Kafka von Eske Bockelmann Kafka hat drei Romane geschrieben – und ist doch kein Romancier. Ja, ich möchte behaupten, er ist kein Literat, kein Schriftsteller. Natürlich hat Kafka seinen Namen und ist er jedem ein Begriff, eben weil er geschrieben hat, und dies Schreiben zumal hatte große, einzigartige Bedeutung in seinem Leben. Dennoch, man überlege nur einmal, wer ihm von wirklich sämtlichen Schriftstellern irgendwie passend an die Seite zu stellen wäre. Da gibt es keinen, nicht Proust, nicht Shakespeare, nicht Poe, nicht Dostojewski, weder Büchner noch Beckett. Neben Goethe lässt sich ein Schiller postieren, auch wenn es Nietzsche zu Recht erbost hat, wie man beide in einem Atemzug nennen mag. Neben Kafkas Namen aber hält sich einfach niemand. Und nicht etwa deshalb, weil andere nicht vergleichbar gut geschrieben hätten, denn es gibt genug, ich habe solche Namen genannt, die vermochten, mit einem Wort, unübertrefflich zu schreiben. Nur, bei Kafka geht es nicht um mehr oder weniger gut, um mehr oder weniger vortrefflich, bei ihm hat man von Vollkommenheit zu sprechen: Bei ihm hat man zu sprechen von einer Vollkommenheit, die anderer Natur ist als die Kunst literarischen Schreibens. Kafka selbst hat davon wohl gewusst. Er notiert einmal ganz für sich: Wenn er nur wahllos einen Satz hinschreibe wie „Er schaute aus dem Fenster“, so sei er schon vollkommen (9, 27)1. Und er hat recht, jenseits aller Eitelkeit, zu der Kafka nun wirklich nicht neigte. Nein, gegen einen großen inneren Widerstand, eine solche Gabe an sich selbst zu erkennen, entgeht ihm doch nicht die Vollkommenheit seines Schreibens – und nun: Wenn man wüsste, worin sie besteht!
Die Kunst des Satzes „Er schaute aus dem Fenster“: Es ist ja nicht Vollkommenheit des Satzes, nicht die eines gelungenen, kunstvollen, irgendwie idealen Satzbaus, und schon die wäre nicht gering zu achten, immerhin haben sich Schriftsteller heftig um sie bemüht. Flaubert etwa arbeitete systematisch daran, seine Sätze vollkommen auszutarieren, und wenn er einen ganzen Tag lang an einem einzigen sitzen sollte. Seinem literarischen Zögling Maupassant hat er regelmäßig zur Hausaufgabe gemacht, alles mögliche, hier irgendeinen Gegenstand, dort vielleicht eine alte Frau, einmal einen Duft oder jetzt eine Frucht mit allem, was sie ausmachte, Form, Schwere, Farbe, ihrem Geschmack und ihrer Eigenart, wenn man sie in
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Die Ziffern benennen Band- und Seitenzahl der Ausgabe: Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Nach der Kritischen Ausgabe hg. von Hans-Gerd Koch, Frankfurt/M.: Fischer, 1994. In den Zitaten halte ich mich jedoch nicht an das Prinzip dieser Ausgabe, bei Texten, die erst postum und also aus Kafkas Handschrift ediert sind, um Himmels willen nichts an Orthographie und Zeichensetzung zu verbessern – auch wo es Kafka für eine Drucklegung zweifellos selbst gemacht hätte.