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Auszug aus DU UND DAS TIER 4-25

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Ausgabe 4/2025

55. Jahrgang

ISSN 0341-5759

tierschutzbund.de

DAS MAGAZIN DES DEUTSCHEN TIERSCHUTZBUNDES

DU UND das Tier

DU UND

GIFTIGES GRÜN

Diese Pflanzen können Haustieren gefährlich werden

HILFE FÜR MENSCH UND TIER

Was Tiertafeln für Bedürftige und ihre Schützlinge leisten

BEGEISTERNDES ENGAGEMENT

Der Deutsche Tierschutzpreis würdigt besondere Leistungen für die Tiere

SOZIALISATION IN DER TIERWELT

Die Schule des Lebens

was uns verbindet

Liebe Leserin, lieber Leser,

Jürgen Plinz, Schatzmeister

aus jahrzehntelanger Tierschutzarbeit weiß ich: Tiere sind uns in vieler Hinsicht erstaunlich ähnlich. Viele brauchen beispielsweise die Fürsorge, Nähe und Sicherheit einer Familie. Im Titelthema dieser Ausgabe erfahren Sie, wie Elefanten, Erdmännchen und Co. durch die Bindung zu ihren Eltern wachsen und wie Tiere ihr Leben lang leiden, wenn Menschen diese elementare Bindung aus wirtschaftlichen Gründen zu früh kappen (Seite 08). Wie heilend es wiederum sein kann, wenn traumatisierte Tiere Sicherheit und Gemeinschaft erfahren, durften wir bei den Braunbären Luba und Myhasyk live miterleben. Nach einer Jugend auf wenigen Quadratmetern sind sie wohlbehalten in unserem Tierschutzzentrum Weidefeld angekommen (Seite 30). Wir danken Ihnen für Ihre Unterstützung, ohne die solche Rettungsaktionen nicht möglich wären. Leider gehören zum Tierschutz aber immer auch Rückschläge. Die im Koalitionsvertrag von der Bundesregierung versprochenen und so dringend nötigen Hilfen für Tierheime scheinen plötzlich vergessen (Seite 50). Aufgeben

Schlaglicht

ist für uns dennoch keine Option. Im Gegenteil. Rückschläge spornen uns an und lassen uns noch entschlossener für den Schutz aller Tiere kämpfen. Auf unserer Mitgliederversammlung in Köln (Seite 18) haben wir zusammen mit unseren Landesverbänden und Mitgliedsvereinen Resolutionen mit klaren Forderungen an die Politik verabschiedet. Diese unermüdliche Entschlossenheit sehen wir auch bei den Preisträger*innen des Deutschen Tierschutzpreises, die auf unterschiedliche Arten das Leben von Tieren verbessern (Seite 22) sowie bei den Tiertafeln, die mithelfen, dass bedürftige Menschen ihre tierischen Gefährten versorgen und behalten können (Seite 42). Ihre Geschichten geben uns Zuversicht und Motivation, dass wir den Wandel zum Wohle der Tiere schaffen können. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine besinnliche Weihnachtszeit und einen guten, böllerfreien (Seite 07) Rutsch ins Jahr 2026.

Der Deutsche Tierschutzbund bringt mit seinem Animal-Hoarding-Bericht für das Jahr 2024 zum vierten Mal in Folge einen besorgniserregenden Rekord ans Licht. Dem Verband sind in dem Jahr 147 Fälle von Animal Hoarding mit 8.911 betroffenen Tieren bekannt geworden. Im Vergleich zu 2023 stieg die Anzahl um über 2.000 Tiere. Die meisten Fälle gab es in Nordrhein-Westfalen, gefolgt von Bayern. „Die Tiere sind in der Regel in einem schlechten Zustand, unterernährt und krank. Sie müssen oft auf engem Raum und im eigenen Urin und Kot leben. Untereinander pflanzen sie sich unkontrolliert weiter fort, sodass der Bestand immer weiter ansteigt“, erklärt Nina Brakebusch, Referentin für Interdisziplinäre Themen beim Deutschen Tierschutzbund. Die ohnehin stark belasteten Tierheime können die Versorgung der beschlagnahmten und meist völlig verwahrlosten Tiere kaum mehr stemmen und geraten an räumliche, finanzielle und psychische Grenzen.

Tier liebe

Als nördlichster Singvogel der Welt ist die Schneeammer optimal an das Leben in extremer Kälte angepasst. Sie brütet in Felshöhlen der Arktis und überlebt sogar Schneestürme, indem sie sich im Schnee vergräbt. Im Winter besucht sie unsere Küsten auf der Suche nach Nahrung und ist dann meist in groẞen Schwärmen anzutreffen.

Nicht nur Menschen lernen von ihrer Familie und ihrem Umfeld. Auch Tiere geben durch Nähe, Fürsorge und Gemeinschaft über Generationen Wissen weiter, das ihr Nachwuchs zum Überleben braucht – solange der Mensch ihnen diese Bindung nicht nimmt. Der Deutsche Tierschutzbund lud

Wie derAlltag einer Milchkuh aussieht und warum wir etwas ändern müssen (Seite 26).

Die Braunbären Luba und Myhasyk sind aus der Ukraine im Tierschutzzentrum Weidefeld angekommen (Seite 30).

Tierschützer und Content Creator Malte Zierden über den Katzenschutz (Seite 41).

nach Köln zur Mitgliederversammlung ein (Seite 18).

Geboren, um zu Sterben

Das Leben einer Milchkuh

Milchkühe geben täglich alles – doch ihr Leben ist geprägt von Trennung, Schmerzen und Ausbeutung. Hinter jedem Glas Milch, jeder Scheibe Käse und jedem Stück Butter steckt das Schicksal eines fühlenden Wesens. Wie der Alltag einer Milchkuh aussieht und warum wir etwas ändern müssen.

Das Kalb kommt im Laufstall auf dem Spalten- oder Betonboden zur Welt. Ein geschützter Platz mit Stroh fehlt oft. In der Anbindehaltung wird das Kalb in der Mistrinne geboren. Die Kuh kann sich nicht umdrehen, es trocken lecken oder es mit dem ersten fürs Immunsystem wichtigen Kolustrum versorgen.

In der Regel wird das Kalb seiner Mutter schon kurz nach der Geburt entrissen. Was beide instinktiv bräuchten – Nähe, Bindung, gegenseitige Fürsorge –, bleibt ihnen verwehrt. Dürfen sie ausnahmsweise ein paar Tage miteinander verbringen, ist der Schmerz der Trennung umso größer: Tagelang rufen Kuh und Kalb nacheinander.

Seine ersten Lebenswochen verbringt das Kalb in einem Kälberiglu. Statt mit Artgenossen zu spielen und gemeinsam zu rennen, bleiben die Tiere isoliert. Nur selten erlauben Betriebe in dieser sensiblen Phase eine Gruppenhaltung. Gesetzlich vorgeschrieben ist das gemeinsame Aufwachsen erst ab der achten Woche und selbst hier gibt es Ausnahmen.

Wenige Wochen nach der Geburt werden ihm die Hornansätze mit einem heißen Brennstab ausgebrannt – in vielen Fällen kann das äußerst schmerzvoll sein, weil die Betäubung oft nicht ausreicht. Mit Hörnern bräuchten die Tiere mehr Platz – den Höfe ihnen nicht geben.

Spätestens mit acht Wochen führen die Tierhalter*innen das Kalb in einer Gruppe mit anderen Kälbern zusammen. Dabei können die Tiere nicht zwingend auf einer weichen Einstreu liegen. Sie ist ab der dritten Lebenswoche nicht mehr Pflicht. Ältere Kühe fehlen. Die Jungtiere wachsen ohne Vorbilder auf.

Da die Milch der Kühe verkauft wird, erhält das Kalb künstlichen Milchaustauscher statt Muttermilch –vielerorts nur zweimal täglich. Die hungrigen Jungtiere trinken dann hastig und entwickeln leicht Verdauungsprobleme. Vor allem aber bleibt ihnen verwehrt, jederzeit bei ihrer Mutter zu saugen, Nähe zu erfahren und soziale Bedürfnisse zu stillen. Weil das Kalb nicht nach seinen Bedürfnissen saugen kann, fängt es an, an den anderen Tieren zu saugen – was schmerzhafte Entzündungen zur Folge haben kann.

Noch schlechter läuft es, wenn sie zu den rund 410.000 deutschen Milchkühen in Anbindehaltung gehört. 71 Prozent davon sind ganzjährig fixiert. Sie können weder umherlaufen noch ungestört liegen.

Das Kalb wächst zur Kuh heran. In Deutschland werden etwa 3,7 Millionen Milchkühe gehalten. Gehört die Kuh zu dem Großteil dieser Tiere, verbringt sie ihr Leben auf harten Spalten- oder Betonböden in engen Liegeboxenlaufställen. Weidezugang wird leider immer seltener gewährt. Auf den harten und oft rutschigen Böden findet die Kuh kaum Halt und Komfort.

Um die Milchleistung zu steigern, wird die Kuh künstlich besamt und verbringt fast ihr ganzes Leben trächtig – sie wird zur reinen Gebärmaschine. Die erste Besamung erfolgt mit etwa 15 Monaten. Sie ist danach neun Monate trächtig und wird nach der Geburt direkt wieder besamt.

Männliche Kälber von Hochleistungsrassen sind für die Milchindustrie wirtschaftlich wertlos, da sie keine Milch geben und zu wenig Fleisch ansetzen. Jährlich werden rund 620.000 ins Ausland verschickt – in ein Leben voller Angst und Stress in fremder Umgebung, getrennt von ihren Müttern. Dort werden sie einige Monate gemästet und nach nur anderthalb Jahren geschlachtet.

Die Kuh wird gemolken, auch während sie trächtig ist. Je nach Rasse produziert sie bis zu 50 Liter Milch pro Tag – eine extreme Belastung. Zum Vergleich: 1990 lag die durchschnittliche Milchleistung pro Kuh und Jahr bei rund 4.700 Litern, 2023 bereits bei 8.780 Litern.

Nach nur etwa fünf Jahren ist die Kuh völlig erschöpft. Ihre Milchproduktion bricht ein, ihr Stoffwechsel ist gestört, sie lahmt und ihr entzündetes Euter schmerzt. Medizinische Hilfe lohnt wirtschaftlich nicht. Dabei könnte sie ohne so hohe Leistung in tiergerechter Haltung bis zu 20 Jahre alt werden.

Die Kuh wird zum Schlachthof transportiert. Oft erleiden die Tiere währenddessen unvorstellbaren Stress. Die Fahrten können wenige Minuten oder viele Stunden dauern. Kurzstrecken gelten bis acht Stunden, bei längeren Transporten muss erst nach 14 Stunden die erste kurze Pause erfolgen – ein Kreislauf, der sich im Extremfall wiederholen kann.

Dann treiben Betriebsmitarbeiter*innen die Kuh zur Betäubung. Sie fixieren ihren Kopf in engen, vollautomatischen Boxen, die jede Bewegung verhindern. Mit dem Bolzenschuss ins Gehirn bricht das Tier zusammen.

Am Schlachthof wird die Kuh abgeladen und in den Wartebereich getrieben. Zusammengepfercht mit anderen Tieren wartet sie dort auf ihr unvermeidbares Ende.

Das Personal überprüft, ob die Betäubung tief genug ist und entblutet das Tier. Dabei werden die großen Blutgefäße am Herzen geöffnet. Durch den Blutverlust stirbt die Kuh. Anschließend wird ihre Haut abgezogen, ihr Körper zerlegt und weiterverarbeitet – das Leben des Tieres endet in routinierter Präzision.

All das muss die Kuh durchstehen, damit der Mensch Milchprodukte verzehren kann. Doch es geht anders – zeig Dein Herz für Milchkühe und werd‘ vegan.

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Vielen Dank, dass Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe von werfen. Diese exklusive Gelegenheit ist üblicherweise unseren Fördermitgliedern vorbehalten, die das Magazin des Deutschen Tierschutzbundes viermal jährlich frei Haus erhalten. Seit über 50 Jahren erscheint es in gedruckter Form. Auf 54 Seiten klären wir über Missstände auf, informieren über aktuelle Entwicklungen und geben Anregungen, wie jeder Einzelne Tieren helfen und sie schützen kann. Dabei widmen wir uns Heim- oder Wildtieren gleichermaßen wie den Tieren in der Landwirtschaft oder in Tierversuchslaboren.

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