AM 28. FEBRUAR ÖFFNET DAS KOMPLETT SANIERTE AUGUSTINERMUSEUM MIT EINEM FESTPRORGRAMM SEINE TORE UND NEUE THEMENBEREICHE
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as lange währt, wird endlich eröffnet: Die insgesamt 21 Jahre dauernde und sehr kostspielige Sanierung des Augustinermuseums steht vor dem Abschluss. Am 28. Februar beginnt für das ehemalige Konventgebäude eine neue Zeit: Dann werden sämtliche Museumsbereiche für alle Besucher zugänglich sein.
von Erika Weisser
„Jede*r willkommen“ heißt es auf der Einladung zu dem lang erwarteten und mit einem vielfältigen Programm sowie vor allem durch die Arbeit vieler am Bau beteiligter Firmen und Handwerker gut vorbereiteten Festwochenende am 28. Februar und 1. März. Und das ist wörtlich zu nehmen: Eine Woche lang, bis zum 8. März, ist der Eintritt in das denkmalgeschützte, doch mit viel technischem Aufwand hochmodern und großzügig gestaltete sowie komplett barrierefrei ausgestattete Haus mit seinen 2900 Quadratmetern Ausstellungsfläche kostenlos.
Eröffnet werden die neuen Räume außer von Oberbürgermeister Martin Horn auch von Ulrich von Kirchbach, der in seiner Funktion als Kulturbürgermeister fast seine gesamte Amtszeit lang eng mit dem von vielen Überraschungen und Volten, aber auch von großer Spendenbereitschaft begleiteten Sanierungsprozess verbunden war. Es wird seine letzte große Amtshandlung sein; nach 24 Jahren im Rathaus geht er am 1. April in den Ruhestand.
Das Museum, das sich nach den Worten von Direktorin Jutta Götzmann im Lauf der Sanierung zunehmend selbst als kulturhistorisches Kunstwerk offenbarte, das in seinem Innern Kunst und Kultur beherbergt, wird durch die neuen Ausstellungsflächen um einige
Themenbereiche erweitert und in seiner Gestalt spürbar verändert: Auf vier Etagen werden Besucher·innen ein deutlich breiteres und vielfältigeres kulturelles Angebot erleben als bisher; dazu kommt ein verstärkter Medieneinsatz sowie durch viele interaktive Angebote neue Formen der Beteiligung und Vermittlung. Und eine deutliche Öffnung nach außen.
Freiraum für Begegnung, Dialog und Kreativitäti
Das wird besonders in dem neuen Themenbereich „FREI_Raum“ erlebbar: An diesem Ort der Begegnung und des gemeinsamen Gestaltens entwickelt das Museum zusammen mit unterschiedlichen Akteur·innen aus Freiburg und der Region Ausstellungen, Projekte und Ideen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft treffen aufeinander und entwerfen neue Perspektiven – immer mit Blick auf die Stadt und ihre Menschen. Der FREI_Raum umfasst drei Bereiche, die sich gegenseitig ergänzen: Ein Ausstellungsraum mit jährlich wechselnden Themen, eine Werkstatt für Kreativität und einen Filmraum für vertiefende Einblicke.
Die erste Sonderausstellung, die dort stattfindet, wird ebenfalls am 28. Februar eröffnet: „Zukunfts(t)räume“ heißt sie und sie erzählt die wechsel-
Filigraner Metallbau: Die Kleinodientreppe als skulpturales Verbindungselement fügt sich präzise in das denkmalgeschützte Ensemble ein.
Protest und Revolution: In der neuen Themenstrecke werden Ursache und Wirkung des Bedürfnisses nach Veränderung untersucht.
volle Geschichte des Hauses – vom Kloster über die Nutzung als Kartoffellager und Theater bis zum heutigen, zeitgemäßen Museum. Bis zum 21. Februar 2027 gibt es hier reichlich Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen. Etwa über gesellschaftliche Veränderungen – und wie ein Museum als lebendiger Ort darauf reagieren soll.
Mit dieser Frage setzt sich übrigens eine ganze neue Dauer-Themenstrecke auseinander: „Protest und Revolution“ ist sie benannt, und sie zeigt die Ursachen für das Streben nach Veränderung – oder auch Verhinderung –, die die gesellschaftliche und kulturelle Landschaft in der Region prägten. Anhand zahlreicher interaktiver Protestschilder und anderer Exponate wie dem Heckerhut oder einem Porträt von Che Guevara geht die Reise von aktuellen Bewegungen wie den Fridays for Future oder den Anti-AKW-Aktionen in Wyhl über die Freiburger Studentenrevolten der 1960er-Jahre
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Stadtgeschichte wird überall im sanierten Augustinermuseum sichtbar gemacht.
zurück bis zu den Verhältnissen, die zur niedergeschlagenen Revolution von 1848/49 in Baden führten. Ein besonderes Licht wird dabei auch auf die Rolle der Frauen geworfen. Das gilt auch für die neue Porträtgalerie im Südgang: Da die Hälfte der Menschheit – und der Freiburger Bevölkerung – aus Frauen* besteht, ist ihnen nun ein eigener und sehr zeitgemäßer Bereich mit 80 jüngst entstandenen Porträts der Freiburger Fotografin Britt Schilling gewidmet. Sie zeigen Momentaufnahmen „unserer pluralistischen
Stadtgesellschaft mit ihrer starken Frauenkultur“, wie es im erläuternden Saaltext heißt.
Eine weitere Bereicherung für das Augustinermuseum ist der sehr facettenreich dargestellte Themenbereich „Schwarzwald“ und die Unterbringung des seit einem Jahr geschlossenen Museums für Stadtgeschichte. Und natürlich die Eröffnung eines schönen, hellen und auch ohne Museumseintritt frei zugänglichen Cafés im historischen Kreuzgang mit Zinnengarten im Erdgeschoss.
Lob, Preis & Rekordzahlen
FREIBURGER KINOS MIT ERFOLGREICHER JAHRESBILANZ
Im Kommunalen Kino und den Kinos Friedrichsbau, Kandelhof und Harmonie war das Jahr 2025 einmal mehr „sehr erfolgreich“. Außer rekordverdächtigen Besucherzahlen gab es bei ihnen für ihre besonderen Programme und Festivals sowie innovativen Formate auch viel Lob und Preis.
„Corona ist Geschichte!“, jubelt Ludwig Ammann, einer der Geschäftsführer der Programm-Kino-Gruppe Friedrichsbau, Kandelhof und Harmonie: Das Jahr sei „mit 98 Prozent der Besucher von 2019 abgeschlossen“ worden, das Publikum habe sich verjüngt und die Sneaks seien wieder ausverkauft gewesen. „Ein Traum“ bilanziert er. Auch Rosaly Magg vom Kommunalen Kino (Koki) zeigt sich begeistert: 2025 sei mit 28.184 Gästen ein „neuer Besucher·innenrekord“ zu verzeichnen gewesen: Fast 6000 mehr Menschen als im Jahr zuvor seien in das kleine Lichtspielhaus im Alten Wiehrebahnhof geströmt.
Beide führen die sehr erfreuliche Bilanz neben nötig gewordenen Investitionen und Erneuerungen vor allem auf die sorgfältige Auswahl an Filmen, die verschiedenen Festivals und die besonderen, oft in Kooperation realisierten thematischen Reihen und Einzelveranstaltungen sowie die Möglichkeit zu Begegnungen mit Filmschaffenden zurück. So seien laut Rosaly Magg im Koki die bewährten Formate Cinelatino, die Lesbenfilmtage und natürlich das Freiburger Filmforum als „Festival of Transcultural Cinema“ wieder sehr gut angenommen worden. Als regelrechte Publikumsmagneten hätten sich zudem die neuen, klar feministisch akzentuierten Formate „Herstories“ und „Cinèpolska“ und ihre Akteurinnen aus der polnischen und arabischen Filmpionierinnenszene erwiesen.
Auch im Friedrichsbau hat ein erstmals veranstaltetes Großereignis viele Kinogänger neugierig gemacht: Das Black Forest Film Festival, das nach Ludwig Ammanns Einschätzung „vom Feinsten“ war und die Region neu und anders als
von Erika Weisser
im Heimatfilm in den Blick nahm. Er freut sich, dass sein Kino Gastgeber für dieses fantastische Format sein durfte. Zu den meistgesehenen Filmen im Friedrichsbau habe übrigens eine Produktion aus und über Freiburg gehört: Die Doku „Und sonst war es still: Zeitzeugen der Freiburger Bombennacht erzählen“. Mehr als 7000 Besucher kamen zu diesem Film, der hinter Rennern wie „22 Bahnen“, „Wunderschöner“, „Das Kanu des Manitu“ und anderen Magneten einen „sensationellen“ 7. Platz belegte.
Die Arbeit hat sich gelohnt: In der Kategorie „herausragendes Jahresfilmprogramm“ erhielt der Friedrichsbau den mit 15.000 Euro dotierten Spitzenpreis des Kinopreises der Filmförderung Baden-Württemberg. Und Neriman Bayram, Geschäftsführerin des Koki, nahm zum 20. Mal in Folge den Kinopreis der Deutschen Kinemathek entgegen. Der Preis würdigt Vielfalt und den Ideenreichtum bei der Präsentation von Filmen aus der gesamten Filmgeschichte.
Kunststaatssekretär Arne Braun und MFG-Geschäftsführer Carl Bergengruen rahmen den Spitzenpreisträger Ludwig Ammann.
Koki-Geschäftsführerin Neriman Bayram freut sich mit ihren Kolleginnen Johanna Metzler (l.) und Marina Aicher über den Kinopreis 2025.
DAS BESTE LIEGT NOCH VOR UNS
Italien 2023
Regie: Nanni Moretti
Mit: Nanni Moretti, Margherita Buy u.a.
Verleih: Prokino
Laufzeit: 95 Minuten
Start: 12. Februar 2026
Verhinderter Alleskönner
(ewei). Junge Arbeiter mit roten Halstüchern und Farbeimern werden von ihren Genossen an Seilen an einer Wand heruntergelassen und pinseln in riesigen roten Lettern: „Il sol dell’avvenire“ daran.
Die an die „Internationale“ angelehnte Losung ist zugleich der Originaltitel von Nanni Morettis neuer Komödie. Einem Film im Film: Er selbst verkörpert einen alternden – und sehr selbstunzufriedenen – Regisseur, der ein großes Politdrama plant. Es spielt in einem kommunistisch regierten Arbeiterbezirk Roms und hat die 1956 erfolgte Ablösung der PCI von der Sowjetunion zum Inhalt.
Doch die Dinge laufen anders als der selbsternannte Alleskönner und ewig dozierende Besserwisser denkt: Die Darsteller verstehen den Stoff nicht, der windige Produzent ist pleite, und seine ebenfalls in der Branche tätige Ehefrau ist zur Konkurrentin geworden und will ihn verlassen. Er rappelt sich auf und versöhnt sich mit der Welt. Und die entscheidende Wende gelingt doch noch.
FATHER MOTHER SISTER BROTHER
USA, Irland, Frankreich 2025
Regie: Jim Jarmusch
Mit: Tom Waits, Charlotte Rampling u.a.
Verleih: Weltkino
Laufzeit: 110 Minuten
Start: 26. Februar 2026
Unsichtbare Bande
(ewei). In seinem neuen, bei der Biennale di Venezia 2025 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Film zerlegt Jim Jarmusch den Begriff – und das Wesen – der Familie in schmerzhafteste Einzelteile. Dazu komponiert er drei Geschichten, die um oft distanzierte Beziehungen erwachsener Kinder zu ihren Eltern kreisen.
Jede Geschichte fokussiert jeweils eine Beziehung – zum Vater, zur Mutter, zu Geschwistern – und zeigt Menschen an den Wendepunkten ihrer Leben, an denen Nähe genauso schmerzt wie Distanz. Bei den gnadenlos präzisen Beschreibungen der von großartigen Schauspielern bestens in Szene gesetzten Begegnungen werden verpasste Chancen ebenso sichtbar wie Dinge, die nie ausgesprochen wurden und dennoch alles bestimmen. Oft über Generationen hinweg. Ein leiser, zugleich trocken humorvoller und latent melancholischer Film über die Unmöglichkeit, Familie ganz zu verstehen. Und über die Notwendigkeit, es dennoch immer wieder zu versuchen.
MARTY SUPREME
USA 2025
Regie: Josh Safdie
Mit: Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow u.a.
Verleih: Tobis
Laufzeit: 149 Minuten
Start: 26. Februar 2026
Zerstörerischer Ehrgeiz
(ewei). New York in den 1950ern: Marty verkauft Schuhe im Laden seines Onkels. Doch er hat nur ein Ziel: Weltmeister im Tischtennis werden und in den Olymp der gefeierten Athleten aufsteigen.
Um an einem toreöffnenden Turnier in London teilzunehmen, investiert er sein mühsam erspartes Geld und seine spärliche Freizeit, die er zu intensiven Trainingsstunden nutzt.
Als er jedoch beim nervenaufreibenden Finale gegen den japanischen Superstar Endo verliert, wird sein Ehrgeiz zur Besessenheit: Mit allen – wirklich allen – Mitteln will er Revanche, will um jeden Preis zu Ruhm und Erfolg gelangen. Dass er dabei immer größenwahnsinniger, einsamer, für die Leute in seiner Umgebung zunehmend unerträglich und extrem selbstzerstörerisch wird, scheint nicht zu interessieren.
Eine meisterhafte, rastlos inszenierte Charakterstudie eines Mannes, der gewinnen muss, um sich selbst zu spüren. Gespielt von einem ganz großartigen Timothée Chalamet.
Zwei Zwillinge, eine Leidenschaft. Phillip Türemis und Sebastian „Tino“ Türemis (30) machen sich deutschlandweit einen Namen mit AccapellaRap-Battles. Im Eins-gegen-Eins-Wortgefecht mit vorbereiteten Texten geht es um die besten Zeilen. Das Publikum wählt am Ende den Sieger. Die in Hamburg lebenden Freiburger aka Faivel und Young Kennedy erzählen im Interview mit chilli-Redakteur Till Neumann, worauf es im Duell ankommt und wer höher hinaus will.
Was ist das für ein Gefühl, im Accapella-Ring zu stehen? Es ist eine absolute adrenalin-technische Ausnahmesituation. Danach weiß man oft nicht mehr genau, was passiert ist. Man ist einfach nicht 100 Prozent Herr dessen, was man tut.
Phillip: Das unterschreibe ich genau so. Deswegen passieren relativ oft halbwegs peinliche Sachen. Tino ist aufgefallen, dass er seine Körpersprache manchmal nicht ganz im Griff hat. Die Battles fühlen sich an, als ob der ganze Körper vibriert.
chilli: Wie viel von dem, was ihr tut, ist geplant?
Tino: Ich versuche mich meist sehr genau dran zu halten, was ich mir vorgenommen habe. Außer manchmal die Freestyle-Konter (spontane Reaktionen). Aber da habe ich auch über die Zeit gelernt: Nicht jeder Freestyle ist eine gute Idee.
Machen AccapellaBattles: Phillip Türemis (Faivel/links) und Sebastian Türemis (Young Kennedy)
FREIBURGER BATTLE-RAP-ZWILLINGE ERZÄHLEN VOM KAMPF MIT WORTEN
Phillip: Bei mir 50-50. Ich würde jedem raten, die 50 Pro zent Freestyle abzubauen. Ich habe damit schlechteste Erfahrungen gemacht. Wobei: In zwei, drei Video-Com pilations von Dltlly (die wichtigste Accapella-Freesty le-Liga) habe ich es wegen einem Freestyle-Konter reingeschafft. Mit geschriebenen Parts ist mir das noch nicht passiert. Diese spontane Genialität ist schon schwer aufzuwiegen mit anderen Sachen.
chilli: Welche Angriffe funktionieren am besten?
Tino: Das ist eine Frage der Era. Heute funktionieren andere Sachen als noch vor 15 Jahren. Damals waren es Brutalität und Schockfaktor. Dieser Das-hat-er-nichtgesagt-Moment. Heute zieht vorwiegend Humor oder ein persönlicher Angriff, der ein bisschen tiefer geht.
Phillip: Real-Talk-Parts funktionieren heutzutage sehr gut. Geschichten, die so wirklich passiert sind, mit denen man den anderen ausziehen kann, sind gerade Status quo.
chilli: Wie bereitet ihr euch vor?
Tino: Sehr akribisch. Ich habe normalerweise einen Monat vorher alle Battle-Runden fertig. In der Woche vor dem Battle hab’ ich alle Runden auswendig drauf. Ich versuche mir zu überlegen: Wie ist die Situation, wenn ich da stehe? Damit ich einfach vorbereitet bin für diesen seltsamen Moment, dass du einer anderen Person gegenüberstehst und beleidigt wirst. Vorbereitung ist alles.
Was ich seit drei, vier Battles unschätzbar wertvoll finde: Ich mache ein, zwei Probeläufe vor guten Freunden. Die müssen gar nicht bewerten. Einfach, dass der Text einmal über deine Lippen gegangen ist. Mit diesem zittrigen Gefühl, das du auch im Kreis (das Publikum steht um die beiden Rapper·innen herum) hast.
Wie tief geht die Recherche über eure Gegner·innen?
Ich bereite jetzt gerade ein neues Battle für Ende Februar vor. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich von Anfang vor allem über diesen Gegner nachdenke. Das mache ich viel mehr mittlerweile als zu recherchieren. Was natürlich aber trotzdem der gewöhnliche Weg ist für die meisten.
Phillip: Eine Grundrecherche gehört dazu. Ich will keine Sachen bringen, die ich dem Publikum erklären muss. Wenn du das musst, dann fliegt es bei mir schon raus. Ich grabe nicht tiefer als nötig. Du willst ja nicht wirken wie so ein schleimiger Privatdetektiv.
chilli: Warum macht ihr das überhaupt?
Tino: Als wir angefangen haben mit Hip-Hop war es schon so: Man will dazugehören, sich beweisen. Man will nach einem Leben, in dem man früher nicht so oft Platz eins war, sich diese Bühne nehmen. Der ganzen Welt zeigen: Seht ihr, ich hab’s euch gesagt. Ich hab’s richtig drauf, Digga. Und ja, der Competition-Gedanke ist es natürlich auch. Wenn das Battle vorbei ist, fällt so eine Last ab. Diese Abende nach einem Battle sind unvergesslich. Phillip: Total. Was dazukommt: Die ganzen Hip-Hop-Elemente leben vom Respektgedanken. Wie es in vielen Kinderbüchern heißt: Es ist egal, wer du bist, wenn du was draufhast, kriegst du Respekt. Gerade bei Battle-Rap kommst du dahin und die gucken schief. Wenn du dann einen raushaust, kannst du das switchen. Wir waren früher komische Vögel. Wir hatten diesen Respekt ehrlich nötig.
merkt man, er kann sehr gut entertainen. Er ist gerade vor Live-Publikum ein unglaublich effizienter Rapper. Und er hat diese unglaubliche Konstanz. Ich habe bei ein paar Battles böse reingeschissen. Tino würde das in hundert Jahren nicht passieren.
Einer „will den Titel“ – der andere macht's „für die Kunst“
chilli: Wie viel verdient ihr mit den Battles?
Tino: Sagen wir mal dreistellig pro Battle. Phillip: Die ganz Großen kriegen deut lich mehr. Wir haben am Anfang für 50 Euro plus Anfahrt gebattelt.
chilli: Und wie weit wollt ihr hoch?
chilli: Zeigt ihr euch eure Texte vor den Battles und gebt Tipps?
Phillip: (lacht). Ich bin ein großer Fan davon, es sich zumindest zu zeigen. Tino hasst das. Das kann ich sehr gut verstehen. Er möchte nicht des Bühnen-Momentes beklaut werden. Andere sollen das als Rap-Fan auch erst im Kreis hören und dort die Flashs bekommen.
Tino: Phillip kommt, wenn er grad nicht als Koch arbeiten muss, mit zu den Battles. Auch meine Homies kommen mit zu den Battles. Für die schreibe ich das ja auch. Wenn die schon fünfmal meinen Text gehört haben, das ist ein bisschen kacke.
chilli: Könnt ihr sagen, welchen Skill ihr an eurem Bruder feiert?
Tino: Phillip hat einen wahnsinnig schönen Stift, sagt man so schön.
Phillip: Danke. Tino ist großer Wrestling-Fan. Das
Tino: Ich will den Titel. Es wäre absurd, was anderes zu behaupten. Phillip: Ich behaupte was anderes: Ich mache es für die Kunst.
Tino: Ich sag nicht, dass ich morgen ein Titelmatch bekommen soll. Ich mag's einfach, hoch zu pokern. Ich bin nicht sauer, wenn ich die Geschichte beende irgendwann, ohne es geschafft zu haben. Aber ich weiß, dass ich in jedem Match das vor Augen haben werde. Mein All-over-Ziel. Phillip: Ich mach's einfach, um dort zu stehen. Für die großen Matches hat man eine sehr lange Vorbereitungszeit und viel Krise im Kopf. Ich habe eine andere Leidenschaft, die ist kochen. Die stellt mich zufrieden.
Biografie
Die eineiigen Zwillinge Phillip Türemis (Faivel) und Sebastian Türemis (Young Kennedy) sind in Flensburg geboren und in Freiburg aufgewachsen. Seit vier Jahren leben sie in Hamburg und pendeln regelmäßig nach Freiburg. Sie sind Teil der Rap-Crew Endlessstory und nehmen an Rap-Battles teil. Anfangs beim Rap-Anker in Freiburg. Mittlerweile unter anderem bei Deutschlands wichtigster Liga DLTLLY (Don’t let the label label you).
Im Netz: instagram.com/faiv.el instagram.com/young_kennedy08 instagram.com/dltlly.official
Beim Battle: Faivel vs Joseph Steinschleuder (oben) und Young Kennedy vs Gerro (unten)
Neues Jamformat in Freiburg: Seit November treffen sich monatlich Musiker·innen im Black Forest Hostel. Organisatorin ist Hostel-Chefin Tania Rittershaus (57). Sie erzählt im Interview mit chilli-Redakteur Till Neumann, was das Besondere an der Jam ist.
Wie kam‘s zur Jam im Hostel?
Die Idee ist im Kern das Get-together der Musikerinnen. Sich zu treffen und zu musizieren für mögliche weitere gemeinsame Projekte. Wir treffen uns jeweils am ersten Sonntag des Monats von 17 bis 21 Uhr im Hostel. Ein einfaches Schlagzeug, ein Kammerflügel, zwei Mikrofone und eine Mini-PA stellen wir zur Verfügung. Die ersten Ausgaben waren inspirierend und aufregend.
Warum gerade eine Jam im Hostel?
Weil wir den Raum dafür haben: ein großes, gemütliches Wohnzimmer. Instrumente haben wir für unsere Gäste, seit wir vor 23 Jahren das Hostel eröffnet haben. Viele Mitarbeiterinnen spielen in Bands wie Skybones oder Elektrosauna. Mit Profis wie Schröder, bester Schlagzeuger der Stadt, Lichi Crespo, hervorragender Gitarrist, und Fabio Mahlmann, Klavierstimmer/-spieler und Tenorsaxophonist mit einem Ansatz, der das ganze Haus sanft vibrieren lässt, gibt es eine starke musikalische Basis.
Was ist das Besondere bei euch?
Das Besondere ist, dass unplugged gespielt wird. Die Lautstärke richtet sich nach dem Kammerflügel. Das Schlagzeug wird daher mit viel Gefühl gespielt, Gitarre und Bass richten sich nach dem Flügel.
Packend und atmosphärisch
(jsj). Mit „Reconnect“ präsentiert Max Büttner ein Album, das Zuhörerinnen und Zuhörer auf eine Reise einlädt. Der Freiburger Schlagzeuger und Komponist bewegt sich souverän im Spannungsfeld von modernem Jazz, freien Elementen und Storytelling. Dabei steht nicht Virtuosität um ihrer selbst willen im Vordergrund, sondern das Zusammenspiel, der Dialog und das „Wieder-Verbinden“ –mit der Welt, dem Leben, der Gesellschaft, mit sich selbst.
Die Arbeit hat Max Büttner fünf Jahre gekostet. Die Stücke sind offen und atmend, ein sanfter, aber kraftvoll getragener Groove, angereichert mit Gedichten, Kurzgeschichten, gesellschaftskritischen Statements. Dazu gesellt sich das Max-Büttner-Klanguniversum. Die Drums sind präsent, ohne zu dominieren –hier und da schwingt sich ein atmosphärisches Klavier empor, wie bei „Melody For Dom“. Immer verbunden mit einer narrativen Tiefe.
Das Album ist „das Ergebnis tiefer musikalischer, persönlicher und sozialer Beobachtungen“, erklärt der Künstler selbst. Und das Publikum ist eingeladen: „This ist a journey“, heißt es zu Beginn des titelgebenden Songs gleich zu Anfang des Albums. Es ist ein konzentriertes Hörerlebnis – Musik, die nicht konsumiert, sondern erlebt werden will.
ELEKTROSAUNA GEISTER (LP) Indie
Sanfte Geister
(tln). Da isses, das Debütalbum der Freiburger Kombo Elektrosauna. Vorgestellt haben es die sechs Musiker·innen im Januar im KuCa Freiburg, aufgenommen im Planktonstudio. Acht Tracks sind drauf.
Ausgelassen und skurril geht es los mit „Brett“. Amtliche 6:25 Minuten geht der Song. Wer dann noch mit 1:36 Minuten Instrumentalteil beginnt, macht was er will. „Ich liebe die Katzen nicht, sie sind keine Freunde der Menschen“, so die erste Zeile.
Zum rockigen Indiesound kann getanzt werden – bis es am Ende düster wird. Kommen jetzt die bösen Geister? Ja. Es folgen „Geister“ und „Geisterland“. Doch die klingen nicht böse. Gitarren, Drums und Keys lassen es federleicht schweben.
„Gedanke 1: Ich liebe dich. Und Nummer 2: Ich bring dich um“ singen die Freiburger·innen und lassen die Gitarre doch noch lauter fauchen als erwartet. Unheil verkündende Glocken erklingen. Der Sänger findet keinen Schlaf. Doch es wird erneut sanft statt gruselig.
Ausgefeilt-charmanten Indie-Sound hat das Sextett hier gebastelt. Das klingt erfrischend anders und überrascht immer wieder. Heimliche Hits der Platte: Die Uptempo-Nummer „Chamäleon“. Und ihr schwermütiges „Schwimmen“ zum lauthals Mitsingen, wenn es live rundgeht.
(jsj). „Was undenkbar schien – es ist heute wahr“: Vielen spricht die Freiburger Hip-Hop-Kombo Zweierpasch damit aus dem Herzen. Mit ihrer neuen Single „Nix Gelernt“ legen sie ein eindringliches, aber zugleich leises Stück vor. Kein kämpferischer Aufruf zum Widerstand, keine Battle-Rap-Attitüde: Zweierpasch setzten auf Reduktion und auf den Nachhall.
Balladenhaft und instrumental getragen setzt die Single auf die Kraft ihrer Botschaft. Der Songtext setzt an der deutschen Erinnerungskultur an. „Alles brennt nieder am 9. November“, auf der einen Seite. „Aus der finsteren Vergangenheit nix gelernt“, auf der anderen.
Und doch: Hier ist nicht die Zeit, der Verzweiflung anheimzufallen, kein Fatalismus. Zunächst wirkt es fast irritierend, doch eingerahmt wird der Track durch die Stimme von Teddy Teclebrhan. „Was labersch du?“, fragt der Comedian in seiner Paraderolle als Antoine Burtz, „Hasch du überhaupt gelernt?“. Der Kontrast lässt die Zuhörenden stutzen. Doch dem bitteren Befund über die Zeit, in der wir leben, stellt sich in dem Wort „lernen“ auch eine Perspektive an die Seite. Das Statement wird damit auch zum Orientierungspunkt: weitermachen, weiter sprechen, weiter lernen und lernen lassen.
THE DEAD ORCHIDS CELESTIAL GROOVE
Space Rock
Tauchen und schweben
(tln). Space Rock Jam nennen die Dead Orchids aus Freiburg ihren Sound. Wie das klingt, zeigen sie im Videorelease „Celestial Groove“ auf YouTube: 13 Minuten und 7 Sekunden geht die Nummer. Genügend Zeit, um tief einzutauchen.
Psychedelisch geht’s zu: Ein Synthie wabert, Gitarren pirschen sich leise an, die Drums treiben sanft durch den dichten Nebel. Es ist die zweite Auskopplung der „2025 Live Sessions“.
Zurücklehnen und wirken lassen, so geht das hier. Was die Toten Orchideen entstehen lassen, ist Baldrian fürs Ohr. Eine Flucht aus dem Alltag voller Lärm und Lichter.
Die Sängerin setzt nach lässigen zweieinhalb Minuten ein. Wie ein Lichtstrahl, der die Dunkelheit flutet. Ein Wegweiser Richtung Wildnis. Denn kurz darauf dröhnen schwere Drums und schieben den Nebel zur Seite.
Zum Song gibt’s ein mysteriöses Video mit brennenden Blumen, brodelnder Lava und einem Raumschiff. Aufbruch in eine andere Dimension. Live zu hören war die Kombo zuletzt im Slow Club. Bei den Shows wird atomsphärisch improvisiert. Stille trifft da auf stampfende Grooves, Power auf Pause. Musik für Menschen, die sich fallen lassen wollen, um nach oben zu fliegen. Nerdig genug, um dem ein Ohr zu schenken.
... zu Tirol vs. Down Under
Die Freiburger Geschmackspolizei ermittelt schon seit 20 Jahren gegen Geschmacksverbrechen, vor allem in der Musik. Für die cultur.zeit verhaftet Kommissar Ralf Welteroth fragwürdige Werke von Künstlern, die das geschmackliche Sicherheitsgefühl der Bevölkerung empfindlich beeinträchtigen.
DJ Ötzi, Österreichs Allzweckwaffe für psychologische Kriegsführung in Form von Après-Ballermann-Heimatunrühmlichkeiten, ist mit einem seiner älteren Machwerke unfreiwillig zwischen die Fronten und in die Schlagzeilen geraten. Was ist passiert? Seine „Tirol“-Hymne von 2013
„I kimm ausm landl tirol, de berg so hoch und tiaf es tal i vermiss mei dahoam olle mol mei hoamatlaund mei hoamatlaund tirol“
dummdreist auf die Melodie von Men at Works 80er-Jahre-Hit „Down Under“ vertont, wird neuerdings von zwielichtigen Internetfreaks als Projektionsfläche und Soundtrack/Saunddreck für deren wirre und in Teilen auch rechtslastigen Verschwörungstheorien verwendet – unlustig. Gerhard Friedle, Tarnname DJ Ötzi, kann da erst einmal nichts dafür, für sein Oeuvre aber schon. Was er nun aber machen könnte und wozu wir ihm mit Nachdruck auch raten: sich distanzieren. Am besten gleich von allem, was er in der Vergangenheit so fabriziert hat. Auch davon zum Beispiel:
„Ich bin so schön, ich bin so toll. Ich bin der Anton aus Tirol. Meine gigaschlanken Wadln san a Wahnsinn für die Madln.“
Das könnte sich unter Umständen strafmildernd auswirken, zumindest in Australien – aber Tirol wird ihn mit Sicherheit nicht ausliefern.
From ä Länd ziemlich down under grüßt Ihre Geschmackspolizei
Eine Racheengelin in Berlin
DER FREIBURGER DICHTER ULRICH LAND FOLGT DEN VON IHM ERFUNDENEN
SPUREN EINER KOLLEGIN
Vor 81 Jahren, im Januar 1945, starb Else Lasker-Schüler in Jerusalem. Der Freiburger Schriftsteller Ulrich Land, der gerne biografische Stoffe neu-, ver- oder umdichtet, zeichnet in seinem Roman nun ein Szenario, in dem die des Lebens im Jerusalemer Exil überdrüssige avantgardistische Dichterin, Zeichnerin und Verwandlungskünstlerin diesen Tod nur fingiert, um heimlich in das Land zurückzukehren, das sie 12 Jahre zuvor vertrieben hatte.
Lieber reich leben als arm sterben
Ein Else-Lasker-Schüler-Krimi mit Rezepten
Von Ulrich Land
Verlag: Oktober, 2025
391 Seiten, Taschenbuch
Preis: 16,90 Euro
Zunächst lässt der überaus fantasiebegabte Autor, der in den letzten 30 Jahren 22 Bücher veröffentlichte, die fast verarmte und in Vergessenheit geratene 75-Jährige einen 70 Kilo schweren Goldschatz erben. Mit einem großen Teil davon besticht sie, die schon in jungen Jahren immer wieder in relativer Armut lebte, den unverkennbar geldgierigen Bestatter. Zum Schein lässt sie sich von ihm in einen Sarg legen, aus dem sie sich alsbald „wie eine zu groß geratene Kapitänin im zu klein geratenen Nachen“ erhebt und, nachdem ihr dubioser Geschäftspartner sie gegen einen ihr unbekannten echten toten Menschen ausgetauscht hat, sich endlich auf den Weg zurück macht.
Zurück aus dem „Hebräerland“, das sie einst aus der Ferne als Sehnsuchtsort gerühmt, das sie in der Alltagsnähe aber enttäuscht hatte. Ihr Ziel ist Berlin, wo sie 40 Jahre zuvor ihre ersten lyrischen Werke und Prosa-Sammlungen veröffentlichte, später als Kunstfigur „Prinz Yussuf von Theben“ durch die Straßen und Salons stiefelettete, in einem regen Briefwechsel mit ihrem „Blauen Reiter“, dem Maler Franz Marc, stand. Doch da sie wie auch schon auf dem Hinweg „als Inkognito-Existenz unter eiserner Tarnkappe“ unterwegs ist, gelangt sie erst nach mehreren Zwischenstationen in die kriegszerstörte Hauptstadt, in der sie ihren über alles geliebten Sohn Paul alleine großgezogen hatte. Und für den sie 1917 schon einmal etwas fingiert hatte: ein ärztliches Attest, das
Ulrich Land bei einer Lesung in Düsseldorf
ihm ermöglichte, in einem Zürcher Sanatorium unterzutauchen, um seiner mit der bevorstehenden Volljährigkeit drohenden Einberufung zum Militär – und damit in den Ersten Weltkrieg – zu entgehen.
Dass Paul zehn Jahre später tatsächlich krank wurde und starb, hat sie in eine tiefe Krise gestürzt, von der sie sich nie ganz erholte. Und genau dieses Trauma ist der Ausgangspunkt für Ulrich Lands virtuosen Krimi, der im November 2025 in der Reihe „Mord und Nachschlag“ im Münsteraner Oktober-Verlag erschien und der die Leser mitnimmt in das exzentrische Leben und Wirken dieser Literatin, die sich selbst zu einer literarischen Gestalt erschuf: Der „jahrelang angestaute Schmerz“, schreibt er, sei übergekocht. Und habe die Frau, die „keiner Fliege was zu Leide tun kann“, in einen Racheengel verwandelt. Denn sie glaubt zu wissen, wer schuld ist am Tod ihres Sohnes – und macht sich auf die Suche.
Ein rasantes und ziemlich fantastisches Vergnügen, das nebenbei dazu anregt, sich wieder näher mit der großartigen Else Lasker-Schüler zu beschäftigen.
(ewei). Von den einen wird er verehrt und unterstützt, von anderen gefürchtet und abgelehnt: Benjamin Netanjahu. Niemand hat die Politik Israels in den letzten Jahrzehnten so geprägt wie er. Und niemand polarisiert wie er – nicht erst seit dem Krieg in Gaza und dem vom Internationalen Strafgerichtshof wegen der dort begangenen Kriegsverbrechen ausgestellten Haftbefehl gegen ihn.
Der seit 1988 in Freiburg lebende Historiker, Journalist und Nahost-Experte Joseph Croitoru hat nun eine Biografie des umstrittenen Politikers veröffentlicht. Darin geht er der Frage nach, wie dieser sich trotz vieler Skandale und laufender Strafverfahren seit 30 Jahren an der Macht halten kann. Und er kommt zu dem Schluss, dass der weit rechts stehende Politiker, der schon als junger Mann gegen die Zwei-Staaten-Lösung agitierte und einflussreiche Netzwerke aufbaute, mit allen Wassern gewaschen ist: Es sei ihm etwa gelungen, mögliche Rivalen frühzeitig auszumanövrieren und sich der durch die Angriffe der Islamistenorganisationen Hamas und Dschihad verängstigten Bevölkerung als einzigen Sicherheitsgaranten darzustellen. Die verschiedenen Intifadas seien für ihn „ein gefundenes Fressen“ gewesen, das ihm half, die Gesellschaft weiter nach rechts zu rücken.
von Lotte Paepcke
Verlag:
8 Grad, 2026
Neuauflage
120 Seiten, gebunden
Preis: 24 Euro
Erzwungene Unsichtbarkeit
(ewei). „Voll Freude am wechselnden Schauspiel der Tage lebte ich unter den Menschen. (...) war Freund unter Freunden und allem Lebendigen zugetan“, schrieb Lotte Paepcke in ihrem 1952 erschienenen autobiografischen Roman „Unter einem fremden Stern“. Und im nächsten Satz: „Dann wurden die Synagogen zerstört. (...) Wir waren auf dem Weg nach draußen, wo keine Heimat mehr ist.“
Heute kennen viele Freiburger·innen kaum mehr den Namen der Frau, die 1910 als Tochter des Lederhändlers und SPD-Stadtrats Max Mayer hier geboren wurde und 2000 in Karlsruhe starb. Dabei zeugt das Werk Paepckes, die als Jüdin dank ihres getreuen nichtjüdischen Ehemanns, mutiger Freunde und eines beherzten Stegener Kloster-Paters das Naziregime überlebte, von tiefem Humanismus und ist heute sehr aktuell.
Nachdem das schmale, aber überaus gehaltvolle Buch seit vielen Jahren vergriffen war, hat der Freiburger Verlag 8 Grad es nun neu aufgelegt. Und darin ist hautnah und sensibel viel von dem beschrieben, was ausgegrenzte Menschen auch heute wieder erleben: Angst, Verlassenheit, Isolation und der verzweifelte Versuch, unsichtbar zu werden. Es ist aber auch ein kraftvolles Plädoyer für Zivilcourage, Solidarität und die Achtung der Gleichwertigkeit aller Menschen.
WIR TÖCHTER
von Oliwia Hälterlein
Verlag:
C.H. Beck, 2026
357 Seiten, gebunden
Preis: 25 Euro
Verwobene Lebenswege
(ewei). Vier Frauen, die über zwei Jahrhunderte eine Familie bilden: Mit poetischer Klarheit verknüpft die aus Polen stammende Freiburger Autorin Oliwia Hälterlein die unsichtbaren Bande zwischen Cecylia, Marianna, Róža und Waleria. Waleria ist die Letzte in der Generationenfolge; das erfährt sie nach einer Eierstock-Not-OP. Als ihr die Tragweite dieser Botschaft allmählich klar wird, hat sie, die bis dahin nie einen Kinderwunsch verspürte, ein Gefühl von Verlust. Und das Bedürfnis, sich mit ihrer Mutter Róža über Herkunft und Zukunft auszutauschen. Deren Feststellung „Auch das hast du von uns“ macht sie neugierig; sie erkundet die Lebenswege ihrer Großmutter Marianna und deren Mutter Cecylia, die eine besondere Beziehung zu ihrer Enkelin Róža hatte – wie Walerias Großmutter Marianna zu ihr. Und umgekehrt. Sie erinnert archaische Landschaften, bäuerliches Leben, schützende und wärmende Frauenkörper, abgearbeitete und dennoch tröstende Hände, Krieg, Veränderung, Umzug in ein anders Land. Sie erzählt vom Verlust und Wiederfinden der Muttersprache und von Geschichten, die mit ihr zu Ende gehen.
Das Buch ist ab 20. Februar im Handel; am 11. März bringt die Autorin es zur Lesung in der Reihe Freiburger Andruck: 19 Uhr, Literaturhaus.