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Leseprobe "Anders alt"

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Die Porträts räumen auf mit der Vorstellung, dass im Alter nur noch Rückzug und ­Rou­tine bleiben. Auch in den ­späten Jahren ist das ­Leben bewegt, gibt es Hürden zu überwinden – und Momente des Glücks. Ergänzt werden die per­sönlichen Geschichten durch drei Fachge­spräche, die ­deutlich machen: Altern betrifft uns alle.

Seraina Sattler Anna Six

Seraina Sattler Anna Six

Anders alt

Zehn Menschen erzählen, was sie durchs Altwerden gewonnen oder verloren haben – und was sie noch vor­haben. Heidi outete sich mit fast siebzig als trans Frau. Victor blickte dem Tod in die Augen und tritt heute als Nacktdar­steller auf. Gladis wagte mit Anfang ­sechzig einen beruflichen Neuanfang.

Anders alt

10 Menschen erzählen ISBN 978-3-03969-068-8

ISBN 978-3-03969-068-8

9 783039 690688

merianverlag.ch

Christoph Merian Verlag


Anders alt — 10 Menschen erzählen


Seraina Sattler und Anna Six

Anders alt 10 Menschen erzählen

Fotografien von Gabi Vogt

Christoph Merian Verlag


Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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«Ich spotte nicht mehr über Spiesser – ich bin selbst einer» . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Victor Burtscher «Grossmami wollte ich mit Anfang vierzig nicht heissen» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 Judith Schnyder «Vielleicht sollte ich meine eigene Todesanzeige schreiben» . . . . . . . . . . . . . . . 37 Vreni Häller «Dass wir älteren trans Menschen uns zeigen, ist wichtig» . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 Heidi Grebe «Einen Traum habe ich noch: das Kap Hoorn zu umrunden» .. . . . . . . . . . . . . . . . . 65 Josef Pirker «Ich habe keine Angst davor, geistig abzubauen» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 Martina Fäh «Ich war auf der Stelle verknallt in den viel jüngeren Mann» .. . . . . . . . . . . . . . . . 89 Karin Eberhart «Es ist schön, zu spüren, dass man gebraucht wird» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 Fritz Rietberger «Enkelkinder hüten ist Arbeit, auch wenn es Spass macht» . . . . . . . . . . . . . . . . 115 Margrit Diener «Das Alter macht, dass ich viele Dinge bewusster wahrnehme» . . . . . . . . . . . 127 Gladis Zimmermann-Carrasco     «Wer schlau ist, sorgt beim Wohnen vor» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141     Ein Gespräch mit der Soziologin Joëlle Zimmerli     «Menschen mit Demenz sollen sichtbar sein» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147     Ein Gespräch mit Su Bak und Youn Bak vom Verein Dementality     «Das Alter ist bunter als die Jugend» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153     Ein Gespräch mit der Altersforscherin Sabina Misoch Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158 Autorinnen und Fotografin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159


Vorwort Wir alle tun es jeden Tag: altern. Aber wie? Noch nie ist so viel übers Älterwerden nachgedacht und geschrieben worden wie heute. Ist das Alter eine Zumutung, eine Krankheit gar, ein einziger Verlust? Oder die beste Zeit des Lebens, weil voller Chancen, Gelassenheit und Dankbarkeit? Gerne wird das Alter von diesen Polen aus betrachtet. Doch es findet mittendrin statt, in einem weiten Feld. In diesem Buch blicken wir dorthin, wo das Alter spielt: zu den Menschen und ihren Geschichten. ‹Anders alt› widmet sich der Vielfalt gelebten Lebens. Zehn Personen zeigen sich in Wort und Bild. Sie erzählen, was sie durchs Altwerden gewonnen oder verloren haben, wie sie leben und was sie noch erleben wollen. Sie berichten von Selbstbestimmung, Abschieden – und von dem, was bleibt. Sie denken über Gemeinschaft nach und über den Tod. Die sieben Frauen und drei Männer geben Einblicke in ihre späten Lebensjahre, die vor allem eines sind: Jahre voller Leben. Es sind sehr unterschiedliche Realitäten, doch in ihrer Gesamtheit sagen die Porträts etwas Zentrales über das Alter aus: Die sogenannten Alten gibt es nicht. «So verschieden wie im Alter sind die Menschen in keiner Lebensphase zuvor», sagt auch die Soziologin Sabina Misoch. Menschen, die nach dem Jahr 2000 geboren wurden, haben gute Chancen, ihren hundertsten Geburtstag feiern zu können. Die Lebenserwartung ist in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen. Wenn immer mehr Menschen immer älter werden und gleichzeitig die Geburtenrate sinkt, steigt der Anteil der älteren Bevölkerung. Das fordert uns alle. Denn die demografische Entwicklung prägt sämtliche Bereiche der Gesellschaft: Sozial- und Gesundheitswesen, Architektur und Raumentwicklung, Wirtschafts- und Energiepolitik. Mit diesem Buch leisten wir einen Beitrag zur öffentlichen Debatte rund ums Altern – und dazu, die Generationen zu verbinden. Wir hören zu: Was beschäftigt Menschen beim Älterwerden? Was brauchen sie und wünschen sie sich? Wie sind sie eingebunden ins soziale Miteinander? ‹Anders alt› heisst unser Buch. Was wir unter ‹alt› verstehen, machen wir nicht an einer Zahl fest. Wir interessieren uns für

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Menschen, die viel erlebt haben und deshalb etwas zu sagen haben. Die sich vielleicht neu erfinden mussten – oder weitergemacht haben mit dem, was ihnen schon immer wichtig war. Die stetig herausfinden, wie das Leben auch noch sein kann. Soziologisch wird das Alter defi­niert durch den Eintritt in die Nacherwerbsphase mit etwa 65 Jahren. Man unterscheidet heute zwischen einem dritten, aktiven Lebensalter und einem vierten, fragilen. Dieses hohe Alter, dessen Beginn mit 80 bis 85 angegeben wird, haben die Porträtierten mit einer Ausnahme noch vor sich; sie befinden sich im ‹jungen Alter›. Anders unsere jüngste Protagonistin: Sie ist noch keine 60, wurde aber bereits mit 42 Grossmutter. Die meisten Menschen wollen alt werden. Aber nicht alt sein. Denn das Alter hat einen schlechten Ruf. Gemäss verbreitetem Vorurteil sind Menschen im höheren Lebensalter unflexibel, gebrechlich, langsam, nicht mehr lernfähig. Man erwartet von ihnen, dass sie sich genügsam, ruhig und unauffällig verhalten. Die gesellschaftlichen Altersbilder führen dazu, dass viele das Älterwerden fürchten. Wer möchte schon einer Bevölkerungsgruppe angehören, die als defizitär gilt und möglichst unsichtbar sein soll? Die Stereotypen wirken überdies auf das Selbstbild, wenn Seniorinnen und Senioren sich als passiv und wertlos wahrnehmen. Die Folge kann sein, dass sie sich sozial zurückziehen und vereinsamen. Dabei wäre die Akzeptanz des Alterns gesundheitsfördernd: Studien zeigen, dass ein positives Altersbild Menschen bis zu sieben Jahre länger leben lässt. Mit dem Altwerden verändern sich die Ressourcen. Manche Kräfte lassen nach, fast jede und jeder erlebt Schmerzvolles. Dafür kennt man sich selbst besser. Fragilität geht einher mit Lebensfülle und Resilienz, der seelischen Widerstandskraft. Dieses Nebenei­ nander, das Bittersüsse, macht das Alter reich. Unser erstes Buch erschien 2022 und heisst ‹Anders aufgewachsen›. Darin erzählen elf Menschen von ihrer Kindheit und wie diese sie geprägt hat. Nun beleuchten wir mit ‹Anders alt› das entgegengesetzte Ende der Lebensspanne. Verbindend ist die Diversität der geschilderten Lebenswelten. Und unser Wunsch, dass die Auseinandersetzung mit dem anderen auch zu einem selbst führt. Zu Wort kommen in diesem Buch Frauen und Männer vom Land und aus der Stadt, Grosseltern und Kinderlose, Witwer und neu Verliebte, Erwerbsarbeitende und freiwillig Engagierte, Gesunde

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und solche, die mit Krankheiten kämpfen. Die meisten der Por­­trätierten engagieren sich ehrenamtlich, einige sind berufstätig. Fritz Rietberger arbeitet weiterhin auf dem Bauernhof, den er ­seinem Sohn übergeben hat. Margrit Diener betreut eine psychisch beeinträchtigte Frau, und Gladis Zimmermann-Carrasco hat mit Anfang sechzig die Ausbildung zur Pflegehelferin gemacht. Auch die Wohnformen sind vielfältig. Victor Burtscher lebt in einer Siedlung für Menschen ab fünfzig, Josef Pirker wohnt wochenweise mit seiner Tochter und deren Familie zusammen, Karin Eberhart hat eine Geflüchtete aus Syrien aufgenommen, Judith Schnyders Haus ist stets offen für Familie und Freunde. Die Gesundheit beschäftigt alle. Martina Fäh fürchtet die Gebrechlichkeit nicht, sondern bereitet sich darauf vor. Und im Wissen um die eigene Endlichkeit werden Träume verwirklicht. Heidi Grebe hat mit fast siebzig beschlossen, ihren Körper ihren Gefühlen anzugleichen und endlich als Frau zu leben. Vreni Häller sehnte sich nach einem Leben in den Bergen – im Alter hat sie den Schritt gewagt. Die Fotografien von Gabi Vogt zeigen die porträtierten Personen in ihrem Umfeld. Es sind Alltagsszenen, die sichtbar machen, wie jemand sein Alter gestaltet. Neben den Porträts enthält das Buch drei Fachinterviews, die übergeordnete Fragen anstossen. Die Altersforscherin Sabina Misoch spricht darüber, wie man neuen Sinn im Leben schafft, wenn es vieles loszulassen gilt. Die Planerin Joëlle Zimmerli weiss, welche Wünsche Seniorinnen und Senioren fürs Wohnen haben und wie das umsetzbar ist. Die Schwestern Su Bak und Youn Bak wollen den Umgang mit Demenz revolutionieren und Betroffene in die Mitte der Gesellschaft holen. Alle Gespräche mit den Porträtierten in diesem Buch haben wir zwischen Frühjahr 2024 und Herbst 2025 geführt. Wir hatten bereichernde Begegnungen mit zehn Menschen, die uns tief in ihr Leben und ihre Gedanken blicken liessen. Sie haben uns gezeigt, dass die persönliche Entwicklung nie zu Ende ist. Auch im Alter ist das Leben bewegt, gibt es offene Fragen, Hindernisse zu überwinden – und Momente des Glücks. Die Persönlichkeiten in diesem Buch inspirieren uns für unser eigenes Altwerden, das noch vor uns liegt. Nichts bleibt beim Alten! Seraina Sattler und Anna Six

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Victor Burtscher * 1943

Er tritt als Nacktdarsteller auf und heitert gerne Fremde im Supermarkt auf. Er hat dem Tod in die Augen ­geblickt – und gelernt, im Moment zu leben. Während der ersten Aufführungen von ‹Macbeth› wurde mir klar: In mir steckt doch eine kleine Rampensau. Eigentlich bin ich ein Mensch mit Hemmungen, aber diese Auftritte tun mir sehr gut. Zu Beginn der Oper treten wir langsam aus dem Dunkeln heraus auf die Bühne. Alles ist schwarz und du gehst mit zwanzig anderen Nacktdarstellenden im Takt der Musik Schritt für Schritt nach vorne. Da kommst du in eine Präsenz rein, wunderbar. Vorne auf der Bühne liegt König Macbeth am Boden, drum herum befinden sich lebensechte Krähen. Und ich hebe die erste Krähe auf. Das ist ein magischer Moment. Im Gegensatz zu anderen bin ich nicht total nackt. Ich trage eine durchsichtige, zerlöcherte Strumpfhose und habe einen künstlichen Penis umgebunden. Die Auftritte sind geprägt von einer grossen Natürlichkeit. Ich hinterfrage nicht, warum wir fast nackt sein müssen. Der Regisseur will das und er wird seine Gründe haben. Sobald wir hinter der Bühne sind, ziehen wir uns Mäntel über. Mit der Oper, klassischer Musik oder überhaupt mit Kunst hatte ich früher nicht viel zu tun. Vor meinen eigenen Auftritten war ich vielleicht ein, zwei Mal in einer Oper gewesen. Ich bin eher

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der Natur- und Bewegungstyp. Erste Bühnenerfahrungen sammelte ich mit dem ‹Tanztheater Dritter Frühling›. Dort machte ich nach meiner Pensionierung in verschiedenen Projekten mit. Dann kam eine Anfrage vom Opernhaus Zürich, weil neue Statisten gesucht wurden. Ich ging ans Casting und die Profis fanden Gefallen an mir. Die erste Oper, in der ich mitwirkte, war ‹Alcina›. Ich war fasziniert davon, mit welcher Sorgfalt die Künstlerinnen und Künstler arbeiteten. Wie man geschminkt wurde, Kleider bekam und wie die berühmte Sängerin Cecilia Bartoli selbst in den Proben Vollgas gab. Bis zum Schluss, bis der Vorhang fiel. In einer Inszenierung steckt so viel Ernsthaftigkeit, Energie und Leben. Das macht mir Eindruck. Für die Oper ‹Rote Laterne› wurden wir zum ersten Mal angefragt, ob wir als Nacktdarstellende auftreten möchten. Meine ebenfalls älteren Opernfreunde, mit denen ich in anderen Produktionen als Statist auf der Bühne gestanden war, wollten sich diese Blösse nicht geben. Ich hingegen habe kein Problem mit Nacktheit. So bin ich jetzt jeweils der älteste unter den Nacktdarstellern. An der Premiere von ‹Macbeth› rannte ich am Ende der Vorstellung von der Bühne und stolperte im Dunkeln. Ich konnte nicht mehr aufstehen. Weil ich fast nackt war, mussten mich meine Kolleginnen und Kollegen zuerst anziehen, bevor sie mich ins Spital brachten. Das war eine Qual. Mein Oberschenkelhals war gebrochen. Ich musste operiert werden und dann zur Rehabilitation. Ich war untröstlich, wollte möglichst schnell gesund werden, um wieder auf der Bühne zu stehen. Es ist erstaunlich, wie der Wille den Heilungsprozess beeinflussen kann. Ich verpasste ein paar Vorstellungen, konnte dann aber wieder mitmachen. ‹Macbeth› ist so erfolgreich, dass die Oper immer wieder ins Programm aufgenommen wird. Heute höre ich auch zu Hause ab und zu eine Oper. Aber wenn mich jemand fragt, was meine Lieblingsmusik ist, muss ich überlegen. Ich höre meistens ein Zufallsprogramm. Ich lasse mich überraschen, was kommt, und lebe gut damit. Auch beim Tanzen ist mir mehr oder weniger egal, welche Musik läuft. Seit zwanzig Jahren treffe ich mich alle zwei Wochen mit meinen Tanzfreundinnen und Tanzfreunden. Man bewegt sich frei wie in einer Disco. Manchmal tanzen auch mehrere zusammen. Es ist gar nicht so

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leicht, dem Körper zu vertrauen und einfach zu schauen, was entsteht. Sobald ich meine Bewegungen mit dem Kopf steuern möchte, verkrampfe ich mich. Beim Tanzen habe ich vor acht Jahren auch meine Freundin Maya kennengelernt. Eine Kollegin brachte sie mit. Kurz darauf traf ich sie zufällig an einem Anlass in Zürich wieder. Ich war total glücklich und beflügelt vom schönen Gedanken, dass da eine Frau ist, die mich mag und mit der es stimmt. Wenn man mit über siebzig eine Beziehung anfängt, hat man zwar wie ein Teenager Schmetterlinge im Bauch, aber man ist reifer. Ich bin achtsamer als früher, lasse Maya mehr Raum und platze nicht einfach so in ihr Leben. Nun gehen wir zusammen an die Tanztreffen, die jedes zweite Mal im Mehrzweckraum der Siedlung Lindenbach stattfinden. Seit zehn Jahren lebe ich in dieser Genossenschaft in Obfelden im Kanton Zürich. Eine Gruppe von Gleichgesinnten hatte das Projekt aufgegleist, suchte ein Grundstück und baute neunzehn Wohnungen für Menschen ab fünfzig. Ich kam erst dazu, als das Haus schon fast fertig geplant war. Das war nach dem Tod meiner Frau Liesbeth. Ich konnte noch entscheiden, wie ich den Innenausbau meiner Wohnung haben wollte. Geplant waren dreieinhalb Zimmer, doch ich habe eine grosszügige Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung daraus ­gemacht. Wir haben einen grossen Garten, eine Sauna, einen Fit­ nessraum – und sogar einen Swimmingpool; fast ein bisschen residenzmässig. Manchmal denke ich: Was mache ich hier an diesem schönen Ort? Ich war ein Leben lang bescheiden unterwegs. Ab und zu habe ich ein schlechtes Gewissen, dass es mir so gut geht und anderen nicht. Alle haben ihre eigene Wohnung, aber wir leben auch die Gemeinschaft. Hier wohnen Menschen, die den Austausch schätzen. Zum Beispiel treffen wir uns regelmässig in der Lesegruppe. Im Moment lesen und besprechen alle, die wollen, das Buch ‹Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation› von Marshall B. Rosenberg. Samstags wird gejasst. Und immer am 3., 13. und 23. eines Monats kocht jemand und wir essen zusammen. Man kann sich einschreiben, wenn man kochen möchte. Da ich mir nicht zutraue, für fünfzehn Personen zu kochen, melde ich mich jeweils für den Abwasch.

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In einer Männergruppe bin ich auch mit dabei. Die ist nicht ohne! Dort zeigen wir uns, wie man sich sonst unter Männern nicht so zeigt. Verletzlich. Wir sprechen zum Beispiel über unsere wunden Punkte. Manchmal habe ich Angst, mich gefühlvoll zu zeigen. Oder ich meine, die anderen seien besser als ich. In der Männergruppe erkenne ich, dass andere ähnliche Schwierigkeiten haben. Das nimmt meinen Themen die Brisanz und ich merke: Alles ist halb so wild! Ich schätze es, in meiner Wohnung allein sein zu können, auch wenn es unbequem ist. Ich bin jemand, der rasch Ablenkung sucht, wenn ihm langweilig wird. Ich möchte lernen, die Leere auszuhalten und meinen eigenen Rhythmus zu finden. Deshalb bin ich auch froh, dass ich nicht mit meiner Freundin zusammenwohne. Maya ist ein Speedy, bei ihr muss alles schnell gehen. Sie hastet zum Bahnhof und ist dann zehn Minuten zu früh am Gleis. Ich hingegen mache mich lieber gemütlich auf den Weg und bin dann immer noch rechtzeitig da. Damit ich ihr nicht nahösele muss, treffen wir uns jetzt jeweils direkt im Zug. Zudem habe ich festgestellt, dass ich gar nicht so unkompliziert bin, wie ich dachte. Ich rege mich auf, wenn Maya die Schere nicht in jene Schublade legt, in der ich sie haben will. Es ist wertvoll, zu erkennen: Aha, ich bin ein Bünzli! Lange habe ich über Bünzlis gespottet. Doch der grösste Spiesser ist derjenige, der andere als Spiesser bezeichnet. Das zu merken, macht mich demütig. Früher dachte ich, es gebe eine Wahrheit und ich sei derjenige, der diese Wahrheit kennt. Jetzt realisiere ich, dass jeder Mensch seine eigene Wahrheit hat. Es ist bereichernd, wenn man als Paar unterschiedlich tickt und sich miteinander auseinandersetzen muss. Ich versuche, tolerant zu sein – und gleichzeitig meinen Ärger nicht runterzuschlucken. Gut miteinander zu kommunizieren, ist ein Kunststück. Maya ist fünfzehn Jahre jünger als ich. Am Anfang war das attraktiv für mich, doch allmählich wird der Altersunterschied zu einer Herausforderung. Als ich 65 war, wollte ich auch noch die Welt erobern. Das nimmt bei mir jetzt langsam ab. Ich kann nicht mehr so viel leisten. Körperlich, aber auch im Kopf. Ich brauche mehr Regenerationszeit. Es gäbe ein paar schöne Wanderungen, die ich Maya gerne zeigen würde. Aber ich schaffe nur noch 500 Höhenmeter an

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einem Tag. Letztes Jahr war ich mit meinen vier Kindern und allen neun Enkelkindern auf dem Diavolezza-Gletscher. Dieses Jahr machen wir nur noch den bescheidenen Wildheupfad in den Schwyzer Alpen. Man muss den Abbauprozess akzeptieren. Was nicht heisst, dass man nicht auch dagegenhalten kann. Ich gehe zwei bis drei Mal pro Woche ins Fitnessstudio und fahre immer mit dem E-Bike zu meinen Kindern; drei von ihnen wohnen in einer Gemeinschaftssiedlung in der Nähe. Das ist meine Trainingsstrecke. Letztes Jahr beim Skifahren fiel mir auf, dass meine Beine schwach sind, und ich nahm mir vor, künftig kräftiger in die Pedale zu treten. Doch ich merkte, dass ich die Velofahrt im ‹Eco-Modus› viel weniger geniessen konnte, weil ich mich so anstrengen musste. Seither fahre ich wieder mit ‹High›, also der höchsten elektronischen Unterstützung. Wenn ich alte Pärchen sehe, die zusammen mit dem E-Bike in der Gegend herumfahren, werde ich wehmütig und ich denke an Liesbeth. Es wäre schön, so mit ihr unterwegs zu sein. Die Zeit mit Maya geniesse ich sehr. Doch ein gemeinsam gelebtes Leben, wie ich es mit Liesbeth hatte, lässt sich nicht nachholen. Liesbeth und ich lernten uns mit Ende zwanzig in Asien kennen. Das war am Ende meiner dreijährigen Weltreise. Sie war mit ihrer Schwester unterwegs. Wir trafen uns in Bangkok und reisten dann auf dem Landweg zusammen nach Hause. Erst als wir wieder in der Schweiz waren, fing unsere Liebesgeschichte an. Ich war allerdings noch nicht beziehungsfähig und wusste nicht recht, was ich mit Liesbeth anfangen sollte. Ich spürte schon, dass da etwas war, aber ich war nicht wirklich verliebt. Diese Liebe entstand mit der Zeit. Ein Stück weit durch Liesbeths Hartnäckigkeit. Sie hatte mich gern und liess nicht locker. Darüber bin ich heute gottefroh. Wir kamen beide aus gläubigen Familien und hatten das Gefühl, Gott habe uns zusammengeführt. Wir waren überzeugt, dass wir wie zwei halbe Kugeln waren, die zusammen ein Ganzes ergeben. Wir kamen in Kontakt mit einer Gruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, drogenabhängigen Menschen zu helfen. Das waren ein paar Familien, die aus einem christlichen Gedankengut heraus Leute bei sich zu Hause aufnahmen. Mit ihnen gründeten wir vor fünfzig Jahren den Ulmenhof, wo wir in einer Wohngemeinschaft mit Süchtigen zusammenlebten. Wir unterschieden nicht

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zwischen Klienten und Betreuenden. Wir teilten alles und kümmerten uns umeinander. Wir wollten die christliche Barmherzigkeit leben statt predigen. Heute glaube ich nicht mehr an Gott. Doch es ist paradox: Ich fühle mich trotzdem von göttlichen Wesen beschützt. Dieses ­Urvertrauen hat mir meine Mutter mitgegeben. Sie hatte viel Vertrauen ins Leben und in mich, weil sie glaubte, dass uns Gott Schutz gewähre. Bei ihr war das Gottvertrauen extrem, sie streckte manchmal einfach den Arm aus und lief über die Strasse. Früher war ihre Haltung manchmal schwierig für mich, aber heute bin ich ihr dankbar für die tiefe Überzeugung, die sie mir mitgegeben hat: Alles kommt gut. Ich habe ein sonniges Gemüt, sehe immer das Positive. Inzwischen kann ich aber auch den Schmerz zulassen. Ich habe realisiert, dass das Leben noch ­lebendiger wird, wenn man die Schattenseiten dazunimmt. Obwohl ich beruflich jahrelang mit schweren Schicksalen zu tun hatte, g ­ etraue ich mich erst allmählich, der Schwere im Leben Raum zu geben und echtes Mitgefühl aufzubringen. Mit dem Alter bin ich auch dünnhäutiger geworden, rührseliger. Ich weiss nicht, ob ich den Job als Sozialarbeiter heute noch machen könnte. Mühe habe ich nach wie vor mit Menschen, die wegen Kleinigkeiten motzen. Kürzlich war ich an einer Versammlung, an der die Frau neben mir über alles schimpfte, was ihrer Meinung nach schlecht läuft. Da setzte ich mich an einen anderen Platz. Eigentlich hätte die Frau ein offenes Ohr und Zuwendung gebraucht. Aber ich mochte nicht. Ich bin unsicher: Ist es mein Job, mich um jene zu kümmern, die verbittert sind? Ich glaube, mein Beitrag für den Frieden und das Wohl der Menschheit ist es heute, dass ich dankbar bin für mein Leben und das ausstrahle. Wenn ich Menschen aufheitern kann, und sei es nur in einer kurzen Begegnung an der Kasse im Laden, dann reicht mir das. Die Welt braucht gerade in diesen schwierigen Zeiten frohgemute Menschen. Nach drei Jahren auf dem Ulmenhof heirateten Liesbeth und ich und wir bekamen unsere erste Tochter. Erst im Nachhinein begriff ich, was für ein verrückter Entscheid das ist, Kinder in die Welt zu setzen! Was man als Eltern alles anrichten könnte. Dass es ein Geschenk ist, wenn es gut herauskommt. Nach der Geburt unseres

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Kindes wollten wir das Leben als Kleinfamilie ausprobieren und zogen vom Ulmenhof weg. Ich arbeitete halbtags in meinem angestammten Beruf als Feinmechaniker, Liesbeth kümmerte sich um die Tochter. Wir brauchten nicht viel. Für uns war das bescheidene Leben kein Verzicht, sondern Freiheit. Doch der Job als Feinmechaniker sagte mir nicht mehr zu. Mir fehlte der Mensch. Ich machte dann eine Ausbildung zum Heimerzieher. Unsere Aufgabe als Eltern sahen wir darin, den Kindern einen gesunden Rahmen zu geben. Liesbeth war eine Gluggere im guten Sinn und ich brachte Abenteuer in die Familie. Wenn ich heute dankbar dafür bin, dass es meinen Kindern gut geht, dann weiss ich, dass ich das zu einem grossen Teil Liesbeth zu verdanken habe. Wir hatten nicht viel Reibung. Reibung entstand durch die Aussenbeziehungen, die ich führte. Manchmal offen, manchmal versteckt. In der Hippie-Szene, in der wir verkehrten, gab es diesen Groove, dass man parallel mehrere Liebschaften hatte. Vielleicht sagte Liesbeth deshalb nicht: Du tust mir weh, du kannst gehen. Heute denke ich, dass es für die meisten Menschen eine Überforderung ist, mehrere Partnerschaften gleichzeitig zu haben. Ich bin jedenfalls sehr unsicher, ob ich heute in der Lage wäre, in einer Dreiecksbeziehung zu leben. Leider habe ich damals die Bestätigung durch andere Frauen gebraucht. Dass Liesbeth unter meinen Aussenbeziehungen litt, sah ich. Als die Kinder ausgezogen waren, schlug ich vor, getrennt voneinander zu leben. Nicht weil wir Streit hatten, sondern weil nicht mehr so viel Spannung in unserer Beziehung war. Ich dachte, dass es interessant sein könnte, den neuen Lebensabschnitt mit einer anderen Frau zu erleben. Das Thema stand im Raum, aber wir setzten es nicht um. Ich merkte selbst, dass es blöd gewesen wäre, eine Beziehung aufzugeben, in der so vieles stimmte. Mit Anfang sechzig begann ich zu schätzen, was ich mit Liesbeth hatte. Das mit den Aussenbeziehungen war dann abgeschlossen. Doch als sie kurz darauf Krebs bekam, nagte das schlechte Gewissen an mir. Ich warf mir vor, ihre Krankheit könnte mit meinem Verhalten zu tun haben. Dieses Thema bringt mich heute noch ins Grübeln. Meine Frau war 62, als sie die Diagnose Brustkrebs erhielt. Sie liess sich operieren und bestrahlen. Doch eine Chemotherapie

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­wollte sie nicht machen. Sie blockte ab. Sie hatte gelitten unter der Bestrahlung und war der Meinung, sie sei geheilt. Ich dachte schon, dass sie auch die Chemo machen sollte. Aber ich setzte sie nicht unter Druck. Sie erlebte dann noch vier wertvolle Jahre, in denen sie nicht mit der Krankheit konfrontiert war. Dann kam der Krebs zurück. Liesbeth und ich hatten eine sehr gute Kranken- und Sterbenszeit zusammen. Ich konnte voll für sie da sein, es gab sehr viel Nähe. Vier Monate nach der zweiten Diagnose starb sie. Dann kam ich dran. Ein Jahr nach Liesbeths Tod ging ich zum Arzt, weil mir eine innere Krampfader weh tat. Der Spezialist fand heraus, dass ich ein Aneurysma in der Aorta hatte, also eine gefährliche Gefässerweiterung. Das Blut floss nur noch langsam durch die Hauptschlagader. Ich musste rasch operiert werden. Das Schicksal wollte es, dass das Aneurysma während der Behandlung platzte und Blut in den Bauchraum gelangte. Die Operation wurde kompliziert. Danach ging die Heilung nicht recht vorwärts. Erst später wurde mir klar, dass mein Leben bereits damals auf der Kippe gestanden hatte. Nach einem Monat konnte ich das Spital zwar verlassen, aber der Arzt meinte, ich solle meine Leber untersuchen lassen, die arbeite nicht richtig. Ich ging zu einem Spezialisten und er fand he­ raus, dass ich Leberkrebs hatte. Der Tumor sei schon gross, man könne nichts mehr machen. Man gab mir noch ein halbes bis ein Jahr Lebenszeit. Da war ich siebzig. Derart mit der Endlichkeit konfrontiert zu sein, war hart. Ein paar Tage lang haderte ich mit meinem Schicksal. Doch ich konnte es rasch akzeptieren. Anschliessend hatte ich die wertvollste Zeit meines Lebens. Ich begann, im Moment zu leben. Nach dem Motto: Jetzt lebe ich, was will ich mehr! Ich machte keine Pläne mehr, sondern genoss einfach, was um mich herum war. Ich hatte keine Bucketlist, auf der stand, was ich noch alles erleben wollte. Ich habe in meinem Leben kontinuierlich gemacht, was mir wichtig war. Ich schiebe kaum auf, auch mühsame Aufgaben erledige ich möglichst rasch. Unter dem Aspekt, dass man nur noch kurze Zeit zu leben hat, wird vieles nichtig. Das kann man nicht üben in einem Workshop, das ist knallharte Realität. Meine Leber war voller Metastasen und die Chemo konnte den Verlauf nur verzögern, nicht heilen. Mir ging es aber cheibe guet, ich

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hatte kein Leiden. Obwohl ich wusste, dass ich bald sterben würde, konnte ich durch meine innere Haltung eine enorme Lebensfreude entwickeln. Ich nahm jeden Tag als Geschenk an. Ich war dankbar, dass ich am Morgen erwachte, dass ich atmete, dass ich meinen Körper spürte. Ich hatte so viel Energie, dass die Ärzte mir eine Lebertransplantation vorschlugen. Da musste ich leer schlucken. Sollte ich das Prozedere auf mich nehmen? Meine Kinder überzeugten mich schliesslich. Nach der Mutter wollten sie nicht auch noch den Vater verlieren. Zwei Jahre nach der Krebsdiagnose erhielt ich eine neue Leber. Damit das neue Organ nicht abgestossen wurde, musste ich Medikamente einnehmen, die das Immunsystem unterdrückten. Das wiederum erleichterte es dem Hautkrebs, von dem ich bereits eine Vorstufe hatte, sich zu entwickeln. Ich musste mehrmals am Kopf operiert werden. Nun ist das alles überstanden und ich bin gesund. Ich habe nicht einmal mehr Medikamente wegen der Leber. Theoretisch kann ich steinalt werden, doch ich lebe immer noch im Bewusstsein, dass ich vielleicht morgen früh nicht mehr erwache. Im Grunde kann ich jederzeit sterben, alles ist geregelt. Wenn man das Leben loslässt, wird man nochmals anders beschenkt, als wenn man es halten will. Ich plane nicht weit in die Zukunft, buche keine Ferien für nächstes Jahr. Insgeheim hoffe ich natürlich, dass ich ein Ploderi bin und noch lange lebe. Bünzli: Spiesser cheibe guet: sehr gut Gluggere: Glucke; Mutter, die ihre Kinder behütet gottefroh: sehr froh, erleichtert

nahösele: hinterherrennen jassen: ein in der Schweiz beliebtes Kartenspiel spielen Ploderi: Dummschwätzer

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«Das Alter ist bunter als die Jugend» Die Altersforscherin Sabina Misoch spricht über die Wirkung von Stereotypen – und wie man neuen Sinn im Leben schafft, wenn es vieles los­ zulassen gilt. Sie waren zuerst Jugendforscherin, heute ­forschen Sie zum Altsein. Was ist spannender? Sabina Misoch: Ganz klar: das Alter! Wenn Sie zehn 16-Jährige miteinander vergleichen, sind die sich viel ähnlicher als zehn 87-Jährige. Hier besteht eine unglaubliche Bandbreite von denen, die fit und mobil sind, bis zu jenen, die sich aufs Lebensende vorbereiten. Jeanne Calment – die älteste Frau der Welt, die 1997 mit 122 Jahren starb – begann mit Mitte 80 noch zu fechten. So verschieden wie im Alter sind die Menschen in keiner Lebensphase zuvor. Das macht Altersforschung so faszinierend. In der öffentlichen Wahrnehmung wird diese Vielfalt unterschätzt. Absolut. Wir haben auf der einen Seite stark defizitorientierte Stereotypen, die das Alter als unsexy, grau und trist darstellen. Sogar meine Studierenden an der Berner Fachhochschule haben diese Altersbilder im Kopf und viele wollen deshalb eher mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Denen sage ich gern: «Schauen Sie sich den demografischen Wandel an!» Schon aus strategischer Sicht ist es klüger, sich mit dem Alter zu befassen. Das betrifft viel mehr Leute, ist heterogen, also bunt und lebendig. Auf der anderen Seite kursiert das Bild vom leistungsfähigen ‹Best Ager› auf dem Surfbrett – oder die Vorstellung, dass wir in Zukunft alle 120

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werden. Hat der ‹Longevity›-Trend das Altwerden doch irgendwie in Mode gebracht? Die Paradoxie ist: Jeder möchte ein langes Leben – aber es darf keine Spuren hinterlassen. Wir sind eine Gesellschaft, die sich an Jugend und Leistung orientiert. Daraus ergibt sich die Annahme, dass Menschen nach der Erwerbsphase eigentlich nichts mehr ­beitragen, nicht mehr produktiv sind. Gemäss den verbreiteten ­A ltersbildern werden sie von vielen als inkompetent, langsam, uneinsichtig wahrgenommen und sollten zugunsten von Jüngeren zurückstecken. In der Schweiz wurde kürzlich die Idee diskutiert, Menschen im Rentenalter nicht mehr zu Abstimmungen zuzulassen. Der Vorschlag missachtet nicht nur die demokratischen Grundrechte, sondern auch dass die politischen Präferenzen innerhalb dieser Altersklasse sehr unterschiedlich sind. Was erfahren Sie in Ihren Forschungsinterviews mit Betagten über Altersdiskriminierung? Ich höre immer wieder, dass die Leute sich selbst Vorschriften machen, wie sie zu sein hätten. Häufig stellen sie sich die Frage: Darf ich das noch? Darf ich mich bunt kleiden oder etwas Neues ausprobieren? Was sagt meine Familie, wenn ich mich nach Verwitwung neu verliebe? Oft prägen negative Altersbilder die Selbstwahrnehmung. Das Gefühl, den gesellschaftlichen Erwartungen an die Altersphase nicht zu entsprechen, wirkt zudem verunsichernd und hemmend. Für einen zufriedenen Alterungsprozess ist es wichtig, den überholten, negativen Altersbildern neue, realistische und positive gegenüberzustellen – wie sie in diesem Buch zu finden sind. Die Wissenschaft ist einen Schritt weiter. Warum? Die Erkenntnis, dass die sogenannte kristalline Intelligenz bis ins Alter zunimmt, war in den 1960er-Jahren ein Wendepunkt für die Forschung. Sie führte zum Abschied von der klassischen, defizitorien­ tierten Theorie, dass das Altern primär ein Prozess des Rückzugs ist. Die kristalline Intelligenz ist die Fähigkeit, auf gespeichertes Wissen und Lebenserfahrung zurückzugreifen. Dagegen lässt die fluide Intelligenz, also die Fähigkeit, sich schnell Neues anzueignen und Probleme mit diesem spezifischen Wissen zu lösen, bereits ab etwa dreissig Jahren drastisch nach. Die kristalline Intelligenz kompensiert den Verlust und greift aufs Langzeitgedächtnis zurück.

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Das klingt nach Altersweisheit. Kann Altern ein Gewinn an Lebensqualität sein? Wir sprechen in der Forschung vom Wohlbefindensparadox im Alter: Bei älteren Menschen, die zum Beispiel gesundheitlich stark eingeschränkt sind, mag es von aussen betrachtet nach einem belastenden Leben aussehen. Befragt man aber diese Personen, kommt etwas anderes zutage: Sie sind oft zufriedener als Junge – weil sie gelernt haben, mit Verlusten umzugehen, ihre Ziele anzupassen und Emotionen zu regulieren. Dies zu beobachten, finde ich in meiner Forschung immer wieder sehr spannend. Stichwort Ziele anpassen: Wäre dies ein Schlüssel zu Gelassenheit im Alter? Es gibt nichts zu beschönigen: Der Kontrollverlust beim Älterwerden ist real. Krankheiten und Einschränkungen sind, im Gegensatz zum jüngeren Lebensalter, oft irreversibel. Man muss vieles loslassen. Das braucht Flexibilität und innere Kraft. Wichtig ist, dass man sich Bereiche erhält, die man aktiv gestalten kann. In der Psychologie nennt sich dies positive Selbstwirksamkeit, also der Glaube daran, eine Situation durch eigene Fähigkeiten zu bewältigen. Wie geht das konkret? Ich nenne als Beispiel gern den berühmten Pianisten Arthur Rubinstein, der sein letztes öffentliches Konzert mit 89 Jahren gab. Das war möglich, weil Rubinstein eine faszinierende Strategie verfolgte: kleineres Repertoire, mehr üben, mit weniger Tempo spielen. In der Wissenschaft sprechen wir hier vom sogenannten SOK-­ Modell: Selektion, Optimierung, Kompensation. Diese Strategien ­gehören zur Theorie des ‹successful ageing›, also des zufriedenen Alterns. Man kann das Vorgehen des Pianisten auf beliebige andere Bereiche übertragen. Im Sport etwa: Jemand, der zeitlebens Langstreckenläufe bestritt, absolviert vielleicht nur noch einen pro Jahr, reduziert die Distanz oder coacht nun jüngere Läuferinnen und Läufer. Wer sich dagegen an Ziele klammert, die nicht mehr erreichbar sind, ist frustriert. Ein paar Zahlen zur demografischen Entwicklung: Bis ins Jahr 2060 wird ein Drittel der Schweizer Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. Die Gruppe ‹80plus› ist jene, die derzeit besonders

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schnell wächst. Wie wirkt sich diese Verschiebung aufs Zusammenleben aus? Die Babyboomer, also die geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1946 und 1964, werden die Lebensphase Alter nachhaltig revolutionieren. Sie gehen mit einem anderen Selbstbewusstsein in diesen Abschnitt als die Generationen vor ihnen, sie sind aktiv und sichtbar. Das ist toll. Um den gesellschaftlichen Kitt zwischen den verschiedenen Generationen mache ich mir aber mit Blick auf die Zukunft Sorgen. Was ist zu tun? Wir müssen mehr austauschen, mehr zusammenbringen, mehr voneinander wissen. Sonst werden auf beiden Seiten lediglich die stereotypen Bilder genährt. Altersbezogene Vorurteile bestehen auch gegenüber Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Gefragt sind generationenverbindende Initiativen, etwa fürs Wohnen, aber auch auf Ebene der Gemeinden. Diese sollten mehr tun für die soziale Integration der älteren Bevölkerung und für den intergenerationellen Austausch – so wie ich das auf meinen Forschungsreisen in Japan erlebt habe. Sie sind regelmässig auf der Insel Okinawa, wo besonders viele Hundertjährige leben. Was können wir von dort lernen? Viel stärker auf Prävention zu setzen! Eine gesunde Lebensführung fördern, mit der die Menschen in gutem Zustand alt w ­ erden können. Das Ziel von ‹Longevity› in der wissenschaftlichen Definition ist nicht, möglichst lange zu leben, sondern die gesunde Lebenszeit zu verlängern. Wie alt ein Mensch wird, bestimmen nur zu 20 Prozent seine Gene – den Rest können wir mit unserem Lebensstil beeinflussen: Wie bewege und ernähre ich mich, wie ist mein Schlaf, wie optimistisch und aktiv bin ich, wie gehe ich mit Herausforderungen im Leben um, wie gestalte ich tragende Beziehungen? Und auch: Wie blicke ich aufs Älterwerden? Genau. Wer nur denkt, ‹ich will möglichst lang jung bleiben, denn Altsein ist schrecklich›, dem wird das nicht glücken. Rund um ‹Longevity› ist ein grosser Markt entstanden mit zahlreichen Heilsversprechen. Doch ich bin überzeugt: Wer kein positives Bild vom Alter hat, dem nützen auch hundert Vitamintabletten am Tag nichts.

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Wir müssen in der Lebensspanne denken. Ich wünsche mir, dass die Menschen beim Älterwerden ein Gefühl von Kontinuität empfinden – und nicht diesen Bruch: ‹Jetzt bin ich alt›. Natürlich verändert sich in den Jahren zwischen dem Renteneintritt und dem Lebensende körperlich, kognitiv und sozial viel. Aber das ist zuvor nicht anders: Veränderung passiert ab dem Moment, in dem wir geboren werden. Das führt zurück zum Anfang unseres Gesprächs: Ist gar nicht die Jugend die grosse Zeit der Ver­ änderung, sondern das Alter? Wir denken gern, an der eigenen Identität zu arbeiten sei ein Thema für Jugendliche. Dabei ist es eine lebenslange Aufgabe. Ein entscheidender Moment ist das Ende der Erwerbstätigkeit. Da braucht es eine neue Antwort auf die Frage: Wer bin ich und was gibt meinem Leben Sinn? Ich stelle fest, dass sich vor allem Männer damit schwertun, sich nicht mehr über ihre berufliche Aufgabe definieren zu können. Der Schlüssel zu einem veränderten Selbstbild kann sein, sich zu fragen: Was macht mir Freude? Was möchte ich Neues ausprobieren? Wer denkt, ‹dafür bin ich doch zu alt!›, hat schon aufgegeben. An der eigenen Identität zu arbeiten, bleibt immer möglich. Fertig bin ich damit erst, wenn ich das Leben loslasse. Sabina Misoch ist Professorin für Altersforschung an der Berner Fachhochschule (BFH) und Leiterin des Zentrums ‹Swiss Center for Care@Home› für eine integrierte Gesundheitsversorgung. Die promovierte Soziologin forscht international zu Themen wie Technik für Menschen ‹65plus›, Langlebigkeit und zufriedenes Altern.

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Leseprobe "Anders alt" by Christoph Merian Verlag - Issuu