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chilli cultur.zeit

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PERFORMING DEMOCRACY

LITERATUR EIN LESEWÜTIGES KAFFEEKRÄNZCHEN

Spielräume für alle

DAS INTERNATIONALE FESTIVAL „PERFORMING DEMOCRACY“ STARTET IM MAI

Was hat Demokratie mit Tanz zu tun? Oder mit Performance? Und generell mit Bewegung oder Musik? Wie bringen Kulturschaffende eine Gesellschaftsordnung auf die Bühne, in der die Würde und Gleichwertigkeit aller Menschen als unantastbare Grundprinzipien umgesetzt, gewahrt und nötigenfalls verteidigt werden? Mit welchen dramaturgischen Mitteln spiegeln sie ein Gemeinwesen, das nicht auf Volk, Nation, Herkunft und Abstammung basiert, sondern von der Teilhabe und aktiven Mitwirkung der Beteiligten lebt?

Auf diese und viele andere Fragen gibt es Antworten beim Freiburger Festival „Performing Democracy“, das alle zwei Jahre in einer Kooperation des Theaters Freiburg mit dem E-Werk und dem Theater im Marienbad organisiert wird. Es ist 2022 aus dem früheren Freiburg Festival für darstellende Künste hervorgegangen und dient als Plattform, um den Zustand der Demokratie und sich daraus ergebende gesellschaftliche Herausfor-

derungen künstlerisch zu verhandeln. Und da das immer wichtiger wird, ist der frühere Untertitel seit 2024 Headline.

Fünf internationale Ensembles sind in diesem Jahr mit von der Partie, die vom 6. bis 13. Mai über die Bühnen der drei beteiligten Spielstätten geht. Als zusätzliche Spielfläche kommt das Stadion der Freiburger Turnerschaft 1844 hinzu. Dort entsteht gemeinsam mit weiteren Freiburger Vereinen ein großformatiges Sport-Kunst-Mitmach-Spektakel, das partizipative Erfahrung in den Mittelpunkt stellt.

Kuratorinnen der diesjährigen Ausgabe des Festivals sind Sonja Karadza und Ricarda Reuter vom Theater im Marienbad, Sofie Anton und Stephanie Moers vom E-Werk sowie Adriana Almeida Pees und Katrina Mäntele vom Theater Freiburg. Sie haben sich vorgenommen, „künstlerische Arbeiten zu zeigen, die sich nicht im Schrecken verlieren, sondern Handlungsspielräume eröffnen“,

von Erika Weisser

wie sie bei der Präsentation des Programms betonten. Ziel sei die „vitale Einmischung“: aussprechen, was ist – und gleichzeitig visionäre Gegenwelten entwerfen.

Die ausgewählten Gastspiele seien so konzipiert, dass „Menschen sich wieder als Teil dieser Gesellschaft fühlen und aus der Vereinzelung herausfinden“ können, so Sonja Karadza: „Unser Festival soll Mut machen, hoffnungsvoll sein, Utopien und Ideen entwickeln.“

Diesem Gedanken folgend eröffnet es am 6./7. Mai mit einer Performance, die Inklusion als zentrales künstlerisches Prinzip versteht: In ihrer Soloarbeit „Songs of the Mayfarer“ unternimmt die Choreografin Claire Cunningham (Schottland) eine Wanderung in unbekanntes Terrain. Mutig und geleitet von ihren Erfahrungen als mobilitätseingeschränkte Person navigiert sie, singend und an Krücken tanzend, durch eine Landkarte, die sich langsam auf dem Boden abzeichnet.

Ringen um demokratische Denkprozesse

Um Hoffnung und Zusammenhalt geht es in „Backyard (A field to Search) – The Lecture“ (8./9. Mai).

Darin thematisieren die mexikanischen Performerinnen Laura Uribe und Sabina Aldana das gewaltsame Verschwinden von mehr als 130.000 Menschen in ihrem Land – und stellen die Kraft der Gemeinschaft in den Vordergrund.

Aus Belgien kommt das Kinderstück „Der Bleiche Baron“ von Anna Vercammen und Joeri Cnapelinckx (9./10./11. Mai). In dessen autoritärem Unterwasser-Staat wird Jagd auf alles gemacht; verboten sind vor allem die Poesie und Fragen, die die Kinder trotzdem stellen. Dieses Plädoyer für die Freiheit der Menschen und der Kunst richtet sich gleichermaßen an altes und junges Publikum.

Ein Glanzpunkt des Festivals ist das bereits erwähnte Spektakel „Die Bewegung“ (10. Mai) von Aktionskünstler Julian Warner. Hier wird Beteiligung großgeschrieben – und kann in zuvor stattfindenden öffentlichen „Trainings“ eingeübt werden – bei Kampfsport, Hula-Hoop sowie „Ringen & Denken“ mit Mario Sabatini und Klaus Theweleit.

Das Spannungsfeld zwischen Ermächtigung und Unterdrückung beleuchtet das Tanzstück „All’Arme“ von Ginevra Panzetti und Enrico Ticcone (Kroatien), das am 12. Mai aufgeführt wird. Und schließlich endet das Festival mit zwei Präsentationen der Tanzperformance „Fampitaha, fampita, fampitàna“ von Soa Ratsifandrihana aus Madagaskar. Sie erinnert an die koloniale Gewalt und außerdem daran, dass Vielfalt keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung ist – sofern Gleichberechtigung herrscht. INFO

performing-democracy.de

bringen Despoten wie den „Bleichen Baron“ in Bedrängnis (l.), während Bewegung (o.) und selbstbestimmte Auseinandersetzung mit Gewalterfahrungen (u.) im konkreten wie übertragenen Sinn Wege öffnen und Zusammenhalt erzeugen kann.

Fragen
Foto:

Die reichste Frau der Welt

Frankreich, Belgien 2025

Regie: Thierry Klifa

Mit: Isabelle Huppert, Marina Foïs, Laurent Lafitte, Raphaël Personnaz, André Macron, Mathieu Demy u.a.

Verleih: Neue Visionen

Laufzeit: 121 Minuten

Start: 23. April 2026

Einsam im goldenen Käfig

THIERRY KLIFAS DRAMÖDIE THEMATISIERT DIE FALLEN, IN DIE SUPERREICHE GERATEN KÖNNEN

Sie galt wirklich als reichste Frau der Welt: Liliane Bettencourt, die Erbin des Kosmetikkonzerns L’Oréal. Und sie stand 2008 im Zentrum einer Staatsaffäre, in die Frankreichs damaliger Präsident Nicolas Sarkozy verwickelt war: Im Zuge eines von ihrer Tochter Françoise angefachten Erbstreits geriet das Unternehmen in Verdacht, illegale Wahlkampfspenden geleistet zu haben.

In Thierry Klifas Spielfilm heißt die Milliardenerbin und Betriebschefin Marianne Farrère, ihre (Stief)Tochter Frédérique Spielman und der Name der Schönheits-Firma wird nicht genannt. Und es ist auch keine politische Affäre, die im Zentrum der Handlung steht. Sondern eine eigentlich ganz private Affäre, die die äußerst extravagante, sehr mächtige und einigermaßen betagte Frau sich leistet: Mit dem Fotografen Pierre-Alain Fantin, den die schöne, doch zutiefst einsame Marianne beim Foto-Shooting für ein Lifestyle-Magazin getroffen hatte. Und dem selbstverliebten, sich charmant gebenden Aufschneider sofort verfallen war

Sein unverschämt-respektloses Auftreten, seine gespielte Verachtung bourgoiser Standesdünkel und des von ihr verkörperten zwar grenzenlosen, doch dezenten Reichtums gefällt ihr. Und es imponiert ihr, dass es ihm of-

Frédérique lässt sie sich von dem ebenso skrupellosen wie manipulativen Emporkömmling umgarnen, öffnet ihm Haus und Herz, besucht ihn in seinem Atelier, finanziert seine dubiosen künstlerischen Projekte, schenkt ihm anlass- und planlos Summen in astronomischen Höhen.

Mit überheblicher und sehr kreativer Boshaftigkeit nistet er sich allmählich ein in den Familien- und Machtstrukturen. Doch als sie ihn mitsamt seinem Lover Raphaël zum Urlaub mit der ganzen Verwandtschaft im luxuriösen Sommersitz einlädt, kommt es zum Eklat. Pierre-Alain provoziert Guy auf vulgärste Weise und konfrontiert ihn mit der längst vergessen geglaubten Vergangenheit seiner Familie, in der Antisemitismus und NS-Kollaboration eine Rolle spielten. Die Grenzüberschreitung führt zunächst zur Abreise des jüdischen Ehemanns von Frédérique, schließlich müssen aber auch Pierre-Alain und Raphaël ihre Sachen packen.

Marianne hält es ohne ihn jedoch nicht mehr aus. Bald nach der Rückkehr trifft sie ihn wieder, überschreibt ihm etliche Lebensversicherungen und tut alles, um sich seiner Gunst zu vergewissern. Indessen wirft Tochter Frédérique ihr vor, das Vermögen zu verschleudern. Sie beantragt, die Mutter unter Vormundschaft zu stellen und verklagt Pierre-Alain wegen Betrugs und Erbschleicherei. Marianne reagiert mit ei-

PARIS MURDER MYSTERY

Frankreich 2025

Regie: Rebecca Zlotowski

Mit: Jody Foster, Daniel Auteuil u.a.

Verleih: Plaion Pictures

Laufzeit: 105 Minuten

Start: 16. April 2026

Irrwege zu sich selbst

(ewei). Die US-Amerikanerin Lilian Steiner arbeitet als Psychotherapeutin in Paris. Sie lebt schon lange dort – und allein: Sohn Julien kommt mit der weit über das Professionelle hinausgehenden Distanziertheit seiner Mutter nicht klar und hat den Kontakt abgebrochen. Und von Ehemann Gabriel hat sie sich längst getrennt. Als sie – extrem gereizt – zum dritten Mal vergeblich auf ihre Patientin Paula wartet, taucht ein ehemaliger Patient auf. Und der erzählt ihr, dass er mit dem Rauchen aufgehört habe – allerdings dank eines Hypnotiseurs und nicht wegen der langjährigen kostspieligen Therapie bei ihr. Die Zweifel an ihrer beruflichen Kompetenz erhöhen sich, als Lilian von Paulas Tochter telefonisch über deren Suizid informiert wird. Bald hegt sie aber andere Zweifel: Indizien deuten darauf hin, dass jemand geschickt nachgeholfen haben könnte bei dem Selbstmord. Lilian ermittelt, nimmt Paulas Familie ins Visier –und findet über komödiantische Irrwege zu sich selbst.

DER FROSCH UND DAS WASSER

Deutschland/Schweiz 2025

Regie: Thomas Stuber

Mit: Aladdin Detlefsen, Kanji Tsuda u.a.

Verleih: Pandora Film

Laufzeit: 113 Minuten

Start: 30. April 2026

Sprachlose Freundschaft

(ewei). Stefan Busch hat Down-Syndrom. Und für Abenteuer ist in seinem Alltag in einer betreuten Wohngemeinschaft kein Platz. Doch ein Ausflug der Wohngruppe nach Köln bringt eine unverhoffte Wendung: Der junge Mann, den alle Buschi nennen, schließt sich einer Bus-Reisegruppe aus Japan an, deren nächstes Ziel Weimar ist. Und die Betreuerin merkt zu spät, dass er weg ist.

Auf der ungewöhnlichen Reise beginnt zwischen ihm und dem Busfahrer Hideo Kitamura eine behutsame Freundschaft. Und Buschi, der sich sein ganzes Leben lang geweigert hat, über Sprache mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren, blüht in dieser fremden Umgebung auf.

Thomas Stuber erzählt eine sehr berührende Geschichte über zwei Menschen, die eine Verbindung zueinander aufbauen, auch wenn sie sich nicht sprechend verständigen können. Ein Film mit dem Herz auf dem rechten Fleck, mit Protagonisten, die wie in einer märchenhaften, magischen Realität agieren.

DER VERLORENE MANN

Deutschland 2026

Regie: Welf Reinhart

Mit: Dagmar Manzel, Harald Krassnitzer, August Zirner u.a.

Verleih: Filmwelt

Laufzeit: 102 Minuten

Start: 7. Mai 2026

Vergessene Scheidung

(ewei). Hanne und Bernd Zweig führen eine zufriedene und ein wenig langweilige Ehe. Sie leben im eigenen Haus, sie gibt als freie Künstlerin Kunst-Workshops in der Dorfschule, er ist pensionierter Pfarrer. Kinder haben sie nicht, ihr Leben verläuft in vorhersehbaren Bahnen. Bis Kurt auftaucht. Hannes früherer Ehemann, den sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat; sie sind damals nicht im Guten auseinandergegangen. Er nimmt das Haus in Besitz – als würde er noch dort wohnen.

Dass die Scheidung in Kurts aktuellem Bewusstsein nie stattgefunden hat, erfahren sie durch einen Anruf bei seiner Tochter: Er habe Alzheimer, lebe in einem Pflegeheim und sie könne sich wegen eines Auslandsaufenthalts derzeit nicht um ihn kümmern, so ihre knappe Auskunft

Obwohl Hanne ihn so schnell wie möglich loswerden will, bahnt sich, getragen von Verantwortungsgefühl und Nächstenliebe, eine Freundschaft an. Und die wirkt auch auf die Ehe der Zweigs inspirierend.

Fotos: © Plaion Pictures
Fotos: © Pandora Film
Fotos: © Filmwelt

Wenn die KI Songs schreibt

FREIBURGER EXPERIMENTERT MIT UMSTRITTENER SOFTWARE SUNO

Der Song „Papaoutai (Afro-Soul)“ eroberte im Frühjahr weltweit die Charts und ging viral. Doch das Afrobeat-Remake des Stromae-Hits ist ein KI-Track. Ist das die Zukunft? Jein, findet der Freiburger Musiker Stefan Merkl. Er experimentiert intensiv mit KI – und hat mit chilli-Redakteur Till einen Freiburg-Track produziert. Das Ergebnis ist erstaunlich – schon nach 15 Minuten.

„Wir brauchen nur WLAN.“ Das ist Stefan Merkls einzige Bedingung für ein Probe-KI-Producing. Der 58-Jährige braucht abgesehen davon nur sein Tablet. Unser Ziel heute: Wir produzieren einen FreiburgTrack mithilfe von KI.

So will Merkl zeigen, was sie mittlerweile kann – und was nicht. Seit einem halben Jahr beschäftigt sich der Komponist, Pianist, Bigband-Leiter und Musiklehrer intensiv mit KI-Producing. „Ich will checken, was up to date ist“, erzählt Merkl. Auch für seinen Job als Musiklehrer in Villingen, wo er sein Wissen an Schüler·innen weitergibt. Drei Wege geht Merkl: „Ich lasse Songs produzieren, ich lasse alte Songs von mir per KI pimpen oder ich schaue, wie KI sie verändern kann.“ Dafür arbeitet er mit der US-Software Suno. Das Programm ist in den Schlagzeilen, da es von der Musikverwertungsgesellschaft Gema verklagt wurde. Suno hatte seine Systeme mit echten Songs trainiert – ohne zu be-

zahlen. Die Gema konnte das beweisen, da sie per Suno mit wenigen Prompts nahezu eins zu eins Songs reproduzieren konnte wie „Atemlos durch die Nacht“ von Helene Fischer.

Gema verklagt Suno fürs

Füttern ihrer Programme

Unser Ziel heute: Wir wollen eine Freiburg-Hymne produzieren lassen. Merkls erster Schritt: Er lässt ChatGPT den Text schreiben. Die Schlagworte soll ich liefern. „Wie wäre es mit Freiburg meine City und mit dem Fahrrad Richtung Sonne?“ „Cool“, sagt Merkl und tippt ins Feld: „Schreibe einen Raphit mit Assonanzen und Binnenreimen. Verwende ,Freiburg ist ne geile City, mit dem Fahrrad Richtung Sonne‘ als Hook. Be Creative.“

von Till Neumann
Kreativ mit KI: Stefan Merkl beim Probe-Producing für einen Freiburg-Song

Sekunden später haben wir einen Vorschlag. Doch der ist zu eintönig. Wir bitten um mehr Abwechslung. Auch Vorschlag zwei überzeugt nicht. „Sonne“ auf „Wonne“ zu reimen in einem Raphit? Da geht mehr. Wir bitten, das Wort zu ersetzen. Dann passt es:

„Freiburg ist ne geile City, mit dem Fahrrad Richtung Sonne / Freiheit in den Venen, jeder Atemzug pure Freude / Leichter Wind im Rücken, wir entkommen jeder Schwere / Zwischen Licht und Leben merkst du, dass ich hierher gehöre“

Zwei Strophen gibt’s on top. Jetzt wollen wir Musik draus machen. Also loggt sich Merkl auf Suno ein. Dort kopiert er die Lyrics hin und tippt Prompts ins Feld: uplifting HipHop Sounds with positive Vibes, include Soul Horn Section and backing vocals, energy riddim drums, club ready, female rapper.

„Deutsch ginge auch, aber besser auf Englisch“, erklärt Merkl. Ob das Ergebnis gut wird, weiß er nicht. Man brauche Geduld. Doch das Wichtigste komme erst. Bei „more options“ stellen wir die Parameter „vocal gender“, „weirdness“, „style influence“ und „duration“ ein. Dann drückt Merkl auf „create“.

Rund zwei Minuten später haben wir wie gewünscht zwei fertige Songs zur Auswahl: Stimme, Beat, moderner Clubsound und Freiburg-Vibe. Alles drin. Doch überzeugt ist Merkl noch nicht. „Da geht mehr.“ Er möchte eine männliche Stimme testen und ergänzt: „male sexy voice“, stellt die „weirdness“ von 0 auf 30 Prozent. Los geht’s.

Während Suno arbeitet, erzählt Merkl: „Die besten Ergebnisse habe ich, wenn ich eigene Ideen einbringe.“

Zum Beispiel Akkorde mit einem Piano, Drum Grooves oder eine Gesangsline. Sonst klinge es sehr von der Stange. „Es kann schon sein, dass ich 10-mal rumprobiere, bis es gut wird.”

Suno ist bereit. Wir hören den neuen Track an. „Ooooh, Baby, das ist eine 8 von 10“, jubelt Merkl. „Den würde ich nehmen.“ Ich bestätige: krasser Song. Heftige Stimme, hefti-

ger Beat. Das klingt nach einem Banger, wie er 2026 klingen muss. Kriegt da Merkl keine kalten Füße? „Mir macht das keine Angst“, sagt er. Doch klar sei auch: „KI-Musik muss reguliert werden.“ Dass die Gema rechtlich vorgehe, sei richtig. Genau wie das Verbot des Musikportals Bandcamp, dort KI-Songs hochzuladen.

Andere Streamingplattformen tun das nicht: Spotify bekommt Kritik, da es eigene große Playlists mit KI-Musik füttert und so Abgaben spart. Deezer meldet, dass mehr als ein Drittel der Uploads KI-Tracks sind. Allein 60.000 neue KI-Titel werden dort täglich hochgeladen.

den Songs generiert. Wie könnten Streicher dazu klingen? Wie könnte ich Percussion und Techno mixen? „Im besten Fall ist meine Komposition von vorne bis hinten intakt geblieben“, betont Merkl. Dann könne er sich inspirieren lassen von KI-Vorschlägen.

„Im besten Fall ist meine Komposition intakt geblieben“

Dass Musiker mit KI Schotter machen, findet Merkl fragwürdig. „Die meisten Suno-Nutzer wollen damit Geld verdienen.“ Sie würden Streamingportale überschwemmen, es ginge um Quantität statt Qualität. Er sieht Suno für sich eher als Co-Songwriter und Experimentier-Labor. „Ed Sheeran hat 20 Leute, die für ihn Sachen schreiben, ich probiere dafür Sachen mit KI.“ Die Ergebnisse seien manchmal sehr cool, manchmal oh mein Gott.

Am besten gefällt ihm Suno, wenn es Ideen für seine bestehen-

Eins ist für ihn sicher: „KI wird niemals Live-Musiker·innen ersetzen.“ Die Interaktion mit Menschen, ihre Energie, ihr Humor, ihr Schweiß, das schaffe keine Maschine. Doch die Entwicklung ist rasant – und Vorbehalte bleiben groß: Wenn er Freund·innen seine KI-gepimpten Songs schickt, kommt zurück: „Boah krass.“ Wenn er die KI-Hilfe transparent macht, heißt es auch mal: „Du Trickser.“

Eine Ipsos-Studie für Deezer zeigt: 97 Prozent der Musikhörenden können nicht unterscheiden, ob ein Song KI ist oder nicht. Deezer ist laut eigenen Angaben das einzige große Streamingportal, das KISongs kennzeichnet.

KI-Freiburg-Track hören: bit.ly/KI-Track-chilli

Ist ein Hit geworden: Der KI-Remix „Papaoutai Afro Soul“, das Original ist von Stromae.

„Freiburg Sound“

3 FRAGEN AN LENA EMBERLANE

Eine Breisgau-Playlist: Die Freiburger Musikerin Lena Emberlane (40) möchte lokalen Acts mehr Gehör verschaffen. Daher hat sie die Streaming-Playlist „Freiburg Sound“ zusammengestellt. Warum? Das erzählt sie im Interview mit chilli-Redakteur Till Neumann.

Lena, warum die Playlist? Wir können mehr erreichen, wenn wir uns zusammentun. Beim Joggen kam mir die Idee, und da ich schon lange in der Musikszene in Freiburg unterwegs bin, kenne ich sehr viele tolle Artists persönlich.

Wieso ist es wichtig, Acts von hier zu hören? Als kleiner Independent-Artist ist es schwierig, den Spirit oben zu halten. Du gibst alles für deine Songs, bewirbst dich bei Locations, dann schaust du auf deine Zahlen und fragst dich, für was du alles machst. Wenn du nicht in einer von Streamingdiensten gepushten Playlist landest oder viel live spielst, kommst du nicht weit.

Du sagst „Musik ist nichts mehr wert“. Warum? Über YouTube und Co. kann alles kostenlos gehört werden. Da Musik erst ab 1000 Streams vergütet wird (Spotify) und nur im 0,003-Cent-Bereich, CDs nicht mehr gekauft werden und du ohne Streams schwieriger an Auftritte kommst, hängt alles zusammen. Songs verpuffen. Es braucht die Möglichkeit, Freiburger Artists zu hören. Die habe ich zumindest für Pop/Folk/Singer Songwriter mit „Freiburg Sound“ geschaffen.

Die „ Freiburg Sound“ Playlist gibt’s auf Tidal, Deezer, Applemusic und Spotify.

KEINE CLOWNS SPORTUNTERRICHT

Rock & Rap

Rock ohne Reck

(tln). Was war das Beste an der Schule? Ganz klar der Sportunterricht. Ganz anders sieht das die Freiburger Rock-Kombo Keine Clowns. „Nie mehr nie wieder gehe ich zum Sportunterricht“, singen sie im Refrain ihrer Single „Sportunterricht“. Und: „Ich tu erst wieder hüpfen, wenn der Bass mich zerfickt.“

Rockig klingt das. Mit Elektroanleihen, Raptext und viel Power. Man spürt die Fluchtversuche vor dem grimmigen Sportlehrer förmlich, wenn der Synthie Welle macht. Die Antipathie gilt insbesondere dem Sport ohne Ball: „Ich kugel wie ein Dreckswurm wieder mal beim Reckturn.“ Es geht ums fiese Nicht-Gewählt-Werden oder den Moment, wenn man seine Tage hat.

An Humor und Ego scheint es nicht zu fehlen: „Super coole Band aus Freiburg“ steht in der Bio. In einer Welt voller KI, Hass und schlechter Laune wollen sie für ein lautes Live-Erlebnis sorgen. Ihr Song kommt funny daher, hat aber ernsten Hintergrund: „Es geht um Wettbewerb, Ausgrenzung und die kleinen Machtkämpfe aus der Schulzeit – also um den ganz normalen Wahnsinn in Turnhalle und Gesellschaft“, erklärt Simon von „Keine Clowns“. Gut gelungen. Ein Song, den man live hören möchte. Die Vocals könnten dann ein bisschen lauter sein. Wer mithüpfen will: Am 28. Mai spielt die Band im Elpi Freiburg.

ÄL JAWALA „RESISTDANCE LIVE“

World Wild Pop

Frisch und fremd

(lsg). Mit dem Album „Resistdance Live“ liefert Äl Jawala aus Freiburg ein energiegeladenes und mitreißendes Live-Erlebnis für zu Hause. Treibende Beats, leidenschaftliche Saxofonsounds und ansteckende Hip-Hop-Beats gehen dem Zuhörer unmittelbar durch den ganzen Körper und machen das Album des Quartetts zu einem intensiven Hörerlebnis.

Die Verbindung aus Balkan Brass, Trance und Hip-Hop-Einflüssen wirkt dabei erstaunlich organisch und klingt frisch und im besten Sinne fremd. Und das trotz mehr als 20 Jahren Bandhistorie.

Diese Vielfalt verleiht dem Album –aufgenommen im Tollhaus Karlsruhe –seinen unverwechselbaren Charakter und sorgt für spannende Dynamiken zwischen den Tracks. Nicht umsonst gehören „Jawalas“ zu einer der prägendsten Bands der Crossover-Szene.

„Resistdance Live“ bietet alles, was man sich von einem gelungenen LiveAlbum erhofft: spürbare Energie und eine unmittelbare Nähe zum Publikum, das man im Mitschnitt auch mal jubeln hört. Besonders in Songs wie „Tunnel“ wird eine unverkennbare Leichtigkeit hörbar, die zugleich ein Gefühl von Aufbruch und Hoffnung erzeugt. So entsteht ein kraftvoller Soundtrack, der zum Tanzen animiert und eine klare Nachricht vermittelt: Musik ist verbindende Kraft in ungewissen Zeiten.

Foto: © Lena Emberlane

Lässiger Kummer

(tln). Der Freiburger Exportschlager Kasi & Antonius meldet sich zurück: Die beiden Indiemusiker haben ihr Album „kids“ rausgebracht und waren im März auf großer Tour. Als Vorabsingle gab’s „kommst du runter, bin hier“.

Die beiden mischen mal wieder Melancholie, Kummer und Lässigkeit. Kasi singt von einer Frau – die Kommunikation klappt aber nicht. „Du sagst wie’s dir geht immer nur kurz in 1, 2 Nebensätzen.“ Bitter: Er merkt „immer erst, wenn du weg bist, was ich sagen will“.

Getragen wird das von Gitarre, Synthies und die depressive Stimmung durchbrechende Drums. Texter Kasi und Producer Antonius erfinden ihr Rad nicht neu, drehen es aber erfolgreich weiter. Der Antihelden-Attitüde bleiben sie treu.

Dass das auch live rockt, haben die beiden zuletzt auch beim ZartmannAuftritt vor 8000 Menschen in der Freiburger Sick-Arena bewiesen. Zur gefeierten Zugabe ihres Songs „Meinen die uns“ durften sie mit auf die Bühne des befreundeten Indie-Stars. Wer mehr hören möchte: Das Album „Kids“ bietet 11 weitere Songs. Derzeit sind die beiden laut Insta-Post im Urlaub. Neue Tourdaten für den Sommer dürften folgen. Der Instagram-Name von Kasi bleibt ein Relikt vergangener Tage: „keinerkenntkasi“ kann man nur noch mit einem Grinsen lesen.

MALAKA HOSTEL

BRUCCA BEAT (ALBUM) Global

Sehnsucht nach Stabilität

(lsg). Mit ihrem Album „Brucca Beat“ wollen Malaka Hostel ihren Ruf als eine der aufregendsten Livebands der süddeutschen Szene festigen. Die fünfte Platte der Freiburger ist ein Amalgam aus Kulturen, Genres und Emotionen.

Die Band verbindet Balkan, Karibik und Orient mit Indie-Rock. Die Songs mischen Deutsch und Englisch, auch Spanisch ist zu hören. So entsteht ein Sound, dessen organischer Vibe ein Gefühl der Nostalgie heraufbeschwört. Treibende Bässe, einmalige Grooves und viel Energie animieren zum Tanzen und Mitwippen. Songs wie „What We Are Fighting For“ schreien geradezu nach Melancholie sowie nach der Sehnsucht nach Einfachheit, Stabilität und Lebensfreude.

Das Album befasst sich mit der Suche nach Erklärungen, Widerstand und gesellschaftlichen Unsicherheiten. Malaka Hostel stellen unbequeme Fragen anhand zynischer Metaphern, ohne sich in Pessimismus zu verlieren. Mit ihrem breiten Klangspektrum – von Gypsy-Swing über grungige Gitarren bis hin zu karibischen Rhythmen – sorgen die Musiker für viel Tiefe. „Brucca Beat“ ist ein Soundtrack für unruhige Zeiten, der zum Tanzen, Mitsingen und Nachdenken anregt.

Ihre Tour führt sie unter anderem am 25. April in den Burghof Lörrach

... zum Frühling

Die Freiburger Geschmackspolizei ermittelt schon seit über 20 Jahren gegen Geschmacksverbrechen, vor allem in der Musik. Für die cultur.zeit verhaftet Kommissar Ralf Welteroth fragwürdige Werke von Künstlern, die das geschmackliche Sicherheitsgefühl der Bevölkerung empfindlich beeinträchtigen.

Wir dürfen uns sowieso nie von unseren Gefühlen leiten lassen, selbst im Frühling nicht. Gerade nicht. MusikantInnen hingegen lassen sich sehr gerne von dieser Jahreszeit inspirieren, was nicht in jedem Fall Gutes verheißt. Ein großer Kriminalitätsschwerpunkt ist immer wieder das Frühlingsfest der Volksmusik, ein Stelldichein szenebekannter Wiederholungstäter ohne jegliches Unrechtsbewusstsein. Gerne auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, und damit von unser aller Gebühren finanziert, ausgestrahlt.

Der unschuldige Frühling wird hier auf niederträchtigste Art und Weise als Vehikel benutzt, um gefährliches Liedgut in Umlauf zu bringen und schwerste Straftaten zu begehen. Es gibt mittlerweile viele Ableger, Trittbrettfahrer und Nachahmer, wie zum Beispiel das Frühlingsfest der volkstümlichen Musik in der Stadthalle Ybbs! mit den Grübertalern und den Edelseern. Lichtblicke und kleine Erfolge sind trotz allem auch zu verzeichnen. So wurde jüngst auf unser Betreiben hin das 4.Volkstümliche Frühlingsfest in der Mehrzweckhalle Büchenbach/Roth mit Alexandra Schmied(„A Schmatzerl vom Schatzerl“) und „Stargast“ G.G. Anderson abgesagt (Wir haben dort kurzfristig „Bauarbeiten“ anberaumen lassen ). Auf den Frühling aber folgt der Sommer und darauf ein Herbst, das Winterfest der Volksmusik ist dann auch nicht mehr fern.

Sisyphusarbeit eben.

Es grüßen die Halbgötter der Geschmackspolizei

Literarische Innenansichten

SEIT 25 JAHREN TREFFEN SICH LITERATURBEGEISTERTE REGELMÄSSIG ZUM LESEWÜTIGEN KAFFEEKRÄNZCHEN

Sie treffen sich immer am zweiten Donnerstag eines Monats um Punkt 16 Uhr und unterhalten sich eine Stunde lang über Bücher. Seit 25 Jahren. Hinter verschlossenen Türen, doch mit großer Reichweite: Was sich die vier Literaturfans bei ihren „Lesewütigen Kaffeekränzchen“ zu sagen haben, ist in ganz Freiburg zu hören. Und darüber hinaus, per Livesendung: Der runde Tisch, um den sie sitzen, steht im Gruppenraum von Radio Dreyeckland –unter einem großen Mikrofon.

Es sind immer drei Rezensent·innen und eine Moderator·in, die eine Sendung gestalten und dabei drei ausgesuchte belletristische Werke vorstellen, die mit einem zuvor vereinbarten Thema zu tun haben. Derzeit, erzählt Birgit Huber, seien 12 Menschen unterschiedlichen Alters, Berufs und Geschlechts mit von der Partie, und das Kaffeekränzchen ist offen für Neue. Mitmachen könnten alle, die gern lesen und sich aktuellen gesellschaftspolitischen Themen über deren fiktionale Bearbeitung annähern wollen.

Denn genau darum geht es den „Lesewütigen“, die sich überwiegend dem unorthodoxen, antiautoritären linken Spektrum zuordnen: Sie bringen Themen ein, die sie beschäftigen – oder die sich manchmal auch aufdrängen – und finden die passenden Romane dazu. Wobei es nicht unbedingt Neuerscheinungen sein müssen. Anhand der Sicht der Autoren auf das jeweilige Thema erschließt sich ihnen dieses dann ganz anders als im Alltag, nämlich „von innen“.

Das Konzept hat sich bewährt; die ziemlich lebhaften Sendungen laufen bis heute nach dieser Struktur. So war und ist es möglich, Themen wie Gesundheit, Verwandtschaften, Klassengesellschaft, Krieg, Frieden, Klima, Flucht, Internationales und vieles mehr unter verschiedenen Gesichtspunkten und in allen Facetten zu beleuchten. Das sei eine große persönliche Bereicherung, sagt Huber, und mache immer sehr viel Spaß. Selbst wenn es gar keinen Kaffee gibt beim Kaffeekränzchen: Auch nach all den Jahren auf Sendung „sind wir vorher immer so aufgeregt, dass wir lieber Kräutertee trinken“, lacht sie.

von Erika Weisser

Sie ist eine der Initiatorinnen des literarischen Zirkels, der weit mehr ist als eine Wohnzimmer- oder Küchenplauderei. Auch wenn 2001 alles genau so anfing: In ihrer damaligen Frauen-WG auf dem Grether-Gelände wurde viel gelesen und diskutiert, und irgendwann hätten sie und ihre Mitbewohnerinnen die Gespräche von der WG-Küche in den Senderaum von RDL verlegt. Zum ehemaligen Piratensender, der seit 1988 legal als Freies Radio funktioniert, mussten sie ja nur über den Hof, außerdem arbeitete Huber bereits seit geraumer Zeit dort. Das tut sie immer noch. Und bei den Sendungen ist sie für die Online-Stellung zuständig, für den Kontakt zu Verlagen – und oft auch für die Inhalte. Wie bei der April-Sendung zu Algerien, wo sie den Roman „Rue Darwin“ des jüngst aus der Haft entlassenen Schriftstellers Boualem Sansal vorstellte.

INFO

rdl.de/sendung/das-lesewütige-kaffeekränzchen

Nächste Sendung: 14. Mai

Thema: Psychische Krankheit

EDEN – WENN DAS STERBEN BEGINNT

von Marc Elsberg

Verlag:

Blanvalet, 2026

768 Seiten, Hardcover

Preis: 28 Euro

Natur als Gegenmacht

(bar). Mit „EDEN – Wenn das Sterben beginnt“ verschiebt Marc Elsberg den Fokus radikal: Ging es in Blackout noch um Stromnetze, steht nun das größte, verletzlichste System überhaupt im Zentrum – das Leben selbst. Mikroben, Plankton, Insekten, Wälder, Tiere: ein fein austariertes Netzwerk, das uns trägt. Und das zu reißen beginnt. Elsberg eröffnet mit Bildern, die sich einbrennen: In der Karibik greift ein Riesenkalmar einen Walhai an, im Amazonas verdorrt der Boden, in der Adria treiben tote Fische. Was wie vereinzelte Schlagzeilen wirkt, entpuppt sich als Teil eines globalen Dominoeffekts. Der zurückgekehrte Protagonist Piero Manzano lässt seine KI die Daten auswerten – und erkennt, was andere verdrängen: Binnen Monaten könnte das ökologische Gleichgewicht kippen, mit drastischen Folgen für Ernährung, Wirtschaft und Gesellschaft. Gemeinsam mit Influencer Linus Strand und Meeresbiologin Sarah Keller geht Piero an die Öffentlichkeit –und wird zur Zielscheibe. Mächtige Akteure arbeiten gegen sie, während die Katastrophe längst Fahrt aufnimmt. Elsberg gelingt ein atemloser Thriller, der wissenschaftliche Komplexität in packende Szenen übersetzt. Die hohe Taktung, die globalen Perspektivwechsel – all das erzeugt Sog und Unruhe. „Eden“ ist kein leiser Roman, sondern ein literarischer Alarmruf: eindringlich, beängstigend und erschreckend plausibel.

DIE FRAU ALS MENSCH 2 SCHAMANINNEN FREZI GERN GESEHENE GÄSTE

von Ulli Lust

Verlag:

Reprodukt, 2026

304 Seiten, Hardcover

Preis: 29 Euro

Zwischen vielen Welten

(ewei). „In meiner Kindheit ist mir nicht aufgefallen, dass wir in einem Patriarchat leben“, ist im ersten Panel des Comics zu lesen, in dem Ulli Lust ihre Recherchen zur Rolle der Frauen in den Urgesellschaften ins Bild setzt. Zu einer Zeichnung, die die Autorin mit ihrer Schwester beim unbeschwerten Spiel zeigt. Als sie jedoch als junge Erwachsene durch mehrere europäische Innenstädte wandert, fallen ihr die dominant männlich geprägten Denkmäler auf. Und sie fragt sich, warum die in den ersten 30.000 Jahren der Menschheitsgeschichte geschaffenen Artefakte fast nur weibliche Gestalten zeigen. Überall in der Welt.

Durch ausgiebige Forschungen gelangt sie zu erstaunlichen Schlussfolgerungen: Frauen eigneten sich durch genaue Beobachtung mystischer Tiere umfassendes Wissen über die Heilkräfte bestimmter Pflanzen an; sie wurden zu Schamaninnen, die auch Verbindung zu Menschen herstellen konnten, die in eine andere Welt übergegangen waren. Lust zeichnet aber auch nach, wie und warum sie aus ihrer geachteten Stellung in den ursprünglichen Gemeinschaften verdrängt wurden. Sehr erhellend.

Am 17. April, 19.30 Uhr kommt die Autorin im Literaturhaus Freiburg über ihre Erkenntnisse ins Gespräch mit der Geschlechterforscherin Andrea Zimmermann.

von Thommie Bayer

Verlag:

Piper, 2026

208 Seiten, Hardcover

Preis: 24 Euro

Unerwartete Freundschaft

(ewei). Matteo ist meistens allein. Als er ein Kind war, hat er – und vor allem seine allein erziehende Mutter – darunter gelitten, dass er nicht wirklich dazugehörte. Inzwischen ist das Für-sich-Sein jedoch seine bevorzugte Daseinsform. Am liebsten verbringt er seine freie Zeit lesend auf einem Hochsitz im Wald. Bücher hat er genug: Seine Mutter betreibt einen Buchladen, in dem er mitarbeitet, seit er von seinen Berufs-Wanderjahren zurückkehrte. Diese hatten ihn im Anschluss an seine Zimmermannslehre durch ganz Europa geführt, mit zeitlich begrenzten Kontakten zu Kollegen, die wie er als wortkarge Einzelgänger unterwegs waren.

Nur mit einem, William, hat Matteo noch zu tun; hin und wieder übernehmen sie Renovierungsarbeiten in alten Häusern. Bei einem solchen Auftrag im elsässischen Altkirch lernt er das Schriftstellerehepaar Eric und Keira kennen – und erfährt zum ersten Mal, wie selbstverständlich Freundschaft sein kann.

Im Laden seiner Mutter organisiert er eine Lesung mit dem sehr erfolgreichen Eric, im Anschluss begleitet er ihn auf einer großen Lesereise, bei der er schließlich hinter ein gut gehütetes Geheimnis der beiden kommt.

Der Roman des in Staufen lebenden Autors Thommie Bayer liest sich leicht – und regt zum Nachdenken an.

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