Ab 12.3. im Kino

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Ab 12.3. im Kino

SO TICKT DER NEUE BÜRGERMEISTER
LITERATUR
DONAU-LITERATUR
TRIFFT BUCHMESSE
Packt es an: Roland Meder wird Bürgermeister für Soziales, Integration und Kultur. Im chilli-Interview erzählt er von seinen Plänen.

ROLAND MEDER ÜBER FÜHRUNG, INTEGRATION UND FREIBURGER MUSEEN
Kfz-Elektriker, Abi über den zweiten Bildungsweg, Student der Forstwissenschaften, SPD-Fraktionsgeschäftsführer, auf die Seite der Stadtverwaltung ins Büro des Kultur- und Sozialbürgermeisters Ulrich von Kirchbach gewechselt, dort Büroleiter, dann Leiter des Haupt- und Personalamts (HPA) und ab 1. April Bürgermeister für Kultur, Soziales und Integration in Freiburg: Das ist der beachtliche Werdegang von Roland Meder. Die chilli-Redakteure Lars Bargmann und Till Neumann haben dem 58-jährigen Sozialdemokraten einen ersten Besuch abgestattet.
chilli: Herr Meder, was hat Sie überhaupt gereizt am Bürgermeister-Posten? Als Chef des HPA haben sie ei-
nen guten Posten und einen übersichtlicheren Terminkalender. Meder: Auch als Personalchef einer Stadtverwaltung mit 4300 Mitarbeitenden hat man ein straffes Programm. Was jetzt für mich dazukommt sind Repräsentationsaufgaben. Repräsentation ist eine wichtige Aufgabe und ein Zeichen der Wertschätzung. Und die ist die Basis dafür, dass wir eine lebendige Bürgergesellschaft haben. Mich reizt besonders, dass das neue Amt ein Zusammenführen von verschiedenen Tätigkeiten ist, die ich teilweise bereits davor gemacht habe. Das war mal viel Politik und wenig Verwaltung, mal viel Verwaltung und weniger Politik. Was in den vergangenen fünf Jahren dazukam, ist Führung. Jetzt habe ich auch Lust, in der ersten Reihe zu stehen
und meine Führungserfahrung mit dem politischen Gestaltungswillen zu verbinden.
chilli: Brücken bauen und Kompromisse erarbeiten.
Meder: Als Dezernent ist man wie zwischen Baum und Borke. Auf der einen Seite muss ich an der Seite des Oberbürgermeisters Verwaltung organisieren und auf der anderen mit den Gemeinderäten arbeiten, wo es darum geht, Mehrheiten zu finden. Und es gibt die Erwartung, eigene Impulse zu setzen.
chilli: Ulrich von Kirchbach ist sehr beliebt in der Bürgerschaft. Sind Sie auch ein Nice Guy?
Meder: Ich schätze Uli von Kirchbach sehr für seine Bürgernähe, seine Bodenständigkeit, seine Integrität und
seine Verlässlichkeit. Das sind Eigenschaften, die auch für mich zählen.
chilli: Sie sind als Brückenbauer zwischen Stadtspitze, Gemeinderat und Stadtgesellschaft gefragt. Haben Sie schon eine Diplomatie-Fortbildung gemacht?
Meder: Brücken baue ich schon 20 Jahre. Was ich zuletzt gelernt habe, ist, auch mal klar Position zu beziehen und nicht nur zu verhandeln.
chilli: Sie sitzen nun mit am Steuerrad. Wohin lenken Sie?
Meder: Es ist sehr wichtig, einschätzen zu können, welche Entwicklungen auf uns gesellschaftlich zukommen. Wo werden wir in fünf oder zehn Jahren stehen? Es ist eine maßgebliche Aufgabe, insbesondere im Bereich der Integration, aber auch des Sozialen, zu überlegen, was sind die richtigen Antworten auf die Fragen der Zukunft.
chilli: Integration ist ein Marathonlauf und die Zahl der Flüchtlinge nimmt nicht ab.
Meder: Weil wir LEA-Standort (Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge) sind, müssten wir sinkende Zahlen in der Unterbringung haben. Haben wir aber nicht. Wir hatten zum Jahresende 420 in Wohnungen und 2541 Menschen in Gemeinschaftsunterkünften. Es gibt nichts, was weniger integrationsfördernd ist als eine Unterbringung im Flüchtlingsheim. Vor der Ukraine-Krise hatten wir dort eine durchschnittliche Verweildauer von sieben Jahren. Das ist zu lange. Wir müssen die Situation nutzen, die wir durch die Entwicklung von Baugebieten wie Kleineschholz, Dietenbach oder Zinklern haben. Wir müssen die Menschen aus den Unterkünften rausbekommen. Die öffentlich-rechtliche Unterbringung in Wohnheimen ist die teuerste Form.
chilli: Wie viele Menschen aus der Ukraine sind unter den knapp 3000?
Meder: Etwa 1800. Wenn Sie mich heute fragen, ob sie wieder zurück gehen, wenn der Krieg vorbei ist, dann ist es wahrscheinlich, dass ein Teil der Menschen hier bleibt. Es
wird viele geben, die dann schon so lange hier leben, hier Kinder bekommen haben, zur Schule gehen, ein fester Teil unserer Gesellschaft sind und die wir hier auch brauchen.
chilli: Im Sozialbereich?
Meder: Da beschäftigt mich sehr die zunehmende Wohnungslosigkeit.
chilli: Woran machen Sie „zunehmend“ fest?
Meder: Über die Post-Ersatzadressen. Wenn Sie keine Wohnungen haben, können Sie die Post etwa an die Pflasterstub schicken oder an die Oase. Wir sind aktuell bei fast 1000 Menschen, die eine Postersatzadresse haben.
stehen? Wir haben noch ein Museum für Neue Kunst, das in einem unzureichenden Gebäude ist. Und ich würde gerne gemeinsam mit den Mitarbeitenden in der Stadtbibliothek, mit dem Gemeinderat und der Stadtgesellschaft die Stadtbibliothek als dritten Ort weiterentwickeln.
chilli: Was ist ein dritter Ort?
Meder: Der erste ist Zuhause, der zweite der Arbeitsplatz, der dritte einer, an dem ich mich gerne aufhalte, der konsumarm oder konsumfrei ist.
„Wir sind mit Angeboten permanent am Limit“
chilli: Dazu kommen die, die einfach keine Adresse haben wollen…
Meder: …so ist es. Nach der letzten Schätzung aus 2024 leben rund 200 Menschen auf der Straße, die restlichen sind in der verdeckten Wohnungslosigkeit. Wir sind mit unseren Angeboten permanent am Limit. Wir mussten jetzt erneut eine Winter-Notschlafstelle schaffen. Hier müssen wir unsere Infrastruktur weiterentwickeln. Für mich zählt das Prinzip „Housing first“. Ich kann etwa bei einem Drogensüchtigen nicht zur Voraussetzung machen, dass er erst dann eine Wohnung bekommt, wenn er clean ist. Nein, er muss erst eine Wohnung bekommen und alles andere kommt danach. Das ist eine große Herausforderung. Wir haben jetzt im Neubauviertel Innere Elben in St. Georgen ein Projekt mit Kleinstwohnungen mit 20, 25 Quadratmetern eingeleitet. Das ist ein wichtiger erster Schritt.
chilli: Wo sind die Baustellen im Kulturbereich?
Meder: Wir haben gerade ein großartiges Augustinermuseum eröffnet. Ich würde diesen Moment gerne nutzen, gemeinsam mit den Bürgermeistern und den Gemeinderäten zu überlegen, wie es mit unseren Museen weitergehen soll? Wo wollen wir mit der Museumslandschaft in zehn Jahren
chilli: Die Fläche hinter der Stadtbibliothek böte Raum für eine bessere Nutzung …
Meder: Ja, aber auch vor der Stabi am Münsterplatz. Raum ist aber nur das eine. Das andere ist der Inhalt. Ich habe mir die Bibliotheken in Oslo und Dresden angeschaut, die diesen Weg schon gegangen sind. Was da passiert, hat wenig mit dem zu tun, was wir manchmal mit Bibliothek assoziieren. Es sind extrem lebendige Orte, an denen es Kultur und Bildungsangebote gibt, wo bürgerschaftliches Engagement Raum hat, wo ich meinen Hobbys nachgehen kann. In diese Diskussion würde ich gerne einsteigen.
chilli: Der Mangel an Proberäumen ist ein Dauerdiskussionsthema. Die Container im Eschholzpark, die bald mit sieben Räumen am Start sind, werden das Problem nicht beheben. Es braucht wohl mindestens 30 davon …
Meder: Wenn wir das Rettungszentrum an der Eschholzstraße fertig haben, müssen wir über das Grundstück an der Schönauer Straße reden. Das ist politischer Konsens. Die Themen Subkultur, Clubkultur und Förderung von Popularmusik haben heute einen ganz anderen Stellenwert als vor 20 Jahren.
chilli: Herr Meder, vielen Dank für dieses Gespräch.


IN DEN MORAT-HALLEN HABEN ZWEI GALERIEN FÜR ZEITGENÖSSISCHE
KUNST ERÖFFNET
Svon Erika Weisser
eit einem Monat hat Freiburg endlich wieder eine Heimat für die Städtische Galerie. Nach einer kurzen Umbauphase gibt es in dem nun zu „Morat-Hallen“ umbenannten früheren Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft an der Lörracher Straße 31 zwei riesige und sehr lichte Räume, die der lokalen und regionalen Künstler·innenszene zur Verfügung stehen. Eröffnet wurden die Galerie und die angrenzende Nordhalle mit zwei besonderen Ausstellungen, die das künftige Konzept andeuten und die derzeit noch zu sehen sind.
Außer diesen beiden Ausstellungsräumen gibt es noch eine weitere Halle im Südflügel des insgesamt 2000 Quadratmeter Fläche umfassenden Gebäudes, das einst die Werkräume des familieneigenen Chemiebetriebs der Eltern des Kunsthistorikers und -mäzens Franz Armin Morat beherbergte. Diese Südhalle ist für die nahezu 7500 Grafiken sowie 500 Gemälde und Skulpturen re-
serviert, die Morat im Lauf seines Lebens sammelte, dort unterbrachte und damit seit Mitte der 1980er-Jahre weit über Freiburg hinaus beachtete Ausstellungen organisierte. Bis er die Stiftung anlässlich seines 80. Geburtstags im November 2023 an seine Söhne übertrug. Diese stellten daraufhin die Kunstsammlung den städtischen Museen als Dauerleihgabe zur Verfügung; ein Teil davon ist noch bis zum 12. April im Museum für Neue Kunst zu sehen: Artur Stolls Gemälde sind dort in der Gemeinschaftsausstellung „Mal er, mal sie“ mit Werken von Olga Jakob ausgestellt. Die Stadt Freiburg, der 2024 ihre in einem Privathaus an der Lameystraße untergebrachte bisherige Städtische Galerie, das Kunsthaus L6, wegen Verkauf und Abriss des Gebäudes abhanden kam, kaufte dann im Mai desselben Jahres den früheren Unternehmens- und späteren Kunstinstitutssitz. Geholfen hat dabei



die sehr großzügige Spende der Freiburger Kunstmäzenin Gertrud Hurrle, die „für den Erhalt und die Weiterführung des kulturellen und künstlerischen Erbes der Familie Morat“ zwei Millionen Euro zur Verfügung stellte. Ohne sie wäre es nicht möglich gewesen, das inzwischen dezent modernisierte und sanierte Gebäude „als Ort der Kunst und Kultur zu bewahren“, wie OB Martin Horn in seiner Eröffnungsrede sichtlich dankbar feststellte.
Gegenüber dem bisherigen Standort hat die in der Mittelhalle eingerichtete Städtische Galerie an Raum gewonnen: Mit etwa 250 Quadratmetern ist die Präsentationsfläche größer und durch die Höhe der Räume für die künftigen Wechselausstellungen auch vielseitiger nutzbar als zuvor. Dazu kommt die 300 Quadratmeter große Nordhalle, die die Stadt den Kulturszenen außerhalb Freiburgs zur Verfügung stellt – für ganz unterschiedliche Formate, Projekte, Installationen, raumbezogene Arbeiten und Performances. In beiden Sälen herrscht tagsüber eine fast entrückte Atmosphäre: Das durch sie Sheddächer einfallende Licht


gibt den Exponaten und ihren Umgebungen etwas Schwebendes.
Die erste Performance in der Nordhalle mit Geräuschen, von einem Ventilator angewehten Fahnen, skurrilen Skulpturen und belebten Screenbildern ist bis zum 29. März zu bestaunen. „Fields of Un/Rest“ heißt sie, und sie thematisiert die Frage, was es bedeutet, in einer von Krisen geprägten Gegenwart Kunst zu produzieren. Dabei reflektieren die mittlerweile in Berlin lebenden Künstler·innen Betty Blumenstock, Philip Beck, Arne Grashoff, Benjamin Koglin und Sharleena Rosing das Spannungsfeld zwischen Rückzug und Reaktion, zwischen dem Bedürfnis nach Ruhe und äußerer Unruhe.
tersucht diese Präsentation das künstlerische Prinzip des Seriellen. Das serielle Arbeiten wird dabei nicht als bloße Wiederholung verstanden, sondern als poetisch-analytisches Verfahren, das Ordnung schafft und diese zugleich unterläuft. Die nächste Ausstellung beginnt am 28. März und heißt „Pst“.
Die Ausstellung in der eigentlichen Städtischen Galerie heißt „Following – some kind of the same – π“ und ist bis Sonntag, 15. März zu sehen. Mit unzähligen, in ihrer Anordnung an Land-Art erinnernden keramischen Arbeiten, geschnitzten Gesichtsfragmenten und reflektierenden Malereien un -
Etwa 700 Besucher haben die beiden neuen Galerien seit der Eröffnung besucht, zur Eröffnung drängten sich mehr als 400 Menschen um die Exponate. Diese sind in der Mittelhalle sogar von einer besonderen Empore aus zu bewundern: Sie ist auf einem in den Saal ragenden Kubus installiert, in dessen Innerem eine barrierefreie Toilettenanlage ihren Platz gefunden hat. Für das Haus selbst gibt es einen barrierefreien Zugang derzeit nur über die Hintertür, eine Rampe zum Haupteingang wird bald gebaut.

DJ Ahmet
Mazedonien 2025
Regie: Georgi M. Unkovski
Mit: Arif Jakub, Dora Akan
Zlatanova, Agush Agushev, Aksel Mehmet u.a.
Verleih: Neue Visionen
Laufzeit: 99 Minuten
Start: 19. März 2026



Ahmet ist 15 und lebt mit seinem Vater und dem jüngeren Bruder Naim in einem Dorf in der malerischen nordmazedonischen Hügellandschaft. Und er geht offenbar gern zur Schule. Jedenfalls verlässt er nur widerwillig das Klassenzimmer, als der Lehrer ihm sagt, dass sein Vater draußen wartet. Und nicht eben begeistert geht er mit, um ihm beim Zusammentreiben der Schafherde zur Hand zu gehen.
Seit dem im Film nur vage am Rande erwähnten Tod seiner Frau verlangt der eigentlich gutmütige, umständehalber aber strenge Mann immer öfter Ahmets Mithilfe: Er ist überfordert mit der zusätzlich zu seiner schweren landwirtschaftlichen Arbeit zu leistenden Erziehung und Versorgung seiner beiden Söhne, von denen der jüngere nicht spricht.
Ahmet kann den Vater verstehen. Doch dann setzt der sich in den Kopf, mit Naim zu einem entfernt wohnenden Heiler zu gehen, der ihn zum Reden bringen soll. Und eröffnet seinem Älteren, dass er während seiner Abwesenheit von der Schule freigestellt ist und seine Arbeit bei den Schafen und auf den Tabakfeldern zu übernehmen hat. Begeistert ist Ahmet nicht, doch er fügt sich. Sein einziger Trost: Während der langen Traktorfahrten kann er über Internet seine Lieblingsmusik hören. Allerdings ist sein Da-
von Erika Weisser
mernden Traktor-Beats stundenlang mit basslastigen elektronischen Beats aus seiner selbst gebastelten Soundanlage zu überwummern.
Dann läuft ihm die schöne Aya über den Weg. Sie ist etwa gleich alt wie Ahmet, lebt mit ihren Eltern in Deutschland und ist zu Besuch bei ihrer Großmutter, die auch im Dorf wohnt und gelegentlich auf Naim aufpasst. Als sie sich zum ersten Mal treffen, sind sie sofort wie elektrisiert. Und als sie sich zum zweiten Mal treffen, stellen sie fest, dass sie am liebsten die gleiche Musik hören und Tiktok-Tänze mögen. Und da Aya im Besitz eines Handys mit unbegrenztem Datenvolumen ist, steht spontanen und schier endlosen Raves auf dem Acker nichts im Wege. Und es ist nicht einmal eine Frage der Zeit, dass sich die beiden näherkommen. Allerdings hat Ayas Besuch bei der strenggläubigen Großmutter einen ernsten Hintergrund: Gemäß der dörflichen Tradition soll sie verheiratet werden – an einen Mann, den sie noch nie gesehen hat. Diese Pläne stoßen bei der freiheitsliebenden und selbstbewussten Jugendlichen nicht eben auf Gegenliebe; es kommt zu nicht nur inneren Konflikten zwischen familiären Erwartungen und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben. Auch bei Ahmet. Ein höchst bemerkenswerter Film über die erste Liebe zweier Außenseiter – und ihrer Suche nach einem we-


Frankreich 2025
Regie: Richard Linklater
Mit: Guillaume Marbeck, Zoey Deutch u.a.
Verleih: Plaion Pictures
Laufzeit: 105 Minuten
Start: 12. März 2026
(ewei). Paris, Ende der 1950er: Der 28-jährige Jean-Luc Godard macht seinen ersten Film. Mit einem jungen Team, einem amerikanischen Filmstar, viel Eigensinn, wenig Geld und ohne fertiges Konzept gelingt ihm ein Werk, das direkt in die Filmgeschichte eingehen und das Kino revolutionieren wird: „Außer Atem“.
Richard Linklater ist das Kunststück gelungen, einen höchst ansprechenden, lebendigen Film zu schaffen, der für Eingeweihte und Neulinge gleichermaßen funktioniert und das Publikum förmlich hineinzieht in die amüsante und an Widersprüchen, Ungereimtheiten und überraschenden Wendungen reiche Entstehungsgeschichte dieses Klassikers der Nouvelle Vague. Er begleitet den exzentrischen Jungregisseur Godard bei den oft nicht genehmigten Dreharbeiten mit improvisierten Dialogen, versteckten Kameras und jeder Menge Größenwahn. Und mit einem Ensemble, das mit dokumentarischer Natürlichkeit spielt.


Italien 2025
Regie: Paolo Sorrentino
Mit: Toni Servillo, Anna Ferzetti u.a.
Verleih: MUBI
Laufzeit: 131 Minuten
Start: 19. März 2026
(ewei). Italiens Präsident Mariano de Santis steht in seinem letzten Amtssommer vor Entscheidungen, die den gläubigen Katholiken in tiefe innere Konflikte stürzen: Seine Tochter Dorotea, die bei ihm lebt und zugleich seine wichtigste juristische Beraterin ist, drängt ihn dazu, dass er das seit Langem anstehende Sterbehilfegesetz noch auf den Weg bringt. Außerdem soll er über zwei brisante Gnadengesuche befinden. Eingereicht wurden sie von einer Frau, die ihren sadistischen Ehemann und langjährigen Peiniger erstochen hat, und von einem Lehrer, der seine an fortgeschrittener Demenz erkrankte Frau erdrosselt hat. Zwischen den damit verbundenen Debatten sowie der Erinnerung an seine verstorbene Frau und die Schatten vergangener Jahre, gerät sein moralisches Fundament ins Wanken. Und während Zweifel an ihm nagen, ringt er mit den Fragen nach Recht, Gerechtigkeit, Verantwortung und Gnade. Ein filmisches Meisterstück über die Zerrissenheit zwischen Macht, Gewissen und Würde.


Thailand 2025
Regie: Ratchapoom Boonbunchachoke
Mit: Davika Hoorne, Witsarut Himmarat u.a.
Verleih: Little Dream Pictures
Laufzeit: 130 Minuten
Start: 26. März 2026
(ewei). March liebt einen Staubsauger. Aber nicht irgendeinen. Er ist überzeugt, dass die Seele seiner an Luftverschmutzung verstorbenen Frau Nat im Inneren des Haushaltsgeräts Zuflucht gefunden hat. Das ungleiche Paar kämpft gegen besessene Kühlschränke, hilft einem akademischen Ladyboy und dessen Liebhaber im Kampf gegen skrupellose Politiker und genießt die Möglichkeiten der wiedergefundenen Zweisamkeit.
Die konservative Verwandtschaft ist entsetzt, die buddhistischen Gelehrten pikiert und Marchs pragmatische Mutter tut alles, um der schon zu Lebzeiten ungeliebten Schwiegertochter endgültig den Stecker zu ziehen.
Ratchapoom Boonbunchachokes
Fabel von der Unsterblichen der Liebe ist zugleich eine clevere Gesellschaftssatire, die mit traditionellen Beziehungsvorstellungen, überholten Geschlechterrollen und verlogener Erinnerungskultur aufräumt. Der Film wurde in Cannes mit dem Großen Preis der Semaine de la Critique ausgezeichnet.

Ein Leben verbunden: Volker Rausenberger spielt das Instrument seit mehr als 50 Jahren.
Foto: © Ellen Schmauss

Es hat einen staubigen Ruf, kann aber so viel mehr: das Akkordeon. Kaum einer in Freiburg weiß das so gut wie Volker Rausenberger. Im Interview mit chilli-Redakteur Till Neumann erzählt der 57-Jährige von Überraschungsmomenten, einer Hochburg und einer erstaunlichen Statistik.
chilli: Das Akkordeon ist Instrument des Jahres 2026. Wie finden Sie das?
Rausenberger: Sehr cool. Aber wenn ich ehrlich bin, kommt das drei Jahre zu früh. 1829 hat Cyrill Demian das Patent bekommen auf das, was man heute Akkordeon nennt. Also hätte man noch bis 2029 warten können. Aber es ist toll, dass wir die Gelegenheit haben, die ganzen Klischees ein bisschen abzustauben.
chilli: Ich denke mal, ein gängiges lautet: Akkordeon ist Volksmusik –und das ist falsch.
Rausenberger: Nein, das ist nicht falsch. Das ist noch ein sehr nettes Klischee, weil der Titel Akkordeon mit drin ist. Normalerweise beginnt die Überschrift von fast jedem Presseartikel mit Schifferklavier, Quetschkommode, Zerrwanst, alles, was es halt so gibt.
chilli: Ist das despektierlich?
Rausenberger: Nö, das ist so gewachsen. Man hat ja immer auch einen eigenen Anteil an den Bildern. Man kann das Akkordeon seit den 70er-Jahren an den Musikhochschulen studieren. Davor ging es nur an der Musikschule Trossingen. Das war der Ausgangspunkt seit den 50er-Jahren.
Instrument in Deutschland ist. Mit Dachbodenfunden und so. Im Umlauf sind viele Instrumente, richtig spielen können es nur wenige.
chilli: Wann haben Sie zum ersten Mal eins in Händen gehalten?
Rausenberger: Ich glaube, ich hatte letztes Jahr mein 50-jähriges Jubiläum. Ich war sechs Jahre alt oder so. Mein Vater hat es gespielt, mein älterer Bruder auch.
„Es ist mir sozusagen an den Körper gewachsen“
chilli: Also Familientradition?
chilli: Wie groß ist die Szene?
Rausenberger: Diese künstlerische Szene ist nicht so groß. Aber es gab mal eine Statistik bei Ebay, dass das Akkordeon das weit verbreitetste
Rausenberger: Genau. Ich erinnere mich nicht, dass ich gefragt wurde, welches Instrument ich lernen will. Das war einfach da. So wie man das Akkordeon umarmen kann, ist es mir sozusagen an den Körper gewachsen.
chilli: Was ist das Schwierigste, wenn man dieses Instrument lernt?
Rausenberger: Die Koordination zwischen rechter Hand und linker Hand. Und zwischen den verschiedenen Konzepten Melodie und Begleitung. Man hat ja zudem noch einen Balg, mit dem man den Ton produzieren kann.
chilli: Also drei Sachen gleichzeitig ...
Rausenberger: ... und man sieht im Gegensatz zum Klavier nicht auf sein Spielfeld. Man muss im Prinzip lernen, blind zu spielen.
chilli: Also üben in der Dunkelheit?
Rausenberger: Gute Idee, auf die bin ich noch gar nicht gekommen. Oder mit verdunkelter Ski-Brille, so als Ski-Aggu.
chilli: Was kann ein Akkordeon besser als andere Instrumente?
Rausenberger: Sich verwandeln. Also in unterschiedlichen Stilen spielen. Es kann sehr kurze Töne und sehr lange Töne spielen. Es kann sehr laut sein und sehr leise. Ein Akkordeon hat eine unglaubliche dynamische Bandbreite. Ein Chamäleon – musikalisch als auch stilistisch.
chilli: Dennoch die Klischees. Müsst ihr euch rechtfertigen, Akkordeon zu spielen?
Rausenberger: Rechtfertigen eigentlich nie. Aber man hört oft Sätze wie: Ich wusste gar nicht, was man mit dem Akkordeon alles spielen kann. Oder dass es so schön klingen kann.
chilli: Ist Freiburg Akkordeon-Hochburg?
Rausenberger: Ja, das von mir geleitete Freiburger Akkordeon-Orchester hat 2028 hundertjähriges Jubiläum. Es ist eines der ältesten Akkordeon-Orchester in ganz Deutschland. Wir waren schon immer auf der einen Seite ambitioniert und auf der anderen Seite gesellschaftlich sehr verankert.
chilli: Was wünschen Sie sich in diesem besonderen Jahr fürs Akkordeon?
Rausenberger: Dass viele Leute eine kleine innere Hürde überwinden und zu Konzerten kommen.
Volker Rausenberger (57) lebt in Heitersheim. Er leitet das Freiburger Akkordeon-Orchester und unterrichtet unter anderem an der Musikschule Freiburg. Er leitet den Deutschen Akkordeon-Lehrerverband. Live-Termine gibt's auf www.efac.de/konzerte.
LECORBABE SETZT AUF HARMONIEN UND HALTUNG
Musik zum Träumen und Wegschweben. Das bietet das Debütalbum des Freiburger Pianisten Lecorbabe. Der 28-jährige Autodidakt hat zwölf Songs auf „Bohei“ gepackt. Sein Neoklassik-Sound soll Gefühl transportieren – und ihn über Freiburg hinaus bekannt machen.
„Meine Mama hat mal zu mir gesagt: Geh zum Klavierunterricht.“ Das erzählt Korbinian Pflug aka Lecorbabe. Er war damals in der 2. Klasse. „Früher habe ich mich gut belabern lassen“, erinnert er sich. Also war die Antwort: „Okay, dann mach ich das halt.“
Wer „Bohei“ hört, merkt schnell: Die Entscheidung war richtig. Was „Korbi“ – wie ihn Freunde nennen – den Tasten entlockt, lässt aufhorchen. Das klingt nach Schwerelosigkeit, Melancholie, aber auch nach Hoffnung. „Ich spiele ruhige, treibende Klaviermusik – das Album transportiert Gefühl“, beschreibt es der Musiker.
Seine Fähigkeiten hat er sich größtenteils selbst beigebracht. Täglich sitzt er im Home Studio am Piano, arbeitet sich ins Universum der Tonarten und Klänge ein. Beim Improvisieren entstehen Puzzleteile. Die setzt er nach und nach zusammen. Manchmal dauert das zwei Jahre – wie beim für ihn wichtigsten Song: „Chef d’Œuvre“. Übersetzt heißt das Meisterwerk, sein „Aushängeschild“, wie er sagt.
Erst als der Song stand, war ihm klar: Er bringt ein Album raus. Ein wichtiger Schritt, schließlich hatte er schon vor einigen Jahren eins aufgenommen und als CD an Freund*innen verteilt. Erst jetzt fühlt er sich als Musiker und bereit dafür. Aufgetreten ist er unter anderem im Artik, im Stadtgarten oder für sein Releasekonzert im Dreikönigscafé. Zuletzt brillierte er bei der „Gala gegen Rechts“ im Vorderhaus. Auch wenn seine Musik rein instrumental ist, nennt er sie politisch. „Ich bin ein sehr einfühlsamer Mensch, jede Melodie sagt etwas über den Menschen dahinter aus.“ Vor dem Hintergrund sei seine Musik auch ein Statement.
Für „Korbi“ ist klar: „Ich möchte ein Künstler sein, der Haltung zeigt.“ Auch deswegen gibt’s seine Songs überall zu streamen, außer auf der umstrittenen Plattform Spotify. Sein Wunsch ist, über Freiburgs Stadtgrenzen hinaus aufzutreten. Das überzeugende Debüt dürfte ihm dabei behilflich sein. Till Neumann
Sphärisch und virtuos: Korbinian „Korbi“ Pflug am Klavier


3 FRAGEN AN LEA VON RAUSGEGANGEN.DE
Rund 150 „Geheimkonzerte“ hat das Portal rausgegangen.de in den vergangenen zwei Jahren deutschlandweit veranstaltet. Am 28. April feiert das Format Premiere in Freiburg. Wer im Waldsee auftreten wird, erfahren Besucher·innen erst beim Konzert. Was ist die Idee dahinter? Wie kommt das an? Das berichtet Lea Bohlmann (32), Head of Brands bei rausgegangen.de, im Interview mit chilli-Redakteur Till Neumann.
Lea, warum macht ihr Geheimkonzerte?
Die Idee ist: Man muss von der Couch runter, rein in die besten Locations der Stadt – und man muss mutig sein. In Zeiten von „Man ist viel zu Hause, hängt vor dem Handy“ ist es umso wichtiger, echte Begegnungen zu schaffen. Auf der anderen Seite merken wir, dass es für Newcomer·innen immer schwieriger wird. Leute kaufen sich fast nur noch Tickets für das, was sie kennen.
Was bietet ihr?
Wer hingeht, soll coole neue Acts entdecken zu einem fairen Preis (19,90 bis 28,90 Euro). Auf der Bühne stehen Acts, die irgendwann krasse Stars werden können. Wir hatten einen Berq da, bevor der überhaupt famous war.
Für welchen Geschmack sind die Shows?
Unser Fokus liegt auf Newcomer Acts. Da kommen Leute, von denen wir wissen: Die werden in den nächsten ein, zwei Jahren ein echt großes Ding. Meistens aus dem Indie-Bereich. Wenn man sowas wie Ali Neumann, Provinz oder Blond mag, wird man nicht enttäuscht bei uns.
Das ganze Interview: bit.ly/chilli_geheimkonzert


(tln). „Freiburger Rockers“ nennen sich die vier Musiker der Band Adlind. Mit einer bald erscheinenden EP gehen sie auf Spring Tour. Erste Vorboten gibt’s für die Presse bereits zu hören. „Fly Away“ heißt einer der Songs – und der geht straight nach vorne.
Kompromisslose Gitarren brettern gleich zu Beginn ins Ohr. Dann wird’s etwas ruhiger – mit Gesang, der an Slipknot erinnert, nimmt der Track wieder Fahrt auf. Fans von gitarrenlastigem Rock kommen auf ihre Kosten. Trotz der Durchschnaufpausen im Track geht’s hier vor allem um Energie. Und eine überraschende Mitsingmelodie in der Mitte des Tunes.
Dieselbe Tastatur spielt der zweite Song „This Time“. Die Drums dröhnen, bis der Sänger sich grimmig ins Mikro verbeißt. „I’m leaving Death“, heißt es. Und man sieht das Stroboskop flackern.
Geballte Power wird hier geboten. Die führt die Band demnächst nach Heidenheim, Nürnberg oder Villingen. Am 18. März und 13. Mai sind die vier in Freiburg zu sehen – nur wo, das verrät ihr Post nicht.
Lokalkolorit und kühle Drinks bringen die Jungs auch mit: Einer ihrer Tourpartner ist das „Freiburger Bierle“. Eine unbezahlte Partnerschaft, wie die Band auf Instagram schreibt. Werden die Shows so wild wie der Sound, dürfte der Durst ganz von selbst kommen.
(jsj). Wunderbar hypnotischer PostPunk aus Freiburg: Das findet man bei „Das Blanke Extrem“. Das Quartett bringt seinen Sound mit einer frisch releasten Single aufs nächste Level. Der Titel: „Nichts davon war nötig“. Resigniert, verärgert, ungläubig –es sind Gefühle unserer Zeit, die hier auf drei Tracks zu Wort kommen. Aus einer Gegenwart, die mitunter fassungslos macht. Und gestaltet sich der Blick nach vorne hoffnungsvoller? „Die Zukunft bleibt prekär“, heißt es in einer Ankündigung der Band. „Also gebt ihrer bereits zerbröckelten Fassade ein goldenes Antlitz.“
Vor dem Fatalismus rettet der satte Sound, in ihn sinkt man hinein, lässt sich treiben. Er ist atmosphärisch mit präsenten Rhythmen. Musik, um gedankenverloren aus dem Fenster zu schauen. Kein Unglücksrabe, kein depressiver Abgrund, sondern ein Freund, der sich einem an die Seite stellt und sagt: Die Welt ist verrückt geworden, doch du bist nicht allein. Und so geht der Zuhörende erhobenen Hauptes dem Wahnsinn seiner Gegenwart entgegentreten.
Der letzte Track der Single tröstet schließlich. Auf „RAL 7016“ – von der Betrachtung bürgerlicher Hoffnungslosigkeit – erinnert die Band daran: Unter frisch gefegten Hofeinfahrten liegt immer noch der Strand.
SOUND OF SMOKE
FATA MORGANA
Psychedelic Rock


(tln). Man kann die staubigen Straßen fast schmecken, wenn man „Fata Morgana“ von Sound of Smoke aufdreht. Da galoppieren Gitarren über den dröhnenden Bass, das Schlagzeug pustet die trockene Erde ins nächste Tal.
Die Freiburger Band rund um Sängerin Isabel Bapte’s präsentiert damit einen Vorboten ihres Albums „Mirage“. Französisch für „Fata Morgana“. Alles ist eins – und nicht real, könnte man meinen. Doch das Video zur Single zeigt: Die vier Musiker·innen gibt’s wirklich. Und sie spielen ihren rotzigen Sound mit echten Instrumenten.
Düster und treibend kommt der Psychedelic Rock durch die Boxen. 4.49 Minuten nimmt sich das Quartett Zeit, um ordentlich Druck aufzubauen. Ein sauber produzierter Song, der Sog entfaltet. Und mit einem halluzinogenen Video auch visuell ansprechend daherkommt.
Die Band nimmt’s ernst mit ihrem Album: Auf Instagram ist bereits die knallbunte Vinyl zu sehen sowie CDs mit Booklet. Gibt’s das wirklich noch?
Wer das wissen will, kann die Crew am 2. April im Jazzhaus Freiburg sehen. Begleitet von der Band Cosmic Mints als Voract, die 10-Jähriges feiert.
Wer bei „Fata Morgana“ bis zum Ende dranbleibt, entdeckt sogar noch eine Flöte. Gespielt von Sängerin Isabel. Eine runde Nummer für Fans des Psychedelischen.
(jsj). Mit „Amor Antiguo“ schlägt El Flecha Negra einen gefühlvollen Ton an: Es sind Erinnerungen an eine Liebe, die der Vergangenheit angehört – aber ohne bittersüßes Schwelgen. Es geht um alten Schmerz, um Verrat. „Mit entschlossenem Charakter und ohne naive Nostalgie verwandelt der Text die durch Betrug entstandene Wunde und Enttäuschung in eine Lernerfahrung und Stärke“, heißt es in einem Statement der Band. In „Amor Antiguo“ spricht die Stimme eines Menschen, der durch den Schmerz in seiner Vergangenheit gewachsen ist. Und das überträgt sich auch dann, wenn man als Zuhörer kein Spanisch versteht.
Musikalisch knüpft die Band an die Tradition der Cumbia an. Die rhythmische Basis ist tanzbar und lebendig, während Gitarren und Bläser dem Stück eine warme, schimmernde Klangfarbe verleihen. Gerade diese Zusammenspiel aus sanfter Melancholie und rhythmischer Leichtigkeit erzeugt den wunderbaren Sog des Songs. Mit ihrer unverwechselbaren Mischung aus lateinamerikanischen Rhythmen, Cumbia, Reggae und Ska haben El Flecha Negra in den vergangenen zehn Jahren Herzen in ganz Europa erobert. In diesem Jahr gehen sie auf große Jubiläumstour. Fans können sich freuen – auf Lebensfreude und Latino-Leichtigkeit unter dem Titel: „Fuego Tour 2026“.

Die Freiburger Geschmackspolizei ermittelt schon seit 20 Jahren gegen Geschmacksverbrechen, vor allem in der Musik. Für die cultur.zeit verhaftet Kommissar Ralf Welteroth fragwürdige Werke von Künstlern, die das geschmackliche Sicherheitsgefühl der Bevölkerung empfindlich beeinträchtigen.
„Das Drama geht weiter. Und wir wissen bald auch nicht mehr weiter. Ein Lied für Wien. Nur ein Lied, welches die Mindeststandards erfüllt. Ist das zu viel verlangt? Offensichtlich schon.
Sarah Engels, einst aus Dieter Bohlens Talenteschlachterei hervorgegangen, wird nun für Allemagne Zero Points mit dem Titel Fire an den Start gehen, Feuer frei also. Der Song ist die schlechte Kopie einer Kopie einer schlechten Eurodance-Pop-Nummer. Mehr muss man eigentlich gar nicht wissen geschweige denn hören.
Bekannt wurde sie auch als Frau von Pietro Lombardi (Wer ist das? werden Sie sich völlig zu Recht fragen) und Mutter des gemeinsamen Sohnes Alessio, Stichwort „Hauptsache Alessio geht’s gut“. So weit, so schlecht.
Wir würden sie vorher noch firen/feuern, aber man hört wie so oft leider nicht auf uns. Taube Ohren allerorten, das hat Methode. Vielleicht müssen wir hinterher auch Mea culpa (was so viel wie „Seid ihr bescheuert?“ bedeutet) sagen und sie holt den Diddel (O-Ton Loddar Maddhäus) mal wieder nach Dschörmäny Zero Points. Wunder gibt es immer wieder sang Katja Ebstein 1970 für Deutschland und kam damit auf den dritten Platz, Goldene Zeiten. Die Welt war noch so was von in Ordnung damals beim Grand Prix Eurovision de la Chanson.
In diesem Sinne, Zero Toleranz Ihre GeschPo Douze Points
von Erika Weisser
Donau – unter Strom und zwischen Welten“ lautet heuer das Fokusthema der Leipziger Buchmesse. Vom 19. bis 23. März können Besucher auf literarischen Reisen die Werke von Autoren aus den zehn Ländern kennenlernen, die dieser Strom auf seinem knapp 3000 Kilometer langen Weg vom Schwarzwald ans Schwarze Meer durchquert oder streift.
Dass der aus mehreren Quellbächen gespeiste Fluss seinen Ursprung nahe Freiburg hat, dass bei Tuttlingen ein Teil seines Wassers versickert und der andere Teil weiter nach Ulm und dann durch Bayern fließt, um ab Passau Österreich zu passieren und bei Wien zur schönen blauen Donau zu werden – all das wissen Südbadener aus dem Heimatkundeunterricht. Ihr weiterer Verlauf ist möglicherweise weniger bekannt – der Schwerpunkt bietet nun eine Gelegenheit, sich damit und mit dem dortigen vielfältigen literarischen Schaffen vertraut zu machen.
Bekannt ist indessen, dass die Donau außer Wassermassen und Handelswaren einst auch Schiffe mit Menschen transportiert hat. Familien, die sich weniger aus Abenteueroder Reiselust denn aus Armut und
Not aufmachten und „im Ungarland“ oder an anderen Orten strandeten. Wirtschaftsflüchtlinge würden böse Zungen sie heute nennen. Darunter waren auch Menschen, die aus politischen Gründen deportiert wurden: 1755 verbannte Kaiserin Maria Theresia 27 Hotzenwälder Salpeterer mitsamt ihren Familien in das 1000 Kilometer entfernte Banat, weil sie sich ihre Rechte als Freibauern nicht nehmen lassen wollten.
Das Leben dieser „Donauschwaben“ wird etwa von der Freiburger Schriftstellerin Iris Wolf thematisiert, die aus Siebenbürgen stammt. Und mit den Salpeterern beschäftigt sich Sigrid Katharina Eismann in ihrem Roman „Mein innerer Schwarzwald“. Die Autorin wurde als Nachfahrin einer der damals vertriebenen Familien in Temeswar geboren und erzwang zu Ceausescu-Zeiten die Ausreise nach Deutschland. Mit dem Freiburger
Journalisten Hubert Matt-Willmatt recherchierte sie die Geschichte der Salpeterer und machte daraus ein eachtenswertes Buch über die äußere und innere Wirkung von Willkürherrschaft.
Dass in manchen Donauländern auch 230 Jahre später noch Menschen verbannt wurden, zeigt András Viskys Roman „Die Aussiedlung“, der von der Ausweisung einer Pfarrersfamilie von Ungarn nach Rumänien erzählt. Um Unterdrückung und Gewalt sowie deren Überwindung geht es auch in Dimitré Dinevs Epos „Zeit der Mutigen“ (Bulgarien), in Lorina Băltenanus Roman „Das Seil, das mich an die Erde bindet“ (Moldawien) und in Ena Katarina Halers „Die Schuldlosen“ (Kroatien). Schön zu lesen ist hingegen Lukáš Cabalas: „Denkst du noch an Trenčín?“ – eine Hommage an die slowakische Kulturhauptstadt Europas 2026.
Literarischer Fluss: An der Donau sind viele und vielfältige Länder, Kulturen und Literaturen angesiedelt. So vielfältig, dass hier nur eine kleine Auswahl berücksichtigt werden kann.







von Christoph Marx
Verlag:
Duden, 2026
224 Seiten, gebunden
Preis: 24 Euro
Erkenntnis mit Spaß
(bar). „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.“ Oder „Der Wunsch ist der Vater des Gedankens.“ Oder auch „Carpe Diem!“ Sicher haben Sie selber schon mal solche Zitate benutzt, wissen auch, von wem sie stammen. Der Historiker Christoph Marx ist diesen und 97 anderen aber auf den Grund gegangen. Und erzählt die Geschichten, die hinter diesen berühmten Zitaten stehen.
„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Ja, es ist Michail Gorbatschow (den könnte man heute auch gut gebrauchen), dem das Zitat zugeschrieben wird. Gesagt aber hat er diesen Satz nie. Der Reformer kam im Herbst 1989 nach Deutschland, traf sich mit Erich Honecker, auf einer Pressekonferenz übersetzten Agenturjournalisten das, was „Gorbis“ Berater Gennadi Gerassimov gesagt hatte. Gorbatschow zitierte sich in seinen Memoiren später selbst mit einem Satz, den er selber nie gesagt hatte.
Marx, der übrigens auch in Freiburg studiert hatte, ist es – mit einer guten Idee – gelungen, den Lesern sowohl Erkenntnisgewinn als auch Lesespaß zu verschaffen. Er beginnt in der Antike und endet in der „schönen neuen Medienwelt“. Die Illustrationen von Hanna Zeckau passen wunderbar zu den Texten. Dieses Buch kann man immer irgendwo wahllos aufschlagen – man landet in einer spannenden Geschichte.

von Gaea Schoeters
Übersetzung:
Lisa Mensing
Verlag:
Zsolnay, 2026
139 Seiten, gebunden
Preis: 22 Euro
(ewei). „Ich weiß nicht, was du gestern geraucht hast. Aber anscheinend bekommt dir der Stoff nicht gut. Schlaf weiter.“ Ohne die Augen zu öffnen, weist der Obdachlose seinen Kumpel zurecht, der ihn gerade wachgerüttelt hat. Mit dem aufgeregten Hinweis, dass ein Elefant im Fluss stehe.
Doch es stimmt: Mitten in der Spree badet ein Elefantenbulle. Und als er kurz unter der Wasseroberfläche verschwindet, denkt der noch ein wenig alkoholvernebelte Mann am Ufer, dass alles nur Einbildung ist. Doch dann taucht wie ein Periskop sein Rüssel auf, dann ein zweiter – und schließlich stehen zwei Kolosse in den Fluten und begrüßen sich grollend. Es bleibt nicht bei den beiden Dickhäutern: Im Laufe des Tages geht im Kanzleramt ein Schreiben ein, aus dem hervorgeht, dass der Präsident von Botswana Deutschland 20.000 Elefanten geschenkt hat – als Antwort auf ein verschärftes Einfuhrverbot für Jagdtrophäen. Der Kanzler, der sich zunächst in Plattitüden flüchtet, muss handeln – und ernennt eine Elefantenbeauftragte, die bald zur Ministerin wird. Nach zähen Verhandlungen erreicht sie die Übernahme der gewichtigen Kontingente durch einen sicheren Drittstaat.
Am Freitag, 27. März, 19.30 Uhr, liest Gaea Schoeters aus ihrer Politsatire im Literaturhaus Freiburg.

von Sabine Eschbach
Verlag:
Dörlemann, 2025
341 Seiten, gebunden
Preis: 25 Euro
(ewei). Josef ist sieben, als er das erste Wort spricht. Bis dahin hat er alles, was zu sagen war, für sich behalten, hat die vielen Worte, die auf ihn einprasseln, sorgfältig sortiert und in seinem Gedächtnis aufbewahrt. Aber das weiß niemand außer ihm selbst. Und niemand in seinem Bodenseedorf weiß, dass er aus dem Gedächtnis exakte Porträts der Menschen zeichnen kann, die zu ihm sprechen. Und dass ihre Worte, je nach Inhalt und Stimme, für Josef blau, grün oder gelb sind, oft auch rot, selten braun. In allen Schattierungen. Und manchmal von grauen Streifen durchzogen.
Nicht einmal seine Mutter Martha kennt Josefs besondere Fähigkeiten. Sie weiß nur, dass sie ihm nie zu nahe kommen darf, ihn auch dann nicht in den Arm nehmen und trösten kann, wenn andere Kinder ihm wieder einmal zugesetzt haben. Denn Josef lebt in seiner eigenen Welt, ist dort nur selten erreichbar. Manche nennen das „nicht richtig im Kopf“.
Das geht halbwegs gut, bis allenthalben braune Uniformen aufkreuzen, jüdische und andere unliebsame Dorfbewohner verschwinden und in amtlichen Schreiben von „Ballastmenschen“ die Rede ist. Und Josef ein neues Gefühl erlebt, das er nicht definieren kann: Angst. Ein starkes Debüt der im Dreisamtal lebenden Autorin Sabine Eschbach.


















