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Global Problems and the Culture of Capitalism 6th Edition, (Ebook PDF)

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Trapped: Brides of the Kindred Book 29 Faith Anderson

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Eternal Bandwagon: The Politics of Presidential Selection 1st ed. Edition Byron E. Shafer

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The Meaning of Terrorism Cecil Anthony John Coady

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Kenneth J. Ryan

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The Bad Faith in the Free Market 1st ed. Edition Peter Bloom

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The Palgrave Encyclopedia of Urban and Regional Futures

Robert Brears

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Towards Cleaner Entrepreneurship: Bridging Social Consciousness and Sustainability

Ananya Rajagopal

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Gambling on Green: Uncovering the Balance among Revenues, Reputations, and ESG Keesa C.

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Exploring the Variety of Random Documents with Different Content

heranziehen, die weit das Gebiet der Empfindungen überschreiten. Wir sind imstande, mit ziemlich großer Genauigkeit auch bei verschlossenen Augen die Lage zu beurteilen, die unser Gesamtkörper im Raume einnimmt. Dieses Urteil gründet sich nicht auf die Druckempfindungen allein, die der Körper je nach der Richtung der Schwerkraft erleidet. Denn einmal kann man die Druckempfindungen möglichst ausschalten, und zum andern zeigt sich, daß bei gewissen Erkrankungen trotz der vorhandenen Druckempfindungen völlige Nichtorientierung herrscht. Zweitens wissen wir auch bei geschlossenen Augen Bescheid über Bewegungen, die der Körper als Ganzes ohne Bewegung seiner Glieder macht, mag sie nun eine geradlinige oder eine Drehbewegung sein. Allerdings muß die bedeutsame Einschränkung hinzugefügt werden, daß wir immer nur die Beschleunigung der Geschwindigkeit und mit dieser auch die Richtung der Bewegung wahrnehmen, während wir bei gleichmäßiger Bewegung ohne derartige Wahrnehmungen bleiben und bei Verlangsamung leicht der Täuschung einer scheinbar entgegengesetzten Bewegung verfallen. Wendet man aber bei gleichförmiger Bewegung den Kopf oder den ganzen Körper, so erkennt man augenblicklich die tatsächlich vorhandene Bewegungsrichtung wieder. All diese Wahrnehmungen von der Lage des Körpers können nun gewiß nicht der Inhalt irgendwelcher Empfindung sein, sondern schließen, wie später darzutun ist, sogar Denkprozesse ein; allein es muß sich mit der Lage oder der Beschleunigung des Körpers wenigstens ein eindeutiger Empfindungskomplex verbinden, auf den sich unser Urteil stützt. Es stellt sich nämlich heraus, daß auch die Tiere sinnliche Anhaltspunkte für die Körperlage besitzen, und anderseits geht der Verlust des Lagebewußtseins parallel mit dem Verlust gewisser nervöser Organe.

Dieser nervöse Apparat befindet sich neben der Gehörschnecke. Er besteht aus drei halbkreisförmigen Kanälen, den Bogengängen, die in drei Ebenen nahezu senkrecht aufeinanderstehen. Diese Kanälchen sind mit Flüssigkeit gefüllt und erweitern sich an ihren Enden zu den sog. Ampullen, von deren Innenwand feine Härchen in

die Flüssigkeit der Bogengänge hineinragen. Unmittelbar neben den Bogengängen liegen die beiden Säckchen, das elliptische und das runde, die gleichfalls mit Endolymphe gefüllt sind und in denen feine Kalkplättchen, die sog. Otolithen, auf zarten Härchen ruhen. In diese drei miteinander nicht kommunizierende Räume, in die Bogengänge und die beiden Säckchen, mündet der nervus vestibularis. Schneidet man nun diese Organe bei Tieren heraus, so werden diese gegen ihre Körperlage gleichgültig: die Katze, die zuvor Schaukelbewegungen nicht vertragen konnte, schläft jetzt ruhig in der Schaukel ein. Beseitigt man nur einzelne Bogengänge oder reizt man sie künstlich, so erscheinen Störungen in der Lageauffassung der betreffenden Ebene. In einem sehr hübschen Tierexperiment wies Kreidl die Bedeutung der Otolithen nach: Krebse verlieren manchmal ihre Otolithen und erhalten neue aus dem Material ihrer Umgebung. Kreidl richtete es nun so ein, daß Eisenteilchen an Stelle der Otolithen traten. Brachte er dann einen Magneten von einer Seite her in die Nähe des Tieres, so warf es sich auf die andere Seite, offenbar weil es den Eindruck hatte, in die Richtung des Magneten zu fallen. Wurden die Eisenteilchen jedoch nur außen an den Kopf des Tieres geklebt, so blieb es gleichgültig gegen die Einwirkung des Magneten oder wurde passiv angezogen. Endlich entbehren Taubstumme ohne Labyrinth des Drehschwindels, der sich bei Normalen nach mehreren Drehbewegungen einstellt, wie sie anderseits im Wasser untergetaucht, ihre Körperlage nicht beurteilen können. All diesen Tatsachen sucht man in folgender Auffassung gerecht zu werden.

Beginnt der Kopf eine Bewegung in einer der drei Ebenen der Bogengänge, so bleibt für den Anfang das Labyrinthwasser ein wenig zurück und übt so einen Druck bzw. Zug auf die Härchen in den Ampullen aus. Wird die Bewegung gleichförmig, so muß nach physikalischen Gesetzen dieser Zug aufhören, um wieder einzusetzen, sobald die Bewegung merklich langsamer wird oder plötzlich aufhört. Nimmt man nun an, daß die Verbiegung der Sinneshaare in jeder Ebene eine charakteristische Empfindung oder einen eigenartigen Empfindungskomplex bedingen — die Drehung

des Kopfes können sie unmittelbar nicht melden —, so erklären sich leicht die oben aufgezählten Wahrnehmungen der Körperbewegungen. Eine andere Aufgabe haben die Otolithen. Sie drücken bei aufrechter Haltung nach unten. Wird der Körper oder der Kopf für sich schief geneigt, so verbiegen sie die Haare, und diese Verbiegung bleibt, im Gegensatz zu der Biegung der Haare in den Ampullen, solange die schiefe Haltung eingenommen wird. Die Otolithen dürften also die dauernden Lageempfindungen vermitteln. Es scheint nun ziemlich sicher zu sein, daß die Reizungen des Vestibularnerven mancherlei Reflexbewegungen auslösen, durch die sich die Sinneswesen gegen Lagestörungen schützen können. Aber es ist noch umstritten, ob sie auch Empfindungen hervorrufen. Die meisten Forscher entscheiden sich für letzteres und weisen auf die eigentümlichen Inhalte hin, die man hat, wenn man sich nach längerer Drehung plötzlich ganz ruhig hält und auf die Eindrücke im Kopfe achtet. Gibt man nun das Vorhandensein charakteristischer Eindrücke zu, so fragt es sich weiter, ob diese von den Tastempfindungen verschieden sind oder nur eine besondere Qualität bzw. Verbindung von Tastempfindungen darstellen. Letzteres hält Wundt für wahrscheinlich, während Nagel und andere in ihnen eine neue Empfindungsart erblicken. Wie immer auch diese Frage zu beantworten ist, so ist doch festzuhalten, daß die statischen Empfindungen aus sich weder einen räumlichen Charakter besitzen, noch viel weniger unmittelbar eine Lage, eine Drehung u.ä. zu melden vermögen, da die Inhalte „Lage“ und „Bewegung“ Relationen einschließen, die nur das Denken erfassen kann.

Literatur

A. Kreidl, Die Funktion des Vestibularorgans, Ergebnisse der Physiologie V (1906), 572.

H. Die kinästhetischen Empfindungen

Die Bezeichnung „kinästhetische Empfindungen“ ist ein Sammelname für jene Sinnesangaben, die uns von der Lage und der Bewegung der verschiedenen Körperteile zueinander Kunde geben. Im engeren Sinne schließt er die Gesichtsempfindungen aus und läßt es dahingestellt, ob neben den schon bekannten Hautempfindungen eine neue Art von Sinneseindrücken besonderen Anspruch auf diesen Namen erheben kann. Die Aufstellung einer

neuen Empfindungsklasse begegnet hier noch größeren Schwierigkeiten als bei den statischen Empfindungen. Denn hier ist es weder möglich auf bestimmte Bewußtseinserscheinungen noch auf ein bestimmtes Organ hinzuweisen. Wir müssen darum von gewissen Leistungen der Seele ausgehen und prüfen, ob sich diese mit dem bisher gefundenen Empfindungsmaterial verständlich machen lassen.

Wir Erwachsene sind imstande, die Lage der verschiedenen Körperglieder zueinander auch ohne die Hilfe des Gesichtssinnes ziemlich genau zu beurteilen. Daß dies nichts Selbstverständliches ist, offenbaren uns Krankheitsfälle, wo der Patient bei geschlossenen Augen zwar seinen Arm bewegen, aber nichts über dessen Haltung aussagen kann und ihn in den unbequemsten Lagen beläßt, die ein anderer ihm gibt. Wir wissen sodann von den aktiven und passiven Bewegungen unserer Glieder, und zwar ist dieses Wissen ein recht genaues. Der an Ataxie Leidende hingegen scheint gerade die feinere Kenntnis seiner Gliedbewegungen zu entbehren; denn alle seine Bewegungen sind unvollkommen und schleudernd. Weiter verspüren wir den Widerstand elastischer und fester Gegenstände, ein Erlebnis, das nicht allein durch die Druckempfindungen der Haut zu erklären ist, da es auch bei Unempfindlichmachung der Haut bestehen bleibt. Daß der Hautsinn hier nicht in Frage kommt, zeigt auch die von Goldscheider beschriebene paradoxe Widerstandsempfindung. „Hält man an einem Faden ein nicht zu leichtes Gewicht und macht damit eine schnelle Abwärtsbewegung, so hat man im Augenblick des Auftreffens des Gewichtes auf den Boden die Empfindung eines Widerstandes ... Es ist, als ob man mit einem Stock aufstieße. Setzt man die Abwärtsbewegung weiter fort, so hat man die Empfindung, als ob man eine Federkraft zu überwinden habe.“ (Fröbes I, 155.) Endlich schätzen wir die Gewichte der von uns gehobenen Körper und die von uns zum Ziehen oder Drücken verwendete Kraft, weshalb man von Schwere-, Spannungs- und Kraftempfindungen redet. Es fragt sich nun, welchen Sinnesdaten sind alle diese Leistungen zu verdanken?

Zweifellos tragen die Hautempfindungen einen Teil zu den genannten Kenntnissen bei. Dennoch kann man sie nicht an erster Stelle dafür verantwortlich machen, wie es die ältesten Erklärungen wollten, da bei künstlicher oder krankhafter Ausschaltung der Hautsinne die kinästhetischen Wahrnehmungen nicht wesentlich beeinträchtigt werden. Spätere Forscher, wie Bell und E. H. Weber, sahen in den sensorischen Muskelnerven die Quelle des hier zu erklärenden Wissens: Entsprechend der verschieden starken Muskelspannung treten verschiedene Spannungsempfindungen auf und liefern so einen Anhaltspunkt zur Beurteilung der Gliedlage. Dagegen sprachen indes Fälle von Muskeldegeneration, in denen gleichwohl die Lage der Glieder und der Unterschied von Gewichten angegeben werden konnte. Zudem hängt ja auch die Lage eines Gliedes nicht eindeutig von der Kontraktion des Muskels ab: bei einer passiven Bewegung werden die Muskeln überhaupt nicht kontrahiert, und dieselbe Lage eines Gliedes kann bei großer wie bei geringer Muskelspannung eingehalten werden. Ein dritter Erklärungsversuch führte die Innervationsempfindungen ein: es soll uns der motorische Impuls bewußt werden, den wir den Muskeln erteilen. Wird sich ja auch ein Kranker, der sein gelähmtes Bein bewegen will, einer Kraftanstrengung bewußt, obwohl in dem Muskel selbst keinerlei Kontraktion erfolgt. Allein die verspürte Kraftanstrengung kann auf andere, gleichzeitig miterregte Muskeln zurückzuführen sein und verliert somit jede Beweiskraft. Dagegen werden die Innervationsempfindungen unwahrscheinlich, da Kranke vielfach ihre Glieder richtig gebrauchen, sie also richtig innervieren, ohne darum über die Lage und Bewegung ein Wissen zu erlangen. Daß wir von dem Impuls, den wir unseren Bewegungen erteilen, nichts wissen, veranschaulicht eine bekannte Gewichtstäuschung: Hebt man zwei gleich schwere, aber verschieden große Gewichte, indem man auf sie hinblickt, so kann man sich von dem Eindruck nicht freimachen, das kleinste Gewicht sei das schwerste. Wir heben nämlich unwillkürlich das größere Gewicht mit einem größeren Krafteinsatz. Käme uns nun der erteilte Impuls zu Bewußtsein, so könnten wir ihn bei der Gewichtsvergleichung beachten und uns so über die Täuschung hinweghelfen.

Nach Erledigung der Innervationsempfindungen erlangte die Goldscheidersche Theorie nahezu allgemeine Anerkennung: Die Gelenke sollen sehr dicht mit den Vater-Paccinischen Tastkörperchen besetzt sein. Drehen sich nun bei einer Bewegung zwei Gelenkflächen gegeneinander, so werden die Tastkörperchen stets an einer anderen Stelle gedrückt. Jeder Stellung des Gliedes entspricht darum eine eigenartige Reizung der Vater-Paccinischen Körperchen. Somit kann sich diese qualitativ eigenartige Empfindung eindeutig mit dem optischen Bild von der Bewegung des Gliedes verbinden und so allmählich zu einer ausreichenden Kunde von der gegenseitigen Stellung der Glieder werden. So erklärt sich auch leicht die Widerstandsempfindung als ein Gelenkdruck. Zur Deutung der paradoxen Widerstandsempfindung aber ist noch zu beachten, daß der Zug des Gewichtes eine gleichgroße entgegengerichtete Muskelspannung

bedingt. Berührt nun das herabgelassene Gewicht den Boden, so hört der Zug auf, während jene Muskelspannung noch andauert, dadurch die Gelenke aneinander preßt und so denselben Eindruck wie ein äußerer Widerstand hervorruft.

Auch diese Theorie, deren positive Beweise man schon bald angegriffen hat, wurde neuerdings stark erschüttert, als es gelang, die freigelegten Gelenkflächen Operierter verschiedenen Reizen auszusetzen. Dabei ergab sich, daß von den Gelenkflächen aus überhaupt keine Empfindungen zu wecken waren. Wenn darum die Gelenk-Organe überhaupt Träger von Bewegungsempfindungen sind, so müssen diese in den die Gelenke umspannenden Gelenkkapseln ausgelöst werden, die allerdings reichlich mit Nerven versehen sind. Die eindeutige Zuordnung bestimmter Empfindungskomplexe dieser Art zu bestimmten Lagen der Glieder wäre vielleicht auch hier möglich. Indes die bestechende Einfachheit der alten Goldscheiderschen Auffassung ist dahin.

So ist also heute die Frage der kinästhetischen Empfindungen noch ungeklärt. Die neuesten Untersuchungen Störrings lassen den Beitrag des Drucksinnes der Haut für feinere Bestimmungen wieder bedeutsamer erscheinen, während die Forschungen v. Freys den Kraftsinn aufs neue zu Ehren bringen. Daß wir wirklich Muskel- oder Sehnenempfindungen haben, die von dem aufgewandten Kraftmaß Kunde geben, beweist ein schlichter Versuch: Hat der steifgehaltene Arm ein aufgesetztes Gewicht zu heben, so erscheint es schwerer, wenn es weiter von dem Drehgelenk entfernt aufgelegt wird, als wenn näher. Hier sind die Gelenkempfindungen die nämlichen, weil der Arm sich in beiden Fällen um gleichviel Grade hebt; die Druckempfindungen, die das aufgesetzte Gewicht auf der Haut hervorruft, können ausgeschaltet werden, und die inneren Spannungsempfindungen, d. h. jene Empfindungen, die der Druck des kontrahierten Muskels von innen auf die Haut auslöst, sind auch jedesmal die gleichen. Verschieden ist nur die aufgewandte Kraft. Vorerst lassen sich somit die kinästhetischen Empfindungen noch nicht ausschließlich oder vorwiegend einem Organ zuschreiben. Alle genannten Organe, die Haut, die Gelenke und die Muskeln, sind in gewissem Grade befähigt, Lage- und Bewegungsempfindungen zu vermitteln.

Über die Qualität dieser Empfindungen, ob sie untereinander gleich und ob unter ihnen ganz neuartige Phänomene sind, läßt sich

heute noch nichts ausmachen. Aber auch hier ist zu betonen, daß der Inhalt dieser Empfindungen in sich nichts von einer Lagebestimmung enthalten kann.

Literatur

Ebbinghaus-Bühler, Grundzüge der Psychologie I⁴ § 32. Die Kraft- und Bewegungsempfindungen.

[2] Anders H. Henning, Der Geruch 1916 S. 491ff., der ein Geschmackstetraeder aufstellt.

4. Kap. Das Gesetz der spezifischen Sinnesenergie

Läßt man einen Wärmereiz auf einen Kältepunkt einwirken, so entsteht, wie wir sahen, eine paradoxe Kälteempfindung. Drückt man die hinter dem Trommelfell herziehende Chorda tympani, die unter anderem Fasern des Geschmacksnerven enthält, so erlebt man eine Geschmacksempfindung. Das gleiche geschieht, wenn man diesen Nerv elektrisch oder chemisch reizt. Der Sehnerv antwortet bei elektrischer, chemischer und mechanischer Reizung mit einer Lichtempfindung. Solche und ähnliche Beobachtungen führten zur Aufstellung des Satzes von den spezifischen Sinnesenergien durch Joh. Müller (1826): Der gleiche Reiz ruft in verschiedenen Sinnen verschiedene Empfindungen hervor, je nach der Natur des Sinnes; verschiedene Reize rufen in dem gleichen Sinne die gleiche Empfindung hervor. Was besagt dieser Satz? Er besagt, daß der Empfindungsinhalt, das Quale der Empfindung, aus dem empfindenden Subjekt stammt. Es wird nicht eine Eigenschaft eines äußeren Gegenstandes gleichsam durch die Sinne nur hindurchgeleitet zur wahrnehmenden Seele, sondern die Seele antwortet in verschiedener Weise auf die einwirkenden Gegenstände, je nach der Sinnespforte, bei der sie anklopfen. Ein psychologisch und erkenntnistheoretisch höchst bedeutsamer Satz.

Man muß sich indes vor einer unberechtigten Verallgemeinerung dieses Satzes hüten. Er besagt nicht, daß unsere Seele oder ihre Sinne völlig gleichgültig seien gegen die einwirkenden Reize, womit einem extremen Subjektivismus Tür und Tor geöffnet wäre. Es sind nämlich nur die einem jeden Sinne entsprechenden, die adäquaten Reize begünstigt. Vor den inadäquaten Reizen sind die meisten Organe schon durch äußere Schutzvorrichtungen für gewöhnlich bewahrt (Ettlinger). Außerdem vermögen die inadäquaten Reize nur unabgestufte, unklare Eindrücke hervorzurufen. Bei den adäquaten Reizen hingegen zeigt

sich eine streng gesetzmäßige Zuordnung von Reiz und Empfindung. Einen Beweis dafür boten die Qualitäten des Farbensinnes, die ganz eindeutig an bestimmte Wellenlängen gebunden sind. Andere Belege dafür wird uns die Psychophysik liefern.

Weitere Probleme, die der Müllersche Satz aufwirft, sind von einer endgültigen Antwort noch mehr oder weniger entfernt. So vor allem die Frage, was man sich unter der spezifischen Energie eines Sinnesnerven zu denken habe. Man wird da nicht an eine geheimnisvolle Kraft denken dürfen, die in dem Nerven wohnt, sondern eher an einen eigenartigen physiologischen Zustand, der bewirkt, daß der Nerv, wenn er überhaupt erregt wird, immer nur in eine bestimmte Art der Erregung versetzt werden kann; wie etwa eine Klaviersaite oder ein Resonanzboden, wenn sie durch irgendwelchen Druck oder Stoß überhaupt in eine selbständige Bewegung geraten, immer nur eine bestimmte Form der Erschütterung aufweisen. Allerdings steht es nicht fest, ob es der periphere Nerv ist, der, wie wir soeben voraussetzten, in eine spezifische Erregung gerät, oder ob diese nur im Gehirn ausgelöst wird, während der Nerv als indifferenter Leiter jeden Reiz zu übermitteln imstande ist. Für die letztere Ansicht werden die Halluzinationen, subjektive Erregungen, die sicher im Gehirn entstehen, geltend gemacht. Aber mit dem Bestand solcher zentraler Erregungen ist noch nichts für die Beschaffenheit der peripheren Nerven entschieden. Für die spezifisch verschiedene Erregbarkeit der Leitungsnerven hingegen bildet ihre mit Sicherheit festzustellende verschiedene Organisation ein beachtenswertes Argument. Endlich läßt sich die Frage, ob die spezifische Energie den Sinnen angeboren oder erst im Laufe des Lebens erworben sei, nicht lösen. Die Erwerbung der spezifischen Sinnesenergie im Verlauf des Lebens hat die Beobachtung für sich, daß bei Blinden oder Tauben, denen von Geburt an diese Empfindungen abgehen, eine inadäquate Reizung der Nervenstränge keine Licht- oder Schallempfindung bewirken. Es scheint somit, als müsse der adäquate Reiz, der durch das äußere Organ leicht in den Sinnesnerven eintritt, diesen erst in seiner Weise bearbeiten und disponieren, so daß er später auch auf inadäquate Reize nicht mehr anders als in dieser vorgebildeten Art ansprechen kann. Wäre dies der Fall, dann käme den äußeren Reizen eine noch größere Bedeutung zu, als wir ihnen soeben einräumten. Die Reize schüfen sich geradezu die Reaktion. Sodann wäre die von manchen Entwicklungstheoretikern vertretene Hypothese glaubhafter, daß sich nämlich die Vielheit der Sinne aus einem einzigen primitiven Sinne durch beständiges Einwirken der verschiedenen äußeren Reize herausdifferenziert habe. Allein die genannte Beobachtung an Blind- und Taubgeborenen ist kein durchschlagender Beweis, da ein Gehirnzentrum degenerieren kann, wenn es nicht geübt wird.

Literatur

R. Weinmann, Die Lehre von den spezifischen Sinnesenergien, 1895.

N. Brühl, Die spezifischen Sinnesenergien nach Joh. Müller im Lichte der Tatsachen, 1915.

5. Kap. Die Psychophysik

Zündet man in einem nur von einer elektrischen Lampe dürftig erhellten Saal eine zweite gleichstarke Lampe an, so ist die Beleuchtungssteigerung ganz auffällig. Wird jedoch zu hundert Lampen eine weitere hinzugefügt, so wird niemand die größere Helligkeit zu bemerken imstande sein. Diese auf allen Empfindungsgebieten zu beobachtende Tatsache erlangte eine für die Entwicklung der gesamten Psychologie grundlegende Bedeutung, als der Physiologe E. H. Weber (1846) bei Untersuchung des Hautsinnes fand, daß sie einer bestimmten Gesetzmäßigkeit folgt: Muß man zu einem Druck von der Stärke 100 einen solchen von der Stärke 1 hinzufügen, damit der Unterschied im Druck überhaupt gemerkt wird, so muß bei einem solchen von der Stärke 200 ein Druck von der Stärke 2 hinzukommen, soll nunmehr die Verstärkung des Druckes eben bemerkbar sein. Oder: das Verhältnis von Reizzuwachs, bei dem eben eine Empfindungszunahme eintritt, zum Anfangsreiz ist konstant (¹⁄₁₀₀ = ²⁄₂₀₀). Diese Entdeckung legte für G. Th. Fechner den Gedanken nahe, von hier aus ein brauchbares Maß der Empfindung zu gewinnen. Und es war ein Lieblingstraum von ihm, von diesen vielversprechenden Anfängen aus das ganze psychische Leben mit der mathematischen Formel zu beherrschen. Es sollte in Zukunft nicht mehr von Psychologie, sondern von Psychophysik die Rede sein. Dieser Wunsch hat sich nun freilich nicht erfüllt. Dagegen wurde er die gesegnete Quelle der meisten psychologischen Forschungsmethoden und die Anregung, auch auf andere Gebiete die quantitativen Arbeitsweisen zu übertragen. Diese Methoden verstehen wir jedoch im Folgenden nicht unter Psychophysik.

1. Aufgaben und Methoden der Psychophysik

Die unmittelbare Aufgabe der Psychophysik besteht in der Ermittlung bestimmter Reizgrößen. Nicht jeder physikalische Reiz löst schon eine Empfindung aus. Erst wenn ein Licht, eine Schallschwingung, ein Gewicht eine gewisse Größe erreicht, empfinden wir etwas. Man nennt diese von dem Reiz zu erreichende Größe die absolute Schwelle der betreffenden Empfindung. Sie ist bei den verschiedenen Sinnen verschieden und innerhalb desselben Sinnes je nach dem Ort der Reizung bzw. nach den erregten Nervenfasern verschieden. Die absolute Schwelle kann als Maß der Empfindlichkeit dienen. Denn je niedriger für einen Sinn bzw. für ein bestimmtes Nervengebiet die Reizschwelle ist, um so größer ist seine Empfindlichkeit.

Eine zweite Aufgabe liegt in der Ermittlung der Unterschiedsschwelle. Wie groß muß der zu einem schon wahrgenommenen Reiz hinzutretende Reizzuwachs sein, damit ein Unterschied in der Empfindung erkennbar werde? Es wäre da zu untersuchen, ob jeder Unterschied der Reize bemerkt wird, ob stets der gleiche Reizzuwachs einen Empfindungsunterschied herbeiführt, wie sich die einzelnen Sinne in dieser Hinsicht verhalten usw. Drittens sind die äquivalenten Reize zu bestimmen. Die zu beantwortende Frage lautet hier: Welche Reize lösen die gleiche Empfindung aus? Erscheint z. B. der Abstand zweier Zirkelspitzen gleich groß, wenn der Tastzirkel an verschiedenen Stellen aufgesetzt wird? Weiter sind die äquivalenten Reizunterschiede zu finden: gegeben sind zwei Paare veränderlicher Reize und man soll erkunden, unter welchen Bedingungen die von je zwei Reizen gebildeten Empfindungsunterschiede einander gleich erscheinen. Endlich die Ermittlung gleichwertig erscheinender Reizverhältnisse: zu drei gegebenen Reizen A, B, a muß der vierte b gefunden werden, so daß A : B = a : b (Bühler).

Die Methoden zur Lösung der vier Hauptaufgaben teilt man nach Ebbinghaus ein in die Methoden der Reizfindung und der Urteilsfindung, d. h. entweder ist die Empfindungsgröße schon bestimmt und es bleibt der Reiz zu suchen, der sie herbeiführt, z. B. gesucht ist der Reiz, der eine ebenmerkliche, übermerkliche, einer

andern gleiche Empfindung bewirkt — oder die Reize sind gegeben und das Urteil über sie wird erfragt, z. B. gegeben sind drei Gewichte a, b, c, und es ist zu beurteilen, ob der Schwereunterschied bei den Reizen a−b dem bei den Reizen b−c gleich sei oder nicht. Die allgemeine Methode der Reizfindung teilt sich in die zwei besonderen: die Methode der Herstellung und die Grenzmethode. Bei der ersteren hat der Beobachter den gewünschten Reiz selbst herzustellen. Er verschiebt z. B. auf einer Geraden eine Trennungsmarke, bis sie im Mittelpunkte zu stehen scheint. Bei der Grenzmethode hingegen bietet der Versuchsleiter (Vl) den zu vergleichenden bzw. zu beurteilenden Reiz dar, indem er sich allmählich jener Grenze nähert, bei welcher das festgesetzte Urteil abgegeben wird. Es wird also z. B. gefragt, bei welcher Spitzendistanz des Tastzirkels zwei Punkte wahrgenommen werden. (Vgl. S. 96.) Der Vl berührt dann die Haut der Vp bei so engem Abstand der Spitzen, daß gewiß nur ein einziger Punkt wahrgenommen werden kann. Allmählich vergrößert er dann den Abstand, bis die Vp den Eindruck von zwei Berührungen hat. Den so gefundenen Abstand bezeichnet man als die untere Raumschwelle. Darauf wird der Tastzirkel von neuem aufgesetzt, und zwar diesmal mit einer Entfernung der Spitzen, die beträchtlich größer ist als die untere Raumschwelle, so daß die Vp notwendig den Zweiheitseindruck gewinnt. Nunmehr wird die Zirkelweite in gleichmäßigen Schritten immer mehr vermindert, bis die Vp wieder das Urteil abgibt: einfache Berührung. Der Abstand, bei welchem dies geschieht, gilt dann als obere Raumschwelle, und das arithmetische Mittel aus unterer und oberer Schwelle wird als die Raumschwelle schlechthin angesehen. — Die Methode der Urteilsfindung ist nur in der sog. Konstanzmethode vertreten. Der Vl bereitet eine größere Anzahl von Reizen vor und wendet sie in planvollem Wechsel an. Er legt sich etwa zehn Zirkelabstände zurecht und setzt in buntem Wechsel bald einen kleinen, bald einen großen Abstand auf und läßt die Vp jedesmal beurteilen, ob eine oder zwei Spitzen empfunden wurden. Dabei kommt jeder Abstand wiederholt vor.

Die Konstanzmethode ist die verlässigste, weil sie die Vp über den Sachverhalt völlig in Unwissenheit hält. Dagegen ist die Berechnung der verschiedenen Empfindungsgrößen bei ihr nicht sehr einfach. Auch verlangt sie eine sehr große Zahl von Einzelversuchen. Bei gewissen Versuchsanordnungen muß jeder Reiz etwa vierzigmal verwendet werden, somit sind bei zehn Reizstufen schon 400 Einzelversuche notwendig. Die beiden andern Methoden hingegen führen mit ungleich weniger Versuchen zum Ziel und erlauben die Berechnung der Empfindungsgrößen durch einfache Mittelziehung (arithmetisches Mittel oder Zentralwert). Dafür aber sind beide kein unwissentliches Verfahren. Die Herstellungsmethode ist naturnotwendig ganz wissentlich, und bei der Grenzmethode merkt die Vp sehr bald, ob die angewandten Reize steigen oder fallen. Zur sicheren Verwendung der psychophysischen Methoden sind nun noch eine Anzahl von Vorsichtsmaßregeln notwendig. Aus der räumlichen und zeitlichen Folge der Reize, sowie aus dem Verhalten der Vp entspringen Fehlerquellen, die unschädlich gemacht werden müssen. Dafür, so wie für die genauere mathematische Behandlung der Ergebnisse sei auf die einschlägige Fachliteratur verwiesen.

Literatur

G. Th. Fechner, Elemente der Psychophysik, 2 Bde., 1860.

G. E. Müller, Die Gesichtspunkte und Tatsachen der psychophysischen Methodik, 1903.

2. Das Webersche und das Fechnersche Gesetz

Nachdem die oben schon angeführte Entdeckung E. H. Webers von Fechner aufgegriffen wurde, der sie auch mit dem Namen Webersches Gesetz versah, wurde ihre Gültigkeit auf allen Sinnesgebieten geprüft. Abgesehen von sehr starken und sehr schwachen Reizen, hat man nun das Webersche Gesetz auf allen Sinnesgebieten mit Ausnahme von Geschmack und Geruch annähernd bestätigt gefunden. Und zwar gilt es im großen und

ganzen nicht allein für ebenmerkliche, sondern auch für übermerkliche Empfindungsunterschiede. Diese Gesetzmäßigkeit kommt uns zu statten, wenn die Beleuchtung der Gegenstände schwankt. Obwohl in solchen Fällen die Helligkeit der einzelnen Teile eine ganz andere wird, bleibt der Gegenstand für uns doch gleich gut erkennbar, da es für uns in erster Linie auf die Verhältnisse der Helligkeiten ankommt.

Für das Webersche Gesetz wurde eine dreifache Erklärung versucht. Eine psychophysische von Fechner: das Gesetz beruht auf dem Übergang vom Physischen zum Psychischen. Eine psychologische von Wundt: die Empfindungen entsprechen immer genau den Reizen, aber bei der vergleichenden Beurteilung der Empfindungen tritt die Größenverschiebung ein. Die Fechnersche Theorie muß als unbegründet fallen. Die Wundtsche erklärt nicht, warum die Unterschiedsempfindlichkeit auf verschiedenen Sinnesgebieten verschieden groß ist. Es dürfte also nur die physiologische Deutung übrig bleiben, nach der die stärker beanspruchten Nerven einen höheren Reizzuwachs verlangen, um aufs neue zu reagieren, ähnlich wie eine stärker belastete Wage auch ein größeres Übergewicht braucht, um auszuschlagen. Für diese Auffassung sprechen auch mancherlei Analogien aus Physiologie und Chemie.

Fig. 4. Graphische Darstellung des Fechnerschen Gesetzes. Nach Titchner, Lehrbuch d. Psychologie Fig. 27, S. 219, Leipzig, J. A. Barth.

Ausgehend von dem Weberschen Gesetz und unter der Voraussetzung, daß die ebenmerklichen Empfindungszuwüchse, in denen eine Empfindung vom Nullpunkt bis zu einem beliebigen Intensitätsgrade ansteigt, einander gleich seien, hat Fechner eine „Maßformel“ abgeleitet, die in ihrer einfachsten Form lautet: s = log r; in Worten: wenn die Empfindungen arithmetisch zunehmen, so steigen die zugehörigen Reize in einer logarithmischen Kurve an. (Fechnersches Gesetz.) (Fig. 4.) Mit dieser Formel wäre die prinzipielle Möglichkeit geboten, die Empfindung zu messen. Man hat nun sowohl die Gültigkeit der erwähnten Fechnerschen Voraussetzung wie auch die Größennatur und die Meßbarkeit der Empfindungsintensität angezweifelt. Allein die Gleichheit der ebenmerklichen Empfindungszuwüchse ist zum wenigsten eine sehr naheliegende Annahme, und die Empfindungsintensitäten erscheinen dem Unvoreingenommenen als wahre Größen, zwar nicht extensiver, aber doch intensiver Natur. Der Schall des Donners erscheint uns

wirklich stärker als der eines umfallenden Ofenschirmes. Ebenso können wir mit Sicherheit zwei Druckempfindungen als gleich oder ungleich beurteilen. Übrigens hat das Fechnersche Gesetz in der weiteren Entwicklung der Psychologie keine größere Bedeutung erlangt. Sein Wert liegt in dem energischen Versuch, Maß und Zahl in die Psychologie einzuführen, ein Ziel, das die Psychologie seither nicht aus dem Auge verloren hat und auch grundsätzlich festhalten muß, will sie eine wahrhaft empirische Wissenschaft bleiben.

Außer der Empfindungsintensität hat man keine andere psychische Größe mehr mit Erfolg zu messen versucht. Die Messung der Willenskraft durch Ach muß als verfehlt gelten. (S. unten.). Dagegen liefert die Häufigkeit, die Dauer und die Güte eines seelischen Vorganges bzw. der von ihm vollbrachten Leistung Zahlenwerte, die sehr großen Aufschluß versprechen. Die Behandlungsweise solcher Zahlenwerte kann hier nicht dargestellt werden. Nur auf die Korrelationsrechnung sei noch kurz verwiesen. Auch wo sich geistige Leistungen nicht unmittelbar messen lassen, bleibt es doch zumeist möglich, sie nach ihrer Güte in Rangstufen anzuordnen, oder festzustellen, wie oft sich gewisse Merkmale mit anderen verbinden. Die Mathematik hat nun Formeln erarbeitet, mit denen der Grad der Beziehung berechnet werden kann, in der zwei Rangordnungen oder mehrere Merkmale zueinander stehen.

Literatur

R. Pauli, Über psychische Gesetzmäßigkeit. 1920.

W. Betz, Über Korrelation. 3. Beiheft zur ZAngPs. (1911).

ZWEITER ABSCHNITT

E m p f i n d u n g s k o m p l e x e

Faßt man die Empfindungen als die elementaren Bausteine des anschaulichen Erkennens auf, so läßt sich die Frage aufwerfen, wie sich die Verbindung solcher Elemente gestalten werde: Wird sie eine reine Addition von Empfindungen sein, oder werden bei dem Zusammensein von Empfindungen neue Gesetzmäßigkeiten auftreten? Bei der Untersuchung dieser Frage könnte man wie bei der Empfindungslehre immer streng von dem psychisch Gegebenen ausgehen, Empfindungskomplexe aufsuchen und sie erforschen. Statt dieses analytischen Weges, der mancherlei Schwierigkeiten bietet, steht uns aber auch der bequemere synthetische offen. Wir kennen schon die Beziehungen zwischen Reiz und Empfindung und dürften auch durch die vorausgegangenen Betrachtungen gegen den „stimulus-error“ (T i t c h e n e r ), d. h. gegen die Verwechslung von physikalischem Reiz und psychischem Erlebnis geschützt sein. Man könnte also systematisch durch gleichzeitige Verwendung mehrerer Reize Empfindungskomplexe hervorzurufen bedacht sein. Dabei müßten zwei oder mehr Reize zunächst auf dasselbe Sinnesorgan und dann auf verschiedene Organe einwirken. In manchen Fällen, wo mehrere adäquate Reize nicht allein dasselbe Organ, sondern auch dieselben Nervenfasern erregen, wird wie bei dem Auge nur eine einzige Empfindung entstehen. Diese Fälle gehören nicht hierher und wurden auch schon bei der Empfindungslehre besprochen; alle anderen Fälle sind jedoch hier zu berücksichtigen. Allerdings liegt eine systematische Durchforschung des Gesamtgebietes noch nicht vor. Das wenige über die Verbindung der niederen Sinnesempfindungen, wie der Gerüche und Geschmäcke, wurde schon oben gelegentlich gestreift. Beide Empfindungsarten gehen miteinander auf jeden Fall eine sehr innige Verbindung ein, die der Unkundige nicht leicht zu analysieren vermag. Immerhin scheint es hier bei einer einfachen Addition der Empfindungen zu bleiben. Doch stehen genauere Untersuchungen noch aus. Bei den andern Sinnen hingegen werden durch das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer Sinnesreize seelische Gebilde bedingt, die schon immer die Aufmerksamkeit der Psychologen erregten und darum eingehender erforscht sind. Von diesen Empfindungskomplexen sind die aus Tönen bestehenden verhältnismäßig die einfachsten: fehlt doch bei ihnen das räumliche Moment. Mit ihnen soll darum bei der Besprechung der Empfindungskomplexe begonnen werden.

1. Kap. Die gleichzeitigen Tonverbindungen

1. Die Tatsache der Tonverschmelzung

Läßt man gleichzeitig zwei oder mehrere Töne erklingen, so verschmelzen gewisse Töne oder Tongruppen so innig miteinander, daß ein neues einheitliches Tongebilde aus ihnen entstanden zu sein scheint, ähnlich wie aus der Vereinigung mehrerer Farbenreize eine neue Empfindung, die Mischfarbe, entsteht. Diese neue Empfindung scheint eine eigene Qualität, Intensität, ja sogar eine eigene Tonhöhe zu haben. Indes sind doch nur musikalisch weniger begabte Psychologen, wie Fechner, für den Empfindungscharakter solcher Tonverbindungen eingetreten. Für Musiker und musikalisch hochbefähigte Forscher, wie Helmholtz und Stumpf, steht es außer Frage, daß auch in diesen Verschmelzungen eine Mehrheit von Empfindungen vorliegt. Anders als bei der einheitlichen Mischfarbe lassen sich hier die Teilempfindungen herausanalysieren, und zwar nicht nur infolge der Bekanntschaft mit den Tonverbindungen; denn ein geübter Musiker vermag auch aus den fremdartigen Klängen eines ihm unbekannten Instrumentes die Teiltöne herauszuhören.

Allein trotz der inhaltlichen Mehrheit läßt sich eine gewisse Einheit und Bindung des Tonkomplexes nicht bestreiten, auch dann, wenn er sich nicht aus den am stärksten verschmelzenden Tönen zusammensetzt. Solange ein solcher Tonkomplex nicht analysiert wird, legt man ihm als Ganzem unwillkürlich bestimmte Eigenschaften bei. Schärferes Zusehen führt jedoch zu mehrfachen Berichtigungen. Nach den besten Beurteilern kommt der Tonverbindung keine eigene Intensität zu; auf jeden Fall ist der Mehrklang nicht stärker als der Teilton, wohl aber voller und reicher. Die Höhe, die das Tonganze zu haben scheint, richtet sich nach dem tiefsten Teiltone. Erklingen Grundton und Oktav zusammen und

bleibt dann der Oktavton aus, so hat man nicht den Eindruck, als ob sich die Höhe des Zweiklanges verändert habe; umgekehrt erlebt man aber einen überraschenden Aufstieg, wenn der Grundton wegfällt. Folgen zwei Akkorde aufeinander, so wird der Höhenschritt der Akkorde nach dem Schritt jener Stimme beurteilt, die am meisten steigt. Diese Tatsachen, sowie der Umstand, daß man gewisse Eigenschaften hoher Obertöne, wie das Schrille, Dissonante u. ä. auf den ganzen Klang überträgt, beweisen, daß wir es hier nicht mit Eigenschaften zu tun haben, die dem Empfindungskomplex als solchem zukommen, sondern daß Auffassungs- und Beurteilungsphänomene vorliegen, deren Verständnis erst später erschlossen werden kann.

2. Gesetze der Tonverschmelzung

Nicht alle Tonpaare verschmelzen gleich innig, d.h. nicht alle nähern sich gleichviel dem Einklang. Unter Verschmelzung verstehen wir nämlich mit Stumpf die Annäherung an den Einklang. Gewisse Tonpaare unterscheidet auch ein musikalisch normales Ohr nicht ohne weiteres vom Einklang, während andere auch von Unmusikalischen sofort als Zweiklang gehört werden. Die genauere Untersuchung ergibt folgende Gesetze der Tonverschmelzung. Sie hängt zunächst von der Höhe der beiden Töne ab. Nach der Innigkeit der Verschmelzung scheinen fünf Stufen zu bestehen: Oktav, Quint, Quart, Terzen und Sexten, endlich alle übrigen Intervalle, die untereinander keinen Unterschied des Verschmelzungsgrades aufweisen. Die Verschmelzungserscheinung ist sodann in allen Tonlagen zu beobachten, extrem hohe und tiefe Lagen vielleicht ausgenommen. Drittens gilt das Erweiterungsgesetz: ein Intervall läßt sich um eine Oktav erweitern, ohne seinen Verschmelzungsgrad einzubüßen. Die Non hat darum die gleiche Verschmelzung wie die Sekund, C und c wie C und c¹. Viertens ist der Verschmelzungsgrad unabhängig von der Stärke wie von der Zahl der Teiltöne. Die Einheitlichkeit eines Zweiklanges vermindert sich also nicht, wenn beide Töne oder einer von ihnen stärker bzw. schwächer wird; sie leidet auch nicht darunter, daß ein dritter Ton hinzutritt.

Konsonanz und Dissonanz. Unter Konsonanz versteht der Sprachgebrauch sowohl die innige Verbindung zweier Töne, wie auch die Annehmlichkeit, die einer solchen Verbindung eigen ist. Sieht man von letzterem als einem Gefühlsmoment ab, es wechselt nämlich je nach dem Beurteiler, so kann man die Konsonanz der

Verschmelzung in unserem Sinne gleichsetzen. Die Stufenfolge in der Vollkommenheit der Konsonanz, welche die Musikwissenschaft aufgestellt hat, stimmt nämlich mit der Reihenfolge der Verschmelzungsgrade überein. Nach der Musiktheorie sind Oktav, Quint und Quart vollkommene Konsonanzen, Terzen und Sexten unvollkommene, alle andern Dissonanzen. Ein prinzipieller Gegensatz zwischen Konsonanzen und Dissonanzen ließ sich jedoch experimentell nicht nachweisen. Somit darf die Dissonanz als mangelnde Einheitlichkeit zweier oder mehrerer Töne gelten. Empfindungsmäßig erscheint die Konsonanz als das Klare, Einfache, während die Dissonanz als rauh, unklar, zwiespältig anspricht.

3. Die Erklärung der Konsonanz

Eine kurze Besprechung der verschiedenen Erklärungsversuche wird uns zugleich noch einzelne Faktoren kennen lehren, die den Gesamteindruck mitbestimmen. Der älteste Erklärungsversuch beachtete besonders die einfachen Verhältnisse, die zwischen den Schwingungszahlen konsonanter Töne herrschen; einfache übersichtliche Verhältnisse seien uns angenehm (Leibniz). Allein die Konsonanz empfindet auch derjenige, der von den mathematischen Verhältnissen der Schwingungszahlen keine Ahnung hat. Ebensowenig wie von den Schwingungszahlen entdecken wir etwas von der Rhythmik der harmonischen Töne (Lipps). Verständlicher ist die Erklärung, welche die harmonischen Intervalle unmittelbar ein Lust-, die unharmonischen unmittelbar ein Unlustgefühl hervorrufen läßt. In der Tat begleitet jene in der Regel ein unmittelbares Lust-, diese ein unmittelbares Unlustgefühl. Doch ist dieser Zusammenhang ein unauflöslicher. Im Altertum soll die Oktav, im Mittelalter die Quint als angenehmstes Intervall gegolten haben, während heute die Terz bevorzugt wird. Und wie die Lust, so kann auch die Unlust wandern: Freunde moderner Musik können an dissonanten Intervallen Gefallen finden. Helmholtz hatte auf die große Bedeutung der Obertöne für die Klänge hingewiesen. Ein gewisser Reichtum an Obertönen scheint in Wirklichkeit den Gesamteindruck der Konsonanz zu verstärken. Zwischen Obertönen und Grundtönen entstehen ferner, wie oben gezeigt wurde,

Differenztöne, die ihrerseits Schwebungen verursachen können. Diese verleihen dem Gesamteindruck etwas Rauhes. Darum erblickte Helmholtz das Wesen der Dissonanz in den Schwebungen, das der Konsonanz in der Freiheit von solchen. Allein abgesehen von der Mißlichkeit, daß der positive Eindruck der Annehmlichkeit, wie ihn etwa die Terz gewährt, durch etwas rein Negatives verständlich gemacht werden soll, verträgt sich diese bedeutsame Theorie nicht mit den Tatsachen. Denn Stumpf gelang der Nachweis, daß es schwebungsfreie Dissonanzen und von Schwebungen begleitete Konsonanzen gibt. Helmholtz versuchte noch eine zweite Erklärung durch die Klangverwandtschaft. Zwei Töne sind um so ähnlicher, je mehr gemeinsame Obertöne sie haben. Nun sind gerade die konsonantesten Töne auch die im genannten Sinne ähnlichsten. Konsonanz ist darum als Ähnlichkeit der Töne zu verstehen. Indes, auch obertonfreie Töne verschmelzen. Auf eine andere Art der Klangverwandtschaft machte Wundt aufmerksam und suchte sie zur Theorie der Konsonanz zu verwerten: zwei Töne sind indirekt miteinander verwandt, wenn sie Obertöne desselben Grundtones sind. Tatsächlich wird auch bei einem Zweiklang der Grundton als Differenzton mitempfunden. Auch diese Theorie weist zwar neue Elemente auf, die bei dem Gesamteindruck mitspielen, läßt jedoch das Grundphänomen unerklärt. Der gemeinsame Grundton fügt zu den beiden andern nur einen dritten hinzu, besagt aber noch nicht eine Konsonanz der Primärtöne. Nach Ablehnung all dieser scharfsinnigen und für die Erkenntnis der Konsonanzerscheinungen wertvollen Erklärungsversuche kommt schließlich Stumpf dazu, in der Verschmelzung eine letzte psychologische Tatsache zu erblicken, die also psychologisch nicht weiter gedeutet werden kann und höchstens eine weitere physiologische Erklärung zuläßt. Vermutlich entsprechen den stärker verschmelzenden Tönen einheitlichere physiologische Vorgänge, die darum auch einen einheitlicheren psychischen Vorgang bedingen.

Literatur

C. Stumpf, Tonpsychologie. 2 Bde. 1883/1890.

2. Kap. Die optischen Raumeindrücke

Eine Mehrheit optischer Reize, die gleichzeitig auf das Auge einwirken, bedingen durch ihre Vielheit einen ganz anderen Eindruck als eine Mehrheit akustischer Reize. Mögen noch so viele und vielartige Luftwellen unser Ohr treffen, es entsteht niemals ein räumlich ausgedehnter Klang; der Klang gewinnt niemals etwas Flächenhaftes. Das Auge hingegen empfängt den unmittelbaren Eindruck einer sich in die Breite und Tiefe erstreckenden Ausdehnung; wenigstens ist dies so bei dem normalen Erwachsenen, von dem unsere Betrachtung stets ausgeht. Es wird sich empfehlen, zunächst den optischen Eindruck der Fläche zu studieren.

A. Der optische Eindruck der Fläche

1.

Das Flächenelement. Nativismus und Empirismus

Als erstes Problem drängt sich die Frage auf: Woher stammt das Räumliche beim Zusammentritt mehrerer Gesichtsempfindungen, oder genauer: bei der Reizung benachbarter Netzhautelemente? Bewirkt schon die Reizung einer einzigen Optikusfaser einen flächenhaften Eindruck? Ein solcher Versuch müßte wohl an einem Blindgeborenen angestellt werden, um etwaige Einflüsse der Entwicklung auszuschließen; allein mit unseren gegenwärtigen Mitteln ist er nicht ausführbar. Wir gehen darum besser von der uns bekannten Gesichtsempfindung selbst aus, die wir uns zunächst mit einem Raumwert ausgezeichnet vorstellen. Versuchen wir nun das Flächenhafte eines Rot auf Null zu reduzieren, so leuchtet ein, daß damit die Empfindung selbst verschwinden muß. Die Ausdehnung scheint somit eine der Gesichtsempfindung ursprünglich zukommende Eigenschaft zu sein.

Damit, daß das Empfindungselement von Haus aus flächenhaft ausgedehnt ist, ist noch nicht verständlich gemacht, warum die Reizung mehrerer nebeneinander liegender Netzhautelemente eine Summation der Flächeneindrücke ergibt, mit andern Worten, weshalb wir in diesem Falle eine ausgedehntere Fläche wahrnehmen. Noch viel weniger ist damit erklärt, wieso die räumliche Ordnung der Gesichtseindrücke der räumlichen Anordnung der gereizten Netzhautelemente entspricht. Namentlich um diese beiden letzten Fragen dreht sich auch heute noch der Streit zwischen Empirismus und Nativismus.

Teils aus metaphysischen Gründen, mit Rücksicht auf die Einfachheit der Seele (Herbart, Lotze), teils aus dem methodischen Gedanken heraus, mit möglichst wenigen Elementen des Seelenlebens auszukommen (die englischen Assoziationspsychologen), erkennt der Empirismus der ursprünglichen Gesichtsempfindung keine Ausdehnung zu. Die Entstehung der räumlichen Ordnung des Gesichtsbildes suchte Lotze durch die geistvolle Theorie der Lokalzeichen zu erklären: Wird eine exzentrisch gelegene Netzhautstelle von einem Lichtreiz getroffen, so wendet das Auge unwillkürlich die Netzhautmitte der Lichtquelle zu. Es führt dabei eine ganz bestimmte Muskelbewegung aus, die immer nur dann vorhanden ist, wenn nach anfänglicher Reizung jener bestimmten Stelle die Netzhautmitte dem Lichtreiz ausgesetzt werden soll. Werden andere exzentrische Stellen getroffen, so erfolgen andere Bewegungen und dementsprechend andere Muskelkontraktionen. Jede Muskelkontraktion ruft aber in der Seele eine eigenartige Spannungsempfindung hervor. Somit verbindet sich mit der Reizung einer jeden Netzhautstelle eine eigenartige Spannungsempfindung: dem System der Netzhautstellen entspricht ein System von Spannungsempfindungen. Wie die Bücher einer Bibliothek durch ihre Etiketten, so sind die qualitativen Erregungen der einzelnen Netzhautorte durch ihre Spannungsempfindungen gekennzeichnet. Und genau so wie eine solche Bibliothek in beliebiger Ordnung verpackt und doch in der früheren Ordnung in einem andern Raume wieder aufgestellt werden kann, so können auch in der Nervenleitung die Erregungen einen beliebigen Weg nehmen: die Seele weiß dann doch die ursprüngliche Ordnung wiederherzustellen. — Wundt baute diese Theorie zu der der komplexen Lokalzeichen aus. Die Farbenqualitäten, die von dem gleichen Reiz auf verschiedenen Orten der Netzhaut erregt werden, sind nicht gleich; bekanntlich verlieren sich nach der Peripherie zu sogar einzelne Farbentöne. Für jeden Punkt der Netzhaut gibt es eine charakteristische lokale Färbung. Mit dieser verbinden sich die gleichfalls charakteristischen Spannungsempfindungen. Und die Verschmelzung beider ergibt in der Seele ein völlig neues Produkt: die Ausdehnung samt der Ordnung. Allerdings soll sich dieser

Vorgang nicht in der Entwicklung des Individuums, sondern in der des Stammes vollzogen haben.

Allein die von den Empiristen vorgebrachten Gründe sind nicht überzeugend, und anderseits stehen ihrer Erklärung die größten Schwierigkeiten im Wege. Die Einfachheit der Seele kann diese sicher nicht hindern, ein Ausgedehntes abzubilden. Hingegen ist es unbegreiflich, wie die Summation unräumlicher Empfindungen jemals die Vorstellung einer Fläche liefern soll. Auch bleibt unfaßbar, daß die Verschmelzung von Licht- und Spannungsempfindungen das ganz anders geartete Produkt des Räumlichen ergibt. Der methodische Vorteil, mit weniger Elementen eine Erscheinung zu erklären, darf nicht durch die Einführung unbegreiflicher Annahmen erkauft werden. Weiter, die Lokalzeichentheorie muß eine Empfindlichkeit für kleinste Augenbewegungen ansetzen, die mit unseren sonstigen Erfahrungen nicht übereinstimmt. Überdies ist die Feinheit der Lokalisation gerade bei der Stelle der Netzhaut am größten, die keine Bewegungen zur Erreichung besserer Sichtbarkeit auszuführen braucht, nämlich beim gelben Fleck. Aus diesen Gründen neigt darum heute die Mehrzahl der Psychologen hinsichtlich der Flächenwahrnehmung dem Nativismus zu: Es ist eine letzte, nicht weiter zu erklärende Tatsache, daß der Reizung eines Netzhautelementes eine räumliche Lichtempfindung entspricht. Es ist ferner eine letzte Tatsache, daß die von räumlich getrennten Netzhautelementen erregten Empfindungen sich nicht über-, sondern flächenhaft aneinanderlegen, und zwar in der gleichen Reihenfolge und Richtung, in welcher die von den Lichtwellen getroffenen Nervenzellen angeordnet sind. Jeder Reizung einer bestimmten Netzhautstelle entspricht ein bestimmter Ortswert. Eine begünstigende Bedingung, nicht eine Erklärung dafür, liegt in der Tatsache, daß das Linsensystem des Auges die einzelnen Lichtstrahlen geordnet auf der Netzhaut verteilt, und daß die isolierte Nervenleitung die einzelnen Erregungen gesondert zum Gehirn weiterführt. Ist somit nach nativistischer Auffassung der Ortswert einer Netzhauterregung von Anfang an mitgegeben, so kann doch die weitere Entwicklung eine Verfeinerung der Ortsauffassung

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