2023
02
Künstliche Intelligenz
ventuno BNE für die Schulpraxis
Interview mit Dr. Peter G. Kirchschläger | Professor für Theologische Ethik und Leiter des Instituts für Sozialethik ISE an der Universität Luzern | D ANIEL FLEISCHMANN FÜR ÉDUCATION21
Schule muss bildschirmfreie Oasen schaffen Künstliche Intelligenz (KI) durchdringt immer mehr das menschliche Dasein – und wirft dabei ethische Fragen auf. Peter G. Kirchschläger, Ethik-Professor an der Universität Luzern, fordert darum eine UNO-Agentur zur Kontrolle von KI. Den Schulen empfiehlt er, kritisch mit digitalen Medien umzugehen und die Kinder in jenen Bereichen zu stärken, die das Menschsein genuin ausmachen: Beziehung, Begegnung, Kooperation. Herr Kirchschläger, lassen Sie uns zuerst definieren: Was ist künstliche Intelligenz? Künstliche Intelligenz versucht, zu imitieren, was menschliche Intelligenz leistet. Das gelingt fantastisch, wenn es um grosse Datenmengen, logische Deduktionen oder Erinnerungen geht. Grenzen sehe ich für Bereiche wie die emotionale und soziale Intelligenz. Roboter haben keine Gefühle. Und sie sind auch nicht moralfähig. Damit meine ich die Fähigkeit des Menschen, sich aufgrund seiner Freiheit selbst ethische Regeln zu setzen und für verbindlich zu erkennen. Ich würde daher auch vorschlagen, nicht von «künstlicher Intelligenz» zu sprechen, sondern von «datenbasierten Systemen».
Warum beschäftigen Sie sich mit diesen Systemen? Aufgrund ihrer hohen Relevanz für unsere Existenz interessierten mich früh deren ethische Chancen und Risiken. Mich bewegt die Frage, wie datenbasierte Systeme in den Dienst von allen Menschen und ihrer Menschenwürde, aber auch unseres Planeten einzusetzen sind. Geschieht das noch zu wenig? Ja. Datenbasierte Systeme werden fast ausschliesslich zur Steigerung von Effizienz entwickelt und eingesetzt. Andere Potenziale kommen oft gar nicht in den Blick. Pflegeroboter dienen z. B. nicht dazu, die Pflege zu verbessern, sondern sie sollen Kosten senken. Natürlich entlasten sie das Pflegepersonal. Aber es gehen auch die wenigen Minuten eines Gesprächs mit einer Pflegefachperson, einer menschlichen Begegnung, verloren. Was unterscheidet datenbasierte Systeme von gewöhnlichen Maschinen? Datenbasierte Systeme zielen nicht darauf, die Arbeit des Menschen zu erleichtern, sondern ihn zu ersetzen, und zwar auch in anspruchsvollen Tätigkeiten wie der Chirurgie oder der Jurispru-