Classic SAISON 2025
KLASSISCHE SCHÖNHEITEN AM BODENSEE
ENTDECKT
Riva Super Tritone aus einer Höhle bei Neapel
GESICHTET
Klassiker am Bodensee im Porträt
GELIEBT
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EUR 12 | CHF 12
#2 | 2025
Bewegte Geschichten: Menschen, Boote & Klassikerliebe
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EDITORIAL | 3 EDITORIAL
LIEBE LESERINNEN UND LESER, Tradition kann knarzen wie ein alter Bootsrumpf –
Wir streifen durch Jahrzehnte, hören das Knarzen
oder glänzen wie frisch lackiertes Mahagoni, manch-
alter Dielen unter Deck, das Brechen alter Masten –
mal auch nach langem Winterschlaf. Sie kann mal
und das leise Klicken, wenn ein neuer gesetzt wird.
nach Altöl, mal nach frischem Wind riechen. Tradi-
Wir halten Ausschau: Was bewegt die Klassiker
tion ist lebendig, wenn wir gemeinsam Logbücher
heute?
aufschlagen, Bootstaufen oder den zweiten Stapellauf feiern. Tradition ist mehr als Erinnerung auf dem
Wir fangen die Anmut einer Schärenkreuzerin ein,
Bodensee. Sie lebt – auf dem Wasser, in den Werften,
lauschen den Geschichten ihrer legendären Crew,
an den Stegen und bei jeder Veranstaltung, bei der
staunen über die unglaubliche Restaurierungsge-
Gleichgesinnte zusammenkommen. Zwischen Riva,
schichte und das neue Leben eines 15ers namens
15m2 SNS und Schärenkreuzer wird sie nicht kon-
AVALON und lassen uns treiben in der Familienge-
serviert, sondern mit Herzblut gepflegt, gelebt und
schichte des PETRUS.
weitergegeben. Boote wie diese sind mehr als Objekte. Sie sind ZeitOb bei der Bodenseewoche, dem Klassiker- oder Old-
zeugen, Träume auf dem Wasser, Liebeserklärungen
timer-Treffen oder beim Schleifen in der Werft: Die
an ein Handwerk und vor allem: ein Gefühl.
Klassiker-Gemeinschaft ist bunt, aktiv und lebendig. Hier trifft Herz auf Handwerk, Tradition auf Moderne.
Danke an alle, die ihre Geschichten und ihr Wissen
Wir kreuzen gemeinsam durch bewegende und fas-
für diese Ausgabe mit uns geteilt haben. Und an Sie,
zinierende Geschichten – von Booten, Menschen,
dass Sie mit uns in See stechen.
Klassikern am Bodensee. Willkommen an Bord der Ausgabe Classic. Wir tauchen ein in die Renaissance einer Riva Super Tritone – geborgen aus einer Höhle bei Neapel, mit
Ihre
klopfendem Herzen ersteigert und mit Hingabe restauriert. Heute ist sie stolz und glänzend auf dem Bodensee unterwegs. Wir segeln durch die Geschichte einiger Klassiker am See, die heute noch unterwegs gesichtet werden können. Und machen dabei Abstecher in Bootskunde und spannende Fakten.
Cindy Beisert
4 | INHALT
06 INHALT
28
Entdeckt: Liebhaberstücke zwischen Tradition & Zeitlosigkeit Riva Restaurierung: Ein Boot für alle Sinne ...................................................................... 6 Uhren für die Ewigkeit ................................................................................................... 18
Formvollendet in Zahlen & Linien Meterformel & Meterklassen: Eleganz in Formeln und Segeln ........................................ 20
Gesichtet: Klassiker auf dem Bodensee – Klassenportraits Schweizer Meterklassen: Lacustre & 15m2 SNS ................................................... 28 | 31 Schwedischer Klassiker: 30er Schärenkreuzer .............................................................. 32 Deutsche Klassiker: 45er & 75 Nationale Kreuzer ................................................... 34 | 36 Meterklassen: 6m & 8m Rennyacht ........................................................................ 38 | 40 Bodensee-stark: 20er Jollenkreuzer ............................................................................... 42 Mahagoni-Runabouts: Motorboote mit Klasse ................................................................ 44 Lebendiger Mythos: Riva ............................................................................................... 46
Alle Bildnachweise auf den jeweiligen Redaktionsseiten. Titelbild: Julius Osner
INHALT | 5
48
72
Boote mit Charakter,
Geschichten mit Herzblut
Ikonen auf dem Wasser: Klassische Schönheiten, ihre Menschen & Geschichten Bodenseewoche ............................................................................................................ 48 Die GUN & die Gunies – die Schärenkreuzerin und ihre legendäre Crew ........................ 52 AVALON – vergessene Schönheit aus dem Brockenhaus mit neuem Leben auf dem Bodensee ............................................................................. 62 PETRUS – 100 Jahre Eleganz und Segelleidenschaft ...................................................... 72
Eine Reise durch die Zeit Ausstellung: Franz Plunder – der Atlantische Traum eines Bodensee-Abenteurers ........ 80
Impressum .................................................................................................................. 82
6 | RIVA-RESTAURIERUNG
… gepaart mit Linien
von klassischer Eleganz
RIVA-RESTAURIERUNG | 7
Ein Boot für alle Sinne Der Schatz aus Neapel Text: Anette Bengelsdorf
Neapel im Dezember 2018: In einer Nacht- und Nebelaktion wird ein Wrack aufgeladen und an den Bodensee transportiert. Eine Riva Super Tritone oder vielmehr das, was von ihr übrig geblieben ist. Dieses Wrack ist ein Schatz. Je nach Quelle wurden von diesem Boot nur 21 oder 29 Exemplare gebaut, von denen angeblich nur noch 14 erhalten sind. Ein Leckerbissen für einen Riva-Fan. Denn heute ist eine Super Tritone in ihrer legendären Anmut eines der beliebtesten Sammlerstücke. Als Carlo Riva dieses Exemplar mit der Nummer 200 im Jahr 1962 in seiner Werft in Sarnico baute, war sie schon längst ein Statussymbol. Der Bootsbauer vom idyllischen Iseo-See war einer der ersten, der ein Motorboot nicht nur als Transportmittel sah. Denn im Italien der Nachkriegszeit hatte ein neuer Lebensstil Einzug gehalten, und Freizeit wurde jetzt mit Vergnügen versüßt. Und dieses sollte edel sein: glänzendes Mahagoni, jede Menge Chrom, Polster vom Feinsten, gepaart mit Linien von erotischer Eleganz.
Wie auf Schienen gleitet „Martha“ durchs Wasser. Foto: Julius Osner
8 | RIVA-RESTAURIERUNG
Das einst glänzende Chrom war grün. Foto: Olaf Köster | ok-photography.de
„Marthas“ Armaturenbrett wie 1962 gebaut. Foto: Olaf Köster | ok-photography.de
Legendenstatus und Vorbesitzer 11,5 Millionen Lire kostete damals das zweimotori-
Zu dieser Zeit war „Martha III“ bereits in einer Grotte
ge Flaggschiff aus der Edelschmiede. Gemessen am
auf der Insel Capri eingelagert. Als die Witwe ihr Erbe
damaligen durchschnittlichen Monatslohn von etwa
abholen wollte, wurde ihr der Zugang zur Grotte ver-
4500 Lire ein Vermögen. So wurde sie zum Symbol
wehrt.
für Luxus und Erfolg und dafür, dass man es zu etwas gebracht hatte. Frauen wie Brigitte Bardot und Anita
Sie musste mit männlicher Begleitung ihrem Begeh-
Ekberg waren Eignerinnen dieser exklusiven Boote,
ren Nachdruck verleihen, um „Martha“ schließlich
Alfred Krupp ließ sich eine der selte nen Super Tritone
nach Neapel zu bringen. Dort lagerte sie das Boot in
bauen, auch der Bonvivant Gunter Sachs schmückte
einer Tuffgrotte ein und versuchte, es zu verkaufen.
sich damit.
Auf dem führenden italienischen Online-Marktplatz „Subito“ stellte sie es ein und löste damit einen Wett-
Und dann war da noch der Auftraggeber der Bau-
bewerb der Schäbigkeit aus. Für ein Taschengeld ver-
nummer 200. Ein gewisser Herr Portanova, ein Gigo-
suchten unzählige Interessenten, ihr das Boot abzu-
lo von zweifelhaftem Ruf, der angeblich seine Eltern
luchsen, und unterboten sich dabei.
auf Herausgabe seines Erbes verklagte. Wie lange er die Riva besaß, ist nicht bekannt. Sie ging später an einen Juristen, und als dieser starb an dessen Ehefrau als alleinige Erbin.
RIVA-RESTAURIERUNG | 9
Der Zahn der Zeit ...Foto: Olaf Köster | ok-photography.de
Von der Grotte zur Auktion Die Witwe nahm „Martha“ vom Markt und startete
Als die Riva im Hafen von Neapel verladen wurde,
einen neuen Versuch. Diesmal sollte das Boot auf
provozierte sie einen Menschenauflauf. So kaputt wie
Subito versteigert werden und am 30. Oktober 2018
sie war, war sie noch immer unfassbar schön, ihr An-
endgültig an den Meistbietenden gehen.
blick majestätisch. Für eine gewisse Zeit war der Eig-
Für den heutigen Eigner war die Super Tritone schon
ner sogar versucht, sie in ihrer morbiden Schönheit
immer die schönste aller Rivas. Er glaubte aber nicht
zu belassen. Doch dann, nachdem er sich für eine
daran, dass es ihm jemals gelingen würde, ein sol-
Werft entschieden hatte, ging er es an. 2020 stand
ches Prachtexemplar zu besitzen. Bis ihn ein italie-
sie bei Andreas Hagner in Uhldingen-Mühlhofen in
nischer Freund auf die Subito-Auktion aufmerksam
der Werft.
machte. Kurz entschlossen definierte er sein monetäres Limit und flog am 29. Oktober nach Neapel, um
Erhaltener Originalzustand als Glücksfall
sich mit der Witwe zu treffen. Wie durch ein Wunder
Da lag sie. Auf dem Rücken wie ein toter Wal, von
entsprach das Höchstangebot der Bieter exakt sei-
dem teilweise nur noch die mächtigen Rippen zu se-
nem festgelegten Budget. Herunterhandeln ließ sich
hen waren. Doch der desolate Zustand der Super Tri-
die Dame nicht, war aber bereit, ihm für den genann-
tone sollte sich als Glücksfall erweisen. In 58 Jahren
ten Preis das Boot zu überlassen. Innerhalb von vier
wurde lediglich ihr Unterwasserschiff einmal lackiert.
Stunden stand der Vertrag und „Marthas“ Rettung
Der Rest entsprach dem Originalzustand und nichts
nahm ihren Lauf.
war in guter Absicht kaputt restauriert worden.
10 | RIVA-RESTAURIERUNG
Dieses Wrack ist ein Schatz. Foto: Olaf Köster | ok-photography.de
Ein seltener Glücksfall, ein Hauptgewinn. Neben den
Carlos Riva wollte die Produktion rationalisieren.
Beschlägen waren Teile des Kiels und nahezu alle
Nach langer Forschung und vielen Experimenten
Spanten erhalten. Ein Beweis für die fachkundige
wurde ein wasserfestes Bootssperrholz entwickelt,
Auswahl des verbauten Materials.
woraus er ab 1955 zunächst die Böden der Boote, ab 1957 auch Deck und Spiegel baute. Sieben Schich-
Auf die Auswahl der Hölzer hatte Carlo Riva beson-
ten, acht Millimeter dick. Doch er träumte weiter.
deren Wert gelegt. Mahagonistämme aus Gabun und
Von großen vorgeformten Elementen, bestehend aus
von der Elfenbeinküste waren für die Struktur, die aus
mehreren unter Druck verleimten Holzschichten,
Honduras für das Finish vorgesehen und lagerten bei
die sich flott zusammenbauen ließen. Anstelle einer
ihm zwei bis drei Jahre lang, bevor er sie sägte und sie
zweiten festen Form, deren Herstellung auf den Milli-
nochmals trocknen ließ.
meter genau zur anderen Hälfte hätte passen müssen, drückte er mit einem von Pirelli entwickelten,
Wurden die Boote anfänglich zweilagig beplankt,
luftgefüllten Schlauch mit hohem, gleichmäßigem
zeigte diese Technik bald ihre Nachteile. Es bildeten
Druck auf die Holzschichten, die sich durch Kunst-
sich Risse, Wasser drang ein, das zwischen den bei-
harz miteinander verbanden. Dabei konnte er die vor-
den Lagen verklebte Gewebe verrottete und der Lack
geformten Holzschichten in Stärke und Anzahl den
platzte ab. Zudem mussten die Planken sehr lang und
unterschiedlichen Belastungen der Boote anpassen.
aus einem Stamm sein, damit Farbe und Maserung Rivas Qualitätsansprüchen genügten.
RIVA-RESTAURIERUNG | 11
Totgeglaubter Wal, nur noch die mächtigen Rippen sind zu sehen. Foto: Olaf Köster | ok-photography.de
Holzkunst à la Riva „Marthas“ Planken waren durchgängig hoffnungslos
So war ihre Figur auch beim Wenden in ein Korsett
verrottet. Andreas Hagner vermutet, dass das Boot
geschnürt. Das Sperrholz des Unterwasserschiffs war
nicht immer in Höhlen untergebracht, sondern davor
komplett hinüber, und was die Holzwürmer vom Deck
viele Jahre zunächst unter einer Plane, später unab-
übrig gelassen hatten, hatte die Fäulnis dahingerafft.
gedeckt der Witterung Neapels ausgesetzt war. Da
Die Unterkonstruktion musste komplett neu gebaut
Carlo damals nicht einmal im Traum daran gedacht
und das Deck unter Vakuum formverleimt werden.
hätte, die Planken zu schäften, mussten sie auch bei
Anschließend wurden Nuten eingefräst und helle
der Restaurierung durchgehend sein. Dafür brauchte
Ahornleisten eingelegt, um die klassische Riva-Optik
es makelloses Holz in zehn Metern Länge, was nicht
wiederherzustellen. Was irgendwie noch zu verwen-
einfach zu bekommen ist. Hondurasmahagoni, das
den war, blieb erhalten.
damals Verwendung fand, darf heute als Stamm nicht mehr importiert werden. Hagner verwendet deshalb
Zum Glück waren die Beschläge so gut wie vollstän-
Mahagoni, das Honduras ähnlich ist, um so original-
dig. Doch der einst glänzende Chrom war grün. Chrom
getreu wie möglich zu restaurieren. Sein Team plank-
war in den Anfangsjahren Carlo Rivas Albtraum gewe-
te, wie es damals üblich war, mit viel Geduld und
sen. Lagen seine Boote im Salzwasser, war der Glanz
Sachverstand. In dieser Länge eine Kunst für sich.
nach zwei Jahren dahin, während der auf amerikanischen Exemplaren unverändert strahlte. Carlo flog
Damit sich die alte Dame nicht verziehen konnte,
nach Amerika, um das Geheimnis zu lüften. Es war
baute ihr die Werft ein hellingartiges Gestell.
banal, die Chromschicht einfach viel dicker.
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Neuer Lack – neuer Glanz. Foto: Olaf Köster | ok-photography.de
Zurück am Iseosee baute er eine eigene Werkstatt
Der Frontscheibe eines Cadillacs nachempfunden,
auf und verchromte seine Beschläge fortan selbst. Ab
aus Echtglas, einteilig, gebogen und auch noch grün
1960 war seine Chromschicht dreimal so dick wie die
getönt. Selbst Hagner, der als Riva-Experte in der
in Amerika.
Szene einen Namen hat, weiß nicht, wer so etwas heutzutage noch herstellen würde.
Technik und Tradition vereint Wie bei jeder Riva-Restaurierung schickte Andreas
Kraftvolle Rarität – Engel mit Muskeln befeuern die
Hagner „Marthas“ Beschläge nach Italien, wo sie auf-
Super Tritone
gearbeitet und neu verchromt wurden. Auch bei den
Das Modell Tritone, dem der griechische Meeresgott
Schrauben machte er keinen Kompromiss. Wenn man
Triton Pate stand, wurde ab 1953 in Sarnico 258 Mal
eine Riva restauriert, müssen schließlich das verwen-
gebaut und war jahrelang das Topmodell der Werft.
dete Material und die angewandten Techniken dem
Sie war mit zwei Chris-Craft-Motoren mit jeweils 5,2
Original entsprechen. Die Originalschrauben, soge-
Litern Hubraum und 177 PS ausgestattet. Für Alfred
nannte Frearson-Schrauben aus Silikonbronze, sind
Krupp – er brauchte stärkere Maschinen – wurden
mit einem besonderen Kreuzschlitz versehen und
zwei Cadillac-Motoren eingebaut. Aus dieser Erfah-
gelten aufgrund ihrer Legierung als extrem salzwas-
rung wurde die Super Tritone geboren. Ausgerüstet
serbeständig. Eine Schraube, sagt der Meister, koste
mit zwei Chris-Craft-Maschinen mit einem Hubraum
1,80 Euro und davon brauche er Hunderte, verchromt
von jeweils 7 Litern und 275 PS musste sie einen
für die Scheuerleisten und andere sichtbare Stellen.
Spant länger gebaut werden, damit die beiden Tanks
Kompromisslos und bis ins kleinste Detail musste das
– sie hatten jetzt einen Inhalt von 480 Litern – darin
Boot seinem ursprünglichen Zustand entsprechen.
Platz fanden.
Zum Glück war die Windschutzscheibe noch intakt.
RIVA-RESTAURIERUNG | 13
Bootsbaumeister Andreas Hagner legt Wert auf Perfektion. Foto: Olaf Köster | ok-photography.de
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Auf Hochglanz originalgetreu ins zweite Leben. Foto: Julius Osner
Ein Artikel in einem Fachmagazin 1962 lobte den
Herzstücke in Einzelteilen –
Motor unter der Überschrift „Engel mit Muskeln“ in
Die Rettung der Motoren
den höchsten Tönen: „Welcher Skipper würde einen
Die beiden Muskelprotze, die einst in „Martha“ arbei-
solchen Bootsmotor nicht lieben? Es ist beinahe zu
teten, waren von ihrem Leben in Untätigkeit schwer
gut, um wahr zu sein … wird schneller warm, läuft ru-
gezeichnet. Der Rost hatte über die Jahre nicht nur
higer, braucht weniger Service und hat eine längere
den Motorblock angefressen. In den Zylindern stand
Lebensdauer als andere Bootsmotoren.“
das Wasser, die Kolben waren festgerostet. Ein scheinbar hoffnungsloser Fall. Nicht für Markus
Von Anfang an hatte sich Riva in den Kopf gesetzt,
Schuler. Der junge Wirtschaftsingenieur hat sich auf
amerikanische Motoren zu verbauen. Sie waren zwar
Marinemotoren spezialisiert und hat sich selbst akri-
nicht so spektakulär wie die italienischen, dafür wur-
bisch in die Technik von Oldtimern eingearbeitet. Die
den sie in großen Mengen – ursprünglich für Auto-
große Herausforderung der Restaurierung bestand in
mobile – gebaut und Ersatzteile waren überall auf
der unterschiedlichen Drehrichtung der beiden Ma-
der Welt erhältlich. Mit ihrem großen Hubraum waren
schinen. Auf Steuerbord ist die Maschine verbaut, die
sie weniger verschleißanfällig und für ihn Sinnbild für
den Propeller im Uhrzeigersinn dreht, auf Backbord
Perfektion und Sicherheit. Denn eines hatte er ge-
die, die ihn gegen den Uhrzeigersinn laufen lässt. Da-
lernt: Fiel ein Motor aus, war es eine Schande für den
durch hebt sich der Radeffekt auf, der bei zwei Moto-
Bootsbauer, obwohl er dafür gar nicht verantwortlich
ren gleicher Drehrichtung enorm wäre. Da normaler-
war. Und das galt nicht nur für die Rennboote seines
weise rechtsdrehende Motoren verbaut werden, sind
Vaters.
die Linksdreher rar und die Beschaffung von Ersatzteilen nahezu unmöglich.
RIVA-RESTAURIERUNG | 15
Technische Daten: Länge
8,22 m
Breite
2,62 m
Tiefgang
0,54 m
Motor
x Chris Craft Modell 431, 2 V8, 7046 ccm, 275 PS bei 4000 rpm
Geschwindigkeit 84 km/h Tankvolumen
480 l
Gewicht
2,9 t
Armaturen im neuen Glanz. Foto: Julius Osner
So schön wie neu. Foto: Julius Osner
So waren schon die unterschiedlichen Nockenwellen
Eine Riva erfasst man mit allen Sinnen
ein Problem.
Als „Martha“ am 12. April 2025 im Hafen von Uhldingen am Kran hängt, zieht die Stilikone wieder alle
Schuler zerlegte die Motoren in ihre Einzelteile. Der
Passanten an. Chrom auf hochglanzlackiertem, flam-
Block, ursprünglich in Straßenkreuzern von Mercury,
menrotem Mahagoni und Handarbeit von höchster
Edsel und Lincoln verbaut und von Chris-Craft mari-
Präzision hat bis heute nichts von seiner Wirkung ver-
nisiert, wurde sandgestrahlt, ultraschallgereinigt und
loren.
gebürstet. Alle acht Zylinder und Kolben des V-Mo-
Und dann schwimmt die schöne „Martha“ und ent-
tors geschliffen. Schuler musste Dichtungen selber
faltet bald darauf ihren akustischen Reiz. Auf Knopf-
schneiden, Krümmer und Kühlrohre anfertigen und
druck startet zunächst die Backbordmaschine, dann
das Puzzle sorgfältigst wieder zusammenfügen. Ein
die auf Steuerbord, und beide blubbern harmonisch
Monsterprojekt, wie er sagt, mit mehr als 400 Stun-
im Duett. Gleichzeitig nimmt das ausgeklügelte Kühl-
den Arbeit, die ihn mit Stolz erfüllt. Der Aufwand habe
system seine Arbeit auf. Jeweils zwei Wasserpumpen
sich gelohnt, davon ist der junge Mann überzeugt.
sorgen für die richtige Betriebstemperatur und pas-
Denn solche Motoren zu erhalten, sei deutlich nach-
sen die Durchflussgeschwindigkeit der Motordreh-
haltiger, als neue zu fertigen. Das treibt ihn an.
zahl an. Von Null auf Hundert beschleunigt man die kalten Motoren aber nicht. Bei geringer Drehzahl muss sich das Öl in den Maschinen erst langsam erwärmen. Der Fahrer steuert die Drehzahl beider Motoren separat. Laufen sie mit gleichem Speed, bullern sie in derselben Frequenz.
16 | RIVA-RESTAURIERUNG
… Lebensfreude pur!
RIVA-RESTAURIERUNG | 17
Balsam für die Ohren, während sich dezenter Benzingeruch mit dem von Mahagoni mischt. Die Beschleunigung presst die Passagiere jetzt in die Polster. Die Engel zeigen ihre Muskeln, der Bug hebt sich und „Martha“ gleitet gefühlt schwerelos über das Wasser. 2000 Umdrehungen in der Minute zeigen die beiden Drehzahlmesser an. Ein Tachometer sucht man vergeblich am Armaturenbrett aus grauem Resopal, dass Hagner in Italien nach altem Vorbild fertigen ließ. Auch die Polster aus türkisgrünem und elfenbeinfarbenem Kunstleder werden noch heute in Italien in speziellen Manufakturen originalgetreu nachgebaut und bieten auf den Mahagonimöbeln aus seiner Werft höchsten Sitzkomfort. Wie auf Schienen gleitet „Martha“ mit 40 Stundenkilometern übers Wasser. Im Gleichklang, ohne Vibrationen, arbeiten die Maschinen mit halber Last. Drehzahlmesser, Anzeigen für Öldruck, Motortemperatur und Treibstoff sowie die Amperemeter vermitteln den Eindruck, in einem amerikanischen Cabriolet der Sechzigerjahre zu sitzen. Von dort stammt auch das zweispeichige Steuerrad auf Backbord, mit dem sich „Martha“ mit geringem Kraftaufwand um die Kurve steuern lässt. Ein Gestängesystem überträgt die Drehung auf die beiden etwa DIN A4 großen Ruderblätter aus Bronze. Hier draußen auf dem See bereiten die sparsam dimensionierten Täfelchen kein Problem. Beim An- und Ablegen auf engem Raum ist aber der Könner gefragt. Lässt dieser je nach Fahrtrichtung eine Maschine im Rückwärtsgang laufen, wird die Lenkung durch den Radeffekt kräftig unterstützt. Es gebe Boote, die einfacher zu fahren seien, so der Eigner. Doch das zähle für ihn nicht. Es gehe ihm um die Geschichte des Bootes und das Wissen darum. Und um die Leidenschaft. Eine Riva war schon damals Ausdruck von Lebensfreude und sie ist es immer noch.
TIPP Schauen Sie sich unseren Video hierzu an: https://classic.bodensee.com/riva_super_tritone_martha
Edles Holz vor grünem Schlossjuwel. Foto: Julius Osner
18 | PR-ANZEIGE
Uhren für die Ewigkeit Mitten im hektischen Alltag, geprägt von digitalen
Vintage als Lebensstil
Geräten und ständiger Erreichbarkeit, gibt es Orte,
Für die einladende Atmosphäre sorgt Hansjörg Ros-
die eine andere Welt zeigen. Die Huber Vintage
hard – leidenschaftlicher Gastgeber und Uhrenspe-
Lounge in Vaduz ist ein solcher Ort – ein Refugium
zialist bei Huber Vintage Timepieces. Der gelernte
für Liebhaber von Uhrenklassikern und für all jene,
Uhrmacher ist seit 18 Jahren im Familienunterneh-
die den Charme vergangener Epochen schätzen.
men tätig und leitet die Vintage Lounge seit der Eröffnung Ende 2021. Für ihn ist Vintage eine Haltung,
Hier kann man entschleunigen, innehalten und die
die sich beruflich wie privat durchs Leben zieht:
Gegenwart bewusst wahrnehmen. Zwischen aus-
„Vintage vermittelt Vertrautheit, Wertigkeit und
gesuchten Möbelklassikern aus den 1950er- bis
lässt Erinnerungen an frühere Zeiten aufleben.“
1970er-Jahren finden sich die wahren Stars der Lounge: Jede Uhr ein Meisterwerk der Uhrmacher-
Was ihn begeistert? „Die grundlegende Idee der me-
kunst – geschaffen, um Generationen zu überdauern.
chanischen Räderuhr ist immer noch dieselbe wie vor 800 Jahren. Die hohe Handwerkskunst fasziniert und macht den Erfindergeist der Uhrmacher sichtbar.
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Viele Designs aus vergangenen Jahrzehnten sind heute noch aktuell. Wenn man die Uhr pflegt und trägt, bereitet sie auch in der Zukunft noch große Freude.“ Bei Huber Vintage Timepieces befinden sich über 70 Uhrenklassiker, die bestaunt und auch erworben werden können. Jede Preziose erzählt ihre eigene Geschichte: etwa von Einsätzen im All oder in den Tiefen der Ozeane, oder von Innovationen und Qualität, welche die Schweizer Uhrenindustrie seit Jahrhunderten prägen. Die Lounge ist ein Treffpunkt für Vintage-Freunde – auch, weil Vertrauen bei Uhrenklassikern zentral ist. Dafür steht Huber seit fast 100 Jahren und fünf Generationen.
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20 | METERKLASSEN
METERKLASSEN | 21
Eleganz in Formeln und Segeln: Die Meterklassen auf dem Bodensee Text: Hubert Domin und Carmen Somm
Wunderschöne Linien, historische Bedeutung und lebendige Regatta-Szenen – die internationalen Meterklassen verkörpern über ein Jahrhundert Segelgeschichte. Auch am Bodensee, fernab der Ozeane, haben diese klassischen Yachten ihre Liebhaber gefunden. Was macht den Reiz von 15m2 SNS, 5.5er, 6er, 8er & Co. aus? Eine Spurensuche zwischen Tradition und Leidenschaft auf unserem „Schwäbischen Meer“.
Beeindruckend – Elfe II. Foto: Tobias Störkle
22 | METERKLASSEN
Das Dokument der First Rule, Paris 1907
BERA – Olympiasiegerin 1924. Foto: Tobias Störkle
Die Meterformel – Ursprung & Prinzip Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fehlte es an einer län-
Die Regeln wurden in Paris zuerst für 10 Jahre verab-
derübergreifenden Regel zur Durchführung von inter-
schiedet. Der Erfolg gab der Idee recht und so wurden
nationalen Segelregatten. Eine revolutionäre Idee
die Regel durch Erfahrung mit Revisionen weiterent-
brachte 1907 die Lösung: eine einheitliche Formel,
wickelt und besteht so bis heute.
mit der unterschiedliche Yachtdesigns gegeneinan-
• First Rule (1907–1919): erste Formel; ersetzte
der fair bewertet werden können. Die Meterklassen
zahlreiche lokale Handicap-Regeln; erste interna-
waren geboren – und eroberten bald auch die olym-
tionale Meterklassen entstehen, aber es sind teils
pische Bühne. 1907 gründeten die Segelnationen zu-
sehr leichte, fragile Boote.
dem die International Yacht Racing Union (IYRU), die heutige Worldsailing, um die neue Meterformel international zu verankern.
• Second Rule (1920–1933): überarbeitete Formel nach dem Ersten Weltkrieg; die Boote wurden schmaler, stabiler und seetüchtiger (Einführung der
Die Formel: R = (L + 2√S + F + ½A) / 2,37
Genua als neues Vorsegel).
Dabei steht L für Wasserlinienlänge, S für Segelfläche,
• Third Rule (ab 1933): die nochmals vereinfachte
F für Freibord, A für Rumpfumfang auf halber Höhe.
Formel erlaubt tiefere Kiele bei gleichem Ballast und erhöhte den Auftrieb am Bug – die Yachten
Das Ergebnis R bestimmt die Klasse in Metern – nicht
wurden deutlich stabiler. Diese Regel bildet im Kern
als tatsächliche Länge des Bootes, sondern als ein
bis heute die Grundlage der Meterklassen.
Rating. Ergibt sich z.B. 6.00, spricht man von einer 6-Meter-Rennyacht (6mR). Achtung: Tatsächlich ist eine 6mR rund 11 m lang, eine 12mR sogar ca. 20 m.
Infos zur heutigen Meterformel und Berechnung unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Meterformel
METERKLASSEN | 23
Nach jeder Anpassung der Meterformel blieben
METERKLASSEN IM ÜBERBLICK KLASSE
ENTSTEHUNG
LÄNGE ÜBER ALLES
BODENSEEFLOTTE (CA.)
OLYMPISCH
fair gegeneinander antreten.
6 mR
1907 (First Rule), Anpassungen 1919 & 1933
~11 m
ca. 13 Yachten
1908–1952
Olympia & die Meterklassen
8 mR
1907 (First Rule), Anpassungen 1919 & 1933
~14–15 m
ca. 24 Yachten
1908–1936
12 mR
1907 (First Rule), Anpassungen 1919 & 1933
~20–22 m
1 Yacht (restauriert)
1908 (keine Rennen) America’s Cup: 1958–1987
5.5 mR
1949 (Third Rule), Sondervariante
~9 m
< 5 Yachten
1956–1968
15m2 SNS
1933 als Schweizer „Volksboot“ (4mR)
~7 m
ca. 8 Yachten
die Boote zwar individuelle Konstruktionen, konnten aber dank identischer Rennwert-Berechnung
Die internationalen Meterklassen spielten auch im olympischen Segelsport über Jahrzehnte eine große Rolle: 8mR-Yachten waren von 1908 bis 1936 olympisch, 6mR von 1908 bis 1952, und ab 1956 löste die neue 5.5mR-Klasse die 6mR ab und blieb bis 1968 im Programm. Danach setzte das IOC auf kleinere Einheitsboote. Zuvor hatten sogar gekrönte Häupter um Meter-Medaillen gekämpft – Norwegens Kronprinz Olav (später König) holte 1928 Gold in der 6mR-Klasse.
tionsbüros und Werften erfolgsentscheidend sind, machten Olympiakampagnen zu teuer. Dennoch
Die Ablösung der großen Meterklassen spiegelte ei-
blieben Meteryachten außerhalb der Spiele populär
nen sich bis heute fortsetzenden Wandel wider: 6er
– prestigeträchtige Wettbewerbe wie der Scandinavi-
und 8er galten als zu teuer und exklusiv. Das gleiche
an Gold Cup wurden ab 1953 in der 5.5mR ausgese-
Schicksal ereilte den 5.5er. Konstruktionsklassen, in
gelt. Die Faszination der „Meter-Yachten“ – einst um
denen nicht nur die besten Segelteams um Medaillen
Olympiagold, heute um Welt- und Europatitel segelnd
kämpften, sondern bei denen genauso die Konstruk-
– lebt jedenfalls fort.
24 | METERKLASSEN
6mR Europameister Nivola (SUI 74) mit Reinhard Suher Foto: Tobias Störkle
Die 6mR-Klasse – seit 1918 an der Bodenseewoche dabei Vielleicht schon früher, aber gesichert ist, dass der
6mR-Yachten haben schmale Wasserlinien, lange
Industrielle Magirus den ersten 6er 1918 per Eisen-
Überhänge und einen ausgewogenen Segelplan –
bahn von Norwegen an den Bodensee brachte. Heute
schön und schnell. Ihre eleganten Linien und die be-
gibt es rund 43 aktive 6mR-Yachten auf dem Boden-
eindruckende Performance sind legendär. Am Wind
see – vom Vorkriegs-Klassiker bis zum modernen
liegen moderne 6mR und hundertjährige Oldtimer oft
Regattaboot. Die Klasse gliedert sich international in
dicht beieinander. Eine gut gepflegte 6mR von 1910
zwei Wertungsgruppen: Classic (Langkieler) und Mo-
kann bei Regatten durchaus mit modernen Designs
dern (mit freistehendem Ruder). Beide starten bei ge-
mithalten. Das zeigt sich alljährlich bei der Interna-
meinsamen Regatten, werden aber separat gewertet.
tionalen Bodenseewoche in Konstanz, wo die 6mR
Am Bodensee ist das Feld gut durchmischt: Liebevoll
eines der größten Felder der Klassiker stellen.
restaurierte Klassiker segeln Seite an Seite mit Com-
„Letztlich sind bei Regatten dieser Klasse die Boote
posite-Neubauten auf Weltklasseniveau.
selbst die Stars – mit ihren eleganten Linien und ihrer erstaunlichen Performance.“
Auch heute werden weltweit neue 6mR konstruiert
Auch sportlich sorgen Bodensee-Sechser für Furore:
und gebaut – auch am Bodensee. Warum ausgerech-
Mehrere Teams vom See holten bereits internationa-
net die „Sechser“? Vermutlich wegen ihrer idealen
le Titel. Auch sportlich sorgen Bodensee-Meterklas-
Größe: Mit ~11m Länge, ~2m Breite und ca. 4t Ge-
sen für Furore: 2005 steuerte Albert Batzill die 6mR
wicht sind sie groß genug für ernsthaften Wettkampf,
Courage IX zur Weltmeisterschaft, 2018 gewann der
aber noch gut handhabbar. Sie verbinden klassische
Schweizer Reinhard Suhner die 6mR-Europameister-
Eleganz mit agilem Segelspaß. Insgesamt wurden
schaft und Eckhard Kaller wurde sogar mehrfach,
über 1.200 Sechser gebaut, von denen rund 450 bis
zuletzt 2022 8mR-Weltmeister. Solche Erfolge befeu-
heute erhalten sind.
ern die Leidenschaft am Bodensee zusätzlich – der „Sechser“ ist keine Museumsyacht, sondern competitive Regattaszene.
METERKLASSEN | 25
8mR Weltmeisterschaft. Foto: Tobias Störkle
Die 8mR-Klasse – beeindruckende große Schwester Mehr als nur eine Nummer größer: Die 8-Meter-Yach-
klassischem Kiel. Genauso bekannt ist die Elfe II, eine
ten zählen zu den eindrucksvollsten Erscheinungen
seltene Spreizgaffelketsch, mit ihrer Zweimast-Take-
auf dem Bodensee. Rund 24 dieser eleganten Racer
lung ein echter Blickfang.
mit bis zu 15 Metern Länge und großzügigen Segelflächen – oft über 80 Quadratmeter (Großsegel und
Mit der Bera segelt auch die Olympiasiegerin von Pa-
Genua) – ziehen bei jedem Auftritt alle Blicke auf
ris, 1924 auf dem See. Miteigner ist der Vater von Lu-
sich. Bereits in den 1920er-Jahren galten sie als die
kas Mähr, dem Olympiasieger von Paris 2024. Über
Prestige-Klasse des internationalen Segelsports.
zwanzig 8mR-Yachten segeln auf dem Bodensee – jede mit ihrer eigenen Geschichte aus Glanzzeiten,
Nach einer längeren Pause erlebten die „Achter“ am
Niederlagen, Restaurierung und Wiederentdeckung.
Bodensee eine echte Renaissance – getragen von
Die internationale 8mR-Klasse ist heute in vier offi-
leidenschaftlichen Eignern und Restauratoren. Viele
zielle Wertungsgruppen unterteilt, um faire Regatten
historische Rümpfe wurden aufwendig überholt und
zwischen historischen und modernen Yachten zu er-
segeln heute wieder in voller Pracht. Ein Beispiel: Die
möglichen: First Rule (bis 1919), Sira Cup (1933–
Sposa II, entworfen 1929 vom norwegischen Konst-
1967), Neptun Trophy (für besonders originalgetreue
rukteur Bjarne Aas, wurde bei Josef Martin in Radolf-
Boote innerhalb der Sira-Wertung) und Modern (ab
zell komplett restauriert. Heute glänzt sie wie neu auf
1968). Auch am Bodensee segeln Vertreter aller
dem See.
Gruppen – von der gaffelgetakelten Elfe II bis zur modernen Conquistador.
Die legendäre Bayern II, das Flaggschiff des Lindauer
Bei Events wie der Bodenseewoche oder speziellen
Segelclubs, ist nicht nur um den ganzen See herum
8mR-Wettfahrten bieten die majestätischen Achter
bekannt, sie dient dem Club auch seit ihrer Anschaf-
ein faszinierendes Schauspiel. Jeder Start ist ein le-
fung als Jugendschiff – gelebte Nachwuchsarbeit auf
bendiges Stück Segelgeschichte.
26 | METERKLASSEN
Und es gibt ein weiteres Juwel: Die Runag, gebaut 1902 – also noch vor Einführung der Meterformel, ist eine der ältesten noch segelnden Regattayachten der Welt. Sie wurde mit einer Vorahnung der kommenden Formel konstruiert und könnte heute mit kleinen Anpassungen als 8mR vermessen werden. Auch nach 123 Jahren ist sie noch schnell unterwegs – ein echter Oldtimer mit Siegermentalität1.
Die 12mR-Klasse – Königsklasse und Cup-Legende Die 12-Meter-Klasse ist weltberühmt als ehemalige America’s Cup-Klasse der Jahre 1958 bis 1987. Eine typische 12mR misst rund 20 Meter Länge und trägt etwa 140 Quadratmeter Segelfläche – auf dem Bodensee aber eine seltene Erscheinung. Aufgrund ihres Tiefgangs und des erheblichen logistischen Aufwands liegt keine dieser Yachten dauerhaft am See. Doch es gibt Berührungspunkte: Im Jahr 2003 restaurierte die Werft Josef Martin in Radolfzell die 1928 gebaute Anitra (US-5) vollständig. Sie kam als maro-
Burgess am Bodensee gebauter 8mR Weltmeister von 202. Foto: James Robinson Taylor
des Wrack an den See – und verließ ihn als segelndes Glanzstück Richtung Flensburg.
Die 15m² SNS – Schweizer Nationalschiff
Technologische Entwicklungen aus dem America’s
Die 15 Quadratmeter Série Nationale Suisse ent-
Cup, wie der berühmte Tragflügelkiel der Australia II
stand 1933 als erschwingliche 4mR Variante. Länge
– Siegerin des Cups 1983 – beeinflussten auch die
6,9 m, Segelfläche 15 m², Crew zwei bis drei. Rund
kleineren Meterklassen maßgeblich. Viele Ideen fan-
acht Boote segeln am Bodensee, darunter die 1951
den über Umwege ihren Weg in die 6mR-, 8mR- und
gebaute „Avalon“. Das Holzboot lag 2008 vergessen
selbst die 5.5mR-Konstruktionen. Die 12mR bleibt
im Brockenhaus. Dieser spannenden Geschichte wid-
damit nicht nur eine Legende, sondern auch ein Inno-
men wir einen eigenen Artikel.
vationstreiber klassischer Yachtbaukunst. Klassisch trifft modern – Wandel und Werte Die 5.5mR-Klasse – der moderne Sonderling
Die Bodensee-Meterflotte zeigt eindrucksvoll, wie
Die 5.5-Meter-Klasse kam 1949 als „kleiner Bruder“
klassische Eleganz und moderne Technik harmo-
hinzu. Mit ~9 m Länge und modernerem Rumpfdesign
nieren können. Viele Yachten segeln heute mit Alu-
unterscheiden sich 5.5mR optisch von ihren älteren
minium- und moderne Holzmasten und laminierten
Schwestern – weniger Überhang, flacherer Rumpf.
Segeltüchern – ohne dabei ihre charakteristische
5.5er waren von 1956 bis 1968 olympisch und sind
Ästhetik zu verlieren.
bis heute aktiv: Jährlich finden Weltmeisterschaften
Gleichzeitig entstehen Neubauten und sogar völlig
statt, und es werden weiterhin neue 5.5er gebaut.
neue Entwürfe, die sich streng an die klassische Me-
Während der 5.5mR am Thunersee blüht, fristete er
terformel halten. In den 1980er-Jahren galt die 6mR
am Bodensee leider ein Schattendasein.
sogar als eine der innovativsten Konstruktionsklassen ihrer Zeit.
1 vgl. https://classic.bodensee.com/runag
METERKLASSEN | 27
Segelgebirge. Foto: Julius Osner
Diese Verbindung aus zeitlosen Linien und techni-
• Juliane Hempel – engagierte Meterklassen-Konst-
scher Weiterentwicklung hält die Klassen lebendig.
rukteurin sowohl für Neubauten als auch stilge-
Sie zeigt: Wandel und Werte müssen sich nicht aus-
rechte Restaurierungen (z.B. 8mR Starling Burgess,
schließen. Die Schönheit der Yachten bleibt erhalten – und ihre Leistungsfähigkeit wächst mit.
8mR Spazzo, 6mR Kontrapunkt 5). • Die Internationale Bodenseewoche – Highlight für Klassiker und Meterklassen am Bodensee – Regat-
Meterklassen am Bodensee – Szene & Engagement
ta, Revierkultur und maritimes Flair in einem.
Die Meterklasse-Szene am Bodensee lebt von engagierten Persönlichkeiten: • Reinhard Suhner (6mR Klassenpräsident CH) – Besitzer mehrerer 6mR (u.a. Courage, Nivola und Mecara (classic)), international erfolgreich und Förderer des Nachwuchses. Er stellte seine 6mR Cou-
Der Zusammenhalt ist groß: Man kennt sich, hilft ei-
rage einem Jugendteam zur Verfügung, das prompt
nander – und teilt die Leidenschaft für diese beson-
Zweiter bei der Bodenseewoche wurde. Reinhard
deren Yachten. Frauen und Männer segeln Seite an
ist immer wieder aufs Neue begeistert von den Pro-
Seite; was zählt, ist die Begeisterung. Dieses Mitein-
portionen, Linien, Segeleigenschaften und dem
ander sichert den Fortbestand der Meterklassen am
Weitblick der Meterformel.
Bodensee. Legendär sind die Stegtreffen nach den
• Werft Josef Martin (Radolfzell) – Spezialist für Res-
Regatten: Dort werden Anekdoten und Ersatzteile
taurierung und Neubau klassischer Yachten. Zahl-
gleichermaßen getauscht. Sie bereichern die Segel-
reiche Bodensee-Meterboote verdanken dem Team
kultur der Region, verbinden Generationen und Na-
um Josef Martin ihren zweiten Frühling (z.B. Anitra
tionen – und halten maritime Geschichte lebendig.
12mR, Sposa II 8mR, Yam Sing 6mR).
28 | KLASSENPORTRAIT
Klassenportrait: Der LACUSTRE
Klassiker mit Charakter Text: Carmen Somm Der Lacustre – eine Yacht mit Charakter. 1938 vom
Klassisch schön – zeitlos schnell
genialen Genfer Konstrukteur Henri Copponex für
Was macht den Lacustre so besonders? Sein schlanker
den Genfersee entworfen, steht sie exemplarisch für
Rumpf, der hohe Mast und die großzügige, weit über-
das, was einen Binnenklassiker auszeichnet:
lappende Genua. Der Lacustre ist leichtwindstark und
Eleganz, Geschwindigkeit und Tradition. 1945 be-
bei Starkwind präzise trimmbar – ein Beweis dafür,
gann der Siegeszug am Bodensee. Über 170 Exem-
dass sich Schönheit und Funktion nicht ausschließen.
plare segeln heute auf dem Dreiländer-Binnenmeer – jedes einzelne ein stolzes Zeugnis gelebter Boots-
Die ersten 125 Boote wurden im klassischen Karweel-
baukunst.
bau aus Mahagoni gefertigt. Ab 1973 setzte sich der Bau mit GFK-Rümpfen durch, 1987 folgte der erste
Der Lacustre ist eine strikte Einheitsklasse: Konstruk-
formverleimte Mahagoni-Rumpf. Heute entstehen
tive Änderungen zur Leistungssteigerung sind nicht
nachhaltige Kompositboote mit zertifizierten Hölzern
erlaubt. Und doch ist jeder Lacustre so individuell wie
– wie der Neubau mit Baunummer 174 zeigt. Dank
sein Eigner – vom Namen über den Ausbau bis zur
sorgfältiger Entwicklung der Bauvorschriften kann
Anmutung. Diese einzigartige Mischung aus persön-
selbst Lacustre Nummer 1 noch mit aktuellen Neu-
licher Note und einheitlicher Regattaperformance ist
bauten konkurrieren. Der Lacustre ist Kult.
den Besitzern besonders wichtig.
KLASSENPORTRAIT | 29
Technische Daten: Bootstyp:
LACUSTRE
Konstrukteur Henri Copponex Baujahr
seit 1938
Werften
diverse, u.a. Bilgeri, Heinrich, Wagner
Länge ü.a.
9,50 m
Breite
1,81 m
Tiefgang
1,20 m
Gewicht
1730 kg
Segelfläche 42 m² am Wind (Großsegel: 20 m², Genua: 22 m²); Downwind Spi: 65 m² Bauweisen Mahagoni Karweel beplankt, Mahagoni formverleimt, GFK-Rumpf mit Holzaufbauten und Teakdeck, Komposit Crew Regatten zu dritt Anzahl Boote rund 275 gebaute Boote; am Bodensee: über 170 Vereinigungen
I nternationale Lacustre Vereinigung www.lacustre.org
Infos und Kontakte am Bodensee https://www.lacustre.org
Große Felder am Start – lebendige Regattaszene. Foto: Jürg Schenkel
Mit Flair durch Wind und Wellen
Bodenseefaktor
Die Fahrt auf einem Lacustre ist wie ein Tanz – ge-
Die Klassiker mit dem Kleeblatt im Großsegel sind
schmeidig, wendig, fordernd, aber gleichzeitig fami-
rund um den Bodensee zu Hause. Hochburgen sind
lientauglich. Ideal für Regatten, aber auch ein Genuss
Clubs in Kreuzlingen, Konstanz, Bodman, Langenar-
auf dem Törn. Freundschaften, Regatten, Ausfahr-
gen, Lindau und Bregenz. Jährlich locken hochkaräti-
ten: Die lebendige Klasse lebt vom Miteinander. Ein
ge Regatten die Szene an den See. Besonders beliebt:
Highlight im Jahreskalender ist die „Far Niente“ am
die Klassikregatten in Lindau, Hard, Überlingen, Kon-
Bodensee – eine entspannte Woche, in der Lacustre-
stanz – zuletzt die Bodenseemeisterschaft 2024 mit
Familien mit Kind und Kegel gemeinsam den See ge-
25 Booten vor Kreuzlingen.
nießen und das Leben an Bord feiern.
30 | KLASSENPORTRAIT
„Individuell, charismatisch und trotzdem einheitlich“ – so beschreibt die Klassenvereinigung das Boot. Ein echtes Segel-Kulturgut, das auch 87 Jahre nach seinem Entwurf nichts von seinem Reiz verloren hat.
Richtig, der elegante Racer wird nach Wunsch seines Konstrukteurs mit „der Lacustre“ angesprochen – entgegen der nautischen Tradition, die Schiffen eine weibliche Seele zuspricht.
Kleeblatt über dem Bodensee Foto: Heinrichwerft/Rek
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KLASSENPORTRAIT | 31
wendig, elegant und gutmütig
Klassenportrait: 15m2 SNS (15 m2 Série Nationale Suisse, kurz: 15er) eine elegante & dynamische Schweizer Bootsklasse
Die DREAM ON. Foto: Privat
Technische Daten: Bootstyp: 4mR Rennyacht (4.02mR), Slup, 3/4 getakelt Classic, 7/8
Text: Chris Hess (Klassenpräsident)
Konstrukteure Amiguet, Copponex, Brühlmann, Britton Chance Jr., Reimers, Aas, Dunant, Stadelmann, Schmidt uvm.
Im Jahr 1933 präsentierten die Genfer Konstrukteure Godinet,
Erstentwurf
Camatte und Amiguet erstmals Pläne einer Kielyacht nach der Meterformel mit einem Rennwert von 4 mR – die Geburtsstunde der 15m2 SNS-Klasse.
lassic ab 1933, Evolution ab 1960, C Moderne ab 1980, letztes Boot SUI 172 gebaut 2014
Werft u.a. Amiguet, Oester, Bessert & Engeli, Corsier Port, Heinrich, Portier, Zanlonghi, ca. 13 Eigenbauten
Typisch für eine Meterklasse entwickelten sich die Boote dyna-
Länge über alles max. 7 m
misch weiter; die Bauvorschriften wurden regelmässig überarbei-
Breite
1.47 – 1.95 m
tet. Das Segeln – auch einhandtauglich – bereitet bei allen Wind-
Tiefgang
1 m (Klassenvorschrift)
verhältnissen Freude. Bei wenig Wind sorgt die grosse Genua für
Gewicht
630 – 1.100 kg
viel Vortrieb. Trotz ihres Namens führen die Boote der Klasse deut-
Segelfläche 15m2 vermessene Segelfläche (Groß 13,5 m2, Genua 11,5 -13,4 m2, Fock 6,70 m2, Spinnaker 32 – 44 m2)
lich mehr Segel – die 15 m2 beziehen sich auf eine historische Vermessungseinheit und nicht auf die tatsächliche Segelfläche. Von 172 gebauten Booten sind 35 Evolution und 26 Moderne. Elf 15er nennen den Bodensee ihr Heimatgewässer. Regattiert wird am Genfer-, Thuner, Vierwaldstätter-, Sempacher-, Hallwiler-, Zürichsee – und vielleicht auch bald wieder am Bodensee. Neben dem Lacustre ist der 15er die einzige echte Schweizer
Crew Crew: 2-3 – auch einhand segelbar Material/Rumpf Classic und Evolution Spant karweelbeplankt, Moderne formverleimt, nur 3 v. 172 geb. Boote in GFK-Bauweise Bauzahl
11 Boote am Bodensee | 2 davon Werft
Vereinigung
Schweizerische KV der 15m² SNS
Bootsklasse. Infos und Kontakte am Bodensee https://15m2-sns-class.ch/
32 | KLASSENPORTRAIT
Klassenportrait: 30m²-Schärenkreuzer
Leichtwindrenner an der Bodenseewoche. Foto: Peter Nietsch
Text: Anette Bengelsdorf Ein Bug, so spitz wie ein Bleistift, die Pinne meterweit
länger. Maß der erste 30er bei einer Breite von 1,98
vom Spiegel entfernt, dazu ewig lange Überhänge –
m noch 8,10 m, nutzten Konstrukteure die Freiheit
30m²-Schärenkreuzer sind in ihrem Erscheinungs-
und bauten sie bei einer Breite von 1,75 m bald 13,50
bild von unverwechselbarer Eleganz und haben als
m lang.
Klasse jeden Zeitgeist überdauert. Erfreuten sich Regatten der 30m²-Schärenkreuzer1908 wurde in Schweden eine Bootsklasse speziell
klasse nach dem Ersten Weltkrieg großer Beliebtheit,
für den Einsatz im Stockholmer Schärenrevier aus
flaute das Interesse in den Wirtschaftswunderjahren
der Taufe gehoben. Die Idee war, nur die Segelfläche
zugunsten von Cruising-Yachten aus Kunststoff ab.
zu begrenzen und mit der Vermessungsvorschrift we-
In der Werft Beck und Söhne auf der Insel Reichenau
nig Einfluss auf die Konstruktion zu nehmen. Neben
hatten einige der klassischen Schönheiten den Zwei-
der 30m²-Version – Großsegeldreieck plus 85 Pro-
ten Weltkrieg überlebt. Der junge Bootsbauer Fredi
zent des Vorsegeldreiecks gleich 30 m² – wurden sie
Winterhalter, begeistert davon, baute 1967 als Meis-
in vielen weiteren Größen gebaut. Doch Länge läuft,
terstück einen 30er nach einem Riss des berühmten
und da in den engen Gewässern der Schären Höhe
Konstrukteurs Knud Reimers und taufte ihn „Bijou“.
laufen und kleine Wendewinkel gefragt waren, wur-
12,40 m lang und 2,18 m breit, mit einem volleren
den unter Beibehaltung der Breite die Rümpfe immer
Vorschiff, mit breiterem Rumpf und Heck, war das
KLASSENPORTRAIT | 33
Technische Daten: Bootstyp:
30qm Schärenkreuzer
Konstrukteure Reimers, Estlander, Rasmussen, Becker, Laurin und viele andere Baujahr
1908 bis heute
Länge ü.a.
8,1 m – 13,5 m | Bijou 12,4 m
Breite
1,75 m – 2,18 m | Bijou 2,18 m
Tiefgang
max. 1,50 m
Gewicht
min. 2 t
Segelfläche
Vermessen 30 qm
Crew
min. 3 Personen
Material
Holz/GFK
Anzahl der Boote am Bodensee
etwa 60
Vereinigungen Internationale Vereinigung der 30m²-Schärenkreuzer-Klasse South European Skerry Cruiser Association (SESCA) Infos und Kontakte am Bodensee: www.30sk.com
Infos und Kontakte am Bodensee https://www.30sk.com/
Bodenseewoche | Foto: Peter Nietsch
Boot ein schneller Allrounder und erregte Aufmerksamkeit. Bald wurden nach diesem Riss die Rümpfe der 30m² Schärenkreuzer aus glasfaserverstärktem Kunststoff laminiert. Mitte der 70er-Jahre waren bereits 13 solcher Neubauten entstanden, und die einstige Konstruktionsklasse wurde am Bodensee zum One-Design. 1984 beschloss die Internationale Vereinigung der 30m²-Schärenkreuzer-Klasse – Mitglieder sind aus Österreich, der Schweiz und Deutschland –, keine Neukonstruktionen außer dem Bijou-Riss zu genehmigen. Eine Entscheidung, die bis heute nicht unumstritten ist.
34 | KLASSENPORTRAIT
45er Nationale Kreuzer – Eine moderne Traditionsklasse Text: Cindy Beisert Entstanden aus dem Wunsch, ein erschwingliches,
wurde als Binnenklasse, der 75er als Butenklasse
sowohl für Regatten als auch für Tourensegeln auf
geschaffen. Mit einem einfacheren Regelwerk – mit
Binnenrevieren geeignetes Schiff zu schaffen, be-
festgeschriebenen Grenzwerten – sollte eine Alter-
geistern die 45 m2 Nationalen Kreuzer seit Gene-
native zu den schmalen, schweren und übertakelten
rationen Seglerinnen und Segler – besonders am
Meterklassen geschaffen werden.
Bodensee. Das „P“ im Großsegel kennzeichnet die Konstruktionsklasse.
Die Bauvorschriften legen unter anderem die maximale Segelfläche, den größten Tiefgang, ein Mindest-
Die Boote sind schnell, schlank und elegant. Bereits
gewicht und Mindestabmessungen für die Kajüte
bei Leichtwind entwickeln die Langkieler beeindru-
sowie detaillierte Wohnlichkeitsvorschriften fest. Die
ckende Geschwindigkeit – perfekt für die oft leichten
anfänglichen Gaffeltakelagen wurden zu Beginn der
Bodenseewinde.
1920er-Jahre durch Hochtakelung mit Peitschenmast ersetzt.
Die Geburtsstunde der Nationalen Kreuzer schlägt 1911 in Potsdam, als der 20. Deutsche Seglertag eine
Mit der Gründung der deutschen Seefahrtkreuzer-
Kommission einsetzte, um Bauvorschriften für eine
Klassen ließ das Interesse an den Nationalen nach.
neue Kreuzerklasse auszuarbeiten. Der 45er
1933 wurde der 45er zur Altersklasse erklärt.
KLASSENPORTRAIT | 35
Europapokal Kreuzlingen, Foto: Claudia Somm
Technische Daten: Bootstyp
45 m² Nationale Kreuzer
Werft Rasmussen, Oertz, Heidtmann, Schröder, v. Hacht u.v.m. Heute: Josef Martin-Werft (Radolfzell), Glas-Werft (Possenhofen) Baujahr
erster Bootsbau 1912
Länge ü.a.
max. 10,50 m
Breite
2,20–2,50 m
Tiefgang
max. 1,20 m
Renaissance in Radolfzell
Verdrängung
min. 2,4 t
Ab den 1990ern erlebt die Klasse einen Aufschwung: Zahlreiche
Segelfläche
am Wind: max. 45 m2
Neubauten entstehen bei der Martin-Werft, später auch in der
Crew
3–4 Personen
Glas-Werft – die Klasse blüht wieder auf. Heute treffen bei Regat-
Material Mahagoni, GFK (Rumpf); Teak (Deck)
ten liebevoll restaurierte Klassiker und moderne Neubauten aufeinander und segeln in einer gemeinsamen Wertung – von der historischen „Wunsch II“ (1912) bis zu Neubauten der 2020er-Jahre. Belebte Klasse auf dem Bodensee
Anzahl der Boote
ca. 60 Boote am Bodensee
Klassenvorschriften
gültig seit 18.11.2023
Vereinigungen
Internationale Vereinigung der 45qm Nationalen Kreuzer e.V.
Die 45er sind eine lebendige Konstruktionsklasse und am Bodensee zahlreich vertreten. 2025 wird der Europapokal der 45er im Juli vor Langenargen ausgetragen, bei der Bodenseewoche im Juni sind sie im Feld stark vertreten.
Infos und Kontakte am Bodensee https://www.45er.org/
36 | KLASSENPORTRAIT
Klassenportrait: 75er Nationale Kreuzer
Bodenseewoche – Foto: Peter Nietsch
Klassisch. Kraftvoll. Kultiviert. Text: Carmen Somm Die 75er Nationalen Kreuzer gehören zu den tradi-
Erste Boote entstanden auf Havel und Alster. 1912
tionsreichsten und zugleich vitalsten Segelklassen
folgte mit der Bestellung der „Föhn II“ (O 5) durch
des Bodensees. Schon bei einem leichten Kräuseln
den Großherzoglich Badischen Yacht-Club in Kons-
auf der Wasseroberfläche gleiten die Yachten ele-
tanz der erste 75er am Bodensee.
gant dahin. Sie sind leicht und präzise zu steuern,
Seither gehören die 75er zum Bild des Bodensees
bei geringer Brise agil und bei mehr Wind kraftvoll.
und sind nicht mehr wegzudenken – sie gelten als äl-
Moderne Rollfocks und durchdachte Decklayouts
teste aktiv segelnde Regattaklasse des Reviers. Von
machen sie trotz ihrer Größe auch mit kleiner Crew
mehr als 70 gebauten Yachten ist der heutige Ver-
gut beherrschbar. Spinnaker bis 200 m² fordern die
bleib von 24 Yachten bekannt, 20 davon segeln regel-
5-köpfige Regattacrew.
mäßig auf dem Bodensee. Organisiert sind sie im aktiven Klassenverein „75qm Nationale Kreuzer Klasse
Seit 1912 Regattakultur am Bodensee
Bodensee e.V.“
Auf dem 20. Deutschen Seglertag 1911 setzten sich Berliner Binnenvereine mit dem Vorschlag durch,
Charakter und Technik
neue Kreuzerklassen zu schaffen – leichter, lebendi-
Die 75er sind nationale Konstruktionsklasse: Basie-
ger und besser für Binnenreviere geeignet als die bis
rend auf einer Segelfläche von 75 m² am Wind, va-
dahin dominierenden Meterklassen.
riieren Riss und Rigg. Die Rümpfe aus Mahagoni in
KLASSENPORTRAIT | 37
Technische Daten: Bootstyp
75er Nationaler Kreuzer
Erstentwurf
1912
Konstrukteure
.a. Naglo, Rasmussen, u Estlander, v. Hacht
Werften Abeking & Rasmussen, Engelbrecht, v. Hacht, Pabst-Werft, u.a. Länge ü.a.
12,50 m
Breite
2,70 m
Tiefgang
1,50 m
Verdrängung
ca. 5,3 t
Segelfläche am Wind: 75 m² Spinnaker 130m² bis 200 m² Rennbesatzung
5 Personen
Kojen
5-7
Material
Mahagoni (Rumpf), Teak (Deck)
Vereinigungen Internationale Vereinigung der 75qm Nationalen Kreuzer e.V. www.75qmkreuzer.de
Infos und Kontakte am Bodensee https://www.75qmkreuzer.de/
Foto: Peter Nietsch
Karweelbauweise ruhen auf Bleikielen – das Deck meist aus Teak. Die Linienführung ist klassisch, das Segelverhalten sportlich. Je nach Ausführung tragen die Boote Gaffel-, 7/8- oder 9/10-Riggs. Neben dem 50 m² großen Großsegel kommen Genuas zwischen 30 und 65 m² sowie Spinnaker bis 200 m² zum Einsatz. Mehr als Regatta: gelebte Gemeinschaft Die Klasse segelt jährlich mehrere Regatten, darunter Klassiker wie die Bodenseewoche, aber auch Familientörns wie die „Dolce Far Niente“. Das sportliche Niveau ist hoch, doch Kameradschaft und der Werterhalt dieser besonderen Boote stehen gleichberechtigt im Fokus. Wer einmal mitgefahren ist, versteht schnell: Die 75er sind keine Yachten – sie sind Charaktere.
38 | KLASSENPORTRAIT
Klassenportrait: 6mR-Klasse – Zeitlose Eleganz unter Segeln
Der MICHEL – bei der Bodenseewoche. Foto: Peter Nietsch
Text: Carmen Somm Die 6mR-Klasse zählt zu den legendären Konstrukti-
Ein Aushängeschild der Klasse ist u.a. Alba Batzill
onen des Regattasports. Ihre Wurzeln reichen zurück
aus Friedrichshafen, Weltmeister mit der Courage IX.
ins Jahr 1906, als die Meterformel vorgeschlagen
Auch Reinhard Suhner vom Bodensee, Europameis-
und 1907 in Paris verabschiedet wurde. Bereits von
ter und Präsident der Schweizer Klassenvereinigung,
1908 bis 1952 olympisch, ist die Klasse bis heute le-
engagiert sich stark für die EM 2026 in Genf, zu der
bendig – aktiv in internationalen Regatten, getrennt
50 Boote erwartet werden.
in zwei Gruppen: „Classic“ für Langkieler, „Modern“ mit freistehendem Ruder. Als Klassenzeichen fahren
6mR-Yachten sind Unikate – keine Boote von der
sie die unterstrichene Zahl 6 im Großsegel.
Stange. Ihre eleganten Linien, ausgeklügelten Designs und sportlichen Leistungen machen sie zu Kult-
Der Bodensee ist ein erfolgreiches Binnenrevier der
objekten unter Segeln. Die über 100 Jahre alte For-
6mR. Werften wie Wilhelm Wagner in Bodman und
mel bietet bis heute Raum für Innovation.
die Martin Werft in Radolfzell haben ebenso wie herausragende Segler zur Geschichte beigetragen. Exemplarisch steht die Kontrapunkt (GER 10): 2002 gebaut, gezeichnet von Juliane Hempel – selbst vom See – ist sie ein Meisterstück aus Mahagoni, Oregon Pine und Kevlar.
KLASSENPORTRAIT | 39
6mR sind weiter international aktive Regattaklasse. Foto: Peter Nietsch
Technische Daten: 6mR „Kontrapunkt“ GER 10 Länge ü.a.:
10,35 m
Breite:
2,05 m
Tiefgang:
1,67 m
Verdrängung:
3,95 t
Ballast:
3,00 t
Großsegel:
36,7 m²
Genua:
30,4 m²
Spinnaker:
ca. 95 m²
Materialien:
ahagoni, Oregon Pine, Kevlar, M Alu-Rigg, auch GFK und Carbon bei anderen Neubauten
Baujahr:
2002
Werft:
Wilhelm Wagner, Bodensee
Konstrukteurin:
Dipl.-Ing. Juliane Hempel
Bedeutende Konstrukteure weltweit:
J ohan Anker (NOR), Clinton Crane (USA), Olin Stephens (USA), Tore Holm (SWE), Ian Howlett (GBR) und Juliane Hempel (GER)
Infos und Kontakte am Bodensee https://6metre.ch/
40 | KLASSENPORTRAIT
Klassenportrait: 8mR-Klasse – BERA Text: Peter Novak Es kann nur ein magischer Moment gewesen sein,
Auch über 100 Jahre später ist die Magie dieses
als der bekannte norwegische Yachtdesigner Johann
Schiffs deutlich spürbar. Die stimmigen Linien be-
Anker die 8mR Bera 1922 zeichnete. Schnell sollte
geistern auch segelunbedarfte Landratten, die zeit-
sie sein, um die 8er von William Fife und anderen
lose Eleganz beeindruckt jeden Ästheten, und die
großen Konstrukteuren dieser Zeit schlagen zu kön-
Segeleigenschaften erfreuen die Crew bei jeder Aus-
nen. Elegant war sie von Beginn an. Dass sie aber
fahrt aufs Neue.
auch wirklich schnell war, zeigte sich in den folgenden Jahren.
Ist auf der Bera bis heute alles unverändert und original? In den vergangen 100 Jahren hat das Schiff
Der Olympiasieg 1924 für Norwegen in Frankreich
einiges erlebt. Umbauten zum Cruising Schiff, ein
war sicherlich das Highlight, der Cup de France eine
Rückbau zum Regattaschiff mit Gaffel-Rigg und der
weitere wichtige Trophäe dieser Zeit.
Umzug an den Bodensee.
KLASSENPORTRAIT | 41
Technische Daten: 8mR Rennyacht „Bera“
8mR BERA an der WM. Foto: Tobias Störkle
Hersteller/Designer Konstrukteur:
Johann Anker
Baujahr/Stapellauf:
1922
Werft:
Anker & Jensen (Norwegen)
Länge über alles:
14,46 m
Breite:
2,7 m
Tiefgang:
1,9 m
Gewicht:
8,6 Tonnen
Segelfläche: Großsegel 65 m2, Genua 53 m2, Spinnaker 132 m2
Nochmals ein Umbau auf ein Alu Mast, um bei den 8ern in der Sira Klasse zu starten, und dann wieder zurück zum ursprünglichen Holz-Rigg. Seither segelt die Bera in der 8mR Neptun Klasse. Wer die Bera einmal in ihrer ganzen Schönheit sehen möchte, sollte in den Yacht Club Bregenz am Bodensee kommen. In den Sommermonaten wird wöchentlich gesegelt. 8mR – Olympische Klasse von 1908 –1936 BERA – Olympiasiegerin 1924
Crew:
Personen für Regattamodus, 7 3-10 an Sonntagsausfahrten
Material/Rumpf:
Holz
Anzahl der 8er am Bodensee: Vereinigung der 8mR am Bodensee: Liegeplatz:
4, davon werden 10 aktiv auf 1 Regatten gesegelt. OCEMA (Lake of Constance L Eight Meter Association) Yacht Club Bregenz
Besonderheiten/ Ausstattung/ Sonstiges: Olympiagewinnerin 1924 in Frankreich
Infos und Kontakte am Bodensee https://www.loc8mr.com/
42 | KLASSENPORTRAIT
Klassenportrait: Der 20er Jollenkreuzer
Vollspeed mit Spi auf Vorwindkurs. Foto: Peter Leben
Regattasport mit einem Hauch von Fahrtenkomfort Text: Pia Schlegel Mit dem markanten „R“ im Segel ist der 20er Jollen-
Mit einer Rumpflänge von rund 7,75 Metern, einer
kreuzer seit Ende der 1950er-Jahre ein fester Be-
Breite von etwa 2,50 Metern und bis zu 30 m² Segel-
standteil der Bodensee-Szene. Ursprünglich Anfang
fläche am Wind – ergänzt durch einen Spinnaker von
der 1920er-Jahre in Berlin als Wanderboot mit Ka-
bis zu 55 m² – präsentiert sich der 20er als sportli-
jüte konzipiert, entwickelte er sich rasch zur sport-
ches, jedoch gut beherrschbares Boot. Trotz seiner
lichen Rennjolle – ideal für ambitionierten Regatta-
Größe lässt er sich wie eine Jolle segeln – reaktions-
sport und entspannte Wochenendausfahrten.
freudig, gleitfreudig und auch bei stärkerem Wind für eine dreiköpfige Crew gut kontrollierbar.
Als sogenannte Konstruktionsklasse erlaubt der 20er individuelle Linienführung und technische Raffines-
Der 20er Jollenkreuzer ist die größte Schwertboot-
se – bei festen Vorgaben zu Maßen, Gewicht und
klasse im deutschsprachigen Raum und hat eine
Segelfläche. So entstanden über die Jahrzehnte ele-
leidenschaftliche Segelgemeinschaft um sich ver-
gante Unikate aus Holz, GFK oder Mischbauweise.
sammelt. Einer der bekanntesten Eigner war Albert
Neubauten entstehen heute vor allem in Berlin und
Einstein: Zum 50. Geburtstag schenkte ihm die Ber-
an der Müritz – mit modernen Linien von Judel/Vro-
liner Handelsgesellschaft den 20er Jollenkreuzer
lijk, Nissen oder P. Hempel, oft auf Basis von Horst
„Tümmler“.
Schreibers Rissen.
KLASSENPORTRAIT | 43
Technische Daten: Bootstyp: Konstruktionsund Designbüros:
20 qm Jollenkreuzer Van de Stadt, Judel/Vrolijk & Co., Nissen u.v.m.
Baujahre/ Erstentwurf: 1921 vom Berliner KleinseglerVerband initiiert. 1923 Bauvorschriften vom Deutschen Segler-Bund. Werften: Fricke & Dannhus, Bootswerft Herbst, Bopp & Dietrich, Steiner Nautic, Christen Bootsbau Länge über alles:
max. 7,75 m
Breite:
max. 2,50 m
Tiefgang:
max. 1,25 m
Gewicht:
min. 730 kg
Segelfläche/ Takelung:
max. Segelfläche am Wind: 30 m², Spinnaker: 55 m², Takelung: Slup.
Crew: drei Personen Material/ Rumpf:
Im Wettkampfmodus: Fest verwurzelt am Bodensee sind die Jollenkreuzer im Juni am Bodensee Cup wieder vor Fischbach-Friedrichshafen versammelt. Foto: Peter Leben
Holz, Kunststoff oder Mischbauweise
Vereinigung, Club etc.: Deutsche Klassenvereinigung der 20qm Jollenkreuzer e.V.; in der Schweiz: ASPYK (Association Suisse des Propriétaires de Yollenkreuzer) und FNYK (Flotte Neuchâteloise des Yollenkreuzer) Infos und Kontakte am Bodensee https://www.20er-jollenkreuzer.org/
Am Bodensee prägen die eleganten Boote nicht nur das Landschaftsbild, sondern sind fester Bestandteil des Regattakalenders. So findet jährlich der Bodensee Cup statt, gleichzeitig als Süddeutsche Meisterschaft gewertet. 2025 ist die Regatta vom 19. bis 21. Juni geplant – organisiert vom Wassersportverein Friedrichshafen-Fischbach e.V. (WVF) und mit Teilnehmenden aus allen Bodensee-Anrainerstaaten. Ein Boot, das Klassik und Moderne stilvoll vereint.
44 | KLASSENPORTRAIT
Mahagoni-Runabouts
Bösch auf dem Bodensee: Foto: Lisa Carvalho
Motorboote mit Klasse Text: Carmen Somm Wer an klassische Mahagoni-Runabouts denkt,
Die Charaktere der Werften unterscheiden sich:
kommt an Riva nicht vorbei. Doch auch die Werften
• Riva verkörpert den Oldtimer unter den Runabouts
Pedrazzini, Bösch und Comitti stehen für diese be-
– eine Ikone zeitloser Eleganz.
sondere Bootsbautradition. Alle vier sind Familien-
• Pedrazzini bleibt die feine Adresse für Individualis-
unternehmen, die ihr Erbe über Generationen ge-
ten, die Maßarbeit und echte Schweizer Präzision
pflegt und weiterentwickelt haben.
lieben. • Bösch begeistert als sportlicher Klassiker: kraftvoll,
Während Riva heute Teil der internationalen Ferretti-
edel und mit Understatement – seit den 1950er-
Gruppe ist, führen bei Pedrazzini, Boesch und Comit-
Jahren auch als offizielles Zugboot bei Wasserski-
ti noch die Nachkommen der Gründer die Geschäfte.
Weltmeisterschaften berühmt.
Hier wird „Heritage“ nicht vermarktet, sondern ge-
• Comitti interpretiert italienische Eleganz neu – für
lebt: als Handwerk, als Stilbewusstsein, als Respekt
moderne Gentlemen und Ladies mit Sinn für Stil
vor dem Material.
und Innovation. Was diese Boote eint, ist der Anspruch auf Qualität und Beständigkeit – Fahrzeuge, die über Jahrzehnte nicht an Wert, sondern an Charakter gewinnen.
KLASSENPORTRAIT | 45
Am Bodensee sind die traditionsreichen Runabouts gut vertreten: • Pedrazzini: Bootshalle Hagner, Uhldingen – www.bootshalle-hagner.de • Bösch: Pro Nautik, Romanshorn – www.pronautik.ch • Comitti: Werft 52, Romanshorn – www.werft52.ch • Comitti: Surfboats – Robert Thomas, Kressbronn – www.surfboats.de
Heritage-Luxusrunabouts – aktuelle Modelle Werft
Haupttyp/Serie
Länge (von–bis)
Motorisierung (von–bis)
Baumaterialien
Boesch
B620–B970 Serie
6,20 m – 9,70 m
V8-Benzin, 320–430 PS
Mahagoni-Sperrholz, 9-fach verleimt, Epoxidharz, Hochglanzlack
Pedrazzini
Capri – Special Serie
7,47 m – 10,30 m
2×V8-Benzin, 220–350 PS
Mahagoni-Vollholz, handverleimt, Epoxidharz, Hochglanzlack
Comitti
Venezia & Breva Serien
6,70 m – 11,00 m
Einzel-/ Doppelmotor, 225–400 PS
GFK-Rumpf, optional Mahagoni-Deck oder Kunst-Teak
46 | KLASSENPORTRAIT
Klassenportrait: RIVA Riva-Motorboote, ein lebendiger Mythos Text: Anette Bengelsdorf Nach endlosen Diskussionen mit seinem Vater Se-
Bardot und nicht zuletzt durch den Bonvivant Gunter
rafino Riva, was die Führung der Werft betraf, fühlte
Sachs, sorgten dafür, dass die Mahagoniboote zum
sich Carlo 1949 – da war er 27 Jahre alt – endlich
Mythos wurden.
erfahren genug, die Werft in Sarnico am Iseosee zu übernehmen und dabei seinen eigenen Weg zu ge-
Carlo war ein Perfektionist. Er rationalisierte den
hen.
Bootsbau bis ins kleinste Detail und wollte alles, vom Verchromen der Beschläge bis zum Bau der Motoren,
Anders als sein Vater wollte er nicht länger Rennboote
unter seine Kontrolle bringen, um jederzeit seinen le-
auf Bestellung bauen und sich den Ideen von Renn-
gendären Qualitätsstandard garantieren zu können.
fahrern unterwerfen, die der Werft vielleicht Ruhm,
1969 verkaufte Carlo Riva das Unternehmen, das seit
aber wenig Profit bescherten. Er wollte vielmehr Boo-
dem 19. Jahrhundert in Familienbesitz war, an eine
te aus Mahagoni in Serie produzieren, die dem ver-
amerikanische Investorengruppe. Es war der Unter-
änderten Lebensstil der Nachkriegszeit Rechnung
gang einer Ära, zumindest was den Rolls Royce des
trugen und das in höchster Handwerkskunst. Er hatte
Wassers betraf. Die klassische Riva-Schönheit aus
die amerikanischen Cabriolets von Chrysler vor Au-
Mahagoni und Chrom hatte die Bühne verlassen, die
gen, als er damit das Sinnbild des italienischen Dolce
nachfolgenden Generationen werden aus Kevlar und
Vita schuf. Der damalige Jetset, unvergesslich ver-
Fiberglas gebaut. Carlo Riva starb 2017 mit 95 Jah-
körpert durch Filmstars wie Sophia Loren und Brigitte
ren in Sarnico.
KLASSENPORTRAIT | 47
Ein Traum in Mahagoni Foto: Julius Osner
Glanz aus Mahagoni – V8 als Herzschlag Die Modelle » Corsaro 1946 (4,8 – 5,6 m) » Scoiattolo 1950 (4,1 – 4,3 m) » Ariston 1950 (6,25 – 6,8 m) » Sebino 1952 (4,9 – 5,1 m) » Florida 1952 (5,5 m)
Technische Daten: Bootstyp:
Riva
Hersteller/ Konstrukteur:
Cantieri Riva/Carlo Riva
Baujahre:
1950 – 1969
Länge ü.a.:
4,1 m – 8,8 m
Breite:
1,75 m – 2,6 m
» Super Florida 1953 (6 m)
Motorisierung:
Chris Craft, Chrysler, Riva
» Tritone 1953 (7,90 m)
Material:
Mahagoni
» Super Ariston 1960 (6,5 – 7m)
Anzahl der Boote am Bodensee:
schätzungsweise 110 – 120
» Super Tritone 1960 (8,22 m) » Aquarama 1962 (8 m) » Super Aquarama 1963 (8,25 m) » Junior 1966 (5,5 m)
Club: Riva Club Deutschland www.riva-club.de
» Olympic 1968 (6,5 m) » Aquarama Special 1972 (8,78 m)
Infos und Kontakte am Bodensee https://www.riva-club.de/
48 | BODENSEEWOCHE
BODENSEEWOCHE | 49
Bodenseewoche – Klassiker, Leidenschaft und modernes Lebensgefühl Text: Carmen Somm Vom 12. bis 15. Juni 2025 wird Konstanz zum Treffpunkt für Freunde klassischer Boote, Wassersportbegeisterte und Liebhaber maritimer Atmosphäre. Bodenseewoche: Geschichte und Aufbruch 1909 als Motorboot- und Ruderrennen gestartet, wurde die Bodenseewoche bald ein bedeutendes Wassersportevent in Europa. Nach Unterbrechungen und der Einstellung 1972 gelang 2009 die Wiederbelebung: Heute findet die Bodenseewoche jährlich in Konstanz statt und verbindet Tradition mit moderner Leidenschaft für den Wassersport. Klassische Schönheiten auf dem Wasser Die Internationale Bodenseewoche ist ein Treffpunkt für Wassersportfreunde, bei dem die klassischen Boote ein ganz besonderes Highlight sind – neben vielen anderen Attraktionen vom See und darüber hinaus. Boote reisen aus Berlin, München oder vom Genfersee an. Einige der früheren teilnehmenden Yachten erzählen Geschichten, die bis in die Anfangsjahre der Bodenseewoche zurückreichen: Der 75er Nationale Kreuzer Föhn II etwa wurde 1912 beim Großherzoglich Badischen Yachtclub Konstanz bestellt und bei Abeking & Rasmussen gebaut. Auch die 6mR-Yacht Ayesha, 1912 von Johan Anker in Norwegen konstruiert, kam 1918 über Oslo und Kiel an den Bodensee.
Klassikermeile an der Bodenseewoche: Foto: Peter Nietsch
50 | BODENSEEWOCHE
Impressionen 2024 – Fotos: Julius Osner und Peter Nietsch
Während wohl kaum noch Menschen leben, die die
Ein Fest für alle Sinne
ersten Bodenseewochen selbst erlebt haben, sind
Schon ein Spaziergang über die Mittelmole, wo Klas-
diese Boote bis heute lebendige Zeugen einer großen
siker an Klassiker vor der historischen Kulisse des
Tradition – liebevoll gepflegt und bewahrt über Gene-
Konstanzer Konzilgebäudes liegen, ist ein unvergess-
rationen, die ihre Leidenschaft für edle Boote weiter-
liches Erlebnis. Die Bodenseewoche bietet aber weit
leben lassen.
mehr: Neben den prachtvollen Booten gibt es ein umfangreiches Wassersportprogramm mit Segel- und
Riva – Parade der Legenden
Ruderregatten, SUP-Rennen, Wasserskivorführun-
Ein weiteres Highlight sind die rund 35 Riva-Boote,
gen und abwechslungsreicher Unterhaltung.
die anlässlich der 60. Durchführung der Bodenseewoche als einzigartiges Highlight anreisen. Diese Mahagoni-Schönheiten mit ihren hubraumstarken
Die Bodenseewoche – ein Ereignis, das klassische
V8-Motoren begeistern mit ihrem sonorigen Klang
Boote, modernen Sport und Lebensfreude auf ein-
und ihrer eleganten Erscheinung sowohl Liebhaber
zigartige Weise miteinander verbindet. Wer elegante
klassischer Motorboote als auch das breite Publikum
Linien, edle Hölzer und das Flair des Wassers liebt,
entlang der Uferpromenade.
sollte sich dieses Highlight nicht entgehen lassen.
BODENSEEWOCHE | 51
11.00–16.00 Uhr: Stündliche Rundfahrten der BSB zu den Regatten 12.30 Uhr: Ankunft DS Hohentwiel | Boarding zur Zeitreise 13.00–16.30 Uhr: Zeitreisen zur Insel Mainau mit DS Hohentwiel und MS Österreich 16.00–23.00 Uhr: Sunset Beats auf der Konzilmole Ab 16.30 Uhr: Einlaufen der Segelyachten Ab 19.00 Uhr: DS Hohentwiel Dixieland-Fahrt 21.30–22.00 Uhr: Wasserski-Nightshow der DSMC-Showgruppe Samstag, 14. Juni 2025 Ab 10.00 Uhr: Auslaufen der RIVA-Flotte und der Segelyachten 10.00–22.00 Uhr: Maritimer Markt auf der Hafenmeile Ab 10.00 Uhr: DSV-Roadshow, Kinderprogramm und Umweltschutzaktionen 10.00–16.00 Uhr: Präsentation Feuerlöschboot Feuerwehr Konstanz 11.00–16.00 Uhr: Stündliche Rundfahrten der BSB zu den Regatten 11.00–16.00 Uhr: Präsentationen von DLRG und Feuerwehr 11.00–16.30 Uhr: SUP-Rennen am Zeppelin-Denkmal 16.00–23.00 Uhr: Sunset Beats auf der Konzilmole Ab 16.30 Uhr: Einlaufen der Segelyachten und RIVA-Flotte Programm-Highlights 2025 (Auszug) Donnerstag, 12. Juni 2025 Ab 14.00 Uhr: Einlaufen der teilnehmenden Segelyachten 17.30–23.00 Uhr: After-Work Event auf der Konzil-Mole mit DJ 18.30 Uhr: Begrüßung und Eröffnung der Internationalen Bodenseewoche 2025 20.00–00.30 Uhr: Konzert & Party im Zelt Zollmole mit „JazzX“
17.30–20.00 Uhr: Costa Rowing Cup 21.30 Uhr: Imperia Sprint Sonntag, 15. Juni 2025 Ab 10.00 Uhr: Auslaufen der Segelyachten 10.00–20.00 Uhr: Maritimer Markt auf der Hafenmeile Ab 10.00 Uhr: DSV-Roadshow, Kinderprogramm und Umweltschutzaktionen 10.00–15.00 Uhr: Präsentation Feuerlöschboot Feuerwehr Konstanz
Freitag, 13. Juni 2025
10.30–11.00 Uhr: Wasserski-Show DSMC-Showgruppe
Ab 10.00 Uhr: Auslaufen der Segelyachten zu den Regattabahnen
11.00 Uhr: Auslaufen der RIVA-Flotte
Ab 10.00 Uhr: DSV-Roadshow im Stadtgarten, Schnupperkurs für Kids
13.30–14.30 Uhr: Vorstellung und Verabschiedung der RIVA-Flotte
10.00–22.00 Uhr: Maritimer Markt auf der Hafenmeile Ab 11.00 Uhr: Einlaufen der RIVA-Flotte
11.00–14.00 Uhr: Stündliche Rundfahrten der BSB
Ab 14.00 Uhr: Einlaufen der Segelyachten Ab 14.30 Uhr: Siegerehrung der Segler im Zelt Zollmole
52 | 75ER SCHÄRENKREUZER
Geschichten unter Segeln
75ER SCHÄRENKREUZER | 53
Die Gun & die Gunies – die Schärenkreuzerin & ihre legendäre Crew Text: Cindy Beisert | Fotos: Julius Osner
Es ist die erste Ausfahrt dieser Saison für sie – wir begleiten die Schweizer Mannschaft auf ihrer Gun, einem 75er Schärenkreuzer. Jede Fahrt auf dem Klassiker ist eine Hommage an schwedische Bootsbaukunst. – Und das Herzstück? Die Crew, die „Gunies“ – ein echtes Original vom Bodensee. Schon von Weitem hebt sich das Rot der Mannschaftskleidung von der Hafenmauer ab – da stehen sie und erwarten uns, die „Gunies“. Die Mannschaft der Gun (gesprochen „Guun“), an diesem Tag bestehend aus sieben Gunies, ist bereit zum Ablegen. Der Blick wandert weiter und da ist sie: Die Gun liegt fest vertaut am Steg, mit ihrem stolz aufragenden Mast von 19,4 Metern Höhe – wir sind bereit für die erste Ausfahrt der Saison. Überwintert hat die Gun in Kreuzlingen und liegt mit fast zwei Metern Tiefgang zufrieden im Hafen ins Romanshorn, während an anderen Ecken des Sees ein Einwassern zu diesem Zeitpunkt undenkbar wäre.
Länge läuft: Ohne diese Aussage kommt wohl kein Text über Schärenkreuzer aus, und doch – es trifft immer wieder aufs Neue. Stattliche 16,6 Meter (ü.a.) misst die Gun. Foto: Julius Osner
54 | 75ER SCHÄRENKREUZER
Die Gunies – ein Team voller Traditionen und Geschichten: (v.l.) Capitano, Kalli, Zwifler (hinten), Charly (hinten), Marcello, Fips, Köbi; nicht dabei bzw. ehemalig: K2, Walterli, Chris sowie Professore und Pepe. Foto: Julius Osner
Saisonstart mit Rückenwind Wir legen ab. Rasmus meint es gut mit uns an die-
gewinnen. Mit Capitano, Kalli, Zwifler, Charly, Mar-
sem Tag und ich habe den Eindruck, als könnten die
cello, Fips und Köbi machen wir uns klar für die ers-
Bedingungen für einen Saisonauftakt nicht besser
te Wende. Klar zur Wende? Ist klar! Wir luven an, die
sein: leichter Ost-Südost-Wind, Sonne, einige Wol-
Genua macht einen kleinen Abstecher in die Wanten,
kenabrisse, die vorbeiziehen und punktuell für Wind
schnell entwirrt, dann liegt der Kurs wieder an.
sorgen. Und genau auf diese Windfelder steuern wir zu. Um das Groß zu setzen, braucht es mindestens
Der perfekte Trimm
vier Hände und gemeinsames Rufen, dann stehen die
Die Fallspannung nachziehen, die Cunningham
Segel im Wind.
durchsetzen – das Großsegel wird sauber getrimmt. Das Einstellen der Holepunkte und Anpassen der
Die Crew
Backstagen sorgt für optimalen Genuatrimm. Schot-
Es ist die 14. Saison, die die Mannschaft auf der Gun
zug – kraftvoll, aber fein dosiert, für guten Trimm sind
beginnt. Alle sind konzentriert, leichte Anspannung.
die Winschkurbeln ein Muss – Muskelkraft und Fein-
Die Gesichter der Gunies sind durch helle Team-Caps
gefühl sind gefragt. Präzision auf dem über 16 Meter
vor der Sonne geschützt. Gegen die Sonne werden
langen Langkieler – die Gunies wissen, wie es läuft.
die Teammitglieder zu Silhouetten, die durch ihre
Bei entspannten 4 bis 6 Knoten Wind gleiten wir mit
unverkennbaren Rufnamen wieder an Persönlichkeit
leichter Krängung dahin.
75ER SCHÄRENKREUZER | 55
Eleganz & Dynamik in Symbiose mit der Natur
können. Die Wellen tanzen um den Bug – an diesem
Steuermann Köbi führt sicher das Ruder. Wir gleiten,
Frühlingstag sind wir fast allein auf dem See.
ziehen, ja schweben fast auf dem karweel-beplank-
Ein paar Schläge führen uns in Richtung der Rorscha-
ten Rumpf aus edlem Honduras Mahagoni durch die
cher Bucht. Ich übernehme die Pinne. 10 Grad abfal-
kleinen Wellen. Der Bleikiel sorgt für Stabilität, der
len? Mit der Gun ganz leicht – wenn dann klar ist, wo
Drehflügelpropeller faltet sich in Stromlinie, während
der Kompass ist, und davon gibt es gleich zwei: Sie
wir wie auf Schienen das Wasser durchschneiden.
befinden sich zwischen den beiden Winschen je an Backboard und an Steuerboard.
Der Schärenkreuzer segelt nicht – er tanzt auf den Wellen, spielt mit den Windfenstern, denen wir auf
Rasend, leicht und langgestreckt –
der Spur sind. Für mich ist es das erste Mal auf einem
typisch Schärenkreuzer
so eleganten Langkieler – und das bei traumhaften
Die Gun zieht schnell und elegant durch das Wasser
Bedingungen. Der Säntis liegt als stiller Beobachter
– das liegt auch an der durch die üppig ausladen-
im Nebel, die schneebedeckte Alpenkette erstreckt
den Überhänge immer länger werdenden Wasserli-
sich am Horizont. Die Crew hält das Boot nach ein
nie –, Länge läuft. Bei einer achtköpfigen Crew mit
paar Manövern konzentriert, aber entspannt auf
mir plus Fotograf sind wir froh, viel Bewegungsfrei-
Kurs. Die Backstagen sind so straff, man könnte mei-
heit auf dem entsprechend langen Deck zu haben.
nen, darauf wie auf den Saiten einer Geige spielen zu
Nach einem Sprung ins Wasser kann der Weg zurück
56 | 75ER SCHÄRENKREUZER
75ER SCHÄRENKREUZER | 57
Unter Deck auf der Gun: glänzendes Mahagoni, Salontisch mit Einlegearbeiten und goldener Lichteinfall. Foto: Nico Krauss
an Bord herausfordernd sein. Eine Badeleiter gibt es
Chance, beim Manöver muss gewartet werden, bis
nicht, da weiß die Mannschaft schon Abhilfe und er-
wir im Wind stehen, dann kann die zweifach geführ-
zählt grinsend von der Erfindung der Fender-Leiter,
te Schot bedient werden. Dank der eleganten Schot-
die auch mal als rettende Einstiegshilfe funktioniert.
durchführung verschwinden die Enden der Schoten unter Deck und machen die Sicht frei auf das Deck
An diesem Tag ist an Anbaden noch nicht zu denken
aus Oregon Pine.
– heute wird gesegelt. Wir drehen auf Raumwindkurs, schlagen den Carbon Spi-Bauman und setzen
Wo Liebhaber-Herzen schwach werden:
den Spinnaker. Ein blaues und gelbes Lichtspiel zieht
die Ausstattung
um uns herum auf und verstärkt die ohnehin vorherr-
Die Cockpitduchten glänzen im warmen Rotbraun
schenden Farben an diesem Tag. Wir halten Kurs in
des Mahagoni. Das Kajütdach der Gun mit Mahago-
Richtung Romanshorn.
ni ist vor zehn Jahren komplett saniert worden und tritt dem vorbeischweifenden Blick heute so glän-
Positionen an Bord
zend entgegen, dass man fast das Seepanorama
Jeder hat die Position an Deck, auf der er sich am
darin erahnen möchte. Liebhaberstücke soweit das
wohlsten fühlt, bei Ausfall und Veränderung bleiben
Auge reicht: ein formverleimter Pinnenausleger, der
aber alle flexibel und unterstützen einander. Wäh-
Cockpit-Tisch sowie der Salontisch unter Deck sind
rend der Steuermann Kurs hält, zwei bis drei Mann
mit aufwendigen Einlegearbeiten verziert – liebevol-
auf dem Vorschiff sind und Vorschoter, Trimmer und
le Handarbeit durch das Team und Know-how von
Taktiker für optimale Geschwindigkeit sorgen, stelle
Teammitglied Schreinermeister Willi, auch genannt:
ich mit Großschoter Fips den optimalen Trimm des
Capitano. Der Blick unter Deck zeigt hochglanzla-
Groß ein. Alles braucht feinfühliges Fingerspitzen-
ckiertes Mahagoni. Die Bepolsterung wurde 2018,
gefühl und eine große Portion Kraft. Die Großschot
zum hundertjährigen Bestehen des Schärenkreuzers
hoch am Wind fieren mit Druck im Segel? Fast keine
erneuert – ein Boot zum Träumen.
Majestätisch wölbt sich der Spinnaker. 107 Jahre schreibt die Gun heute. Foto: Julius Osner
58 | 75ER SCHÄRENKREUZER
75ER SCHÄRENKREUZER | 59
Die Gunies & ihre Analen: Mastbruch, Mann-über-Boot und das Blaue Band Die Gun ist nur ein Kapitel im Buch der Mannschaft mit Wurzeln am Untersee. Einige von ihnen segeln schon seit Jahrzehnten gemeinsam. Dabei begann die Segellaufbahn oftmals auf einer Jolle – Einhand auf dem Laser oder auch zu zweit auf dem 420er. Wie die Boote wuchs auch die Crew und mit ihnen die Vorhaben. In den Annalen der Gunies findet sich ein besonders abenteuerliches Kapitel: der Eigenbau einer Libera B, der „Carondimonio“, auch Carondi genannt. Das elegante Geschoss mit Rennlizenz samt Crew sorgte für zahlreiche Erfolge, die von Ner-
Die Gunies – eine Crew mit Kultcharakter: Hier am Gardasee auf ihrer „Carondimonio“ zu zehnt im Trapez.
venkitzel und Anekdoten begleitet werden, die nicht ohne das verschmitzte Grinsen der Crew erzählt werden können.
Nichts ist stärker als ein gutes Team Heute hängt die Erinnerung an Zeiten zu zehnt im
Die Carondi segelte mit der Crew der heutigen Gu-
Trapez mit bis zu 25 Knoten Geschwindigkeit und
nies unter anderem auf den ersten Platz auf dem Sie-
zahlreichen Erfolgen nicht nur still als Kalenderbild
gerpodest bei folgenden Regatten:
an der Wand, sondern durchzieht das Miteinander
- Ost-West1997 und 1998
des Teams. Der Geist der heutigen Gunies ist geprägt
- DE-Cup für Liberas, Chiemsee 1997
von Vertrauen, Verlass und Miteinander. Sie halten
- Rund Um (Blaues Band) 1997
zusammen: Beim Auslaufen bricht eine kleine Kunst-
- „First ship Home“, Uristiercup (Vierwaldstätter-
stoffhalterung, die den Pinnenausleger an der Pinne
see) 1997
befestigt, kurze Zeit später ist bereits eine Lösung
- Libera Cup, Lindau 1996
parat und der Fixpunkt neu versorgt – als wäre nie
- Bol d’Or schnellster Einrümpfer 1995 und 1999
etwas geschehen.
Das Führen der pfeilschnellen Libera-Klasse erfordert
Sie sind ein gutes Team, die Gun und ihre Gunies –
maximales Feingefühl und Balance – da kann auch
und schreiben in diesem Moment weiter Geschich-
das Festmachen im Hafen schon eine Herausforde-
te. Die stürmischen Zeiten der Gunies sind milderen
rung werden. Links liegen ließ die Libera als segelndes
Wogen gewichen und haben auf der Gun ein weiteres
Turngerät mit Einladung zu Akrobatik auch in Fahrt
Kapitel ihrer Segelreise gefunden.
so einige – leider auch manchmal Teile der eigenen Crew. Diese wiederum sorgte in so manchem Dorf für nachhallendes Rumoren, was ihnen im Scherz den Namen „Pandemonio“ einbrachte. Die stürmischen Episoden der Mannschaft sind mit Anekdoten gefüllt, von denen Durchkentern, „Mann über Bord“ und Mastbruch bei Regatten noch fast harmlos klingen. Balance, Fingerspitzengefühl und ein starkes Team braucht es, um die Libera erfolgreich zu beherrschen – kein Problem für die heutigen Gunies, damals auf ihrer „Carondi“
60 | 75ER SCHÄRENKREUZER
TIPP Schauen Sie sich unseren Video hierzu an: classic.bodensee.com/gun
Marcello und Zwifler haben das Vorschiff im Griff. Foto: Julius Osner
Die Reise der Gun: Von den Schären zu den Gunies
Das scheinbar unmögliche Unterfangen mit einem
„Elegant und attraktiv“ sollte die Yacht sein, die bei
Boot von einer stattlichen Länge von 16,6 m gelang:
Erik Salander in Auftrag gegeben wird.
Mit etwas Glück fand sich ein Liegeplatz in Romans-
„A. B. Hästholmsvarvet, 1918“ – an der Beschlags-
horn.
platte des Dreh- und Angelpunkts, der Pinne, ist eine Gravur zu sehen, die vom Geburtsort und der Ge-
Tradition möchte gepflegt sein
burtsstunde der Gun erzählt. Ein Zeugnis und eine Er-
In zehnter Hand befindet sich die Gun oder die „ele-
innerung an vergangene Tage in der Nähe von Stock-
gante, alte Dame“, wie die Gunies sie liebevoll nennen,
holm.
mittlerweile und wird in den Händen der Schweizer Gunies wohl gepflegt und gesegelt. Ein so historisches
Fast ein Jahrhundert verkehrt die Gun in den Schären
Boot darf auch seine Tradition pflegen, und Holz wie
in Nordeuropa bis sie 2012 zum Verkauf in Helsinki
auch das Miteinander der starken Mannschaft lebt
steht. Fest entschlossen macht sich die Gun kurze
und möchte gepflegt werden. Wenn die Werft, in der
Zeit später per Sondertransport auf in Richtung Sü-
die Gun überwintert, an Weihnachten und Silvester
den. Gun ist ein schwedischer Frauenname, der der
nicht im Betrieb ist, kommen die Gunies und küm-
nordischen Mythologie entnommen ist. Manchmal
mern sich um ihre Holzyacht. Ehrensache und jahre-
braucht es Vertrauen in ein großes gemeinsames Vor-
langes Wissen, das hier im Team zum Einsatz kommt.
haben und guten Willen: Das Team kaufte die Gun
Viele Elemente sind restauriert, saniert, ersetzt und
ohne vorher einen Liegeplatz am See zu haben.
soweit wie möglich in Stand gehalten.
75ER SCHÄRENKREUZER | 61
Liebe zum Detail wohin das Auge fällt: Der Ruderkopf ist mit einer Gravur versehen, die von der Herkunft der Gun aus Schweden erzählt: Hästholmsvarvet, 1918. Foto: Julius Osner
Technische Daten: Vermessung/ Klasse:
75 qm Schärenkreuzer
Baujahr:
1918
Konstrukteur
Erik Salander
Werft Hästholmsvarvet, Schweden Eigner (heute)
Die Gunies, eine traditionsreiche Mannschaft vom Untersee
Länge über alles
16,60 m
Wasserlinie
10,60 m
Breite
2,57 m
Tiefgang
1,90 m
Verdrängung
6t
Crew
bis 8 Personen
Masthöhe
19,4 m
Motor
Nanni 15,4 kW, Diesel
Der scharfe Bug schneidet das Wasser. Foto: Julius Osner
62 | 75ER SCHÄRENKREUZER
75ER SCHÄRENKREUZER | 63
Imposantes Schattenspiel auf der Genua bei traumhaften Bedingungen für den Saisonauftakt auf dem Wasser. Foto: Julius Osner
Manchmal ist nur noch eine Neubeschaffung eine
Gun manchmal eine Spur luvgierig an, was bei großer
Option: Nach einem Mastbruch vor drei Jahren muss-
Krängung durch eine Böe das Schiff eher in den Wind
te Ersatz her. Der bisherige Carbon-Mast wurde durch
drehen lässt. Bei einer so großen Masthöhe kann das
einen neuen ersetzt, der nun aber am Top verstärkt
auch die Sicherheit erhöhen.
ist – noch stabiler und trotzdem federleicht. Sobald sie eingewassert ist, läuft die Gun an einem
Wind weg, Vesper da
festen Tag in der Woche zum Segeln und Zusammen-
Gegen Abend flaut der Wind ab – und mit der Flaute
kommen aus.
kommt das Vesperbrett. Das Herz voll von den ersten Schlägen auf dem Wasser, haben die Gunies auch für
Alljährliche Höhepunkte sind die Bodenseewoche
das Wohl des Bauchs gesorgt. Auf dem handgearbei-
und das gemeinsame Fahrtenwochenende. Wohin es
teten Plichttisch entsteht eine Vesper, das an die Vor-
dabei geht? Dahin, wo der Wind weht. Romanshorn
lieben jedes einzelnen Crewmitglieds angepasst ist.
scheint dafür ein perfekter Ausgangspunkt zu sein
Wie die Sonne sich dem Horizont nähert, geht eine
mit Blick in die Bregenzer Bucht und zum Konstanzer
gelungene, erste Saisonfahrt auf der Gun zu Ende.
Trichter. Die Gun ist älter als wir alle und trägt uns in einer Ele-
Und weiter?
ganz, geformt von Handwerkskunst, die für die Ewig-
Ein kleiner Funke Wehmut begleitet den Abschied
keit gemacht scheint. Hoch am Wind laufen wir zu-
von der Gun, als wir uns noch auf dem Wasser von
rück in Richtung Heimathafen. Die Genua ist sauber
den Gunies verabschieden. Die Gun möchte weiter-
getrimmt maximal dicht – auch dank der neuesten
ziehen und ist auf der Suche nach einer neuen, sie
Optimierung: Die oberste Saling wurde vergangenen
schätzenden Mannschaft und neuen Abenteuern. Die
Winter gekürzt und erlaubt nun das Genuaachterliek
Kulisse, die sich uns beim Ablegen bietet – die Gun
auch im oberen Bereich, ohne Schamfilen an der
mit ihren Gunies im Sonnenuntergang unter Spinna-
Saling, optimal einzustellen. Am Steuer fühlt sich die
ker – könnte glatt das nächste Kalenderbild sein.
Stolz fährt die Gun mit den Gunies auf dem Bodensee in der Frühlingssonne. Foto: Julius Osner
64 | 15er SNS
AVALON vergessene Schönheit aus dem Brockenhaus mit neuem Leben auf dem Bodensee Text: Edy Suter | Regula Zwicky
Ein Boot zum Solosegeln oder im Team. Die AVALON schwimmt in neuem Glanz auf dem Bodensee. Foto: Peter Minder
1950 bestellt ein Genfer Regattasegler, Claude Bi-
Die Überraschung mit dem Namen „Surprise“
gar, bei der renommierten norwegischen Werft von
Alles begann mit einem Satz: „Wenn ich pensioniert
Bjarne Aas einen 15 m2 SNS oder auch 4mR. Im Ja-
wäre, würde ich dieses Schiff restaurieren!“ Ein Satz,
nuar 1951 wird das Schiff mit der Nummer Z 73 aus-
der zur Prophezeiung wurde – nur nicht ganz in der
geliefert. Jahrzehnte später segelt das Boot auf dem
erwarteten Reihenfolge. Edy Suter vom Yachtclub
Zürichsee, bevor es ab 2008 sein Dasein in einem
Kreuzlingen erzählt von der überraschenden Be-
Segler-Brockenhaus fristet – bis ihm und dem zu-
gegnung und Restaurierung der Surprise – heute:
künftigen Eigner eine ungeplante Überraschung be-
AVALON.
vorsteht. Edy Suter und Peter Bürgi haben die AVA-
Vor einem Brockenhaus für Segler stand ein altes Se-
LON restauriert, mit Regula Zwicky segelt sie heute
gelboot, das dem Zerfall ausgesetzt schien. Als Lieb-
auf dem Bodensee – die Menschen um AVALON be-
haber klassischer Yachten – ich segelte damals einen
richten von der bewegten Reise dieser vergessenen
45er Nationalen Kreuzer – hatten mich die Linien
Schönheit.
dieser kleinen Yacht in den Bann gezogen.
15er SNS | 65
Eine Überraschung im ehemaligen Ponystall. Die Surprise (heute AVALON) zu Beginn ihrer Restaurierung. Foto: Edy Suter
Jedes Mal, wenn wir an ihr vorbeifuhren, entlockte es mir obigen Satz, bis das Schiff eines Tages nicht mehr dort war. Schade! Ein unerwartetes Weihnachtsgeschenk Es war Weihnachten 2009, als mich meine Familie nach den häuslichen Feierlichkeiten zu einer nahegelegenen alten Scheune führte – und: Da war sie wieder, diese alte, zerfallene Yacht mit den schönen Linien. In einer extra dafür von meiner Familie ausgebauten Werkstatt. Obwohl ich noch nicht pensioniert war. Recherche & Bestandsaufnahme Nun hieß es: Informationen sammeln, Wissen aufbauen und dann: anpacken. Die Informationen führten uns ins Schifffahrtsmuseum in Oslo. Dort befanden sich die Pläne der Yacht, welche wir auch in Kopie erhielten. Ein berühmter norwegischer Konstrukteur und Schiffsbauer, Bjarne Aas, hatte das Schiff unter der Formel der Meterklassen konstruiert und in seiner Werft für einen erfolgreichen Genfer Regattasegler 1951 gebaut. Bjarne Aas war weltweit bekannt und hat unter anderem auch die 6mR Yachten für den norwegischen König gebaut. An das Wissen für die Restaurierung kam ich über ein Restaurierungsseminar des Freundeskreises Klassischer Yachten (FKY). Dort konnte ich auch herausfinden, dass die Planken der Yacht und auch das Unterdeck aus Oregon Pine gefertigt waren. Auch das Forum auf der FKY-Website war hilfreich. Leidenschaft, Handwerk – und ein Projekt: Insgesamt sechs Jahre arbeitet Edy Suter (Bild) mit Peter Bürgi an der Surprise bis sie wieder schwimmt. Foto: Edy Suter
66 | 15er SNS
Zudem war das Buch von Thomas Larsson, „Holzboo-
… bevor Wrangen & Planken mit Zitrusduft folgen
te – Renovieren und Instandhalten“, ein treuer Begleiter im Prozess. Beim Anpacken unterstützte mich
Dann erneuerten wir auch einige Bodenwrangen und
Peter Bürgi, ein Segelkamerad aus unserem Club, der
schließlich auch die Kielplanke. Der Spiegel musste
auch ein großer Liebhaber klassischer Boote ist.
komplett ersetzt werden. Ein Meisterstück wurde der Vordersteven. Für diesen fertigten wir zuerst Schablo-
Ran ans Boot: Erst die Spannten …
nen an, um die verlaufenden Winkel zu den Planken
Als Erstes mussten wir den wirklichen Zustand des
aufzunehmen. Schließlich verleimten wir 14 Lagen
Schiffes kennenlernen. Dazu entfernten wir die
Mahagoni, genau in der notwendigen Kurve des Bu-
Außenfarbe. Innen war das Schiff mit Leinöl und im
ges. Was für eine Motivation, als es passte!
Bilgenbereich mit der berühmten grauen Bilgenfarbe bestrichen. Schon bald war klar, dass alle Unterwas-
Nachdem wir noch die Balkweger erneuert hatten,
serplanken ausgetauscht und auch 80% der Spann-
konnten wir das Schiff vom Kiel heben und umdre-
ten erneuert werden mussten. Auch das Deck war
hen. Dazu bauten wir in der doch etwas engen Werk-
am Zerfallen und musste abgebaut werden. Wir ver-
statt einen Kran aus Holzbalken, der uns viele gute
suchten aber möglichst viel der alten Substanz zu er-
Dienste leistete. Stück für Stück verschraubten wir
halten. Der Zustand des Schiffes war so instabil, dass
die neuen Oregon Pine Unterwasserplanken. Noch
wir von innen heraus mit der Erneuerung der Spann-
heute habe ich den Zitrusduft dieses schönen Holzes
ten begannen. Jede einzelne Spannte wurde mit
in der Nase. Die Schrauben wurden versenkt und die
dem Kettenmaß ausgemessen und in einem 3-fach
Schraubenlöcher mit selbst hergestellten Holzzapfen
Verbund aus Mahagoni formverleimt. Die Spannten
verschlossen – über 1000 Zapfen waren es!
verschraubten wir dann wie im Original mit den noch alten Planken.
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15er SNS | 67
Die Surprise (heute AVALON) schwimmt wieder. Foto: Edy Suter
Feinschliff & Hingucker-Highlight
Ein Traum wird wahr
Nun hieß es schleifen und nochmals schleifen. Aber
Schließlich ersetzten wir noch das Totholz auf dem
kein Problem bei diesen schönen Linien. Die vom
Kiel – harte Arbeit mit hartem Eichenholz. Doch dann
Bootsbauer angerissene Wasserlinie kam zum Glück
kam ein unvergesslicher Moment: Die Lackierung mit
zum Vorschein und konnte so rekonstruiert werden.
Klarlack. Was für ein wunderbarer Anblick! Dieses
Nachdem wir erste Lagen Lack aufgebracht hatten,
Holz mit seinen einzigartigen Strukturen. Da war es
drehten wir das Schiff wieder.
ein Muss, auch die Beschläge, wenn immer möglich, aus Messing auszuwählen. Die originalen Winschen
Das Deck war im Originalzustand mit zwei Lagen
konnten wir nach einer eingehenden Revision wieder
Oregon Pine querverleimt gewesen. Vermutlich war
einbauen.
darauf ein Leinenüberzug aufgebracht. Es war wie
Das Rigg war nicht mehr zu gebrauchen. Dank der
ein Abtauchen in die Vergangenheit, als wir auf den
Zeichnungen und der Bestimmungen der Klassen-
Decksbalken noch Bleistiftmarkierungen der Schiffs-
vorschriften der 15er SNS konstruierten wir das Rigg
bauer fanden. Das Deck war mangels wasserfesten
selbst. Den Holzmast ließen wir von Stefan Züst in Alt-
Leims nicht verleimt, sondern vernagelt. Da hatten
nau bauen, der dafür einheimisches Holz aus seinem
wir es mit dem Expoxidharz schon leichter. Wir ent-
Wald verwendete. Es wurde ein Traum von einem
schieden dann, auf das Unterdeck kein Leinendeck
Mast.
aufzubringen, sondern ein Leistendeck – aber nicht aus Teak, sondern aus Oregon Pine mit Zwischenleis-
Insgesamt haben mein Kollege und ich 2000 Arbeits-
ten aus Mahagoni. Diese Arbeit hat ein Jahr Renova-
stunden verteilt auf sechs Jahre aufgewandt. Stun-
tionszeit in Anspruch genommen. Aber es wurde der
den, die wir kaum vergessen werden.
Hingucker!
Und am Ende war ich dann auch pensioniert. Am 8. Juni 2017 wird AVALON eingekrant und schwimmt wieder. „Man besitzt ein Holzboot nicht, man darf es eine Zeit lang begleiten, genießen und pflegen. Und dann gibt man es weiter.“ (Chris Hess, Präsident 15m2 SNS)
AVALON – zurück auf dem See
68 | 15er SNS
Der Riss der AVALON stammt von niemand Geringerem als Bjarne Aas, dem Konstrukteur und Designer der International One-Design-Klasse.
15er SNS | 69
AVALON – zurück auf dem See Eine Woche später: der Herz-Bauch-Entscheid mit Handschlag auf Edys Boot (damals noch Surprise). Mit der Saison 2020 übernahm ich Surprise ohne zu wissen, was mich wirklich erwartete. Ganz à la Pippi Langstrumpf bin ich einfach meinem Herzen nachgesprungen. Regula Zwicky erzählt von ihrer Liebe zu Holzbooten, wie die AVALON erneut für eine Überraschung sorgte und was sie beide heute auf dem See bewegt. Wie die Liebe zum Segeln auf dem Holzboot begann In meiner Jugend in den Siebzigerjahren, steckte ich nach einem Sommersegelkurs meine ganze Familie mit dem Segelvirus an. Auf einen Piraten folgte ein
Oregon Pine und Mahagoni zieren das Deck der AVALON. Foto: Edy Suter
Jollenkreuzer, alles in Holz, dann ein 30er Touren Schärenkreuzer, dieser jedoch aus GFK. Parallel zu den Familienbooten segelte ich mit meinem Bruder Rolf auf einem Holz-Vaurien, die Wurzeln seiner Regattakarriere. Im Winter war es selbstverständlich, unsere damaligen Holzboote selbst zu pflegen. Auf tagelanges Schleifen folgte freudvolles Lackieren. Tüfteln, Diskutieren und Optimieren! Hommage an das Holzboot In den späten Siebzigern tauchten immer mehr Kunststoffboote auf. Die Menschen am See wurden wohlhabender, neue Häfen wurden gebaut und das
Liebevoll ausgearbeitete Details an der Pinne und dem Pinnenausleger laden zum Träumen ein. Foto: Edy Suter
Fahrtensegeln auf großen Dickschiffen nahm seinen Lauf. Jeder, der etwas auf sich hielt, hatte eine mindestens 10 Meter lange Yacht. Das Fahrtensegeln wurde immer beliebter. Viele Holzboote blieben zu jener Zeit auf dem Abstellgleis, wurden verschrottet oder fristeten ihr Dasein über Jahre in einer vergessenen Werftecke. Vielleicht ist es gerade die aufwendige Hege und Pflege, die mich seit jeher stärker an die Holzboote fesselte. Mein Herz geht auf, wenn ich die Schönheiten an der Bodenseewoche bewundere. Details der AVALON. Foto: Edy Suter
70 | 15er SNS
AVALON mit Dieter Kuhn, Regula Zwicky und Luitgard Heusel. Ein Boot zum Solosegeln oder im Team – was die Besitzer der 15m2 SNS verbindet ist ein starkes Gemeinschaftsgefühl und einige Regatten in der Schweiz – vielleicht bald auch wieder auf dem Bodensee. Foto: Peter Minder
Das Wichtigste: das „Segelfeeling“
Club-Terrasse, wo mir der soeben renovierte 15 m2
Wieder zurück mit Wohnsitz am See wollte ich meine
SNS von Edy Suter schmackhaft gemacht wurde –
Lebensqualität mit einem eigenen Boot bereichern.
eine Woche später war ich stolze Besitzerin der Sur-
Ich verliebte mich bei Stefan Züst in die türkisfarbige
prise. Ich übernahm Surprise, ohne zu wissen, was
M-Jolle Baujahr 1939 und hatte einige Saisons viel
mich wirklich erwartete.
Spaß mit ihr. Meine Möglichkeiten und Bedürfnisse sind sportliches Day-Sailing, unabhängiges Solo-
Starke Gemeinschaft für eine große Liebe
Sailing sowie sportliches Segeln in einer Crew. Das
Es begann eine Zeit der Freude, des Lernens und
wichtigste Kriterium ist jedoch das „Segelfeeling“,
des Planens. Überaus dankbar darf ich auf die gro-
das heißt mit einem Boot nah beim Wasser wendig
ße Unterstützung von Edy Suter und Marcel Gasser
zu segeln.
betreffend der Bootspflege zurückblicken. Mit seinem fundierten Trimm- und Navigationswissen führte
Herz voraus – wie Surprise eine neue Besitzerin fand
mich Dieter Kuhn in die Finessen des 15er Segelns
Im Sommer 2019 kam ich von einem Segel-Sonn-
ein. Beim regelmäßigen Training hatten wir als Crew
tag in der Konstanzer Bucht zurück und fand die
so viel Spaß und verliebten uns immer wieder aufs
Slipperei mit der schweren M-Jolle sehr streng. Ich
Neue in AVALON.
öffnete mich innerlich für neue Möglichkeiten. Das Angebot kam sofort. Es war auf unserer schönen
15er SNS | 71
Wo See & Boot eins werden … Nichts kann die Emotionen während des lautlosen Solo-Segelns über einen kaum bewegten See toppen. Meine Seele fliegt in solchen Momenten. Ich fühle mich eins mit dem See und dem Boot – so wie in Avalon, der sagenumwobenen Zwischenwelt von König Arthur, entführt mich das Boot in eine andere Dimension. Was ich besonders an dieser Bootsklasse schätze, ist die überschaubare Größe, das Minimum an materiellem und an segeltechnischem Aufwand. Die 15 m2 SNS sind Liebhaberobjekte geworden. In den renovierten Booten steckt viel Arbeit, Geschichte, Wohlwollen und Liebe. Ich schätze das Bewusstsein der Klasse, diese Boote als Kulturgut zu erhalten und zu pflegen. Es geht bei den Oldtimern nicht um „größer-schneller“, hier zählen Werte wie die Schönheit alter Formen und die minimalistische technische Handhabung. Das Ganze ergibt eben das pure Segelfeeling: dieses unmittelbare Gefühl durch die Verbindung des Menschen mit den Elementen Holz, Segel, Wind und Wasser. Wie geht es weiter mit AVALON? Ich will sie auf jeden Fall noch ein paar Jahre begleiten, sie pflegen. Ich bin offen für neue Formen von
Stolz und elegant – die AVALON heute auf dem Bodensee. Foto: Peter Minder
Besitz und Erhalt, gerne mit einer passenden Gemeinschaft. AVALON ist in ihrer Art fast allein auf dem Obersee. Ein Zukunftsprojekt wäre, sie saisonal auf anderen Seen wie dem Greifensee, Sempachersee oder dem Hallwilersee zu segeln. Wir pflegen einen schönen Austausch innerhalb unserer Klasse und dies eröffnet neue Möglichkeiten, auch die Gemeinschaft untereinander zu pflegen. Hinweis: Weitere Infos zu der Klasse der 15er SNS in den finden Sie im Artikel „Klassenporträts 15m² SNS“ auf S. 31. Restaurierung im Detail Wie die AVALON Schritt für Schritt ein neues Leben bekam. Hier geht es zur Fotostrecke. https://classic.bodensee.com/restaurierung-der-avalon
AVALON im Portrait Vermessung/Klasse: 15er SNS Baujahr: 1951 Designer, Ort: Bjarne Aas, Frederikstad Bauwerft: Genf Namen bis heute: Snark V, Atilan, Surprise und heute: AVALON Länge über alles: 6,9 m Länge Wasserlinie: 5,1 m Breite: 1,67 m Tiefgang: 1m Gewicht: ca. 930 kg Segelfläche am Wind: 15 m²
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75ER NATIONALE KREUZER | 73
PETRUS (O 68) – 100 Jahre Eleganz und Segelleidenschaft Text: Ewald Weisschedel & Carmen Somm
Es ist ein besonderes Gefühl, auf einem Boot zu stehen, das seit einem Jahrhundert Wind und Wellen erlebt hat. PETRUS, unser 75 qm Nationaler Kreuzer mit der Baunummer O 68, wurde 1925 gebaut und segelt heute noch mit derselben Anmut über den Bodensee wie damals auf der Havel oder der Ostsee. Mehr als ein Schiff – PETRUS ist der Familie Weisschedel über vier Generationen ein festes Familienmitglied geworden, ein Zeitzeuge, ein Botschafter der klassischen Seemannschaft. Und sie ist bereit für die nächste Generation.
Die dritte Generation an der Bodenseewoche. Foto: Peter Nietsch
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PETRUS mit originalem Peitschenmast. Foto: privat.
75ER NATIONALE KREUZER | 75
Überlinger Herbsregatta 1963: v. l. Ewald Junior, Ewald Senior und Fritz Dürr – enger Freund von Ewald Sen. und ständiges Regatta-Crewmitglied auf PETRUS. Foto: Familie Weisschedel
Bau und frühe Jahre in Berlin In den 1920er-Jahren florierte die Regattaszene auf den Berliner Gewässern und der Ostsee. Auf der Pabst-Werft in Berlin-Köpenick entstand 1925 unter einem Entwurf von Gustav Estlander ein neuer 75 qm Nationaler Kreuzer. Richard Borck, ein begeisterter Regattasegler der 40 qm Schärenkreuzerklasse, ließ das Schiff bauen und nannte es „Trumpf“. Schon ein Jahr später übernahm Fritz Tielebier die Yacht und taufte sie auf den Namen „PETRUS“. Sommer für Sommer kreuzte PETRUS auf der Ostsee – ausgestattet mit einem 60 m² Fahrtenrigg, angepasst an die Bedingungen im hohen Norden. Kriegs- und Nachkriegszeit Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs verstummten die Segel auf der Ostsee. Auch in den Jahren danach wurde PETRUS kaum noch bewegt. Das Boot überdauerte die schweren Zeiten an Land. Standerschein des Kontanzer Yacht Club
76 | 75ER NATIONALE KREUZER
75ER NATIONALE KREUZER | 77
Zwei Generationen an Bord: Sabine, Ewald, Amelie, Barbara und Beat. Foto: Privat
Umzug an den Bodensee
Generationenwechsel: Segeln als Lebensgefühl
Als unser Vater, Ewald Weißschedel Senior, aus beruf-
Nach dem Tod unseres Vaters 1976 übernahmen wir
lichen Gründen nach Konstanz zurückkehrte, suchte
drei Geschwister – Sabine, Barbara und ich – PET-
er ein Schiff für seine Familie. Seine Verbindung zur
RUS gemeinsam. Die Familientradition setzte sich
75er-Klasse, geprägt durch seine Jugend auf dem
fort: Törns, Regatten, lange Abende auf dem See.
„Föhn“ (O 5), ließ ihn aufhorchen, als er vom Verkauf der PETRUS in Berlin erfuhr. Fritz Tielebier und unser
Es ging uns nie nur um den Sieg auf dem Wasser, son-
Vater wurden sich schnell handelseinig. Auf einem
dern immer auch um die Gemeinschaft, das Erleben
Bundesbahn-Tieflader kam PETRUS, mit Verzöge-
der Natur, die Freundschaft unter den 75er-Seglern.
rung, an den Bodensee. Die Heinrichwerft machte
PETRUS war unser Ankerpunkt: Ob bei den klassi-
das Schiff klar, und am 30. Mai 1962 erlebten wir die
schen Bodenseeregatten, bei langen Sommertörns,
erste Ausfahrt auf dem neuen Heimatrevier.
bei ungezählten Abenden vor Anker mit Freunden und Familie.
Der Weg zur Regattayacht Die ersten beiden Sommer segelten wir noch unter
Heute, viele Jahre später, erfüllt uns das Bewusst-
dem alten 60 qm Fahrtenrigg, erlebten lange Fami-
sein, dass wir eine über Generationen gewachsene
lientörns auf dem See. 1963 bekam PETRUS das
Leidenschaft bewahrt haben – und weitergeben dür-
heute noch bestehende Regattarigg. Damit begann
fen –, mit Stolz.
eine neue Ära: zahlreiche Regatten, viele Erfolge und unvergessliche Stunden auf dem Wasser. Die PETRUS wurde unser Familienschiff – und zugleich ein erfolgreicher Regattakreuzer in der lebendigen 75er-Gemeinschaft.
Regattakreuzer & Familienschiff: PETRUS ist beides. Hier beim Spi-Manöver mit Frank, Amelie und Barbara. Foto: Privat
78 | 75ER NATIONALE KREUZER
Die große Renovation zum 100-jährigen Jubiläum Zum 100. Geburtstag war es an der Zeit, PETRUS in einen Zustand zu versetzen, der ihr würdig ist. 2023 begann die umfassende Renovation – außen wie innen. Die Arbeiten umfassten: • Überholung der gesamten Mahagoni-Beplankung • Vollständige Erneuerung des Teakdecks • Instandsetzung und Pflege der Aufbauten • Neue Lackierungen und Versiegelungen • Modernisierung ausgewählter technischer Details, ohne die historische Substanz zu verändern Fotogeschichte Renovation: • Vorbereitungsphase: Analyse des Ist-Zustandes, detaillierte Planungen • Arbeiten am Rumpf: Entfernen alter Beschichtungen, neue Versiegelung der Fugen • Decksarbeiten: Traditionelle Verlegung des neuen Teakdecks, Decksbeschläge auf Hochglanz gebracht • Feinschliff: Restaurierung der Mahagonileisten, neue Lackschichten, detailgetreue Pflege
PETRUS Restaurierung über die Jahre in Bildern. Fotos: Privat
75ER NATIONALE KREUZER | 79
Insignien der Pabst Werft. Foto: Privat
Nach Monaten intensiver Arbeit strahlt PETRUS wieder – und trägt sichtbar die Geschichte ihrer hundert Jahre, aber auch die Handschrift der neuen Generation. Die Zukunft: Die dritte Generation übernimmt Inzwischen segelt die dritte Generation auf PETRUS. Unsere Kinder haben früh den Takt des Bootes kennengelernt: den ersten Fahrtwind gespürt, die Faszination gespannter Segel erlebt. Heute stehen sie an der Pinne bei den Regatten der 75er-Klasse, unternehmen Touren über den See, tragen den Geist von PETRUS in die Zukunft.
PETRUS im Portrait Name
PETRUS (ehemals „Trumpf“) 1925 Pabst Werft, Berlin-Köpe-
Baujahr Werft nick Konstrukteur Gustav Estlander Typ 75 qm Nationaler Kreuzer Material Mahagoni (Rumpf), Teak (Deck) Erstes Revier Berlin, Ostsee Bodensee seit 1962 Rigg Regatta-Rigg seit 1963
Es erfüllt uns mit Stolz zu sehen, wie sie Verantwortung übernehmen – und zugleich dieselbe Freude am
Ein vollständiges Klassenprofil der 75 qm Nationalen
Wasser erleben, die uns seit Jahrzehnten verbindet.
Kreuzer finden Sie im Artikel „Klassenprofil 75qm Nationale Kreuzer“.
Zeitlosigkeit und Verantwortung PETRUS ist mehr als ein Schiff. Sie ist unser Begleiter, unser Familienmitglied, unsere stille Lehrmeisterin über die Zeit. Wir danken allen, die PETRUS über die Jahrzehnte hinweg begleitet, gepflegt und geliebt haben – und freuen uns auf viele weitere Jahre voller Segelgeschichten auf dem schönsten See der Welt.
80 | AUSSTELLUNG
Franz Plunder: Der atlantische Traum eines Bodensee-Abenteurers im vorarlberg museum Dieser Text entstand mit Unterstützung von „Felizitas“, der segelnden KI-Erzählstimme der IBN auf Basis der Informationen zur Ausstellung. Prüfung und Freigabe des Textes durch die Redaktion. Mehr zu Felizitas auf ibn.bodensee.com. Ein Boot, ein Traum, ein Vermächtnis: Die neue Sonderausstellung „Der atlantische Traum – Franz Plunder. Bootsbauer, Bildhauer und Abenteurer“ im vorarlberg museum widmet sich dem Leben des legendären Bootsbauers Franz Plunder. Sein Boot „Sowitasgoht“ hat bis heute Namensvetter am Bodensee
Lebendige Tradition bis heute: Die „Porcupine II“ ist eines der Boote aus Franz Plunders Werft, das heute noch auf dem Bodensee unterwegs ist. Foto: Drohnenaufnahme ORF Vorarlberg 2020
und Franz Plunders Erinnerung wird noch immer in einigen Booten fortgeschrieben. Eine Entdeckungsreise zwischen Kunst, Handwerk und Hochseesehnsucht – noch bis zum Herbst 2026 in Bregenz.
Die Ausstellung zeigt ihn als Bootsbauer und Künstler Mitten in Bregenz geboren, ausgebildet, von dort
in einer Zeit, in der handwerkliche Kompetenz noch
aufgebrochen: Franz Plunder (1891–1974) war ein
unmittelbar mit Abenteuergeist verknüpft war. Ein
Mann, der die Grenzen seines Daseins nicht akzep-
Originalobjekt der Atlantiküberquerung, historische
tierte. Seine Biografie lässt den klassischen Werde-
Fotografien, Modelle, die an Plunders Werkstatt er-
gang eines Bildhauers mit dem ungestümen Lebens-
innern, werden zugänglich gemacht. Ergänzt wird die
entwurf eines Abenteurers nachempfinden.
Schau durch eine mediale Installation, die das Abenteuer des damaligen Vorhabens greifbar macht.
Geschichte schrieb Plunder mit seiner Atlantiküberquerung im Jahr 1923 mit der „Sowitasgoht V“, ei-
Spannend für Wassersportler: Noch heute sind Nach-
nem von ihm selbst konstruierten und gebauten 14
folgeschiffe seiner Konstruktionen auf dem Bodensee
Meter langen Segelboot. Der Stapellauf am 1. April
unterwegs, darunter die „Sowitasgoht VII“ aus dem
1923 in Hard lockte rund 12.000 Zuschauer – nicht
Jahr 1937, die heute im Hafen von Hard liegt. Der
alle davon überzeugt vom Gelingen. Doch nach 61
Name lebt fort – nicht nur auf dem Wasser, sondern
Tagen und über 5.800 Seemeilen erreichten Plunder
auch in Plunders autobiografischem Buch „Sowitas-
und seine drei Begleiter den Hafen von New York –
goht“, das lange Zeit in vielen Haushalten der Region
als erste unter österreichischer Flagge.
stand.
AUSSTELLUNG | 81
Ein gut besuchter Stapellauf als Auftakt zu einem spektakulären Vorhaben: Die „Sowitasgoht V“ lernt zum ersten Mal unter den Blicken von 12 000 Menschen den Bodensee kennen. Foto: Stadtarchiv Bregenz
Wer noch tiefer in Plunders Welt eintauchen möchte, findet weitere Infos online unter vorarlbergmuseum.at – oder hört in den Podcast „Der atlantische Traum“ hinein.
Tipps für Entdecker:
Franz Plunder, Bregenzer, Abenteurer und treibende Kraft der ersten Atlantiküberquerung unter österreichischer Flagge im Jahr 1923. Foto: vorarlberg museum
Sa., 17.05., 14.30–16.30 Uhr Kreativatelier: Segelwerkstatt | Workshop für Kinder Kreatives Arbeiten mit Kindern ab 6 Jahren. Ohne Anmeld., ohne Elternbegleitung, Kosten: 9 Euro. So., 25.05. 11–12.30 Uhr Franz Plunders atlantische Träume | Familientour Ausstellungsführung mit anschließendem Kreativatelier für Eltern oder Großeltern mit Kindern ab 5 Jahren, Kosten: 4 Euro plus Eintritt, Kinder kostenlos. Weitere Infos: https://www.vorarlbergmuseum.at/ ausstellungen/franz-plunder/
Vom Bodensee ausgehend, dann von Hamburg bis nach New York war das weit gesteckte Ziel der Reise und wurde später zur gewohnten Strecke für Franz Plunder. Der Geburtsort vieler Ideen und Boote, unter anderem der „Sowitasgoht V“: Plunders Werft in Hard (1922). Foto: Stadtarchiv Bregenz
82 | IMPRESSUM
Ausgabe: Classic (Saison 2025)
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