HEFT NR. 1/22 11. JAHRGANG
POST-PUNK TRIFFT VIDEOPUZZLE
STEREO DYNAMITE DREHEN FILM ZU NEUEM ALBUM
BEDROHT
HOLGER THIEMANN ÜBER DIE ZUKUNFT DER IKF
GEFEIERT
50 JAHRE KOMMUNALES KINO FREIBURG
VERKRACHT
SCHWARZWALDROMAN ÜBER EINEN EGOMANEN
KULTUR
„Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt“ QUO VADIS INTERNATIONALE KULTURBÖRSE FREIBURG?
P Foto: © privat
Kulturschaffender Thiemann: „Diese Pole-Position gilt es zu verteidigen.“
ZUR PERSON Der Autor, 68, war 1989 der Gründer der Freiburger Kulturbörse und gab nach der 30. IKF den Staffelstab an Susanne Göhner weiter. Thiemann leitete zuletzt das Freiburger Stadtjubiläum.
von Holger Thiemann appnasen-Veranstaltung hatte Uli Homann, erst kürzlich verstorbenes Freiburger Journalisten-Urgestein, die Internationale Kulturbörse Freiburg (IKF) mal despektierlich bezeichnet. Einige Jahre später, die „Fachmesse für Bühnenproduktionen, Musik und Events“ war aus den Kinderschuhen und vom Bürgerhaus Seepark in die Neue Messe umgezogen, gehörte Homann zu den treuesten Besuchern. Die IKF hat sich internationale Anerkennung erworben. Nun aber müssen wichtige Entscheidungen getroffen werden. Die kleine Homann-Episode verdeutlicht ein Grundmuster, das bis in die Gegenwart zu spüren ist: mangelnde Wahrnehmung und eine eher bescheidene Wertschätzung durch die Verantwortlichen; von einer selbstbewussten und offensiven Außendarstellung für ein so besonderes kulturelles Angebot ganz zu schweigen. Das wundert umso mehr, weil die IKF nicht nur bundesweit, sondern auch international seit vielen Jahren anerkannt und geschätzt wird. Auf dem Freiburger Branchentreffen haben die Akteure der Szene die Chance, sich auszutauschen, Eindrücke und Ideen zu holen, neue Produktionen zu sehen und – last but not least – neue Talente zu entdecken. Alfons, Bülent Ceylan, Carolin Kebekus, Eckart von Hirschhausen, Torsten Sträter, Florian Schroeder, Lisa Eckhart, Luise Kinseher, Olaf Schubert usw. haben der IKF zwar nicht alles, aber doch sehr viel zu verdanken. Und es ist beileibe nicht nur die Kleinkunst, um die sich alles dreht. Tanz, Straßentheater, Performances, Licht- und Klangerlebnisse, Musik und andere künstlerische Ausdrucksformen spielen eine immer wichtigere Rolle. Durch die Kombination von klassischer Messe und umfangreichem Live-Programm schaffte es die IKF jedes Jahr, Freiburg für vier Tage zum Mittelpunkt einer pulsierenden und finanziell ex-
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pandierenden Branche zu machen. Die IKF ist zwar kein Festival, sondern primär fürs Fachpublikum gedacht. Aber ein Theater, ein Museum gibt es nahezu in jeder größeren Kommune, eine internationale KulturFachmesse auf diesem Niveau nur in Freiburg. In dieser Einzigartigkeit liegt eine ihrer entscheidenden Stärken. Und diese Pole-Position gilt es zu verteidigen. Die Voraussetzungen dafür sind nicht schlecht: Viele Künstler und Gruppen müssen sich neu positionieren, verloren gegangene Strukturen neu aufbauen, das durchlöcherte Netz von Kontakten, Verbindungen und Austausch wieder flicken. Die IKF ist dafür der richtige Ort. Aber auch sie hat unter der Pandemie gelitten. Konnte sie 2021 mit viel Anstrengungen noch online durchgezogen werden, musste sie in diesem Jahr komplett abgesagt werden. Eine schwierige Situation. Und nun? Nach zwei Jahren Pause ist es nicht möglich, einfach weiterzumachen, wo man aufgehört hat; dazu haben sich die Rahmenbedingungen zu sehr verändert. Eine IKF 2023 gleicht einem Neuanfang – und jeder Anfang ist schwer. Mit der bisherigen finanziellen, strukturellen und personellen Ausstattung wird er nicht gelingen! Seit Jahren arbeiten die Organisatoren am Limit ihrer Möglichkeiten. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, um das zu ändern. Notwendig ist aber erst einmal ein klares Bekenntnis des Veranstalters (FWTM) und der Stadt zu einer 35. IKF. Dass ihnen dies schon immer ein wenig schwergefallen ist, mag am Fachcharakter liegen, aber auch daran, dass die Messe kein Goldesel ist und dies auch nie werden wird. Demgegenüber steht jedoch eine herausragende und renommierte Veranstaltung, die Freiburg gut ansteht und vielen Kulturschaffenden hilft – in guten wie in schlechten Zeiten.
KULTUR
Organische Formensprache
Fotos: © O'Keeffe From the Lake 1 1924 300x366mm; O'Keeffe Black Mesa Landscape 1930 GOKM LAC 201x300mm; O'Keeffe New York Street with Moon 1925 Thyssen LAC 300x188mm
DIE FONDATION BEYELER ZEIGT EINE BEMERKENSWERTE RETROSPEKTIVE DER WERKE VON GEORGIA O’KEEFFE
D
ie Kunst von Georgia O’Keeffe“, sagt Theodora Vischer, „ist nicht einfach einzuordnen.“ Sie muss es wissen: Vischer ist Kuratorin der Ausstellung, die die Fondation Beyeler derzeit der amerikanischen Malerin widmet, die zu den bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts zählt. O’Keeffe (1887– 1986) wurde vor allem wegen ihrer großformatigen, teils farb- und konturstarken, teils nur zart angedeuteten Nahansichten des fortpflanzungsrelevanten Innenlebens von Blumen und Blüten berühmt – und von männlichen Kunstkritikern nachgerade zur Ikone weiblich-sinnlicher Malerei erklärt. Bis zum 22. Mai sind 85 Bilder dieser eigenwilligen Vertreterin der amerikanischen Moderne zu sehen: Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde aus allen Phasen ihres Schaffens, das sich über sechs Jahrzehnte erstreckte. 60 Jahre, in denen Georgia O’Keeffe so viel mehr schuf als die berühmten herangezoomten Blüten:
von Erika Weisser Gebirgs-, Wüsten-, Fluss- und Seelandschaften, Häuser- und Straßenschluchten, Himmel- und Wolkenformationen, Gräser, Bäume, Vögel, Tiergerippe – alles, was ihr auf Spaziergängen und Reisen auffiel. Und wofür sie, die in ihren letzten Lebensjahren langsam erblindete, offenbar eine ganz eigene, radikale Art des Sehens und der bildnerischen Reproduktion des Gesehenen entwickelt hatte. Die in chronologischer Abfolge angeordneten, durch Farbe und Form, durch Kontrast und Reduktion sehr plakativ wirkenden Bilder ziehen die Besucherin schnell in ihren Bann. Bereits im ersten Saal wird ersichtlich, dass die Kuratorin recht hat: Schon die hier präsentierten von 1915 bis 1917 entstandenen frühen Arbeiten Georgia O’Keeffes erlauben keine Zuordnung. Weder von den stark abstrahierenden Kohlezeichnungen noch von den kleinformatigen farbintensiven Aquarellen lässt sich genau sagen, ob sie abstrakt oder gegenständlich sind. „Weder noch“ wäre Theodora Vischers Antwort. Oder besser: „Sowohl
als auch“. Das Nebeneinander von abstrahierender und figurativer Darstellung sei immer Teil von O’Keeffes Bildsprache gewesen. Das wird an zwei Gemälden von 1924 deutlich, die in einem Raum an zwei rechtwinklig zueinander stehenden Wänden hängen: Das ausgeprägt figürliche Bild „The Chestnut Tree“ und das stark abstrahierte „From The Lake“. Dabei weist der Kastanienbaum einige reduziert-stilisierte Elemente auf, während in der zunächst als einziger Farbrausch erscheinenden See-Komposition einzelne Wellen erkennbar werden. Schon hier zeigt sich also, was im letzten Saal mit dem Spätwerk ganz deutlich wird: Dass dieses Nebeneinander mit der Zeit zu einem „ausbalancierten Ineinander“, zu der für O’Keeffe typischen organischen Formensprache wurde. Eine großartige Leistung – von Malerin und Ausstellungsmacherinnen.
INFO www.fondationbeyeler.ch/ausstellungen/ georgia-okeeffe
Figurativ abstrahiert: Bei den Bildern vom Lake George (li.), einer Gebirgslandschaft und eines Kastanienbaums gehen Stilelemente ineinander über. FEBRUAR 2022 CHILLI CULTUR.ZEIT 39
KINO
Seit 50 Jahren erstklassig DAS KOMMUNALE KINO FREIBURG FEIERT IM SOMMER EIN GROSSES JUBILÄUMSFEST MIT MUSIK, TANZ UND BESONDEREN FILMEN
E
s ist aus Freiburg nicht wegzudenken – das kleine Kino an der Urachstraße, das in pandemiefreien Zeiten höchstens zugelassene 90 Plätze bietet; aktuell aber nur die Hälfte. Es existiert schon so lange, dass selbst ältere chilli-Leser·innen sich nur vage an die Zeit erinnern, als es das Kommunale Kino noch nicht gab. In diesem Jahr wird diese kultige kulturelle Institution 50 Jahre alt. Noch vor den Sommerferien wird der Gründungstag mit einem großen Fest für alle gefeiert. Mit handverlesenen Filmen natürlich, mit Musik und Tanz, mit nicht alltäglichen Gästen und vorwiegend im Freien, auf dem Gelände um den Alten Wiehrebahnhof. 40 CHILLI CULTUR.ZEIT FEBRUAR 2022
von Erika Weisser Eigentlich, sagt die heutige Geschäftsführerin Neriman Bayram, war die Gründung des Vereins Kommunales Kino Freiburg erst Ende des Jahres 1972. Doch angesichts der wiederkehrenden und in den Wintermonaten besonders hochschlagenden und die Kulturstätten leerfegenden Corona-Wellen will das derzeit fünfköpfige hauptamtliche Team „auf Nummer Sicher gehen“ und schon im Sommer feiern. Es gebe sogar zwei Anlässe: die Gründung vor 50 Jahren und die Tatsache, dass sich die Spielstätte des Kinos seit 40 Jahren, seit Dezember 1981, ununterbrochen im ehemaligen Wiehrebahnhof befindet. Angefangen hat alles aber weit vorher, erzählt Reiner Hoff, der dem
KoKi schon früh verbunden und von 1987 bis 2010 auch dessen Geschäftsführer war: Beeinflusst von den Studentenrevolten und anderen linken und sozialen Bewegungen der späten 1960er-Jahre, entstanden damals vielerorts neue Gruppen, die auch die herrschende bürgerliche Kultur „vom Kopf auf die Füße stellen“ und neue Inhalte setzen wollten. Das sollte auch in der Filmbranche geschehen, die bis dahin fast nur die „seichte Unterhaltung der Nachkriegsjahre“ in die Kinos brachte. 1962 hatten Alexander Kluge, Edgar Reitz und andere Protagonisten der Bewegung „Junger deutscher Film“ mit dem Oberhausener Manifest eine Erneuerung der deutschen Filmkultur gefordert – unter dem
KINO
Fotos: © KoKi, Erika Weisser
Hinweisschild im Schulhof: Bevor das Kommunale Kino in den Alten Wiehrebahnhof umzog (oben), gab es einmal in der Woche Filmvorführungen in der heutigen Richard-Fehrenbach-Gewerbeschule (links). Aber nur, wenn der Hausmeister später Feierabend machte.
Motto „Papas Kino ist tot!“. Darauf basierend, sollten nun aufklärerische, politische und gesellschaftskritische Filme zum Zug kommen, die die Realität abbilden und Bewusstsein bilden sollten. Gezeigt werden sollten diese deutschen und internationalen Filme an Orten, die für jede und jeden zugänglich sein sollten – in nicht-kommerziellen kommunalen Kinos. Auch in Freiburg bildete sich eine solche Gruppe, die den Anspruch hatte, „mit Filmen die Gesellschaft zu verändern“. Die Initiative ging dabei von den Jusos aus, von denen sich einige zunächst schwer damit taten, dass es auch Leute gab, denen filmästhetische Gesichtspunkte wichtiger waren als politische Inhalte. Willi Karow, erinnert der heutige Technische Leiter Bertram Karthäuser an den unlängst verstorbenen Mitbegründer und langjährigen Leiter des KoKi, habe das Projekt damals gerettet. Er habe die konträren Positionen zu dem Konsens zusammengeführt, dass man „politisch bleibe, aber unter den bestmöglichen ästhetischen Bedingungen“. Damit, sagt Neriman Bayram, habe er „eine Linie geprägt, die bis heute für uns verbindlich ist“: Nicht nur ein Zentrum für den künstlerisch anspruchsvollen Film zu sein, sondern auch ein sozialer, politischer und solidarischer Ort. Am 23. November 1972 wurde der Verein Kommunales Kino Freiburg schließlich ins Leben gerufen – auf
Reiner Hoffs Kopie der Teilnehmerliste der Gründungsversammlung ist unter vielen anderen auch die Unterschrift von Klaus Theweleit zu finden, dem Freiburger Kulturwissenschaftler, der kürzlich 80 wurde. Und die von Thomas Landsberg, dem damaligen Juso-Vorsitzenden, der später SPDStadtrat und Kulturbürgermeister der Stadt Freiburg war und sich immer für das KoKi und andere neue und partizipative Kulturkonzepte einsetzte. Zu Zeiten, da es nach Angaben von Bayram „ein wahnsinniger Kampf“ war, vom damals mehrheitlich konservativen Gemeinderat Fördermittel genehmigt zu bekommen. Und eine neue Spielstätte. Denn die wurde nach neun Jahren in einem Raum der damaligen Gewerbeschule II dringend benötigt. Dort konnte man ja nur an einem oder zwei Abenden in der Woche Filme vorführen. Und auch nur dann, wenn ein Hausmeister und ein Projektor da war. Für die steigende Nachfrage nach „anderen“ Filmen und die Entwicklung neuer Formate war dort kein Raum. Bei der Suche nach dem geeigneten Ort, lacht Hoff, sei sogar der Gewölbekeller des Schwarzen Klosters im Gespräch gewesen, bei der Ortsbegehung habe man aber festgestellt, dass das nicht mit der dortigen Nonnengruft vereinbar sei. Dann kam der Alte Wiehrebahnhof in den Blick; der damalige OB Rolf Böhme wollte die autonome
Szene befrieden und bot den ihr verbundenen Kulturgruppen wie dem AAK, dem KoKi, dem Kinder- und Jugendtheater und anderen Gruppen das seit Längerem nicht mehr genutzte Erdgeschoss des Gebäudes an. Nach einigen Verhandlungen zogen die Kinomacher schließlich mit der Freien Künstlergruppe Freiburg dort ein. Der frühere Wartesaal erster Klasse wurde zur Galerie, im Wartesaal der zweiten und dritten Klasse richtete das damalige Koki-Team in viel ehrenamtlicher Eigenarbeit den Kinosaal ein, in dem bis heute erstklassige Filme gezeigt werden, Stummfilmkonzerte stattfinden, Diskussionsforen und Festivals über die Bühne gehen. Wie etwa im April das Cinelatino-Festival.
Freude über 50 Jahre KoKi : Neriman Bayram, Bertram Karthäuser und Reiner Hoff (v.l.). FEBRUAR 2022 CHILLI CULTUR.ZEIT 41
KINO
Familienbande
PEDRO ALMODÓVAR THEMATISIERT DAS BIS HEUTE WIRKENDE TRAUMA DES SPANISCHEN BÜRGERKRIEGS
Parallele Mütter Spanien 2021 Regie: Pedro Almodóvar Mit: Penélope Cruz, Milena Smit, Rossy de Palma, Israel Elejalde u.a. Verleih: Studiocanal Laufzeit: 126 Minuten Kinostart: 10. März 2022
I
n seinem neuen Film beleuchtet Pedro Almodóvar – wie schon so oft – Familienbeziehungen, die zunächst nicht offenbar werden, die Betroffenen unbewusst jedoch nach bestimmten Mustern handeln lassen. Erstmals bezieht er auch Angehörige mit ein, die im spanischen Bürgerkrieg von Franquisten ermordet wurden. Janis lebt in Madrid; ihr Job als Werbefotografin ermöglicht der knapp 40-Jährigen ein unbeschwertes Leben. Bei einem Fotoshooting lernt sie den forensischen Anthropologen Arturo kennen. Er arbeitet bei einer Organisation mit, deren Ziel es ist, die Massengräber aus der Franco-Zeit zu finden und die vor mehr als 80 Jahren dort Verscharrten zu exhumieren. Janis wendet sich in eigener Sache an ihn: Von ihrer Großmutter Cecilia hatte sie erfahren, dass deren Vater vermutlich in einem solchen Grab verscharrt wurde. Er hatte sich nach Francos Militärputsch sofort den widerständigen Republikanern angeschlossen und war schon in den ersten Tagen der Kampfhandlungen verschleppt worden. Bei Cecilia war Janis nach dem frühen Tod ihrer eigenen Mutter aufgewachsen und hatte ihr versprochen, die Überreste des Urgroßvaters zu finden und diese im Familiengrab würdig zu bestatten Aus der Bitte um Arturos Unterstützung in dieser Angelegenheit entwickelt sich eine Beziehung; ein Jahr später ist Janis schwanger. Als Arturo unter Hinweis auf seine kranke Ehefrau erklärt, dass nicht der richtige Zeitpunkt für eine Vaterschaft sei, trennt sie sich von ihm. Sie übernimmt die Verantwortung für das Kind alleine – wie schon ihre Großmutter und Mutter.
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von Erika Weisser
Fotos: © Studiocanal GmbH
In der Geburtsklinik teilt sie das Zimmer mit der 17-jährigen Ana, die sich im Gegensatz zu Janis so gar nicht darauf freut, Mutter zu werden. Sie versucht, Ana mit ihrer Begeisterung anzustecken – mit mäßigem Erfolg. Erst als Ana die kleine Anita in den Armen hält, keimt die Liebe auf. Kurz darauf kommen Anita und Janis’ zeitgleich geborene Tochter Cecilia in klinische Beobachtung. Da sich die bei ihnen vermuteten Stoffwechselstörungen jedoch als harmlos herausstellen, können die parallelen Mütter mit ihren Kindern die Klinik verlassen. Zuvor tauschen sie Telefonnummern aus – mit dem Versprechen, in Kontakt zu bleiben. Es bleibt beim Versprechen. Bis Arturo auftaucht, um seine Tochter zu sehen – und sich in Cecilia nicht wiedererkennt. Da kommen bei Janis, die ihre Eltern ja gar nicht kannte, auch Zweifel auf, und sie ruft Ana an, um sich nach Anita zu erkundigen. Es folgt eine dramatische, sich über zwei Jahre ziehende, meisterhaft erzählte und gespielte Geschichte um Lüge und Versöhnung. Und schließlich kommt es zu einer sehr berührenden Familienzusammenführung am Grab des ermordeten Urgroßvaters und seiner Leidensgenossen.
KINO DAS MÄDCHEN MIT DEN GOLDENEN HÄNDEN
DER MANN, DER SEINE HAUT VERKAUFTE
THE CARD COUNTER
Foto: © Wild Bunch
Foto: © Eksystent
Foto: © Weltkino
Deutschland 2021 Regie: Katharina Marie Schubert Mit: Corinna Harfouch, Birte Schnöink u. a. Verleih: Wild Bunch Laufzeit: 107 Minuten Start: 17. Februar 2022
Tunesien/Frankreich 2020 Regie: Kaouther Ben Hania Mit: Yahya Mahayni, Dea Liane u. a. Verleih: Eksystent Laufzeit: 104 Minuten Start: 24. Februar 2022
USA 2021 Regie: Paul Schrader Mit: Oscar Isaac, Tiffany Haddish u. a. Verleih: Weltkino Laufzeit: 111 Minuten Start: 3. März 2022
Kein romantisches Märchen
Ein Rücken als Kunstwerk
Schatten der Vergangenheit
(ewei). Auch wenn der Titel es suggerieren mag: Der 1999 spielende Film hat nichts Märchenhaftes – bis auf die im Vorspann und in der Schlussszene zitierten Sätze der Geschichte vom armen Müller, der seine Tochter irrtümlich dem Teufel verspricht. Oder vielleicht doch: Die Beziehung von Gudrun zu ihrer Tochter Lara ist eher die einer bösen Stiefmutter. Die strenge 60-Jährige hat kein gutes Wort für die junge Frau, weist sie stets zurück. Als Lara zu Gudruns Geburtstag aus Berlin in ihr Brandenburgisches Heimatstädtchen reist, nimmt diese sich nicht einmal die Zeit, das Geschenk auszupacken – Laras erstes, sogar in einem bekannten Verlag erschienenes Buch. Das liegt nicht nur daran, dass Gudrun sich unerbittlich für den Erhalt des früheren Kinderheims einsetzt, in dem sie aufgewachsen ist und das der Bürgermeister mithilfe westdeutscher Investoren in ein Hotel umwandeln will. Sondern daran, dass sie dort nie gelernt hat, Nähe und Bindung aufzubauen.
(ewei). Der junge Syrer Sam Ali ist verliebt – in Abeer, die ihn zwar auch liebt, deren wohlsituierte Eltern den armen Schlucker jedoch niemals als Schwiegersohn akzeptieren würden. Als er wegen einer unbedachten Äußerung in der Öffentlichkeit ins Visier der politischen Polizei gerät, wird Abeer vollends unerreichbar für ihn: Er flieht in den Libanon, sie reist zur Vernunftheirat mit einem vom Vater auserwählten Diplomaten nach Brüssel. Sam sucht nach einer Möglichkeit, seiner Angebeteten zu folgen. Und findet sie auf einer Party im Anschluss an eine Ausstellungseröffnung in einer Beiruter Galerie, in die er sich eingeschmuggelt hat – des kostenlosen Büffets wegen. Dort macht ihm ein international vergötterter Starkünstler das Angebot, ein Kunstwerk aus ihm zu machen: für eine Million Euro und ein Schengen-Visum, das er großformatig auf seinen Rücken tätowiert. Er willigt ein – und erkennt zu spät, dass er die Rechnung ohne den sensationslüsternen Kunstbetrieb gemacht hat.
(ewei). William Tell hieß früher William Tillich. Doch daran mag er nicht mehr erinnert werden. Dennoch holt die Vergangenheit den Mann, der einsam durch die Staaten zieht und in Casinos sein Spielglück sucht und findet, häufig ein: Nachts schreckt er aus Albträumen auf, in denen er sich als Protagonist der brutalen Verhöre im Gefangenenlager Abu Ghraib wiederbegegnet. Dort hatten während des Irak-Kriegs der USA „Spezialisten“ wie er Menschen oft so gewaltsam gefoltert, dass sie daran starben. Nach dem Auffliegen dieses Skandals mussten nur die unteren Chargen Haftstrafen absitzen – Tell war fast neun Jahre im Gefängnis. Dort hat er sich in der Kunst des Kartenzählens perfektioniert, was ihm nun bei seinen Blackjack- und Pokertouren regelmäßige Einkünfte einbringt. Als der Sohn eines ehemaligen Kollegen den Selbstmord seines Vaters an dem straflos davongekommenen früheren Chef-Ausbilder rächen will, unterstützt er ihn. Doch dann läuft alles aus dem Ruder.
MUSIK
Post-Punk trifft Videopuzzle STEREO DYNAMITE DREHEN FILM ZU NEUEM ALBUM
S
von Till Neumann
Trio mit Tatendrang: Johannes Sauter (von links), Matthias Gänswein und sein Bruder Markus Gänswein haben sich mit „Fernweh“ viel vorgenommen.
erien boomen. Das wollen die Post-PunkRocker von Stereo Dynamite in ihre Musik übertragen. Sie haben die zehnteilige Videoserie „Fernweh“ entwickelt – dazu gibt’s ein neues Album. Die ersten Folgen des DIY-Projekts sind erschienen. Sie bieten starke Bilder an Freiburger Locations – und erstmals deutsche Texte. Innere Zerrissenheit, Selbstsuche, Flucht in Traumwelten. Darum geht’s in den Kurzfilmen. Seit November veröffentlicht die Freiburger Band sie auf YouTube als „Fernweh – die Online-Serie“. Die ersten Folgen zeigen den gefrusteten Protagonisten bei der Arbeit, im Wohnzimmer oder in einer Bar. Zum Auftakt ertränkt er dort sein Leid in Alkohol. Plötzlich wechselt er in eine Traumwelt – und erobert das Herz einer Frau mit einem umjubelten Faustschlag. „Die Idee hatten wir schon vor Corona“, erzählt Bandleader Matthias Gänswein zum Filmprojekt. Bei einer anderen Band hat er das Serien-Format gesehen und war angefixt: „Es ist spannend, nicht in klassischen Musikvideos zu arbeiten“, sagt der Sänger und Gitarrist. In kurzen Abständen
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sollen Videos in einheitlichem Look veröffentlicht werden. Am Ende werden sie zum großen Ganzen zusammengesetzt. Der Ansatz folgt dem Trend der Streaming-Portale: Sie belohnen regelmäßige Releases. Viele Musikfans hören heute eher Songs als Alben. Zumal aufwendige Videos die Veröffentlichungen pushen. Doch der Aufwand ist immens. „Ich würde behaupten, ohne Corona hätten wir das nicht hinbekommen“, sagt Gänswein. Wochenlang hat er mit seinen Kollegen Markus „Gäschi“ Gänswein (Drums) und Johannes „Hanni“ Sauter (Gitarre & Gesang)
Gefrustet: Protagonist „Herr Anderson“ kämpft sich durch den Alltag – begleitet vom Sound der Band. Fotos: © Stereo Dynamite
geplant und die Story entwickelt. Erst entstand die Geschichte, dann die Bilder – zuletzt die Musik. „Das ist ein komplett neuer Prozess. Er hat dafür gesorgt, dass wir uns stilistisch entwickeln“, sagt Gänswein. Ausbruch aus der Komfortzone, Filmmusik schreiben. So hat die Band – bekannt für harte Klänge – ihre erste Ballade aufgenommen. Zudem texten sie erstmals auf Deutsch. „Wir haben den Gedanken ziemlich lange mit uns rumgetragen“, sagt Sauter. „Deutsch wirkt so unverblümt und ehrlich.“ Doch das biete auch unendlich viele Möglichkeiten, eine Situation zu beschreiben oder ein bestimmtes Gefühl auszudrücken. Genau das möchten sie zum Bandjubiläum mit der Serie auf neuen Wegen schaffen. Das Trio gibt es seit zehn Jahren. Zusammen waren sie auf Schweden-Tour, haben in Portugal und Ungarn gespielt, in Hochphasen bis zu 50 Shows im Jahr gerockt. Mittlerweile betreiben die Gänswein-Brüder eine Werbeagentur und haben sich auch auf Videoproduktionen spezialisiert. Das ermöglicht, ihr Projekt größtenteils in Eigenregie umzusetzen.
„Wir haben alle einen geilen Job und lieben das Leben“ Für die Drehs arbeiten sie unter anderem mit dem Freiburger Videokünstler Frieder Lang zusammen. Als Protagonisten „Herr Anderson“ konnten sie Timo Schäuble gewinnen, ein Freund mit Schauspielerfahrung. Die Ausgaben sind daher überschaubar. „Wir zahlen mit Zeit“, sagt Gänswein. Viel Freizeit bleibe neben Vollzeitjobs und dem groß angelegten Hobby nicht. Für Gitarrist Johannes Sauter ist das Projekt eine „Once-in-a-lifetime-Sache“. Würden sie es jetzt nicht machen, dann wahrscheinlich nie. Die Parallelen zum dauerdeprimierten Protagonisten ihrer Filme sind überschaubar. „Wir haben alle einen geilen Job und lieben das Leben, so wie es ist“, sagt Gänswein. Die Pandemie sei Multiplikator gewesen für Stimmungen und Gefühle, ergänzt Sauter. In Folge drei blitzt eine zentrale Message durch: Da findet Herr Anderson die Befreiung als Maler mit Pinsel. Kreativität als Ausbruch und Erfüllung. Die Euphorie in der Band ist groß: Jedes Videorelease sei ein Highlight, die Rückmeldungen richtig gut. Ein „Zuckerle“, wie Gänswein sagt. Auf Spotify ist ein Song in der Playlist „Klare Kante“ gelandet, was Reichweite bringt. Auch der Band hilft die Serie. „Wir sind auch musikalisch näher zusammengerückt – obwohl wir in Freiburg und München leben“, sagt Sauter. Die Erfolgsformel für ihn: „Jeder bringt das mit ein, was er ohnehin gern macht oder gut kann.“ Die ersten Folgen zeigen: Der Band ist eine sehenswerte Serie gelungen. Erstklassige Aufnahmen setzen ihre Musik in Szene. Oder andersrum – bei so starken Bildern spielt die Musik meist die zweite Geige. Bis zum August sollen alle Folgen erscheinen. Mit etwas Glück kann die Band dann wieder live spielen. Ihr Traum wäre, Video und Musik auf der Bühne zu vereinen. Bis es so weit ist, verspricht die Band einige Fernweh-Überraschungsmomente – nicht nur im Video.
Entspannte Experimente CATASTROPHE WAITRESS MIT NEUER EP Fünf Musiker·innen, fünf Songs, eine EP. Mit „Silent Talk“ meldet sich die Freiburger Band Catastrophe Waitress zurück. Erdig und ausbalanciert kommt der Indie-Folk-Pop daher. Sängerin Maggie Owl (34) erzählt, warum die Corona-Krise viel Fluch war – aber auch ein bisschen Segen. Der Opener „Gun“ lässt Drama vermuten. Doch statt wilder Schießereien gibt es viel Ruhe: Mit leichtfüßigem Kontrabass, zwei gefühlvollen Stimmen und einem tänzelnden Piano ist das Musik zum Runterkommen. „Locked and loaded but never released“ heißt es im Refrain. Geladen ist die Knarre, geschossen wird nicht. Warum das so ist, behält Owl für sich. Der Text habe autobiografische Züge, „näher ins Detail gehen will ich nicht“. Fakt ist: Eigentlich wollte die Band schon 2020 releasen. „Gun“ war als Single 2019 erschienen. Doch Corona bremste sie aus. „Die Kommunikation war schwierig, wir haben alles über Videokonferenzen geplant“, berichtet Owl, die ihren bürgerlichen Namen für sich behält. Es sei aber nicht alles schlecht gewesen: „Wir haben auch Zeit gewonnen, konnten mehr tüfteln“, sagt die Kunstlehrerin. So ergänzten sie beispielsweise eine „Geisterorgel“ in „Second Valse“. Die Lust am Experimentieren ist den Songs anzuhören: Immer wieder überraschen Details im Arrangement. „Brightside“ kommt mit Vinylgeknister daher. Eine grimmig-pfeifende Bridge leitet zum opulenten Höhepunkt über. Der Titeltrack „Silent Track“ schiebt mit Ukulele und tollem Stimm-Duett sanft nach vorne. „Wir probieren extrem viel aus“, sagt Owl. Mehr als zehn Instrumente sind auf der Platte zu hören. Darunter eine Shruti Box, eine Trompete und ein Glockenspiel. Für die Bandleaderin ist die Vielfalt das Markenzeichen der Band. „Ein guter Song ist für mich, wenn alle ihre Note einbringen können.“ Die Band gibt es seit zehn Jahren. Nach dem Debütalbum 2017 ist die EP das zweite Release. Ambitionen auf eine große Karriere haben sie nicht, sagt Owl: „Wir lieben, was wir tun, und freuen uns über ausgewählte schöne Konzerte.“ Wichtiger sei es, Musik so zu machen, wie sie es mögen. Till Neumann
Tüftler: Maggie Owl (Mitte links) und Band machen Indie-Folk-Pop. Foto: © Alex Koch
FEBRUAR 2022 CHILLI CULTUR.ZEIT 45
MUSIK
TOCOTRONIC
Electronica
Indie-Rock
TIME SKIFFS
NIE WIEDER KRIEG
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Foto: © Bensnburner Records
3 FRAGEN AN Producer Flamingo Zamperoni
Zurück in die Zukunft
Parolen und Lyrik
Seit Sommer 2020 produziert Ben Krahl alias Flamingo Zamperoni soulige Lofibeats. Auf Spotify erreicht der Freiburger Bassist Millionen User. Im Interview mit chilli-Redakteur Till Neumann erzählt der 38-jährige Labelbetreiber von bensnburner Records, wie die Pandemie seine Arbeit verändert hat.
(pt). Sechs Jahre nach dem zahnlosen „Painting With“ melden sich Animal Collective mit mehr Biss in Form von Studioalbum Nummer elf zurück. „Time Skiffs“ ist eine Rückbesinnung auf die Stärken der Rockband: Trotzdem geben sich die vier Tierchen, die immerhin seit 1992 gemeinsam musizieren, im besten Sinne gealtert. Ihre Hörner haben sich Avey Tare, Deaken, Geologist und Panda Bear anscheinend abgestoßen: Ihre Melodien sind gradliniger, schlagen weniger Haken. Der Gesang ist ruhiger und abgeklärter. Stücke wie das bisweilen überladene „Prester John“ oder das wabernde „Cherokee“ folgen beinahe konventionellen Songwriting-Gesetzen. An seinen besten Stellen ist die neue LP mit musikalischen Parallelen zu Deerhunter, Mac de Marco oder Wogwai aber exotisch genug, um den Experimental-Stempel auch zu verdienen. So hallt auf „We Go Back“ Deakins schneller Autotune-Gesang durch ein unheimliches Instrumental aus Glockenspiel und Geplätscher: „Over and over our song on my brain – I go back – We go back and I play it again.“ Psychedelisch, poppig, prägnant. Time Skiffs ist ein farbenfroher Fiebertraum, aus dem man gar nicht mehr aufwachen möchte.
(pl). Am Anfang stand „Hoffnung“. Diesen Titel trägt zumindest die erste Auskopplung aus dem 13. Album der Hamburger von Tocotronic. Veröffentlicht im April 2020, wurde die Nummer – obwohl vor dem Ausbruch von Corona geschrieben – zur Hymne über die Vereinzelung in der Pandemie und die vereinende Kraft der Musik. Die Herrschaften um den gebürtigen Offenburger Dirk von Lowtzow haben ihre Lust an griffigen Parolen nicht verloren. Das zeigt schon der Titeltrack „Nie wieder Krieg“. In diesem geht es vor allem um innere Kämpfe: „Nie wieder Krieg in dir, in uns, in mir“, so die finalen Worte. Auf den zwölf Songs präsentieren Tocotronic einmal mehr ihr Gespür für lyrische Texte mit Interpretationsspielraum. Emotionen kommen nicht zu kurz – und das egal ob auf „Ich hasse es hier“ das Leben nach einer Trennung beschrieben wird oder mit dem finalen „Liebe“ die Licht- und versteckter auch die Schattenseite des so oft besungenen Gefühls im Mittelpunkt stehen. Absolutes Highlight: „Ich tauche auf“, vorgetragen im Duett mit der österreichischen Künstlerin Soap&Skin. Mit der gefühlvollen und tiefgründigen Ballade zeigen Tocotronic, dass sie bald 30 Jahre nach Bandgründung noch einige Asse im Ärmel haben
Herr Krahl, wie kam es zum Beatmaker Flamingo Zamperoni? Als im März 2020 das Livegeschäft aufgehört hat, war mir klar, dass längerfristig nix gehen wird. Ich wollte mich nicht beschweren, lieber gleich switchen. Ich bin als Bassist bei Äl Jawala ausgestiegen und habe meinen Job an den Jazz & Rockschulen Freiburg aufgegeben. Parallel dazu habe ich das Label bensnburner Records gegründet und mir eine Strategie für zwei Jahre aufgebaut. Was ist für Sie ein guter Beat? Für mich ist das Hauptding die Bassline, dicht gefolgt von der Snare. Die Soundästhetik ist wichtiger als die Akkordfolge. Ich versuche, so viel wie möglich live einzuspielen. Mittlerweile habe ich mir auch ein Schlagzeug ins Studio gestellt. Sie erreichen Millionen. Ein Erfolg? Ja, ich bin super froh. So arbeite ich auch fürs Portfolio meines Labels. Aktuell release ich alle zwei Wochen einen Beat. Die laufen in verschiedenen Playlists. Für mich ist das auch finanziell eine super Alternative, wenn das Livegeschäft wegfällt. Ich lebe gerade voll vom Ökosystem von Spotify. Zur Hälfte sind das Tantiemen und zur Hälfte Studiojobs über soundbetter.com. 46 CHILLI CULTUR.ZEIT FEBRUAR 2022
onats
BEATS STATT BÜHNE
ANIMAL COLLECTIVE
Pl a t
MUSIK
KOLUMNE BILLY TALENT
PETER REIMTGUT
Alternative-Rock
Rock/Rap
CRISIS OF FAITH
DAS IST LEBEN (EP)
... zu den Amigos Die Freiburger Geschmackspolizei ermittelt schon seit 20 Jahren gegen Geschmacksverbrechen – nicht nur, aber vor allem in der Musik. Für die cultur.zeit verhaftet Ralf Welteroth fragwürdige Werke von Künstlern, die das geschmackliche Sicherheitsgefühl der Bevölkerung empfindlich beeinträchtigen.
Fast großartig
Rock statt Rap
(pl). Es braucht nur wenige Takte und das halbwegs geschulte Ohr weiß, wie der Hase läuft. Gleich auf dem ersten Song des 6. Albums von Billy Talent kredenzt Ian D’Sa seinen charakteristischen Gitarrensound. Spätestens wenn die Stimme von Benjamin Kowalewicz einsetzt, ist klar: Die Kanadier wollen es mal wieder wissen. Musikalisch geht es abwechslungsreich zu: Bei Nummern wie „Reckless Paradise“ oder dem wütenden „Judged“ wünscht man sich direkt in den Moshpit. Auch vor Experimenten schrecken Billy Talent nicht zurück. Besonders deutlich wird das bei „Forgiveness I + II“. Oder wer hätte sich in deren Anfangstagen ausgemalt, dass die Jungs mal mit einem Saxofonsolo daherkommen? Von einem neuen Album kann allerdings nur bedingt die Rede sein. Drei der zehn Songs hat die Band zwischen November 2019 und April 2020 veröffentlicht. Im Verbund mit Rivers Cuomo von Weezer gelingt den Kanadiern mit „End of me“ ein Ohrwurm, den man so schnell nicht loswird. Leider geht dem Album danach die Puste aus. „One less Problem“ und „For you“ sind keine schlechten Songs, aber für Billy Talent zu glatt. Schade – ansonsten ist „Crisis of Faith“ eine gelungene Platte, mit der die Band ihren starken Kanon gekonnt erweitert.
(tln). Früher Rapper, heute Songwriter. So lässt sich der Wandel des Lörracher Künstlers Peter Reimtgut zusammenfassen. 2020 hat er eine Band gegründet und seitdem mehrere Videos veröffentlicht. Jetzt ist die EP „Das ist Leben“ erschienen. Die fünf Songs lassen seine Roots nur noch erahnen. Rockig geht’s zu mit nachdenklichen Texten, der Südbadener versucht sich mit Gesang und Gefühl statt Reimketten. Im Opener „Power“ rechnet man bis zum Chorus mit einer bleischweren Ballade. Doch plötzlich hämmert der Refrain durch die Box – inklusive Kinderstimme als Überraschungseffekt und Scratches. Nicht leicht einzusortieren der Stilmix. In „Barilla“ serviert er HipHopFlows. „Das Leben ist schön“, heißt es auf einem entspannten Beat. „Melodie“ startet mit grimmiger E-Gitarre und zeigt der Welt den Mittelfinger. Der Refrain von „Hurra“ könnte auch beim Après-Ski funktionieren. Auch einen Song für Mama gibt’s auf der Miniplatte. Eine Liebeserklärung für die offenbar verstorbene Mutter. „Weißt du eigentlich, wie sehr du mir fehlst?“, singt Peter. Gänsehaut-Momente hat die Platte – und einen kitschigen Touch. Der Ex-Rapper und seine Bandkollegen bieten organischen Sound mit deutschen Texten. Rockiger Pop mit einer Prise Swag trifft es wohl am besten.
Neues Jahr, altes Leid. Wir sprechen nicht von Corona, nein, es gibt eine „Sache“, die einen größeren Nervfaktor hat, gefährlicher ist und eine noch größere Herausforderung als der Klimawandel darstellt – genau, es sind Die Amigos. Freunde? Mitnichten. Es sind die Amigos, die uns mit ihrem komatösen, geriatrischen Schlagerdurchfall seit Jahren unablässig auf Trab halten. Und das Schlimmste daran ist, dass auch die Tochter von Amigo Bernd, Daniela Alfinito, da seit Längerem mit drinhängt. Finito – die machen sich doch mittlerweile über uns und unsere Hilflosigkeit lustig. „Freiheit“ heißt perfiderweise ihr aktuellster Angriff auf unsere Gesundheit. Es kann sich bei den Amigos eigentlich nur um von Bill Gates und der globalen Finanzelite instrumentalisierte ahnungslose Marionetten handeln oder doch nur um zwei gewiefte weiße, alte Männer, die für zahlungsfähige weiße, alte Männer und Frauen entsprechende Musik machen und dabei einen Nerv treffen, wodurch diese komplett sediert werden, aber irgendwie noch schmerzfrei mitwippen können. Chapeau! Es gilt, der Wahrheit in ihr bluthochdruckrotes Gesicht zu blicken: Sie haben uns mit ihrem arthritischen Rhythmus & Schmus in die mittlerweile ebenfalls arthritischen Knie gezwungen. Mögen nun die natürlichen Prozesse diesen Fall auf ihre Art lösen. So grüßt für die GeschPO, Ralf Welteroth
LITERATUR
Chronik eines Amoklaufs
JÜRGEN GLOCKER SCHREIBT DAS TRAGIKOMISCHE PSYCHOGRAMM EINES HOCHSTAPERS UND SELBSTVERLIERERS
I
von Erika Weisser
Exakter Beobachter: Jürgen Glocker beschreibt Aufstieg und Fall eines selbstbezogenen Hochstaplers.
Schopfloch von Jürgen Glocker Verlag: Morio, 2021 440 Seiten, gebunden Preis: 26 Euro
n Freiburg spielt der Kleinstadtroman „Schopfloch“ aus der Feder des Waldshuter Autors Jürgen Glocker nur peripher. Und doch spielt die Universitätsstadt am Fuße des Schwarzwalds darin eine nicht ganz unwesentliche Rolle. Denn das reale Freiburg übt, wie alle Großstädte in ländlicher Umgebung, mit ihren kulturellen, politischen und sozialen Angeboten und der Möglichkeit gehobener Bildungswege einen großen Sog auf die Hauptfiguren Konstantin Klingele und Maximilian Mohr aus dem fiktiven Schopfloch aus. Um der geistigen Enge der Hochschwarzwälder Provinz zu entfliehen, unternimmt der schon seit Kindertagen äußerst ruhelose Oberstufenschüler Klingele in den 1970er-Jahren regelmäßig inspirierende Ausflüge nach Freiburg, dem angeblichen Sündenbabel der Aufmüpfigen und Chaoten. Aufgrund seines Talents zur geschliffenen Rede wird er bald zum Insider. Der brave Ich-Erzähler Mohr, einst Klingeles Schulfreund und später Chronist der „Irrungen und Wirrungen des intellektuellen Hochstaplers“, absolviert hier sogar sein ganzes Lehramtsstudium. Allerdings als Pendler – und bleibt somit fast unbeteiligter Beobachter der Szene. Konstantin Klingele, so ist Maximilian Mohrs rückblickenden Aufzeichnungen im Jahr 2019 zu entnehmen, verschlägt es zum Studium der Literaturwissenschaft nach Göttingen. Und laut Mohr und seiner Informanten, die er Drachen nennt, hätte er dort eine glänzende Karriere hinlegen können. Denn Klingele, der unter Einfluss von reichlich Schwarzwälder Kirschwasser im Trubel des „Fasnetsmändig“ am 29. Februar 1960 gezeugte Sohn des Besitzerpaars eines gutgehenden Hotels im aufstrebenden Touristenort Schopfloch, sei „sehr gescheit“ gewesen. Schon in der Schule sei ihm alles zugeflogen. Und das Studium habe er mühelos mit Promotion abgeschlossen. Und mit Bestnote.
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Foto: © privat
Doch dann, schreibt Mohr, der nach seinem Studium Studienrat im Schopflocher Gymnasium wurde und nun Pensionär ist, sei es zum Stillstand gekommen. Auf dem Weg zur Habilitation, vermutet er, muss Klingele an seiner überheblichen Selbstüberschätzung gescheitert sein. Schon als Kind habe er seiner besonderen Gewitztheit und schnellen Auffassungsgabe wegen auf die anderen herabgeschaut, habe für eigene Unzulänglichkeiten die Schuld bei anderen gesucht. Unfähig, Fehler oder Schwächen einzugestehen und auf anderen Bahnen als um sich selbst zu kreisen, war er schon früh zum einsamen Außenseiter und Aufschneider geworden. Dass er dies trotz gelegentlicher Erfolge, auch bei Frauen, sein Leben lang blieb, zeigt sich, als er nach unvollendeter Uni-Laufbahn nach Schopfloch zurückkehrt, um als bereits verkrachte Existenz die Leitung des Fremdenverkehrsamts zu übernehmen. Hier degradiert er sich zusehends selbst, betrachtet alle als Feinde und „ertrinkt hoffnungslos im Kirschwasser“. Dass er sich schließlich in einem rasenden Amoklauf an seinen bisherigen Kollegen rächt, überrascht nicht mehr. Ein treffsicher pointiertes Psychogramm des Selbstverlierers einer Geschichte, die überall geschehen kann.
FREZI
VERFLUCHTE NEUZEIT
von Karl-Heinz Ott Verlag: Hanser, 2022 432 Seiten, gebunden Preis: 26 Euro
KRAMP
BRIEFE AN DIE CORONAZEIT
von Maria José Ferrada Verlag: Berenberg, 2021 132 Seiten, gebunden Preis: 22 Euro
von Irene Schumacher (Hrsg.) Verlag: Sternwald, 2021 80 Seiten, broschiert Preis: Spende
Sturm auf das Rationale
Rückkehr eines Gespensts
Gehamsterte Hoffnung
(ewei). Misstrauen gegenüber demokratischen Prozessen, radikalisierende Verschwörungserzählungen, Rückkehr zu autoritären Gesellschaftsmodellen: Angesichts bundestagsstürmender Demonstranten, militanter Pegida- und Corona-Marschierer in vielen Städten oder eines brüllenden gehörnten Schamanen unter den Trump-Anhängern bei der versuchten Besetzung des Capitols Anfang 2021 fragt Karl-Heinz Ott in seinem neuen Buch, ob die Aufklärung ihr Ziel verfehlt hat. „Lange war man sicher, der Geist stehe automatisch links“, schreibt der Freiburger Autor – um sogleich anzufügen, dass „an solche 68erSelbstherrlichkeiten“ heute kaum noch jemand glauben könne. Denn schließlich gebe es auch rechtskonservative Intellektuelle, deren Theorien weit älter seien als die der linksliberalen Denker. Und diese reaktionären Eliten, die gerade „wieder an die Rampe drängen“ und seit jeher an „den Grundlagen der Neuzeit rütteln“, agieren an Universitäten, in Thinktanks, auf Ministerposten. Wie sie die öffentliche Meinung beeinflussen und welcher gegensätzlich erscheinenden Fundamente und Vordenker sie sich bedienen, ist in diesem philosophischen Essay anregend und gut verständlich dargestellt. Das Buch erscheint am 14. März, eine Lesung mit Karl-Heinz Ott gibt es am 15. März in der Rainhof-Buchhandlung in Kirchzarten.
(ewei). Im Sommer 1969 beginnt D. in einer chilenischen Kleinstadt seine Karriere als Handelsvertreter für Eisenwaren der Marke Kramp. Zunächst mit wenig Erfolg. Als er aber angesichts der Mondlandung Neil Armstrongs erkennt, dass „mit Entschlusskraft und dem richtigen Anzug“ alles möglich sei, laufen die Geschäfte weniger schleppend. Er bringt es zu guten Umsätzen, einer Handelsreisenden-Lizenz und einem Auto. Dieses verhilft ihm zu seiner späteren Ehefrau: Im Herbst 1973, kurz nach dem Militärputsch in Chile, gibt es einen Busstreik; die junge Studentin muss zur Uni trampen. Er nimmt sie mit, sie verlieben sich, drei Jahre später wird Tochter M. geboren. Als die Geschäfte wegen der Wirtschaftskrise in den 1980er-Jahren stagnieren, nimmt der Vater die Siebenjährige mit auf Verkaufstour – Kinderaugen können bekanntlich selbst Schraubenhändlerherzen erweichen. M. erweist sich als ausgesprochen geschäftstüchtig, ein heiteres Roadmovie beginnt. Allerdings mit jähem Ende: D.’s Freund E., der die beiden manchmal begleitet, um nach den „Gespenstern“ der immer noch bestehenden Diktatur zu suchen, findet in einem abgelegenen Dorf ein Grab mit Ermordeten und Verschwundenen. Und er kann einen vollen Namen rekonstruieren. Und eine Geschichte, die M.’s Familie auseinanderbringt.
(ewei). Unsicherheit, Einsamkeit, Überlastung, oft auch Verluste: In der Pandemie machten und machen viele Menschen ähnliche Erfahrungen. Dass es dabei große individuelle Unterschiede gibt, ist nun in einem Buchprojekt der „Freiburgerinnen aus aller Welt“ nachzulesen. 30 Frauen, die schon lange oder auch erst kurz hier leben, haben „Briefe an die Coronazeit“ verfasst – über ihre Sorgen und Nöte, aber auch über Zuversicht und Neuorientierung in einer Ausnahmesituation. Eine Ausnahmesituation, wie sie die meisten nach 1945 Geborenen hierzulande bisher nicht kannten. So manche Briefeschreiberin indessen schon: Die aus Kurdistan-Irak geflüchtete Sona Othman etwa schreibt an den „unerwarteten Gast Corona-Virus“, dass die nächtliche Ausgangssperre für sie „eine der schlimmsten Regeln war“. Denn diese habe viele schreckliche Erinnerungen an den Krieg in ihrem Land geweckt – und die Sorge um ihre dort lebenden Verwandten verstärkt, zu denen sie sowieso nicht immer Kontakt aufnehmen kann. Wie sie haben die meisten Briefeschreiberinnen trotz aller Einschränkungen viel Positives aus der Situation gezogen, haben nie die Hoffnung aufgegeben. Cécile Verny, Jazzsängerin und Schirmherrin des Projekts, gibt in ihrem Vorwort auf eine entsprechende Frage sogar an, dass sie „Hoffnung gehamstert“ habe. FEBRUAR 2022 CHILLI CULTUR.ZEIT 49