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Leseprobe Heidi Abel - Ansage und Engagement

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Heidi Abel Ansage und Engagement

Fotografien von Eric Bachmann Herausgegeben von Mirjam Fischer und Dominik Bachmann Christoph Merian Verlag


Heidi Abel Ansage und Engagement

Fotografien von Eric Bachmann Herausgegeben von Mirjam Fischer und Dominik Bachmann Christoph Merian Verlag


‹First Lady› des Schweizer Fernsehens 7 Mirjam Fischer und Dominik Bachmann Vor der Kamera 17 Rendez-vous um halb sechs 19 Freitagsmagazin 25 Musik! Musik! Musik! 29 Basler Fasnacht 31 Treffpunkt: Studio Bellerive 37 Ein Platz für Tiere 45 Sags mit Musik 47 San Remo grüsst Zürich 51 Zoologisches und -unlogisches 55 Test 61 Was man weiss und doch nicht kennt 65 Heidi Abel sucht Plätze für Tiere 69 25-Jahr-Jubiläum Schweizer Fernsehen 75 Musik & Gäste 77 Karambuli 103 Telefilm 109 Hinter der Kamera 115 Moderationen von Anlässen 159 Zehntausend Betten 161 Polyball 165 Modenschau mit Karikaturisten 171 Tuntenball 177 Lützelsee 185 Einladung an den Lützelsee 187 Zu Hause am Lützelsee 191 Vorbereitung für <Telefilm> 195 Vielstimmiges Porträt 201 Schlagrahm, darauf eine Kirsche 203 Ina Boesch 4


211 Präsenz ohne Provokation Sarah Lau 217 Im Spiegel der Pressefotografie Laura Aellig 223 Beherzt für den Tierschutz Martina Späni 229 Ein Bild von einer Frau Ann Mbuti 233 Heidi ist überall – eine Recherche im Ringier Bildarchiv Lukas Frey 241 «Bei den Kindern kann ich mich wirklich echt geben» Katharina Kofler 247 «Mit Fotos war sie sehr kritisch» Felice Zenoni 253 Einzigartiges Naturtalent Jean-Claude Galli 259 Drei Freundinnen 261 Lisa Palm: Aktivistin und Jugendfreundin 263 Doris Werner: Die Regisseurin, die bis zuletzt blieb 267 Anna Voegtli: Die karierten Zettel 271 Printmedien und Dokumente 275 Presse 315 Inserate 319 Zusammenarbeit mit dem Fernsehen 325 Persönliche Korrespondenz 338 Tätigkeiten für Fernsehen und Radio 345 Moderationen von Anlässen 346 Autor:innen 5


Abb. 1: 1987 erschien dieses Bild in der ‹Schweizer Illustrierten›, versehen mit einer Bildlegende des damaligen Chefredaktors René Bortolani. Foto: Eric Bachmann, Nachlass Eric Bachmann.

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‹First Lady› des Schweizer Fernsehens Mirjam Fischer und Dominik Bachmann

Heidi Abel (1929 in Basel – 1986 in Zürich), ProgrammAnsagerin, Reporterin und Moderatorin, wird im Laufe ihrer gut dreissigjährigen Karriere zum Aushängeschild und zur ‹First Lady› des Schweizer Fernsehens – und erlangt Starstatus. Im Januar 1954 kommt sie mit 25 Jahren als eine der ersten Ansagerinnen zum Schweizer Fernsehen, das ein halbes Jahr zuvor erstmals auf Sendung gegangen ist. Im Unternehmensarchiv des SRF findet sich eine frühe Spur ihres Einsatzes: Im 1954 erstellten Sendejahresplan ist sie am 16. November 1955 mit dem Eintrag «Abel Kindersendung» erwähnt.S. 320 oben Bereits im Februar 1954 hatte sie vom damaligen Direktor Edouard Haas das Angebot für eine «Dauerstelle» als Ansagerin beim Schweizer Fernsehen erhalten.1 Am 1. August wird ihr Eintritt mit einem Jahresgehalt von 8 100 Franken verzeichnet.S. 320 unten In der Frühzeit des Schweizer Fernsehens wird noch alles live gesendet. Versprecher und kleine Pannen gehören dazu – eine Aufzeichnung gibt es nicht. Für die Ansagerinnen bedeutet das eine besondere Herausforderung. Zu Abels Kolleginnen in den 1950erJahren zählen unter anderem Rosmarie Burri, Regine Wenk, Eva Mezger-Haefeli und Cordelia Guggenheim,

ab 1960 auch Flavia Schnyder. Bald ist Heidi Abel die dienstälteste und beliebteste Sprecherin. Bis 1966 arbeitet sie als Ansagerin, danach tritt sie vorwiegend als Präsentatorin vor die Kamera. Für viele Zuschauer:innen verkörpern Abel und ihre Kolleg:innen zunächst die Institution Fernsehen. Doch zunehmend wird Heidi Abel auch als eigenständige Persönlichkeit populär. Wie Heiner Gautschy, Erich Gysling, Kurt Felix, Mäni Weber oder Beni Thurnheer gehört sie bald zu den prägenden Bildschirmberühmtheiten ihrer Zeit. Im Laufe ihrer Karriere moderiert sie Kinderund Jugendsendungen wie ‹Die Welt ist rund› und ‹Was man weiss und doch nicht kennt› sowie zahlreiche Nachrichten-, Diskussions- und Unterhaltungssendungen. Dazu gehören ‹Heute Abend in …› oder das politische Quiz ‹Test› mit Heiner Gautschy. Zu ihren erfolgreichsten Unterhaltungssendungen zählt ‹Musik & Gäste›, die zwischen 1976 und 1984 in über siebzig Ausgaben ausgestrahlt wird. Mit der Ende der 1970er-Jahre für ‹Karussell› entwickelten Rubrik ‹Heidi Abel sucht Plätze für Tiere› landet sie ebenfalls einen durchschlagenden Erfolg. Schliesslich lanciert sie mit ‹Karambuli› eine eigene Unterhaltungssendung. Für Abel ist sie Herausforderung 7


und Höhepunkt ihrer Karriere zugleich: Erstmals kann sie darin eigene Ideen verwirklichen. Auch im Radio ist sie präsent, als Gastgeberin der Talkshow ‹Persönlich› sowie als Moderatorin von ‹Musik für einen Gast› und ‹Wunschkonzert›. Unterhaltungssendungen, die live ausgestrahlt werden, sind ganz nach Heidi Abels Geschmack: Sie «haben noch den Hauch des Abenteuers. In Live-Sendungen stecken noch Überraschungen drin».2 Unvorhergesehene Situationen meistert sie mit Gewandtheit und Präsenz: «Ich versuche einfach, immer natürlich zu bleiben».3 Diskussionssendungen sind ihr besonders wichtig, bieten sie doch die Möglichkeit, Themen wie Vergewaltigung, Scheidung, Krankheit, Abhängigkeit oder das Altern zur Sprache zu bringen. Für ihre herausragende Gesprächsführung in der Sendung ‹Telefilm› wird sie 1983 mit dem Tele-Preis ausgezeichnet. Mit Kompetenz und Spontanität, Direktheit und Charme sowie einem grossen Herz für Mensch und Tier erobert sie das rasch wachsende Publikum. Ihr eigenwilliger, unverwechselbarer Moderationsstil wird Kult. Trotz grosser Popularität und unbestrittener Professionalität, wird die «First Lady helvetischer Bildschirme», wie auch die Presse mehrfach festhält, bis in die 1970er-Jahre «am Fernsehen kaum ihren Talenten eingesetzt»; «ihre Begabungen wurden nie voll ausgeschöpft».4 Beim Fernsehen bleibt ihre Position lange erstaunlich unsicher. Eine gesicherte Festanstellung erhält sie erst spät; eine klassische Karriere mit Beförderungen bleibt ihr verwehrt. Rückblickend stellt Abel ernüchtert fest, dass sie gerne Teil eines Teams gewesen wäre, in dem sie sich kreativ und spielerisch hätte einbringen können. Ihre Anstellungsform – stets aufs Neue zu verlängernde Jahresverträge, die auch gekündigt werden konnten – lässt dies jedoch kaum zu. Zudem gehört sie keiner festen Abteilung an.5 Am 15. Oktober 1986 tritt Heidi Abel mit der Moderation der Sendung ‹Telefilm› zum letzten Mal vor die Fernsehkameras. Neben ihrem Engagement für Tiere setzt sich Heidi Abel auch für den Umweltschutz ein. Ende der 1960er-Jahre zieht sie sich nach Hombrechtikon an den Lützelsee zurück, wo sie auf kleinstem Raum einen biodynamischen Garten pflegt. Im Frühling hilft sie nachts bei der Amphibienwanderung, trägt Frösche und Molche über die Strasse und schützt sie so auf ihrem Weg zu den Laichplätzen. Bis heute wird diese Aufgabe vom Ornithologischen Verein Hombrechtikon mit zahlreichen Freiwilligen weitergeführt. 1977 erhält Abel den MUT-Preis für besondere Verdienste um den Menschen-, Umwelt- und Tierschutz. In einem Interview mit Roger Schawinski von 1984 beschreibt sie ihr Umweltbewusstsein: Wasser sparen, Aludeckel wiederverwenden, kaum Fleisch essen und wann immer möglich auf das Auto verzichten.6 Umweltschutz müsse bei jedem Einzelnen und im Kleinen beginnen, findet sie – eigentlich sollte er sogar Schulfach sein. Nach ihrem Tod wird durch ein Legat der ‹Heidi-Abel-Fonds› eingerichtet, der sich ökologischen Anliegen widmet.7 8

Berufskolleg:innen erinnern sich an Heidi Abel als ausgesprochen originelle Frau. Sie ist modebewusst und erreicht mit ihren Looks eine «unerreichte Noblesse», wie der Zürcher PR-Profi Heier Lämmler festhält.8 Ihre Pressebilder werden mit zum Coiffeur genommen, um sich eine ‹Abel-Frisur› schneiden zu lassen. Zu ihren Markenzeichen gehört der runde Weidenkorb, den sie stets bei sich trägt: gefüllt mit Spickzetteln, aber auch mit Gürteln, Foulards, Accessoires und vielem mehr.9 Bis zum Ende ihrer Karriere behält sie ihren typischen Basler Dialekt bei – obwohl sie mehr als zwanzig Jahre im Kanton Zürich lebt. Sie stellt hohe professionelle Ansprüche an sich selbst; ihre Auftritte wirken perfekt. Zugleich ist sie offenbar immer wieder von Unsicherheiten und Selbstzweifeln geprägt. Ihre Leistungen als öffentliche Person sind anerkannt, doch der enorme Bekanntheitsgrad wird zunehmend zur Belastung. 1968 überschreitet die Zahl der Fernsehkonzessionäre in der Schweiz die Millionengrenze. Mit zunehmender Reichweite steigt auch die Vereinnahmung ihrer bekanntesten Gesichter: «Das Publikum frisst mich regelrecht auf», klagt Heidi Abel.10 Geradezu Völkerwanderungen führen zu ihrem Wohnort am Lützelsee. Noch heute wird Dominik Bachmann, Neffe von Eric Bachmann, der in einem Nachbarhaus von Heidi Abel aufgewachsen ist, bei Besuchen in seinem Elternhaus gefragt, wo die einstige Fernsehpersönlichkeit gewohnt habe. Abels Bestreben, stets für ihr Publikum da zu sein, verhindert ein normales Privatleben und zeigt bereits damals die Kehrseite des vermeintlichen Traumberufs. Dass sie schwer krank ist, kann die populärste Fernsehfrau der Schweiz dagegen geheim halten. Trotz ihrer Krebserkrankung arbeitet sie, wann immer es ihr möglich ist, weiter. 1986 stirbt Heidi Abel mit 57 Jahren – für die Öffentlichkeit völlig unerwartet. Am 23. Dezember, ihrem Todestag, verstummt der Sender mit schwarzem Bildschirm für eine Minute als Zeichen kollektiver Trauer – bis heute ein einmaliger Vorgang in der Geschichte des Schweizer Fernsehens. Im Jahr 2000 wählt die TV-Zeitschrift ‹Tele› sie zur ‹Fernsehfrau des Jahrhunderts›. Eric Bachmann – der Hausfotograf Wohl kaum eine andere Schweizer Persönlichkeit wurde fotografisch so intensiv festgehalten wie Heidi Abel. Wesentlichen Anteil daran hatte Eric Bachmann (1940–2019), der sie über Jahrzehnte hinweg mit der Kamera begleitete. Nach seiner Fotografenlehre im Fotostudio Meiner arbeitet Bachmann von 1959 bis 1962 zunächst als fest angestellter Fotograf beim Schweizer Fernsehen. Dort kümmert er sich um «sämtliche vorkommenden Fotoarbeiten» sowie um «Fotoaufnahmen im Studio und auf dem Reporterwagen» und übernimmt «ausserdem die selbständige Gestaltung des Bildmaterials für unsere Pressestelle», wie sein Arbeitszeugnis vom 30. April 1962 belegt.S. 251 Anschliessend arbeitet Bachmann bis


zu seinem Lebensende als freier Fotograf und ist unter anderem weiterhin für das Schweizer Fernsehen tätig. Eine der ersten Aufnahmen Heidi Abels als Fernsehansagerin entsteht bereits 1954 im Studio Bellerive, die letzte 1986, in ihrem Todesjahr. Der damalige Chefredaktor der ‹Schweizer Illustrierte›, René Bortolani, bezeichnet Bachmann 1987 rückblickend denn auch treffend als «so etwas wie ihr Hoffotograf».Abb. 1 Bemerkenswert ist, dass Bachmann die Aufnahme von 1954 im Alter von nur 14 Jahren gemacht hat. Das Mittelformat-Negativ befindet sich in seinem Archiv.Abb. 2 Felice Zenoni erklärt diese frühe Begegnung mit der informellen und nahbaren Atmosphäre beim damals noch jungen Medium Fernsehen: Eine Begegnung mit Heidi Abel sei durchaus möglich gewesen. Bachmann besass zu diesem Zeitpunkt bereits eine Fachkamera. Auch wenn seine kontinuierliche Zusammenarbeit mit Abel erst gegen Ende der 1950er-Jahre beginnt, belegt die Aufnahme, dass sich ihre Wege schon früher gekreuzt haben.

Abb. 2: Eric Bachmann als 14-Jähriger, um 1954. Foto: unbekannt, Nachlass Eric Bachmann.

Mehr als dreissig Jahre begleitet Eric Bachmann Heidi Abel bei ihrer Arbeit für das Schweizer Fernsehen und bei öffentlichen Auftritten. In dieser Zeit entstehen Dokumentationen, Porträts, Schnappschüsse und private Aufnahmen. In Bachmanns Archiv sind über 1 300 Bilder mit ‹Heidi Abel› verschlagwortet. Darunter befinden sich nicht nur Aufnahmen von ihr selbst, sondern auch Fotografien, die im Zusammenhang mit ihren Sendungen entstanden sind. Im Ringier Bildarchiv kommen rund 800 weitere Aufnahmen hinzu, darunter einige wenige Abzüge und Diapositive von Eric Bachmann. Zu den dort vertretenen Fotograf:innen gehören unter anderem Werner Pfändler, Felix Aeberli, Reto Hügin und Bruno Torricelli; einzelne ihrer Aufnahmen sind in den Autorenbeiträgen dieser Publikation abgedruckt.11 Darüber hinaus finden sich

zahlreiche Bilder Heidi Abels von Fotograf:innen des Schweizer Fernsehens, darunter Heini Stucki, Marianne Wolleb und Regula Zimmermann. Das Konvolut zu Heidi Abel nimmt in Bachmanns Archiv einen besonderen Stellenwert ein. Von den über 2 000 darin verzeichneten Personen erreichen nur wenige Fernsehpersönlichkeiten wie Paola Felix, Kurt Felix oder Dietmar Schönherr ein vergleichbares Volumen. Von den mehr als 250 Fernsehsendungen, die Bachmann dokumentiert hat, sind allein sechzehn mit Heidi Abel verbunden. Eine von Dominik Bachmann – seit Erics Tod Verwalter von dessen Nachlass – eigens für diese Publikation zusammengestellte Liste der ‹Tätigkeiten für Fernsehen und Radio› vermittelt einen eindrücklichen Überblick über Heidi Abels Sendungen und Moderationen.S. 338–345 Sie zeigt, in welchen Formaten und mit welcher Häufigkeit Abel zum Einsatz kam, und verzeichnet über 300 Sendegefässe und mehr als 700 Arbeitseinsätze. Mehr als 430 Bilder werden in diesem Buch gezeigt; über zwei Drittel davon wurden bisher nie veröffentlicht. Dominik Bachmann macht damit einen bedeutenden Teil von Eric Bachmanns fotografischem Schaffen erstmals einem breiteren Publikum zugänglich. Um Bachmanns fotografische Arbeit sichtbar zu machen, zeigt das Buch nicht nur ikonische Einzelbilder, sondern auch Materialien aus dem Arbeitsprozess: Blattkopien, Bildserien und mehrere Aufnahmen derselben Szene oder desselben Schauplatzes. In diesen Sequenzen lässt sich nachvollziehen, wie sich Situationen, Gesten und Blicke verändern; sie verleihen den Aufnahmen Lebendigkeit und Authentizität. Presseausschnitte aus dem Archiv dokumentieren wiederum nicht nur die Verwendung von Bachmanns Fotografien, sondern auch Heidi Abels Popularität als Moderatorin und Stilikone. Zusammen mit weiteren Dokumenten bildet dieser Fundus die Grundlage für eine Werkbiografie in Bildern. Bekannte Aufnahmen stehen neben zahlreichen bisher unveröffentlichten Fotografien und eröffnen so einen neuen, unmittelbaren Blick auf Heidi Abels Welt. Eine visuelle Werkbiografie Der Bildteil der Publikation umfasst ausschliesslich Aufnahmen von Eric Bachmann. Den Schwerpunkt bildet Heidi Abels Fernseharbeit in sechzehn Sendungen zwischen 1960 und 1983. Die Fotografien zeigen sie vor der Kamera, bei Proben und während der Sendungen, als aktive Moderatorin und Gastgeberin. Besonders deutlich werden dabei ihre Präsenz, Zugewandtheit und Natürlichkeit im Umgang mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen – aber auch mit Tieren. Das Kapitel ‹Hinter der Kamera› eröffnet Einblicke in die Garderobe, die bisweilen selbst zum Schauplatz der Aufnahmen wird. Wir sehen Heidi Abel beim Schminken, beim Frisieren und Anprobieren von Kleidern, beim Vorbereiten und Besprechen einer Sendung – oft ist auch ihr Weidenkorb im Bild. 9


Es sind dokumentarische Aufnahmen, in denen mitunter auch der lenkende Blick und die Anweisungen des Fotografen Eric Bachmann spürbar werden. Nicht fehlen dürfen die klassischen inszenierten Porträts: Aufnahmen für Werbezwecke, zur Ankündigung von Sendungen in Fernsehzeitschriften oder für Illustrierte. Mit wachsender Popularität schafft es Heidi Abel damit immer wieder auf die Titelseiten. Neben ihrer Tätigkeit beim Fernsehen moderiert Heidi Abel ab Mitte der 1960er-Jahre zunehmend Veranstaltungen ausserhalb des Bildschirms und nutzt ihre Bekanntheit auch für kommerzielle Auftritte. Dazu gehören Mode- und Frisurenschauen, Bälle, Produktpräsentationen, Supermarkt-Eröffnungen, Firmenanlässe und Filmpremieren. Zeitweise absolviert sie bis zu drei Auftritte pro Tag.12 Ein eigenes Bildkapitel zeigt Heidi Abel als Moderatorin solcher öffentlichen Anlässe.

Abb. 3: Heidi Abel mit Korb vor ihrem Wohnhaus am Lützelsee im Winter. Privatarchiv Clara Masciadri (Fotograf:in und Datum unbekannt).

Einblicke in ihr privates Umfeld bilden den Abschluss:Abb. 3 Fotografien einer klassischen Homestory, die 1976 in der Zeitschrift ‹TR7› erscheint, Bilder eines Fests, das Heidi Abel am Lützelsee ausrichtet, sowie Aufnahmen einer Arbeitsbesprechung bei ihr zu Hause. Vielstimmiges Porträt Essays von Autor:innen aus verschiedenen Bereichen beleuchten unterschiedliche Facetten von Heidi Abels Leben und Wirken und machen die Besonderheiten dieser aussergewöhnlichen Frauenbiografie sichtbar. Sie zeichnen nicht nur ihren Weg von der Ansagerin zur engagierten Moderatorin und öffentlichen Figur nach, sondern reflektieren auch kritisch die vorherrschenden Frauenbilder in den ersten drei Jahrzehnten des Schweizer Fernsehens. Heidi Abels Arbeit wird dabei in ihrer ganzen Bandbreite sichtbar: als empathische Gastgeberin, die gerade in Sendungen mit Tieren flexibel auf Unvorher10

gesehenes reagieren muss, und als souveräne Gesprächspartnerin in Unterhaltungs- und Diskussionssendungen – mit Kindern und Jugendlichen ebenso wie mit erwachsenen Persönlichkeiten. Dabei widmet sie sich auch Themen wie Frauenberufen, dem Verhältnis von Mensch und Tier, Umweltbewusstsein und sozialer Ungerechtigkeit. So entsteht das differenzierte Bild einer Frau, die ihre Popularität nutzte, um gesellschaftlich relevante Themen ins Fernsehen zu bringen. In der Öffentlichkeit wurde Heidi Abel geliebt, beim Fernsehen blieb die Anerkennung hingegen begrenzt. Ihre Stellung beim Publikum entsprach in keiner Weise ihrer Position innerhalb des Mediums. Trotz ihrer Talente und Vielseitigkeit blieb ihre berufliche Situation durch wiederholte Jahresverträge lange unsicher; sie wurde kaum gefördert und bekam erst spät eine eigene Sendung. Hatte Heidi Abel aufgrund ihres Geschlechts weniger Chancen als ihre männlichen Kollegen? Dieser Frage und weiteren Aspekten geht die Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin Ina Boesch in einem fiktiven Interview mit Heidi Abel nach. Die Journalistin Sarah Lau untersucht, was Heidi Abels Garderobe über ihre öffentliche Rolle und ihr Selbstverständnis verrät: von einer zurückhaltenden, zeittypischen Eleganz hin zu einem zunehmend eigenständigen und selbstbewussten Stil. Ohne Stylistin, aber mit ausgeprägtem Gespür für Wirkung und Kontext, setzt Abel Mode gezielt ein – als Mittel der Sichtbarkeit und des kreativen Ausdrucks, aber auch als eine Art schützende Uniform, die Unsicherheiten kaschieren kann. Ihre Kleidung wird zum Spiegel der Zeit, ihrer Rolle als Frau in der Öffentlichkeit und ihrer wachsenden Selbstermächtigung. Das eigentümliche dialogische Verhältnis zwischen dem Fotografen Eric Bachmann und der Porträtierten Heidi Abel steht im Zentrum des Beitrags von Laura Aellig, Kuratorin für Fotografie am Stadtmuseum Aarau. Im Wechselspiel zwischen Selbstinszenierung und Inszenierung durch den Fotografen kommt auch uns als Betrachtenden eine wichtige Rolle zu. Obwohl die sozialen Medien die Darstellung von Prominenten grundlegend verändert haben und die einstige Rolle des Fotografen teilweise obsolet geworden ist, bleiben die Fotografien von Heidi Abel aktuell. Anhand ausgewählter Porträts aus dem Nachlass Eric Bachmann und dem Ringier Bildarchiv reflektiert Aellig Abels Rolle als stilprägende Fernsehikone und Influencerin ‹avant la lettre›. Als medial geformte Figur zeigen Heidi Abels Porträts mehr als eine einzelne Person: Sie spiegeln eine Epoche, deren Frauenbilder und die Anfänge einer visuellen Sprache, die bis heute nachwirkt. Ann Mbuti untersucht, wie weibliche Rollenbilder in der Figur Heidi Abel inszeniert, vermittelt und im Laufe der Zeit neu verhandelt wurden. Sie fragt, wie dieses Bild entstand und welches Potenzial es für zeitgenössische Archetypen birgt. Lukas Frey, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Staatsarchiv Aargau, folgt Heidi Abels Spuren im Ringier Bildarchiv und betrachtet das Archiv als kollektives


Gedächtnis. Anhand ausgewählter Fotografien zeigt er, wie die Bilder erhalten, erschlossen und vermittelt werden, wo sie abgelegt sind – etwa im Personenarchiv oder in thematischen Beständen – und was sich aus diesen unterschiedlichen Ordnungen ablesen lässt. Was bedeutet es, als Moderatorin erfolgreich zu sein? Wie sehr hängt dieser Erfolg von Kompromissen, eigenen Entscheidungen und vorgegebenen Strukturen ab? Katharina Kofler, Kuratorin des Pressebildarchivs am Schweizerischen Nationalmuseum, richtet den Blick auf Heidi Abels Engagement im Kinder- und Jugendprogramm. Hier sammelt Abel wichtige Erfahrungen als Moderatorin und entwickelt ihren eigenen Stil. «Wenn Kinder dabei sind, weiss man einfach nicht, was in der nächsten Minute passiert.»13 Wohl und Würde von Tieren zu schützen, hat eine lange Geschichte. Das Fernsehen eröffnet neue Möglichkeiten, dieses Anliegen bis in die heimischen Stuben zu tragen – Heidi Abel nutzt sie. Doch woher kommt ihr Engagement für die Vermittlung von Tieren? Martina Späni, Co-Leiterin der Geschäftsstelle des Büros für Mensch-Tier-Beziehungen, geht dieser Frage nach und zeigt Heidi Abel als erstaunlich zeitgemässe Persönlichkeit, die sich schon früh für Tier- und Umweltschutz einsetzt. Während der Dreharbeiten zu seinem Dokumentarfilm ‹Heidi Abel – Licht und Schatten einer TV-Pionierin›, der 2019 erstmals im SRF ausgestrahlt wurde, interviewt Felice Zenoni auch Eric Bachmann. Dieser spricht über seine Begegnungen mit Heidi Abel, seine Wahrnehmung ihrer Persönlichkeit und ihren Umgang mit Öffentlichkeit und Kamera – und darüber, was für ihn ein perfektes Foto ausmacht. Jean-Claude Galli, Autor der 2025 erschienenen ersten Biografie über Heidi Abel,14 zeichnet für die vorliegende Publikation in kompakter Form nach, woher die zeitweise prominenteste Frau der Schweiz kommt, worin ihre Talente liegen und wie es ihr gelingt, das Publikum für sich zu gewinnen. Abels Aufstieg und Erfolg beleuchtet er im Kontext der Pionierphase des Fernsehens sowie der Gesellschafts- und Kulturgeschichte der Nachkriegsschweiz. Ebenso thematisiert Galli ihren stetigen Kampf in einer von Männern dominierten Berufswelt sowie die Entwicklung von SRF und SRG bis in die Gegenwart. Auch drei enge Freundinnen von Heidi Abel – Lisa Palm, Doris Werner und Anna Voegtli – kommen zu Wort und bereichern ihre persönlichen Rückblicke mit Bildern aus ihren Privatarchiven. 2026 jährt sich Heidi Abels Todestag zum vierzigsten Mal. Aus diesem Anlass konnte, ausgehend von dieser Publikation, auch das Stadtmuseum Aarau für eine Ausstellung über Heidi Abel gewonnen werden, die insbesondere Fotografien aus dem Ringier Bildarchiv zeigt. Die Auseinandersetzung mit den beiden Bildarchiven eröffnet eine vielfältige Bildwelt und lädt zugleich dazu ein, über die Funktionsweise und Wirkungsmacht der Fotografie nachzudenken: Wie haben diese Bilder unsere Wahrnehmung von

Heidi Abel geprägt? Welche visuellen Strategien stehen hinter diesen Inszenierungen? Wie haben die Bilder gesellschaftliche Normen mitgeformt? Ausstellung und Publikation untersuchen die Figur und das öffentliche Wirken von Heidi Abel aus verschiedenen Perspektiven und schaffen ein vielstimmiges Porträt einer aussergewöhnlichen Persönlichkeit. Zugleich eröffnet der Blick auf Heidi Abel eine spezifische Sichtweise auf die ersten drei Jahrzehnte des Schweizer Fernsehens – und auf die Bilder, mit denen diese Epoche bis heute in Erinnerung geblieben ist.

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Unveröffentlichter Filmausschnitt aus Tobias Wyss’ Filmporträt ‹Heidi Abel – eine Fernsehgeschichte› (1986), verwendet in Felice Zenoni (2019): ‹Licht und Schatten einer TV-Pionierin›. Unter einer Daueranstellung verstand man in der Frühzeit des Fernsehens keine gesicherte Stellung, sondern eine feste Anstellung, die sich Jahr für Jahr neu bewähren musste. 2 ‹TR7› (1976): ‹Ich brauche den Stress, um gut zu sein›, Nr. 42, 10.1976, S. 4, in diesem Band, 298–299. 3 Ebd. 4 Ebd.; sowie Ohne Autor (1976): ‹Wird Heidi Abel Showmaster›, in: ‹Tele›, Nr. 17, 1976, in diesem Band, S. 300. 5 Vgl. Galli, Jean-Claude (2025): ‹Heidi Abel. Auf der ewigen Suche nach sich selbst›, elfundzehn: Zürich, S. 193–194. 6 Vgl. ‹Radio 24› (1984): ‹Doppelpunkt. Roger Schawinski im Gespräch mit Heidi Abel› [Radio], 23. Dezember 1984. 7 Vgl. Galli (2025), S. 234. 8 Vgl. Galli (2025), S. 103. 9 Vgl. ebd. 10 Jagel, Gabrielle (2019): ‹Ein Leben fürs Publikum›, in: ‹GlücksPost›, Nr. 7, 14.2.2019, S. 69. 11 Zu den weiteren Fotograf:innen, die Heidi Abel fotografierten und im Ringier Bildarchiv verzeichnet sind, gehören Nelly Andris, Marlies Frei, Laslo Irmes, Candid Lang, René Pletscher, Dölf Preisig, Josef Ritler, Walter Rutishauser, Milou Steiner, Hansruedi Walthard und Maya Zehnder. 12 Vgl. Danuser, Hanspeter/Treichler, Hans Peter (1994): ‹Show – Information – Kultur. Schweizer Fernsehen. Von der Pionierzeit ins moderne Medienzeitalter›, Sauerländer Verlag: Aarau, S. 106. 13 SRF (1970): ‹Link. Heiner Gautschy im Gespräch mit Heidi Abel, Lützelsee›, Zürich, 20.1.1970. 14 Galli, Jean-Claude (2025): ‹Heidi Abel. Auf der ewigen Suche nach sich selbst›, elfundzehn: Zürich.

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Heidi Abel, seit 1954 Ansagerin beim Schweizer Fernsehen, porträtiert im Studio Bellerive.

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Wo ein Fernsehapparat steht, gehören Ansagerinnen und Moderatorinnen beinahe zur Familie. Sie geben dem Programm ein Gesicht und vertreten das Fernsehen nach aussen – besonders in der Pionierzeit. Heidi Abel und Arbeitskollegin Cordelia Guggenheim im Studio Bellerive.

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Aus derselben Serie wie die Aufnahme links, jedoch ohne Cordelia Guggenheim, die aus dem Bild geschnitten wurde (Weiterbearbeitung der Aufnahme, S. 350).

Rückseite des Fotoabzugs, datiert 1958. Vermutlich ein Pressebild zur Ankündigung der Sendung ‹Frisch gewagt!›. Unter dem Kleber ist noch die Adresse von Eric Bachmanns erstem Fotostudio zu erkennen: Glattbachstrasse 110, 8044 Zürich. Im Elternhaus richtete er dort mit seinem älteren Bruder zunächst das Badezimmer als Dunkelkammer und später einen Laborplatz im Kleiderschrank des Gästezimmers ein.

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Heidi Abel sucht Plätze für Tiere ‹Karussell›, 1977–1982

Zwischen 1977 und 1982 wird die erfolgreiche Rubrik ‹Heidi Abel sucht Plätze für Tiere› im Vorabendmagazin ‹Karussell› ausgestrahlt. Damit knüpft die tierliebende Moderatorin an ein langjähriges Engagement und frühere Tiervermittlungsformate an: Bereits in ‹Rendez-vous am Samstagabend› (1965–1968) gehört die Vermittlung von Tieren zum Programm, bevor am 2. März 1974 das sehr beliebte Format ‹Ein Platz für Tiere› lanciert wird.

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Tuntenball 7.11.1981

1981 moderiert Heidi Abel den 1. Zürcher Tuntenball, eine der ersten öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen der Schweizer Schwulenbewegung. Mit ihrer Moderation trägt sie dazu bei, dem Anlass zusätzliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Heute gilt der Tuntenball als wichtiger Meilenstein in der Geschichte der Schweizer LGBTQI+‑ Bewegung.

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Hans Gmür beim Intelligenztest mit der ‹Miss Uetliberg›. Fast 1 000 Ballgäste sind im Zürcher Albisgüetli-Schützenhaus anwesend.

Heidi Abel, Ursula Schaeppi als vorlauter ‹Goof› und Hans Gmür rufen zur Misswahl.

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Der Travestiekünstler Conny Nelson.

Die Schweizer Sängerin und Kabarettistin Helen Vita.

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Abb. 1: Porträt von Heidi Abel im Studio Bellerive, um 1958. Foto: Eric Bachmann, Nachlass Eric Bachmann.

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Ein Bild von einer Frau Ann Mbuti

Als medial geformte Figur zeigen Heidi Abels Porträts mehr als nur eine Person: Sie spiegeln eine Epoche, ihre Rollenbilder und die Anfänge einer Bildsprache, die bis heute nachwirkt.

Auf dem Schwarz-Weiss-Porträt von Heidi Abel Abb. 1 ist der Hintergrund neutral, beinahe leer – nichts lenkt vom Gesicht ab. Sie sitzt leicht zur Seite gedreht, der Oberkörper aufrecht, die Hände bereits ausserhalb des Bildausschnitts. Ihre helle, kurzärmlige Bluse ist klar geschnitten, mit Faltendesign: zeitlos und zugleich der ideale Hintergrund für die auffällige Kette. Das Licht fällt weich von vorn auf ihr Gesicht und modelliert es ohne harte Schatten. Der Kopf ist leicht gesenkt, der Blick jedoch direkt, ohne herausfordernd zu wirken. Die Augen scheinen aufmerksam und präsent, als würde sie zuhören, ohne selbst das Wort zu ergreifen. Das

Lächeln ist freundlich und offen, gleichzeitig aber kontrolliert und professionell – eher performativ als Ausdruck einer spontanen Emotion. Bereits seit der frühen Studiofotografie des 19. Jahrhunderts sind Porträts Orte der Inszenierung. Posen, Licht, Ausschnitt und Blickführung folgen Konventionen, die Bilder hervorbringen, die gelesen, wiederholt und verinnerlicht werden können. Gerade in offiziellen Porträts – wie jenen, die Eric Bachmann über viele Jahre hinweg von Heidi Abel aufgenommen hat – ist das Sichtbare sorgfältig komponiert. Fotografie übersetzt Momente in Motive. Was wir Jahrzehnte 229


später in diesem Bildmaterial sehen, sind daher selten Momentaufnahmen, sondern verfestigte Rollen, die sich dauerhaft in die öffentliche Wahrnehmung eingeschrieben haben. Auch mehr als hundert Jahre später ist die konstruktivistische und konstruierende Bildproduktion kein historisches Relikt. Im Gegenteil: Die zeitgenössische Bild- und Medientheorie versteht Fotografie als einen Prozess, der Wirklichkeit nicht nur abbildet, sondern aktiv mitformt. Rollenbilder, Haltungen und Identitäten entstehen durch die mediale Zirkulation und öffentliche Wahrnehmung von Bildern und anderen visuellen Inhalten. Vor diesem Hintergrund lassen sich die Porträts von Heidi Abel als frühe Inszenierung einer medialen Persona lesen. Ihre Wirkung ergibt sich genau aus dieser kontrollierten Sichtbarkeit: Durch die wiederholte Präsentation eines sorgfältig inszenierten Sujets, das über Jahre hinweg Vertrautheit erzeugte, bildete sich die kollektive Vorstellung einer Frau in der Öffentlichkeit.

Abb. 2: Heidi Abel, freundlich, elegant, gepflegt und sympathisch, um 1960. Foto: Eric Bachmann, Nachlass Eric Bachmann.

Eine mediale Figur der frühen Jahre Heidi Abel begann ihre Karriere in einer Phase tiefgreifender medialer und gesellschaftlicher Umbrüche. In der von der Nachkriegsordnung geprägten Schweiz herrschten strenge bürgerliche Moralvorstellungen und klar definierte Geschlechterrollen. Öffentliche Figuren waren eng an diese Konventionen gebunden: Anstand und Disziplin – und speziell für Frauen zusätzlich verbunden mit einem impliziten Ideal von Weiblichkeit. Medial bedeutete dies für Heidi Abel stets eine Sichtbarkeit unter Vorbehalt. Das Schweizer Fernsehen nahm gerade erst seinen regulären Betrieb auf und etablierte sich als neues Leitmedium. Für seine Vertreter, insbesondere Vertreterinnen, galt es, elegant, gepflegt und zurückhaltend aufzutreten – frei von 230

jeder Form der Provokation. Öffentlichkeit war ein kontrollierter Raum, den das Fernsehen erstmals landesweit sichtbar machte. Mit dem Start des regulären Fernsehbetriebs wechselten zunächst vor allem Sprecher und Journalisten aus dem Radio zum neuen Medium. Viele von ihnen verfügten über einen akademischen Hintergrund und etablierte Radiokarrieren; sie standen für Seriosität, Sachlichkeit und institutionelle Autorität. Ihre Beiträge vermittelten tagesaktuelle Nachrichten, politische Einordnungen und kulturelle Inhalte, während ihre Person vergleichsweise austauschbar blieb. Parallel dazu wurden Ansagerinnen und Moderatorinnen wie Heidi Abel zu den sichtbarsten Figuren des neuen Mediums. Sie führten durch den Sendetag, kündigten das Abendprogramm an, stellten Filme, Theaterübertragungen oder Unterhaltungssendungen vor und verabschiedeten das Publikum am Ende des Programms. Diese kurzen Auftritte zwischen den Sendungen machten sie zu den meistgesehenen Gesichtern des Fernsehens. Während männliche Kollegen das Medium redaktionell repräsentierten, verkörperten die Ansagerinnen den unmittelbaren Kontakt zum Publikum. Sie stellten Nähe, Vertrauen und Wiedererkennbarkeit her. In dieser frühen Phase wurde Heidi Abel rasch zu einer öffentlichen Figur. Schon bald übernahm sie Moderationen von Unterhaltungs- und Gesellschaftsformaten wie ‹Frisch gewagt!› oder ‹Wer hät’s?›, in denen Wissen, Alltag oder gemeinsames Rätseln im Vordergrund standen. In all diesen Formaten war Abel charmante Gastgeberin: zugewandt, souverän,Abb. 2 mit klarer Sprache und einem sicheren Gespür für Tempo und Ton. Eine sympathische Vermittlerin, die Ordnung schafft, Übergänge moderiert und Gemeinschaft herstellt – die Gespräche lenkt, ohne sie zu dominieren, und Wissen vermittelt, ohne Deutungshoheit zu beanspruchen oder sich selbst ins Zentrum zu rücken. Eine Frau ihrer Zeit Diese Rolle entsprach in vielerlei Hinsicht dem gängigen Frauenbild der Zeit. Die Figur der Gastgeberin knüpfte an vertraute Vorstellungen weiblicher Zuständigkeiten an – das Kümmern und Zusammenhalten in gesellschaftlichen Situationen, das durch das Fernsehen vom Privaten in den öffentlichen Raum übertragen wurde. Dementsprechend dominierten in den 1950erund 1960er-Jahren, wenn von Heidi Abel die Rede war, oft Zuschreibungen wie freundlich, elegant, gepflegt oder sympathisch. Sichtbar sein durfte, wer bestimmte Normen erfüllte – ästhetisch, moralisch und gesellschaftlich. Für Frauen wie Heidi Abel bedeutete dies, dass ihre Öffentlichkeit akzeptiert wurde, solange sie Zurückhaltung, Anstand und Anpassung verkörperten. Warum aber wurde ausgerechnet sie zu einem der bekanntesten Gesichter des Schweizer Fernsehens? Was unterschied sie von anderen, die vergleichbare Rollen ausfüllten? Abels mediale Präsenz stellte das gängige Frauenbild ihrer Zeit nie offen infrage. Sie unterlief es nicht demonstrativ und rebellierte nicht dagegen, wie es spätere Fernsehgenerationen taten.


Ihre Bekanntheit entstand nicht durch Bruch oder Opposition. Und doch entwickelte sich trotz dieser Angepasstheit ein Personenkult, der ihren Sprecher- und Nachrichtenkolleg:innen verwehrt blieb. Abels Handlungsspielraum lag in der Erweiterung der etablierten und akzeptierten Rolle: Mit wachsender Erfahrung und Bekanntheit übernahm sie zunehmend prägendere Moderationen, längere Sendungen sowie prominente Unterhaltungsformate und Grossproduktionen, in denen sie Ablauf, Ton und Atmosphäre bestimmte. Ihre Kleidung, ihre Frisur und ihre Körpersprache folgten klaren ästhetischen Vorgaben und machten diese landesweit sichtbar Abb. 3 – und für eine ganze Generation von Frauen im Publikum zu einem anschlussfähigen Bild einer Frau ihrer Zeit.

Heute wirkt Heidi Abel fern. Ihre Bilder sind fest in einer anderen medialen Zeit verankert und tragen ein spezifisches Zeitgefühl, geprägt von ästhetischen, sozialen und medialen Konventionen, die nicht mehr unmittelbar die unseren sind. Und doch wirken sie weiter: Medial vermittelte Bilder prägen nicht nur den Moment ihres Erscheinens, sondern reichen in das kollektive Gedächtnis hinein. Sie strukturieren Erinnerungen, schaffen Bezugspunkte und formen Vorstellungen davon, wie etwas war. Jahrzehnte später können wir auf diese Erinnerungsträger zurückgreifen, auch wenn sich unser Blick auf sie längst verändert hat.

Abb. 4: Heidi Abel, stilbewusst und anschlussfähig, um 1980. Foto: Eric Bachmann, Nachlass Eric Bachmann.

Abb. 3: Heidi Abel, modisch und individuell, ohne die Grenze zur Extravaganz zu überschreiten, um 1970. Foto: Eric Bachmann, Nachlass Eric Bachmann.

Heidi Abel heute Mit ihrer Karriere veränderten sich auch die Porträts von Heidi Abel im Laufe der Zeit, ohne ihren Grundton zu verlieren. In späteren offiziellen Bildern wirkt die Inszenierung selbstbewusster, die Posen offener, die Kleidung modischer und individueller, ohne die Grenze zur Extravaganz zu überschreiten. Frisuren und Accessoires folgen dem Zeitgeschmack der 1960er- und 1970er-Jahre und spiegeln eine vorsichtige Modernisierung innerhalb einer kontrollierten Eleganz. So erzählen die Porträts nicht nur von einer Person, sondern auch von einer medialen Entwicklung. Mit dem Ausbau des Fernsehens verändert sich die visuelle Sprache seiner Repräsentantinnen und dokumentiert eine Zeit des Aufbruchs, in der sich die Schweiz modernisiert, ohne ihre bürgerlichen Werte aufzugeben: ein Land zwischen Fortschritt und Zurückhaltung, das im Fernsehen ein neues Fenster zur Welt öffnet – und dieses zugleich sorgfältig rahmt.

Was wir erinnern, ist dabei nicht allein die Person, sondern die Form von Öffentlichkeit, die sie verkörperte. Ihre Sichtbarkeit war untrennbar mit dem Medium verbunden – mit dessen Entwicklung wuchs auch ihre Bekanntheit. Viele Mechanismen, die heute im medialen Raum als zeitgenössisch gelten – Inszenierung, Wiederholung, Rollenhaftigkeit, performative Öffentlichkeit – sind bereits in diesen frühen Fernsehporträts angelegt. Heidi Abel ist somit ein frühes, analoges Beispiel für das, was heute mit neuen Technologien und in grösserer Geschwindigkeit geschieht. Darin liegt ihre anhaltende Relevanz: weniger in ihrer Aktualität als in ihrer Funktion als Referenz. Auch heute lassen sich an ihr Fragen nach Sichtbarkeit, Rollenbildern und medialer Inszenierung festmachen. So wird sie zu einem Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit der Geschichte weiblicher Präsenz im öffentlichen Raum der Medien – und für ihre fortlaufende Aushandlung.

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Leseprobe Heidi Abel - Ansage und Engagement by Christoph Merian Verlag - Issuu