1 Irmela Kästner INDIVIDUELLE VERORTUNG: DAS PORTRAIT IM ZEITGENÖSSISCHEN TANZ Erschienen in: Housing the Temporary – Zugänge zur eigenen Geschichte – Tanz, Performance, Archiv; Hgg.: Micha Purucker, Daniela Rippl, Katja Schneider, München 2023 In den vergangenen Jahren habe ich mich mit zwei unterschiedlichen Formen des Portraits beschäftigt: Zum einen setzte ich mich als künstlerische Leiterin des Projekts „Zeugen des Tanzes“ mit einer Reihe von längeren filmischen Portraits über bekannte Persönlichkeiten im Tanz in Deutschland auseinander. Die Absicht war hier aus journalistischer Perspektive möglichst umfassend eine jeweilige Persönlichkeit und ihr Werk zu beleuchten. Zum anderen entwickelte ich in Zusammenarbeit mit der Fotografin Tina Ruisinger eine Serie von multimedialen Kurzportraits von Choreograf*innen, die eher ein Schlaglicht auf die jeweilige Person und ihr aktuelles künstlerisches Schaffen werfen. Im Gegensatz zu der Filmreihe, die mit bewegten Bildern arbeitet, setzt die Kurzportrait-Serie mit dem Titel „The Best. The Worst. My Everything!“ ganz auf die Ausdruckskraft der Fotografie. Entscheidend ist in beiden Formaten, dass die Protagonist*innen die Geschichte(n) von sich und ihrer Kunst weitgehend selbst erzählen und somit selbst zu Dokumentarist*innen ihres künstlerischen Schaffens werden. ZEUGEN DES TANZES Das Projekt „Zeugen des Tanzes“ wurde in den Jahren 2015 – 17 vom Deutschen Tanzfilminstitut Bremen (Produzent) im Rahmen einer Förderung von TANZFONDS ERBE der Kulturstiftung des Bundes realisiert. In einer Serie von Filmporträts von je 35 Minuten widmet sich das Projekt den Reflektionen prägender Akteure und Akteurinnen der Tanzlandschaft in Deutschland seit Mitte des 20. Jahrhunderts bis heute. Sechs Zeitgenoss*innen, die die deutsche Tanzgeschichte im letzten Jahrhundert mitbestimmt haben, wurden ausgewählt: der Tanz- und Musikkritiker Klaus Geitel, die frühere Intendantin des Berliner Hebbeltheaters und Vizepräsidentin der Akademie der Künste Berlin Nele Hertling, die Pädagogin Gisela Peters-Rohse, die Choreografen Johann Kresnik und John Neumeier (noch nicht fertig gestellt), die Choreografin und Tänzerin Susanne Linke. Das Anliegen ist – so lautete der Antragstext - die genannten Personen aus heutiger Perspektive über die historischen Marksteine deutscher Tanzentwicklung und ihre Rolle darin zu befragen. Jeweils ein Tanzjournalist / eine Tanzjournalistin übernimmt die Moderation eines Films. Das Filmprojekt knüpft an die Tradition der oral history an, um jenseits sonstiger Dokumente und Formate, den Protagonist / die Protagonistin in seiner / ihrer Reflektion und seinem / ihrem Umfeld zu zeigen. Erzählt von lebendigen Menschen greift die Portraitserie "Zeugen des Tanzes" die Gelegenheit auf, das deutsche Tanzerbe in einem umfassenden Spektrum von Wissen und Erfahrungen, Errungenschaften und Entwicklungslinien einem breiten Publikum zugänglich zumachen. Um damit dem Tanz in Deutschland wiederum zu neuem Leben und mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen. Die Vermittlung war und ist ein wichtiges Ziel.