Engagiert Freiwillig
12 Porträts
Christoph Merian Verlag
Freiwillig Engagiert 12 Porträts
Freiwillig 12 Porträts
Engagiert
Christoph Merian Verlag
Inhalt 6 8
Zum Geleit Vorwort
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Ruth Zürcher
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Lukas Lütolf
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Laurence Muller
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Thomas Schwarb
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Simone Tacheron
HELP! For Families
Notschlafstelle Schlafguet
HEKS Neue Gärten
Repair Café Binningen-Bottmingen
Frauenverein Sissach
76 Daryna Synhaivska Open House Basel
Erin Spencer
102
Verena Gysin
114
Andreas Keller
126
Koshika Yadava
140
Samir Nazareth
152
KIFF Kultur in der Futterfabrik
Blindenhunde Liestal
Tischlein deck dich
zämmehAlt
KLŸCK Quartiertreffpunkt Klybeck/Kleinhüningen
Dominik Steiner 164 Mentoring für Jugendliche
Interview Mit Freiwilligen, aber nicht auf ihren Schultern
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Zum Geleit Freiwilligenarbeit bedeutet viel mehr, als nur Zeit zu schenken – sie ist ein Ausdruck von Vertrauen, von Gemeinschaft und von dem Wunsch, etwas Positives zu bewirken. Menschen, die sich freiwillig engagieren, investieren nicht nur viele Stunden, sondern Herzblut, Kreativität und Empathie. Genau diese Werte prägen unsere Gesellschaft und machen sie lebendig. Kochen, begleiten, zuhören, organisieren, unterrichten, reparieren und unterstützen – jede Form von Engagement trägt dazu bei, Räume zu schaffen, in denen Menschen wachsen und Gemeinschaft erfahren können. Dabei geht es nicht um Perfektion, sondern um Authentizität, Offenheit und das ehrliche Interesse am Gegenüber. Als Köchin habe ich immer wieder erlebt, dass das Zusammenspiel von Leidenschaft, Geduld und Hingabe den Unterschied macht – sei es am Herd oder im sozialen Miteinander. Freiwilligenarbeit ist ähnlich: Sie fordert Einfühlungsvermögen, Ausdauer und die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen. Gleichzeitig beschenkt sie uns mit Begegnungen, Inspiration und einem tiefen Gefühl der Verbundenheit.
Zum Geleit
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Diese Publikation stellt Menschen in den Mittelpunkt, die ihre Zeit freiwillig einsetzen, und sie zeigt, wie vielfältig Engagement sein kann. Sie erinnert uns daran, dass jeder Beitrag zählt, dass jede helfende Hand und jedes offene Ohr wertvoll sind. Möge dieses Buch viele Leserinnen und Leser motivieren, die Kraft der Freiwilligenarbeit zu entdecken – und vielleicht selbst ein Stück dazu beizutragen. Von Herzen, Tanja Grandits
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Freiwillig Engagiert
Laurence Muller HEKS Neue Gärten
Boden unter den Füssen bekommen
Laurence Muller unterstützt im interkulturellen Gartenprojekt ‹HEKS Neue Gärten› Gärten› Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund bei der Integration. Ihre Stärke sind die persönlichen Gespräche mit den Teilnehmenden, die ebenso Empathie und Offenheit verlangen wie klare Grenzen – eine Fähigkeit, die aus ihrer eigenen Lebensgeschichte gewachsen ist. Laurence Muller
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HEKS Neue Gärten
‹Andere gehen zur Therapie, ich gehe in meinen Garten›. Laurence Muller stösst die leicht verrostete Metalltür auf, an der ein Schild mit diesem Spruch befestigt ist. Dahinter erstreckt sich ein grosser, rechteckiger Garten, den ein Gehweg in der Mitte teilt. Auf beiden Seiten sind Gartenbeete angelegt, am gegenüberliegenden Ende steht ein charmantes, etwas in die Jahre gekommenes hölzernes Gartenhaus mit einer Pergola. Laurence geht ein paar Schritte in Richtung der Beete. «Hier muss zuerst gejätet werden», sagt sie lächelnd mit Blick auf das wuchernde Unkraut, das über die Wintermonate überhandgenommen hat. Der Garten befindet sich mitten in einem Wohnquartier der Aargauer Stadt Zofingen und wird im Rahmen des Projekts ‹HEKS Neue Gärten› bewirtschaftet. Unter der Leitung des Hilfswerks der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (HEKS) trifft sich jeweils am Mittwochnachmittag eine kleine Gruppe zur gemeinsamen Gartenarbeit. Fünf freiwillige Helferinnen – darunter Laurence – betreuen die gut zwanzig Erwachsenen und Kinder, die meisten von ihnen mit Migrationshintergrund. Bei der gemeinsamen Gartenarbeit knüpfen sie Kontakte, lernen Deutsch und erfahren von den Freiwilligen mehr über das Leben in der Schweiz: interkulturelle Gartenarbeit als Unterstützung für eine bessere Integration. Gemeinsam kümmert sich die Gruppe um den Garten, wobei jede Person zusätzlich ein eigenes Beet zugewiesen bekommt, für das sie verantwortlich ist. Alle, die Teil des Projekts sind, dürfen jederzeit in den Garten, um sich um ihre Beete zu kümmern oder um hier Zeit zu verbringen. HEKS betreibt insgesamt 34 ‹interkulturelle Gärten› in der Deutschund Westschweiz und schafft so für die Teilnehmenden eine sinnvolle Tagesstruktur und eine Möglichkeit zur aktiven Partizipation am gesellschaftlichen Leben in der Schweiz. Das Gartentor öffnet sich erneut. Gino, Italiener und Rentner, gut siebzig Jahre alt, tritt herein, je eine volle Tragtasche in der linken und in der rechten Hand. «Ciao», ruft er von Weitem und erklärt Laurence mit unverkennbar italienischem Akzent, dass er gekommen sei, um einen Feigenbaum zu pflanzen. Den habe er von einem Kollegen aus Como geschenkt bekommen. Gino holt sich im Werkzeugschuppen einen Spaten, sucht in seinem Beet einen passenden
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Standort und beginnt zu graben. «Die Erde, die du nicht mehr brauchst, kannst du gleich da hinten deponieren», sagt Laurence und zeigt auf ein Loch im Rasen. «Das müssen wir schliessen, sonst stolpern die Kinder beim Spielen.» Wenige Meter entfernt setzt Willy in seinem Beet Kartoffeln. Der 93-Jährige wohnt gleich nebenan und ist trotz fortgeschrittenem Alter noch tatkräftig bei der Gartenarbeit dabei. Er ist der Einzige, der schon Mitte März sein Beet vom Unkraut befreit und die Erde gelockert hat. Willy, Gino und Laurence kommen schnell ins Gespräch, man kennt sich. Die drei diskutieren die Bepflanzung der Beete für die neue Saison und sprechen über das Wetter. Dabei wird viel gelacht, die Stimmung ist herzlich. «Die Atmosphäre ist jedes Mal toll, deshalb komme ich so gerne hierher. Das Zusammensein in der Gruppe fühlt sich an wie eine Familie», sagt Laurence, die das Projekt seit der Gründung vor fünf Jahren ehrenamtlich unterstützt. Laurence Muller ist unter anderem für das Gartenhaus und die Werkzeuge verantwortlich. Am meisten Freude machen ihr jedoch die Gespräche mit den Teilnehmenden, darin liegt ihre grosse Stärke. «Ich bin sehr wissbegierig und interessiere mich für Sprachen, Kulturen und Religionen. Deshalb schätze ich den Austausch mit den Leuten sehr. Dafür braucht es Offenheit, Toleranz und Empathie. Man darf nicht voreingenommen sein oder Vorurteile haben», sagt Laurence und betont, es sei wichtig, allen im Garten auf Augenhöhe zu begegnen. «Sie wollen Mitgefühl, aber kein Mitleid.» Angesichts der teilweise harten Schicksale der Teilnehmenden, die oftmals aus kriegsbetroffenen Ländern wie dem Iran, der Ukraine, Eritrea oder Afghanistan kommen, ist Abgrenzung ein wichtiges Thema. «Ich bin ein herzlicher, emotionaler Mensch. Aber ich bin auch gut darin, mir einen Panzer zuzulegen, damit ich nicht alles an mich heranlasse. Man muss in diesem Engagement auch Grenzen setzen und schwierige Themen ansprechen können», sagt sie. Dass Laurence diese Kombination aus Empathie, Menschenkenntnis und klarer Abgrenzung beherrscht, ist eng verbunden mit ihrer Biografie. Die ersten acht Jahre ihres Lebens verbrachte sie in einem Vorort von Paris. Eine Zeit, die geprägt war von Gewalt und schwierigen Familienverhältnissen. Laurence wuchs grösstenteils
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bei einer Tagesmutter und später bei einer Pflegefamilie auf, ihre leibliche Mutter sah sie meist nur am Wochenende, den Vater noch seltener. Die Beziehung zu beiden Elternteilen war von Beginn an schwierig, dafür war der Kontakt mit den Verwandten und Freunden der Mutter umso herzlicher. Die Eltern von Laurence trennten sich früh. Ihre Mutter fand einen neuen Partner und zog mit ihm in die Schweiz. Ein einschneidendes Erlebnis für Laurence, die im Alter von acht Jahren ihre Pflegefamilie und ihre Freund:innen in der Schule zurücklassen musste. «Das war ein unglaublich schwieriger Schritt für mich. Ich wollte Paris auf keinen Fall verlassen, sondern bei meiner Pflegefamilie und meinen Freunden bleiben. Das war aber nicht möglich. Der Wegzug aus Paris ist ein Trauma, mit dem ich manchmal noch heute zu kämpfen habe.» Der Neustart in der Schweiz gestaltete sich schwierig. In der Schule fand Laurence zwar schnell Freundinnen und Freunde und war beliebt in ihrer Klasse. Zuhause aber blieb alles beim Alten: Ihre Mutter und ihr Stiefvater hatten kaum Zeit für sie, und Laurence verbrachte viele Nachmittage allein. Sie nutzte die Einsamkeit, um sich kreativ auszuleben. Fotografieren, Malen und Zeichnen zählen bis heute zu ihren Leidenschaften. «Als Jugendliche waren Malen und Zeichnen für mich überlebenswichtig. Ich konnte damit meine Gefühle ausdrücken. Es war für mich ein Ventil», beschreibt Laurence ihre ersten Jahre in der Schweiz. Als Jugendliche träumte sie davon, ein Waisenhaus in Afrika aufzubauen, um Kindern in Not zu helfen. Daraus wurde nichts, aber Laurence absolvierte nach der Schule und verschiedenen Aufenthalten als Au-pair im In- und Ausland die Ausbildung als Kleinkinderzieherin. Bald darauf kam ihre erste Tochter zur Welt. Mittlerweile ist sie glücklich verheiratet, hat drei erwachsene Töchter und eine Enkelin. Mit knapp sechzig Jahren scheint Laurence Muller angekommen zu sein. Sie ist mit sich und ihrer Vergangenheit – so gut das möglich war – im Reinen. «Ich habe vor allem in meiner Kindheit und Jugend unglaublich viele schlimme Dinge erlebt, die man niemandem wünscht. Aber genau diese Erfahrungen haben mich für die Leiden dieser Welt sensibilisiert. Ich nehme in meinem Umfeld sehr schnell wahr, wenn etwas nicht stimmt, und versuche zu helfen. Zugleich habe ich mich zu einer Kämpfernatur
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entwickelt und habe nie aufgegeben», sagt sie. Bei diesem letzten Satz schwingt ein gewisser Stolz in ihrer Stimme mit. Obwohl Laurence in ihrem Leben unglaublich viele Hürden meistern musste, hat sie immer Zeit gefunden, sich ehrenamtlich zu engagieren. Zuerst im Blauring, dann in der Sonntagsschule, später unter anderem in der kirchlichen Jugendarbeit und als Fussballtrainerin für Mädchen in ihrem Wohnort. Seit über zwanzig Jahren arbeitet sie zudem mit Migrantinnen und Migranten, die sie bei der Integration unterstützt. Zusätzlich engagiert sie sich im Projekt ‹HEKS Neue Gärten›. «Ich kann gar nicht richtig erklären, wie ich zu diesen vielen freiwilligen Engagements gekommen bin. Vorgelebt wurde mir das in meiner Kindheit sicher nicht. Aber irgendwie bin ich schon als Jugendliche reingerutscht. Ich war immer vielseitig interessiert und wissbegierig. Ich fand die Projekte, für die ich angefragt wurde, immer spannend. Aber der entscheidende Punkt ist: Ich habe Menschen einfach gern», sagt Laurence, die sich selbst als Humanistin bezeichnet. Noch immer steckt sie voller Tatendrang, trotz körperlicher Probleme. Auch wenn sie mit Rheuma und dem Fatigue-Syndrom zu kämpfen hat, reisst sie neue Projekte an. Als Laurence aus Gesprächen mit den Teilnehmenden von ‹HEKS Neue Gärten› heraushörte, dass sie sich zusätzliche Möglichkeiten zur Anwendung der deutschen Sprache im Alltag wünschten, rief sie kurzerhand das Sprach-Kaffee ins Leben. Seither trifft sich die Gruppe einmal pro Woche bei ihr zuhause, um ihre Deutschkenntnisse in ungezwungenem Rahmen zu verbessern. «Diese Begegnungen sind unglaublich schön, und es sind Freundschaften daraus entstanden», sagt Laurence. In der Zwischenzeit ist auch der Rest der Gruppe im Garten eingetroffen. Es ist das erste offizielle Treffen der neuen Saison. Diejenigen, die neu dabei sind, bekommen ihre Beete zugeteilt und erhalten eine Einführung in die Gartengemeinschaft. Mit dabei sind auch mehrere Kinder, die sich hier sofort wohlfühlen und miteinander zu spielen beginnen. Die Obstbäume tragen erste zarte Blätter, und die Beete sind noch grösstenteils leer. Dennoch ist es nicht schwer, sich vorzustellen, wie hier im Sommer die Natur in voller Pracht gedeiht und die Teilnehmenden des Projekts den Garten mit Leben füllen.
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«Dieser Garten ist für mich zu einem Kraftort geworden. Es ist friedlich hier, und das Zusammensein mit den Leuten sorgt für eine ganz besondere Stimmung», sagt Laurence Muller und lässt ihren Blick über den Garten schweifen. Von den Himbeersträuchern, die bereits hellgrüne Blätter tragen, zum frisch gepflanzten Feigenbaum von Gino, über das Gartenbeet von Willy bis hinüber zum Sandkasten der Kinder und zum alten, knorrigen Quittenbaum, der im Sommer etwas Schatten spenden wird. Fabio Baranzini
«Spass und Zugehörigkeit sind elementar, um dabeizubleiben.»
«Zentral ist die Sinnhaftigkeit – das Suchen nach Sinn in dem, was man tut.»