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Archistories. Architektur in der Kunst

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ARCHISTORIES

ARCHITEKTUR IN DER KUNST

DANK

Die Kunsthalle dankt den beteiligten KĂŒnstler:innen fĂŒr die vertrauensvolle Zusammenarbeit:

Stephen Craig, Nicolas Daubanes, Alain Delorme, Niklas Goldbach, Laurent Goldring, Dionisio GonzĂĄlez, Beate GĂŒtschow, Judith Hopf, Jochen Kuhn, Axel Lieber, Isa Melsheimer, Henrique Oliveira, Julia Oschatz, Jakob Kudsk Steensen, Hito Steyerl, Rebecco Ann Tess, Michael Wesely, Helmut Wimmer

Herzlicher Dank geht an die Leihgeber dieser Ausstellung:

Galerie Maubert, Paris

Galerie nÀchst St. Stephan Rosemarie SchwarzwÀlder, Wien

Philipp von Rosen Galerie, Köln

Sammlung Goetz, Medienkunst, MĂŒnchen sixpackfilm, Wien

SWR Media Services GmbH

Suhrkamp Verlag, Berlin

Taubert Contemporary, Berlin

Dank fĂŒr finanzielle UnterstĂŒtzung:

Fontana Stiftung

WĂŒstenrot Stiftung

FĂŒr Kooperationen zum Begleit- und Vermittlungsprogramm dankt die Kunsthalle:

Prof. Dr. Peter Overbeck und Margit Fritz M. A. und den Studierenden des Master-Studiengangs Musikjournalismus fĂŒr Rundfunk und Multimedia im Landeszentrum fĂŒr Musikjournalismus und Musikinformatik der Hochschule fĂŒr Musik Karlsruhe

Studierenden der Kunstgeschichte am KIT

Saskia Fleischhauer, Filmtheater »Die Schauburg«, Karlsruhe

6 Vorwort

FrĂ©dĂ©ric Bußmann

10 Archistories. Körper, Sprache, Raum

Kirsten Claudia Voigt

26 Architektur und Gesellschaft. Zur Sozialgeschichte des Architekturbildes vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert

Martin Papenbrock

40 LEBENSRÄUME, DASEINSBILDER 1 HÄUSER

78 LEBENSRÄUME, DASEINSBILDER 2 KERKER

86 Tatort Ornament. Zeichnungen aus der Werkstatt Piranesis

Dorit SchÀfer

94 TRANSITORISCHE RÄUME 1 BRÜCKEN

116 BrĂŒcken als Königsdisziplin der Baukunst.

Symbol – Darstellung – Narration

Amelie Mussack

128 TRANSITORISCHE RÄUME 2 PLÄTZE, STRASSEN, ÜBERGÄNGE

146 ARCHITEKTUR UND MACHT

156 Treppe als Motiv Meinrad Morger

158 INDUSTRIEARCHITEKTUR

166 »Archistories«. Raum-Zeit-Transformationen in der Kunst Christoph Wagner

172 ERHABENE RÄUME VEDUTE UND STUDIE

194 SCHAUPLATZ RAUM ARCHITEKTUR UND BÜHNE

208 WAND UND FENSTER ALS METAPHER

220 INNEN BAU, KÖRPER, RAUM

238 KÜHNE KONSTRUKTIONEN

256 RUINEN DIE GEGENWART DER ERINNERUNG

284 Naturgeschichte(n) der Architekturzerstörung Joaquín Medina Warmburg

290 Kurzbiografien

300 Bibliografie

302 Abbildungsnachweis

304 Impressum

Wie wichtig etwas ist, merkt man manchmal erst, wenn es nicht mehr da ist. Die Abwesenheit macht die große Bedeutung des zuvor Anwesenden erst spĂŒrbar. Das gilt auch oder vielleicht besonders fĂŒr den gebauten Raum, fĂŒr Architektur, die uns umgibt und die wir hĂ€ufig nicht ausreichend wĂŒrdigen, wenn wir in ihr leben oder arbeiten, aber die wir vermissen, wenn wir sie dann verlassen mĂŒssen. Dies ist ein Zustand, den das Team und das Publikum der Kunsthalle Karlsruhe im Augenblick der Sanierung des HauptgebĂ€udes deutlich erleben. Deswegen wollen wir uns in der aktuellen Ausstellung der Architektur in ihren verschiedenen Facetten in der Kunst wĂŒrdigend und zugleich kritisch widmen.

Architektur umgibt uns jeden Tag unseres Lebens. Sie beeinflusst und prĂ€gt uns, kann uns erfreuen, erbauen, ein Zuhause geben, Wohlbefinden auslösen oder auch einschĂŒchtern und uns verschreckt zurĂŒcklassen. Sie kann krankmachen, beeindrucken, verwirren, amĂŒsieren oder langweilen, manchmal auch einfach nur pathetisch sein. Mit GebĂ€uden und RĂ€umen verbinden wir Geschichten, sie können wie Freunde und alte Bekannte sein. Der imaginierte, ja der sublimierte Raum verdichtet sich in unserer Vorstellungskraft zum TrĂ€ger von GefĂŒhlen, von Zivilisation und GrĂ¶ĂŸe, aber auch von Vernichtung, Zerstörung und Gewalt. Fantastische Architektur ist ein fester Topos in der (westlichen) Kunst, vom Himmlischen Jerusalem ĂŒber Capricci des 18. Jahrhunderts bis zu Interieurs der Moderne und Stadtansichten der Gegenwartskunst. Und ĂŒberall schwingt Geschichte mit, ist der umbaute Raum doch der Ort, an dem Geschichte und Geschichten sich manifestieren, sei es realiter oder in der Vorstellung. Auf solche ZusammenhĂ€nge verweist der Titel der Ausstellung, wenn aus der Architektur und der Historie der Neologismus »Archistories« wird – in seinem Wortsinn offen genug, um gleichermaßen erzĂ€hlte Architektur und gebaute Geschichte meinen zu können, also in Stein geformte ErzĂ€hlung oder Geschichten, die sich ĂŒber das Bauen entwickeln lassen.

Gegenstand von ARCHISTORIES. Architektur in der Kunst sind unterschiedliche kĂŒnstlerische Reflexionen zu diesem großen Feld der Architektur, zu ihrer Darstellung in den KĂŒnsten, den Bildtraditionen ĂŒber die Jahrhunderte hinweg bis heute, mit fantastischen Welten, Paradiesvorstellungen, sachlicher Beobachtung oder auch dystopischen Kommentierungen. KĂŒnstlerische Arbeiten wenden sich Ă€sthetischen und kulturellen Dimensionen von Architektur zu, werfen politische und soziale Fragen auf, fokussieren ökologische und ökonomische Belange. Dabei verknĂŒpft die Ausstellung konzeptionell unterschiedliche Gattungen wie Malerei, Grafik, Fotografie oder auch Skulptur ebenso wie verschiedene Epochen, die mit einigen eigens fĂŒr die Ausstellung geschaffenen Wer-

ken bis in die Gegenwart reichen. So zeigen wir hier den reichen Fundus der eigenen Sammlung von der Ă€lteren Kunst bis heute, wobei wir mit Nevin Aladag˘s Social Fabric, Arch von 2023 auch eine der jĂŒngsten Neuerwerbungen integrieren. Ein besonderes Highlight der Ausstellung wird die erstmalige PrĂ€sentation der beiden KlebebĂ€nde sein, die aus dem Nachlass des Karlsruher Architekten Friedrich Weinbrenner in die Sammlung der Kunsthalle Karlsruhe gelangten und 2014 Giovanni Battista Piranesi zugeschrieben wurden.

Der Themenkomplex aus Bauen, Geschichte und Kunst ist fĂŒr Karlsruhe und die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe in mehrfacher Hinsicht von besonderer Bedeutung. Denn nur wenige StĂ€dte in Deutschland zeigen eine so markante, gestalterisch gedachte Stadt- und Straßenanlage wie die sogenannte FĂ€cherstadt Karlsruhe. Der Gedanke, ĂŒber die Architektur und Stadtplanung die Gesellschaft zu formen, ist fest in der GrĂŒndung von Karlsruhe eingeschrieben, seit vom Jagdschloss des Markgrafen 1715/1718 ausgehend die strahlenförmige Planstadt entfaltet wurde. Am Zirkel des Schlossbezirks und den Magistralen zum Schloss als Zentrum der Stadtanlage reihten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts wichtige Institutionen und Kulturbauten. In einer solchen Konstellation ist die Kunsthalle als GebĂ€ude, Sammlung und Idee zu verorten, unmittelbar in der Nachbarschaft des im Zweiten Weltkriegs zerstörten Hoftheaters, des Schlosses sowie des Botanischen Gartens und des Badischen Kunstvereins. In diesem urbanen Geflecht verdichten sich also Architektur, Kunst, Natur und Politik. Das ab 1837 durch Heinrich HĂŒbsch erbaute Haupthaus der Kunsthalle ist keineswegs ein rein funktionaler, sachlicher Bau, sondern steckt in der historistischen Anlage und wandfesten Dekoration außen wie innen voller Geschichten. Als eines der Ă€ltesten noch weitgehend im Originalzustand vorhandenen MuseumsgebĂ€ude verweist es auf die kĂŒnstlerisch-ideologischen Traditionslinien einer Orientierung nach Italien als großes Vorbild. In der Gestaltung spiegelt sich die Kunstauffassung des sammelnden Großherzogs von Baden ebenso wie sein Wunsch, aus Karlsruhe mithilfe des Museums und der ebenfalls neu geschaffenen Kunstakademie eine Kunstmetropole mit starker symbolischer Ausstrahlung zu machen.

Dieses HauptgebĂ€ude des Museums ist in der Gegenwart neu in den Fokus gerĂŒckt. 2014 hat sich die Kunsthalle in der Ausstellung Bauen und Zeigen ihrer eigenen architektonischen und musealen Substanz im historischen Kontext zugewandt – eine verwandte Schau, deren auf das MuseumsgebĂ€ude fokussierten Betrachtungshorizont

ARCHISTORIES nun entschieden weitet. Hintergrund der frĂŒheren Ausstellung war der Wunsch, den damals auf den Weg gebrachten Wettbewerb fĂŒr eine Sanierung und

ARCHISTORIES

Körper, Sprache, Raum

Claudia Voigt

1 Juhani Pallasmaa: DieAugen der Haut Architektur und die Sinne , Vorwort von Steven Holl, Los Angeles 2012, S. 21.

2 Karl Schlögel: Im Raume lesen wir die Zeit ÜberZivilisationsgeschichte und Geopolitik , Frankfurt am Main 2003.

3 Ebd., S. 24.

AWie jede Kunst befasst sich Architektur im Wesentlichen mit Fragen der menschlichen Existenz in Raum und Zeit; sie drĂŒckt aus und erzĂ€hlt, wie es sich mit dem menschlichen Dasein in der Welt verhĂ€lt. Architektur hat deshalb ein großes Interesse an metaphysischen Fragen wie die des Selbst im VerhĂ€ltnis zur Welt, der Innenwelt und Außenwelt, der Zeit und Zeitdauer und der Frage nach Leben und Tod.1 Juhani Pallasmaa

rchitekturen sind mehr als materielle Konstrukte und sie erzĂ€hlen mehr als ihre Baugeschichte. An sie knĂŒpfen sich Lebensgeschichten, individuelle oder kollektive Erfahrungen, Erinnerungen, Ereignisse. Das Geburtshaus, das Sterbezimmer – Eckpunkte unserer Existenz, RĂ€ume mit Bedeutung. Architekturen haben zeitund kulturabhĂ€ngige rhetorische Eigenschaften. So intim die RĂ€ume sein mögen, die sie bergen, sie wenden sich als Baukörper, mit Fassaden, TĂŒrmen, TĂŒren, Fenstern demonstrativ an eine Öffentlichkeit und sind gleichzeitig voller Geheimnisse.

Die Absichten ihrer Erbauer und die LebensrealitĂ€ten ihrer Nutzer schreiben sich GebĂ€uden ein. Das macht sie zu essenziellen Zeugnissen anthropologischer Selbstbeschreibungen, zu Archiven und Medien sozialer, ökonomischer und politischer Prozesse. Sie spiegeln das Fortschreiten technischer Vermögen, ökologische Entwicklungen, sich wandelnde Wertesysteme und Utopien. Karl Schlögel brachte dies auf die Formel: »Im Raume lesen wir die Zeit«2 und unternahm es 2003 großflĂ€chig, den urbanen und geopolitischen »Raum, Zeit und Handlung wieder zusammenzudenken«, um gĂŒltigere Bilder vom Werden der Welt, Geschichte und Gegenwart zu zeichnen.3 Imaginierte oder gebaute RĂ€ume und Umwelten sind »Lesezeichen« der Geschichte. ARCHISTORIES. Architektur in der Kunst will dies mit Werken ins Bewusstsein heben, die GebĂ€ude oder deren Teile reflektieren – im unbewegten und bewegten kĂŒnstlerischen Bild, in Skulpturen und Installationen. Nie war der Menschheit bewusster als heute, wie nachhaltig unser Bauen und Hausen die ÖkosphĂ€re bestimmt. Kunstwerke, deren Gegenstand Architektur ist, eröffnen die Möglichkeit, diverse Facetten dieses weltprĂ€genden Feldes menschlicher KreativitĂ€t Ă€sthetisch vermittelt zu erleben und sich mit ihm diskursiv auseinanderzusetzen. KĂŒnstler:innen des 21. Jahrhunderts widmen deshalb einstigen und gegenwĂ€rtigen Architek-

turen ihre kritische Aufmerksamkeit. Sie fragen unter existenziellen, politischen, anthropologischen, Ă€sthetischen und ökologischen Perspektiven nach aktuellen LebensentwĂŒrfen in von sozialen Dichotomien gekennzeichneten Gesellschaften und nach zukĂŒnftigen Möglichkeiten eines gelingenden Lebens auf einem ausgebeuteten und durch menschliches – nicht zuletzt architektonisches – Wirken immer unwirtlicher werdenden Planeten. StĂ€dtebauliche Fragen, Architekturen, die ihre Form und Funktion verloren haben und solche, die resilienter sein könnten als die Bauten der Gegenwart, sind Themen dieser Werke. Dokumentiert und reflektiert werden Terrains und Randzonen, die durch Fehlplanung oder »crashs« nicht mehr als LebensrĂ€ume fĂŒr Menschen, aber sehr wohl als solche fĂŒr Tiere und Pflanzen dienen können und somit zu Reallaboren von Transformation werden.

Architekt:innen nutzen und forschen wĂ€hrenddessen ĂŒber Techniken des »urban mining«, recyclebare, nachwachsende, CO₂-neutral produzierbare Baustoffe. Gleichzeitig widmet sich eine glamourös florierende Bild- und Publikationsindustrie dem, was als »lost places« Teil eines von Entdecker-, Schau- aber auch Angstlust getriebenen Ruinen-Tourismus geworden ist. Parallel zur architektonischen Bewegung der »Hortitecture« – einer Architektur, die darauf abzielt, besonders viele und widerstandsfĂ€hige Pflanzen auf, an und in GebĂ€uden anzusiedeln – beobachten oder inszenieren KĂŒnstler:innen in ihren Werken das Eindringen oder die Ansiedlung von Wildwuchs und wildem Leben in menschliche Behausungen oder ArbeitsstĂ€tten, die Überschreibung von Ruinen durch Naturprozesse.

Im Jahr 2050 könnten als Konsequenz des Klimawandels 31 Staaten weltweit unbewohnbar sein, da sie von fortgesetzten StĂŒrmen, Überflutungen, Hitzewellen oder Wasserknappheit bedroht sein werden.4 Die hieraus resultierenden Fluchtbewegungen werden zu extremen Verdichtungen von Bevölkerungsstrukturen in noch bewohnbaren Regionen fĂŒhren und die Umnutzung von Architekturen und Neuansiedlungen bedingen. An den Ursprungsorten werden Architekturen aufgegeben brachliegen.

Die kĂŒnstlerische Betrachtung von Bauwerken dokumentiert Vergangenes und Vorzeichen, zeugt von Nicht-Mehr-Beherrschbarkeit, von Systemwechseln, sozialer Dissoziation, der Zerstörungskraft kriegerischer Auseinandersetzungen, von anthropogenen oder nicht menschengemachten Katastrophen. Sie ist in idealer Weise dazu angetan, die SensibilitĂ€t fĂŒr gebaute Umwelt zu schĂ€rfen, indem wir Geschichte und Geschichten –»Archistories« – rund um Architekturen rekonstruieren und erzĂ€hlen.

Das ArchitekturstĂŒck als Gattung

Kunsthistorisch lĂ€sst sich auch in der Sammlung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe nachverfolgen, wie Architekturen im Bild zunĂ€chst als eher marginale, symbolische, topografische oder chronologische Verweise und Attribute fungierten, um schließlich zum Gegenstand eigenstĂ€ndiger Bildreflexionen zu werden. Obwohl sich schon in der Renaissance mit der Entwicklung der Perspektive ein gesteigertes Interesse an der Architektur-

Archistories – Körper, Sprache, Raum

4 Vgl. https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/klimawandelund-kriege-eine-milliarde-menschenbis-2050-auf-der-flucht [18.7.2024].

1 Französischer oder deutscher Meister (?): Die Vertreibung aus dem Paradies, um 1450, 102 × 90,5 cm, Mischtechnik auf Eichenholz, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Inv. 2234

2 Französischer oder deutscher Meister (?): Die Gottesmutter vor der geöffneten Paradiespforte, um 1450, 102 × 90,5 cm, Mischtechnik auf Eichenholz, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Inv. 2235

darstellung manifestierte und KĂŒnstler, Architekten und Architekturtheoretiker mit bildlichen Darstellungen KonstruktionsĂŒbungen trieben, entfalteten sich erst spĂ€ter Bildformen, in denen GebĂ€ude oder deren Überbleibsel in der Landschaft zum eigentlichen Bildgegenstand wurden. Das ArchitekturstĂŒck als eigenstĂ€ndige Gattung, als Kunst ĂŒber Kunst ist ein Kind des 16. Jahrhunderts.

BedeutungstrĂ€chtige Architekturfantasien finden sich schon in der Kunst des Mittelalters und der FrĂŒhen Neuzeit. Die alttestamentliche ErzĂ€hlung der frĂŒhen Menschheitsgeschichte wird mit einer Architekturinvention illustriert, die den Weg zurĂŒck in ein Leben im idealen Naturzustand als regelrecht »verbaut« zeigt: Die goldene Paradiespforte erscheint in einem um 1450 datierten Diptychon eines deutschen oder französischen Anonymus gedoppelt als kompositionsbeherrschendes Zentralmotiv. Den Garten Eden als Hortus conclusus umhegt eine festungsartige Stadtmauer. Der Erzengel Michael vertreibt Adam und Eva mit erhobenem Schwert durch das gotische Tor [Abb. 1]. Evas Ungehorsam hat die TĂŒr verschlossen und erst Maria mit dem Kind, im Pendant-GemĂ€lde vor dem Eintritt ins Paradies dargestellt, wird den Zugang wieder öffnen [Abb. 2]. Frei nach dem Christus-Diktum (Joh 10,9): »Ich bin die TĂŒr; so jemand durch mich eingeht, der wird selig werden und wird ein und aus gehen und Weide finden,« werden Maria und

Archistories – Körper, Sprache, Raum

Christus in einer spirituellen, auf eine Architekturmetapher rekurrierenden Rhetorik mit der Porta paradisi identifiziert.

Zu den prominenten Architekturmotiven in Darstellungen des beginnenden Lebenswegs Christi gehören der mehr oder weniger bescheidene oder symbolisch aufgeladene Stall und der Tempel, in dem Jesus dargebracht wird – wie zum Beispiel in einem GemĂ€lde aus dem Umkreis Hans SchĂ€ufeleins (um 1510/1520) [Abb. 3], in dem die Architektur lediglich durch die plane Aneinanderreihung und Staffelung von flĂ€chig gemalten SĂ€ulen, einem Vorhang und einer durchfensterten Wand angedeutet wird. WĂ€hrend der Meister der Kemptener Christusfolge den Stall (um 1460/1461) auch wie eine flache Folie, als Ă€rmlichen, ruralen, wenig tiefen Kastenraum gleichsam vor dem Betrachtenden bildparallel aufklappt [Abb. 4], wird dieses GebĂ€ude als Motiv des Meisters der von Grooteschen Anbetung [Abb. 5] 1519 zum virtuos ausgefĂŒhrten Exempel einer vom Interesse an erzĂ€hlerischer TiefenrĂ€umlichkeit und rationaler Konstruktion getragenen Renaissancemalerei. Nach Art der Antwerpener Manieristen, zu denen der Anonymus zĂ€hlte, frönt er seiner ĂŒberbordenden Dekorationslust, indem er den einstigen Tempel oder Palast mit kassettierten Rundbögen, ornamentierten Pfeilern und figurativem Bauschmuck ausstattet und zum Schauplatz malerischer Prachtentfaltung macht. Im Verfall begriffen, wird das GebĂ€ude von einem bekrönenden SĂ€ulenstumpf oben in der Ruine und einem fragmentierten, liegenden SĂ€ulenrest im Bildvordergrund gleichsam eingefasst. Die beiden SĂ€ulenteile symbolisieren das Zerbrechen des alten Bundes, also die Ablösung des Alten Testaments durch das Neue. Beide Stalldarstellungen vermitteln durch ihre ruhige OrthogonalitĂ€t eine AtmosphĂ€re der Offenheit, stabilen Harmonie und Ordnung, die nicht nur als WĂŒrdeformel, sondern auch als religiöse Botschaft verstanden werden kann. Der narrative Mehrwert des spĂ€teren Werks ist offenkundig: Der Übergang von einer bloßen »Schauöffnung« von RĂ€umen – wie Wolfang Kemp solche fensterartigen PrĂ€sentationen des Geschehens nennt – zu einer »Handlungsöffnung« von »ErzĂ€hlrĂ€umen«, die miteinander und in denen Menschen miteinander kommunizieren, ist evident:5 Der Meister der von Grooteschen Anbetung vergrĂ¶ĂŸert das erzĂ€hlerische Potenzial seines Bildes in eklatanter Weise, zeigt in weiter Ferne hinter der Ruine den Zug einer großen Schar von Menschen hin zum Stall, HĂ€ndler mit Kamelen, Soldaten, Reiter, einen Diener, der eine Schatztruhe öffnet, um die Gaben der Könige an das Kind vorzubereiten. Das Alltagsleben einer von emsigem, merkantilem Geschehen geprĂ€gten Stadt geht in dieses Bild ein, das gleichzeitig auf die Verbreitung des christlichen Glaubens in die Welt hinweist.

5 Vgl. Wolfgang Kemp: Die RĂ€ume der Maler ZurBilderzĂ€hlung seit Giotto , MĂŒnchen 1996, S. 9 f.

Archistories – Körper, Sprache, Raum

3 Hans SchĂ€ufelein (Umkreis): Darbringung Christi im Tempel, 1510/1520, 75 × 37,5 cm, Mischtechnik auf Nadelholz, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Inv. 85

Ein KĂŒnstler wie Lucas Cranach nutzt zwei massive architektonische Anlagen, um seiner Darstellung von Maria mit dem Kinde (um 1518) [Abb. 6] zwischen diesen beiden Elementen sowohl kompositorischen als auch sinnbildlichen Halt zu geben: Eine trutzige Burganlage auf hohem Berg, die fĂŒr die Festigkeit im Glauben steht, und die prĂ€chtige Fantasiearchitektur einer Stadtanlage, die in weiter Ferne auf das Himmlische Jerusalem verweist, erweitern das anrĂŒhrende Bild von Mutter und Kind um die Botschaft, dass Standhaftigkeit im Dasein die Basis einer paradiesischen Zukunft im Jenseits darstellt.

Miniaturisiert als Attribut finden sich Architekturdarstellungen im Mittelalter, der FrĂŒhen Neuzeit oder dem Manierismus in Bildern von Heiligen und Stiftern – wie zum Beispiel im Falle der heiligen Barbara und des heiligen Wolfgang. Da der heilige Wolfgang als junger Mann mit eigenen HĂ€nden eine Kirche erbaut haben soll, trĂ€gt er als Attribut neben seinem Bischofsstab fast immer das kleine Modell einer Kirche – wie etwa auf einem 1490 entstandenen GemĂ€lde BartholomĂ€us Zeitbloms [Abb. 7]. BartholomĂ€us

Archistories – Körper, Sprache, Raum

4 Kemptener Meister: Anbetung der Könige, um 1460, 60 × 41,5 cm, Mischtechnik auf Eichenholz, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Inv. 2298
5 Meister der von Grooteschen Anbetung: Anbetung der Heiligen Drei Könige, 1519, 89 × 67,5 cm, Öl auf Eichenholz, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Inv. 145

Spranger [Abb. 8] zeigt Barbara von ihrem Erkennungszeichen, nĂ€mlich jenem Turm flankiert, in den ihr Vater Dioscurus die junge Frau einsperrte, um sie von der Außenwelt abzuschirmen. SpĂ€ter lebte sie in einem Badehaus als Eremitin und ließ jenem ein drittes Fenster hinzufĂŒgen, um ihren Glauben an die Dreifaltigkeit augenscheinlich und zeichenhaft zu dokumentieren. Nicht selten wird – wie im Werk Sprangers – das Drei-Fenster-Motiv auf jenes des markanteren Turms ĂŒbertragen.

Eine der frĂŒhesten Veduten im weiteren Sinn findet man innerhalb der Sammlung der Kunsthalle auf einer Tafel der um 1450/1460 entstandenen sogenannten Karlsruher Passion [Abb. 9]. Der KĂŒnstler – vermutlich Hans Hirtz – rĂŒckt die Kirche Sankt Thomas in Straßburg, fĂŒr die dieser Altar entstand, am oberen rechten Rand der Kreuztragung ins Bild. Auf diese Weise vergegenwĂ€rtigt er das Passionsgeschehen nicht nur, sondern versetzt es buchstĂ€blich rĂ€umlich in die Nachbarschaft des GlĂ€ubigen, der sich just im Inneren der hier dargestellten Kirche gerade in die Betrachtung des Altars versenkt.

Im 17. Jahrhundert entwickelt sich das Interieur, zu dessen Meistern Hendrik Cornelisz. van Vliet zĂ€hlte. Inneres der Oude Kerk in Delft (1662) [Kat. 58] malte er immer wieder – realistisch, von erhebender Helligkeit erfĂŒllt und durch Figuren so selbstverstĂ€ndlich wie alltĂ€glich belebt. Zu den Höhepunkten dieser Kunst zĂ€hlen aber selbstredend auch die Genrebilder Pieter de Hoochs, der sich profanen RĂ€umen widmete. Die auratische Faszinationskraft, die etwa ein GemĂ€lde wie Eine Magd mit Eimer in einem Hinterhof (um 1660) [Abb. 10] auszeichnet, erlĂ€utert Wolfgang Meisenheimer so:

6 Lucas Cranach d. Ä.: Maria mit dem Kinde, um 1518, 35 × 24 cm, Mischtechnik auf Lindenholz, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Inv. 108

Über ihre Entstehungszeit hinweg wirkt de Hoochs Malerei auch heute magisch und bedeutend. Denn sie zeigt mit subtiler Technik die schöne AtmosphĂ€re von Architektur, insbesondere das Nebeneinander von wohnlich gestalteten InnenrĂ€umen, die sich vom Außenraum ablösen. Vielleicht wird hier die tiefste Bedeutung der Architektur fĂŒr den Menschen aufgezeigt, die ĂŒber das Besondere einzelner Kulturen hinausreicht: die Trennung des Innen vom Außen. In Pieter de Hoochs Bildern wird das suggestive GefĂŒhl vermittelt, hier ist jemand zuhause, dieser Raum, diese Dinge sind der Inbegriff von Privatheit, Schutz und Wohnlichkeit. Es gibt keine intensivere Darstellung in der bildenden Kunst, die diese Bedeutung von Innenraum stĂ€rker vermittelt als die Bilder von Pieter de Hooch. Besonders Fenster und TĂŒren sind die Ventile der Neugier, die Löcher im Mantel der IntimitĂ€t.6

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6 Wolfgang Meisenheimer: Baukunst und andere KĂŒnste SympathischeAnnĂ€herungen , Wiesbaden 2020, S. 66.

7 BartholomĂ€us Zeitblom: Die Heiligen Laurentius und Wolfgang, um 1490, 85 × 66,5 cm, Mischtechnik auf Nadelholz, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Inv. 42

Topoi und RĂ€ume werden semantisch zunehmend variantenreich aufgeladen, ganz besonders in Werken, die sich des höchst narrativen Sujets der Ruine annehmen.7 Johannes Lingelbachs Römische Marktszene (um 1650/1670) [Kat. 45] schildert den Verfall einstiger GrĂ¶ĂŸe, belegt aber auch die Gleichzeitigkeit von Gegenwart und Geschichte, Vergehen und Bestehen im genrehaft ausgemalten Lebensalltag. Die Revitalisierung vorgeblich toter Architektur kann man in Johann Heinrich Roos’ Osteria in einer römischen Ruine (um 1670) [Kat. 94] als frĂŒhen VorlĂ€ufer einer »Repair«-Kultur betrachten, die heute aufgelassene Altbauten aller Art reaktiviert, in anziehende Bistros, Lofts, Clubs, Galerien oder Kulturzentren verwandelt und baupolitisch zunehmende Relevanz erhĂ€lt.

7 Aus der umfangreichen Forschungsliteratur zum Thema »Ruinen« seien hier nur erwĂ€hnt: Aleida Assmann, Monika Gomille, Gabriele Rippl: Ruinenbilder , MĂŒnchen 2002; Constanze Baum: Ruinenlandschaften SpielrĂ€ume derEinbildungskraft in Reiseliteratur und bildkĂŒnstlerischen Werken ĂŒber Italien im 18 und frĂŒhen 19 Jahrhundert , Heidelberg 2013; ZoltĂĄn Somhegyi: Reviewing the Past The Presence of Ruins , London/New York 2020; Giulia Lombardi, Simona Oberto, Paul Strohmaier: Ästhetikund Poetik der Ruinen Rekonstruktion –Imagination – GedĂ€chtnis , Berlin/ Boston 2022.

Ansichten von StĂ€dten, prominenten Bauten und antiken Monumenten erfreuen sich als Souvenirs gebildeter aristokratischer oder großbĂŒrgerlicher Reisender schon im 17. Jahrhundert hoher Beliebtheit, und ihre Produktion verschafft Malern wie Johann Wilhelm Baur [Kat. 56, 57] gut gefĂŒllte AuftragsbĂŒcher. Optische GerĂ€te werden eingesetzt, um einerseits frappierend wirklichkeitsgetreue Aufnahmen von Bauwerken zu erreichen, diese dann aber auch, wie etwa in den Venedig-Veduten Francesco Tironis [Kat. 59], im Bild flĂ€chenökonomisch zu komprimieren. Hubert Robert widmet sich nach seinem elfjĂ€hrigen Aufenthalt in Rom, wĂ€hrend dessen er auch mit Giovanni Battista Piranesi in Verbindung stand, in zahlreichen GemĂ€lden dem zeitgenössischen Abbruch der HĂ€user auf der Notre-Dame-BrĂŒcke.8 Sein GemĂ€lde aus dem Jahr 1788 [Kat.28] betreibt StadtarchĂ€ologie seiner Gegenwart, in der sich Paris neu entwirft.

Innerhalb und losgelöst von der biblischen Historie, fantasiert oder mimetisch, funktionieren Architekturen diachron als Indikatoren von Hierarchien und Milieus, als Dokumente zeitlicher VerlĂ€ufe oder als BĂŒhnen und Kulissen fĂŒr die Handlungen der Protagonist:innen. Im imposanten Kupferstich Architektur mit Ecce Homo (1740) [Kat. 70] verschafft der Stecher und Verleger Johann Andreas Pfeffel d. Ä. nach der Vorlage Giuseppe Galli da Bibienas der Architektur selbst einen derart theatralischen Auftritt, dass die VorfĂŒhrung des abgeurteilten Christus gleichsam nur noch den narrativen Vorwand fĂŒr die grandiose Bildarchitektur liefert. Fassbar werden hier die fortschreitende Theatralisierung der Architektur und die Entwicklung einer Architektur-Figur-Inversion: Das Interesse der KĂŒnstler verschiebt sich von den Figuren auf den Raum, den architektonischen Rahmen des Geschehens, auf Bauwerke selbst als dramatis personae oder Zeugen

Archistories – Körper, Sprache, Raum

von Geschichte(n), als Objekt einer Meta-Reflexion der Kunst, die Strukturen und Wahrnehmungsmodi befragt.

Aus der Begeisterung fĂŒr eine archĂ€ologisch dokumentierende Forschung zu Bauten der Vergangenheit gehen im 18. Jahrhundert ArchitekturstĂŒcke hervor, die anamnetisch oder spielerisch, experimentell, kreativ oder illustrativ sein können. So rekonstruiert etwa der Karlsruher Architekt Friedrich Weinbrenner wĂ€hrend seines Aufenthalts 1794 in Italien in einem Studienblatt Das Bad des Hippias [Kat. 60]. Seine Fantasievedute stĂŒtzt er ausschließlich auf einen Text, nĂ€mlich die rĂŒhmende Beschreibung dieser Anlage aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert durch Lucian; Weinbrenner setzt sich mit diesem Bautypus auch im Hinblick auf eine mögliche Rekonstruktion der römischen Thermen in Badenweiler nĂ€her auseinander. So bewegen sich Architekten und Architekturtheoretiker immer wieder auf der Schwelle zwischen Imagination und RealitĂ€t, fasziniert vom Überlieferten, aber auch seinen Leerstellen, die nach ErgĂ€nzung und Deutung verlangen.

Das berĂŒhmteste Beispiel hierfĂŒr ist das ƒuvre Giovanni Battista Piranesis. Er starb, als Weinbrenner zwölf Jahre alt war. Einerseits wirkte Piranesi als Chronist der AltertĂŒmer Italiens, die er mitunter in Capriccios ĂŒberlieferte, die RealitĂ€tsschilderungen in freier Kombination zu eigenen Bildfindungen zusammensetzen. Andererseits wurde er vor allem berĂŒhmt als Urheber der Carceri d’Invenzione, der erfundenen Kerker.9 Seine dunklen Konstrukte, bravourös in ihrer verschachtelten KomplexitĂ€t, ihrer Dichte, die sich dem Auge als Aufgabe stellt, und ihrer technisch brillanten AusfĂŒhrung, beeinflussten auch Bibienas und Pfeffels Raumvorstellungen und wirken bis auf KĂŒnstler:innen unserer Zeit nach. Blatt V der berĂŒhmten Folge Piranesis, die Römische Bogenarchitektur mit zwei Löwenreliefs im Vordergrund [Kat. 25], fand 1972 Eingang in die Karlsruher Sammlung. Sehr viel frĂŒher, nĂ€mlich am 8. Juli 1826, wurde der Nachlass Friedrich Weinbrenners versteigert. Der Badische Hof erwarb bei der Auktion zwei KlebebĂ€nde mit Architektur- und Ornamentstudien, die 1861 in die Großherzogliche Kunsthalle ĂŒberfĂŒhrt wurden. Bis ins Jahr 2014 galten die in diesen Folianten gesammelten Skizzen als Werke Weinbrenners – dann gelang die sensationelle Neuzuschreibung an Piranesi und seine Werkstatt.10 Die beiden KlebebĂ€nde werden der Öffentlichkeit nun erstmals im Rahmen dieser Ausstellung prĂ€sentiert. Sie zeigt auch, wie Piranesi ĂŒber Jahrhunderte hinweg KĂŒnstler:innen inspiriert hat, unter anderem, da seine Architekturmetaphern in ambivalenter Weise komplexe AtmosphĂ€ren der Erhabenheit und der latenten Bedrohung, des Imposanten und Unheimli-

Archistories – Körper, Sprache, Raum

8 BartholomĂ€us Spranger: Die heilige Barbara, 1580er-Jahre, 86,5 × 65,5 cm, Öl auf Lindenholz, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Inv. 2587

8 Vgl. Zum Thema ausfĂŒhrlich: Sabine Weicherding: »Il faut ruiner un palais pouren faire un objet d’intĂ©rĂȘt«(Diderot) Bilder der Zerstörung Hubert Roberts (1733–1808) kĂŒnstlerischeAuseinandersetzung mit der Stadt Paris , Diss. Ruhr-UniversitĂ€t Bochum 2001, https://hss-opus.ub.ruhruni-bochum.de/opus4/frontdoor/ deliver/index/docId/454/file/diss.pdf [18.7.2024].

9 Vgl. Werner Busch: »Piranesis â€șCarceriâ€č und derCapriccio-Begriff im 18 Jahrhundert« , in: Wallraf-RichartzJahrbuch , 39, 1977, S. 209–224.

10 Vgl. den Beitrag von Dorit SchĂ€fer in diesem Katalog, S. 86–93.

9 Meister der Karlsruher Passion: Kreuztragung Christi, um 1450/1455, 66,5 × 46,6 cm, Mischtechnik auf Nußbaumholz, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Inv. 2180

chen ins Bild setzen und sich bis heute als Synonyme psychischer oder existenzieller Settings lesen lassen.

Zwei Beispiele hierfĂŒr sind Werke Laurent Goldrings und Nicolas Daubanes. Goldring nennt seine schwarzweiße Video-Arbeit ĂŒber den Eiffelturm PiranĂšse [Kat. 87] und rĂŒckt die transparent-elegante Stahlkonstruktion – die Robert Delaunay [Kat. 86] Anfang des 20. Jahrhunderts so emphatisch und formal rasant feierte – buchstĂ€blich in ein »Gegenlicht«. Wie auf Piranesis Kupferstichen erkennt man in Goldrings Video bei nĂ€herem Hinsehen emsige kleine Gestalten, hier in einem im Loop stereotyp anmutenden Auf-und-Ab gefangen. Die Aura des Turms mutiert dramatisch ins Klaustrophobische, das Monument zu einer geradezu rigiden Konstruktion. Nicolas Daubanes setzt sich seit langer Zeit mit GefĂ€ngnisbauten und den Lebensbedingungen von Inhaftierten oder Hospitalisierten auseinander und referiert fĂŒr seine Eisenpulverzeichnung Planche XIV: L’arche gothique en feu [Kat. 26] ebenfalls auf Piranesi. Er bringt Licht ins Dunkel des Kerkers, indem er ihn in Brand steckt. Ob dies ein UnglĂŒck oder ein Akt der befreienden Revolte ist, bleibt offen wie diese nun nicht mehr stabile Architektur.

Die Suggestivkraft dieser und vieler anderer Werke der Ausstellung erklÀrt sich auch aus der verwandten Funktion des Lichts in Kunst und Architektur, die Juhani Pallasmaa erhellend beschreibt:

Ähnliches geschieht auch auf den GemĂ€lden Caravaggios und Rembrandts, deren ungewöhnliche PrĂ€senz und Kraft in der BildfĂŒhrung aus einem tiefen Schatten erwachsen, welcher die Hauptfigur umfĂ€ngt und wie einen kostbaren Gegenstand auf dunklem Samt bettet, der alles Licht absorbiert. Der Schatten verleiht dem derart ins Licht gesetzten Gegenstand Form und macht ihn lebendig. Er bietet der Fantasie und den TrĂ€umen ausreichend Raum. Deshalb gehört die Kunst des Chiaroscuro auch in der Baukunst zum Repertoire der großen Meister. Die wahrhaft großen RĂ€ume der Architektur sind immer erfĂŒllt von einem tiefen Atmen aus Schatten und Licht; der Schatten atmet das Licht ein und die Beleuchtung atmet es wieder aus.11

11 Pallasmaa 2012 (wie Anm. 1), S. 62.

Diese Beschreibung ließe sich mit zahlreichen Werken der Ausstellung – etwa Fritz Winters Gliederung nach Innen [Kat. 78] oder den Fotografien von Barbara Klemm [Kat. 81, 82] – in Beziehung setzen.

Archistories – Körper, Sprache, Raum

Auch der Weinbrenner-SchĂŒler Heinrich HĂŒbsch, der unter anderem die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Orangerie, TorbogengebĂ€ude und das Polytechnikum in Karlsruhe entwarf, und Josef Durm, der zweite am Bau der VierflĂŒgel-Anlage beteiligte Architekt der Kunsthalle, studierten selbstverstĂ€ndlich prominente Architekturen in Italien. Pars pro toto stehen von ihnen zwei KreuzgangDarstellungen sehr unterschiedlicher PrĂ€gung fĂŒr die reichen BestĂ€nde ihrer Architekten-Zeichnungen in der Sammlung des Museums.12 HĂŒbsch aquarellierte zwischen 1817 und 1821 mit sichtlicher Begeisterung fĂŒr das Motiv des Rundbogens und etwas elegisch romantisierendem Blick den Kreuzgang von San Salvatore in Rom [Kat. 64], wĂ€hrend sich Durms serene Darstellung eines Kreuzgangs – jenes der Basilika San Giovanni in Laterano [Kat. 63] aus dem Jahr 1866 – ganz auf die eben erörterte Konstellation von Architektur und Beleuchtung konzentriert: Der (offene) Raum wird fulminant ĂŒber das ihn umgebende und durchdringende mediterrane Licht definiert und in Szene gesetzt.

Mit dem Impressionismus und den modernen Avantgarden diversifiziert und dynamisiert sich das kĂŒnstlerische Augenmerk in der Auseinandersetzung mit Architekturen pluralistisch, wandelt sich das VerstĂ€ndnis vom Bild selbst vom organisch-mimetischen Wirklichkeitsderivat zu einer dezidiert konstruierten eigenstĂ€ndigen Bildwirklichkeit, dem gebauten Bild. Es nimmt architektonische Prinzipien in sich auf und trĂ€gt sich, zunehmend abstrakt, selbst – auch in der nur noch fragmentarischen Referenz auf gebaute Strukturen der außerbildlichen Wirklichkeit – wie in Fernand LĂ©gers Construction [Kat. 89] von 1950 oder Sean Scullys Wall of Light Winter Light [Kat. 77] aus dem Jahr 2011. LĂ©ger zeigt keinen Bau, sondern nurmehr Bauelemente als Verweise auf den andauernden Prozess eines offenkundig himmelstĂŒrmenden, bis zu den Wolken vordringenden Konstruierens. Scullys Bildidee einer Bildarchitektur aus Farbblöcken ging im Ursprung auf das sinnliche Erlebnis der Maya-Pyramiden von ChichĂ©n ItzĂĄ zurĂŒck.

10 Pieter de Hooch: Eine Magd mit Eimer in einem Hinterhof, um 1660, 48,2 × 42,9 cm, Öl auf Leinwand, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Inv. 2948

Als Joseph NicĂ©phore NiĂ©pce 1826 das erste Foto aufnahm, das je entstand, war dies eine Architekturfotografie. Sie zeigt den Blick aus seinem Arbeitszimmer im Gutshof von Le Gras – ein Taubenhaus, ein Backhaus, einen Kamin, ein Pultdachhaus. Architektur ist also von Beginn an ein Hauptmotiv der Fotografie, ihre Ablichtung eine ihrer Königsdisziplinen.

GĂŒnther Förgs Fotografie-Projekt [Kat. 47–52] aus dem Jahr 1995 setzte sich mit den Architekturutopien der Moderne und ihrem Missbrauch durch den italienischen Faschis-

Archistories – Körper, Sprache, Raum

12 Das Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe besitzt knapp 300 BlĂ€tter von Friedrich Weinbrenner, 38 Zeichnungen und Grundrisse von Heinrich HĂŒbsch und 1744 Werke von Josef Durm.

mus auseinander. Fotograf:innen der DĂŒsseldorfer Schule der Fotografie, zu denen Candida Höfer und Elger Esser als SchĂŒler von Bernd und Hilla Becher zĂ€hlen, knĂŒpfen an die Tradition der Vedute mit neuen Mitteln an. Höfer fotografierte in der Karlsruher Kunsthalle menschenleere Interieurs, am eindrucksvollsten den sogenannten Philostratensaal mit seinen Gipsen und Wandmalereien [Kat. 83]. Essers Combray-Zyklus [Kat. 66–69] entsteht anders als Veduten Ă€lteren Datums nicht aus einer bildungsbĂŒrgerlich ambitionierten Pilgerreise zu bekannten Monumenten, sondern auf einer »Zeitreise«, in einer Suchbewegung nach Orten, an denen Vergangenheit scheinbar zur Gegenwart geworden ist. Die GebĂ€ude, die wir sehen, sind aus der Zeit gefallen und dennoch prĂ€sent. Essers Spurensicherung in der französischen Provinz öffnet ĂŒber die Art der Aufnahmen in einer aufs optische Verschwinden anspielenden Überhelligkeit einen Vorstellungsraum, in dem das Erinnern selbst zum Thema wird. Michael Wesely hingegen zeigt in seinen Langzeitbelichtungen – wie etwa der Gay Pride Parade, New York [Kat. 42] – die Differenz zwischen Ereignishaftigkeit und longue durĂ©e, unterschiedliche Tempi und Schichten von Geschichte, DurchgangsphĂ€nomene vor dem Hintergrund des Bleibenden, Gebauten und damit GebĂ€ude als Rahmen sozialer Begebenheiten.

GegenwĂ€rtig schaffen Fotograf:innen Architekturfantasien unter Zuhilfenahme des Computers und fĂŒr ArchitekturentwĂŒrfe genutzter Designtools: Dionisio GonzĂĄlez [Kat. 1] fragte sich angesichts der Corona-Pandemie in Wittgenstein’s Cabin 10, wie sich der Philosoph heutzutage einen resilienten RĂŒckzugsort in der Einsamkeit an einem norwegischen Fjord bauen wĂŒrde. Alain Delorme [Kat. 91] eskaliert Aufnahmen chinesischer Arbeits- und ArchitekturrealitĂ€ten ins Gigantisch-Groteske, wĂ€hrend Helmut Wimmer in der Serie The Last Day [Kat. 84] Szenarien ersinnt – Schauplatz ist das Wiener Kunstmuseum.

GĂ€nzlich neu im Sinne der Gattung entsteht im 20. Jahrhundert die Archiskulptur. KĂŒnstler:innen wie Wolfgang Laib [Kat. 12], Hubert Kiecol [Kat. 16–19], Axel Lieber [Kat. 4, 5], Stephen Craig [Kat. 6–11], Werner Pokorny [Kat. 13–15] oder Isa Melsheimer [Kat. 103–106] erkunden quasi modellhaft mithilfe unterschiedlichster Materialien und Techniken neue Medien der bildnerischen Architekturreflexion. Axel Lieber transformiert etwa das FlĂ€chenmedium Comic ins Dreidimensionale und Komplexe, indem er dessen lineare Gliederung nutzt, Bild und Text als Inhalt jedoch löscht und so neue GehĂ€use, heitere HĂŒllen fĂŒr anderes Geschehen schafft. Vieles, was fantasiert wird, bleibt ungebaut – was jene spielerischen, teils ironischen, teils utopischen Modelle von Stephen Craig annoncieren, die SehnsĂŒchte, Ideale und Wunschkonzepte imitieren, persiflieren und fröhlich fortspinnen.

Architektur als Medium

»Archistories« betrachtet Architektur damit programmatisch und durch Jahrhunderte hindurch als Medium. Diesen Architekturbegriff formulierte der Architekt Hans Hollein im Jahr 1967 mit seinem Manifest Alles ist Architektur – ein Medium der Kommunikation und ein Medium, mit dessen Hilfe wir Umwelten und unser Leben gestalten:

Archistories – Körper, Sprache, Raum

Begrenzte Begriffsbestimmungen und traditionelle Definitionen der Architektur und ihrer Mittel haben heute weitgehend an GĂŒltigkeit verloren. Der Umwelt als Gesamtheit gilt unsere Anstrengung und allen Medien, die sie bestimmen. Dem Fernsehen wie dem kĂŒnstlichen Klima, den Transportationen wie der Kleidung, dem Telephon wie der Behausung.

Die Erweiterung des menschlichen Bereiches und der Mittel der Bestimmung der â€șUm-Weltâ€č geht weit ĂŒber eine bauliche Feststellung hinaus. [
] Architektur ist ein Medium der Kommunikation. [
]

Der Mensch ist beides – selbstzentriertes Individuum und Teil der Gemeinschaft. Dies bestimmt sein Verhalten. Von einem primitiven Wesen hat er sich selbst mittels Medien kontinuierlich erweitert, seinerseits diese Medien kontinuierlich erweiternd. [
]

Eine echte Architektur unserer Zeit ist daher im Begriffe, sich sowohl als Medium neu zu definieren, als auch den Bereich ihrer Mittel zu erweitern. Viele Bereiche außerhalb des Bauens greifen in die »Architektur« ein, wie ihrerseits die Architektur und die »Architekten« weite Bereiche erfassen. Alle sind Architekten. Alles ist Architektur.13

Ausstellung und Katalog zielen in Auswahl und Aufbau deshalb nicht darauf ab, die oben grob mit Exempeln vor allem der Karlsruher Sammlung skizzierte Kunstgeschichte des ArchitekturstĂŒcks, der Archiskulptur oder des »spatial turn« chronologisch zu erzĂ€hlen. Vielmehr interessiert hier der mediale Charakter von Architektur – in seiner bildnerischen Brechung, Widerspiegelung, Potenzierung. Wie spricht Architektur im Meta-Medium der Kunst, des Bildes, der Skulptur, des Videos, das tatsĂ€chlich hĂ€ufig von Sprache begleitet wird oder das Handlungen an, in und mit Architektur zeigt? Wie nutzt Kunst Architektur, um etwas ĂŒber sie und ĂŒber sie hinaus zu artikulieren? In welchem VerhĂ€ltnis sehen KĂŒnstler:innen Architekturen zu Körper, Sprache und Raum? Architektur ist multisensorisch wahrnehmbar. Was passiert, wenn sie in Medien gespiegelt wird, die primĂ€r auf VisualitĂ€t setzen? Die Antworten auf diese Fragen sind so vielfĂ€ltig wie die Kunstwerke der Ausstellung. Motivisch und thematisch gruppiert, beleuchtet sie HĂ€user, Kerker, transitorische RĂ€ume, zu denen unter anderem BrĂŒcken, PlĂ€tze, Straßen und ÜbergĂ€nge gehören, Architekturen der ReprĂ€sentation oder Proklamation von Macht, (wenige) Industriearchitekturen, Veduten und Studien, die BĂŒhne als Schauplatz, Wand und Fenster, InnenrĂ€ume, kĂŒhne Konstruktionen und Ruinen.

Den Werken der Sammlung begegnen Arbeiten zeitgenössischer KĂŒnstler:innen, die von der aktuellen Notwendigkeit eines Nachdenkens ĂŒber Architektur heute zeugen. Ihre innovativen, frappierenden Arbeiten eröffnen medial und inhaltlich neue Sichtweisen auf Architekturen, die so mit den Werken des Karlsruher Bestandes nicht hĂ€tten belegt werden können. Um nur wenige Beispiele zu nennen: Wenn Rebecco Ann Tess in der Videoarbeit The Tallest [Kat. 92] den Wettlauf der wirtschaftlichen SupermĂ€chte um den jeweils höchsten Turm der Welt kritisch reflektiert, ist das nicht einfach die Fortschrei-

Archistories – Körper, Sprache, Raum

13 Hans Hollein: »Alles ist Architektur« (1967), in: Bau Schrift fĂŒr Architektur und StĂ€dtebau , 23, 1968, Heft 1/2, Wien 1968, hrsg. mit der Zentralvereinigung der Architekten Österreichs, Redaktion: Hans Hollein, Oswald Oberhuber, Gustav Peichl; auch in: Alles ist Architektur EineAusstellung zumThema Tod . Ausst.-Kat. StĂ€dtisches Museum Mönchengladbach, Köln 1970; http:// www.hollein.com/ger/Schriften/Texte/ Alles-ist-Architektur [14.7.2024].

14 Rem Kohlhaas: Junk-Space , Berlin 2020.

15 Gaston Bachelard: Die Poetik des Raumes , Frankfurt am Main 2001, S. 33.

bung der babylonischen Hybris-Metaphorik in die Gegenwart, sondern vor allem eine pointierte Diagnose globaler ökonomischer und politischer Wandlungsdynamiken, der Verschiebung von HegemonieansprĂŒchen im Medium des ArchitekturstĂŒcks. Wenn Judith Hopf in Some End of the Things: The Conception of Youth [Kat. 2] mit groteskem Humor einen modernen BĂŒro- und Kulturkomplex als System kenntlich macht, das nicht ein-, sondern ausschließt – im konkreten Fall ein Ei als Stellvertreter fĂŒr Jugend, die hier weder Zugang noch Platz findet –, wird Architektur zum Sinnbild fĂŒr kritikwĂŒrdige gesellschaftliche Restriktionsstrukturen.

Beate GĂŒtschows Fotoarbeit HC#4 [Kat. 39] zeigt einen Hortus conclusus modernster und trostlosester PrĂ€gung, eine Platz- oder Parkanlage – amalgamiert aus am Computer ĂŒberarbeiteten Originalfotografien –, die nicht einmal als traurige Schwundform eines paradiesischen Gartens durchgehen kann. Vielmehr assoziiert man die Anlage reflexartig mit dem von Rem Kohlhaas geprĂ€gten Terminus des »Junk-Space«,14 da dieser Platz kaum als kommunikative, öffentliche BegegnungsflĂ€che taugt, sondern als austauschbarer Nicht-Ort ohne AufenthaltsqualitĂ€t eher kollektive Vereinsamungsprozesse forciert.

Auf BĂŒhnen des 20. und 21. Jahrhunderts spielt sich ein existenzielles Geschehen ab, das so vorher nicht dargestellt wurde: Samuel Becketts Quadrat I + II [Kat. 72] aus dem Jahr 1980 verzichtet auf jede Form von BĂŒhnenarchitektur und inszeniert nur noch Körper im Raum, die wie Spielfiguren einem stereotypen Bewegungsmuster folgen, auf ein Ritual programmiert sind. Hier braucht es keinen Kerkerbau mehr, um Gefangenschaft ins Bewegtbild zu setzen – obschon sich Beckett zu diesem unendlichen Hofgang wohl durch den Blick auf das seiner Wohnung in Paris benachbarte GefĂ€ngnis La SantĂ© inspirieren ließ. Julia Oschatz baut, zeichnet und filmt hingegen fĂŒr Unter Tagen [Kat. 71] einen BĂŒhnenraum, in dem ihre Figur sich handelnd behauptet, standhĂ€lt, gegen alle Widrigkeiten, getragen vom Willen, etwas Individuelles zu schaffen und zu gestalten.

Der Philosoph Gaston Bachelard behauptete in seiner Poetik des Raumes: »Der grĂ¶ĂŸte Nutzen des Hauses ist: das Haus umhegt die TrĂ€umerei, das Haus beschĂŒtzt den TrĂ€umer, das Haus erlaubt uns in Frieden zu trĂ€umen.«15 Wie ein Beleg dieser Aussage wirkt die Videoarbeit 1550 San Remo Drive [Kat. 24] von Niklas Goldbach. Der KĂŒnstler zeigt die einstige Villa Thomas Manns in Los Angeles, das Haus, das sich der vor den Nationalsozialisten ins Exil in die USA geflohene Dichter bauen ließ, um frei denken, tagtrĂ€umen, schreiben und leben zu können. Manns TagebucheintrĂ€ge, die Goldbach 2017 ĂŒber die Aufnahmen der Villa legte, geben Einblick in die Anstrengungen des Dichters, heimisch zu werden. Goldbachs Recherche im Augenblick, als die Villa zum Verkauf stand, dokumentiert darĂŒber hinaus eine erschreckende Geschichtsvergessenheit, der das kulturhistorisch bedeutende Haus fast zum Opfer gefallen wĂ€re.

Werke, die Bewegung ins Innere suggerieren, fungieren nicht selten als Metaphern fĂŒr seelische Introspektionen oder auch physisch als Hinweis darauf, dass schließlich auch der menschliche Körper eine Konfiguration aus RĂ€umen, Höhlen, GefĂ€ĂŸen ist, die mit Erfahrung und Erinnerung »gefĂŒllt« sind. Das ist die eindrucksvolle Denkbewegung, die Jochen Kuhns Video Neulich 2 (Recently 2) [Kat. 85] anschaulich, bannend und erkenntnis-

Archistories – Körper, Sprache, Raum

stimulierend vollzieht. Es ist eine Grundeinsicht, die der Kunsthistoriker August Schmarsow Ende des 19. Jahrhunderts mit seinen raumanthropologischen Thesen formulierte. Dietrich Erben fasst diese zusammen:

FĂŒr Schmarsow ist der architektonische Raum letztlich konstituiert durch die menschliche Körperlichkeit selbst, und dies sowohl durch unsere Somatik als auch durch unsere Positionierung im Raum. [
] Der Mensch selbst ist schon ein â€șRaumgebildeâ€č, zu dem der architektonische Raum durch Proportion, Symmetrie und DreidimensionalitĂ€t in eine komplementĂ€re Entsprechung tritt.16

Schließlich treffen kĂŒhne Konstruktionen – wie jene von Alain Delormes Quarantine [Kat. 90], die mit Aufbau-Optimismus spielerisch oder experimentierfreudig aus dem errichtet wurden, was wĂ€hrend der Corona-Pandemie lebensnotwendig erschien – auf Ruinen mit ihrem breiten narrativen Repertoire: Sie sind melancholische, nostalgische oder heroische Zeugnisse des Verfalls oder der Gegenwart von Erinnerung, des Andauerns von Geschichte, einer Naturgeschichte der Zerstörung oder der Chance fĂŒr eine zukĂŒnftige Wiederverwendung, Umnutzung und Besiedelung.

Ästhetik, Poetik und Semantik der Ruine unterlagen und unterliegen zahlreichen kulturgeschichtlichen Metamorphosen. Neu im Bild der Ruinen der Gegenwart: Die Infiltration, Zersetzung oder der Verlust menschlicher LebensrĂ€ume – dem die Zerstörung ursprĂŒnglich nicht vom Menschen dominierter LebensrĂ€ume immer vorausgeht – wird nicht mehr nur als Dystopie oder resignative Vanitas-Metapher, sondern als Hoffnungsfigur interpretiert, denn diese Altbauten können als Plattformen fĂŒr kĂŒnftige Hybridbildungen dienen. Das Vordringen von Natur in die Leerstelle der Ruine zeugt von Wachstums- und Anpassungsprozessen, die zur Entstehung neuer Biotope fĂŒhren können. Der Verfall menschlicher Artefakte gerĂ€t damit zu einem PhĂ€nomen, dessen prospektive Dimension die retrospektive ĂŒbersteigt.

Diesen paradigmatischen Wechsel der Perspektive annoncieren die Keramiken von Isa Melsheimer, die mit ihren Arbeiten Behausungen simuliert, die von Tieren geschaffen sein oder von ihnen als NistplĂ€tze wiederverwendet werden könnten. Dies ist ein Fortlaufender Prozess der Verbesserung [Kat. 103–106]. Dabei wird die summarische und simplifizierende Denkfigur eines »Triumphs der Natur« ĂŒber den Menschen – die diesen anthropozentrisch und dichotomisierend aus der Natur als ein »Kulturwesen« herauslöst –abgelöst durch die faszinierende und instruktive Einsicht in adaptive und innovierende Potenziale und Resilienzen von Flora und Fauna. Jakob Kudsk Steensens A Cartography of Fantasia [Kat. 102] zeigt das in einem eindrucksvollen Video gleichermaßen dokumentarisch und poetisch: Dort, wo der Mensch PlĂ€ne und Projekte aufgibt, entstehen Habitate fĂŒr Tiere und Pflanzen.

16 Dietrich Erben: Architekturtheorie Eine Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart , MĂŒnchen 2017, S. 77. Erben fasst Schmarsows zentrale Thesen seiner Schrift Das Wesen der architektonischen Schöpfung (1894) in den folgenden drei Punkten zusammen: »1. Architektur ist Raumschöpfung, nicht Gestaltung von Baukörper bzw. Masse; 2. Raum wird konstruiert durch den Benutzer oder Betrachter und nicht durch feste Begrenzungen; 3. Zentrum und â€șKorrelat des Raumesâ€č ist der Mensch aufgrund der ihm eigenen Körpereigenschaften.« Ebd., S. 76 f.

Archistories – Körper, Sprache, Raum

17 Meisenheimer 2020 (wie Anm. 6), S. 10.

18 Pallasmaa 2012 (wie Anm. 1), S. 14.

19 Ebd., S. 15.

Fazit: ArchiStories und ArcHistories – Körper, Sprache, Raum

Bauend betreiben Menschen also gleichzeitig Selbst-, Gesellschafts- und Weltformung und geben Auskunft ĂŒber ihre Weltbilder – allein oder in Gemeinschaft, minimalistisch oder luxuriös. Architektur nimmt strukturell in Form und Funktion in sich auf und organisiert gleichzeitig, was individuelles und gesellschaftliches Dasein im Wandel der Epochen bestimmt. Sie konkretisiert und verortet soziale Strukturen und ÜbereinkĂŒnfte. Sie befriedigt das BedĂŒrfnis nach Schutz, IntimitĂ€t, aber auch nach SozialitĂ€t, Lebenserleichterung, Ă€sthetischem Genuss, Selbststeigerung und Statusdemonstration. In der individuellen Erfahrung sind Architekturen – wie Kunstwerke – Objekte unserer Wahrnehmung, die diese lenken und formen. Wolfgang Meisenheimer schreibt dazu:

Das Konkreteste ist eben doch Architektur als ein Erlebnisraum. Als ein solcher ist sie an die Empfindung und die Vorstellung der Menschen gebunden, wechselnd, vielschichtig und dabei nie eindeutig. Die Architekturgeschichte ist deshalb seit vielen tausend Jahren auch eine Geschichte der Architekturtheorie als Wahrnehmungstheorie.17

Drei Aspekte sind ĂŒber die Zeiten hinweg als Konstanten fĂŒr diese Wahrnehmung und als genetischer Subtext konstitutiv fĂŒr Architekturen – die hier abschließend noch einmal benannt werden sollen, da sie fĂŒr die Transposition in Werke der bildenden Kunst von besonderem Belang sind.

Erstens beziehen sich RĂ€ume und Baukörper formal und atmosphĂ€risch auf den menschlichen Körper und unsere Sinne, durch die wir Proportionen und Kompositionen von RĂ€umen erfahren. Juhani Pallasmaa plĂ€diert in Die Augen der Haut deshalb fĂŒr eine multisensorische Konzeption von Architektur:

Es leuchtet daher schnell ein, dass â€șlebenssteigerndeâ€č Architektur alle unsere Sinne gleichzeitig ansprechen muss, um unser Selbstbild mit unserer Erfahrung von Welt zu vereinen. Die wesentliche Aufgabe von Architektur ist es, uns zu beherbergen und in die Welt zu integrieren. Architektur artikuliert unsere Erfahrungen des Inder-Welt-Seins und stĂ€rkt unseren Sinn fĂŒr Wirklichkeit und uns selbst. [
] GebĂ€ude und StĂ€dte schaffen auf diese Weise einen Horizont: fĂŒr das Verstehen der menschlichen Existenzbedingungen und fĂŒr die Konfrontation mit sich selbst. Anstatt lediglich optisch verfĂŒhrerische Objekte zu schaffen, verbindet, vermittelt und entwirft Architektur Sinnhaftigkeit.18

Daraus folgt fĂŒr ihn, dass uns »sinnstiftende Architektur« uns selbst als »ganzheitliche körperliche und geistige Wesen erfahren« lĂ€sst: »Das ist die eigentliche große Aufgabe bedeutender Kunst.«19 Gemalte, gezeichnete, in Skulpturen ĂŒbersetzte oder im Video

Archistories – Körper, Sprache, Raum

durchstreifte, abgetastete, inszenierte Architekturen manifestieren verkörperte Erfahrung in einer zweiten, kondensierten Ordnung.20 Zweitens sind Bauten, wie schon eingangs angedeutet, aufgrund ihrer rhetorischen Konzeption per se lesbar. Sie dienen nicht nur Funktionen, sondern teilen sich auch mit – durch die Sprache ihrer Formen, Zitate, Referenzen, ihre Raumchoreografie. Auf der Seite des Rezipienten bedarf es einer sprachlichen Reaktion auf die Formsprache, denn, wie Wolfgang Sonne konstatiert: »Durch das Medium der Sprache wird es möglich, Architektur in argumentative ZusammenhĂ€nge zu stellen. Auch hier gilt wiederum: Wer diese argumentative, intelligible Seite der Architektur vernachlĂ€ssigt, produziert keine umfĂ€nglich befriedigenden GebĂ€ude.«21 Im Sprechen ĂŒber und in der Darstellung von Architekturen werden wir uns ihrer narrativen »Textur«, ihrer Grammatik und Semantik, ihres Vokabulars bewusst, in das Natur und Kunst eingehen. Diese Beobachtung liegt schon einem der Urtexte zur Genese architektonischer Formen zugrunde, in dem Vitruv von der Entstehung des korinthischen Blattkapitells erzĂ€hlt: Der Bildhauer Kallimachos erfand es, als er am Grab eines MĂ€dchens einen mit Spielzeug gefĂŒllten Korb fand, der mit einer Steinplatte abgedeckt und von Akanthuspflanzen umflort war.22 Diesen umrankten Korb zeichnete er, um ihn schließlich in Stein nachzubilden. Dietrich Erben resĂŒmiert im Blick auf Vitruvs Architektur-VerstĂ€ndnis:

GebĂ€ude sind fĂŒr ihn weder ausschließlich materielle Objekte noch allein Mittel zur ErfĂŒllung pragmatischer Nutzfunktionen, sondern auch Speicher von Bedeutungen. So erweist sich bereits bei Vitruv Architektur als ein, wie man heute sagen wĂŒrde, Medium kultureller ReprĂ€sentation.23

Drittens definieren Architekturen Raum als inneren und Ă€ußeren Raum, als geschlossenes oder sich transparent öffnendes und kommunizierendes System im Bezug zu Umwelten, UmrĂ€umen, Welt-RĂ€umen. Sie erlauben uns eine Selbsterfahrung im und als Raum. »Man könnte sagen, Architektur domestiziert den grenzenlosen Raum und die unendliche Zeit in einer Weise, dass sie ĂŒberhaupt erst vom Mensch ertragen, bewohnt und verstanden werden können«, schreibt Juhani Pallasmaa.24

Wenn Kunst sich mit Architektur befasst, dann immer auch mit Sprache, Körper und Raum, mit dem, was uns umgibt, bedingt, ausmacht und was wir formen – im Versuch, heimisch zu werden und zu bleiben.

20 Auf die Körper-Analogie von Architekturen und sogar Stadtlandschaften macht Wolfgang Meisenheimer 2020 (wie Anm. 6) aufmerksam, hier am Beispiel Karlsruhes, S. 52: »Die Stadtbaukunst hatte auch im Barock der Selbstdarstellung des Menschen zu dienen, des Menschen als einzelner Person, nicht mehr der Darstellung des Göttlichen wie im Mittelalter. Als ideale Menschen verstanden sich allerdings zunĂ€chst die FĂŒrsten. Die Potentaten ahmten allesamt den König von Frankreich nach, den Avantgardisten unter den MĂ€chtigen der kultivierten Welt. Eine Idealstadt dieser Zeit, etwa Karlsruhe, 1719 von Balthasar Neumann (1687–1753) fĂŒr den Bischof Johann Philipp Franz von Schönborn nach französischem Vorbild entworfen, trug â€șmenschlicheâ€č ZĂŒge sogar in der Figur als Draufsicht. Der Kopf, die Mittelachse, die Ausbreitung der Glieder im Rechts-und-linksSystem, die Transportweg und das Zusammenspiel aller dieser Teile mussten der Idee eines Gesamtkunstwerkes folgen, das den FĂŒrsten geradezu abbildhaft zeigte. Die StraßenrĂ€ume, ihre Richtungen, Monumente und Fassaden waren Teile einer ganzheitlichen Figur.«

21 Wolfgang Sonne: Die Medien der Architektur , MĂŒnchen 2011, S. 12. 22 Erben 2017 (wie Anm. 16), S. 21 f. 23 Ebd., S. 22.

24 Pallasmaa 2012 (wie Anm. 1), S. 23. Der finnische Architekt geht sogar noch weiter mit seinem emphatischen Begriff von Architektur, wenn er schreibt: »Die zeitlose Aufgabe der Architektur ist es, existentielle Metaphern zu schaffen, die unser Leben verkörpern, indem sie unserem In-der-Welt-Sein eine konkrete Form und Struktur verleihen. Architektur reflektiert, materialisiert und verewigt Ideen und Vorstelllungen eines idealen Lebens. GebĂ€ude und StĂ€dte erlauben uns, eine formlose Wirklichkeit zu gliedern, zu verstehen und zu erinnern – und letztlich zu erkennen, wer wir sind.« Ebd., S. 93.

DIONISIO GONZÁLEZ

Kat. 1

Wittgenstein’s Cabin 10 2021

C-Print, Diasec, 110 × 240 cm

Courtesy Taubert Contemporary

1 Vgl. Alex RĂŒhle: »Am Ende des Fjords. 1914 ließ sich Ludwig Wittgenstein eine einsame HĂŒtte bauen. Ein Besuch«, in: SĂŒddeutsche Zeitung , 17. Oktober 2019, https://www. sueddeutsche.de/kultur/gastlandnorwegen-und-ludwig-wittgensteinam-ende-des-fjords-1.4644556 [19.1.2024].

Ludwig Wittgenstein suchte Idealbedingungen, Stille, völlige Abgeschiedenheit und Schönheit, fĂŒr die intellektuelle BeschĂ€ftigung mit Problemen der Logik und Sprachphilosophie. Den Ort hierfĂŒr fand er in Norwegen. Im Jahr 1914 ließ er sich nach eigenem Entwurf eine 59 Quadratmeter kleine HĂŒtte bauen, drei Zimmer und einen Balkon, hoch oben auf einem Felsvorsprung mit Blick auf Europas lĂ€ngsten und tiefsten Fjord, den Sognefjord in Norwegen. Erreichbar war seine Klause nur, indem man den EidsvatnetSee ĂŒberquerte – sommers per Boot, im Winter zu Fuß ĂŒbers Eis – und sich dann auf unbefestigtem Weg steil bergan begab. Wasser zog Wittgenstein mit einer Seilwinde und einem Eimer aus dem Fjord. Immer wieder, zunĂ€chst auch mit seinem Freund David Pinsent, auf dem See unterwegs, wurde auch das Boot zum Ort der Reflexion, eines Philosophierens in langsamer Bewegung. Nach seinem Tod wurde das Holzhaus 1958 abgebaut und in Skjolden mit VerĂ€nderungen wiedererrichtet. Ab 2014 unternahmen norwegische Gelehrte und Intellektuelle die Anstrengung, die HĂŒtte zu restaurieren und an ihren ursprĂŒnglichen Standort zu relozieren, was 2018 gelang. FĂŒnf Aufenthalte Wittgensteins, lĂ€ngere vor allem in den 1930er-Jahren, sind ĂŒberliefert. Die Einwohner Skjoldens nannten das von dem Österreicher bewohnte Domizil spaßhaft Østerrike.1 FĂŒr Wittgenstein, der in einer der wohlhabendsten Familien der Donaumonarchie und entsprechend großzĂŒgigen, palastartigen und prĂ€chtigen Behausungen im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts seine Kindheit und Jugend verbracht hatte, war die HĂŒtte in der Einöde ein radikaler und extremer, existenzieller Gegenentwurf.

Dionisio GonzĂĄlez wurde durch diese Baugeschichte – und die Corona-Pandemie –zu seiner Werkgruppe mit dem Titel Wittgenstein’s Cabin inspiriert, die der Frage nachgeht, wie sich der Philosoph heute oder in der Zukunft situieren wĂŒrde und welches Potenzial Isolation birgt. Die HĂŒtte ist vom – mit einem dichten Wolkenband teils verhangenen, grĂŒn bewaldeten – Berg auf die Grenze zum Wasser hinuntergewandert. Sie hat sich komplex ausgedehnt, Ă€hnelt nun, bereit abzulegen oder anzudocken, selbst einem amphibischen GefĂ€hrt mit Beibooten, einem Raumschiff, einem U-Boot. In frĂŒheren Arbeiten – Favela (2004) oder den post utopias (2005) – ĂŒberformte der spanische Fotograf lateinamerikanische Slums oder Haus- und Fischerboote in der vietnamesischen HalongBucht mit futuristischen computergenerierten Roof-Tops und Erweiterungsbauten. FĂŒr die im Jahr 2005 vom Hurrikan Katrina verwĂŒsteten StrĂ€nde der Dauphin Islands vor Alabama erfand er Architekturen mit erhöhter Resilienz im Hinblick auf den Klimawandel und seine Auswirkungen. Um solche handelt es sich auch in diesem Bild. WĂŒrden die Stahlkammern ĂŒberflutet, blieben sie intakt und ihre Bewohner unbehelligt.

LebensrĂ€ume, Daseinsbilder 1 – HĂ€user

Wittgenstein’s Cabin 10 thematisiert die Sehnsucht nach Schutz in der Wildnis, einem zurĂŒckgezogenen Dasein in intakter, erhabener Natur, die zur bergenden Bedingung der Erkenntnis wesentlicher Strukturen unseres Denkens und Seins werden kann. GonzĂĄlez konzediert dem Bewohner dieser Behausung moderat modernen Komfort. In Anlage, Material-, Farb- und Formensprache passt sie sich der Landschaft an. Die eiförmigen Baukörper schmiegen sich organisch weich wie durchs Wasser rundgewaschene Steine aneinander und erinnern gleichzeitig an Zellhaufen oder Fischlaich. Kein Zweifel, dass Wasser ihr Element ist. Die kĂŒnstlichen Inselpartien sind sanft ins Riff integriert. Andererseits finden sich damit kombiniert geradlinig modernistische Bungalowelemente aus Holz, Metall und Glas. Sie knĂŒpfen an Wittgensteins AffinitĂ€t zum neuen Bauen an, von der zwar nicht seine HolzhĂŒtte, aber doch sein 1925 mit Paul Engelmann entwickelter Entwurf fĂŒr das Palais seiner Schwester Margarethe Stonborough-Wittgenstein im dritten Wiener Bezirk zeugte – klar, einfach, stabil, licht und sachlich. KCV

STEPHEN CRAIG * 1960

Kat. 6

Rockinghouse 2019

Lackierter Kunststoff, 56 × 47 × 16 cm

Kat. 7

Rettungsring 2006

Lackierter Kunststoff und Holz, Ring mit Bodenplatte 60 × 60 × 43 cm

(Ring: 20 cm hoch × 50 cm Durchmesser)

Kat. 8

Hurricane House 2007

Lackiertes Holz und Kunststoff, 70 × 130 × 90 cm

Alle Werke im Besitz des KĂŒnstlers

1 Ulrich Schulze hat gezeigt, dass auf den Turm als »das sinnstiftende Symbol der Stadt« allgemein und speziell auf den Turm der Winde in Athen aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Konzeption des Stadtgrundrisses Karlsruhes zurĂŒckgeht, der vom hiesigen Schlossturm ausstrahlt. Ulrich Schulze: »Stadtplanung in Karlsruhe –Paradigmenwechsel?«, in: Katharina BĂŒttner, Martin Papenbrock (Hrsg.): Kunst und Architektur in Karlsruhe Festschrift fĂŒr Norbert Schneider , Karlsruhe 2006, S. 23–43, hier S. 25 ff.

Kat. 9

Bin Building 2005

Lackiertes Holz und Kunststoff, Glas, 49 × 42 × 45 cm

Kat. 10

Boothbox/Kassenkoffer 2005

Lackiertes Holz und Kunststoff, Plexiglas, Farbfotografie, 50 × 40 × 50 cm

Kat. 11

K9, The Small Glass (Nine bachelors’ boothes bathing) 1999

Lackierter Kunststoff, Holz, Glas, 62 × 47 × 18 cm

Transparent, transportabel und flexibel wirken die bunten Pavillons, Kassen- und WartehĂ€uschen, der stilisierte Hochhausturm, der im Wind eines Ventilators wie ein StehaufmĂ€nnchen hin- und herschaukelt, das ArchivgebĂ€ude in Form eines Rettungsrings. Die Objekte, die Craig entwickelt, können tatsĂ€chlich Modelle fĂŒr baubare Architekturen sein, viele von ihnen sind jedoch autonome, Ă€ußerst humorvolle, skulptural raffinierte Objekte fĂŒr sich. Grundrisse und die Farbgebung einiger frĂŒherer Werke verraten eine gewisse formale NĂ€he zum russischen Konstruktivismus, dessen einstige sozial-utopische Dimension Craig auch interessierte.

Die tatsĂ€chlich gebauten Architekturen, die mitunter auf die Modell-Skulpturen zurĂŒckgehen und immer aus der Auseinandersetzung mit den stĂ€dtebaulichen VerhĂ€ltnissen vor Ort resultieren, öffnen sich als leichte Plattformen oder ProjektionsrĂ€ume, Informations- und Kommunikationszentren. Der in Nord-Irland geborene KĂŒnstler entwickelt Bauten, die ihre sozialen Funktionen unkompliziert und beweglich erfĂŒllen, die sich verwandeln lassen und heiter stimmen, weil sich Menschen in ihnen frei bewegen und zufĂ€llig begegnen, sich austauschen und miteinander und ihrer Umwelt interagieren können.

Craig arbeitet mit Anspielungen auf diverse architekturgeschichtliche Kontexte. Dazu zĂ€hlt zum Beispiel der spĂ€thellenistische Turm der Winde in Athen, der zunĂ€chst der Zeitmessung und Erforschung der Wind- und WetterverhĂ€ltnisse, dann als Baptisterium und Andachtsraum diente.1 Diese diachrone MultifunktionalitĂ€t kann genauso zum Ausgangspunkt seiner konstruktiven Überlegungen werden wie Buster Keatons Film One Week (1920), in dem der frischverheiratete Held gegen die TĂŒcken eines Fertighaus-Bausatzes kĂ€mpft. Craigs Werke werden von AlltĂ€glichem wie MĂŒll-Containern oder Streichholzschachteln inspiriert oder erweisen Ikonen der Kunstgeschichte, wie den Junggesellen in

Marcel Duchamps Das Große Glas (1915–1923), ihre Reverenz. Poetisches, Wissenschaftliches, Soziales, Ironisches und Historisches gehen spannungsvolle Synthesen ein und damit baut der KĂŒnstler BrĂŒcken sowohl zwischen Epochen als auch zwischen kulturellen PhĂ€nomenen. Zu ihnen zĂ€hlt unter anderem auch das Motiv- und Metaphernrepertoire des Jahrmarkts mit seinen VerfĂŒhrungs- und Stimulationsstrategien. Fotografisch hat Craig jahrelang Ansichten von KassenhĂ€uschen und bunt mit GlĂŒhbirnen ĂŒberdekorierten Buden gesammelt. Beide Elemente ĂŒberfĂŒhrt er in installative Kontexte. Die vielfach variierten und in herdenhafter HĂ€ufung auftretenden KassenhĂ€uschen deuten an, dass unsere VergnĂŒgungen, WĂŒnsche und eskapistischen Ambitionen immer ihren Preis haben, dass KĂ€uflichkeit als Prinzip des Marktes, also kapitalistischer Systeme, in Bezug auf GlĂŒcksversprechen jedoch eine Illusion ist. KCV

Kat. 6
Kat. 7

CARL LUDWIG FROMMEL

Kat. 23

Das Haus des Tasso in Sorrent 1849 Öl auf Leinwand, 30,5 × 41,5 cm

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe Inv. 2160

Der in Birkenfeld geborene Maler Carl Ludwig Frommel wurde in Karlsruhe bei dem Kupferstecher Christian Haldenwang und dem Maler Philipp Jakob Becker ausgebildet. Er unternahm Studienreisen nach Paris, wo ihn Kaiserin JosĂ©phine mit AuftrĂ€gen versah, in die Schweiz und fĂŒnf Jahre lang – von 1812 bis 1817 – nach Italien. 1818 kehrte Frommel nach Karlsruhe zurĂŒck und wurde zum Professor fĂŒr Malerei und zum Hofmaler ernannt.

Das Haus des Torquato Tasso in Sorrent war ein bei Italienreisenden und deutschen Romantikern höchst beliebtes Motiv. Johann Wolfgang von Goethe hatte mit seinem Drama um den Renaissance-Dichter und dessen Emanzipation vom Hofpoeten zum freien KĂŒnstler 1790 ein Werk publiziert, das ein gewandeltes KĂŒnstlerselbstverstĂ€ndnis inszenierte. Mit dem Motiv von Tassos Geburtshaus in Sorrent ließ sich die Darstellung einer eindrucksvollen Landschaftskulisse, der geradezu waghalsig bebauten SteilkĂŒste, mit der Reminiszenz an das Schicksal des in allerlei HĂ€ndel verstrickten und zeitweilig in HospitĂ€lern internierten Renaissance-Dichters verbinden. Die Legenden, die sich um den Hofpoeten der d’Este in Ferrara ranken, besagen, dass er, wohl zu Verfolgungswahn neigend, zum Spielball aristokratischer Intrigen wurde und nach seiner Flucht vom Hof 1577 in seinen Geburtsort und das seinem Geburtshaus benachbarte Haus seiner Schwester Cornelia zurĂŒckkehrte. Angeblich verkleidete er sich hierfĂŒr als Bauer, berichtete der Schwester vom angeblichen Tod ihres Bruders Tasso, um ihre Treue zu prĂŒfen, und wurde von ihr fĂŒr einige Zeit aufgenommen.

Frommel stellt einen tatsĂ€chlich in ein einfaches Hemd gekleideten Mann im Bildvordergrund dar. Auf einer Steinbank ergötzt er sich an frisch gepflĂŒckten Orangen. Damit fĂŒgt der Maler der topografischen Schilderung ein erzĂ€hlendes Moment hinzu.

Frommel interessierte sich aber nicht nur in diesem GemĂ€lde fĂŒr Architektur, sondern neben seiner TĂ€tigkeit als Hofmaler leitete er 28 Jahre lang, von 1830 bis 1858, die Großherzogliche Galerie in Karlsruhe. Unter seiner Ägide wurde der von Heinrich HĂŒbsch entworfene Neubau der heutigen Staatlichen Kunsthalle errichtet und eröffnet.

1 Miron Mislin: Die ĂŒberbaute BrĂŒcke: Pont Notre-Dame Baugestalt und Sozialstruktur , Frankfurt am Main 1982, S. 20 f.

2 Von diesem Ereignis malte er mehrere Bildpaare, die zum einen die BrĂŒcke aus der Entfernung und zum anderen den Blick von der BrĂŒcke aus in die Stadt und zwischen die HĂ€userzeilen wiedergeben. Das GegenstĂŒck zum Karlsruher Werk befindet sich in der Alten Pinakothek MĂŒnchen. Zwei weitere Fassungen der Komposition sind zum einen Teil der Sammlung des MusĂ©e Carnavalet Paris zum anderen des Louvre. Vgl. Dietmar LĂŒdke: Hubert Robert und die BrĂŒcken von Paris . Ausst.-Kat. Staatliche Kunsthalle, Karlsruhe 1991, S. 15 f., und Margaret Morgan Grasselli, Yuriko Jackall, Guillaume Faroult, Catherine Voiriot, Joseph Baillio (Hrsg.): Hubert Robert . Ausst.-Kat. National Gallery, Washington 2016.

Kat. 28

Der Abbruch der HĂ€user auf der Notre-Dame-BrĂŒcke in Paris um 1788 Öl auf Leinwand, 81 × 154 cm

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe Inv. 2728

Der Blick auf den Pont Notre-Dame, der als Ă€lteste BrĂŒcke von Paris gilt, reicht vom Quai de Gesvres bis zum Quai de la Corse auf der Île de la CitĂ© und ĂŒberspannt die Seine. Das steinerne Bauwerk ist fast in seiner gesamten Ausdehnung aus grĂ¶ĂŸerer Distanz und in Untersicht dargestellt. Es nimmt den Mittelgrund des Bildes ein. Die BrĂŒcke wurde bereits Anfang des 16. Jahrhunderts entlang einer alten römischen Verkehrsachse nach PlĂ€nen von Fra Giocondo errichtet und war nur eine von zahlreichen bebauten BrĂŒcken in Paris. Um 1786 wurde der RĂŒckbau der HĂ€userreihen beschlossen, um den zunehmenden bautechnischen Sicherheitsrisiken und prekĂ€ren sanitĂ€ren ZustĂ€nden entgegenzuwirken.1 Hubert Robert begleitete den fortgeschrittenen Abbruch mit Skizzen. Das Ruinöse gehörte zu seinen favorisierten Bildthemen, insbesondere nach seinem elfjĂ€hrigen Aufenthalt in Rom.2

Die – vom Betrachter aus gesehen – vordere HĂ€userreihe wurde hier bereits abgetragen, von der hinteren stehen nur noch Fragmente. Die LĂŒcken auf der linken Seite geben den Blick auf den Eingang des unterhalb gelegenen Pumpwerks frei. Direkt dahinter sind der spitze Turm der Sainte-Chapelle und die Tour de l’Horloge des alten Königspalastes, die sich auf der CitĂ©-Seite erheben, erkennbar. Unter den sechs weiten und tiefen Rundbögen fließt die grĂŒnblaue Seine. Es herrscht geschĂ€ftiges Treiben; flache Boote fahren unter den Arkaden und klobige SchiffsmĂŒhlen sind dort befestigt.

Insgesamt vier BrĂŒcken zeigt Robert auf seinem GemĂ€lde, denn flussabwĂ€rts verstecken sich hinter dem Pont au Change, der durch die Bögen des Pont Notre-Dame zu sehen ist, der Pont Neuf und danach der Pont Royal, der fĂŒr diese Komposition perspektivisch etwas nach vorne verschoben wurde. Auf dem Pont au Change waren zu dieser Zeit noch fĂŒnfstöckige, einheitliche SteinhĂ€user gebaut, die hier allerdings aufgrund kĂŒnstlerischer Überlegungen in ihrer Höhe gestreckt wurden, um den Eindruck einer geschlossenen HĂ€userkette zu erzeugen. Durch den in hellen Tönen gehaltenen Anstrich heben sich die Bauten vom dunkleren erdfarbenen Pont Notre-Dame ab.

Heutzutage erinnern nur noch GemĂ€lde und Zeichnungen an die ĂŒberbauten BrĂŒcken von Paris. An der Stelle des Pont Notre-Dame entstand im 19. Jahrhundert wĂ€hrend umfangreicher urbaner Modernisierungen unter Georges EugĂšne Haussmann ein fĂŒnfbogiger Übergang. Roberts herausragendes Werk dokumentiert vor diesem Hintergrund die denkmalpflegerischen Prozesse und urbanen UmbrĂŒche der Stadt und hĂ€lt diesen â€șfragilenâ€č Moment des Abbruchs fest. Er unterstreicht den transitorischen Charakter und die historische Dimension des Bautypus â€șĂŒberbaute BrĂŒckeâ€č. Das Leben um die BrĂŒcke herum geht seinen gewohnten Gang, ungestört von allen BautĂ€tigkeiten und VerĂ€nderungen. AM

HENDRICK CORNELISZ. VAN VLIET

Kat. 58

Inneres der Oude Kerk in Delft 1662

Öl auf Leinwand, 55,2 × 46,5 cm

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe Inv. 2453

Die Art und Weise, wie InnenrĂ€ume dargestellt werden, wandelt sich in der niederlĂ€ndischen Malerei im 17. Jahrhundert, als die sogenannten ArchitekturstĂŒcke aufkommen. Gerade sakrale Interieurs geben Aufschluss ĂŒber das neu gewonnene Interesse an der perspektivischen Darstellung rĂ€umlicher Dimensionen. Der Fluchtpunkt liegt nicht mehr auf der Mittelachse, Bauten und InnenrĂ€ume werden nicht mehr frontal portrĂ€tiert. Die malerische Darstellung eines solchen Interieurs galt in dieser Zeit als gefragtes Sujet und so zogen diese Kircheninnenraumbilder als Zeichen der Frömmigkeit in PrivathĂ€user ein. Mit diesem Bildtypus setzte sich auch Hendrick Cornelisz. van Vliet auseinander, zu dessen Hauptmotiven Innenansichten der großen Delfter Kirchen zĂ€hlen.

1 Eine zweite Version dieses Werkes, das von einem nur um wenige Meter abweichenden Standpunkt aus gemalt wurde, schuf van Vliet 1665. Sie befindet sich heute unter dem Titel Interior of the Oude Kerk in Delft im Mauritshuis in Den Haag.

2 Die geheimnisvolle MĂ€nnergestalt in Rot ist ein wiederkehrender Besucher in den sakralen InnenrĂ€umen aus dem 17. Jahrhundert. Diese Figur taucht in vielen Werken van Vliets auf und ebenso in den GemĂ€lden des NiederlĂ€nders Emanuel de Witte. Beide lernten sich wahrscheinlich um 1640 in Delft kennen. Es ist davon auszugehen, dass sie die Werke des jeweils anderen kannten. Vgl. Menno Jonker: »Hendrick van Vliet, De Oude Kerk in Delft tijdens een dienst | The Oude Kerk in Delft during a service, ca. 1658–1660«, in: Geertje Jacobs, Menno Jonker (Hrsg.), Meesterwerken uit Wenen Vlaamse en Hollandse meesters uit de GemĂ€ldegalerie en het Kupferstichkabinettvan deAkademie derbildenden KĂŒnsteWien/ Masterpieces fromVienna Flemish and Dutch masters from the Painting Galleryand Graphic Collection of the Academyof FineArtsVienna . Ausst.Kat. Het Noordbrabants Museum, Zwolle 2020, S. 120–123, hier S. 122.

Nicht unmittelbar, sondern durch einen Rundbogen blickt der Betrachter vom Marienchor in nordwestliche Richtung zum sich nach oben hin öffnenden Raum.1 Durch ein gestaffeltes und kompliziertes RaumgefĂŒge betont der Maler die Dimension der gotischen Stadtkirche. DemgegenĂŒber wirken die Figuren regelrecht winzig. SorgfĂ€ltig gibt der KĂŒnstler die Totenschilde, Epitaphe und Wappen unterschiedlicher Gilden, die an den SĂ€ulen und WĂ€nden hĂ€ngen und im Boden eingelassen sind, wieder. Im Vordergrund unterhĂ€lt sich ein TotengrĂ€ber, der auf seine Schaufel gestĂŒtzt im frischen Aushub steht, mit einem schwarz gekleideten KĂŒster oder Leichenbitter. Mehrere Hunde streunen durch den Chor. Eine wiederkehrende Figur in den Kircheninterieurs von van Vliet ist der Mann mit dem roten Mantel in RĂŒckansicht.2

Das ArchitekturstĂŒck Inneres der Oude Kerk in Delft hebt die damalige – von der heutigen Nutzung und dem gegenwĂ€rtigen VerstĂ€ndnis solcher RĂ€ume stark differierende –Funktionsweise sakraler Interieurs hervor. Sie wurden genutzt als öffentlicher Raum des gesellschaftlichen Austauschs, der sich nicht einzig auf den Gottesdienst beschrĂ€nkt, sondern fĂŒr die Abwicklung von GeschĂ€ften diente oder, um sich vor Regen zu schĂŒtzen. Dabei versĂ€umt van Vliet es nicht, den Betrachter mit der VergĂ€nglichkeit des Lebens zu konfrontieren: Das frisch ausgehobene Grab und die Totenschilde fungieren als Memento mori AM

Erhabene RĂ€ume

FRIEDRICH WEINBRENNER

Kat. 60

Das Bad des Hippias (Rekonstruktion) 1794

Tuschfeder, Pinsel in Sepia, Aquarell, Bleistift, Lavierung auf Papier, 64,8 × 71,9 cm

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Inv. PK I 483-7

1 Vgl. dazu die Datenbank https:// piranesi.kunsthalle-karlsruhe.de/de [24.10.2023], außerdem den Aufsatz von Dorit SchĂ€fer in diesem Band, S. 86–93.

2 Friedrich Weinbrenner: Worte und Werke Friedrich Weinbrenner und die Weinbrenner-Schule , hrsg. v. Johann Josef Böker, bearb. v. Ulrich Maximilian Schumann, Bd. VII, Bad Saulgau 2017, S. 139.

Kat. 61

Entwurf eines Kerkers 1793

Aquarell, Bleistift und Tusche auf Papier, 39,5 × 58,3 cm

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Inv. VIII 2811-3

AnnĂ€hernd 300 Werke von Friedrich Weinbrenner gehören zum Bestand des Kupferstichkabinetts der Staatlichen Kunsthalle. Im Jahr 2014 wurden wiederum rund 300 in zwei KlebebĂ€nden bewahrte Zeichnungen, die bis dato ihm zugeschrieben worden waren, als Werke Giovanni Battista Piranesis und seiner Werkstatt erkannt.1 Stellvertretend fĂŒr den großen Bestand an Zeichnungen und EntwĂŒrfen des Klassizisten, der in Karlsruhe stadtbildprĂ€gend als Baumeister, aber auch als engagierter DenkmalschĂŒtzer wirkte, zeigt Das Bad des Hippias (Rekonstruktion) Weinbrenners profunde Auseinandersetzung mit antiken Vorbildern.

Im Jahr 1822 dedizierte er dem Großherzog Ludwig Wilhelm August von Baden eine Abhandlung ĂŒber EntwĂŒrfe und ErgĂ€nzungen antiker GebĂ€ude: »Diese Arbeit, welche ich Euer Königlichen Hoheit ehrerbietigst ĂŒberreichen zu dĂŒrfen die Gnade habe, ist unter dem heitern Himmel Italiens entstanden, und eine Frucht meiner Bestrebungen, den Geist der Alten in ihren – wenn auch meist zerstörten – Kunstbildungen wieder zu erkennen und anschaulich zu machen. Die Architektur bedarf mehr dann irgend eine andere Kunst des milden Schutzes und der fördernden Pflege der Regenten. Ich geniesse das GlĂŒck, dem Bauwesen unter einem FĂŒrsten vorzustehen, der – in der obgleich noch kurzen Zeit seiner vĂ€terlichen Regierung – die Residenz bereits durch öffentliche GebĂ€ude verschönert hat, und dem NĂŒtzlichen und ZweckmĂ€ssigen auch die gehörige WĂŒrde zu ertheilen weiss. Ich halte es daher fĂŒr meine Pflicht, gegenwĂ€rtige Versuche zur Wiederherstellung alter Architekturwerke meinem gnĂ€digsten Landesherrn unterthĂ€nigst zu widmen. Sind es auch nur Ideen, so dĂŒrfen sie doch als fruchtbare Studien zur AusĂŒbung der Baukunst betrachtet werden, denn auch hier, wie ĂŒberall, wo Gutes und Vollendetes erzeugt werden soll, kommt es darauf an, das trefflichste in seiner Art als Muster vor Augen zu haben und ganz begreifen zu lernen.«2 In dieser Schrift zitierte Weinbrenner zunĂ€chst die von Christoph Martin Wieland ĂŒbersetzte ekphrastische Lobeshymne Lucians (von Samosata) auf das Bad des griechischen Architekten Hippias. Weinbrenners Sepiazeichnung zeigt, dass seine Kenntnis dieses funktional und Ă€sthetisch von Lucian bewunderten Bauwerks sehr viel weiter zurĂŒckreichte, denn sie stammt schon aus dem Jahr 1794 und entstand anlĂ€sslich des von 1792 bis 1797 wĂ€hrenden ItalienAufenthalts. Weinbrenner sandte diese Imagination des verlorenen Baus zusammen mit der Fantasie-Vedute einer FĂŒrstengruft – beide Innenraumdarstellungen beeindrucken durch die immense Raumtiefe und die mĂ€chtigen, kassettierten Tonnengewölbe – an

Erhabene RĂ€ume – Vedute und Studie

Kat. 60

GIUSEPPE GALLI DA BIBIENA

JOHANN

ANDREAS PFEFFEL D. Ä.

Kat. 70

Architektur mit Ecce Homo 1740

Kupferstich, 52,1 × 34,6 cm

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe Inv. 1951-697

1674–1748

1 Der Originaltitel lautet: Architetture , e Prospettive dedicate alla Maestà di Carlo Sesto Imperadorde’Romani da Giuseppe Galli Bibiena [
] Sotto la Direzione di Andrea Pfeffel MDCCXL

Im großen Format arbeitete der an der Akademie der bildenden KĂŒnste Wien ausgebildete kaiserliche Hofkupferstecher Johann Andreas Pfeffel mit Vorliebe. Im tatsĂ€chlich gigantischen Format wirkte jedoch sein Kollege, der Maler, Zeichner, Architekt und kaiserliche Hoftheater-Ingenieur Giuseppe Galli da Bibiena, Spross einer Familie, der schließlich 13 KĂŒnstler angehörten.

Der stattliche Kupferstich Architektur mit Ecce Homo, der weniger dem Heiland als der ihn umgebenden Architektur einen buchstĂ€blich ĂŒberwĂ€ltigenden Auftritt verschafft, geht auf eine Vorlage Bibienas zurĂŒck. Pfeffel fĂŒhrte ihn 1740 in Augsburg aus, wohin er 1711 ĂŒbergesiedelt war, um eine Kunsthandlung und einen Kunstverlag zu grĂŒnden. Die klar strukturierte und brillant gestochene Komposition gehört zu einer Mappe mit 50 Kupferstichen nach BĂŒhnen-, Architektur- und Dekorations-EntwĂŒrfen Bibienas. Sie ist Kaiser Karl VI. gewidmet.1 Bibiena schuf in Wien – spĂ€ter in MĂŒnchen, Linz, Prag und Dresden – prachtvoll-spĂ€tbarocke Theaterkulissen, wahre Illusionsmaschinen. Er erfand die Übereckstellung der BĂŒhnenbauten und operierte mit der sogenannten Winkelperspektive, also der Darstellung des BĂŒhnenraums mit zwei statt nur einem zentralperspektivischen Fluchtpunkt [Abb. 1]. Dieses Konstruktionsprinzip liegt auch der monumentalen Kulisse zugrunde, die Bibiena – und mit ihm Pfeffel – fĂŒr jenen Augenblick der Passionsgeschichte entwirft, in dem Christi Schicksal durch Pilatus und das Volk, das seine Hinrichtung verlangt, besiegelt wird. Christus, von manieristisch krĂ€ftiger, ja athletischer Statur, wird gefesselt aus dem Palast des Statthalters, der oben an der monumentalen Treppe steht, abgefĂŒhrt. Soldaten und Schergen umringen den Gefangenen. Das Volk ist tumultartig herangedrĂ€ngt, um dem Spektakel zu folgen, wĂ€hrend am linken Bildrand schon mehrere MĂ€nner das mĂ€chtige Kreuz heranschleppen.

Die teils in starken Torsionen gezeigten Figuren agieren in dieser Kulisse als emotionssteigernde Beobachter, als personale VerstĂ€rker der die gesamte Komposition beherrschenden formalen und narrativen Eskalation. Auch wenn Christus hier der ErfĂŒllung seines Schicksals entgegengeht, wird er ĂŒberhöht, geschieht dies vor der Folie einer majestĂ€tisch lichtdurchfluteten, himmelstĂŒrmenden Triumphbogen-Architektur sakralen Ausmaßes. Der Blick kann tief in den Bildraum vordringen. ZusĂ€tzlich ĂŒberkrönt wird diese dreigeschossige, mit dramatisch vervielfĂ€ltigten Vertikalelementen ausstaffierte Architektur mit einem Baldachin, dessen Dach außerhalb des Blattformats liegt. Er erinnert unter anderem an Hochaltarziborien und fĂŒgt dem Bauwerk damit eine weitere Schmuck- und Bedeutungsform hinzu. Dass Bibienas komplexe Anlage an die Carceri Giovanni Battista Piranesis mit ihren Raumverschleifungen erinnert [Kat. 25], ist kein

Schauplatz Raum – Architektur und BĂŒhne

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