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Novartis Campus Guide (deutsche Ausgabe)

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Andreas Kofler, Goran Mijuk (Hg.)

CAMPUS GUIDE NOVARTIS

Christoph Merian Verlag

SchiffmĂŒhlestrasse

Fabrikstrasse 6

Peter MĂ€rkli S. 64

Fabrikstrasse 4

SANAA S. 70

Fabrikstrasse 22

David Chipperfield

S.128

Fabrikstrasse 18

Juan Navarro Baldeweg S.166

KantinengebÀude

Fabrikstrasse 15

Frank Gehry S.110

Fabrikstrasse 18

Juan Navarro Baldeweg S.166

Tadao Ando S.134

Andreas Kofler, Goran Mijuk ( Hg. )

Christoph Merian Verlag

NOVARTIS GUIDE CAMPUS

Erste FreirÀume

VerrÀumlichung

Vittorio Magnago Lampugnani, Studio di Architettura, Masterplan fĂŒr den Novartis Campus (Skizze 2000)

Ein Stadtquartier fĂŒr modernes Arbeiten Vittorio Magnago

Lampugnani

Ziel des Novartis Campus in Basel, dessen Planungsbeginn auf das Jahr 2000 zurĂŒckgeht, war die Transformation eines Produktionsstandorts in ein Forschungs - und globales Verwaltungszentrum. Der funktionale Wandel war bereits im Gang; die Aufgabe bestand darin, ihm eine langfristig tragfĂ€hige stĂ€dtebauliche und architektonische Form zu geben. Diese Form sollte ein attraktives Umfeld fĂŒr die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Pharmaunternehmens schaffen und vor allem die Kommunikation unter ihnen fördern.

DafĂŒr schien das Modell der historischen Stadt geradezu prĂ€destiniert: Schliesslich ist sie das bauliche Dispositiv fĂŒr die Konstruktion und Verfeinerung einer Gemeinschaft par excellence. Ihre fein verzweigte Struktur von öffentlichen RĂ€umen schafft nicht nur unmittelbare Beziehungen zwischen verschiedenen Orten, sondern auch Gelegenheiten absichtsvoller und unbeabsichtigter, zufĂ€lliger Begegnungen und damit des intensiven zwischenmenschlichen Austausches.

TatsĂ€chlich standen am Anfang der Planung die FreirĂ€ume als GerĂŒst der Bebauung und als prĂ€gendes Element des neuen Campus. Der dichte orthogonale Raster, der sich auf das etwa 20 Hektar grosse Areal legt, zeichnet ansatzweise die keltische Siedlung nach, die vor etwa 2200 Jahren weite Teile des GelĂ€ndes besetzte, und ĂŒbernimmt die geometrische Struktur der verschwundenen Industrieanlage, an die er diskret erinnert. Nicht zufĂ€llig trĂ€gt die zentrale

Das rund dreissig Fussballfelder grosse Areal im Basler

St. Johann - Quartier wurde 1996 nach der Fusion von Sandoz mit Ciba - Geigy zum Sitz der neu gegrĂŒndeten Novartis. Drei Jahre spĂ€ter beauftragte der damalige CEO Daniel Vasella den italienischen Architekten und Stadtentwickler

Vittorio Magnago Lampugnani mit dem Erstellen eines stÀdtebaulichen Masterplans. Dabei sollte das ehemalige Industriegebiet grundlegend umgestaltet und in einen Campus der Begegnung verwandelt werden. Expertinnen und Experten aus benachbarten Disziplinen begleiteten diesen Prozess, um der KomplexitÀt des Gesamtprojekts gerecht zu werden.

Dem â€čWorkshopâ€ș genannten Gremium gehörten neben

Vittorio Magnago Lampugnani der Landschaftsarchitekt Peter Walker, der Kurator Harald Szeemann (spĂ€ter Jacqueline Burckhardt) fĂŒr die Kunst, der britische Grafiker Alan Fletcher (spĂ€ter Michael Rock) fĂŒr die grafische Gestaltung und Andreas Schulz fĂŒr die Beleuchtung an. Dass sie nicht nur jeder fĂŒr sich, sondern stets mit dem Blick auf das Ganze arbeiten wĂŒrden – etwa durch die Einbindung der Kunst in die Gestaltung der FreirĂ€ume –, belegen bereits die ersten umgesetzten Projekte auf exemplarische Weise.

Dieses Zusammenspiel begĂŒnstigte das Entstehen eines Arbeits - und Forschungsortes, der von Kooperation und Kommunikation geprĂ€gt sein wĂŒrde. Durch den RĂŒckbau eines bestehenden Parkhauses und eines weiteren GebĂ€udes konnte die Fabrikstrasse als RĂŒckgrat des Masterplans fĂŒr den Campus angelegt werden. Die sukzessive Entwicklung weiterer PlĂ€tze und GrĂŒnflĂ€chen entlang dieser Achse signalisierte deutlich, dass das Areal fortan den Forschenden und nicht mehr der Produktion vorbehalten sein wĂŒrde.

1 Forum 1 Courtyard

Forum 1 Courtyard

Landschaftsarchitektur Peter Walker (PWP Landscape Architecture) Umsetzung 2002–2003

Fertigstellung 2003

Das auf der Westseite der Fabrikstrasse gelegene ehemalige VerwaltungsgebĂ€ude von Sandoz ist ein klassisch anmutender Bau, der aus zwei ĂŒbereck angeordneten Riegeln besteht und mit einer Fassade aus grĂŒnlichgrauem Muschelkalk versehen wurde. Das GebĂ€ude wurde 1939 von den Liestaler Architekten Brodtbeck & Bohny in Arbeitsgemeinschaft mit Eckenstein & Kelterborn realisiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es im Norden und Westen um je einen FlĂŒgel ergĂ€nzt und umschliesst seither einen Innenhof.

Der hier entstandene Courtyard - Park ist die allererste Umsetzung nach dem Masterplan selbst. Der Entwurf stammt von Peter Walker, der fĂŒr das Gesamtkonzept der Landschaftsarchitektur auf dem Campus verantwortlich zeichnet. Der Hain aus Himalaja - Birken im nördlichen Teil des Innenhofs entstand anstelle eines GebĂ€udes, in dem frĂŒher ein Archiv unter-

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gebracht war, und ersetzt unter anderem einen ĂŒberwucherten Garten. Er nimmt etwa zwei Drittel der langgestreckten HofflĂ€che ein. Entlang der Fassaden ist er locker gepflanzt, zur Hofmitte hin nimmt die Dichte des Hains zu.

Im sĂŒdlichen Teil dieses Innenhofs befindet sich heute eine von 24 Hainbuchen eingerahmte kreisförmige GrĂŒnflĂ€che: ein Ort, an dem sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter treffen können. In der Mitte des Hofs verbindet ein lineares Wasserbecken den Birkenhain mit der von Hainbuchen gesĂ€umten RasenflĂ€che. Der Garten wird von Wegen, die mit weissen Marmorplatten belegt sind, gekreuzt. Sie versinnbildlichen das Schweizerkreuz. Die Belichtung ist hauptsĂ€chlich natĂŒrlich oder sie fĂ€llt indirekt aus den NachbargebĂ€uden in den Hof; daneben gibt es Lichter auf Bodenhöhe, die in unterschiedlicher IntensitĂ€t leuchten können.

2 Fabrikstrasse 6

2 Fabrikstrasse 6

Architektur Peter MĂ€rkli

Bau 2004–2006

Bezug 2006

Nutzung BĂŒrogebĂ€ude, Business Center fĂŒr GĂ€ste

Programm Erdgeschoss mit 2 offenen Hallen fĂŒr variable Nutzung sowie CafĂ©; 5 Obergeschosse, davon 4 BĂŒroetagen, im 1. Obergeschoss MeetingrĂ€ume und ArbeitsplĂ€tze fĂŒr angemeldete Besucherinnen und Besucher; 2 Untergeschosse mit Auditorium

Das GebĂ€ude Fabrikstrasse 6 wurde vom Schweizer Architekten Peter MĂ€rkli entworfen. In den oberen Geschossen befinden sich BĂŒros, die dem Konzept des Activity- Based Working folgen und gemeinschaftliche und individuelle sowie offene und geschlossene Arbeitsbereiche bieten. Das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss sind fĂŒr GeschĂ€ftsgĂ€ste zugĂ€nglich. Die offene Gestaltung des Atriums in der Mitte des GebĂ€udes fördert die Kommunikation und das zufĂ€llige Aufeinandertreffen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

MÀrklis GebÀude befindet sich in prominenter Lage am Forum und in der NÀhe des Haupteingangs. Es ist der minimalistischen Sprache der Moderne ebenso verpflichtet wie dem Reichtum europÀischer Architekturtradition: Klarheit und PrÀzision bestimmen den Rhythmus der RÀume

und SĂ€le, die von marmorverkleideten SĂ€ulen und holzgetĂ€felten Decken und WĂ€nden durchzogen sind. In die Hauptfassade des GebĂ€udes zur Fabrikstrasse hin ist ein Kunstwerk von Jenny Holzer integriert, ein 3 Meter hohes LED - Schriftband als TrĂ€ger fĂŒr 1000 weltweit gesammelte Sprichwörter und Aphorismen → S. 68 . Im Erdgeschoss befindet sich ein CafĂ© mit Sitzmöglichkeiten fĂŒr die Mitarbeitenden und ihre GĂ€ste. In der ersten Etage, die ĂŒber eine zentrale Treppe zugĂ€nglich ist, befinden sich ArbeitsplĂ€tze sowie MeetingrĂ€ume. Das Erdgeschoss wird unter anderem fĂŒr GruppenanlĂ€sse genutzt – ein â€čCineramaâ€ș genannter Bereich kann durch einen dichten Vorhang fĂŒr VortrĂ€ge oder FilmvorfĂŒhrungen abgetrennt werden. Im zweiten Untergeschoss befindet sich ein zweigeschossiges Auditorium mit Tageslicht und 124 SitzplĂ€tzen.

Fabrikstrasse 6 2

Die Fassadengestaltung verbindet die rationale Struktur eines BĂŒrogebĂ€udes mit dem Charakter eines Kulturbaus (Skizze Peter MĂ€rkli).

Die Decke der Arkade ist mit Zedernholz verkleidet.

Das im Foyer befindliche grossformatige GemĂ€lde Chemiebild oder Die Neue Zeit (Öl auf Leinwand, 1940) von Niklaus Stoecklin zeigt die Isolierung von pharmazeutischen Wirkstoffen aus Arzneipflanzen bis zu verkaufsfertigen Medikamenten.

Fabrikstrasse 6 2

Nahtlos gefĂŒgter Carrara - Marmor, edles Eiben - und Olivenholz und tiefblaue Teppiche schaffen eine AtmosphĂ€re barocker Opulenz.

Die rautenförmigen Aluminiumstrukturen des von Alex Herter entworfenen GelÀnders nehmen die Form der Rautengitter an der Fassade auf.

Fabrikstrasse 22

Fabrikstrasse 22 10

Architektur David Chipperfield Bau 2007–2010

Bezug 2010

Nutzung LaborgebÀude

Programm 4 Obergeschosse, davon 3 mit Laboren sowie 1 offenes Geschoss mit BĂŒros, Dachgarten; 2 Untergeschosse

David Chipperfields streng geometrisches GebÀude ist entlang des gesamten Perimeters von einer dichten Pfeilerreihe flankiert. Der britische Architekt schuf eine Architektur, an deren Fassade aus fast weissem Eisenbeton die vertikalen Linien der Pfeiler und die horizontalen der Decken unmittelbar ablesbar sind.

An dieser zentralen stĂ€dtebaulichen Position hat der Architekt mit seinem Bauwerk ein bedeutendes Projekt des Unternehmens umgesetzt: das sogenannte Lab of the Future, in dem sich Forschungsprojekte in einer neuartigen Arbeitsumgebung schneller und effizienter umsetzen lassen. Die stĂŒtzenlosen Grundrisse sind flexibel nutzbar und gestaltbar, die verschiedenen Bereiche gehen nahtlos inein -

ander ĂŒber. Es entsteht eine fĂŒr die jeweiligen AnsprĂŒche der einzelnen Forschungsprojekte prĂ€zise und doch anpassungsfĂ€hige Laborlandschaft.

Als konsequente Weiterentwicklung der Idee, die dem GebĂ€ude von Adolf Krischanitz → S.122 zugrunde liegt, werden hier die Laborbereiche auch nicht von GlaswĂ€nden getrennt. Das Erdgeschoss bietet mit einer Raumhöhe von 6 Meter Platz fĂŒr ein Restaurant und eine Cafeteria. Der Dachgarten in der obersten Etage besteht aus einer grossen, im Zentrum positionierten Betonwanne. In dieser wachsen inmitten von rund 50 Tonnen klarer grĂŒner Glaskugeln japanische Zelkoven - BĂ€ume: die Installation Molecular (Basel) des KĂŒnstlers Serge Spitzer.

Fabrikstrasse 22

Die Installation von Serge Spitzer besteht aus 760 000 Glasmurmeln und ist als â€čviraleâ€ș Skulptur angelegt, die sich zufĂ€llig oder durch Ă€ussere EinflĂŒsse verĂ€ndern kann.

Im Bau sind interdisziplinÀre Forschungsteams untergebracht: Chemikerinnen und Biologen arbeiten auf ein und derselben Etage zusammen.

Im GebĂ€udeeingang befindet sich die Fotografie Lab des deutschen KĂŒnstlers Menno Aden. Sie zeigt das dynamische und offene Laborkonzept in diesem GebĂ€ude.

Fabrikstrasse 22 10

Die Labore, BĂŒros und der Dachgarten werden durch eine zusĂ€tzliche Treppe des KĂŒnstlers Ross Lovegrove, die an eine WirbelsĂ€ule erinnert, miteinander verbunden.

Als einziges neues GebÀude in der Fabrikstrasse verlÀuft dessen Kolonnade nicht nur entlang der Frontseite, sondern auch auf der linken Seite des GebÀudes.

Vor 2001 standen auf dem GelĂ€nde im St. Johann nur 18 BĂ€ume. Die Transformation des Areals fiel mit einem durch die Digitalisierung beschleunigten und fundamentalen Wandel der Arbeitswelt zusammen, die zunehmend holistisch gestaltet wurde und das menschliche Wohlbefinden im Arbeitsalltag verbessern wollte. Vor diesem Hintergrund wurden die Parks und GĂ€rten auf dem Novartis Campus geplant. Die GrĂŒnflĂ€chen brechen die Bebauung auf und schaffen FreirĂ€ume, in denen sich die Mitarbeitenden in der Natur aufhalten und regenerieren können.

Heute gibt es auf dem Campus mehr als 2000 BĂ€ume, darunter viele autochthone Arten wie Spitzahorn, Buche oder Birke. Im Jahr 2016 wurde der Park SĂŒd → S.188 mit seiner urwĂŒchsigen NatĂŒrlichkeit nach mehreren Anlegephasen fertiggestellt. Er nimmt den Platz der ehemaligen HafenGleisanlage ein, die rheinaufwĂ€rts verlegt wurde. Er umfasst, wie alle Parks auf dem Campus, zahlreiche kĂŒnstlerische Eingriffe. Gleichzeitig wurde die Landschaftsgestaltung des öffentlichen Rheinuferwegs abgeschlossen, der Basel grenzĂŒberschreitend mit Huningue verbindet; zwei Jahre spĂ€ter wurde die langgestreckte, höher liegende Rhine Terrace → S.194 fertiggestellt. Diese Saumbereiche weichen den Campus - Perimeter in der Wahrnehmung auf und verknĂŒpfen ihn mit der Stadt und dem Rhein. StĂ€dtebaulich bietet das 63 Meter hohe, 2015 fertiggestellte BĂŒrogebĂ€ude Asklepios 8 → S.182 von Herzog & de Meuron einen visuellen Bezugspunkt des Campus zur Stadt. Davor waren vor allem die ProduktionsgebĂ€ude des GelĂ€ndes zu sehen. Der Standort des Novartis Pavillon → S. 200 im Park SĂŒd und dessen Nutzung als erstes vollstĂ€ndig öffentliches GebĂ€ude auf dem GelĂ€nde haben symbolischen Charakter. Der Pavillon dient als Ausstellungsund Begegnungszentrum. In ihm werden auch die sich gegenseitig bedingende Geschichte der pharmazeutischen Industrie und der Stadt erzĂ€hlt und essenzielle Zukunftsfragen im Gesundheitswesen thematisiert.

Oscillation Bench

Oscillation Bench 17

Kunstwerk Olafur Eliasson Entstehung 2007–2014

Installation 2014

Material Granit

Dimensionen 92 × Ø1040 cm

Der islĂ€ndisch - dĂ€nische KĂŒnstler Olafur Eliasson beschĂ€ftigte sich seit 2007 mit einem ortsspezifischen Projekt fĂŒr den von GĂŒnther Vogt entworfenen Park SĂŒd → S.188 . Die 2014 fertiggestellte Oscillation Bench befindet sich in der NĂ€he des Rheinufers. Die organische Form hĂ€lt den Augenblick fest, in dem ein vergrösserter Tropfen auf eine WasseroberflĂ€che trifft und ausbreitende konzentrische Wellen erzeugt. Dieser â€čversteinerteâ€ș Moment wurde aus finnischem Kuru - Granit geformt. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass es sich bei der abstrakten Form um eine runde Bank mit einem Tisch

handelt, und damit um ein – 67 Tonnen schweres – Nutzobjekt. Ein Einschnitt ermöglicht den Zugang zu der runden doppelseitigen Bank, die Platz fĂŒr gut 40 Personen bietet, von denen einige innen, andere aussen sitzen. Das Werk stellt den Welleneffekt dar und fungiert als Bild dafĂŒr, eine Idee in Tun zu verwandeln – RealitĂ€t zu schaffen. Eliasson baute in seinem Studio das Modell einer Ă€hnlichen Bank, um an diesem zu beobachten, wie Personen sich alleine, mit mehreren zufĂ€llig anwesenden Personen oder in einer Gruppe verteilen.

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