2022
03
Frieden
ventuno BNE für die Schulpraxis
Interview mit Prof. Dr. Laurent Goetschel, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Basel und Direktor der Schweizerischen Friedensstiftung (swisspeace) | MYRIAM BROTSCHI AGUIAR
«Ein starkes Selbstbewusstsein hilft, sich einsetzen zu können» Im Lehrplan 21 werden unter der Leitidee der nachhaltigen Entwicklung fächerübergreifende Themen besprochen. Zu ihnen gehören «Globale Entwicklung und Frieden», «Politik, Demokratie und Menschenrechte» sowie «Kulturelle Identitäten und interkulturelle Verständigung». Wir sprechen mit swisspeace-Direktor Laurent Goetschel über seine Tätigkeit rund um die Friedensförderung. Wie skizzieren Sie die Kerntätigkeiten von swisspeace? swisspeace ist das Institut für Forschung und Praxis der Frie densförderung. Wir sind bestrebt, die Praxis der Friedensförde rung zu verbessern. Dabei gehen wir von der Annahme aus, dass, wenn man zu den richtigen Fragen Forschung betreibt, Verbes serungspotenzial besteht. Wichtig zu wissen: Wir sitzen nicht im Elfenbeinturm und ent wickeln Ideen, mit denen wir die Praxis beglücken. Wir beziehen unsere Forschungsfragen aus der Praxis, zum Beispiel durch das Analysieren bewaffneter Konflikte, und mit Relevanz für die Praxis. Das ist wie ein Kreislauf. Bitte nennen Sie uns ein Beispiel. Ein Beispiel wäre der Bereich der Mediation. Diese lässt sich schlank oder weniger schlank gestalten. Das heisst, man kann in der Mediation versuchen, einen Waffenstillstand zu erreichen.
Oder man kann weiter gehend versuchen, gewisse Sachen zu r egeln, die über das Aufhören von Gewalt hinausgehen. Zum Bei spiel wie man zukünftig Minderheiten behandeln soll. Oder wie man mit Verbrechen, die passiert sind, umgehen soll. Häufig er gibt sich hier eine Trade-off-Situation: Man kann versuchen, viele Aspekte in die Mediation hineinzunehmen, und kommt nie zu einem Waffenstillstand. Oder man nimmt sehr wenig mit hinein und kommt schneller zum Ziel, mit der Konsequenz, dass dann vieles noch ungeregelt bleibt. Sie haben sich der Friedensforschung verschrieben, wie definieren Sie Frieden? Wir sind bestrebt, dafür zu sorgen, dass Konflikte nicht oder, wenn doch, mit möglichst geringer physischer Gewalt gelöst werden. Die Antwort auf Ihre Frage lautet also: möglichst wenig Gewaltanwendung als Element der Konfliktlösung. In der Praxis stehen diese Prozesse sehr oft in Verbindung mit funktionierenden Institutionen und Normen, die respektiert wer den. Ist ein Staat also nicht allzu korrupt, nicht so gewalttätig und vor allem auch akzeptiert von andern, geht man davon aus, dass dies ein Beitrag zur Gewaltreduktion ist. Eine ketzerische Frage: Ist Krieg oder ist Frieden der normale Zustand für einen Menschen?