Bauen fĂźr Demenz Christoph Metzger
Vorwort 7 Architektur neu denken Phänomene Bewegungen im Raum Fenster als Versprechen Schlaf und Erinnerung
Lebenswege und Pfade
10 11 16 18 21
22
Wege 23 Material 25 Bilder 25 Heimat 26 Kindheit 27 Gehen 29
Körper in Bewegung – Stimulanzen
32
Schwimmen 32 Körper 33 Bewegung 34
Alter und Orientierung
38
Wiedererkennen 38 Erinnerungsarbeit 39 Zauberberg 40 Orientierung 41 Raumplanung 43 Altersforschung 44
Kognitive Kompetenzen
46
Grade der Ähnlichkeit 46 Komplexität – Reduktion 48 Kompensation als Leistung 50 Gestalt und Abstraktion 50 Kognition im Wandel 51 Gemeinschaft der Sinne 51 Demenz und Wahrnehmung 53 Raumwahrnehmung 55 Gestalttheorie und Raumwahrnehmung 56 Perspektive und Farbe 56 Multisensorische Räume 57
Lokalisation akustischer Ereignisse im Raum
58
Schallrichtung 60 Leben ohne akustische Orientierung 61 Raum bietet Orientierung 62 Orientierung im Raum 64 Gestalt und Muster des Hörens im Raum 65 Störungen des Hörens 67 Signalerkennen im Feld des Rauschens 68 Kognitives Training 69 Gedächtnis − Erinnern − Handeln 72 Gedächtnis 72 Erinnern 73 Handeln 73
Formen des Altenwohnens Entwicklung der Pflegeeinrichtungen Grundlagen
74 76 77
Vorläufer und erste Generation Zweite Generation Dritte Generation Vierte Generation Fünfte Generation Zukunftsorientierte Kommunalpolitik und sechste Generation
Multisensorische Architektur
78 78 79 79 80 80
82
Situation 82 Wohnformen – Infrastruktur – Gebäudetypen 84 Intuitive Lesbarkeit 84 Wohnkomfort 85 Bauliche und materiale Qualität 85 Altersbedingte Veränderungen der Wahrnehmung 86 Sehen 86 Hören – Verstehen – Kommunizieren 86 Hören im Hirn 87 Aktivierung des Lernpotenzials durch Training und Plastizität des Gehirns 88 Fühlen und Tasten 89 Taktile Attraktionen 89 Riechen und Schmecken 90
Assistenzsysteme und Smart Home
92
Systeme 94 Gebäudetechnik 96 Serviceleistungen 97 Sicherheit im Alter 98 Notfallsysteme 100
Privatsphäre und Öffentlichkeit Haus und Raum Haus als urbanes Zentrum Tisch, Bett und Stuhl Fenster und Türen Lebenswelten im Wandel Haus als Heimat
Inklusion oder Exklusion Sichtachsen und Angebote Standort und Planung Zentrum und Kreise Peripherie als Chance Politisches Verständnis
Ausblick auf eine Architektur der Zukunft
102 102 106 109 111 115 117
120 120 123 126 126 127
128
Rettungsanker 132 Topo-Analyse 138 Navigieren 139 Bewegung und Neuroplastizität 140 Körperliches Erleben akustischer Ereignisse 142
Nachwort 149 Literatur 150 Anmerkungen 152 Bildlegende/Bildnachweis 157 Impressum 159
Vorwort
Bauen für Demenz entstand als Fortsetzung der an der BTU Cottbus verfassten Schrift Architektur und Resonanz. Zahlreiche Impulse haben meine Sicht auf Phänomene der Architektur sowie die Wahrnehmung ihrer sensorischen Qualitäten seither immer wieder verändert. Körper von Gebäuden habe ich als Ensemble zu interpretieren gelernt, auf die der Mensch mit seinem eigenen körperlichen Sensorium reagiert. Schwingungsfähige und angeregte Körper waren mir dabei bislang eher aus der Praxis der Musik sowie der Klangkunst bekannt. Diese noch junge Gattung der Kunst wird an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig seit 2004 durch Ulrich Eller auf international anspruchsvollem Niveau gelehrt. Seit 2006 erforschen wir gemeinsam in Theorie und Praxis das Feld. Die hieraus entwickelten Projekte der Klangkunst beziehen sich auf architektonische Räume und Landschaften. An historischen Orten − wie Kirchen, Klosteranlagen, alten Fabrikgebäuden, Museen und einer Bootswerft bei Usedom, wo noch vorwiegend Holz verarbeitet wird – haben wir zahlreiche Projekte durchgeführt. Regelmäßige Exkursionen zur Architekturbiennale Venedig haben Konzepte mit Klang im Raum angeregt, die schließlich zu Erfahrungen mit multisensorischen Eigenschaften von Räumen geführt haben. Wir gehen mit diesen sensuellen Erfahrungen über eine Praxis hinaus, die sich dem Hören, Sehen oder Schmecken in Traditionen monosensorischer Kultur nähert. Heute wissen wir mehr über die Räume, die uns umgeben, prägen und sensorisch beeinflussen. Zu behaupten, wir hätten beide, von der Gitarre kommend, über die Klangkunst neue Wege in die Architektur gefunden, trifft die Sache vielleicht am besten. So wie Musiker auf ihren Instrumenten eine VORWORT
7
Architektur neu denken
Dieses Buch ist das Ergebnis einer Suche nach einem neuen Denken von Architektur. Es geht um Bauwerke und die durch sie angelegten Räume der Bewegung. Nicht nur, aber vor allem für eine alternde Gesellschaft. Die Recherchen zum Thema haben mein Denken über das Leben im Alter und die in dieser Lebensphase zunehmend notwendig werdenden körperlichen Tätigkeiten und Bewegungen drastisch verändert. Denken in Architektur bedeutet ein Sich-einrichten-Können in einer Umgebung mit bergenden Räumen, um im leiblichen Wohnen zu Hause zu sein.1 Die hier zum Tragen kommende Metaphorik ist in wesentlichen Teilen einer Phänomenologie des Körpers verpflichtet und überträgt diese auf die Architektur. In Erweiterung bestehender Entwürfe wird Bewegung als zentrales Motiv eingeführt. Zunächst aber werden Geborgenheit und Wohnen als Einheit gedacht. Es wird im Verlauf aufgezeigt, dass altersgerechte Formen des Wohnens anfangs nur einen unwesentlich höheren finanziellen Aufwand erfordern, der berechtigt ist. Gute Architektur erhält nicht nur im Alter die Gesundheit. Sie rechnet sich in allen Bereichen, immer vorausgesetzt, dass Bewegung durch die Anlage des Gebäudes in dessen Innen- wie Außenbereichen gefördert wird und die 10
Motivation über lange Zeiträume erhalten bleibt. Auf der Suche nach einem Haus des Altenwohnens in Vals, Graubünden, dem Ort, der in der Welt der Architekten durch Peter Zumthors Felsentherme bekannt ist, wurde meiner Frage nach dem Altenhaus nur mit Kopfschütteln begegnet. Die Menschen im Ort bleiben bis zu ihrem Lebensende in ihren Häusern mit den Nutzgärten. Ein in den 1990er Jahren errichtetes Haus für die Alten steht fast leer. Es besteht kein Bedarf. Das Bild der Alten in Vals begleitet mich, es deutet Grundlagen guten Wohnens an, die in Ansätzen und mit Modifikationen auch in urbanen Regionen realisierbar sind.
Phänomene Mein Plädoyer gilt einem radikalen Wandel, einem grundlegend neuen Verständnis des Altenwohnens, das aktuell noch dazu angelegt ist, Bewegung im Haus und dessen Umgebung eher zu verhindern anstatt zu fördern. ARCHITEKTUR NEU DENKEN
11
Lebenswege und Pfade
Zu schreiben beginne ich, lange nachdem ich gelernt habe zu laufen. Wird im Alter der Gang unsicher, kann dies, nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen, als Anzeichen einer sich ankündigenden Demenz diagnostiziert werden. Es gilt sofort zu handeln und dem Zerfall von Kompetenzen entgegenzuwirken. Gehen bedeutet selbstständig zu sein und zu bleiben. Das Gehen gilt es zu erhalten und zu fördern. Gehen ist mir seit nunmehr zwei Jahren zum wichtigsten Ritual des Tages geworden, ich fühle mich sehr wohl in meinem Körper. Die Gelenke sind elastischer als früher, der Gang ist fester. Wenn ich am frühen Morgen mit unserer Mopsdame Riva kurz nach Sonnenaufgang meine erste von drei Runden am Tag um den Lietzensee in Berlin-Charlottenburg drehe, kommen meist die Gedanken, die mich über den Tag begleiten. Das Gehen stimmt mich in den Tag ein. Es gibt kein schlechtes Wetter. Nicht in der Stadt und erst recht nicht auf dem Land. Die Schuhe stimmen. Im Freien ist mir jede Art von Wetter vertraut und zur willkommenen Gegenwart der Jahreszeit geworden. Gehen macht glücklich, wenn ich nach Hause komme, duftet es nach frischem Kaffee und Brötchen. Ein gesundes und schönes Leben. Dank an die Familie, dass ich dies mit auf den Weg bekommen habe. Ist das Gehirn mit den vitalen Funktionen versorgt, so sind intellektuelle und motorische Abläufe schon so gut wie gesichert. Denke ich darüber nach, so führe ich scheinbar unbewusst und selbstverständlich fort, was sich im Laufe meines Lebens an Erfahrungen angesammelt hat. 22
Wege Ich kenne meine Lebenswege und Pfade. Sie führen mich in die Grundmotive des Themas Bauen für Demenz. Gute Architektur ist einfach. Doch das Einfache ist in unserer Zeit in Vergessenheit geraten. Das Einfache gilt es zurückzuerobern. Einfache, gute Architektur ist nicht nur für ältere Menschen den Prinzipien der Bewegung und der Ansprache aller Sinne verpflichtet. Gute Architektur integriert heute von Anfang an technische Hilfssysteme, die das Leben der Älteren erleichtern. Hierin ist die Automobilindustrie mit ihren Systemen der Vernetzung der Vorreiter. Was dort gerade zum Standard reift, führt uns in die Selbstverständlichkeit der Zukunft ein, wo wir eine Vielzahl von Serviceleistungen nutzen werden. Smart Home ist heute vielleicht noch ein Luxus, den wir uns aber jetzt schon leisten sollten. Mir geht es in Bauen für Demenz um Verbindungen von multisensorisch stimulierenden Räumen und Raumfolgen, die Orientierung fördern und dabei auch gleichzeitig auf eine diskrete Art Sicherheit bieten. Architektur in zeitgenössischer Ausgestaltung ihrer Parameter schafft für Menschen im Alter und solchen mit ersten Anzeichen von Demenz die lebensnotwendig gewordenen Voraussetzungen für ein langes und eigenbestimmtes Leben. Sicherheit und Geborgenheit bilden daher die Leitmotive meiner Abhandlung; sie entstand als Fortsetzung des Beitrages Multisensorische Räume LEBENSWEGE UND PFADE
23
Körper in Bewegung – Stimulanzen
Gehen und Schwimmen verbinde ich mit der Erfahrung, den Mittelpunkt des eigenen Körpers kennenzulernen. Oft freue ich mich über die strahlenden Gesichter von Kindern, wenn sie das Glück des aufrechten Gangs für sich erobern und stolpernd anfangen zu rennen, um zu fallen und immer wieder aufzustehen.
Schwimmen Schwimmen mit meiner liebsten Freundin, die mir bis heute treu geblieben ist. Heute nicht mehr vorhanden, stand in den 1980er Jahren in Frankfurt in der Eschersheimer Anlage, direkt hinter der Alten Oper ein in die Jahre gekommenes, aber lichtdurchflutetes Hallenbad. Man blickte beim Schwimmen mitten in der Stadt in die Laubbäume der angrenzenden Parks. Hier habe ich meiner Freundin das Kraulen beigebracht. Ihren schlanken und eleganten Körper durfte ich führen. Mit meiner rechten Hand konnte ich sie im Gleichgewicht halten. Es war wie der Stapellauf einer englischen Segeljacht. Sie kraulte das erste Mal in ihrem Leben und hat mir das Geschenk des bleibenden Bildes gemacht. Im Wasser zu liegen, scheint den Körper schwerelos zu machen, und es ist das ursprünglich-natürliche Schweben wie im Leib der Mutter, das uns in allen Lebensphasen im Wasser leicht wie Vögel in der Luft macht. Kaum vorstellbar, dass es Menschen gibt, die nie gelernt haben zu schwimmen, ihnen bleibt vieles vorenthalten. Lesen und Schwimmen sollten zu Grundrechten des Menschen erklärt werden. 32
Körper Ich entdecke in letzter Zeit immer mehr Körper, die menschlichen Körpern nachempfunden sind. Modellsegler erscheinen mir heute wie jugendlich athletische Menschen, die vom Sprungturm im Schwimmbad ihre Figuren im freien Fall ausführen. Ebenso erinnert mich ein wunderbarer hölzerner Bootskörper wie der jenes englischen Seefahrtkreuzers aus den 1930er Jahren, der zur Renovierung in der Bootswerft in Freest, Kröslin an der Peenemündung liegt, an einen auf den Rücken gedrehten Menschen, der auf einem Operationstisch liegt. Der geöffnete Körper scheint auf sein nächstes Leben zu warten. Die einzelnen Holme, Spanten und Planken ähneln dem Skelett des Menschen. Ich sehe Rippen und die Wirbelsäule, das Bild erschreckt mich. Den Mittelpunkt des Körpers, der gleichzeitig seinen Schwerpunkt ausmacht, bildet die Stelle, wo der Mastfuß des Mastbaumes eingelassen ist. Eine vernutete Steckverbindung. Das Schiff nimmt den Mast auf. Hier wirken fortan die stärksten Kräfte, besondere Stabilität ist gefordert. Parallelen zur Kapelle des Heiligen Benedikts von Peter Zumthor in Graubünden drängen sich auf: KÖRPER IN BEWEGUNG – STIMULANZEN
33
Alter und Orientierung
Wiedererkennen Erinnerung und Gegenwart von Bildern sind wesentliche Bestandteile, um sich in der Welt zu orientieren. In sämtlichen Lebensphasen sind wir auf Rückbezüge zu bereits erlernten Abläufen angewiesen. Wir erkennen Muster und Gestalten; die damit verbundenen Eigenschaften lassen uns bis zu einem gewissen Grad intuitiv handeln. Das Wiedererkennen betrifft die gesamte Palette sinnlich wahrnehmbarer Momente, dies kann der Klang einer vertrauten Stimme, es können Schritte auf den Stufen eines Treppenhauses, der Geschmack einer Speise oder auch der Geruch einer Wohnung sein, die uns zur Heimat geworden ist. Vertrautes lädt uns ein, Neuem begegnen wir mit kritischer Distanz. Herantreten oder wegtreten, hineinhören oder sich abwenden. Jedes Interesse führt automatisch zur Veränderung der Körperhaltung, die Teil der Haltung zu den Dingen und damit der Orientierung und Vorbereitung von Handlungen ist. Die Besonderheit von Handlungen liegt in der wachsenden Bedeutung, die sie im Kontext von Räumen als zielgerichtete Bewegungen erkennen lassen. Körper und Geist wirken immer gemeinsam und sind nicht voneinander getrennt zu behandeln. Motorische Abläufe und geistige Gegenwart arbeiten, gut sichtbar vor allem bei kleinen Kindern, zusammen und bestimmen Bewegungen und Handlungen als ein komplexes System, das bis ins hohe Alter besteht. Gut funktionierende Bewegungsabläufe lassen Rückschlüsse auf eine gesunde Entwicklung des Menschen und eine allgemeine gute Verfassung zu. Bewegung ist dabei zu verstehen als 38
die sichere Bewältigung von Abläufen und das Zurücklegen konkreter Strecken in einer bestimmten Zeit. Die Zeit, die wir von der Ausführung einfacher Handlungen bis zu komplexen Bewegungen benötigen, spiegelt damit auch einen Teil unserer persönlichen Konditionierung. Wir erinnern uns gerne und regelmäßig an die Bewegungen unseres Körpers, die wir als Kinder und Jugendliche springend, laufend oder schwimmend wie selbstverständlich erlebt haben.
Erinnerungsarbeit Erinnerungsarbeit und biografische Selbstvergewisserung sichern das Wissen um jede persönliche Identität. Was uns mit zunehmendem Alter von den Kindern unterscheidet, ist die schwindende Sorglosigkeit und Selbstgewissheit. Unser Körper verändert sich während des gesamten Lebens und damit auch unsere Sorge um ihn, die sich in den Maßnahmen äußert, die wir ergreifen oder die ergriffen werden, um unsere Gesundheit zu erhalten. Insbesondere der alternde Mensch macht uns anschaulich, wie sehr doch seine Bewegungen und die Sicherheit an Abläufe der Zeit gebunden sind. Was im Bereich kindlicher Entwicklung − Motorik und Kognition − gut erforscht ist, gewinnt im Bereich der Altenforschung erst langsam an Bedeutung. Ritualisierten täglichen Handlungen, die mit Bewegung verbunden sind, gilt fortan ALTER UND ORIENTIERUNG
39
ein besonderes Interesse. Altersbedingt verändern sich funktionale Abläufe des Menschen. Ein zentrales Thema, das in der Planung spezifischer Raumangebote und deren sensorischen Anforderungen auf die kognitiven Kompetenzen der Bewohner hin ausgerichtet werden sollte. Interdisziplinäre Ansätze sind gefordert. Diese Teilbereiche, die in ein altersoptimiertes Raumangebot und eine geborgene Lebenswelt münden, sind zwischen Philosophie, Kognitionswissenschaft, Psychologie und Medizin angesiedelt und sie reichen auch in die Künste hinein. Während unseres gesamten Lebens lernen und erinnern wir dies in unseren Bildern. Im Alter gewinnen diese Bilder zunehmend an Bedeutung. Wir speichern und erinnern Bilder, die letztlich in Sprache beschrieben und kommuniziert werden. Kunst und Literatur kommt dann eine besondere Rolle zu, wenn Räume und Wege als Orte einer künstlerischen Inszenierung erscheinen, die mit eigenen Erfahrungen verbunden werden.
Zauberberg Ein Beispiel: Lese ich eine Passage aus Thomas Manns Roman Der Zauberberg, etwa die Seiten, die ausführlich dem Aufkommen, Entfalten und Abklingen des Schneesturms gewidmet sind,57 so tauche ich als Leser in die Bilderwelt ein und assoziiere eine mir bekannte Berglandschaft im Schnee in Verbindung mit den Schilderungen der Details, die, je nach dem Raum, den ihnen der Autor gibt, und seinen Ausführungen für mein Bild prägend werden. „Statt der Sonne jedoch gab es Schnee, Schnee in Massen, so kolossal viel Schnee, wie Hans Castorp in seinem Leben noch nie gesehen. Der vorige Winter hatte es in dieser Richtung nicht fehlen lassen, doch waren seine Leis40
tungen schwächlich gewesen im Vergleich mit denen des diesjährigen. Sie waren monströs und maßlos, erfüllten das Gemüt mit dem Bewusstsein der Abenteuerlichkeit und Exzentrizität dieser Sphäre. Es schneite Tag für Tag und die Nächte hindurch, dünn oder im dichten Gestöber, aber es schneite. Die wenigen gangbar gehaltenen Wege schienen hohlwegartig, mit übermannshohen Schneewänden an beiden Seiten, die in ihrem körnig kristallischem Geflimmer angenehm zu sehen waren und den Berggästen zum Schreiben und Zeichnen dienten, zur Übermittlung von allerlei Nachrichten, Scherzworten und Anzüglichkeiten.“58 Im Zentrum steht − wie eine Ausführung zu den Gesetzen der Gestalttheorie − die Auflösung von Konturen einer Landschaft, die sich im Verlauf als eine eisige Nebelwelt darstellt. Ich, der Leser, projiziere hierbei Bilder, die Teil meiner literarisch ausgelösten Bilderwelt werden. Das Aufscheinen und Verschwinden von Gestalten und Konturen gibt dieser Szene eine Bedeutung, die als eine allgemeine Suche nach Mustern, die erkannt werden müssen, verstanden werden kann. Die Pointe: Wo keine Strukturen mehr vorhanden sind, beginnen die Einschreibungen.
Orientierung Unsere Orientierung und Bewegung in realen und künstlerisch geschaffenen Räumen sind so bedeutsam, dass sich aus Sicht einer Philosophie der Kognition daraus sogar das Wesen unseres Körperbewusstseins entwickelt. Dies hat zur Folge, dass die Bewegungen im Raum und des-
ALTER UND ORIENTIERUNG
41
Kognitive Kompetenzen
Das Empfangen und Verarbeiten sinnlicher Reize sowie deren handlungsorientierte kognitive Bearbeitung prägen unser tägliches Leben in sämtlichen Bereichen. Je mehr Stimulanzien wir gleichzeitig ausgesetzt sind, desto höher sind die Anforderungen an die kognitiven Leistungen und die Kompensation. Je einfacher Situationen zu erkennen sind, desto weniger Energie wird benötigt, um diesen mit angemessenen Handlungen zu begegnen. Rudolf Arnheims Analyse visueller Gesetzmäßigkeiten (1954) betont die Bedeutung gestaltbildender Kompetenzen und verknüpft sie mit dem Begriff der Abstraktionsstufen; dieser theoretische Ansatz ist geeignet, die Gesetzmäßigkeiten kognitiver Einschränkungen insgesamt besser zu verstehen, um damit Vorgaben zu gewinnen, die Planungsrelevanz haben.
Grade der Ähnlichkeit Anschaulich wird der Übergang von Ansätzen der Gestalttheorie in die architektonische Planung anhand eines Vorgangs aus der bildenden Kunst. Dabei zeigen sich Ähnlichkeiten in den Abläufen der Abstraktion, die Produktion und auch Perzeption aus zwei Perspektiven vergleichbar erscheinen lassen. Kunstschaffende und Kunstverstehen werden thematisiert. Offensichtlich gibt es Parallelen zwischen dem Weg zum Erfassen des auf die Leinwand gebrachten abstrakten Gebildes und dem täglichen Erkennen von Dingen auf größere Distanz. Je entfernter ein Objekt erscheint, desto höher ist der Grad an Kompensationsleistungen, die ein Beobachter zu erbringen 46
hat, um das Objekt zu identifizieren. Das Bild entsteht immer erst durch den Betrachter und dessen Sichtweise. Hierin deutet sich eine Art funktionaler Logik an, die das Bewusstsein von Etwas und dessen Bild als eine logische Relation deutet; eine Übertragung auf die Architektur bietet sich an. Wird eine Situation identifiziert, lassen sich daraus Handlungen ableiten. So erklärt sich die Feststellung, dass das „Bewußtsein, wenn es einmal durch einen besonderen Umstand von seiner üblichen Bindung an die Vielfältigkeit der Natur loskommt, Formen der Übereinstimmung mit den Tendenzen gruppiert, die seine eigene Funktionsweise bestimmen. Vieles deutet darauf hin, dass die vorrangige Tendenz, die hier am Werk ist, eine Tendenz zur einfachsten Struktur ist, das heißt zur regelmäßigsten, symmetrischsten, geometrischsten Form, die unter den gegebenen Umständen erreichbar ist.“71 Kulturgeschichtlich spiegelt sich dies, so Arnheim, besonders in sakraler Architektur und Bildgestaltungen in symmetrischen Formen. „Die Symmetrie der Komposition verkörpert die Stabilität der von der Kirche geschaffenen historischen Ordnung. Elementare Posen und Gesten schalten alles Zufällige und Vergängliche aus und betonen die ewige Gültigkeit.“72 Damit werden natürlich bedingte Gesetzmäßigkeiten der Kognition als dogmatische Wahrheiten in die Welt der Bilder und der Architektur aufgenommen und überhöht. Symmetrie, als eine Setzung quasi natürlicher Ortung, lässt sich in allen Formen der KOGNITIVE KOMPETENZEN
47
Lokalisation akustischer Ereignisse im Raum
„An einem Tag, als die Fenster offenstanden, spielte Christian Wolff eines seiner Stücke auf dem Klavier. Verkehrsgeräusche, Schiffssirenen hörte man nicht nur in den Pausen, sondern, da sie lauter waren, besser als die Töne des Klaviers. Nachher bat einer Christian Wolff, das Stück bei geschlossenen Fenstern zu wiederholen. Christian Wolff meinte, gerne würde er das tun, doch wäre es eigentlich nicht nötig, da doch die Klänge der Umgebung durchaus nicht jene der Musik unterbrächen.“102 Was im New York City der frühen 1970er Jahre auf dem Feld zeitgenössischer Komposition als Frage eines Verhältnisses gestalteter und zufälliger Ereignisse angedeutet wird, trifft den Kern jenes Problems, das mit der akustischen Fokussierung diskutiert wird. Wenn es um die Beschreibung von Phänomenen der Aufmerksamkeit geht, entscheidet der hörende Mensch, wie detailliert er das Ereignis erfasst. Die akustische Umwelt ist weitaus komplexer, als sie sich in der Beschreibung von Schallphänomenen und deren Benennung darstellt. Da wir meist gefordert sind, aus mehrfach sich überlagernden Ereignissen auszuwählen, nämlich das, was wir hören müssen und wollen, sind im Akt des Hörens wiederum Erinnern, Hören und Erwartungen simultan zu leisten. Nicht nur die Beschreibung dieser Haltung zum akustischen Ereignis gestaltet sich als komplexer Vorgang, auch die Schallereignisse selbst breiten sich in Abhängigkeit ihrer Frequenzen und Dynamik im Raum aus und müssen als Prozess beschrieben werden. 58
Grundsätzlich werden Bewegungen im Raum neben der visuellen Ortung von der Gestalttheorie als akustische Ereignisse und Abläufe klassifiziert, die als Reiz und Reaktion in der Literatur mit unterschiedlich gelagerten Interessen ausgewiesen sind. Gemeinsam sind den Besprechungen, dass Vorgänge akustischer Lokalisation als physikalische Abläufe und kognitive Prozesse erkannt werden, die jeweils abhängig sind von baulichen Voraussetzungen sowie Aufnahme und Perzeption des Schalls. Eine Kette zusammenwirkender Faktoren lässt sich aufstellen, die vom Empfang, vom Beurteilen eines sensorischen Ereignisses bis zu dessen Funktion und Identifikation reicht. Bereits Erkennen und Benennen einer Schallquelle sind abhängig von der Anzahl akustischer Signale sowie deren Zusammenspiel und Überlagerung. Ereignisse und Dichte der Impulse sowie deren Eigenschaften erfordern unterschiedliche Konditionierungen. Dabei lassen sich Wahrnehmen und Begreifen von Ereignissen und Dingen als ein zeitlich weitgefasster Prozess beschreiben, dessen Spezifizierung im Laufe des Lebens vielen Variablen ausgesetzt ist. Somit beruht bereits die vermeintlich einfache Identifikation sensorischer Ereignisse – wie die Identifikation akustischer Ereignisse im LOKALISATION AKUSTISCHER EREIGNISSE IM RAUM
59
Formen des Altenwohnens
Veränderungen der Wohnformen für ältere Menschen entsprechen zu weiten Teilen dem Wandel der Lebenswelten, der seit den 1950er Jahren deutlich wird. Bedingt durch Phasen der Anpassung der Altenwohnformen an strukturelle Voraussetzungen aktueller Lebensformen lassen sich bislang fünf Generationen des Altenwohnens unterscheiden, die sich in Plänen, Ausstattungen, Technik der Gebäude sowie der Palette der Pflege- und Dienstleistungsangebote finden und benennen lassen. Diese Entwicklung, betrachtet als eine Chronologie, reicht vom Schlafsaal über individuelle Wohnformen mit Betreuung bis hin zum Wohnen mit umfassender Integration von Serviceleistungen im privaten Bereich. Handelt es sich zunächst noch um Einrichtungen, die ausschließlich für ältere Personengruppen erstellt wurden, und betraf dies vor allem das Wohnen in urbanen Regionen, so nähern sich Ausstattungen des Altenwohnens in der Peripherie langsam urbanen Standards an. Während in ländlichen Gebieten das Wohnen der Älteren, statistisch betrachtet, noch vorwiegend im familiären Kreis organisiert wird, erfordert in urbanen Regionen die steigende Zahl der Einpersonenhaushalte ein Umdenken. Städten bleibt wegen zunehmender Verdichtungen und steigender Grundstückspreise oft keine andere Wahl, als ihre älteren Bürger vermehrt in weniger attraktiven Lagen anzusiedeln; dabei besteht die Gefahr der Abschiebung und Verdrängung aus dem öffentlichen Leben. Bei der Planung und Verwaltung des Altenwohnens dominieren meist wirtschaftliche Kriterien. Alternativen dazu, die den Alten ein wohlverdientes Leben in Gemeinschaft 74
ermöglichen, müssen von den Bürgern selbst eingefordert werden. Doch diese Prozesse lassen sich nur bruchstückhaft zusammenfügen. Obwohl sich in Bezug auf die Anpassung von Wohnformen und städtebaulichen Strukturen für ältere Menschen durchaus eine Entwicklung nachzeichnen lässt, die auch mit einem Bewusstseinswandel der Gesellschaft verbunden ist, existieren noch heute, wie die Analysen zeigen, Wohnanlagen in verschiedenen Ausprägungen nebeneinander. Es fehlt in diesem Feld eine sichtbare Dynamik, der politische Wille zur Umsetzung. Nach wie vor werden die Alten in unserer Gesellschaft vernachlässigt und an den Rand der gesellschaftlichen Öffentlichkeit gedrängt. Was sich in den Wohnformen darstellt, betrifft auch die Formen des Umgangs. Ohne tägliche Ansprache vereinsamen Menschen aller Altersgruppen, Vitalitätsverlust und Depressionen sind die Folge, unabhängig von architektonischer Qualität und Standort der Häuser. In einer Welt, in der die Geschwindigkeiten der Datenströme täglich zunehmen und die damit verbundenen kognitiven Leistungen nicht nur ältere Menschen schnell überfordern, lohnt es sich, Gespräch und Zuwendung als Qualitäten des Lebens wiederzuentdecken. Die Metapher vom Gespräch als geistige Nahrung gewinnt an Bedeutung im doppelten Sinn des Wortes, wenn wir älter werden.151 FORMEN DES ALTENWOHNENS
75
Multisensorische Architektur
Situation Die World Health Organisation verzeichnet für das Jahr 2010 36,6 Millionen an Demenz erkrankter Menschen, deren Zahl bis in das Jahr 2030 voraussichtlich pro Jahr um 7,7 Millionen auf 154 Millionen ansteigen wird. Überproportional davon betroffen sind LMIC-Staaten, dies sind Staaten, deren Bevölkerung niedrige und mittlere Einkommen hat. In Deutschland sind in der Altersgruppe der 85- bis 89-Jährigen 260.000 (23,9 Prozent) sowie in der Altersgruppe der ab 90-Jährigen 177.000 Menschen (35,6 Prozent) betroffen.161 Etwa ein Viertel der über 65-jährigen Bevölkerung leidet gegenwärtig unter einer psychischen oder seelischen Störung, die unter anderem aus der Beeinträchtigung der Wahrnehmung resultiert. Als Folge gehen Erlebnisfähigkeit und soziale Kontakte zurück. Davon sind sechs bis zehn Prozent einer schweren Demenz und schweren funktionellen Psychosen zuzuordnen. Da die Prävalenz – das Krankheitsvorkommen – mit dem Alter stark zunimmt, rückt die Krankheit vor dem Hintergrund der Bevölkerungsalterung in den Fokus des gesellschaftlichen Interesses. Eine neue Studie des Rostocker Zentrums zur Erforschung des demografischen Wandels und des Deutschen Zent rums für neurodegenerative Erkrankungen geht der Frage nach, wie stark die Anzahl der Demenzpatienten steigen wird. In Deutschland leben gegenwärtig etwa 1,2 Millionen Menschen mit einer mittelschweren bzw. schweren Demenz. Da künftig die Zahl der älteren Menschen in Deutschland 82
MULTISENSORISCHE ARCHITEKTUR
83
Assistenzsysteme und Smart Home
In verschiedenen Phasen unseres Lebens ändern sich die Ansprüche an funktionale Voraussetzungen, nicht nur an die architektonische Umgebung. Unsere Wohnungen sollten für ältere Menschen mehr anbieten, als bisher möglich schien. Wie bereits in jungen Jahren, so leben wir auch im Alter idealerweise im ständigen Austausch mit unserer Umgebung. Wir sind Teil einer sich verändernden Gemeinschaft, von der zu hoffen ist, dass sie sich auf veränderte kognitive Leistungsfähigkeit und zunehmend eingeschränkte sensorische Kompetenz ihrer Mitglieder einzustellen vermag. Auch die emotionale Balance kann im Alter an Stabilität verlieren, wenn die Kontakte weniger werden. Ältere Menschen sind auf jeden Fall schutzbedürftig. Sie sind Teil einer insgesamt alternden Gesellschaft. Mit dem Rückgang der Geschwindigkeit bei der Aufnahme, Verarbeitung und Planung kognitiver und motorischer Handlungen werden wir täglich in allen Lebensbereichen konfrontiert. Alt werden heißt, auch langsam werden zu dürfen. Was uns schnell erscheinen mag, ist für andere langsam. Und umgekehrt. 92
Der alternde Mensch ist zunehmend auf Regeln angewiesen, die sich oft in täglichen Ritualen festigen; wie schon Kinder durch die ständige Wiederholung des scheinbar Gleichen lernen. Abläufe prägen sich ein, älteren Menschen hilft die Regelmäßigkeit, um sich leichter in geordneten Tagesabläufen einzufinden. Besonders, wenn sie sich in einer neuen Umgebung einrichten müssen. Rituale vermitteln Sicherheit. Solche wiederkehrenden Bilder sind auch mit den Jahreszeiten verbunden, die durch die Färbungen des Lichts, das Klima und damit assoziierte Aromen unmittelbar das sensorische Zentrum ansprechen, das für unser Wohlbefinden zuständig ist. Übergänge von der Wohnung in die Öffentlichkeit, die für uns selbstverständlich und noch mühelos beherrscht werden, helfen selbstständig zu bleiben; diese Schwellen gilt es zu bewahren sowie alle damit verbundenen Barrieren so niedrig wie überhaupt nur machbar zu gestalten. ASSISTENZSYSTEME UND SMART HOME
93
Privatsphäre und Öffentlichkeit
Haus und Raum Das Verhältnis des Menschen zu seiner Umgebung lässt sich über konkrete Typologien der Bewegung in den Räumen bestimmen. Kreise mit unterschiedlichem Durchmesser werden mit dem Alter assoziiert. In früher Kindheit wachsen sie, reifen im Erwachsenenalter aus, um dann im Alter wieder merklich kleiner zu werden. An der Größe der Aktionskreise lassen sich räumliche Lebenswelten, kommunikative Leistungen und vieles mehr ablesen. In den Kreisen selbst zeichnen sich jene Muster der Bewegung ab, die tägliche Abläufe spiegeln. Manche Gebäude, wie das Alvar-AaltoKulturhaus in Wolfsburg, bilden solche Kreisformen sogar im Inneren aus und definieren damit verschiedene Zonen. Besondere Beachtung verdienen in diesem Kontext Räume und in ihnen zu leistende Bewegungen, an deren Beispiel die Parametrisierung von Planung, Realisierung sowie abschließender Analyse genauer betrachtet werden soll. Künftig wird es, aus dieser Perspektive gesehen, für die Beurteilung qualitätvollen Planens unabdingbar sein, die in der Wohnung, im Haus und in der Umgebung zurückgelegten Strecken ebenso genau zu erfassen, wie auch die Anteile selbsttätig vollbrachter Handlungen berücksichtigt werden müssen, die notwendig bleiben, um den individuellen täglichen Wünschen nachzukommen. Positiv erfahren werden Räume immer dann, wenn ihre Architektur zu einer Vielzahl an Bewegungen anregt. Damit werden Rückschlüsse darauf möglich, in welchem 102
Zusammenhang bauliche Voraussetzungen mit vitalen Funktionen stehen. Immer regen gute Räume die Sinne an. Schlechte Umgebungen hingegen berühren uns negativ, sie verhindern oder unterbinden sensorisches Erleben und sie beengen und fixieren uns meist im Raum. In manch funktionalistischer Architektur wird Bewegung sogar − und dies wird im Planungsvorsatz als vermeintlicher Komfort ausgewiesen − auf maschinell anmutende Reste, die vom Menschen noch zu leisten sind, reduziert und damit jede freie Bewegung systematisch unterbunden. Wird dann der menschliche Körper zum fixierten Objekt und Gegenstand vieler Zwangsmaßnahmen der Bewegungsvermeidung, so schädigt dies langfristig Körper und Geist, vitale Funktionen degenerieren. Werden hingegen Bewegungen durch bauliche Strukturen angeregt und gefördert, so erhöhen sich die Frequenzen kommunikativer Kontakte und vitale Funktionen erfahren eine deutliche Steigerung und sogar Regeneration. Bewegung in jeder nur erdenklichen Form hält gesund, sie lässt sich motorisch und geistig unterschiedlich gestalten, kombinieren und erfahren. Ein komplexes System von Entsprechungen, das aber klaren Regeln folgt. PRIVATSPHÄRE UND ÖFFENTLICHKEIT
103
110
bekannt ist, wurden entsprechende Konsequenzen bislang noch nicht systematisch umgesetzt.208 Eine geringe Anzahl von Hauptelementen sollte Orientierung im Raum bieten, da der Zustand einer lebensweltlichen Kontinuität einfach gestaltet werden muss. Identifizierbare Elemente, die mit sensorisch einprägsamen Eigenschaften aufwarten, erzeugen eine zu bewältigende Differenzierung; vorausgesetzt, die Gruppen sind in Einheiten von acht bis zehn Bewohnern zusammengefasst und der Anteil der Möbel bleibt überschaubar.
Fenster und Türen Menschen mit kognitiven Einschränkungen und besonders demenziell erkrankte Menschen verfügen nicht mehr über die Fähigkeit, komplexe Orts- und Richtungswechsel problemlos zu bewältigen. Dies bedeutet, dass sie auf Referenzpunkte im Raum angewiesen sind. Ideal sind daher Wegsysteme und Sichtachsen innerhalb des eigenen Raumes, im Gebäude sowie in geschützten Außenbereichen, die eine sichtbare Orientierung und Wegeführung anbieten. Fenster werden entsprechend positioniert, um den Raum des Gebäudes um Sichtachsen zu erweitern und Licht einfließen zu lassen. Im Rahmen der Architekturbiennale Venedig (2014) wurde eine kleine Auswahl aus der Brooking National Collection präsentiert, die insgesamt 500.000 Fenster aus allen Epochen umfasst.209 Während noch bei Alberti die Fensteröffnungen der Tempel „mäßig und hoch oben sein müssen, damit man nichts außer dem Himmel durch sie erblicke (…), um den Schauer, welcher aus der Dunkelheit erregt wird“210 zu verstärken, sind die Fenster im Profanbau als Öffnungen nach draußen, zur Kommunikation angelegt. Größe und Maß werden vom Bauwerk abhängig gemacht und führen zur Entscheidung, wie viel Licht in den Raum eindringen soll. Der Verlauf der Flursysteme und die Durchgänge sollten für kognitiv eingeschränkte Menschen geradlinig angelegt sein. Richtungswechsel, Abzweigungen und auch Rundwege werden in späteren Phasen nur noch dann bewältigt, wenn klare Referenzpunkte mit sensorischen Attraktionen vorliegen, die erinnert werden können.211 Bislang wird in der Literatur vor allem auf visuelle Aspekte verwiesen; der Anteil haptischer und akustischer Orientierung, die durch wechselnd prägnante Fußbodenbeläge, richtungsgebende Handläufe sowie klare Resonanzfelder möglich sind, wird selten berücksichtigt. „Dass der Handlauf die Bewohnerbewegung leitet, kann zur Ausbildung von Barrieren genutzt werden. Eine taktile und visuelle Barriere entsteht, wenn der Handlauf zum Beispiel über Nebenraum- oder Ausgangstüren hinweggeführt wird.“212 Durch diese Maßnahme wird eine haptische Brücke gebaut, die Sicherheit für die Bewohner erzeugt – und dies, ohne dabei das Bild einer Zwangsmaßnahme zu vermitteln. Ähnlich der Perspektive, die durch ein Fenster oder eine offene Tür dem Blick eine Rahmung und ein Ziel gibt, können erkennbare akustische ErPRIVATSPHÄRE UND ÖFFENTLICHKEIT
111
Inklusion oder Exklusion
Sichtachsen und Angebote Die Häuser des Altenwohnens und der Altenpflege, die ich bisher besucht habe, sind im Detail so verschieden wie die Wohnformen und die Menschen selbst. Das Wohnen der Alten sollte idealerweise wie im früheren Leben auch in späteren Jahren deren Persönlichkeit spiegeln.231 Theorie und Praxis treffen jedoch kaum zusammen. Selten finden idealtypische Annäherungen statt, die heute aber immerhin bereits in Ansätzen formuliert sind.232 Viele Menschen im hohen Alter leiden am System. Manche sogar bereits schweigend, einige durch Pharmaka stillgestellt und sogar an Bett, Tisch und Stuhl gegurtet und gebunden.233 Maßnahmen der Fixierung, die aus Gründen der Sturzvermeidung praktiziert werden, sind kaum mehr auf rechtlicher Grundlage vertretbar,234 dies hat im Rückschluss zur Folge, dass viele Jahre vor dem Ergreifen solcher bewegungshemmender Maßnahmen umso stärker die Bewegung in den Mittelpunkt eines altersgerechten Wohnens gestellt werden muss, um Koordination und sichere Mobilität so lange wie möglich zu erhalten. Ist die körperliche Bewegung eingeschränkt, müssen die Sinne stimuliert werden – und sei es über den Blick durchs Fenster. Solche Blickachsen auf belebte Straßen sind notwendig und dann besonders sinnvoll, wenn Bewohner über längere Zeiträume das Bett nicht verlassen können; der Rhythmus des Verkehrs gliedert, nach Auskunft des Personals des von mir an der Heerstraße in Berlin besuchten Hauses der Vita e.V. mit seiner geriatrischen Tagespflege, den therapeutischen Wohnge120
meinschaften sowie der ambulanten Tagespflege, den Tagesablauf im Haus. Die offenen Fensterfronten ermöglichen eine visuelle Teilhabe am öffentlichen Leben. Es findet sich im Bereich des Altenwohnens auch die Erfolgsgeschichte von Menschen, die offensichtlich für sich entschieden haben, ihr Alter positiv und aktiv zu gestalten. „Mehr als 70 Prozent der über 85-Jährigen bewältigen ihren Alltag eigenständig. Tatsächlich aber sind die Hochaltrigen irgendwie unsichtbar.“235 Es sind meist nicht die Menschen, die sich freiwillig zurückziehen, sondern es sind die Anforderungen eines Systems der Architektur und der Versorgung, die nicht mehr selbstständig zu bewältigen sind und die Menschen dann in der Logik der Konsequenz von der Öffentlichkeit ausschließen.236 Gut, dass es sie bereits gibt, eine sich entwickelnde politische Lobby, die das gesamte Gesundheitssystem als ein System, das auch auf Gewinn hin organisiert ist, nun öffentlich infrage stellt.237 Das Pflegeheim ist aus Sicht seiner Kritiker zum Renditeheim geworden; die verbreitete Rede von der Würde im Alter wird hier als eine Phrase gesehen, als Sprachregelung eines insgesamt nicht mehr am Menschen interessierten Apparates, der aber INKLUSION ODER EXKLUSION
121
Ausblick auf eine Architektur der Zukunft
Das Verhältnis von Mensch zu Raum im Altenwohnen wird selten kritisch behandelt. Auch beschäftigt sich der Diskurs in der Architekturtheorie bislang kaum mit dem Aufzeigen, Planen und Umsetzen vitaler Bedürfnisse der alten Menschen.253 Betrachtet man die Genese des Altenwohnens im 20. Jahrhundert in seiner Herkunft aus dem Spitalwesen, den Aufbewahrungsanstalten und Wohnformen zur systematischen Selektion von Personen und die damit verbundenen Ausgrenzungen, so zeigt sich, dass wertvolle Alternativen, die aus dem klösterlichen Leben stammen und teilweise in anthroposophischen Lebensentwürfen254 überdauern konnten, in Vergessenheit geraten sind. Auch das fast utopische Modell eines Mehrgenerationenhauses kann keine Alternative bieten, die der Struktur von Familien in den Städten entspricht. Im Fachdiskurs müssen die Anforderungen an das Altenwohnen aus der Sicht der Bewohner neu gedacht werden: Funktionieren tägliche Abläufe? Fühlen sich Menschen noch geborgen? Welche Bilder vermitteln uns die Alten und was möchten sie, das wir von ihnen denken? Finden noch Begegnungen statt, die in der Vergangenheit eine Bedeutung hatten? Kommen alte Bekannte und Freunde zu Besuch in ein Altenwohnheim? Ist das Wohnen integriert in die Öffentlichkeit? Findet der alte Mensch noch sein inneres 128
Gleichgewicht, das als Zentrum der Person erachtet wird, wie dies als Ziel der anthroposophischen Bewegung proklamiert wird?255 Eine institutionskritische Sicht auf das Altenwohnen kann helfen, den Blick zu schärfen: Lassen die Häuser noch Räume der Bewegung und Freiheit zu oder ähneln sie in manchen Bereichen bereits Orten eines offenen Strafvollzugs (Foucault), der sich durch moderne Formen der Peinigung, als Züchtigung des alten Körpers, beschreiben lässt?256 Meiden die Alten nicht gerade deshalb Besuche in diesen Häusern, um das mögliche Szenario ihrer eigenen Zukunft mental zu verdrängen? Ein kurzer Blick in die Peripherie einer Historie des Altenwohnens soll deutlich machen, welche Erfahrungen mit dem System medizinischer Versorgung gemacht wurden, an dessen Ende die letzten Häuser warten. Es ist naheliegend, die Entwicklung des Altenwohnens mit der im 18. Jahrhundert einsetzenden medizinischen Versorgung der Bevölkerung zu fassen. Damit verbunden sind Institutionen, die Maßnahmen der Selektion bedingen. Der Wandel beginnt im Bild der AUSBLICK AUF EINE ARCHITEKTUR DER ZUKUNFT
129
das intime Leben verflüchtigt sich überall.“303 Ohne die notwendige emotionale Beziehung kann kein Haus zur Heimat werden. Geborgenheit ist die Möglichkeit des sicheren Rückzuges, der aus frühen Jahren bekannt sein sollte. Haus und Musik gleichen sich hinsichtlich ihrer Spuren, die sie im System der Erinnerung hinterlassen. „In keinem Bereich sind so viele neue Erkenntnisse über die neuronalen Grundlagen der positiven Emotionen gewonnen worden, wie in der Musik.“304 Dies erklärt dann auch die besondere Wirkung die von den Snoezelen-Räumen auszugehen vermag, da sie verschiedene sensorische Bereiche gleichzeitig ansprechen. Erstaunlich, dass diese Kunsttherapie mit Klang noch nicht weiterentwickelt worden ist, wo doch durch den Bereich der Klangkunst viele Formen und Strukturen eines körperlichen Erlebens akustischer Bewegungen im Raum möglich geworden sind, die ohne jede Referenz auf die meist voraussetzungsreichen Formen der Musik erlebt werden können. Unabhängig von dem ästhetischen Stellenwert, den diese junge Kunstgattung in den vergangenen Jahren etablieren konnte, scheint es doch, dass ihre multisensorischen Potenziale es wert sind, näher in ihrer Wirkung auf den Menschen betrachtet zu werden. Es handelt sich dabei um eine barrierefreie Kunst mit offenen Angeboten an die Rezeption. Klangkünstlerische Arbeiten bieten akustische Erlebnisse an, die jenseits der Voraussetzungen und Konditionierungen klassischer Musik 146
stattfinden. Ohne Vorwissen und besondere Anforderungen kann klassische Musik wohl kaum adäquat verstanden werden. Umso wichtiger sind Alternativen. Die Nähe der Snoezelen-Räume zur Musik kann aufgegriffen werden, um verschiedene Szenarien als eine dramaturgische Folge von Räumen zu gestalten. Stellen Sie sich vor, Sie wären wie durch einen Zauber in die Lage versetzt, durch Konzerträume zu fliegen, in denen sich ein abgestelltes Streichorchester befindet. Wenn Sie vielleicht wie ein kleines Insekt durch die hölzernen Körper der mit Saiten bespannten Instrumente fliegen könnten, so würde Ihnen ein multisensorisches Erleben zuteil. Die Geschichte des Wachstums vieler unterschiedlicher heimischer wie tropischer Hölzer und die Spuren ihrer Bearbeitung wäre genauso olfaktorisch erfahrbar wie der ruhige, leise stehende Klang, der die Instrumente in ihrem Inneren gleichsam zu ruhenden Lebewesen macht, auf akustische Weise. Alle Saiteninstrumente stammen vom Vorbild jenes mit Saiten bespannten Schildkrötenpanzers ab, dem Körper und Haus eines auf dem Boden lebenden Tieres, das zu den ältesten Lebewesen überhaupt gehört, die wir kennen. Dächer, die diese Form der Schildkröte aufnehmen, zitieren dies und versprechen Schutz mit der seltenen Gelassenheit des gepanzerten Tieres, das niemand aus der Ruhe zu bringen vermag, da es sein Haus und damit seine Heimat ständig bei sich zu haben scheint. AUSBLICK AUF EINE ARCHITEKTUR DER ZUKUNFT
147