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Leseprobe Transmission

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Basel Dialogues

Transmission. Material und Wissen in Bewegung

BASEL DIALOGUES

Quinn Latimer, Claudia Perren (Hg.) Christoph Merian Verlag

TRANSMISSION. MATERIAL UND WISSEN IN BEWEGUNG

AYLIN YILDIRIM TSCHOEPE IM DIALOG MIT ÌFẸOLÚWA ỌṢÚNKỌYÀ (SKODO) QUANTEN-

PERFORMANCE, KOSMOLOGIEN UND TECHNOLOGIEN

UTE HOLL IM DIALOG MIT QUINN LATIMER (UND ASIA BAZDYRIEVA) DIE INBESITZNAHME VON 45 KÖRPERN: RITUALE DES KINOS UND DER KYBERNETIK

SHURUQ HARB IM DIALOG MIT NADIM CHOUFI WOZU MAGIE, 69 WENN DU TRANSPARENZ HABEN KANNST? ODER: EINE UNSCHÄRFE IN DER ERZÄHLUNG

MATTHIEU VITSE IM DIALOG MIT BÉRÉNICE SERRA EINE SZENE VERSTÄNDLICH 85

MACHEN: GERECHTIGKEIT, INFORMATION UND DAS VERWERTBARE BILD

ALEENA CHIA IM DIALOG MIT VANESSA AMOAH OPOKU

BAKRI BAKHIT IM DIALOG MIT JACQUELINE LOEKITO

ZACH LIEBERMAN IM DIALOG MIT MICHAEL RENNER

DOROTHÉE KING IM DIALOG MIT DIANE DEVER UND ABHAY ADHIKARI

BLAUEN BÖDEN UND OFFENEN FOYERS

DIALOG

11 TRANSMISSION: EINE EINFÜHRUNG

Während einer kürzlich abgehaltenen Diskussionsrunde zu Hannah Arendts Denken und Vermächtnis ging es auch um den Nachhall, den ihre Arbeit im Sprechen und Handeln in unserer von Zensur und einem schleichenden Autoritarismus geprägten Zeit entfaltet. Der Künstler und Kurator Shuddhabrata Sengupta schlug vor, die indische Schrift- und Erzähltradition der ‹Twilight Language›, der Zwielichtsprache, neu zu betrachten. Die Zwielichtsprache ist ein Kommunikationssystem, das von Mehrdeutigkeit und Verschlüsselung geprägt ist und mit alten tantrischen Handbüchern zusammenhängt, die von Lehrenden für ihre Studierenden in Frage-und-Antwort-Form geschrieben wurden. Viele Tantras sind heute nur bruchstückhaft erhalten und oft in Zwielichtsprache oder sāndhyābhāṣā verfasst, wörtlich zu verstehen als ‹Sprechen in der Lücke›. Die Etymologie dieses aus dem Sanskrit stammenden Begriffs ist eindeutig: sāndhi bedeutet Lücke, Grenze oder Verbindung, ābhāṣā bezeichnet Gesprochenes und ist fast identisch mit abhāsā, ‹Erscheinen›.

Bei der Zwielichtsprache als einem Sprechen aus der Lücke handelt es sich auch um ein Sprechen, das sich der Zensur entzieht. Die Zwielichtsprache ist zudem eine Bildungssprache, die aus dem Prozess des Fragens und Beantwortens von Fragen entsteht: Fragen über die Mitwelt und das Wissen, über sämtliche Disziplinen. Diese Sprache, mit all ihren Bedeutungen und Metaphern, hallt auch durch die Seiten des vorliegenden Buches. Auch dieses Buch ist im FrageAntwort-Format aufgebaut, in Dialogen, die von der gesprochenen Sprache in geschriebene Texte überführt wurden. Es ist eine Art Handbuch, das von Lehrenden für ihre Studierenden, aber auch für eine breitere Leserschaft zusammengestellt wurde. Und wie die altindischen Tantras versucht es, über Lücken hinweg zu sprechen, über Grenzen von Disziplinen und Fachgebieten hinweg und über Grenzen jeglicher Art. Dies geschieht in der Hoffnung, dass die Transmission

von Gedanken in einer echten und wahren Sprache –  einer Sprache, die aus Beziehung und Pluralität, aus Gespräch und Erkenntnis entsteht – wie eine Erscheinung blitzartig ins Leben tritt.

Das ist ein Wunsch, den wir aus Kunst und Gestaltung gut kennen: eine echte Botschaft zu übermitteln und sicherzugehen, dass sie empfangen wird. Daher der Titel dieses Buches: ‹Transmission. Material und Wissen in Bewegung›. Als zweiter Band der kritischen Buchreihe ‹Basel Dialogues› der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel FHNW (HGK Basel) macht ‹Transmission› aus seinem Anliegen keinen Hehl: zu senden, zu empfangen, zu sprechen, zu lehren, zu warnen, weiterzugeben, zu verkörpern, zu transformieren, den Raum zwischen Zuständen zu überwinden –  mit unseren Ideen, mit unserer Energie und oft auch mit unseren Wünschen.

So gesehen legt Transmission Beziehungen und verschiedene Pole nahe, zwischen denen etwas fliesst – Informationen, Wissen, Material, Energie, Bilder, Gewalt, Begeisterung, Sorge, Liebe, ein Virus. Etwas wird übertragen: von Körper zu Körper, von System zu System, von Mensch zu Mensch, von Staat zu Subjekt, von Pflanze zu Tier, von Wurzel zu Wurzel, von einem zum anderen. Die epistemologische Bedeutung des Wortes ‹Transmission› und sein Gebrauch in alltäglichen Zusammenhängen werden in diesem Buch über tägliche Übertragungen miteinander verknüpft.

Transmission umfasst jedoch nicht nur den Inhalt der Kommunikation, sondern auch die Technologien, mit denen eine Botschaft verbreitet wird. Im vorliegenden Buch bilden die Sprache – aufgezeichnet, verschriftlicht und bearbeitet – und die Veröffentlichung diese Technologie. Doch so wie in Wünschen die Möglichkeit ihrer Nichterfüllung angelegt ist, so kann auch die Übertragung scheitern. Nicht jeder Impuls lässt sich umsetzen, nicht alles kommt an; nicht alles wird empfangen. Und trotzdem versuchen wir es

weiter. Dieses Buch ist ein Protokoll solcher Versuche. In den hier publizierten Gesprächen, die alle im Kontext der HGK Basel geführt wurden, reichen die Schichten der Übertragung und die ihnen zugrunde liegenden Wünsche in grosse Tiefen. Tatsächlich drehen sich die Gespräche zwischen Lehrenden der fünf Institute der HGK Basel und ihren Gästen häufig um Erkenntnistheorien und deren Auswirkungen und Wandlungen.

Doch auch wenn Übertragung oft epistemologisch aufgefasst wird, ist sie mehr als das. Sie kann kulturell, biologisch, technisch, philosophisch, religiös, politisch, künstlerisch, sozial oder viral sein. Oft ist sie vieles davon auf einmal. So auch hier, wo sich die leidenschaftliche Transdisziplinarität des Denkens und Lehrens an der Hochschule in einer atemberaubenden Bandbreite an künstlerischen Praktiken, Geschichten und Wünschen zeigt. Die Vielfalt der Stimmen zu Fragen von Kunst und Wissenschaft, Poetik und Politik, Theorie und Praxis leugnet deren Gegensätzlichkeit und offenbart zugleich das Verlangen nach gesellschaftlicher und künstlerischer Transformation, das so häufig die Pädagogik vorantreibt.

Die Dialoge in diesem Buch stammen aus aktuellen öffentlichen Symposien, internen Forschungstreffen, internationalen Festivals und diversen Seminaren an der HGK Basel. Sie präsentieren Lehrende im Austausch mit ihren namhaften Gästen aus den Bereichen Kunst, Design, Film, Medientheorie, Naturwissenschaft, Programmierung und Poesie, die sich ausnahmslos mit fächerübergreifenden Praktiken auseinandersetzen. Thematisiert werden Übertragungstechnologien unter Bedingungen der Überwachung und des Widerstands, Trancetechniken und die Kybernetik des Bewegtbilds, Sprachen sowohl des Realismus als auch der Fantasie, die immateriellen Geschichten des materiellen Wissens, Quantencomputing in Verbindung mit indigenen afrikanischen Kosmologien und schliesslich die Rolle der zeitgenössischen Bildproduktion in Recht und Gesetz.

Die Produktion von Bildern – als Kunst, als Beweis, als Form des Erzählens und der Erkenntnistheorie –  durchzieht den gesamten Band. Filmschaffende wie Pauline Julier, Shuruq Harb oder Tai Shani, Theoretikerinnen und Kuratorinnen aus der Film- und Medienwissenschaft wie Aleena Chia, Ute Holl und Filipa Ramos oder Design- und Kunstschaffende aus dem Bereich digitaler Medien wie Vanessa Amoah Opoku, Zach Lieberman, Ìfẹ olúwa Ọṣúnkọ yà und Matthieu Vitse erforschen die Bildproduktion als potenziell transformative Praxis, während sie gleichzeitig anerkennen, dass Bilder – ihre Plattformen, ihre Algorithmen, ihr Desinformationsgehalt – auch Gewalt und Profit, Überwachung und Tod bewirken können.

Auch das nach Giorgio Agamben als ‹anthropologische Maschine› verstandene Kino findet hier immer wieder Berücksichtigung. Ein Filmemachen, das die Realität nicht nur aufzuzeichnen, sondern sie auch zu erschaffen und umzuwandeln vermag, indem es optisch und akustisch auf die Sinne seines Publikums einwirkt. Ute Holl spricht in diesem Zusammenhang über ihr bedeutendes Buch ‹Kino, Trance & Kybernetik›, in dem sie das Kino als kulturelle Trance- und Transformationstechnik untersucht, als Medium von Wirkung und Besessenheit. Im Mittelpunkt steht dabei das ebenso gespenstische wie wegweisende Werk von Maya Deren: sowohl ihre avantgardistischen surrealistischen Filme wie ‹Meshes of the Afternoon› als auch ihre experimentelle ethnografische Arbeit in Haiti, aus der das Buch und der Film ‹Divine Horsemen. The Living Gods of Haiti› hervorgingen.

Der Begriff ‹Transmission› ist nicht allein den Medienwissenschaften oder dem philosophischen Diskurs vorbehalten. Religiöse und kulturelle Traditionen werden oft von einer Generation auf die nächste übertragen, Krankheiten übertragen sich durch Infektion von einer Person auf die andere, Informationen werden technisch von einem Computer zum nächsten übertragen. Elektrochemische Signale wandern über Synapsen

zu anderen Nervenzellen, das Getriebe eines Autos sorgt für die Kraftübertragung vom Motor auf die Räder. Der Gebrauch des Wortes ‹Übertragung› wirkt in erkenntnistheoretischen Kontexten wie ein Vergrösserungsglas, so auch in diesem Buch dokumentiert mit Belegen aus der Praxis – sowohl alltäglicher als auch virtuoser Natur.

Der ‹Wunsch› nach Transformation deutet unterdessen auf einen Mangel und die Hoffnung auf Behebung dieses Mangels hin. Wünsche sind nicht nur persönlich, nicht nur zwischenmenschlich, nicht nur romantisch und unabhängig von der Gesellschaft. Sie können auch von kollektiven Hoffnungen und Träumen angetrieben werden. Das heisst, von Wünschen für die Gemeinschaft, für eine Erneuerung des Sozialen. Und was ist eine Kunst- und Designhochschule, was ist eine Universität, wenn nicht ein Mikrokosmos der Gesellschaft und oft auch ihres innersten Drangs nach gemeinsamen Bestrebungen, einer Polis und Politik, in der Ideen und Wünsche jeder einzelnen Person offen artikuliert werden dürfen und Raum für ihre Übertragung und Rezeption finden.

All dies sind grundlegende Merkmale der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel, die durch die schweizerische Bundesverfassung gestützt wird, insbesondere durch deren Artikel zur Meinungs- und Informationsfreiheit (Artikel 16), zur Wissenschaftsfreiheit (Artikel 20) und zur Kunstfreiheit (Artikel 21). Was aber ist künstlerische oder sonstige Ausdrucksfreiheit ohne eine Hoffnung, die sie leiten könnte? An zwei Stellen in diesem Buch zitieren Künstlerinnen Textzeilen, die ihnen Hoffnung für ihr Handeln geben – politisch, künstlerisch, spirituell und sozial. Das Gespräch mit dem Titel ‹Ein Leben im Jenseits, während man noch lebt› wurde während des Symposiums ‹The Monster Is Us: Violence, Nonviolence, and the Authoritarian Turn› geführt. Thai Shani spricht darin über ihr Kunstschaffen und ihren politischen Aktivismus und zitiert eine Reihe politischer Positionen,

die sie inspirieren. Darunter die von Mariame Kaba, einer amerikanischen Abolitionistin, Pädagogin, Organisatorin, Kuratorin und Archivarin, die sich für transformative Gerechtigkeit und die Zerschlagung der Gefängnisindustrie einsetzt. Shani führt aus:

Politisch zu sein ist mehr als nur die Art, wie wir uns organisieren. Mariame Kaba sagt, dass Hoffnung zu haben eine Disziplin ist, aber auch bedeutet, ein Leben im Jenseits zu führen, während man noch lebt. Für mich fühlt sich das an wie eine äusserst spirituelle Art, über unsere Zeit hier nachzudenken. Wenn du dich als Mensch für Gleichberechtigung einsetzt, dann mangelt es vielen deiner Taten nicht an Heldentum, aber du musst dich mit dem Gedanken abfinden, dass du von deinen eigenen Bemühungen praktisch nicht profitieren wirst. Du trägst zu etwas bei, das fern am Horizont liegt, und auch wenn du es vielleicht nie erleben wirst, leistest du doch diesen Beitrag.

Und in ‹Mit Bildern Geschichten erzählen› zitiert Pauline Julier den marxistischen Waliser Schriftsteller, Pädagogen und Denker Raymond Williams und beendet das Gespräch mit den Worten:

Auf meinem Schreibtisch liegt gerade ein Zitat, und vielleicht ist es ein Aspekt des Geschichtenerzählens, der mich antreibt. In diesem Zitat von Raymond Williams heisst es: ‹Wirklich radikal zu sein bedeutet, Hoffnung möglich zu machen anstatt Verzweiflung überzeugend.› Mir ist es nicht besonders wichtig, radikal zu sein, aber dass die Kunst und das Geschichtenerzählen definitiv ‹Hoffnung möglich machen, anstatt Verzweiflung überzeugend›, daran liegt mir sehr viel.

Als Herausgeberinnen der kritischen Buchreihe ‹Basel Dialogues› und des vorliegenden zweiten Bandes

ist es für uns nicht weniger wichtig, ‹Hoffnung möglich zu machen anstatt Verzweiflung überzeugend›. Und zu unterstreichen, dass ‹Hoffnung zu haben eine Disziplin ist› und dabei ebenso real und anspruchsvoll wie jede wissenschaftliche oder künstlerische Disziplin. ‹Transmission› ist die kollektive Mitteilung dieser Hoffnung. Die Beteiligten aus den Bereichen bildende Kunst, visuelle Kommunikation, Film, Mode, Prozessgestaltung, Medienwissenschaften, Physik, Performance, Poetik, Coding und Aktivismus sprechen jeweils eine Sprache des Zwielichts oder der Morgendämmerung, die klar in ihren Zielen und ihrem Verlangen nach einer Welt ist, in der Kunst und Soziales im Mittelpunkt stehen, in der Sprache als politischer Akt verstanden wird und in der die Übertragung von Design und Wissen zugunsten einer Pluralität der Gesellschaft im Sinne Hannah Arendts Vorrang hat. Arendt schrieb in ‹Vita activa›: ‹Das Faktum menschlicher Pluralität, die grundsätzliche Bedingung des Handelns wie des Sprechens, manifestiert sich auf zweierlei Art, als Gleichheit und als Verschiedenheit.›

Nach Arendts Definition von Pluralität sind wir alle gleich, was nahelegt, dass wir einander verstehen können, wenn wir es versuchen. Verschieden zu sein hingegen heisst, dass dieser Versuch, sich verständlich zu machen, ein ständiges Aushandeln ist, der wortwörtliche ‹Wunsch nach Transmission›. Indem wir verschieden sprechen und handeln, versuchen wir zu verstehen, nehmen wir unsere Freiheit wahr, praktizieren wir Gleichheit. Für Arendt ist es das gemeinsame Handeln und Sprechen im öffentlichen Raum, das eine neue Welt entstehen lässt – eine Welt, die von beharrlicher Hoffnung geprägt ist, nicht von stummer Verzweiflung. Dieser Idee widmen wir das vorliegende Buch.

Als eine von zehn Hochschulen der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) steht die Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel im Zeichen dieser Pluralität und der mit ihr verknüpften Bildungspolitik. Während ihr Campus in Basel auf der Grenze zwischen

den Kantonen Basel-Landschaft und Basel-Stadt angesiedelt ist, wird die Hochschule von zwei weiteren Kantonen mitgetragen: Solothurn und Aargau. Darüber hinaus liegt die HGK Basel nicht nur im sogenannten Dreiländereck zwischen Frankreich, Deutschland und der Schweiz, sondern auch in unmittelbarer Nähe vom HEK (Haus der Elektronischen Künste), dem Kunsthaus Baselland, dem Studio iart, Radio X, dem Atelier Mondial, den Couture Ateliers, dem Herzog & DeMeuron Kabinett-Archiv, dem Offcut Materialmarkt und vielen anderen kreativen Initiativen.

Die HGK Basel ist regional und international vielfältig vernetzt. Sie hat fünf Institute, deren Aufgabe es ist, Bachelor-, Master- und PhD-Programme sowie Weiterbildung und Forschung anzubieten: das Institute Art Gender Nature (IAGN), das Institute Arts and Design Education (IADE), das Institute Digital Communication Environments (IDCE), das Institute Contemporary Design Practices (ICDP) und das Institute Experimental Design and Media Cultures (IXDM). Alle fünf Institute haben zu diesem Buch beigetragen – es sind ihre Stimmen, die hier zu lesen und zu hören sind.

Jedes Jahr präsentieren diese Institute die Abschlussarbeiten ihrer Studierenden auf unterschiedliche Weise. 2025 fand die Diplomausstellung ‹Revolt Against the Sun!› des IAGN im Kunsthaus Baselland statt, einem langjährigen Kooperationspartner und Campusnachbarn. Dort zeigte der Masterstudent Ilja Zaharov eine vierstündige Videoarbeit aus abwechselnd ernsthaft oder spielerisch geführten Gesprächen mit anderen Kunstschaffenden. Das Video besteht aus einer Langzeit-Aussenaufnahme des Kunsthauses Baselland vom frühen Abend über die allmählich hereinbrechende Nacht bis zum Schwarzbild, aus dem heraus mit dem Sonnenaufgang das Gebäude langsam wieder sichtbar wird. Vor diesem Bild, das vor allem, aber nicht nur an die Ästhetik der Überwachung erinnert, erscheinen Untertitel der Gespräche und mit ihnen eine Art Zwielichtsprache:

Wir lesen – das heisst, wir empfangen – Transmissionen der leidenschaftlichsten Hoffnungen, Zweifel, Klagen und Ideen, die sie über ihre Arbeit und die Welt zum Ausdruck bringen. Wir lesen, was sie über Konzepte und Bedingungen, Formen und Materialien der künstlerischen Praxis denken. Zaharov lässt ein reflexiv-konzeptuelles Werk entstehen – ein Werk, das sehr berührt und bewegt.

Dieses Video ist ein Gesprächsstück par excellence. Die Form der Übertragung und ihr Inhalt sind nahezu nahtlos miteinander verbunden. Zaharovs konzeptuell angelegtes Kunstschaffen manifestiert sich in einem Werk, in dem die Gespräche darüber, was dieses Werk sein könnte, wie es sich entwickeln und in Erscheinung treten könnte, das Werk selbst sind. Das Kunstwerk entsteht, wie Zaharov demonstriert, nicht allein. Es offenbart sich auch nicht in der Stille – sondern im Sprechen und Denken, im Reflektieren und Zuhören, gemeinsam. Es ist ein physischer, relationaler Akt, der durch anwesende Körper und die Luft, die sich zwischen ihnen bewegt, ermöglicht wird. So stellt Zaharov im Video fest:

Gespräche sind mehr Bauch als Mund. Wie im Bauch eines Wiederkäuers bewegen sie sich von Magen zu Magen. Sprache, oder Schrift, muss von einer am Gespräch beteiligten Person zur anderen übergehen, durch Kammern und Pausen. Die stille Lücke ermöglicht das Hören. In diesen Pausen entstehen Reibung und Widerstand – dort, wo eine (Bauch-)Passage endet und eine andere beginnt, wo eine deutlich vernehmbare Stimme verschluckt und überarbeitet wird, wo die Singularität aufweicht. Das Gespräch entwickelt sich nicht trotz Zusammenhanglosigkeit, Distanz oder Verzögerung weiter, sondern gerade ihretwegen. Diese Unterbrechungen, diese Phasen der Nichtangleichung lassen die Sprache atmen. Und Sprache ist schliesslich nichts anderes als strömende Luft.

Wir möchten allen Mitwirkenden aus unseren Instituten und ihren ebenso brillanten wie freigiebigen Gästen aufrichtig danken – für ihre Wünsche und ihre Übertragungen, für ihre Sprachen und ihr Zuhören. Unser Dank gilt all jenen, die mit ihrer Arbeit und ihren

Gedanken diesen zweiten Band unserer Buchreihe möglich gemacht haben, insbesondere Iris Becher, Oliver Bolanz, Marietta Eugster, Orit Gat, Simone Marie, Kurt Rehkopf und Kirsten Thietz. Gemeinsam mit ihnen wünschen wir viel Freude beim Lesen. Wir hoffen, die Transmission kommt an.

177 BILDTEIL

«ES HAT ETWAS ÜBERAUS ANZIEHENDES, WIE PERFORMANCE MIT DEM

VIELSCHICHTIGEN BESTREBEN UMGEHT, DIE GRENZEN ZWISCHEN KÖRPERN UND DEN VON IHNEN EINGENOMMENEN RÄUMEN ZU ERKUNDEN UND SIE AUFZULÖSEN.»

— Aylin Yildirim Tschoepe

«DIESE IDEE FINDEN WIR IN DER QUANTENWELT, DOCH SIE REICHT ÜBER DIE METAPHYSIK

DER QUANTENMECHANIK UND DIE GESCHICHTE DES FACHGEBIETS HINAUS. DIE VORSTELLUNG, DASS SICH EIN EINZELNES DING ZUR

GLEICHEN ZEIT IN MEHREREN WIDERSPRÜCHLICHEN

ZUSTÄNDEN BEFINDEN KANN, LEHRT EPISTEMISCHE DEMUT.»

«Ich interessiere mich sehr für die Definition des Wortes ‹Exponierung›, da es sich über Disziplinen und Bedeutungen hinwegbewegt – filmisch, sozial, politisch. Da ist natürlich die Beleuchtung im Film, aber auch das Ausgesetztsein eines Körpers, der verletzlich, sichtbar und durchlässig wird, wenn man ihn exponiert.»

— Quinn Latimer

«Aus der Logik der Transmission innerhalb des Körpers entwickelten sich die Kontrollmechanismen der Medien im 20. Jahrhundert. Heute ist es viel intensiver, als Kittler es sich je hätte träumen lassen. Mit Touchpads wurde unsere Haut zu einer Schnittstelle. Wir müssen einen Körper erfinden, der sich dagegen wehrt, in die globale und totale Vorstellung von Kontrolle aufgesogen zu werden.»

— Ute Holl

«DAS IST TECHNOLOGIE

FÜR MICH: SIE VERSCHAFFT

DIR EIN TRAUMÄHNLICHES

ERLEBNIS, ABER DANN

ERINNERT SIE DICH DARAN,

DASS ES EIN TRAUM

IST, AUCH WENN SIE IHN

DIR NOCH EINE WEILE

LANG GÖNNT.»

— Shuruq Harb

«TRANSPARENZ UND KLARHEIT KÖNNEN SEHR UNTERSCHIEDLICHE BEDEUTUNGEN HABEN, INSBESONDERE IM DOKUMENTARFILM. JEDER, DER MIT DER DOKUMENTARFILMPRODUKTION VERTRAUT IST, KENNT DEN GROSSEN DRUCK – VON FILMFESTIVALS BIS HIN ZU DEN WÜNSCHEN DER PRODUZENTEN, EINE EXTREM KLARE UND VEREINFACHTE BOTSCHAFT ZU ÜBERMITTELN.»

— Nadim Choufi

«Man könnte denken, dass wir mit persönlichen Aussagen vorsichtig sein sollten, weil sie nicht objektiv sind, und dass ein Bild dagegen objektiv ist. Doch auch Bilder sind nicht ohne Bias – sie sollten nicht als die Wahrheit oder als perfekte Wiedergabe der Realität angesehen werden.»

— Matthieu Vitse

«Die Zahl der digitalen Spuren hat in den letzten zehn Jahren dramatisch zugenommen, und auch die Quellen haben sich vervielfacht und diversifiziert. Das Grundkonzept besteht darin, dass jeder von uns online und offline verwertbare Informationen produziert.»

«AUF MEINEM SCHREIBTISCH

LIEGT GERADE EIN ZITAT

VON RAYMOND WILLIAMS:

‹WIRKLICH RADIKAL ZU

SEIN BEDEUTET, HOFFNUNG

MÖGLICH ZU MACHEN

ANSTATT VERZWEIFLUNG

ÜBERZEUGEND.› MIR IST ES

NICHT WICHTIG, RADIKAL

ZU SEIN, ABER DASS

DIE KUNST ‹HOFFNUNG

MÖGLICH MACHT ANSTATT VERZWEIFLUNG ÜBERZEUGEND ›, DARAN LIEGT MIR SEHR VIEL.»

«ES BESTEHT DIE NOTWENDIGKEIT, AUF DIE GEGENWART UND DIE WELT EINZUWIRKEN,

ABER DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN SIND IM MOMENT NICHT IN DER LAGE DAZU. WIR DISKUTIEREN OFT ÜBER

DIE KRISE DER GEISTESWISSENSCHAFTEN, WÄHREND DIESE GLEICHZEITIG ÜBERALL

IM WESTEN RADIKAL ABGEBAUT UND DURCH BILDUNGSMODELLE ERSETZT WERDEN,

DIE AUF TECHNOLOGIE UND INNOVATION SETZEN.»

— Filipa Ramos

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