HEFT NR. 9/21 11. JAHRGANG
Ausstellung MUSEEN SETZEN AUF 360 GRAD
Musik FREIBURGS 12 BESTE TRACKS
Kino EIN OSCAR FÜR „DRIVE MY CAR“?
Literatur DIE BÜCHER DES JAHRES
IMPFPFLICHT, EXTREME UND LICHTBLICKE BÜRGERMEISTER ULRICH VON KIRCHBACH ÜBER KULTUR UND CORONA
Foto: © bar
KULTUR
»MANCHMAL GEHT ES UM SEIN ODER NICHTSEIN« FREIBURGS ERSTER BÜRGERMEISTER ULRICH VON KIRCHBACH ÜBER IMPFPFLICHT, EXTREME UND LICHTBLICKE
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chon seit der Gründung des Freiburger Stadtmagazins interviewen wir in der Weihnachtsausgabe traditionell den Kulturbürgermeister. Zum 18. Mal also sprach Chefredakteur Lars Bargmann mit Ulrich von Kirchbach (SPD).
cultur.zeit: Herr von Kirchbach, wie viel Spaß macht es in diesen pandemiedurchtränkten Zeiten, Kulturbürgermeister zu sein? von Kirchbach (lacht): Nun ja, die Tages-, Wochen- oder Monatsbilanz stimmt meistens. Ich habe mir meine letzte Amtszeit aber natürlich anders vorgestellt.
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cultur.zeit: In Österreich gibt es schon wieder einen harten Lockdown, befürchten Sie das für Freiburg auch bald wieder? von Kirchbach: Nein, das wäre wieder nur reiner Aktionismus. Wir neigen leider dazu, immer von einem Ex trem zum anderen zu gehen. Ende November sind noch 50.000 Leute
INTERVIEW ohne Maske im Stadion, Anfang Dezember kommt dann wieder das ganz große Besteck? Weil wieder viel zu spät reagiert wurde? Nein, wir brauchen einen Mittelweg. cultur.zeit: In den langsam überquellenden Intensivstationen liegen bis zu 90 Prozent Ungeimpfte. Ist es jetzt an der Zeit für eine Impfpflicht? von Kirchbach: Ja. Und zwar nicht für einzelne Berufsgruppen, sondern für alle. Leider hat die Politik da falsche Versprechungen gemacht. Die Einschränkung von Freiheitsrechten ist gekoppelt an die Überlastung des Gesundheitssystems. Es gibt einfach zu viele Skeptiker, bei denen kommt man mit rationalen Argumenten nicht weiter. cultur.zeit: An der Messe wird schon wieder fleißig geimpft. von Kirchbach: Es wäre besser gewesen, die Zentralen Impfzentren auf Standby zu lassen, nun haben wir als Kommune mit der Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe GmbH und dem Uniklinikum die ganze Arbeit und sind auch fi nanziell in Vorleistung gegangen. cultur.zeit: In vielen Kultureinrichtungen gilt derzeit 2G+. Wie schwer ist die Kulturszene jetzt schon beschädigt? von Kirchbach: Schwer, und es gibt nicht nur schwere wirtschaftliche, sondern auch schwere psychologische Folgen. Niemand, der sein Leben lang als Kulturschaffender gewirkt hat, will plötzlich dem Staat zur Last fallen und Arbeitslosengeld beantragen. cultur.zeit: Klingelt heute noch das Telefon und es geht um existentielle Sorgen? von Kirchbach: Vereinzelt ja. Die nerv liche Anspannung ist riesengroß. Manchmal geht es um Sein oder Nichtsein. Heute Morgen hat ein Veranstalter angerufen und darum gebeten, ein Konzert zu untersagen, dann gebe es immerhin einen Ausgleich, weil er weiß, dass er mit 2G+ Minus machen wird.
cultur.zeit: Das Rathaus hat bisher zusätzlich zu Bundes- oder Landesprogrammen durch verschiedene kommunale Hilfen etwa 800.000 Euro für die Kulturszene bereitgestellt. Sind weitere Hilfen nötig, und können diese auch geleistet werden? von Kirchbach: Wenn es nötig ist, werden wir helfen. Wir helfen ja auch jetzt schon durch die verlängerten Stundungen für Mieten in städtischen Liegenschaften oder auch reduzierte Mieten. cultur.zeit: Äußerst reduziert war das 900-Jahr-Jubiläum. Vor einem Jahr hatten Sie im chilli-Interview noch gehofft, dass Freiburg immerhin den Höhepunkt des Stadtjubiläums noch mit einem großen Festwochenende feiern kann. Auch das fiel Corona zum Opfer. Das Drehbuch des Jubiläums kommt eher einer Tragödie denn einem Lustspiel gleich …
„Das waren wichtige emotionale Momente“ von Kirchbach: Ich sehe das nicht als Tragödie. 60 Prozent der Projekte sind gelaufen. Wir hatten ein schönes Finale mit dem Aktionstheater Panoptikum, eine tolle Gala im Livestream und ein Münstermapping mit 75.000 begeisterten Besuchern. Das waren wichtige emotionale Momente. Auch die Briefaktion (Bürger konnten Briefe an Menschen schreiben, die erst zum 1000-Jährigen der Stadt geöffnet werden sollen, d. Red.) mit rund 2000 Schreibenden war ein Erfolg. cultur.zeit: Das könnte man fast als bleibend bezeichnen. Aber viel Bleibendes hat das Jubiläum nicht gebracht … Kirchbach: Wir hatten nie vor, ein Haus zu bauen. Mit drei Millionen geht das auch nicht. Aber wir haben angesichts der schwierigen Randbedingungen und des Budgets das Maximum rausgeholt. Dass wir mit 300.000 Euro im Plus abgeschnitten haben, finde ich bemerkenswert. Und viele Ideen wie besondere Neujahrsempfänge werden auch bleiben. Auch die Lichtevents würde ich als bleibend einschätzen.
cultur.zeit: Wird es ein Buch geben? von Kirchbach: Wir hätten ausreichend Material. cultur.zeit: Das NS-Dokumentations zentrum wird nun fast fünf Millionen Euro kosten. Dazu kommen 900.000 Euro für die Ausstattung, ab 2024 jährlich 400.000 Euro fürs Personal und knapp 300.000 laufende Kosten. Ist das verhältnismäßig? von Kirchbach: Das ist nicht nur verhältnismäßig, sondern überfällig. Die Kosten sind ja nicht neu, die waren schon zu den Haushaltsberatungen bekannt. Von den 300.000 Euro zahlen wir auch Abschreibungen und Zinsen für den Kauf des Gebäudes, schaffen also Werte, und wir bekommen auch mehr als 120.000 Euro Miete von der Landeszentrale für politische Bildung. Das ist ja eben nicht nur ein Dokuzentrum. Das ist ein Quantensprung für die Geschichtsaufbereitung in Freiburg. An einem idealen, authentischen Ort. cultur.zeit: Sie hatten damit gehadert, dass das Land das Kurzarbeitergeld fürs Stadttheater als Zuschuss interpretiert hatte und damit bei der Förderung 600.000 Euro gegengerechnet hat. Blieb es beim Hadern? von Kirchbach: Wir hatten mehrere Gespräche mit der Staatssekretärin Petra Olschowski. Das soll eine einmalige Aktion gewesen sein. Das habe ich auch als Vorsitzender des Deutschen Bühnenvereins als klare Erwartungshaltung formuliert. Die Theater müssen auch Rücklagen bilden können. So aber wurde das, was sie an Plus hatten, abgezogen. Uns in Freiburg wurde insgesamt fast eine Million Euro genommen, das ist bitter, zumal wir dieses Geld dringend benötigt hätten. Das ist vom Land aber nun so entschieden und mit Haushaltsvorschriften begründet worden. Aus meiner Sicht wäre das aber eine Sache des politischen Willens gewesen. Wenn ich so mit unseren Zuschussempfängern umgegangen wäre wie das Land mit den Theatern, dann wäre ich wahrscheinlich auf dem Münsterplatz an den Pranger gestellt worden.
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KULTUR cultur.zeit: Die 2014 installierte Kunstkommission ist Mitte November geschlossen zurückgetreten. Ärger gab es etwa um Podcasts, die, so das Rathaus, Persönlichkeitsrechte verletzten. Die Vorsitzende Angeli Janhsen kritisierte die fehlende Unabhängigkeit bis hin zur Zensur. Wie bewerten Sie den Vorgang? von Kirchbach: Ich bedaure das. Der Ärger hatte sich unter anderem an einer temporären Ausstellung im Sedanquartier entzündet. Der Empfehlung der Kunstkommission, die Ausstellung zu beenden, bin ich in Absprache mit dem Kulturausschuss nicht gefolgt. Wir haben beschlossen, die Ausstellung bis zum Sommer 2022 zu verlängern. Diese Entscheidung hat die Kunstkommission nicht akzeptieren wollen. Sie hat aber nur eine beratende Funktion. Zudem hat die Kommission auf der Homepage der Stadt Podcasts veröffentlicht, die in der Tat Persönlichkeitsrechte von Künstlerinnen tangieren. Ich wurde
schon mit Schadensersatzforderungen konfrontiert. Deshalb haben wir die Podcasts von der städtischen Seite genommen. Die Kommission hätte sie ja auf einer eigenen Homepage weiterhin veröffentlichen können. Wenn sie daraufhin zurücktritt, ist das ihre Entscheidung.
Persönlichkeitsrechte von Künstlerinnen tangiert cultur.zeit: Steht die Kommission als Ganzes in Frage oder wird sie neu besetzt? von Kirchbach: Sie soll neu besetzt werden. Aber letztlich bleibt die Entscheidungsbefugnis immer beim Bürgermeisteramt und dem Gemeinderat. cultur.zeit: Gab es für Sie auch einen schönsten Moment des Jahres 2021? von Kirchbach: Der größte Lichtblick war, dass wir in wenigen Wochen das Kultur-Los!-Festival auf drei städtischen Plätzen auf die Beine gestellt
haben und als eine der wenigen Städte die Höchstförderung (500.000 Euro, d. Red.) bekommen haben. Da haben alle Beteiligten einen super Job gemacht, das war schon toll, auch emotional. Wir waren eben nicht in der Kulturwüste. Es hat sich auch innerhalb der Verwaltung in den Köpfen viel bewegt, wir haben Dinge in Wochen geschafft, wozu wir sonst Jahre gebraucht hätten. Die Wiedereröffnung vom Haus der Jugend war auch ein ganz, ganz wichtiges Zeichen. cultur.zeit: Wie lauten Ihre Ziele für 2022? von Kirchbach: Wir reden viel über Klimaschutz und haben da auch einen Schwerpunkt in unserem Handeln. Aber Soziales und Kultur müssen mit in die Nachhaltigkeitsprozesse aufgenommen werden. Gerade eine Stadt wie Freiburg muss da klare Akzente setzen. cultur.zeit: Herr von Kirchbach, vielen Dank für dieses Gespräch.
PERSPEKTIVEN EINER NEUEN WELT Foto: © Jonas Lauströer (HAW Hamburg), Amir Andikfar (HAW Hamburg), John Nyakatura, »Photomontage of OroBOT and 3D digital skeleton of Orobates«, Künstlerische Illustration © Jonas Lauströer, Amir Andikfar, John Nyakatura
AUSSTELLUNG »BIOMEDIEN« IM KARLSRUHER ZKM
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ie können (nicht-) menschliche und künstliche Organismen in Zukunft zusammen existieren? Diese und ähnliche Fragen stellten sich zuletzt rund 60 Künstler·innen. Ihre Ergebnisse präsentieren sie jetzt in der Ausstellung „BioMedien“ im Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe (ZKM). Siri, Alexa, Pflegeroboter: Längst schon steuert Künstliche Intelligenz (KI) viele alltäglich gewordene Gegenstände. In der Ausstellung „Bio Medien“ (lebensähnliche künstliche Organismen) des ZKM werden vom 18. Dezember bis zum 28. August 2022
BioMedien: Das Zeitalter der Medien mit lebensähnlichem Verhalten. Eine Ausstellung mit künstlerischen Positionen aus KI und Robotik.
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solche computergenerierten Systeme präsentiert. Außerdem physisch präsente Roboter, die lebens ähnliches Verhalten in Form von Suchmechanismen, Empathie oder Selbsterhaltung aufzeigen. Durch die Beobachtung der Interaktion der Exponate untereinander sowie mit (nicht-)menschlichen Wesen zeigt die Ausstellung mögliche Anwendungsgebiete der „BioMedien“ im realen Leben auf. „Das Zeitalter der Medien mit lebensähnlichem Verhalten gibt einen ersten Einblick in das, was kommen wird“, erklärt Peter W eibel, Künstlerischer Vorstand des ZKM. Und vielleicht bergen diese nicht nur Lösungsansätze für die Probleme und Fragen der Gegenwart, sondern auch die der Zukunft. herz
Digitale Visitenkarte
KULTURNOTIZEN
FREIBURGER MUSEEN KREIEREN 360-GRAD-RUNDGÄNGE
Mit einem Jahr Verspätung hat Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach unlängst im Freiburger Theater die Reinhold-Schneider-Preise 2020 vergeben. Graham Smith, Tänzer und Choreograph, bekam mit seiner Frau Maria Pires den mit 15. 000 Euro dotierten Hauptpreis im Tanz. Der Journalist und Autor Dietmar Dath gewann den Preis im Genre Literatur. Die freie Theatergruppe „Die Immoralisten“ sowie das Paar Vanessa Valk (Puppenspiel) und Jens Burde (Szenografie) teilten sich ein mit 6000 Euro dotiertes Stipendium. Ebenso aus der Literatur Iris Wolf und Stefanie Höfler. Evelyn Grill (Literatur) sowie Renate Obermaier und Heinzl Spagl (Darstellende Kunst) wurden für ihr Lebenswerk – vor allem fürs Kinder- und Jugendtheater im Marienbad – mit dem Ehrenpreis geehrt. Über den Kulturpreis der Stadt Freiburg entscheidet eine 15-köpfige Jury unter Vorsitz von von Kirchbach.
von Till Neumann
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ilme streamen von zu Hause? Normal. Konzerte vorm Rechner schauen? Funktioniert. Und ein Museumsrundgang auf der Couch? Die Freiburger Museen bieten das neuerdings an. In bestechend guter Qualität und mit erstaunlichen Features. Den echten Gang durch eine Ausstellung ersetzt das für Initiatorin Katharina Hoernes trotzdem nicht. Wer durchs Augustinermuseum schlendern möchte, muss nicht mehr in die City. Die Kunstwerke gibt es neuerdings auch digital zu sehen – kostenlos. Woher die vier „Grafen von Freiburg“ in der Skulpturenhalle kommen? Die Info gibt’s per Klick auf die Figuren. Anschauen kann man sie mit etwas Zoomen auch aus nächster Nähe. Zu anderen Objekten gibt es verlinkte YouTube-Videos, Audios oder ein Gebärdensprache-Video. Wer weiterschlendert, kann sich durch die hochauflösende Ausstellung bewegen wie im Computerspiel. Mit dem Cursor wählt man seinen Weg. Sogar die Decke kann man sich beim 360-Grad-Rundgang anschauen. Und Infos direkt in SocialMedial-Kanälen teilen.
Foto: © Freiburger Museen
Initiiert hat das Projekt Katharina Hoernes. „Die Idee ist während des Lockdowns entstanden“, erzählt 30Jährige. Sie ist bei den Freiburger Museen zuständig für Online-Kommunikation. Die Rundgänge seien praktisch gewesen, um Sonderausstellungen besuchen zu können – auch als Museen geschlossen waren. Jetzt, wo die Häuser wieder offen sind, bleibt das Angebot aber bestehen: Zugänglich sind das Augustinermuseum, das Archäologische Museum Colombischlössle und das Museum Natur und Mensch. Ob man sich damit zahlende Gäste nimmt? „Die Gefahr sehen wir nicht“, betont Hoernes. „Wir glauben fest an die Stimmung im Museum und bei Vor-Ort-Veranstaltungen.“ Die digitalen Rundgänge seien eine Visitenkarte. Sie richteten sich zudem an Schulklassen oder mobil eingeschränkte Personen. Wie viel das Projekt gekostet hat, möchten die Museen merkwürdigerweise nicht preisgeben. „Recht aufwendig“ sei es aber gewesen, berichtet Hoernes. Mit einer zugeschickten Kamera hat das Team die Bilder selbst erstellt. Acht Minuten pro Standpunkt dauert eine Aufnahme. Die richtige Belichtung und Position zu finden sei nicht einfach gewesen. Wie viele das Angebot nutzen, kann Hoernes nicht sagen. Das interne Feedback sei jedoch sehr positiv. Ausbaufähig ist das Projekt jederzeit. Beispielsweise für Online-Rallyes durch die virtuelle Museumswelt. Ein Escape Game mit fünf Rätseln ist bereits im Netz.
Das sind die Gewinner des ReinholdSchneider-Preises 2020
Koki holt Lotte-Eisner-Preis 2020 Das Kommunale Kino aus Freiburg hat für sein Jahresprogramm 2020 mit dem Lotte-Eisner-Preis den Spitzenpreis des Kinematheksverbunds erhalten. Die Jury war tief beeindruckt von der Energie und Kreativität, mit der die Kinobetreiber·innen vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie den Kontakt zum Publikum halten und weiter ausbauen konnten. Besonders hervorgehoben wurden die „Living Walls Kinowanderungen“, mit denen Kurzfilmprogramme (zum Teil mit LiveKlavierbegleitung von Günter A. Buchwald) in die Innenhöfe der Stadt verlegt und auf Hauswände projiziert wurden, sowie das während der Pandemie entwickelte Open-Air-Festival „Ins Weite“, das dem Publikum filmische, literarische und musikalische Reisen ermöglichte.
IKF abgesagt Eigentlich sollte die 34. Internationale Kulturbörse Freiburg (IKF) vom 23. bis zum 26. Januar ihre Vorhänge für Künstler·innen, Ausstellende und Neugierige lüften. Der Plan: Über vier Tage hinweg die Welt der Kunst und Kultur zelebrieren. „Dieses Jahr auch wieder live, pulsierend und zwanglos“, wie sich Projektleiterin Susanne Göhner gegenüber der cultur.zeit kurz vor der Absage noch freute. Wenige Tage später wich die Vorfreude, denn die Pandemie hatte wieder einmal andere Pläne. Nach der aktuellen Corona-Landesverordnung musste Göhner, die im Auftrag der FWTM seit einem Jahr ihr Herzblut in die Organisation der 34. Auflage steckte, die IKF nun canceln. bar/herz
KINO
Rätseln auf der Spur RYUSUKE HAMAGUCHI MACHT AUS 20 SEITEN ERZÄHLUNG WUNDERBARE DREI STUNDEN KINO von Erika Weisser
Drive my Car Japan Regie: Ryusuke Hamaguchi Mit: Hidotoshi Nishijima, Masaki Okada, Toko Miura, Reika Kirishima, Park Yurim u.a. Verleih: Rapid Eye Movies Laufzeit: 179 Minuten Start: 23. Dezember 2021
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unächst ist da nur die Nahaufnahme einer schönen Frau vor einem Fenster mit Blick auf den abenddämmrigen Himmel hinter einer Hochhaus-Silhouette. Doch sie ist nicht allein: Fast atemlos erzählt sie eine Geschichte, die eher einem Traum als der Wirklichkeit zu entstammen scheint. Der, dem sie erzählt, ist nur zu hören; hin und wieder fragt eine Männerstimme nach Details. Als die Kamera wegzoomt, kommt das breite Bett ins Bild, auf dem er liegt und sie sitzt. Bei dem Paar handelt es sich um die Drehbuchautorin Oto und den Schauspieler und Regisseur Yusuke. Seit mehr als 20 Jahren sind sie zusammen, glücklich, in tiefer Liebe und gegenseitigem Respekt verbunden – und, wie später zu erfahren ist, in der Trauer um ihre im Kindesalter verstorbene Tochter. Was ebenfalls erst im Verlauf der Handlung klar wird: Oto erfindet ihre kreativen Geschichten immer nach einem Orgasmus – und vergisst sie danach wieder. Yusuke hingegen merkt sich jede ihrer Phantasien – und wiederholt sie ihr anderntags; offenbar finden sie Verwendung in ihren Drehbüchern. Als eine geplante Dienstreise erst kurz vor dem Abflug um einen Tag verschoben wird und er nach Hause zurückkehrt, trifft er sie, ohne selbst bemerkt zu werden, mit einem anderen
Fotos: © Rapid Eye Movies
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Mann an. Er verlässt die Wohnung und geht in ein Hotel; abends unterhalten sie sich über Skype, als wäre nichts geschehen. Nach einer Woche kommt Yusuke von der inzwischen angetretenen Reise zurück und alles scheint wie immer: Sie schlafen miteinander, Oto spinnt ihre Geschichte weiter, er hört ihr zu – doch morgens, bevor er zur Arbeit aufbricht, sagt sie, dass sie später reden müssten. Dazu kommt es nicht mehr; als er zu Hause eintrifft, ist sie bewusstlos. Sie hatte ein Aneurysma, der sofort gerufene Rettungswagen kommt zu spät. Yusuke verwindet Otos Tod nicht – zumal er das Gefühl hat, dass sie ein Geheimnis mitgenommen hat, dem er auf die Spur kommen muss. Zwei Jahre danach fährt er zu einem Theaterfestival nach Hiroshima, wo er Tschechows Onkel Wanja inszenieren soll. Zu seiner Überraschung hat die Festivalleitung die junge Fahrerin Misaki engagiert, die ihn in seinem Auto überallhin chauffiert. Und zur weiteren Überraschung trifft er im Ensemble den Schauspieler Takatsuki, in dem er den Liebhaber seiner Frau erkennt. Nach einigen Auseinandersetzungen mit ihm und vielen Gesprächen und langen – eindrücklich gefilmten – Fahrten mit Misaki kommt Yusuke Otos Geheimnis näher – und zur Einsicht, dass er es gar nicht kennen muss. Eine ausgezeichnete Weiterentwicklung von Haruki Murakamis gleichnamiger Kurzgeschichte – in Cannes mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet und als japanischer Beitrag zur Oscar-Verleihung 2022 nominiert.
KINO DER SCHEIN TRÜGT
WANDA, MEIN WUNDER
EINE NACHT IN HELSINKI
Foto: © Neue Visionen
© X-Verleih
Foto: © Arsenal
Serbien, Kroatien 2021 Regie: Srdjan Dragojevic´ Mit: Goran Navojec, Ksenija Marinkovic´ u. a. Verleih: Neue Visionen Laufzeit: 122 Minuten Start: 16. Dezember 2021
Schweiz 2020 Regie: Bettina Oberli Mit: Agnieszka Grochowska, A. Jung u. a. Verleih: X-Verleih Laufzeit: 110 Minuten Start: 6. Januar 2022
Finnland 2021 Regie: Mika Kaurismäki Mit: Timo Torikka, Kari Heiskanen u.a. Verleih: Arsenal Laufzeit: 90 Minuten Start: 20. Januar 2022
Vom Paulus zum Saulus
Frischer Wind in der Villa
Drei Männer in Weinlaune
(ewei). Stojan ist ein guter Mensch. In seiner Nachbarschaft gilt er als hilfsbereit und bescheiden, seiner sehr resoluten Frau Nada ist er ein liebender Ehemann, seiner schüchternen Tochter ein einfühlsamer Vater. „Zu gut für diese Welt“, findet eine Nachbarin, die zusammen mit der Familie vor dem Bürgerkrieg in das halb zerstörte Dorf geflohen ist, in dem sie jetzt leben. Sie ist offenbar nicht die einzige, die im bekennenden Kommunisten Stojan einen Heiligen sieht: Eines Nachts, als der Strom ausfällt, erscheint über seinem Kopf plötzlich ein unerklärlicher Heiligenschein. Und der ist nicht wegzukriegen, weder durch wüste Verwünschungen noch durch eine ziemlich gewaltsame Haarwäsche. Gegen ein ordentliches Trinkgeld bekommt die tiefgläubige Nada vom Popen den Rat, dass ihr Mann zum Sünder werden müsse, damit Gott ihm die unverdiente Aureole wieder entzieht. Doch obwohl Stojan zusehends Gefallen an seinen Untaten findet, bleibt der trügerische Schein wie Pech an ihm haften.
(ewei). Die Familie Wegmeister-Gloor ist ziemlich wohlhabend; Vater Josef, Mutter Elsa und der längst erwachsene Sohn Gregor leben in einer stattlichen Villa auf einem großen Anwesen an einem See in den Schweizer Bergen. Allein die Tochter Sophie lebt nicht mehr dort; sie ist des Berufes und der Karriere wegen längst in die Stadt gezogen und schaut nur noch zu besonderen Anlässen vorbei. Als Josef einen schweren Schlaganfall erleidet, wird er zum Pflegefall, ist rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen. Da die Familie diese nicht leisten kann oder will und eine Heimunterbringung nicht in Frage kommt, wird eine kostengünstige Pflegekraft aus Polen angeheuert: Wanda. Sie ist, wie viele ihrer Kolleginnen aus Osteuropa, auf das Geld angewiesen: Sie hat zwei Söhne, die sie ohne Vater großzieht, und sie muss auch noch ihre Eltern unterstützen. Sie kümmert sich also um Josef, hilft Elsa im Haushalt und bringt auch sonst frischen Wind ins Haus. Und eines Tages ist sie schwanger ...
(ewei). Heikki sitzt bei einem einsamen Abendessen in seiner leeren Bar, hört klassische Musik und trinkt seinen besten Rotwein. An diesem 1. Mai ist in der ansonsten zu diesem Anlass sehr belebten Innenstadt Helsinkis nichts los: Corona hält die feierwütigen Finnen davon ab, das Frühlingsanfangsfest so ausgiebig zu begehen wie üblich. Nach monatelanger Schließung der Bar steht Heikki vor dem Ruin. Und hat auch schon den Benzinkanister bereitgestellt, mit dessen Hilfe er den Laden noch an diesem Abend abfackeln will. Doch dann begehrt sein Stammgast Risto Einlass; er kommt gerade aus dem Krankenhaus und braucht Erholung von seiner Arbeit an der Covid-Front. Als sie die zweite Flasche öffnen, kommt der ihnen unbekannte und etwas dubiose Juhani dazu, der angeblich nur sein Handy aufladen will. Geschickt verwickelt er die beiden Freunde in tiefgründige, weinselig-philosophische Gespräche über Gott, die Welt, den Sinn des Lebens und die unvorhersehbaren Wege des Schicksals.
MUSIK
Von Welt
FREIBURGS BESTE SONGS AUS 2021
Von Welt » Unendlichkeit
Chabezo Foto: © felix groteloh
J
an Delay sang schon vor 20 Jahren „Und die Welt steht still“. Für Musiker·innen waren die vergangenen zwölf Monate genau das: abgesagte Konzerte, keine Gagen, erschwerte Proben. Doch wahre Leidenschaft kennt kein Stoppschild. Viele Freiburger Acts haben fleißig weiter produziert. Die chilli-Redaktion hat ihre zwölf Lieblinge ausgewählt. Vom einfühlsamen Folk über den Corona-Albtraum bis zum Rap-Actionfilm.
Foto: © unknownarchives
Foto: © Pressefoto
Tracks des Jahres
El Flecha Negra Foto: © mokhosi.fotografie
Ein Song wie gemacht fürs Stadion. Mit der Single „Unendlichkeit“ vom Debütalbum „Schwarz“ bewerben sich „Von Welt“ um einen Platz in den Arenen der Nation. Die Nummer scheint auch bei SC-Kapitän Christian Günter gut anzukommen: Er spielt die Hauptrolle im Musikvideo.
Fatcat Foto: © Georg Peiffer
Die „Deadnotes“ überraschen immer wieder. Nach zwei Studioalben veröffentlicht das zum Duo geschrumpfte Projekt die Single „Easy Summer“. Der Track ist ungewohnt poppig und hakt sich schon nach dem ersten Durchgang im Gehörgang fest. Das Retro-Musikvideo tut sein Übriges für eine gediegene und sommerliche Atmosphäre.
Lambs & Wolves » What If Es ist zwar schon einige Monate her, dass die Folk-Musiker von „Lambs & Wolves“ mit „Not a party at all“ ihr neues Album veröffentlicht haben. Dennoch sind Songs wie „What If“ wie gemacht für den Winter. Eine leise melancholische Stimme, eine dezente Instrumentierung und fertig ist der wärmende Soundtrack für kurze und kalte Tage.
Fatcat » Without You Tanzen, feiern, mitsingen. Das geht bei den Freiburger Funkern von Fatcat wunderbar. Im neuen Video „Without You” versuchen sie sich an einer Retro-Bandchoreo und scheitern mit Stil. Kenny Joyner drückt dem Sound mit seiner Stimme den Stempel auf. Wer die Band live gesehen hat, weiß aber: Die Jungs hintendran liefern genauso ab.
Al Jawala » Stronger Ganze 20 Jahre sind die Jawalas schon am Start. Mit „Stronger” haben die Balkan-Brass-Beat-Pioniere im April einen mitreißenden Powertrack rausgehauen, Autotune-Gesang inklusive. Es geht um „Togetherness” schreiben sie. Um das Gefühl, gemeinsam stärker zu sein. In einer Zeit ohne Konzerte ein Liebeslied für ihre Fans. 52 CHILLI CULTUR.ZEIT DEZEMBER 2021/JANUAR 2022
Foto: © WILLMAN
The Deadnotes » Easy Summer
Willman
Volles Dutzend: Diese zwölf Bands haben sich im Rennen um die besten Plätze gegen die Konkurrenz durchgesetzt.
Quintin Copper & Nas Mellow
Unojah » Lockdown Multi-Kulti-Reggae und World Music mischen die Unojahs. Und Sprachen. In „Lockdown” singt Chaldun auf Englisch, Deutsch und Arabisch. „Spread the Love” ist das Motto. Entspannter Vibe, smoother Beat, saubere Produktion. Wer lässige Vielfalt sucht, sollte hier reinhören – auch wegen des Gitarrensolos. Macht das Pandemie-Schlamassel irgendwie erträglicher.
Zweierpasch » La Vida (feat. El Flecha Negra) Mit Wut im Bauch und dem Mic in der Hand machen Zweierpasch ihrem Ärger Luft. Ins Wasser gefallene Auftritte, verschobene Touren und geplatzte Proben nach einem Jahr Kulturstopp verarbeitet die HipHopBand um die Zwillinge Till und Felix auf gewohnt lyrische Weise. Gerappt wird nicht nur auf Deutsch und Französisch, Tatán von Flecha Negra bringt Spanisch in den Mix. Laut statt lethargisch, optimistisch, nicht ohnmächtig – c’est la vida.
MUSIK Quintin Copper & Nas Mellow » Breathe easy
Äl Jawala
Max Büttner
Unojah Foto: © Stefanie Ringshofer
Lambs & Wolves
Mine und Enno Bunger – wer die Musik von Willman hört, erkennt schnell, von wem sie inspiriert ist. Deutsche Texte, poppige Melodien und inspirierende Denkanstöße lautet die Devise. „Sich mal doof zu finden gehört irgendwie auch dazu“, schreibt das Duo auf YouTube etwa zu „Berg“. Die Message hinter dem deutschen Track: Jede·r ist gut so, wie er oder sie ist. Die eingängige Melodie überzeugt durch Willman-Sängerin Julia Laubers zarte Stimme.
„Bad Dream“ ist gerade den Füllfedern des Schlagzeugers und Producers Max Büttner entsprungen. Der Freiburger spielt hier auch Piano. Gefeatured ist Fatcat-Frontman Kenny Joyner. Thema sind die negativen Auswirkungen der Pandemie: „social Distance as a new Obsession“. Zwar ist Corona ein Motiv, das uns allen zum Hals raushängt. Aber ja, die 4. Welle fühlt sich an wie ein schlechter Traum. Ein bisschen jazzige Wehmut für uns alle.
Foto: © Erdan Genc
Zweierpasch
Willman » Berg
Max Buettner Collective » Bad Dream (feat. Kenny Joyner)
Foto: © Samsun Presspicture
Foto: © Panoramique_Pix
The Deadnotes
Foto: © FrancescaAmann
Foto: © Moritz Schinn
Gute-Laune-Garantie: „Breathe easy“ nimmt Zuhörer·innen mit auf einen beschwingten Trip zurück in den Sommer. Laue Luft, leichte Laune, das Leben plätschert vor sich hin – so auch die Single der jungen Freiburger und Tübinger Musiker. Wer gerade am berühmt-berüchtigten Winter-Blues leidet, darf die Lautstärke voll aufdrehen und in Erinnerungen schwelgen.
Chabezo » Actionfilm Die Liebeserklärung an Actionfilme trifft ins Herz: Rasant, eingängig und so kurzweilig wie gutes Popcornkino rappt sich Chabezo alias Peter Stöcklin durch Parts voller Explosionen, Kugelhagel und holden Jungfern in Not. Durch die Hook kurvt der Frontsänger von Otto Normal stilecht im schwarzen Mustang und ballert seinen Hörer·innen die Klassiker von Arnie, Stallone und Co. um die Ohren.
El Flecha Negra » Quitapena (feat. Tiano Bless) Kifferhymne, die selbst umnebelte Couch-Potatoes auf die Tanzflächen treibt. Pünktlich zum grünen Licht für die Legalisierung in Deutschland haben die fünf farbenfrohen Pfeile ein Video in Chile abgedreht: Neben Reggae-Beats und einer großen Portion Lebensfreude gibt’s Bau- und Konsumtipps vom Profi. Geraucht wird nur feinste Ware, die Samen stammen schließlich von Oma.
ANHÖREN » Alle Songs zum Nachhören gibt’s auf chilli-freiburg.de » Mehr findet ihr auch in den Spotify-Playlists „Freiburgs Tracks des Jahres“
DIE JURY Name Jobs Hört gerne Ist allergisch auf
Till Neumann chilli-Redakteur und Musiker HipHop, Soul, Urbanes Schlager und schlechte Texte
Name Jobs Hört gerne Ist allergisch auf
Philip Thomas chilli-Redakteur Elektro und Techno Deutsch-Pop und Nazis
Name Jobs Hört gerne Ist allergisch auf
Liliane Herzberg chilli-Volontärin Indie, Techno, Weltmusik Arien und Warteschleifen-Gedudel
Name Jobs Hört gerne Ist allergisch auf
Pascal Lienhard chilli-Volontär Punkrock, Singer-Songwriter, Indie Remixe einstmals guter Songs
DEZEMBER 2021/JANUAR 2022 CHILLI CULTUR.ZEIT 53
WARRIOR SINGHATEH
Punk
Reggae
STABIL
UNIFICATION
te des M
Foto: © Francesca Amann
3 FRAGEN AN Stefanie Schimmer von Äl Jawala
Futter für Überzeugte
Vereint die Welt
Gut 20 Jahre gibt es die Balkan-Beat-Pioniere Äl Jawala schon. Coronabedingt erst am 4. März 2022 feiern sie das mit einem Jubiläumsfilm und -Konzert im Jazzhaus. Vorab erzählt Frontfrau Stefanie Schimmer (44) im Interview mit Till Neumann, was ihr Bandhighlight war und was die Gruppe noch nicht geschafft hat.
(pl). Manchmal braucht Punk nicht viel, um auf den Punkt zu kommen. Eine Minute und elf Sekunden dauert der Track „Das Exponat“, zu finden auf der dritten Scheibe der Maladro!ts. Die Botschaft: Die Zeit des tonangebenden weißen Mannes ist vorbei, ab ins Museum mit ihm. Im Musikvideo plündern und zerstören Personen die Ausstellung „Der Mann“. Fragen bleiben da keine offen. Doch die Punker aus Schopfheim können auch anders. Die Nummer „Hass“ greift unter anderem die Doppelzüngigkeiten im eigenen Leben auf: „Ich hab’ Hass auf Unterdrücker, aber unterdrücke auch.“ Der kluge und doppelbödige Song ist mit seinen fast vier Minuten der Außenseiter der Platte. Die anderen elf Songs knacken die Drei-Minuten-Marke nicht. Mit „Stabil“ ist den Maladro!ts eine überzeugende Platte gelungen. Neue Fans dürften sie sich damit gleichwohl keine erspielen. Dafür sind Songs wie „Meer aus Scheiße“ oder „Das Exponat“ zu konfrontativ, die Musik zu unangepasst, der Gesang zu gewöhnungsbedürftig. Wer Musik dagegen mit Ecken und Kanten und gesellschaftskritischer Schlag seite liebt, für den oder die sind die Maladro!ts und ihr neues Werk ein Ohr wert.
(dh). Reggae kann man mal hören – und das sollte man auch. Gerade im Fall des Ortenauer Musikers Warrior Singhateh. Auf seiner Debütplatte verbreitet der Gambier eine zentrale Botschaft: Vereint die Welt! Life is so nice – vor allem, wenn man es auf dem typischen Offbeat abfeiert. Heiter sonnig kommen die Tracks daher und machen die winterlichen Temperaturen vergessen. Gerne lässt man sich treiben auf dem mal friedlichen, mal mitreißenden Fluss des Künstlers. Die Themen sind Reggae-Klassiker: Der Warrior singt für die Liebe, gegen Krieg und Korruption. Auch sein Sound erfindet das Rad nicht neu. Umso eingängiger sind dafür die 15 in Zimbabwe produzierten Songs. Wer das Album am Stück hört, könnte sich gegen Ende nach Abwechslung sehnen. Umso passender, dass der heimliche Hit der Platte „Game is over“ zum Abschluss noch einmal ordentlich nach vorn drängt. Gefeatured wird darin auch die Freiburger Band Zweierpasch, die im dazugehörigen Video sehenswert mit zwei Löwen über den Freiburger Schwabentorsteg tanzt. Mit seinem neuesten Album nimmt uns Warrior Singhateh mit in eine bessere Welt. Neue Maßstäbe setzt er damit nicht, versprüht aber jede Menge gute Laune.
Frau Schimmer, wie kam die Band vor 20 Jahren zusammen? Wir haben uns im Sommer 2000 bei Jam-Sessions auf dem Schönberg kennengelernt. Wir hatten sofort mega Spaß und haben einfach nicht mehr aufgehört, zusammen Musik zu machen. Anfangs noch in wilden Sessions in Markus’ damaliger WG-Küche. Bald darauf im Proberaum mit dem Anspruch, ein eigenes Repertoire zu erarbeiten. Wir sind mit unseren Stücken direkt auf die Straße und haben unseren Sound so weiterentwickeln können. Was war für Sie das Highlight in den vielen Jahren? Ein einziges zu benennen ist schwer – ganz vorn dabei sind unser Konzert im fast 2000 Jahre alten Amphitheater von Jerash in Jordanien, die Autofahrt von Montreal nach Toronto und das erste Mal in China. Speziell Shanghai hat mich wahnsinnig geflasht! Was hat die Band in 20 Jahren nicht geschafft? Einen gemeinsamen Band-Urlaub ohne Tourstress oder Zeitplan. Einfach zusammen, am besten noch mit allen Familien, an einem schönen Ort chillen, gut essen und Musik machen. Und eine Amerika-Tour (Nord und Süd) wäre natürlich auch noch schick.
54 CHILLI CULTUR.ZEIT DEZEMBER 2021/JANUAR 2022
on ats
Bis nach Jordanien
THE MALADRO!TS
Pl a t
MUSIK
KOLUMNE TAYLOR SWIFT
MAX BÜTTNER
Pop, Country
Hip-Hop/Jazz
RED (TAYLOR’S VERSION)
BAD DREAM
... zur Ampel Die Freiburger Geschmackspolizei ermittelt schon seit fast 20 Jahren gegen Geschmacks verbrechen – nicht nur, aber vor allem in der Musik. Für die cultur.zeit verhaftet in jeder Ausgabe Ralf Welteroth geschmacklose Werke von Künstlern, die das geschmackliche Sicherheitsgefühl der Bevölkerung empfindlich beeinträchtigen.
Endlich Eigentum
Traumhafter Alptraum
(nab). Neun Jahre nach der Veröffentlichung von Taylor Swift’s viertem Studioalbum „Red“ ist im November „Red (Taylor’s Version)“ erschienen. 30 Tracks sind auf dem Album – die meisten davon lediglich Neuaufnahmen alter Lieder. Der bedeutende Unterschied: Im Gegensatz zur Version von 2012 verfügt die Sängerin nun über die gesamten Rechte ihrer Musik. An jedem S tream der ursprünglichen Aufnahmen verdient das Label Geld. Das will Swift verhindern. Die neu aufgenommenen Lieder sind größtenteils gleich geblieben, Unterschiede in Beat und Melodie sind nur für eingefleischte Fans ersichtlich. Spannend sind für die breite Masse dafür die acht unveröffentlichten Lieder wie „Nothing New“ mit Phoebe Bridgers. Highlight ist die zehn Minuten lange Version von „All Too Well“. Swift nimmt in dem Song Bezug zu ihrer damaligen Beziehung mit Schauspieler Jake Gyllenhaal. Das ziemlich emotionale Musikvideo dazu erreichte innerhalb einer Woche mehr als 40 Millionen Aufrufe. Auch für Nicht-Fans sehr sehenswert. Das Album ist vor allem für Swift selbst und ihre Fans bestimmt. Wer es anhört, kann sich immerhin sicher sein, dass er die Sängerin in jeder Weise unterstützt.
(pt). Nach seinem Soloalbum „Drifting“ setzt Max Büttner die Segel ins Reich der Träume. Für „Bad Dream“ hat sich der Freiburger auch auf dieser EP Verstärkung ins Boot geholt. Und das sind keine Leichtmatrosen: „In this Moment“ leiht Voice-of-Germany-Teilnehmer Lukka Nozza seine Stimme, auf dem Track „Bad Dream“ singt sich Fatcat-Frontmann Kenny Joyner durch die Parts, Zweierpasch und Silvan runden die fünf Tracks zwischen Hip-Hop, Trap und Jazz raptechnisch ab. Gemischt wird, was gefällt, und so finden sich auch balladeske Klänge auf dem Mini-Album. Der Grund für den Dämmerzustand des Drummers und Producers ist natürlich das Coronavirus. Im Intro zeichnet der Schlafwandler den langen Weg des Erregers aus dem weit entfernten Wuhan in die Welt nach. Auch Lügen im Zusammenhang mit dem Virus verbreiten sich. „Never mind that. Spreading lies like a blind bat“, rappt Joyner, um dann gefühlvoll die Stimme zur Hook zu erheben: „This life feels like a bad dream.“ Das Thema Kunst und Corona ist zwar bestenfalls schon drei Impfungen alt, die Texte auf Bad Dream sind jedoch fein, die Melodien eingängig, und auch die Produktion kann sich sehen lassen: Neben Büttner drehte außerdem der Mannheimer Produzent Chris Oswald an den Reglern.
Stehen bleiben, Polizei! Oder sind Sie etwa farbenblind? „Rot heißt stehen, grün heißt gehen, das ist ganz leicht zu verstehen, und so ist es gar nicht schwer, du kommst gut durch den Verkehr“, wusste schon Rainer Niersmann in seinem Ampellied. Und gelb, wofür steht gleich noch mal diese entzückende Grundfarbe? Keine Ahnung, sie mischt auf jeden Fall immer mit, obwohl man sie eigentlich gar nicht braucht, oder leider dann irgendwie doch. Habemus Hampelmännchen beziehungsweise Ampelmännchen. Sollte es irgendwann einmal zu einer Schwarz-Weiß-Koalition kommen, bestehend aus der CDU und den Weißen (einer noch zu gründenden Partei rechts und links einer Mitte, die es dann nicht mehr gibt), die man dann als Zebrastreifen-Koalition bezeichnen würde, hat unser ewiger Rolf Zuckowski bereits vor langer Zeit schon in weiser Voraussicht dazu ein Liedchen verbrochen, welches auf der Schallplatte Rolfs Schulweg-Hitparade verewigt ist und uns immer noch Kopfzerbrechen bereitet: „Zebrastreifen, Zebrastreifen, mancher wird dich nie begreifen, doch ich weiß Bescheid. Zebrastreifen, Zebrastreifen, alle, die dich nicht begreifen, tun mir nur leid.“ Also, wenn’s Ihnen hier nicht passt, dann gehen Sie doch einfach nach Bhutan – dort gibt’s zumindest keine Ampeln. Allzeit Grüne Welle wünscht Ralf Welteroth für Ihre Geschmackspolizei
Foto: © iStock.com/YinYang
LESETIPPS
Analytisch und kultig, atmosphärisch und skurril DAS SIND FÜR DIE CHILLI-REDAKTION DIE BÜCHER DES JAHRES 2021 VOKABULAR DER ORTLOSIGKEIT
KULT BLEIBT KULT
Auch wenn der Untertitel es nahelegen mag: Zum Vergessen sind Fatma Sagirs Texte nicht. Weder inhaltlich noch formal. Im Gegenteil: In den Geschichten und Gedichten der Freiburger Kulturanthropologin geht es um Erinnerung. Um persönliche Erinnerungen an ihre Erfahrungen als Tochter von Arbeitsmigranten aus Anatolien. Aber auch um die „offizielle und kollektive Erinnerungskultur dieses Landes“, in der die „Gastarbeiter“ fehlen – und somit auch die gesellschaftliche, kulturelle und politische Anerkennung ihrer Leistung. Diese mangelnde Anerkennung, macht Sagir in ihren atmosphärischen und zugleich analytischen Texten wider das Vergessen nachvollziehbar, wird bis in die nachfolgenden Genrationen als existenziell bedrohlich erlebt. Erika Weisser
Der gewiefte Asterix und der bärenstarke Obelix begleiten so manch einen seit Kindheitstagen. Die unbeugsamen Gallier haben ihre Erfinder überlebt – Zeichner Uderzo ist 2020 verstorben, Texter Goscinny 1977. Seit fünf Ausgaben spinnt das Gespann Ferri/ Conrad die Geschichte um die raufsüchtigen und gutmütigen Krieger weiter. In Band 39 verschlägt es sie in die „Welt östlich von Rom“, das Barbaricum. Dabei kommen auch aktuelle Anspielungen wie Fake News und Verschwörungstheorien nicht zu kurz. Mag sein, dass die neuen Abenteuer nicht mehr an die alten Klassiker ranreichen. Spaß machen sie allemal – beim Teutates! Pascal Lienhard
Fatma Sagir: Alphabet der Sehnsucht – Texte zum Vergessen, Edition Schreibstimme, Uster (CH) 2021, 166 Seiten, 16,90 Euro 56 CHILLI CULTUR.ZEIT DEZEMBER 2021/JANUAR 2022
Jean-Yves Ferri (Text) / Didier Conrad (Zeichnungen): Asterix und der Greif, Egmont Ehapa Media GmbH, 2021, 48 Seiten, Hardcover 12 Euro, Softcover 6,90 Euro
LESETIPPS ZWEI MIT VISIONEN
ALTE WEISHEITEN
Seit bald zwei Jahren hat Corona die Welt im Griff. Dabei ist eine Wunderwaffe bereits da. Der Impfstoff des Mainzer Unternehmens BioNTech. Wie hat es das Ehepaar Ugur Sahin und Özlem Türeci geschafft, in so kurzer Zeit einen so wirksamen Impfstoff herzustellen? Das zeigt der Spiegel-Bestseller „Projekt Lightspeed“ in beeindruckender Weise. Financial Times-Journalist Joe Miller hat die zwei Forscher seit März 2020 begleitet und ihre Geschichte aufgeschrieben. Das Buch erzählt die Geschichte eines Paars, das manche als Helden feiern. Es gibt Einblicke in Verhandlungen mit Regierungen und beleuchtet, wie aus einem kleinen Betrieb eine Firma wird, die Milliarden Impfdosen produziert. Doch die Geschichte dreht sich nicht allein um Covid19 – es beleuchtet auch, wie die mRNA-Technologie gegen Krebs oder HIV helfen könnte. So schlimm die Lage zum Jahresende 2021 ist: Ohne Visionäre wie Sahin und Türeci sähe es düsterer aus. Till Neumann
Viele Menschen sind auf der Suche nach Liebe. Viele verzweifeln, wenn sie sich einsam fühlen. Und viele scheitern mit ihren zwischenmenschlichen Beziehungen – immer und immer wieder. Aber warum ist das so? Weil es viel mehr darum geht, zu lieben, anstatt geliebt zu werden. Um Demut, Wohlwollen und Großzügigkeit – erklärte zumindest Henry Drummond vor über 100 Jahren. Paolo Coelho hat die alten Erkenntnisse für sich entdeckt und in seinem neuen Werk für die heutige Zeit adaptiert. „Und wie einfach ist es doch, freundlich zu sein. Freundlichkeit wirkt umgehend und wird nie vergessen“, heißt es etwa an einer Stelle. Mit „Und die Liebe hört niemals auf“ hat der Erfolgsautor die christliche Lehre in klassischer Coelho-Manier in weltliche Weisheiten übertragen. Beinahe jede Seite füllt eine neue Erkenntnis, Kapitel für Kapitel hat der Brasilianer so eine Anleitung fürs alltägliche Leben geschaffen. Liliane Herzberg
Joe Miller: Projekt Lightspeed, Rowohlt Buchverlag, 2021, 352 Seiten, 22 Euro
Paolo Coelho: Und die Liebe hört niemals auf. Nach einem Text von Henry Drummond, Diogenes Verlag, 2021, 112 Seiten, 16 Euro
SKURRILER ROADTRIP
COLLAGE EINER KATASTROPHE
Kein Thriller. Das musste der für dieses Genre berühmte Autor extra auf das Cover schreiben. Damit niemand blind kauft und dann enttäuscht wird. Aber auch Thriller-Fans hätten dieses wunderbare Werk wohl nicht wieder zur Seite gelegt. Livius Reimer und Lea von Arnim spielen die Hauptrollen, sie treffen sich kurz vor dem Abflug im Flugzeug in München und wollen nach Berlin. Der Flug fällt aus, er hat zwar Geld, aber seinen Führerschein vergessen, sie hat einen Führerschein, aber keine Kohle. So starten sie zusammen in einem 7er BMW die lange Fahrt, die so kurzweilig, so skurril, so aberwitzige Haken schlägt, dass man oftmals einfach nur noch laut loslachen kann. Aber auf dem Roadtrip geht es zuweilen auch um die großen Fragen des Lebens. Und Hand aufs Herz: Was würden Sie tun, wenn Sie wüssten, heute ist Ihr letzter Tag? Also der erste letzte Tag … Lars Bargmann
Es sind keine Heldengeschichten, die Uwe Wittstock erzählt. Aber persönlich sind sie, die Schicksale der Schriftsteller·innen, die der Literaturkritiker nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 nachzeichnet. Mit Gepäck, Koffern, einmal nur mit Regenschirm treten sie die Flucht nach Paris, Prag oder New York an. Während sich die Schlinge um Regimegegner wie Brecht oder Mann weiter zuzieht, vermutet manche·r zu Beginn dieser Chronik noch einen üblen Spuk. Aus Lampenfieber vor einem Presseball-Auftritt wird jedoch binnen weniger Wochen Existenzangst vor einem menschenverachtenden Regime. Nur einen Monat später spricht Innensenator Göring: „Meine Maßnahmen werden nicht angekränkelt durch irgendwelche juristischen Bedenken oder irgendeine Bürokratie. Hier habe ich keine Gerechtigkeit zu üben, hier habe ich nur zu vernichten und auszurotten, weiter nichts.“ Philip Thomas
Sebastian Fitzek: Der erste letzte Tag, Droemer, 2021, 272 Seiten, 16 Euro
Uwe Wittstock: Februar 33. Der Winter der Literatur, C. H. Beck Verlag, 2021, 288 Seiten, 24 Euro DEZEMBER 2021/JANUAR 2022 CHILLI CULTUR.ZEIT 57