehr benötigt, sei es der Kindersitz fürs Auto, das Kinderfahrrad oder das Laufgitter. Einmal abgelegt, verstaubt das Zeug im Keller, das Verscherbeln über den Secondhandmarkt ist mühsam. Vorteil „Sharing“: Wer mietet oder abonniert, bekommt hochwertige Ware für sein Kind, denn die Verleiher halten die frisch gereinigten und auf Vordermann gebrachten Produkte im Gegen-
_Mit nachhaltigen Abos für Baby- bzw.
zug länger im Kreislauf.
Kinderkleidung werben Angebote wie sharingup.at und kindby.com aus Österreich
_Unter dem Slogan „Find it, Love it, Loop it“
oder miniloop.ch aus der Schweiz. Wie es
bietet Toddle (toddle.at) diverse Sachen für
funktioniert: Für eine Box mit passenden
Kinder zum Mieten an, zum Beispiel Hochstuhl,
Kinderklamotten wird eine monatliche Abo-
Woom-Bikes, Babywaage, Spielzeugsets,
gebühr fällig. Sobald die Kleidung zu klein
Baby-Wippe und vieles mehr.
wird oder ein Saisonwechsel ansteht, kann die Box neu konfiguriert werden.
_Der ÖAMTC (oeamtc.at) verleiht an seinen
_Auch Spielzeug eignet sich gut zum Aus-
Standorten in Österreich Babyschalen nach
borgen, besonders wenn es sich um
Hinterlegen einer Kaution bis zu 14 Monate
Partyspiele handelt, etwa bei eloo.at oder
gegen eine geringe Leihgebühr.
zirkusstoffl.at.
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BEISPIEL 2
G em e i nsa m m o b i l Die Umweltauswirkungen des Individual-
für Elektroautos sollen Beschäftigte wie
verkehrs sind enorm. Über ein Viertel aller
Arbeitgeber – nicht zuletzt steuerlich –
Treibhausgasemissionen Österreichs gingen
profitieren.
2022 auf den Verkehrssektor zurück, der größte Brocken neben Energie und Industrie.
_Neben herkömmlichem Carsharing, etwa von
Pkws werden seit Jahren größer und PS-
ShareNow, Free2Move oder ELoop, gibt es
stärker, nehmen immer mehr Platz weg, der
Peer-to-Peer-Varianten der Autovermietung.
für Bäume oder Spielplätze fehlt. Zum Glück
Auf Getaround (at.getaround.com) findet
gibt es eine Menge guter Ideen, um die Fort-
man Fahrzeuge von privaten Vermieter:innen
bewegung von A nach B besser zu gestalten.
aus der Umgebung.
_Plattformen wie Blablacar (blablacar.com)
_Mo.Point (mopoint.at) verfolgt ein eigenes
professionalisieren das Prinzip Autostopp
Konzept und plant Shared Mobility für ganze
und bringen mehrere Menschen in einem Auto
Regionen, Stadtquartiere und Immobilien.
zusammen, die denselben Weg haben.
Anwohner:innen sollen direkt vor der Haustür E- Bikes, E-Scooter, Elektroautos oder
_Carployee (carployee.com) hilft oberös-
E- Lastenräder vorfinden, einfach zu buchen
terreichischen Unternehmen beim „smarten
per App.
Bilden von Fahrgemeinschaften“ via App. _Für Lastenräder gibt es mittlerweile immer _Auch Vibe (vibemovesyou.com) richtet
mehr Mietoptionen. Über den österreich-
sich an Unternehmen: Vom Abo-Modell
weiten Radverteiler (radverteiler.at) findet man vor allem Angebote in Wien, Graz und Linz. Via Grätzlrad kann man in Wien kostenlos Lastenräder ausborgen (www.graetzlrad.wien). _Swapfiets aus den Niederlanden oder Eddiebike vermieten Fahrräder und E-Bikes längerfristig und richten sich damit vor allem an digitale Nomaden: Wer nur einige Monate in der Stadt bleibt, bekommt ein perfekt gewartetes, neues Fahrrad in die Hand, das er bei der Abreise einfach wieder zurückgibt.
Das österreichische Startup Vibe will Firmenflotten elektrifizieren.
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„Zweimal Fleisch pro Woche geht sich nicht aus“ Wie wirken sich Wirtschaft und Konsum weltweit auf die Umwelt aus? Stefan Giljum von der WU Wien führt darüber akribisch Buch. Interview: Klaus Putzer
Treibhausgasemissionen, die mit der Ernährung in Österreich in Verbindung stehen, nicht hierzulande, sondern im Ausland anfallen. Diese Modelle der Lieferketten liefern uns Informationen über die globalen Hotspots der
Sie messen den Ressourcenverbrauch
Umweltbelastung. Sie informieren, wo die
von Produkten und ganzen Ländern.
Politik ansetzen sollte und wie sich auch unser
Wie geht das?
Konsumverhalten ändern muss.
STEFAN GILJUM: Es gibt zwei Arten zur
Stefan Giljum, Associate Professor, Institute for Ecological Economics, WU Wien:
Zwei Drittel der Treibhausgasemissionen, die mit der Ernährung in Österreich in Verbindung stehen, fallen nicht in Österreich, sondern im Ausland an.
Messung des Ressourcenverbrauchs. Die
Wer nutzt Ihre Forschungsdaten?
„Lebenszyklusanalyse“ erlaubt eine genaue
Als Teil eines internationalen Konsortiums
Betrachtung einzelner Produkte, wie ein Kilo
erheben wir Daten für das UNO-Umweltpro-
Rindfleisch, ein Auto oder ein Laptop. Dies
gramm. So können Länder, die selbst noch kein
liefert jedoch kein Bild der gesamten Auswir-
gutes statistisches System besitzen, prüfen,
kungen der Wirtschaft. Daher verwenden wir
ob es gelingt, das Wirtschaftswachstum vom
Daten aus der volkswirtschaftlichen Gesamt-
Ressourcenverbrauch zu entkoppeln. Wir
rechnung und verbinden diese mit Informatio-
arbeiten auch mit NGOs zusammen, die
nen zu den Umweltauswirkungen. Wie viel
empirische Grundlagen für ihre Kampagnen
Rohstoffe entnimmt ein gewisser Sektor oder
benötigen. In einer Studie gemeinsam mit
wie viel Treibhausgase emittiert ein Sektor?
dem WWF haben wir heuer gezeigt, dass die
Um zu erheben, wo genau Rohstoffe weltweit
Ernährungsmuster in Österreich nicht kompa-
abgebaut werden, nutzen wir auch Satelliten-
tibel mit den planetaren Grenzen sind, ins-
daten. Denn die Umwelteffekte sind sehr
besondere klimatechnisch, aber auch in
unterschiedlich, je nachdem, ob der Abbau
Bezug auf Flächenverbrauch. Daher haben
im Regenwald oder in einem Wüstengebiet
wir gefordert, dass die offiziellen Ernährungs-
stattfindet.
empfehlungen für Österreich auf einmaligen Fleischkonsum pro Woche angepasst werden
Was haben Sie herausgefunden?
sollten. Derzeit lautet die Empfehlung auf ein-
Rund um das Thema Ernährung haben wir
bis zweimal wöchentlich, aber das geht sich
zum Beispiel ein Modell entwickelt, das
ökologisch nicht aus.
130 landwirtschaftliche Produkte in 190 Ländern unterscheidet. So konnten wir ermitteln, dass fast zwei Drittel aller
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Vo n U lr ike M o ser- We gs c h e i d e r
Guter Fang Würden Sie Ihre Siebensachen in
packen WIR’S!
Zementsäcke, Bananen und Co.: Mit diesen Taschen, Rucksäcken und Koffern aus recycelten oder nachwachsenden Materialien stecken Sie Fast Fashion in die Tasche.
Fischfutter- oder Zementsäcke packen? Falls nicht, kennen Sie wahrscheinlich die Rucksäcke, Business Bags und Sporttaschen von REfished noch nicht. Das Label der gebürtigen Salzburgerin Sissi Vogler fertigt daraus Unikate, die sich sehen lassen können. Auf einer Reise durch Südostasien begegneten ihr die farbenfrohen Säcke aus besonders widerstandsfähigem Material. Viel zu schön, um sie zu entsorgen, befand sie und entwickelte daraus ihre ersten Upcycling-Kollektionen.
Ins Modell Soulmate passt fast der ganze Hausstand – oder zumindest alles, was Sie für einen Wochenendtrip brauchen. Die Tasche wurde in Phnom Penh, Kambodscha, von Näherin Ol Heang aus upgecycelten Fischfuttersäcken gefertigt.
Mittlerweile werden die strapazierfähigen Begleiter auch aus alten Zuckersäcken und gebrauchtem Fahnenmaterial gefertigt. Nachhaltig ist auch die Produktion. Auf jedem eingenähten REfished-Label finden sich Infos über Herkunftsort, Material und die Näherin, die es gefertigt hat.
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Alles Banane Ganz schön puristisch kommen die Pouches, Travel Bags und Tote Bags von Qwstion daher. Sind sie auch, denn in der neuen Linie des Schweizer Labels steckt nur Bananatex – und sonst nichts. Drei Jahre lang tüftelten die fünf Gründer rund um Sebastian Kruit an dem Cradle-to-Cradle-zertifizierten Material, das nicht nur besonders widerstandsfähig, sondern auch nachhaltig ist. Dabei Ob am Fahrrad oder beim Geschäftstermin: Mit dem Zip Pack von Qwstion macht man nachhaltig Eindruck.
stießen sie auf Abacá, die Fasern der Bananenpflanze. Abacá wächst schnell, ist anspruchslos und braucht weder Bewässerung noch Dünger oder Pestizide. Nach der Bananenernte sterben die Pflanzen ab und die Fasern werden extrahiert. Die Pflanze wird genutzt, ohne ihren natürlichen Lebenskreislauf zu stören. Das Ergebnis kann sich sehen lassen!
Wer unter Flugscham leidet, kann ab Mitte 2024 mit Circle One das schlechte Gewissen beruhigen.
Auf zu neuen Horizonten Ein Koffer ist ein Koffer? Nicht, wenn es nach Horizn Studios aus Berlin geht. Mit Circle One haben sie das nachhaltigste Designgepäck der Welt entwickelt, das zudem leichter ist als Aluminium und langlebiger als Polycarbonat. BioX nennt sich die Materialinnovation aus Flachs. In Verbindung mit Harz wird die nachwachsende Naturfaser zum wohl robustesten Rohstoff für Reisegepäck bei kleinstmöglichem CO2-Fußabdruck. Denn die Pflanze wächst schnell und überall in Europa,
braucht wenig Wasser und nimmt noch dazu jede Menge CO2 auf. Dazu besteht der Circle One aus recycelten Stoffen und Reißverschlüssen, die Griffe sind aus Korn-
und Nussschalen. Zudem ist der Koffer so designt, dass er stets repariert werden kann. Das gute Stück macht auch am Gepäckband ganz schön was her: Ein Koffer, der ganz bestimmt die Flugscham lindert.
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Die Sonne unter die Erde stecken
Wie kann man die Energie der Sommersonne festhalten, um sie im Winter zu nutzen? Eine Antwort darauf wird nun in Oberösterreich getestet: In einem weltweit einzigartigen Pilotprojekt wird Wasserstoff in einem früheren Erdgaslager unterirdisch gespeichert. Von S i l ke R u p re c h t s b e rge r
A ls die Schildbürger versuchten, zur
Beleuchtung ihres fensterlosen Rathauses Sonnenlicht in Säcken einzufangen, wurden
Forschungsinstituten und Energieversorgern
sie bloß herzhaft ausgelacht. Bei diesem
wie der niederösterreichischen EVN begleitet.
Pilotprojekt der RAG Austria spottet hin-
Insgesamt verfügt die RAG in Oberösterreich
gegen niemand – ganz im Gegenteil: Dem
und Salzburg über elf solche natürliche Poren-
laut eigenen Aussagen größten Energie-
speicher: Sie sind vor Millionen von Jahren
speicherdienstleister Österreichs ist es mit
in über 1.000 Metern Tiefe entstanden und
seinem „Underground Sun Storage“ tatsäch-
bestehen aus porösem Sandstein und einer un-
lich gelungen, die im Sommer anfallende
durchlässigen Außenschicht aus Ton. Die Poren
Sonnenenergie für den Winter aufzuheben.
im Sandstein nehmen den Wasserstoff auf.
Natürliche Tiefenspeicher
In größerem Stil angewandt, könnte diese
Konkret wird beim Pilotprojekt in Gampern
Technologie zu einem wichtigen Baustein für
(Bezirk Vöcklabruck) Solar- und Windkraft-
die Energiewende werden. „Fürs Speichern
energie mittels Elektrolyse in reinen, grünen
vom Tag in die Nacht oder für einige Tage sind
Wasserstoff (gH2) umgewandelt und in einer
Batterien bzw. Pumpspeicher geeignet, aber
unteririschen Erdgaslagerstätte langfristig
für die saisonale Speicherung führt kein Weg an
gespeichert. Die hier eingespeiste Energie
erneuerbaren gasförmigen Energieträgern wie
entspricht dem sommerlichen Überschuss
Wasserstoff vorbei“, ist RAG-Energieexperte
von etwa 1.000 Photovoltaikanlagen auf
Benedikt Hasibar überzeugt.
Einfamilienhäusern. Der Testbetrieb läuft bis 2025 und wird von verschiedenen Unis,
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Erdgasspeicher Puchkirchen (Bezirk Vöcklabruck) transportiert und dort in das öffentliche Gasnetz eingespeist wird. Als weitere Verwendungsmöglichkeiten würden im Rahmen von Underground Sun Storage aber auch die Aufbereitung für das Betanken von Brennstoffzellenfahrzeugen und für die direkte industrielle Nutzung getestet, erklärt Gerald Kinger, Projektleiter der EVN. Vielseitig einsetzbar Theoretisch lässt sich grüner Wasserstoff nämlich in allen Sektoren gebrauchen – ob für die Industrie, in der Wärme- und Stromerzeugung oder in der E-Mobilität. Wo er künftig in welcher Form eingesetzt wird, steht noch in den Sternen. Hier muss sich erst ein Markt bilden – samt Infrastruktur für Produktion, Transport, den Produkten, Abnehmern und der
„Interessante Option“ „Wenn das in Gampern gut funktioniert, ist das eine sehr interessante Option“, sagt auch
In Gampern speichert man Sonnenenergie in einem ehemaligen Erdgaslager unter der Erde.
dazugehörigen Preisbildung. Wichtig seien dabei nicht zuletzt die CO2-Bepreisung, um
fossile Energien zu verteuern, und der politische Wille, die CO2-Reduktion voranzutreiben, sagt Hasibar. Expertinnen und Experten wie
Prof. Claudia Kemfert vom Deutschen Insti-
Andreas Indinger, Leiter der Wasserstoff-Task-
tut für Wirtschaftsforschung plädieren dafür,
force der Austrian Energy Agency (AEA): „In
den „Champagner unter den Energieträgern“
zwei, drei Jahren werden wir wissen, ob der
(O-Ton Kemfert) zielgenau dort einzusetzen, wo
Wasserstoff wieder in reiner Form rauskommt
es keine effizientere und preiswertere Alterna-
oder ob er etwa zur industriellen Nutzung erst
tive gibt. Laut der Wirtschaftswissenschafterin
aufwendig gereinigt werden muss.“ Indinger
ist das insbesondere in der Stahl- und Chemie-
glaubt, dass solche Speicher künftig „vor allem
industrie sowie im Schwerlast-, Schiffs- und
Sicherheit für die Industrie und das heimische
Flugverkehr der Fall.
Stromsystem sowie eine gewisse PreisstabiliIm Auto-Bereich wird Wasserstoff hingegen
tät“ bringen könnten.
auch künftig eine untergeordnete Rolle spielen, Das Speichern der Sonnenenergie für den
glaubt AEA-Experte Indinger: „Sieht man sich
Winter über den „Umweg“ Wasserstoff geht
die Angebote der Hersteller und die Verkaufs-
freilich nicht ohne Energieverlust: Gängige
zahlen an, haben vermutlich die batteriebe-
Elektrolysemethoden haben derzeit einen Wir-
triebenen Pkws gegenüber wasserstoffbe-
kungsgrad von etwa 70 Prozent. Mit anderen
triebenen Brennstoffzellentechnologien das
Worten: Nur rund 70 Prozent der Energie, die
Rennen gemacht.“ Im Schwerverkehr hätten
für die Elektrolyse aufgewendet wird, wer-
H2−Lkws für Spediteure den Vorteil, dass sie
den im Wasserstoff gebunden. Auch bei der
genauso rasch betankt werden könnten wie
Rückwandlung in Strom geht Energie verloren.
Diesel-Fahrzeuge: „Hier müssten aber mehrere
Weil sich der in Gampern gelagerte Wasser-
Akteure – die Hersteller, die öffentliche Hand,
stoff mit Feuchtigkeit anreichert, muss er
die großen Flottenbetreiber – vertrauens-
nach der Entnahme im Winter erst in die Trock-
bildend zusammenwirken, und das sehe ich
nungsanlage, bevor er über eine Leitung zum
derzeit nicht“, so Indinger.
19
seinem Essay „Die Ökonomik des zukünftigen Raumschiffs Erde“ erstmals eine „geschlossene“ Wirtschaft ohne Materialverluste.
64 %
Recyclingquote für
zwischen PLUS UND MINUS
1966
Kenneth Boulding skizziert in
Initiativen für mehr Kreislaufwirtschaft nehmen in Österreich wie global Fahrt auf. Aber nicht alle Entwicklungen sind positiv. Circular Economy in Zahlen.
Verpackungsmüll in der EU
Von K l a u s P u t z e r
im Jahr 2020 – derselbe Wert wie 2011. Bis 2016 stieg die Recyclingquote kontinuierlich an, um dann wieder zu sinken.
73 %
der jährlich 53 Millionen Tonnen Stoffe für die Kleidungsindustrie landen auf Halden oder werden
80 %
verbrannt.
der Gegenstände in einem Haushalt werden laut
Ellen MacArthur Foundation weniger als einmal im Monat verwendet.
20
8
von 10
Unternehmen in Österreich haben 2022 in die Kreislaufwirtschaft investiert.
21 %
der Gesamtinvestitionen der Unternehmen in Österreich flossen 2022 in Circular Economy (2021: 14 %)
54 % der österreichischen
Unternehmen begründen ihre Aktivitäten im
Vervierfacht
700.000
Mal wurde der sog. Reparaturbonus in Österreich in Anspruch genommen, die Fördersumme betrug fast 74 Mio. Euro.
Rahmen der Kreislaufwirtschaft damit, dass sie sich einen Wettbewerbsvorteil erhoffen.
21 %
der Gesamtinvestitionen der Unternehmen in Österreich flossen 2022 in Circular Economy (2021: 14 %)
4
von 10
österreichische Unternehmen finden es schwierig, Fachkräfte im Bereich Kreislaufwirtschaft zu finden.
21
hat sich in den letzten 50 Jahren der weltweite Ressourcenbedarf. Er ist von 25 auf über 100 Mrd. Tonnen pro Jahr gestiegen.
Wie nachhaltig . ist Schmuck? Auf der Suche nach einem individuellen Schmuckstück, das langlebig, echt und fair produziert ist, stößt man auf viele Schmucklabels. Aber wie nachhaltig ist die Herstellung tatsächlich? LOOP hat mit drei österreichischen Schmuckproduzent:innen gesprochen. Von E va B a u e r
Nachhaltigkeit gehört heute zum guten
irreführende Umweltversprechen abstellen
Unternehmerton, mit dem man bei Konsu-
soll. Ab dann müssen Unternehmen Aussagen
ment:innen punkten kann. Immer wieder
über die Umweltauswirkungen eines Produkts
tauchen jedoch Greenwashing-Vorwürfe
belegen. Für den Projektleiter des VKI Green-
auf, etwa vergangenen Sommer gegen das
washing-Checks gilt bei Schmuck – so wie bei
Schmucklabel BRUNA.
Konsum allgemein – der Grundsatz: Weniger ist mehr: „Besser ich investiere seltener in ein ech-
Vage Begriffe wie „nachhaltig“ oder „grün“
tes Schmuckstück, bei dem die Herstellung fair
sollten allgemein zuerst einmal skeptisch
und nachhaltig ist, als billigen Modeschmuck
machen, findet Raphael Fink vom Verein für
aus der Massenproduktion zu kaufen. Weg-
Konsumenteninformation (VKI). „Als Nachhal-
werfprodukte sind aus Sicht der Nachhaltigkeit
tigkeitsexperte würde ich mir jedenfalls Belege
immer abzulehnen.“
zur Rohstoffgewinnung und zu den sozialen Faktoren bei der Schmuckherstellung erwar-
Konsument:innen wollen darauf vertrauen
ten. Das sind Angaben, woher die Rohstoffe
können, dass der Schmuck aus umweltverträg-
kommen, wie Chemikalien eingesetzt werden,
lichen Materialien und unter fairen Arbeitsbe-
wie groß der CO2-Ausstoß ist, wie die Arbeits-
dingungen hergestellt wurde. Das heißt: Weder soll die Umwelt durch giftige Chemikalien wie
bedingungen sind.“
Quecksilber beim Goldabbau zerstört, noch Werden Zertifikate angeführt, empfiehlt er:
sollen die Arbeiter:innen gefährdet, ausgebeu-
„Einfach kurz googeln, wie transparent die
tet oder diskriminiert werden. In unserer globa-
Vergabe ist und was hinter dem Zertifikat steht:
len Welt eine Herausforderung: Denn Edel-
Wer prüft und vergibt das Siegel, was sind die
metalle werden selten in Österreich abgebaut,
Kriterien, wie wird geprüft und wie lange ist
sondern kommen aus Asien oder Afrika.
es gültig?“ Derzeit müssen Konsument:innen also noch eigenverantwortlich die Marketing-
Worauf können sich Konsument:innen ver-
versprechen der Schmuckhersteller abklop-
lassen bzw. welche Abstriche müssen sie
fen. Frühestens 2026 tritt die Green Claims
wohl oder übel machen – drei österreichische
Directive, eine Richtlinie der EU, in Kraft, die
Schmuckhersteller:innen geben Antworten.
22
Wer bei Makaro nicht online bestellen will, kann in einem der vier Shops vorbeischauen.
HANNA PLANK-BACHSELTEN, MAKARO makarojewelry.com Die Absolventin der Montanuniversität Leoben gründete 2014 mit ihrem jetzigen Mann Matthias das Label „Makaro“. Neben dem Onlineshop gibt es Shops in Wien, Graz, München und seit Herbst in Hamburg. Schmuckstücke kosten ab 35 Euro. Wegwerfprodukte wie massenproduzierter Modeschmuck sind Hanna Plank-Bachselten von jeher ein Gräuel. Die Industrielogistikerin wünschte sich langlebigen Goldschmuck, der zugleich erschwinglich sei. Mit ihrem Label „Makaro“ verspricht sie der überwiegend weiblichen Kundschaft Langlebigkeit sowie den Verzicht auf chemische Gifte. Der Schmuck wird in eigener Werkstätte in Budapest hergestellt. Diese hat sie mit einer ungarischen Goldschmiedin gegründet und dort für mittlerweile sechzehn Mitarbeiter:innen einen sicheren, fair bezahlten Arbeitsplatz geschaffen. Das Gold komme zu mindestens 80 Prozent aus Recycling-Quellen wie von der ÖGUSSA oder von Resten bzw. beschädigten Schmuckstücken. Die größeren Probleme bei der Schmuckherstellung sieht Plank-Bachselten bei der chemischen Vergoldung. Die eingesetzten giftigen Mittel gefährden nicht nur die Gesundheit der Mitarbeiter:innen, sondern sind bei der Entsorgung auch schädlich für die Umwelt. In der Werkstätte von Makaro wird daher mechanisch vergoldet. Mithilfe von Hitze und Druck wird eine 14−Karat-Goldschicht auf einen Rohling, z. B. einen Messingring, aufgepresst. Dieser wird von den Goldschmieden noch von Hand geformt anstatt massenhaft gegossen. Die so aufgetragene Goldschicht ist bis zu hundert Mal dicker als die von gängigem vergoldeten Schmuck und dadurch wasserresistent. „Im Vergleich zu Modeschmuck und Massenproduktion ist unser Energieaufwand bei der Herstellung minimal. Wir versuchen, den CO2-Abdruck so gering wie möglich zu halten“, meint Plank-Bachselten. Den
Herstellungsprozess zeigt sie auf Social Media mit Bildern und Videos von den beteiligten Menschen. Zu den Lieferant:innen aus der EU, insbesondere aus Deutschland, hat sie persönlichen Kontakt. Es sind großteils familiengeführte Betriebe, denen Nachhaltigkeit und die Bewahrung der Goldschmiedekunst als altes Handwerk ebenso ein Anliegen ist wie der gebürtigen Steirerin.
Handarbeit wird in der Schmuckwerkstatt großgeschrieben.
Wir haben ein Reparaturservice für unseren Schmuck. 23
Felix Köck-Marek und Nattaya Englinger legen Wert auf eine faire und nachhaltige Wertschöpfung.
FELIX KÖCK-MAREK UND NATTAYA ENGLINGER, FENAJEWELLERY fenajewellery.com Der Gemmologe führt in zweiter Generation den Juwelier VON KÖCK, ein Traditionsunternehmen am Graben in Wien. Mit seiner Lebensgefährtin Nattaya Englinger rief er vor zwei Jahren „FENA – daily jewellery“ ins Leben und stellt künftige echte Erbstücke zu einem Preis von 100 bis 1.000 Euro her. Diese sind im Onlineshop erhältlich. „Mir kommen keine künstlich gezüchteten Labordiamanten in die Werkstatt, sondern wirklich nur Rohstoffe, die uns von der Natur geschenkt werden“, erklärt Felix Köck-Marek. So wendet der Fachmann für Diamanten und Farbsteine viel Zeit für die Selektion auf. Die Herkunft und Qualität der Steine und Edelmetalle ist ein großes Thema bei FENA. Ein- bis zweimal im Jahr reist er nach Asien, um am dortigen Edelsteinmarkt 80 Prozent seines Jahresbedarfs einzukaufen. Mit seinen Partnerbetrieben wie einer Schleiferei in Bangkok ist er zudem regelmäßig online in Kontakt. Bei Diamanten stellt der Kimberley-Prozess (ein staatliches Regelwerk in der EU) sicher, dass keine „Blutdiamanten“ mehr gehandelt werden. Durch einen Studienkollegen kam es zu einer engen Kooperation mit „Zimbaqua“, der einzigen Frauenmine der Welt. Diese bietet geschiedenen oder verwitweten Frauen im afrikanischen Simbabwe eine neue Chance zur Selbstständigkeit, eine technische Ausbildung und faire Bezahlung für den Abbau von Aquamarinen. Köck räumt ein, dass solche sozial nachhaltigen Projekte oft nur mit großem Aufwand mit der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit vereinbart werden können. Als Unternehmer müsse er seine Preisgestaltung ebenso im Blick haben. „Man kann global gesehen nicht der Günstigste sein, wenn man den Werten wie Nachhaltigkeit und Qualität treu bleiben möchte; denn ich möchte ja auch die gesamte Wertschöpfungskette fair bezahlen. Was anderes als das kommt bei uns nicht infrage. Aber nicht jeder Kunde ist bereit, einen höheren Preis zu zahlen. Dieses Verständnis benötigt noch Zeit.“ Im Schnitt dauert es vier bis sechs Monate, bis aus einer Idee ein Ring, Ohrschmuck oder eine Halskette wird. Das Design wird von Köcks Lebensgefährtin und ihrem Team händisch und mittels 3D-Druck erstellt. Danach werden die Exponate in einer Gussanlage manuell gegossen und Rohelemente der Schmuckstücke angefertigt. Die Goldschmieden schleifen, montieren und veredeln diese und fassen die Steine – alles in echter Handarbeit. Seit Köck Vater wurde, ist ihm
Auf Herkunft und Qualität der Steine und Edelmetalle legt man bei FENA großen Wert.
noch bewusster, dass „jeder von uns – egal ob Unternehmer oder Konsument – eine Verantwortung trägt für das, was wir herstellen und was wir kaufen, und dass wir dem Planeten nicht schaden dürfen.“
24
Der Ohrhänger EVE wurde gemeinsam mit Hannes Frech von der Universität für Bodenkultur entwickelt.
Für mich ist das Zauberwort Transparenz. PETRA KAMENAR UND SARAH ANDERL, BIRDY & BEE birdyandbee.at Die Fotografin und Designerin Petra Kamenar gründete 2020 gemeinsam mit Sarah Anderl das Unternehmen Birdy & Bee. Die beiden Anhängerinnen von Slow Fashion stellen im niederösterreichischen Tulln handgefertigte Einzelstücke her, ihr Aushängeschild ist der Ohrhänger EVE aus einem Biokunststoff. Birdy & Bee experimentieren mit Polybutylensuccinat (PBS) und gehen damit völlig andere Wege bei der Schmuckherstellung.Der biologisch abbaubare Biokunststoff wurde ursprünglich für Gemüseverpackungsfolien verwendet und ist federleicht. Er zersetzt sich in ein bis zwei Monaten und wird zu Kompost. Die Basis von PBS besteht aus Mais und Zuckerrohr, also nachwachsendem Material. Vor einem Jahr erhielten Birdy & Bee eine Förderung von der Wirtschaftskammer Niederösterreich für die Forschung an diesem nachhaltigen Schmuckmaterial. Seither entwickelten sie gemeinsam mit Hannes Frech vom Institut für Umweltbiotechnologie an der Universität für Bodenkultur (BOKU) den Ohrhänger EVE. Sie forschten an verschiedenen Qualitätskriterien: „Es sollte biegsam und kratzfest sein, aber nicht aussehen und klingen wie Plastik“, erinnert sich Kamenar. Momentan beschäftigt sich das kleine Team mit der Beimischung von Blüten für einen duftenden Ohrhänger. Das Basisgranulat wird mit lebensmittelechter Farbe völlig giftfrei eingefärbt. Dann wird das PBS an der BOKU-Zweigstelle in Tulln erhitzt und in die eigens
Sarah Anderl (li.) und Petra Kamenar (re.) verwenden für ihren Schmuck biologisch abbaubaren Biokunststoff.
angefertigten Spiralformen gespritzt. Anschließend werden die Schmuckstücke händisch gesäubert, geschnitten und geschliffen. Als Letztes kommt der Haken auf die Ohrhänger, der in Italien hergestellt und mit Recyclinggold hundertfach beschichtet ist. Auch in die Recherche des Hakenlieferanten ist viel Zeit geflossen: „Das Schwierigste ist, einen Partner mit gleichem Mindset zu finden“, meint die zweifache Mutter. Das wäre ihr wichtiger als irgendein Zertifikat, weil diese für Konsument:innen völlig undurchschaubar seien.
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PA U L
IVIĆ
Restlos glücklich
LIEBE DE
s Europa bester r rische vegeta ch Ko
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26
UN
Schmackhafte Rezepte, Ideen zur Restlverwertung und viel Persönliches findet man im aktuellen Buch von Paul Ivić.
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UNDLICH KLIMAFRE IG N A C H H A LT N CH & VEGA V E G E TA R I S
ER E
„Wir wollen nichts verschwenden“ Starkoch Paul Ivić über Resteverwertung, ein Aha-Erlebnis am Marktstand und die Frage, warum er es aufgegeben hat, Preise zu verhandeln.
gesehen, wo hart verhandelt wurde – und dann der Müllraum voll war mit Lebensmitteln, die noch hätten verwendet werden können. Wir tüfteln daher immer so lange, bis wir alles verarbeiten können. Manchmal ist es aber schwierig.
Interview: Arndt Müller
Wobei zum Beispiel? Etwa bei den Stielen von Artischocken. Die Blätter fermentieren und dehydrieren wir und
Sie leiten eines der höchstdekorierten
geben sie dann in die Suppe. Aber die Stiele
Küchenteams Österreichs – spielt das Thema
sind wirklich eine Herausforderung.
Restlessen in Ihren Restaurants überhaupt
Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich
eine Rolle?
dem kompromisslosen Verwerten von
PAUL IVIĆ:: Restlessen spielt nicht wirklich
Lebensmitteln widmen – und sogar ein Buch
eine Rolle, weil wir praktisch keine Reste haben.
darüber geschrieben haben?
Wir machen uns allerdings auch die ganze
Mir ist das seltsamerweise erst spät, so mit
Zeit Gedanken, wie wir alles am besten
30 herum, bewusst geworden. Denn eigent-
verwerten können.
lich bin ich schon so aufgewachsen: Meine
Warum eigentlich?
kroatischen Großeltern waren praktisch
Unsere Produzenten liefern uns fantastische
Selbstversorger, es gab Felder, Tiere, alles
Lebensmittel – die wollen wir nicht verschwen-
wurde verwendet. Für mich war das als Kind
den. Außerdem ist es auch eine ökonomische
das Paradies. Das Schlachten einer Kuh machte
Notwendigkeit, weil wir den Lieferanten immer
mich zwar immer sehr traurig, aber dadurch
das zahlen, was sie verlangen.
gab es eben auch Essen für fast zwei Jahre.
Wie bitte?
Auch in meinen Lehrbetrieben wurde immer
Ja – dabei kenne ich das auch anders. Jahrelang
auf Qualität geachtet. Aber irgendwie habe ich
habe ich hart verhandelt, es sogar den alten
später trotzdem den Bezug dazu verloren und
Haudegen im Geschäft gezeigt.
den Profit über alles gestellt.
Und dann? Ist mir klar geworden, dass das ein Blödsinn ist. Die Lieferanten müssen dafür an der Qualität sparen. Irgendwann habe ich verstanden, dass ich selbst die Ursache bin. Ich habe Küchen
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AUS BROT WIRD GIN Die Tiroler Bäckerei Therese Mölk produziert aus altem Brot hochwertige Spirituosen wie verschiedene Ginund Likör-Sorten. Die in der eigenen Destillerie anfallende Maische wird wieder für die Produktion von Weizenmischbrot verwendet. therese-moelk.at
Und wie kam es dann zum Wandel? Ich wurde krank – körperlich und psychisch. Dann habe ich mich mit gesunder Ernährung auseinandergesetzt und gemerkt, dass ich mich nicht nur selbst schlecht ernährt habe, sondern auch meine Gäste: Zuchtlachs, antibiotikaverseuchte Tiere, Gemüse und Obst
FISCHSAUCE VOM TRAUNSEE LUVI Fermente verarbeitet anfallende Lebensmittel wie Fischreste aus der umliegenden Gastronomie mit Mikroorganismen zu Saucen, Misopasten und anderen Fermentationsprodukten. Alle Zutaten stammen aus der Region. luvifermente.eu
GEGEN ÜBERPRODUKTION Unverschwendet aus Wien rettet Obst und Gemüse aus der Überproduktion und verarbeitet dieses weiter zu Marmeladen, Chutneys und anderen Feinkostprodukten. Das Unternehmen kooperiert inzwischen auch mit Hofer. unverschwendet.at
voller Pflanzenschutzmittel. Also habe ich begonnen, mich selbst besser zu ernähren, und hatte nach ein paar Monaten wieder bessere Blutwerte. Außerdem hatte ich ein prägendes Erlebnis an einem Marktstand. Was ist da passiert? Die Marktfrau schwärmte nur so von ihren Eiern und wie sie mit ihren Beschäftigten umgeht. Ich
Weggeworfen wird aber auch viel in
war aber ungeduldig und wollte schnell weiter.
den Haushalten.
Da hat sie sich schlicht geweigert, mir ihre Eier
Weil die Menschen nicht mehr wissen, wie man
zu verkaufen. Ich habe sie dann doch überre-
mit Lebensmitteln umgeht. Es wird oft nicht
den können, mir daheim Rührei zubereitet und
einmal mehr gekocht. Auch in den Kindergärten
war plötzlich wieder das glückliche Kind, das
und Schulen gibt es meist industrielles Essen.
daheim über die Felder läuft. So habe ich meine
Ernährung und Kochen gehört wieder in die
Lebensfreude wiedergewonnen – und endlich
Schulen! Die meisten Menschen haben leider
Klarheit, wie ich mit Lebensmitteln umgehen
keine Ahnung mehr von Lebensmitteln. Wie sol-
möchte.
len sie dann mündige Konsument:innen sein?
Im Schnitt landen in jedem österreichischen
Was sind Ihre wichtigsten Tipps gegen
Haushalt Dutzende Kilo Lebensmittel pro Jahr
Verschwendung?
im Müll – warum ist das problematisch?
Nehmen Sie einen 10−Euro-Schein in die Hand
800 Millionen Menschen hungern, 40 Millionen
und werfen sie den in den Mist. Ich wette, Sie
sind am Verhungern. Gleichzeitig werden un-
holen ihn wieder heraus. Genau das macht man
fassbare Mengen Lebensmittel weggeworfen,
mit Lebensmitteln. Es beginnt beim Einkaufen:
weil sie nicht den Normen entsprechen. Die
Genau planen, was man einkauft, und keine
Industrie behauptet, sie löst mit Mehrproduk-
Großeinkäufe, bitte. Es gibt überall Supermärk-
tion das Hungerproblem, dabei landet die
te, besser, man geht mehrmals in der Woche.
Überproduktion im Mist.
Das musste ich auch selbst erst lernen. Dann kann man sich Inspiration aus dem Internet holen. Aus altem Brot kann man zum Beispiel Suppe, Knödel, Säfte und Desserts zubereiten. So gut wie jedes Obst und Gemüse lässt sich einrexen – wie das zum Beispiel meine Mutter immer gemacht hat. Und wenn es mal eine schlechte Stelle am Gemüse gibt: einfach
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KERNIGE IDEE Obstkerne sind ein Abfallprodukt. Nicht für Kern Tec, dort werden die hochwertigen Inhaltsstoffe aus Marillen-, Zwetschkenund Kirschkernen zu Drinks, Ölen, Aufstrichen und Kosmetik verarbeitet. Viele dieser Produkte sind bei Billa erhältlich. wunderkern.com
wegschneiden. Auch beim Lagern gibt es viel zu lernen: Manches Obst stößt Reifungsgase aus, Bananen etwa, die sollten deshalb allein Paul Ivić steht nicht nur gern in der Küche, er ist auch auf Märkten unterwegs und besucht seine Lieferanten.
gelagert werden, sonst reift alles in der Nähe zu schnell mit. Sie verwenden auch Bestandteile, die fast immer im Abfall landen. Was zum Beispiel? Aus Karottengrün lassen sich tolle Pestos oder Öle machen. Ihr Saft enthält viele Vitalstoffe.
ALTÖL-PFAND Über 50 Millionen Liter Altspeiseöl fallen jährlich in Österreich an. Ein wertvoller Rohstoff, der meist nicht einmal richtig entsorgt wird. In ausgewählten Märkten von Spar gibt es seit Kurzem AltölSammelcontainer, an denen pro Liter 10 Cent rückvergütet werden. spar.at/nachhaltigkeit
Viele Blätter, etwa von Roten Rüben oder Kohlrabi, lassen sich leicht zu einer Art Spinat verarbeiten. Man muss nur wissen, was zu beachten ist, dann kann man das alles essen. Keine Hemmungen beim Ausprobieren. Die besten Rezepte sind so entstanden, Knödel etwa oder Stosuppe waren ursprünglich auch aus der Not geboren – und schmecken fantastisch.
Ein Leben ohne Kunst ist leer. Tür auf. Kunst rein. ARTcube21 ist eine Plattform für Druckgrafik. Erfahren Sie in unserem Kunstmagazin mehr über unsere Künstler:innen. Lernen Sie ihr Handwerk und ihre Produktionsprozesse kennen. Stöbern Sie in unserer virtuellen Galerie. Und: Erwerben Sie exklusiv für uns gefertigte Editionen und Einzelstücke direkt im Shop.
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29
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3
Kreislaufwirtschaft entwirren
_Weite Kreise: C2C-Zertifizierung Eine C2C-Zertifizierung bestätigt, dass Produkte so gestaltet sind, dass sie nach Gebrauch wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden können. Eine der bekanntesten Zertifizierungsstellen ist EPEA Switzerland , die Unternehmen auf dem Weg zur Zertifizierung unterstützt. Mehrere Kriterien werden
Diese 5 Themen sollten Sie im Auge behalten
geprüft, um ein Zertifikat in Bronze, Silber, Gold oder Platin zu erhalten: Die Verwendung gesunder Materialien, Wiederverwendbarkeit
4
von Produkten und Komponenten und der
Von Eva Baumgardinger
Einsatz erneuerbarer Energien. _Greenwashing erkennen
Vom linearen Denken zum zirkulären Wirtschaf-
Ist das möglich? Wie erkennt man, ob Unter-
1
ten. Kreislaufwirtschaft ist in aller Munde, doch
nehmen oder Organisationen Produkte oder
wie erkennt man, dass ein Unternehmen
Prozesse zu Unrecht in den grünen Himmel
wirklich rund handelt?
loben? Wichtige Indizien sind fehlende Daten, Studien und Fortschritte im Bereich Nachhal-
_Transparenter Kreislauf
tigkeit. Greenwashing-Firmen fallen durch
Ob es Unternehmen mit der Kreislaufwirtschaft
übertriebene Werbung und extreme Umwelt-
ernst ist, erkennt man zunächst daran, dass sie
versprechen ohne konkrete Maßnahmen auf.
ihre Produkte so gestalten, dass sie repariert,
Umgekehrt lassen sie sich ungern in die Karten
5
wiederverwendet oder recycelt werden
schauen, was die eigene Geschäftspraxis
können. Kreislauforientierte Unternehmen
betrifft, oder lassen wichtige Aspekte unter
bieten auch Lösungen für die Rücknahme und
den Tisch fallen.
Wiederverwendung ihrer Produkte an und kommunizieren ihre Prozesse und Ziele offen
_Mit Siegel und Zeichen
und transparent. Die Reduzierung von Abfall
Neben der C2C-Zertifizierung, die einen
und der Energieverbrauch ist ihnen besonders
ganzheitlichen und regenerativen Ansatz zum
wichtig. Und: Viele Kreislauf-Unternehmen
Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit
ticken kollaborativ und zeigen ihr Engagement
verfolgt, gibt es auch immer mehr Gütesiegel
durch die Zusammenarbeit mit anderen
und Labels, die Konsument:innen Orientierung
2
Akteur:innen, die es mit der Circular Economy
geben können und „guten“ Konsum verspre-
ernst meinen.
chen. Ihre Zahl ist unübersichtlich geworden. Im Gegensatz zu Gütesiegeln, die behördlich
_Zurück zur Wiege
anerkannt und gesetzlich geregelt sind,
Cradle to Cradle (C2C) steht für ein Umdenken
basieren Gütezeichen auf Kriterien, die von
im Designprozess von Produkten. C2C besteht
privaten Organisationen aufgestellt und
aus dem biologischen Kreislauf – d. h., Produk-
kontrolliert werden. Auf internationaler Ebene
te sind am Ende ihres Lebenszyklus biologisch
gibt es keinen gesetzlichen Rahmen für
abbaubar und können in natürliche Nährstoffe
Gütezeichen. Sie können von unabhängigen
umgewandelt werden – und dem technischen
Laboratorien, Staaten, Forschungsinstituten,
Kreislauf: Produkte werden von Anfang an so
aber auch von Unternehmen selbst geschaffen
entwickelt, dass sie wiederverwertet werden
werden.Derzeit gibt es insgesamt mehr als
können – ohne Qualitätsverlust oder Abfall.
460 internationale Gütezeichen.
30
Fotocredits: Nestlé Österreich GmbH
Fruchtbare Böden, auf denen heute und in Zukunft gesunde Pflanzen wachsen können.
REGENERATIVE LANDWIRTSCHAFT FÜR GESUNDE BÖDEN Nestlé setzt sich im Rahmen ihrer Klimastrategie für regenerative Landwirtschaft ein. Darin liegt der große Hebel, um die CO2-Emissionen des Lebensmittelherstellers zu reduzieren. Bis 2030 sollen so 50 Prozent der wichtigsten landwirtschaftlichen Zutaten aus regenerativer Landwirtschaft stammen.
Anbaumethoden und investiert dafür bis 2025 rund 1,26 Milliarden Euro. Spezialisierte Nachhaltigkeitsprogramme wie der Nestlé Cocoa Plan und der NESCAFÉ Plan 2030 unterstützen die Kleinbauern dabei auf regenerative Anbaumethoden umzusteigen. Best Practice aus Österreich Einer, der sich in Österreich der regenerativen Landwirtschaft verschrieben hat, ist Hans Gnauer, Landwirt aus Maissau, Niederösterreich. Er hat bereits über viele Jahre hinweg auf seinen eigenen Anbauflächen regenerative Praktiken ausprobiert, adaptiert und für seine Felder optimiert – und damit über die Zeit bemerkenswerte positive Änderungen
zielt auf die Verbesserung der Bodengesund-
festgestellt: „Im Hinblick auf das weitere
heit, den Schutz der Biodiversität als auch den
Voranschreiten des Klimawandels ist es für
Erhalt der Wassereinzugsgebiete ab. Gesunde
die Landwirte wichtig, durch neue Versuche
Böden können dabei eine zentrale Rolle als
und Bearbeitungsverfahren die Böden weiter
CO2-Senke spielen, indem sie CO2 aus der
zu optimieren. Die Verbesserungen passieren
Atmosphäre binden. Damit sind sie auch
natürlich nicht über Nacht, aber wer am Ball
resistenter gegenüber sich verändernden
bleibt, wird belohnt werden mit mehr
Wetterbedingungen. Beispiele für regenerati-
Biodiversität, resistenteren Böden und auch
ve landwirtschaftliche Praktiken sind der
stabileren Erträgen. Meine ultimative Motiva-
Fruchtwechsel, minimale Bodenbearbeitung
tion ist aber, dass ich meine Böden in
oder das Pflanzen von Zwischenfrüchten. Aber
gesundem Zustand an die nächste Genera-
auch in anderen landwirtschaftlichen Berei-
tion weitergeben kann.“
chen, wie etwa der Milchviehhaltung, gibt es Möglichkeiten für die Integration regenerativer landwirtschaftlicher Praktiken. PODCAST Einbindung regionaler Partner
Regenerative Skills, Visions for a
Gemeinsam mit ihren Partnern sowie dem
regenerative food system in Europe,
Netzwerk aus Landwirten und Lieferanten
https://regenerativeskills.com/visions-for-
fördert Nestlé weltweit regenerative
a-regenerative-food-system-in-europe/
31
advertorial
Zwischenfrüchte, wie beispielsweise die Ackerbohne, fördern das Bodenleben massiv.
Der Ansatz der regenerativen Landwirtschaft
FÜR EINE NACHHALTIG GEBAUTE ZUKUNFT. 1. GRÜNE PRODUKTION Net-Zero Unternehmen bis 2050
2. BESSER MIT WENIGER BAUEN Innovative Lösungen
© Wien Museum / Fotograf Kol-
Das neue Wien Museum ist nicht nur architektonisch, sondern auch mit Blick auf Nachhaltigkeit ein Best Practice.
4. Kreislaufwirtschaft Aus Städten neue Städte bauen
holcim.at
3. NACHHALTIGES BAUEN CO2-reduzierte Baustoffe
Revitalisierung ist ein zentrales Zukunftsmodell der Bauwirtschaft. So gelingt es uns, künftig besser mit weniger zu bauen. Beton kann dabei alle seine Vorzüge unter Beweis stellen: Die beeindruckende Flexibilität für die Flächenerweiterung, sowie die hohe Energie-Effizienz für ein nahezu energieautarkes Gebäude.