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Theatermagazin Nr. 18 — Frühling/Sommer 2026

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»Krieg und Frieden« mit Jonas Friedrich Leonhardi. Foto: Thomas Rabsch

Liebes Publikum,

langsam gehen wir gemeinsam mit Ihnen in die Schlusskurve. Nach 10 Jahren D’haus, nach großen Abenteuern, die wir auf der Bühne und rund um das Schauspielhaus erlebt haben, verabschieden sich am Ende dieser Spielzeit im Juli 2026 viele Ensemblemitglieder, viele Künstlerinnen und Künstler und große Teile des Leitungsteams von Ihnen. Eine neue Intendanz wird beginnen, neue Abenteuer erwarten Sie.

Theater lebt in der Gegenwart. Deshalb möchten wir Ihnen in unserem letzten Theatermagazin davon erzählen, was wir noch vorhaben. Und wie wir auch ein wenig Bilanz ziehen möchten. Wir werden mit einer großen Schauspielinszenierung, »Krieg und Frieden«, ins Central, in dem unsere Arbeit begann, zurückkehren. Ein großes und großartiges Ensemble blickt mit Tolstoi in die Geschichte, um sich den Fragen einer beklemmenden und bedrohlichen Gegenwart zu stellen. Dafür ergreifen wir die Chance und nutzen das Central noch einmal als einen ganz besonderen Raum, mit ganz besonderen Möglichkeiten: zwei Tribünen, offenes Spiel nach allen Seiten, drei Drehbühnen … Die letzten drei Inszenierungen des Schauspiels in dieser Intendanz könnte man vielleicht als eine verrückte Trilogie bezeichnen, die Theater und das Nachdenken über unsere Welt reflektiert, die Mühen, Verschrobenheiten und Chancen der Sehnsucht, dass Fantasie und Kunst die Welt verändern können oder uns doch lehren mögen, sie besser zu ertragen. Drei starke literarische Texte kommen auf die Bühne: Fernando Pessoas kontemplatives und vibrierendes »Buch der Unruhe«, Thomas Bernhards ungeduldiger und quer in der Zeit stehender »Theatermacher« und open air Michael Endes »Unendliche Geschichte«, ein Fantasie-Theater für alle, denn das Theater gehört allen. Ein Bekenntnis dazu, dass Theater die ewige Kraft des Immer-wieder-Beginnens besitzt.

Und wir laden Sie ein zu einer Hommage an Robert Wilson, zu einem queer-feministischen Festival, in die neue Spielstätte von Jungem Schauspiel und Stadt:Kollektiv ins Central, in unserem Rückschaubuch zu blättern, mit uns und »Moby Dick« auf Gastspiel nach New York zu reisen oder nach »Istanbul« in Düsseldorf, zu unseren letzten klugen Düsseldorfer Reden und zu freundlichen Streitgesprächen mit Saba-Nur Cheema und Meron Mendel. In ein D’haus der Vielfalt und der Offenheit – erträumt, erdacht, erarbeitet und erspielt in den letzten 10 Jahren.

Ich würde mich freuen, Sie in unserer Schlusskurve im D’haus zu treffen, zum Reden und zum Feiern, nachdenklich und fröhlich.

PS: Achten Sie auf den blauen Punkt im gedruckten Spielplan, unser besonderes Ticketangebot für »100 Tage Theater«.

Anfang April startet der Countdown der letzten 100 Tage dieser Spielzeit. Mit unserem Abschiedsprogramm wollen wir noch einmal mit Ihnen zusammenkommen. Erfahren Sie hier bereits, welche Highlights Sie in der Schlusskurve erwarten. In den Vorverkauf mit dem gesamten Programm der letzten drei Monate gehen wir am 27. Februar.

100 Tage Theater — Sonderpreise 20/8 € Viele Repertoirevorstellungen sind von April bis Juni zum letzten Mal zu erleben. Damit Sie bisher verpasste oder von Ihnen besonders geschätzte Inszenierungen noch einmal sehen können, gilt für ausgewählte Vorstellungen im Schauspielhaus der Sonderpreis von 20/8 € erm. auf allen Plätzen. Achten Sie im gedruckten Spielplan auf die Termine mit dem blauen Punkt und auf der Website auf Vorstellungen mit dem Attribut »Sonderpreis 100 Tage Theater«.

D’haus 2016-2026 — Rückschaubuch auf 10 Jahre Düsseldorfer Schauspielhaus in der Intendanz von Wilfried Schulz — erhältlich ab dem 22. April — Am 22. April erscheint das Rückschaubuch »D’haus 2016–2026« im Verlag Theater der Zeit und ist ab dann im Schauspielhaus erhältlich. Der Band bebildert umfassend die programmatische Vielfalt der vergangenen zehn Jahre, die Arbeit des herausragenden Ensembles mit renommierten Regisseur:innen sowie des Jungen Schauspiels und des Stadt:Kollektiv mit seinen vielfältigen partizipativen Projekten. Erinnerungen und Beiträge von Persönlichkeiten, die mit dem D’haus verbunden sind, zeichnen das Bild einer Intendanz, die Kunst, Haltung und Öffentlichkeit einer Stadt nachhaltig geprägt hat.

Moby Dick — Gastspiel in New York — 29. April bis 3. Mai Ende April geht unsere gefeierte Robert-Wilson-Produktion »Moby Dick« auf große Reise über den Atlantik. Vom 29. April bis 3. Mai ist die Inszenierung zu Gast in der Brooklyn Academy of Music (BAM) in New York. Die Brooklyn Academy of Music (BAM) ist eines der bedeutendsten internationalen Zentren für zeitgenössische darstellende Künste in den USA. Seit ihrer Gründung im 19. Jahrhundert präsentiert sie Theater, Musik, Tanz, Film und Performance und ist besonders für ihr innovatives, interdisziplinäres Programm sowie für die Förderung internationaler und experimenteller Kunst bekannt. Insgesamt fünf Vorstellungen finden im Howard Gilman Opera House statt, das 2.100 Sitzplätze umfasst.

Istanbul — Ein musikalischer Abend von Selen Kara, Torsten Kindermann und Akın Emanuel Şipal — mit Songs von Sezen Aksu — Eine Produktion des Schauspiel Essen — am 2. und 3. Mai Angenommen, das Wirtschaftswunder der 1950er-Jahre hätte nicht in Deutschland stattgefunden, sondern in der Türkei. Angenommen, die Deutschen wären in die Fremde aufgebrochen, hätten ihre Familien zurückgelassen, um als deutsche Gastarbeiter:innen die Türkei wieder aufzubauen und die wirtschaftliche Not in der Heimat zu lindern. Nicht Essen wäre die Stadt gewesen, die die Neuankömmlinge willkommen hieß, sondern Istanbul. Mit diesem Perspektivwechsel und ausgehend von eigenen Familienerfahrungen sowie Fragen zu Heimat und Ankommen erzählen

Selen Kara, Akın Emanuel Şipal und Torsten Kindermann mit »Istanbul« die Lebensgeschichte des Essener Gastarbeiters Klaus Gruber in der fremden und schillernden Metropole. Wir freuen uns, dass wir die Produktion des Schauspiel Essen am 2. und 3. Mai nach Düsseldorf einladen konnten.

Queer Art meets Britney X — Ein queer-feministisches Festival am Düsseldorfer Schauspielhaus in Kooperation mit dem Schauspiel Köln — 14. bis 17. Mai

Beim Festival »Queer Art meets Britney X« wird das Düsseldorfer Schauspielhaus vier Tage lang von queeren Künstler:innen bespielt. Unter dem Motto »Hold me closer« widmet sich das Programm den Beziehungen von LSBTQIA*-Menschen – untereinander, zum eigenen Körper, zur Herkunft und zum Zustand der Welt. Vom 14. bis 17. Mai finden auf allen Bühnen und in den Foyers des D’haus Gastspiele, Performances, Partys und Paneltalks statt, die sich mit der Lebensrealität queerer Menschen beschäftigen. Das Festival eröffnet mit dem beliebten Wettbewerb »Drag Star NRW«. Nach dem erfolgreichen »Fokus Queer Art«-Festival 2025 mit mehr als 3.500 Besucher:innen setzt das Düsseldorfer Schauspielhaus seine Arbeit mit der Community fort, baut langfristige Kooperationen auf und schafft neue Verbindungen mit regionalen und überregionalen Künstler:innen. Das Festival »Britney X« hat seinen Ursprung am Schauspiel Köln und wurde 2017 gegründet. Mit »Queer Art meets Britney X« startet nun eine fünfjährige Kooperation zwischen dem Düsseldorfer Schauspielhaus und dem Schauspiel Köln. Bis 2030 sind zunächst fünf Festival-Ausgaben geplant, die jährlich zwischen den beiden Städten wechseln.

Einen Tag vor »Queer Art meets Britney X« feiern wir als Preview für das Festival mit der Eigenproduktion Bad Mexican Dog von Jonas Eika eine der letzten Premieren der Spielzeit. In der Regie von Claudius Steffens wird das Unterhaus zu einem Strand in Cancún, Mexiko. Hier arbeiten die Beachboys: Sie tragen reichen Tourist:innen die Sonnenschirme und Taschen, bieten aber auch exklusivere Leistungen an. Doch wenn der Strand sich leert, entwerfen die Boys in der Umkleidekabine ihre eigene Welt – voller Zärtlichkeit und fantastischer Rituale. Jonas Eikas’ Text lässt queere Emotionen mit der harten Realität einer globalisierten Gesellschaft aufeinanderprallen.

Eine Hommage an Robert Wilson — 13. bis 27. Juni

Robert Wilson (1941–2025) galt als einer der bedeutendsten Repräsentanten des Gegenwartstheaters weltweit. Das Düsseldorfer Schauspielhaus und Wilson verband eine langjährige Arbeitsfreundschaft, aus der insgesamt vier Inszenierungen hervorgingen. Drei davon stehen bis heute regelmäßig auf dem Spielplan des D’haus: »Der Sandmann« von E. T. A. Hoffmann, »Dorian« von Darryl Pinckney nach Motiven von Oscar Wilde und »Moby Dick« von Herman Melville. Die bei Publikum und Kritiker:innen beliebten Inszenierungen zeigen wir noch einmal gebündelt am Ende der Spielzeit: »Dorian« am 13. und 14. Juni, »Der Sandmann« am 19., 20. und 21. Juni und »Moby Dick« am 24., 25., 26. und 27. Juni. Karten sind ab sofort online und an der Theaterkasse erhältlich.

10 Jahre D’haus — Ein musikalischer Abschlussabend — Mit Ensemble und Gästen — Szenische Leitung: André Kaczmarczyk — Musikalische Leitung: Matts Johan Leenders — am 7., 9. und 11. Juli

Regisseur Tilmann Köhler im Gespräch mit Dramaturg David Benjamin Brückel über große Geschichte, ihre Auswirkungen auf den einzelnen Menschen und die bedrückende Aktualität von Lew Tolstois Mammutwerk. Unter Verwendung des Originaltextes hat Armin Petras für das D’haus ein Stück geschrieben, das die Vorlage zu einem intensiven fünfstündigen Theatererlebnis verdichtet.

Regisseur Tilmann Köhler

David Benjamin Brückel — »Was ist ›Krieg und Frieden‹?«, fragte Lew Tolstoi einmal selbst und gab gleich eine Antwort: »›Krieg und Frieden‹ ist kein Roman. Noch weniger ein Poem und noch weniger eine historische Chronik.« Was ist »Krieg und Frieden« dann?

Tilmann Köhler — Für mich ist das Buch ein großes Gesellschaftspanorama über die Zeit der Napoleonischen Kriege. Im Zentrum stehen drei Familien aus St. Petersburg und Moskau. Tolstoi schildert eindrücklich ihre Beziehungen, Gefühle und Konflikte. Gleichzeitig erleben wir, wie sich die kriegerischen Auseinandersetzungen ins Private hinein verlängern. Tolstois Stärke liegt in der Genauigkeit seiner Beschreibungen. Ein kurzer Blick, eine kleine Geste oder die Gesichtszüge eines Menschen stehen neben dem großen historischen Ereignis. Mal zoomt Tolstoi ganz nah an eine Figur heran, um dann wieder ein großes Bild zu malen, in dem der Einzelne nicht mehr erkennbar und nur noch eine Zahl ist.

Apropos Zahlen: In unserer Theaterfassung gibt es mehr als 35 Figuren, die von 13 Schauspieler:innen gespielt werden. Wem folgt das Publikum durch den Abend?

Wir begleiten die Familien Rostow, Bolkonsky und Kuragin über sieben Jahre hinweg und erleben dabei tiefgreifende Entwicklungen der Figuren – Andrej Bolkonsky, Pierre Besuchow, Natascha Rostowa, Hélène Kuragin, Nikolai Rostow und viele andere, auch historische Persönlichkeiten wie Napoleon. Die Inszenierung nimmt sich Zeit und lässt sich bewusst auf die Größe der Erzählung ein. Das Faszinierende daran ist: Einerseits gibt es den konkreten zeithistorischen Zusammenhang der Geschichte. Andererseits entsteht durch Tolstois genaue Beschreibung etwas Zeitloses, Universelles. Ich habe immer wieder das Gefühl, Menschen zu begegnen, die ich kenne. Oder ich entdecke eigene Züge und Muster in ihnen.

Die Inszenierung wird im Central am Hauptbahnhof gezeigt. Der Bühnenbildner Karoly Risz hat für »Krieg und Frieden« einen besonderen Raum entworfen.

Es ist schön, die klassische Anordnung von Bühne und Zuschauerraum zu verlassen und den Raum neu zu denken, mehr Flexibilität in der Spielweise zu entwickeln. Im Central liegt die Spielfläche in der Mitte des Raumes und erstreckt sich über die gesamte Länge der Halle. Das Publikum sitzt auf beiden Seiten des Steges, sodass die Zuschauer:innen einander auf neue Weise begegnen. Zugleich entsteht eine unmittelbare Nähe zu den Figuren.

Die Geschichte spielt in den Jahren von 1805 bis 1812, eine Zeit, in der Napoleon weite Teile Europas politisch und militärisch kontrollierte. Was macht den Stoff für dich aktuell?

Zu Beginn des Buches befinden wir uns in den Salons des Adels von St. Petersburg. Dort sprechen die Menschen gut informiert, meinungsstark und mit großer emotionaler Distanz über einen Krieg, der geografisch noch weit entfernt ist. Das erinnert stark an unsere Gegenwart. Tolstoi zeigt dann, wie der Krieg Schritt für Schritt näher rückt: Menschen ziehen an die Front, kehren verwundet zurück oder verlieren Angehörige. Das Pathos des Krieges wird dabei immer wieder gebrochen, indem die Brutalität spürbar wird und die konkreten Folgen für die Bevölkerung beschrieben werden. Diese Themen wirken plötzlich wieder erschreckend aktuell. Wenn über Wehrpflicht, militärische Bündnisse und Verteidigungsbereitschaft gesprochen wird, betrifft das plötzlich wieder die eigene Familie. Nach Jahrzehnten, in denen wir – zumindest in Deutschland – glaubten, diese Fragen hinter uns gelassen zu haben, stellen sie sich uns erneut, unmittelbar und bedrohlich. Das Recht des Stärkeren regiert. Das gewaltsame Durchsetzen territorialer Ansprüche, militärische Drohungen, die Missachtung des Völkerrechts – all das ist ein zivilisatorischer Rückschritt.

Tolstoi war ein konsequenter Pazifist, der jede Form von Gewalt ablehnte. In seinem Werk »Das Reich Gottes ist in euch« verurteilte er vierzig Jahre nach »Krieg und Frieden« Militärdienst, Krieg und staatliche Gewalt. Er vertrat die Auffassung, dass Christ:innen »dem Bösen« niemals mit Gewalt widerstehen dürften. Diese Haltung zeigte sich nicht nur in seinen Schriften, sondern auch in seinem persönlichen Engagement für Kriegsdienstverweigerer. Lässt sich auch in »Krieg und Frieden« eine pazifistische Botschaft erkennen?

Der Stoff eröffnet durch seine Größe viele unterschiedliche Perspektiven. Es gibt starke Kontraste – etwa zwischen dem anfänglichen Enthusiasmus und dem brutalen Erwachen im Krieg. Tolstoi macht die grundsätzliche Schwierigkeit sichtbar, mit Konflikten umzugehen, wie Menschen in Kriegszeiten reagieren und welche Haltung Einzelne einnehmen. Zugleich bewegt sich der Einzelne immer innerhalb einer Gesellschaft, die Erwartungen formuliert. In dieser Spannung entsteht die Notwendigkeit, sich zu positionieren. Genau diese Herausforderung und Ambivalenz beschreibt Tolstoi sehr eindrücklich.

Krieg und Frieden — von Lew Tolstoi/ Armin Petras — Mit: Sonja Beißwenger, Judith Bohle, Michael Fünfschilling, Glenn Goltz, Claudia Hübbecker, Florian Lange, Jonas Friedrich Leonhardi, Mila Moinzadeh, Matthias Reichwald, Yohanna Schwertfeger, Sophie Stockinger, Blanka Winkler, Thomas Wittmann; Matthias Krieg (Live-Musik) — Regie: Tilmann Köhler — Choreografie: Gal Fefferman — Bühne: Karoly Risz — Kostüm: Susanne Uhl — Musik: Matthias Krieg — Dramaturgie: David Benjamin Brückel — Premiere am 21. Februar 2026 — Voraufführung: 18.2. — weitere Vorstellungen: 27.2., 14. und 29.3., 6. und 26.4., 10., 14. und 24.5., 12.6. und 4.7. (zum letzten Mal) — weitere Infos unter www.dhaus.de — Central 4

»Krieg und Frieden« dauert inklusive Pausen ca. 5 Stunden. Bitte achten Sie auf die besonderen Anfangszeiten. Der Ticketpreis beinhaltet die Pausenverpflegung und ein Getränk.

»Der Regisseur Andreas Kriegenburg stellt im Düsseldorfer Schauspielhaus sein Stück ›Kafkas Traum‹ vor – eine Inszenierung, die gleich zu Beginn des Jahres Maßstäbe setzt. … Es ist eine kunstvolle, auf einen fürchterlichen Höhepunkt zustrebende Collage aus Texten und Motiven von Franz Kafka. … Lange anhaltender Applaus für das grandiose Ensemble, allen voran für Pauline Kästner.« — Rheinische Post

»Ein Reigen von fantastischen Tableaus – zwischen Traum und Albtraum, zwischen Oper in schwarzweißem Scherenschnitt und intimen Masken-Kammerspiel. ... Jubel und Ovationen, besonders für Darsteller. « — Westdeutsche Zeitung

»Die Inszenierung schnurrt wie ein gut geöltes Räderwerk dahin, sie ist unterhaltsam, exakt gespielt und erntet bei der Premiere Standing Ovations.« — nachtkritik.de

Kafkas Traum — unter Verwendung von Texten und Motiven von Franz Kafka — Regie: Andreas Kriegenburg — weitere Vorstellungen: 5. und 20.2., 18. und 31.3. — Schauspielhaus, Großes Haus

Frühlings Erwachen — von Bonn Park/Frank Wedekind — Regie: Bonn Park — weitere Vorstellungen: 5. und 21.2., 12. und 21.3. — Schauspielhaus, Kleines Haus

»Wenn die Senioren heutige Jugendsprache nutzen, ist der Verfremdungseffekt ziemlich witzig. Währenddessen unterlegt der Musiker Ben Roessler den Abend mit zarter, melancholischer Gitarrenmusik. Es wird immer wieder gesungen, lang gezogene, sanfte Popsongs, die von Sehnsucht und Ausbruch aus dem System erzählen. … Bonn Park beschreibt in poetischen Worten ein jugendliches Lebensgefühl, die Angst, Ohnmacht, Depression angesichts drohender Apokalypsen. … Fantastisches Bühnenbild, wunderbare Musik, präzise, schöne Sprache.« — Deutschlandfunk Kultur

»Der ganze Abend ist von einer Zartheit und Zerbrechlichkeit, die nicht nur mit der sanften und schönen Gitarrenmusik von Ben Roessler zu tun hat, sondern auch damit, dass hier in den Rollen der Kinder beziehungsweise ›Teenies‹ fünf etwa achtzigjährige Laien auf der Bühne stehen.« — nachtkritik.de

Jürgen Sarkiss, Rainer Philippi, Alexander Wanat, Pauline Kästner, Cathleen Baumann, Minna Wündrich, Raphael Gehrmann
Gregor Russ, Petra Lehmann, Maria Pehe, Brigitte Fieber

André Kaczmarczyk inszeniert Daniel Kehlmanns

Bestsellerroman »Tyll« über den berühmtesten

Narren

der Literaturgeschichte mit den Studierenden

des Düsseldorfer Schauspielstudios als musikalisches

Kaleidoskop einer aus den Fugen geratenen Zeit.

Aus dem Dunkel der Bühne schält sich eine bunte Truppe. Spielleute sind das, fahrendes Volk, Gaukler und Musikanten. Ihre Körper bewegen sich im Takt der Musik. Treibende Rhythmen lösen zarte Soli ab, flirrende Spannung liegt in der Luft. Ein fulminanter Auftakt für eine große Erzählung. Nun verstummt die Musik. »Nicht klatschen! Das war kein Auftritt«, tönt es von den Spielleuten: »Wäre das ein Auftritt gewesen, müsstet ihr zahlen!«

Für Tyll, den Protagonisten in Daniel Kehlmanns gleichnamigem Roman, ist die Kunst kein Selbstzweck, sondern Überlebensmotor – und Broterwerb. Dieser Tyll Ulenspiegel hat wenig gemein mit der heiteren Narrenfigur eines Till Eulenspiegel, die die Menschen mit ihren Späßen scherzhaft zum Guten führen will. Kehlmann überträgt den EulenspiegelMythos aus dem Mittelalter in die Neuzeit und direkt hinein in die Wirren des Dreißigjährigen Krieges. Jenes ersten großen Glaubenskrieges, der 1618 mit dem Prager Fenstersturz beginnt, 1648 nach jahrelangen Verhandlungen im Westfäli -

schen Frieden endet und dabei die völkerrechtliche Grundlage für das heutige Europa legt. Dreißig Jahre, das ist im 17. Jahrhundert ein halbes Menschenleben. »Tyll« ist eine Kriegsbiografie im Gewand eines dunklen Märchens: Nachdem der Vater Opfer der Inquisition geworden und die Mutter früh verstorben ist, zieht der Müllerssohn Tyll mit der Bäckerstochter Nele durch das versehrte Land. Sie begegnen Königinnen und Königen, hohen Herren und kleinen Leuten. Während manche den letzten Drachen finden wollen, suchen andere ihr Heil in der Flucht. Tyll und Nele aber kehren der Welt den Rücken. Vogelfrei sind sie und freie Geister. Denn nichts ist von Dauer in dieser Zeit, die aus den Fugen ist. Wer überleben will, muss ein Spieler sein. Und so wächst Tylls Gauklerzirkus von Ort zu Ort. Während die Bälle durch die Luft wirbeln, Musik erklingt und der Narr über den Dächern tanzt, scheint die Welt für einen Moment stillzustehen.

In der Düsseldorfer Fassung von Schauspieler und Regisseur André Kaczmarczyk laden die

sieben Studierenden des Düsseldorfer Schauspielstudios der Hochschule für Musik und Theater »Felix Mendelssohn Bartholdy« Leipzig als fahrende Gauklertruppe, Schauspieler:innen und Musiker:innen gleichermaßen, zu einem Theaterabend voll Humor und Hoffnung, der davon erzählt, was uns in dunklen Zeiten überleben lässt.

Tyll — von Daniel Kehlmann — Mit: Flavia Berner, Jonas Hanke, Ludowika Held, Alisa Lien Hrudnik, Maurice Schnieper, Anastasia Schöpa, Vincent Wiemer — Regie: André Kaczmarczyk — Bühne: Ansgar Prüwer — Kostüm: Martina Lebert — Musik: Matts Johan Leenders — Dramaturgie: Stijn Reinhold — Premiere am 22. Februar 2026 — Voraufführung: 18. und 19.2. — weitere Vorstellungen: 27.2., 7., 23. und 26.3., 2. und 6.4. — weitere Termine unter www.dhaus.de — Schauspielhaus, Kleines Haus

NEIN! DOCH! WAS? NA UND? Das Junge Schauspiel spielt »Das NEINhorn« von Marc-Uwe Kling und Astrid Henn für alle ab 6 Jahren in der Regie von Philipp Alfons Heitmann und Matts Johan Leenders.

Dramaturgin Kirstin Hess schreibt über das Neinsagen, moralische Ansprüche und ein Glamrock-Spektakel.

Im Herzwald kommt ein kleines Einhorn zur Welt. Hier sind alle, wirklich alle gliglaglücklich. Plötzlich tönt es »Nein!«, und das hat niemand anderes gesagt als das neue Familienmitglied.

Und so beginnt der allererste Konflikt in der Zuckerwattewelt. Den kennen Kinder wie Erwachsene nur zu gut. Marc-Uwe Kling und Illustratorin Astrid Henn beschreiben auf humorvolle Weise einen wichtigen Entwicklungsschritt: Kinder lernen mit dem Neinsagen, Grenzen zu setzen. Nur wenn diese in ihrem Umfeld von Gleichaltrigen, vor allem aber Erwachsenen anerkannt werden, kann Selbstvertrauen wachsen. Damit einher geht die Entwicklung von Empathie und Respekt, indem Grenzen anderer kennengelernt und akzeptiert werden können.

Doch in der perfekten Welt des Herzwaldes gibt es dafür kein Verständnis, es geht doch allen gut. Weshalb benimmt sich das jüngste Familienmitglied so gar nicht einhornmäßig? Wieso sagt es einfach Nein? Das hat es noch nie gegeben. Bald wird es nur noch NEINhorn genannt und verzweifelt immer mehr. Na, da bleibt nur eins: eine große Wanderschaft. Als Erstes, so viel ist klar, geht es mitten rein in die nächste Schlammkuhle. In aufeinanderfolgenden Episoden begegnet das NEINhorn erst dem WASbären, der schlecht hört (oder hören will), dann dem NAhUND, der macht, was er will, der KönigsDOCHter, die immer Widerworte gibt, und dann auch noch der SchLANGEWEILE.

Wer bei diesem Aufbau an Märchen denkt, hat nicht mit Marc-Uwe Kling gerechnet: Am Ende gibt es weder eine konkrete Aufgabe noch ein konkretes Ziel. Es herrscht blanke Anarchie. Gewandert wird nach »Nirgends«, und das macht zusammen sogar ziemlich viel Spaß. Es geht ums Entdecken der Welt und um einen Platz für die eigenen Emotionen, inklusive Wut und Bockigkeit!

Leichtigkeit und Witz des Textes werden vom Regieteam Philipp Alfons Heitmann und Komponist Matts Johan Leenders aufgegriffen und im Jungen Schauspiel zu einem Glamrock-Spektakel arrangiert. Glamrock war – im besten Sinne – eine Unverschämtheit: unverblümt offensiv und offen für

alles, kurz: der totale Pop, der alles auf den Kopf stellte, ein universaler Kindergarten, in dem die Jungs Frauenkleider tragen und die Mädchen zu den ganz harten Burschen gehören durften. Er war eine ästhetische Revolution, so deutlich und glamourös war Anderssein noch nie öffentlich präsentiert worden. Er war auch der Beginn, queere Identitäten ins Licht zu rücken. Diese kurze, aber nachhallende Zeit in den 1970er-Jahren stellte jeglichen Konformismus mit Glitzer, Show und Spaß infrage und überzeugte durch verdammt gute Musik.

So werden im Jungen Schauspiel nicht nur Dialoge wie »NEIN!«, »DOCH!«, »Was?«, »NEIN!«, »Na und?«, »Was?«, »Doch!«, sondern in einem schillernden Bühnenbild von Simone Grieshaber auch mitreißende Glamrock-Lines erklingen.

Na ja, und am Ende wird mit der explizit thematisierten fehlenden Moral sowie mit der Forderung, »bätakogisch« wertvoll zu sein, gespielt. Denn diese Geschichte enthält sehr wohl eine moralische Aussage: Sie richtet sich gegen die anfängliche einseitige Perfektion und fordert dazu auf, über Vielfalt nachzudenken. Am Ende haben die unterschiedlichen Fünf eine Glückswelt für alle erschaffen. In der ist es in Ordnung, nicht nur positive, sondern auch negative Gefühle zum Ausdruck zu bringen und eben anders zu sein.

»Das NEINhorn« ist ein Bildungsroman en miniature, der Kinder wie Erwachsene adressiert.

Das NEINhorn — nach dem gleichnamigen Buch von Marc-Uwe Kling und Astrid Henn — ab 6 Jahren — Mit: Cem Bingöl, Jonathan Gyles, Hannah Joe Huberty, Ayla Pechtl, Felix Werner-Tutschku — Regie: Philipp Alfons Heitmann, Matts Johan Leenders — Musik: Matts Johan Leenders — Bühne und Kostüm: Simone Grieshaber — Dramaturgie: Kirstin Hess — Theaterpädagogik: Patricia Pfisterer — Premiere am 8. März 2026 — Voraufführung: 5.3. — weitere Vorstellungen: 10. und 11.3., 1., 2., 5., 22., 23., 24. und 26.4. — Central 1 Junges Schauspiel

Jonathan Gyles

Weitere Premieren im Jungen Schauspiel:

Das grüne Königreich — von Cornelia Funke und Tammi Hartung — mit künstlerisch integrierter Audiodeskription — Regie: Leonie Rohlfing — ab 8 Jahren — Uraufführung am 28. Februar 2026 — Voraufführungen: 25. und 26.2. — weitere Vorstellungen: 1., 3. und 4.3., 1.4. — Central 2

1984 – Dystopie 2.0 — von Kim Langner — nach dem Roman von George Orwell — Regie: Katharina Birch — ab 12 Jahren — Uraufführung am 15. Mai 2026 — Central 1

Bassam Ghazi inszeniert in dieser Spielzeit für das Stadt:Kollektiv das aufregende Theaterstück des gefeierten libanesischen Autors Wajdi Mouawad. In »Verbrennungen« erhalten die im Exil aufgewachsenen Zwillinge Jeanne und Simon von ihrer verstorbenen Mutter einen geheimnisvollen Auftrag: Sie sollen im Libanon ihren totgeglaubten Vater sowie einen unbekannten Bruder finden. Die Reise in die fremde Heimat der Mutter führt die Geschwister nicht nur in ein vom Krieg versehrtes Land, sondern auch in die traumatischen Tiefen der eigenen Familiengeschichte. Das Stück erinnert an die antike Tragödie des Ödipus und fragt nach unseren Prägungen, der individuellen und der kollektiven Geschichte. Aber es erzählt auch vom Ende des Schweigens und der Möglichkeit von Versöhnung. Was würde eine Reise in die Vergangenheit und die Heimat der Eltern für sie bedeuten? Und was geschieht, wenn das Schweigen gebrochen wird? Mitglieder des Ensembles, deren Familien aus dem Libanon und Palästina, aus dem Iran und Griechenland, aus Frankreich und Syrien, aus Deutschland und Marokko stammen, beschreiben, was das Stück mit ihnen zu tun hat.

»Wenn ich in die Vergangenheit meiner Familie reisen würde, dann würde ich in die Zeit der Kindheit und Jugend meiner Eltern und Großeltern eintauchen und die Welt durch ihre Augen betrachten. Gerne würde ich ihnen in meinem Alter begegnen, um ihre Ängste und Hoffnungen zu verstehen. Würde ich mich dort selbst wiederfinden?« — Sara

»Ich bin wie die Hauptfiguren des Stücks auf der Suche nach einem Weg zu Frieden und Freiheit. Nach der Möglichkeit, zu vergeben und weiterzugehen. Zu erkennen, dass die Welt vergänglich ist – und dass es lächerlich und absurd ist, in ihr Krieg zu führen. Wenn ich in der Zeit reisen könnte, würde ich meinem Kind früher zeigen, dass die Welt nicht so ist, wie sie erscheint. Wenn ich in ihr Land reisen könnte, würde ich meiner Mutter aus jeder Straße und jedem Geschäft ein Souvenir mitbringen – mit dem Duft der Heimat.« — Hasti

»Ich habe das Stück 2008 in einer französischen Inszenierung gesehen. Dieses Theatererlebnis hat mich tief bewegt, obwohl ich selbst nicht unmittelbar von Bürgerkrieg, Flucht oder ungeheuerlichen Familiengeheimnissen betroffen bin. Ich glaube, dass es dem Autor gelingt, mit diesem eigentlich unsäglichen Stoff eine Brücke des Verstehens zu bauen.«

— Stephan

»Das Stück ist ein Teil meiner Vergangenheit, meiner Familie, den ich endlich sehen kann. Es bringt mich meiner anderen Heimat näher. Wenn ich in die Vergangenheit meiner Familie reisen könnte, dann würde ich sie vielleicht richtig kennenlernen, mit ihr fühlen –und dadurch auch einen unbekannten Teil von mir selbst verstehen.«

»Wenn ich in die Vergangenheit meiner Familie reisen könnte, dann würde ich versuchen, die Ehe meiner Eltern zu verhindern. Vielleicht wäre ich ein Freund meines Vaters oder eine Freundin meiner Mutter. Ich hätte ihnen geholfen, ein anderes, besseres Leben zu wählen – mit anderen Partner:innen. Wenn ich das Schweigen brechen könnte, dann würde ich nicht zögern, Angst und Unsicherheit zu überwinden. Ich würde aussprechen, was lange unausgesprochen blieb. Vielleicht könnte ich dann freier leben.« — Mohamad

»Wenn ich in die Vergangenheit meiner Familie reise, hat das Rätselraten ein Ende. Wenn ich das Schweigen breche, dann knirscht es wie vorsichtige Schritte auf frisch gefallenem Schnee. Manchen fallen die Ohren ab, und Münder bleiben offen stehen.«

»Wenn ich das Schweigen brechen würde, dann würde sich wahrscheinlich zunächst alles verschlimmern. Wunden würden aufreißen. Aber vielleicht läge genau darin die Chance, loszulassen und sich zu befreien.«

— Voula

»Wenn ich in die Heimat meiner Mutter reisen würde, dann möchte ich lernen, in meiner Muttersprache Tamazight zu schreiben. Ich kann sie nur sprechen, da sie für gewöhnlich mündlich weitergegeben wird. Doch meine Sprache wirklich zu erlernen, ist für mich ein wesentlicher Schlüssel zum Verständnis meiner Heimat. Wenn ich das Schweigen brechen würde, dann würde ich auch über das sprechen, was wehtut.« — Soukaina

»Wenn ich mein Schweigen brechen würde, könnte man hören, wie laut mein Inneres schon seit Langem schreit.« — Jalal

Verbrennungen — von Wajdi Mouawad — Mit: Sara Alshami, Jalal Chafik, Gabriele Dittmar, Voula Doulgkeridou, Hasti Karami, Vivian Kassem, Stephan Krespach, Mohamad Latsh, Gandi Mukli, Soukaina O. — Regie: Bassam Ghazi — Bühne: Paulina Barreiro — Kostüm: Maria Lucía Otálora — Video: Lev Gonopolskiy — Dramaturgie: Birgit Lengers — Premiere am 14. März 2026 — Voraufführung: 11.3. — weitere Vorstellung: 20.3. — weitere Termine unter www.dhaus.de — Schauspielhaus, Kleines Haus — Stadt:Kollektiv

»Verbrennungen« mit Jalal Chafik, Voula Doulgkeridou und Gabriele Dittmar
Das Schreiben ist ein Ort — Luise Voigt inszeniert Fernando Pessoas »Das

Buch der Unruhe«.

Der Dramaturg

Robert

Koall schreibt über die gegenwärtige Sehnsucht, die Pessoas Text eingeschrieben ist.

Heute gilt ein Gedanke erst dann als wirklich gedacht, wenn er geteilt wurde. Denken ist kein vorläufiger Zustand mehr – kaum ist etwas formuliert, steht schon die Frage im Raum, wohin es gesendet werden kann, wie es aufgenommen wird, ob darauf reagiert werden kann. Was ungesendet bleibt, scheint unvollständig, beinahe verdächtig. Der innere Raum schrumpft nicht aus Mangel, sondern weil er ständig nach außen drängt.

Fernando Pessoas »Das Buch der Unruhe« widersetzt sich diesem Zustand. Dabei ist es weniger eine romantische Flucht in eine vergangene Innerlichkeit als vielmehr eine konsequente Absage an das Bedürfnis nach Publikum. Diese Texte wollen nichts mitteilen, sie streben kein Ergebnis an, sie verweilen, sie drehen sich im Kreis, widersprechen sich, werden müde, verlieren den Faden … Pessoas literarisches Ich Bernardo Soares schreibt, als gäbe es keinen Zeitdruck – und vor allem: kein Publikum.

Was hier stattfindet, ist ein Verharren im Denken. Gedanken dürfen liegen bleiben, unfertig, unbrauchbar, ohne Zweck, sie müssen nichts erklären, keine Haltung markieren, keine Zustimmung suchen. Das Schreiben ist kein Medium, sondern ein Ort. In einer Gegenwart, in der jedes Wort potenziell Öffentlichkeit erzeugt, wirkt diese Haltung fast anstößig. Oder zumindest befremdlich, denn heute sitzt das Publikum immer schon mit im Kopf, und deshalb wird selbst der privateste Gedanke sofort daraufhin geprüft, ob er zirkulationsfähig ist. Der innere Monolog ist unter Druck geraten. Er wird beschleunigt, vereinfacht und vor allem auf Gewinn getrimmt. Pessoa hingegen erlaubt es sich, sich zu verlieren. Besonders sichtbar wird dieser Unterschied im Umgang mit Identität. Die Alter Egos, Decknamen und Scheinbiografien, die Pessoa als Autor vieldutzendfach verwendet, sind keine Rollen zur Selbstdarstellung, sondern Denkexperimente. Sie verunsichern das Ich, statt es zu festigen. Weil keine Stimme maßgeblich oder gar endgültig ist, bleibt Identität beweglich. Widersprüche gelten nicht als Störung, sondern sind Instrumente der Erkenntnis. Das ist superunmodern.

Fernando Pessoa lebte von der Welt unbemerkt als kleiner Angestellter im Lissabon des frühen 20. Jahrhunderts und schrieb nach Feierabend größtenteils für die Schublade. Als er 1935 starb, fanden sich in seinem Nachlass rund 25.000 literarische Fragmente, Prosa, dramatische Skizzen sowie politische und soziologische Schriften. Der epochale Nachlass wird seither kontinuierlich weiter aufgearbeitet und veröffentlicht.

Heute zählt Pessoa zu den Säulenheiligen der europäischen Literatur und ist einer der Nationaldichter Portugals. Sein »Buch der Unruhe« muss zu den Jahrhundertwerken gerechnet werden.

Und auch die Unruhe selbst hat bei Pessoa eine andere Qualität, oder sagen wir: Funktion. Sie ist leise, nach innen gerichtet, gespeist aus Überempfindlichkeit, nicht aus Reizüberflutung. Unsere Unruhe dagegen ist organisiert: messbar, getaktet, effizient. Viel Bewegung, wenig Tiefe, und vielleicht liegt genau hierin ein Verlust: dass Unruhe kaum noch Zeit hat, sich auszubreiten.

»Das Buch der Unruhe« erinnert daran, dass es Formen von Innerlichkeit gibt, die sich jeder Verwertung entziehen. Pessoa ist keine tröstliche Figur, aber er ist eine befreiende Zumutung (falls es so etwas gibt). Er fordert Langsamkeit und Unsichtbarkeit – das sind Wörter, die das 21. Jahrhundert bis dahin nicht prägen, nach denen aber eine Sehnsucht in uns zu glimmen beginnt.

Vielleicht ist heute gerade der Gedanke, der nicht gesendet wird, der radikalste. Nicht aus Trotz, sondern aus Möglichkeit. Als Erinnerung daran, dass Denken ein Eigenrecht hat – jenseits von Reichweite, Resonanz und Applaus.

Das Buch der Unruhe — von Fernando Pessoa — Mit: Cathleen Baumann, Caroline Cousin, Moritz Klaus, Yascha Finn Nolting, Jürgen Sarkiss, Fnot Taddese, Sebastian Tessenow, Friederike Wagner — Regie: Luise Voigt — Bühne und Kostüm: Maria Strauch — Dramaturgie: Robert Koall — Premiere am 28. März 2026 — Voraufführung: 25.3. — weitere Vorstellung: 2.4. — weitere Termine unter www.dhaus.de — Schauspielhaus, Großes Haus

Illustration von Fernando Pessoa aus Antonio Tabucchis »Die letzten drei Tage des Fernando Pessoa«

Was ist Theater? Eitle Komödie oder bittere Tragödie?

Für den Staatsschauspieler Bruscon gilt beides gleichermaßen. Er ist die Titelfigur in Thomas Bernhards großer Farce über die Bretter, die die Welt bedeuten. Regisseurin Christina Tscharyiski inszeniert die Geschichte des misogynen Familientyrannen mit einem Frauenensemble um Rosa Enskat in der Hauptrolle im Kleinen Haus. Zehn Fragen an den »Theatermacher« — Antworten liefert Thomas Bernhards Textbuch von 1985.

Herr Bruscon, was zeichnet Sie aus?

Bruscon — Ein gewisses Talent für das Theater schon als Kind, geborener Theatermensch, wissen Sie. Theatermacher, Fallensteller schon sehr früh.

Ihr aktuelles Projekt?

»Das Rad der Geschichte« ist eine Menschheitskomödie, die in Wahrheit eine Tragödie ist, wie Sie sehen werden.

Tragödie oder Komödie?

Wenn wir eine Komödie schreiben, müssen wir uns ganz darauf einstellen, dass sie von Dilettanten dargestellt wird. Die meisten Rollen habe ich meinem Sohn auf den Leib geschrieben, diesem Antitalent, wie auch die Rollen für meine Tochter, ganz zu schweigen von den Rollen, die meine Frau spielt – gigantischer Antitalentismus.

Was brüskiert Sie?

Ich studierte Theatergeschichte. Man sagt, die Frauen seien heute im Vormarsch, ja, in die Katastrophe hinein. Bald kommt der weibliche Offenbarungseid, denke ich. Gefühlswelt, auch nichts als Lüge. Die Frauen haben keinen Kunstbegriff, den Frauen fehlt gänzlich alles Philosophische.

Ein Kompliment an ihre Frau?

Der einzige Reiz an dir ist der Hustenreiz.

Der perfekte Start in den Tag?

Frittatensuppe. Im Grunde existiere ich auf der ganzen Tournee schon von nichts anderem als von der Frittatensuppe. In der Provinz feiert sie Triumphe, schmeckte ganz und gar außerordentlich. Kaum Fettaugen.

Ihr nächster Auftritt?

Ich kam, ich weiß nicht wieso, in diese Gegend. Sie verzeihen, wenn ich den von Ihnen sicher hochgeschätzten Ort Nest nenne, als ob die Zeit stehen geblieben wäre. Trostlos. Absolute Kulturlosigkeit.

Ein absolutes No-Go?

Seht euch diesen entsetzlichen Saal an, das habe ich notwendig gehabt. Und dieses schäbige Haus, das einen so üblen Geruch ausströmt, will auch noch Saalmiete von mir. Und der Feuerwehrhauptmann bewilligt nicht, dass das Notlicht abgeschaltet wird. Aber ich spiele nicht, habe ich gesagt, wenn das Notlicht nicht gelöscht wird.

Für den perfekten Theaterabend braucht es?

Absolute Finsternis, habe ich gesagt. Ich lasse mir doch nicht an diesem schauerlichen Haus meine Komödie ruinieren. Diese Leute verdienen ja nicht, dass man ihren Ort überhaupt betritt, geschweige denn, dass eine Theatergruppe hier auftritt.

Was sagen Sie Ihren Kindern?

Du bist meine größte Enttäuschung, das weißt du, aber du hast mich nie enttäuscht. Du bist mein Nützlichster.

Der Theatermacher — von Thomas Bernhard — Mit: Flavia Berner, Rosa Enskat, Alisa Lien Hrudnik, Sophie Stockinger, Minna Wündrich — Regie: Christina Tscharyiski — Bühne: Dominique Wiesbauer — Kostüm: Janina Brinkmann — Dramaturgie: Stijn Reinhold — Premiere am 16. April 2026 — weitere Termine unter www.dhaus.de — Schauspielhaus, Kleines Haus

Rosa Enskat übernimmt die Rolle des Theatermachers
»Es gibt Menschen, nie nach Phantásien kommen, und es gibt Menschen, bleiben für immer dort.
am glücklichsten sind die dorthin reisen und zurückkehren.«

die kommen, Menschen, die dort. Aber sind die, und wieder

Im Frühsommer dieses Jahres gehen eine paar Theatergeschichten zu Ende. Eine zehnjährige Intendanz endet, viele Schauspieler:innen werden das D’haus verlassen, viele Inszenierungen werden zum letzten Mal gespielt werden. Um den Abschied groß zu feiern, wollen wir vor dem Sommer beim inzwischen traditionellen Open-Air vor dem Schauspielhaus als Abschiedsgeschenk an unser Publikum eine Geschichte erzählen, die eben nicht zu Ende geht – sondern davon handelt, dass jeder Schluss ein Beginn ist und die Welt nur existieren kann, wenn sie ständig neu erfunden wird.

Im Mittelpunkt steht ein Kind, das sich verloren fühlt – und dann ein Buch aufschlägt, das mehr ist als bedrucktes Papier. Mit jeder Seite öffnet sich eine Welt voller wundersamer Wesen, großer Gefahren – und einer überbordenden Geschichte. Sie handelt von einer Welt, die zerfällt, weil ihr die Fantasie abhandenkommt – und die nur gerettet werden kann, wenn jemand den Mut findet, sich selbst einzubringen.

Unsere Inszenierung lädt ab Mai die gesamte Stadt ein zu einer Reise zwischen Realität und Vorstellungskraft, zwischen Abschied und Aufbruch. Sie erzählt von Freundschaft und Verantwortung, von der Kraft des Erzählens und davon, dass Geschichten uns verändern können. Mit Musik, Humor und starken Bildern entsteht ein Theaterabend, im Großen Haus und auf dem Platz vor dem Theater.

Lassen Sie sich mitnehmen auf eine Reise hinein in Michael Endes Klassiker, in dem uns junge Heldinnen und Helden, Glücksdrachen, Gnome, Zauberinnen und Felsenbeißer daran erinnern, dass nichts wirklich verschwindet, solange jemand bereit ist, die nächste Seite aufzuschlagen!

Die unendliche Geschichte — von Michael Ende — D’haus Open Air 2026 — Mit: Caroline Cousin, Jonas Friedrich Leonhardi, Florian Lange, Jonas Hanke, NatalieHanslik, Claudia Hübbecker, Moritz Klaus, Belendjwa Peter, Rainer Philippi, Maurice Schnieper, Anastasia Schöpa, Fnot Taddese, Sebastian Tessenow, Felix Werner-Tutschku, Alexander Wanat, Friederike Wagner, Vincent Wiemer, Thomas Wittmann — Live: Musik: Matthias Herrmann, Keith O’Brien — Regie: Roger Vontobel — Bühne: Ansgar Prüwer — Kostüm: Martina Lebert — Dramaturgie: Robert Koall

D’haus

Open Air26

Der Regisseur Roger Vontobel inszeniert Michael Endes Klassiker als Theaterreise für alle! Die Inszenierung hat zwei Teile – sie beginnt im Großen Haus und wechselt nach der Pause auf den Platz vor dem Schauspielhaus. Folgende Termine sind bereits im Vorverkauf:

Premiere am 22. Mai 2026 — Voraufführungen: 20. und 21.5. — weitere Vorstellungen: 25., 29., 30., und 31.5., 3., 4., 5., 6., 10., 11., 22. und 28.6., 1. und 5.7. — Schulvorstellungen in Vorbereitung — Verdolmetschung in Deutsche Gebärdensprache an ausgewählten Terminen — weitere Infos unter: www.dhaus.de — Schauspielhaus, Großes Haus und vor dem Schauspielhaus

Der Geizige — Komödie von Molière — Regie: Bernadette Sonnenbichler — Schauspielhaus, Großes Haus — zum letzten Mal am 6.2.

Jeder stirbt für sich allein — nach dem Roman von Hans Fallada — Regie: Nora Schlocker — Schauspielhaus, Großes Haus — zum letzten Mal am 20.3.

Die Gischt der Tage — von Boris Vian — Regie: Felix Krakau — Schauspielhaus, Kleines Haus — zum letzten Mal am 19.3.

Faust 1+2+3 — von Johann Wolfgang von Goethe und Felix Krakau — Regie: Felix Krakau — Central 1 — Junges Schauspiel — zum letzten Mal am 22.2.

Tageskasse im Pavillon vor dem Schauspielhaus: Mo bis Fr 10:00 bis 18:00 und Sa 13:00 bis 18:00 Online-Vorverkauf in unserem Webshop unter www.dhaus.de oder per E-Mail unter karten@dhaus.de — Telefonischer Vorverkauf: 0211. 36 99 11 Mo bis Fr 12:00 bis 17:00, Sa 14:00 bis 18:00 — Abonnementbüro im Pavillon vor dem Schauspielhaus: Mo bis Fr 10:00 bis 17:00, Telefon: 0211. 36 38 38 Die Abendkassen öffnen in den Spielstätten eine Stunde vor Vorstellungsbeginn. — Für Veranstaltungen des Jungen Schauspiels im Central, für Gruppenbestellungen und Schulklassen telefonischer Vorverkauf: 0211. 85 23 710, Mo bis Fr 8:00 bis 16:00, karten-junges@dhaus.de Schauspielhaus — Gustaf-Gründgens-Platz 1, 40211 Düsseldorf — U-Bahn: U71, U72, U73, U83 (Schadowstraße), U70, U75, U76, U77, U78, U79 (Heinrich-Heine-Allee) — Straßenbahn: 701, 705, 706 (Schadowstraße), 707 (Jacobistraße) — Parkhaus: Die Tiefgarage Kö-Bogen II/Schauspielhaus hat durchgehend geöffnet. Central — Worringer Straße 140, 40210 Düsseldorf — Das Central liegt zwischen Worringer Platz und Hauptbahnhof. Sie erreichen den Hauptbahnhof mit fast allen Düsseldorfer U- und S-Bahn-Linien. — Parkhaus: Rund um den Hauptbahnhof stehen Parkhäuser zur Verfügung, etwa das Parkhaus KAP1 in der Karlstraße 127–135. Impressum — Herausgeber: Düsseldorfer Schauspielhaus — Generalintendant: Wilfried Schulz — Kaufmännischer Geschäftsführer: Andreas Kornacki — Redaktion: Dramaturgie/Kommunikation — Redaktionsschluss: 30.1.2026 — Fotos: Thomas Rabsch (S. 1, 6, 9, 11, 13), Michael Lübke(S.2), Barbara Aumüller S. 4, Sandra Then (S.6, 16), Tullio Pericoli (S.12), Katharina Gschwendtner(15), Melanie Zanin (S.16), David Baltzer (S.16) — Layout: Meltem Kalaycı

Friederike Wagner, Thomas Wittmann
Hannah Joe Huberty, Leon Schamlott
Fnot
Taddese, Jonas Friedrich Leonhardi, Sophie Stockinger
Friederike Wagner, Claudius Steffens, Cathleen Baumann, Maxim Kirsa-Straubel

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