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chilli – das Freiburger Stadtmagazin

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Ausgabe November 11. Jahrgang / #104

Ausgabe 11- 12/14 2,50 Euro

Was da wieder los ist: Termine & Partys 15.11. – 21.12.14

Chaos als Hilfeschrei Wie eine Freiburger Therapeutin Messies hilft

Kabarettisten Schicksale Volkmar Staub im Interview

Freiburger Kriegskind f indet seine Familie

Sportler

Sascha Riethers Weg in die Heimat

mit W ir t s c h a ft sM a g a zi n biB


CHILLI EDITORIAL

print wirkt

chilli führt Familien zusammen, besucht messies und stille stars

Wissen nur dank des chilli überhaupt von sich: Michael Hausin (Zweiter von rechts) und seine französische Halbschwester Agnés Artaud (Dritte von rechts) mit Familie.

Foto: © ns

Liebe Leserinnen & Leser, es sind im Berufsleben eines Journalisten seltene Momente, in denen er sich richtig freuen kann, dass die Berichterstattung etwas Gutes bewirkt hat. Vor zwei Jahren hatten wir die Titelgeschichte „Leben mit der Lüge“ über Kriegskinder im Blatt. Menschen, die nie erfahren haben, wer ihre Väter sind. Der bekannte Freiburger Konditor Michael Hausin, der 24 Jahre lang die Konditorei im Kornhaus leitete, hatte die Geschichte gelesen. Auch er ist ein Kriegskind. Zwei Jahre später, nach vielen Recherchen und dank eines trickreichen Hoteliers aus Strasbourg, traf der heute 68-Jährige am 8. November 2014 zum ersten Mal in seinem Leben nun seine Halbschwester Agnés Artaud. In Freiburg. Das chilli war bei der rührenden Begegnung dabei. „Danke, dass sie das möglich gemacht haben“, sagte Hausin. Ein seltenes Dokument in der lokalen Berichterstattung dürfte unsere Titelgeschichte über Messies sein. Tanja Bruckert traf dabei eine Frau, deren Geschichte sie selber persönlich berührt

hat. „Messies können einfach nicht unterscheiden, was wichtig ist und was nicht. Das ist wirklich seltsam“, meinte sie nach der Rückkehr in die Redaktion. Felix Holm traf derweil den SC-Profi Sascha Riether. Nationalspieler war er, Deutscher Meister, Premier-League-Spieler. Warum der 31-Jährige für Holm dennoch der unauffälligste Star ist, der je in einem Bundesligateam gespielt hat, lesen Sie auf den Sportseiten. Kein Star, aber sicher einer der besten zehn deutschen politischen Kabarettisten ist Volkmar Staub. Der gebürtige Lörracher – und chilli-Kolumnist – kehrt im November in seine Heimat zurück und spielt ein Heimspiel im Vorderhaus. Im Interview spricht er über die Grausamkeiten im Subtext, die die Menschen von gutem Kabarett erwarten dürfen. Von einem guten Magazin dürfen Sie vor allem gut geschriebene Texte erwarten.Wir hoffen, Sie nicht zu enttäuschen. Bleiben Sie, bleibt uns gewogen.

Herzlichst, Ihr Lars Bargmann, Chefredakteur & die chillisten

November 2014 CHILLI 3


chilli inhalt

Impressum chilli – Das Freiburger Stadtmagazin chilli Freiburg GmbH

Neunlindenstr. 35, 79106 Freiburg fon / Redaktion fon / Anzeigen fax

0761-285 22 22 0761-292 70 60 0761-292 70 61

E-Mail für Online- / Printredaktion redaktion@chilli-freiburg.de

Homepage

www.chilli-online.de

Geschäftsführerin (ViSdP) Michaela Moser (mos)

moser@chilli-freiburg.de

Chefredaktion

Lars Bargmann (bar)

Redaktion

Felix Holm (fho) Tanja Bruckert (tbr)

bargmann@chilli-freiburg.de holm@chilli-freiburg.de tanja.bruckert@chilli-freiburg.de

Kulturredaktion

Michaela Moser (mos) moser@chilli-freiburg.de Erika Weisser (ewei) weisser@chilli-freiburg.de Marlene Schick terminkalender@chilli-freiburg.de

Autoren/innen dieser Ausgabe

> 8-10 Titel: Wie eine Freiburger Therapeutin kranken Messies hilft

Steve Przybilla, Dominik Bloedner, Nicole Kemper, Reinhard Wagner, Marc Bargmann

IN EIGENER SACHE

Grafik

Editorial

Lektorat // Beate Vogt Fotografen // Neithard Schleier Gastkolumnist

GASTKOLUMNE

Florian Schroeder, Geschmackspolizei Freiburg

Nachgewürzt

Titel // © Neue Visionen Filmverleih Bildagenturen // fotolia, istockphoto, pixelio Anzeigenberatung

Mehr Kolumnen

Johanna Klausmann, Anke Huber, Simone Bednarek

Uwe Bernhardt Jonas Stratz Malika Amar Marlene Schick

bernhardt@chilli-freiburg.de marketing@chilli-freiburg.de amar@chilli-freiburg.de schick@chilli-freiburg.de

Anzeigenannahme per E-Mail anzeigen@chilli-freiburg.de

Druck & Belichtung

Poppen & Ortmann KG, Freiburg

Auflage

11.500 Exemplare

Redaktionsschluss

Jeweils am 25. des Vormonats

Druckunterlagenschluss

Jeweils am 28. des Vormonats. Es gilt die Preisliste Nr. 5 Dieser Ausgabe ist ein Wirtschaftsmagazin beigeheftet. Das nächste chilli erscheint am 20. Dezember 2014

ANZEIGE

4 CHILLI November 2014

3 > 14-15 Sport: Die späte Heimkehr des 7

Florian Schroeder

19, 63, 64

Glossen, IN&OUT, Horoskop

TITEL Chaos als Hilfeschrei

8–10

FREIBURG Zeitgeschichte

Eishalle

Sport Fussball

Sammeln und horten, bis die Wohung im Müll versinkt: Messies gelten zu Unrecht als schmutzig

Heimspiel 100%-Freiburg-Macher David Lohmüller

Sascha Riether / EHC: Das Warten auf die

14–15 15

Eishockey

Freiburgs Kufen-Cracks auf Playoffkurs

6 12–13

Wie der Freiburger Michael Hausin seine Familie wiederfand

Der auffällig unauffällige Star Sascha Riether

Szene Fitness

Eine Woche voll verkabelt

16–17

gastrotest

18

Hoteltipp

19

Tapas in St. Barbara | Gastroticker Das Waldhotel in Bad Sulzburg


Special 11/14

CHILLI inhalt

Reise

Spezterial

Karibische Träume

Mythische Begegnung

November 2014 Ausgabe Nr. 9 Sonderteil

Thailand

Foto: © Andaman Discoveries

& Freizeitguide

>

29

> Kabarett: Volkmar Staub über

Faszinierender Inselurlaub auf Kuba

66-74

Sanf Tourismus

Auf den Spuren der „Grünen Fee“

Reise: Einmal um die halbe Welt –

Korrespondentengeschichten

Grausamkeiten im Subtext

KALENDER On Stage

>

»Satire darf alles«

Kabarettist Volkmar Staub im Interview Film-tipp

Gangsterfilm: Einer nach dem anderen

Kultur: Michael Nehls über die Alzhei-

52 –53 54

SPECIAL Lateinamerika

22–51

Performing Change | NÒ Greenstorming Filmfestival Buschorchester | Weihnachtsmarkt Reinhold Beckmann | Stoppok Teatro Colombino | El Mago Masin Matthias Deutschmann | Christoph Sonntag | Mathias Richling | Martin Sonneborn | Einar Stray Orchestra Mikhail Pletnev | Christmas Tattoo Ehrlich Brothers | Circolo | Knock Out Festival | La Vie Parisienne

Kultur

61

mer-Lüge / Die Brothers feiern 35-Jähriges

Neu im Kino

55

Kuba: Zwischen Moderne und Tradition

66–68

Am Airport

69

Französische Schweiz

70

Autor Michael Nehls über sein neues Buch Die Alzheimer-Lüge" "

Südostasien

71

Brennerova, Ich kann da nicht nüchtern hin, Lichtfang u.a.

Südeuropa

72

Höhere Gewalt, Auf das Leben, The Loft DVDs

3 Days to kill; Violette; Lauf Junge, Lauf u.a. Literatur

Buch-Tipps

Musik

56–57

Halten Kurzzeit-Hotels, was sie versprechen?

58–59

Unterwegs auf der Absinthstraße im Juragebirge

59–60

Auf den Spuren der letzten Seenomanden in Thailand

35 Jahre The Brothers": " Eine Freiburger Bandgeschichte Konzert & Konserve

61

62–63

3 Fragen an Ines von den Broilers" " CD-Tipps

Städtetrip nach Mailand Naherholung

Wellness und Spa im Elsass und in Menzenschwand Nordafrika

Geheimtipp: Die Hafenstadt Agadir in Marokko

73–74 74 ANZEIGE

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SCHWARZES BRETT

Zu schön zum Überfliegen

„Es ist schon eine Umstellung, von Indonesien wieder nach Freiburg zurückzukommen. Manchmal vermisse ich hier das Chaos. Etwa, wenn man nachts um drei brav an einer roten Ampel steht, obwohl weit und breit kein anderes Auto zu sehen ist. In Indonesien geht zwar oft etwas schief, der Bus bricht zusammen, eine Schlammlawine begräbt die Straße, aber trotzdem geht alles irgendwie weiter. Auch, wenn es manchmal ewig dauert. Einmal bin ich 48 Stunden am Stück im Bus gesessen, und das Schlimme ist, dass man dabei wegen der vielen Schlaglöcher und Kurven nicht viel machen kann. Beim Lesen wird einem sterbensschlecht, es war eh ein großes Gereiere im Bus, und um auf dem Laptop zu schreiben, ist es zu holprig. Dafür unterhält man sich umso mehr und lernt so viele Leute kennen. Es ist einfach eine authentische Art, zu reisen, wozu

auch gehört, dass man mal neben einer Ziege auf dem Busdach sitzt. Die Welt ist einfach zu schön, um darüber hinwegzufliegen. Einige Erlebnisse werden mir immer in Erinnerung bleiben: Der Vulkan, in dem Menschen unter schlimmen Bedingungen Schwefel abbauen, die vom Tsunami zerstörte Stadt, in der ein riesiges Containerschiff Kilometer weit vom Hafen entfernt gestrandet ist, aber auch die Dschungeltour in Sumatra, bei der wir Orang-Utans gesehen haben, oder die grandiosen Wellen zum Surfen. Mir ist es aber auch wichtig, zu zeigen, dass man für tolle Erlebnisse nicht um die halbe Welt reisen muss, sondern auch den Alltag immer neu entdecken kann. Gerade entsteht ein neues Film- und Fotoprojekt, bei dem ein junger Filmemacher und ich den Nationalpark Schwarzwald in allen vier Jahreszeiten zeigen. Die Idee dahinter ist, nicht nur die wunderbare Natur hier vor Ort in schönen Bildern zu zeigen, sondern vor allem auch junge Leute dazu zu bewegen, dort hinzugehen und diese selbst zu erleben. Auch der Antrieb für meinen „100% Freiburg“-Blog war, zu motivieren, nach immer neuen Motiven und Blickwinkeln zu suchen. So unternimmt man jeden Tag eine kleine Reise. Foto: © David Lohmüller

Per Anhalter nach Afrika, ohne Flugzeug von Kanada nach Feuerland oder mit dem Bus durch den Nahen Osten – Fotograf David Lohmüller ist viel auf Achse und das überwiegend mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder per Anhalter. Seine Erlebnisse hält der 39-Jährige in beeindruckenden Fotografien auf seinem Blog fest. Gerade ist er von einem viermonatigen Roadtrip durch Indonesien zurückgekehrt. Sein jüngstes Projekt dreht sich jedoch nicht um die Reisen in die weite Welt, sondern um seine kleine südbadische Heimatstadt: Als Betreiber der facebook-Seite „100% Freiburg“ arbeitet er gerade an einem neuen Freiburg-Kalender.

Aufgezeichnet von Tanja Bruckert

Reiseblog: www.davidlohmueller.com/blog

Eine ANZEIGE – Zwei MEINUNGEN Wie nett, da bedankt sich eine Frau bei ihrem Exmann, dass " er sich bei der Scheidung so großzügig gezeigt hat“, ist sich der chilli-Redakteur sicher. „Waaas? Da hat eine Frau ihren Mann bis aufs Hemd ausgezogen und reibt ihm das nochmal unter die Nase“, halten die Redakteurin und die Grafikerin dagegen. Ob das Zeitungsinserat nun ernst oder ironisch gemeint ist, weiß wohl nur die Verfasserin selbst – und ihr großzügiger oder geschröpfter Exmann. Doch ein Hingucker ist solch eine fröhliche Scheidungsanzeige so oder so. 6 CHILLI November 2014


SCHWARZES BRETT

Nachgewürzt! 25 Jahre Mauerfall

Foto: © prz

Es gibt einfach keine Zufälle: 25 Jahre nach dem Mauerfall wird in Thüringen der erste Ministerpräsident der Linkspartei regieren. Und schon droht der Bundespräsident mit Sanktionen: „Sollte die Linke an die Macht kommen, dann mache ich die Wiedervereinigung wieder rückgängig.“ Jetzt meinen viele, Joachim Super-Gau(ck) hat die verfassungsgemäße Rolle des Bundespräsidenten nicht verstanden. Darauf erwidert Gauck: „Nein, die Verfassung hat die Rolle von Joachim Gauck nicht verstanden.“ Im Jahr 2014 noch darüber zu jammern, dass ein Linker Ministerpräsident eines ostdeutschen Bundeslandes wird, ist so, wie sich drüber beschweren, dass ein Ostdeutscher Bundespräsident werden darf. Ich weiß ja, wovon ich spreche, wenn ich vom Mauerfall spreche. Als die Mauer fiel, war ich zehn Jahre alt. Ich habe das nur mitgekriegt, weil das „A-Team“ ausgefallen war. Damals an jedem Donnerstag um 18.55 Uhr in der ARD. Im Fernsehen sahen wir Leute mit Frisuren, die man nie zuvor gesehen hatte. Menschen, die mit Playmobil–Autos über Brücken fuhren. Meine Generation, die Mittdreißiger, sagen heute: Osten oder Westen, das sind für uns überhaupt keine Kriterien mehr, solange ein Bioladen und ein Starbucks um die Ecke sind. Und nicht zu viele Ausländer in der Nähe wohnen. Denn Toleranz ist theoretisch immer noch am schönsten. Mit dem Mauerfall waren alle Grenzen hinfällig, der Ost-West-Konflikt erledigt, Gut und Böse keine Kriterien mehr. Und das ist heute ein Problem. Wir müssen uns das Freund-Feind-Denken wieder mühsam erarbeiten. Wenn Hooligans auf Salafisten treffen, kann man das sehen. Da haben die Gegner mehr gemeinsam, als ihnen lieb ist. Erstens sind sie beide Vollidioten. Und zweitens tragen sie beide Bart. Ja, kein Witz. Die neuesten Neo-Nazis heißen jetzt Nipster. Das klingt wie eine illegale Download-Plattform, ist aber die Bezeichnung für einen Nazi, der sich als Hipster tarnt. Mit Jutebeutel, Hornbrille und Vollbart für Tierschutz und vegane Ernährung. Man will schließlich kein Blut vergießen, wenn es nicht von Menschen stammt. Bei den Nazi-Hooligans in Köln hat man gesehen: Die Gefahr ist nicht, dass wir in alte Muster der 80er-Jahre zurückfallen. Die Gefahr ist, dass wir in Muster von vor 80 Jahren zurückfallen.

SPRUCH MIT MÄNGELN Eine glatte Wand, ein Fastfood-Restaurant, ein Stück Straßenmalkreide: So schnell geht’s, und schon ist ein Schlachtruf in der Welt – wahrscheinlich sogar schneller, als ein Burger gebraten ist. Doch Vorsicht, denn dieser Satz in unmittelbarer Nähe des Martinstors ist eindeutig zweideutig. Was will er uns nun wirklich sagen? Dass man auf den Bratling der Marke „M“ am besten verzichtet? Oder vielleicht doch etwas ganz anderes? Unser Tipp: Wir sollten unser Geld lieber in einen Englischkurs investieren. Sollte der Urheber dieser Zeilen auch mal machen. Dann wird auch dem „yoor“ beim nächsten Mal vielleicht sogar ein „your“. Der arme Sandstein.

SEX IM WARTEHÄUSCHEN

tbr/prz/bar

Florian Schroeder, Kabarettist, studierte in Freiburg, lebt in Berlin und vergibt die chilli-Schote am goldenen Band.

Foto: © Privat

Unsere Lieblingspolizeimeldung des Monats führt nach Breisach. Auch dort gibt es Buswartehäuschen. Aber dort, nicht wie andernorts, „passierte Geschlechtsverkehr“, wie die BZ die Meldung in Worte fasste. Huch, jetzt ist uns tatsächlich Geschlechtsverkehr passiert, mögen der 60-Jährige und die 47-Jährige tags drauf gedacht haben. Nun, es waren Zeugen bei der mutmaßlichen Zeugung zugegen. Und weil Sex in the middle of the City ja so gar nicht geht, riefen Menschen, die gerade nicht zeugten, die Polizei an. Gut, es war 12.30 Uhr. Man hätte auch jubilieren können: So will ich im Alter auch mal drauf sein. Aber wir sind hier nicht auf dem Kiez: Das kopulierende Pärchen hat nun eine Anzeige im Po-Esiealbum. Und muss künftig womöglich häufiger Bus fahren: Sex in der Öffentlichkeit kann schnell ein paar Hundert Euro kosten.

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Titel psychologie

Chaos als Hilfeschrei Wie eine Freiburger Therapeutin Messies hilft von Tanja Bruckert

S

ie sammeln und horten, bis die Wohnung im Chaos versinkt: In Deutschland leben Schätzungen zufolge zwischen 300.000 und 2,5 Millionen Messies – eine zuverlässige Zahl gibt es nicht. In der Gesellschaft gelten sie oft als verwahrlost, schmutzig, zu faul zum Aufräumen. Zu Unrecht, weiß die Freiburger Therapeutin Veronika Schröter. Sie hat sich auf die Behandlung von Menschen mit Messie-Syndrom spezialisiert. Von Menschen mit einer seelischen Störung, bei denen das äußere Chaos das innere widerspiegelt. Ihre Patienten kennen sie als ordentliche und gut organisierte Logopädin – der Schreibtisch ist stets aufgeräumt, die Praxis blitzblank, die Kleidung sauber und gebügelt. Was sie nicht wissen und nie ahnen würden: Anna Schusterer* ist ein Messie. In jedem Zimmer ihrer Wohnung, in der sie mit ihrem Mann und ihrer 15-jährigen Tochter lebt, stapelt sich Papier. Freunde oder Verwandte einzuladen ist unmöglich, der Besuch des Schornsteinfegers wird zur Nervenprobe – zu groß sind die Scham und die Angst vor den Reaktionen, die von Unverständnis bis hin zu Ekel reichen. „DasMessie-SyndromwirdoftalsVermüllungssyndrom missverstanden. Messies, das sind die Menschen, in deren Wohnungen es krabbelt, schimmelt und riecht“, fasst Therapeutin Schröter die gängigsten Vorurteile zusammen. Aber das sei weit gefehlt: Der typische Messie ist nicht der arbeitslose Jogginghosenträger mit fettigen Haaren, sondern der Geschäfts-

mann mit dem gebügelten Anzug und dem schicken Wagen in der Garage. „Viele meiner Klienten sind aus der Mittel- oder Oberschicht, beruflich erfolgreich und sehen wie aus dem Ei gepellt aus“, erzählt die 52-Jährige. Es ist Mittagszeit. Schusterer steht am Herd. Die Tochter kommt gleich aus der Schule, es gibt Buchweizen mit Zucchini, Mais und Sojabällchen. Die alte Holzküche ist blitzblank, die Fliesen glänzen, vor dem Fenster blühen Geranien. Sauberkeit ist der berufstätigen Mutter sehr wichtig, sie sei da „päpstlicher als der Papst“. Doch wenn man aus der Küche kommt, steht man in einem Wohnzimmer, in dem sich alte Zeitungen, Zeitschriften, Bücher und alte Briefe bis zur Decke stapeln. Die drei Schreibtische der Familie quellen über, Pappe und Holz liegen vor dem Ofen verstreut, auf dem Boden steht ein Käfig mit Meerschweinchen. Lediglich ein schmaler Gang führt durch das Chaos. Schusterer ist kein fauler Mensch: Neben ihrem Beruf engagiert sie sich ehrenamtlich, setzt sich für den Umweltschutz ein, sorgt für ihre Familie und ihre Haustiere. Die 54-Jährige ist auch nicht schlampiger als andere Menschen: Sie leidet unter einer „psycho-emotionalen Befindlichkeitsstörung“, wie es im Fachjargon heißt: Sie kann sich einfach nicht entscheiden, was nützlich ist – und was nicht. Der gelesenen Zeitung wird der gleiche Wert beigemessen wie einem wichtigen Dokument. Während ein gesunder Mensch das eine in den Mülleimer wirft und das andere abheftet, sammelt und hortet der Messie beides.

Foto: © istockphoto.com

Klienten wie aus dem ei gepellt

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Titel psychologie

Dabei haben sich die Betroffenen oft ein eigenes Ordnungssystem geschaffen, wie sie in ihrem Chaos zurechtkommen, berichtet Schröter, die nach 13 Jahren als Messie-Therapeutin hunderte solcher Wohnungen kennt. Etwa die Bude eines Studenten mit Messie-Syndrom, der sein Schlafzimmer bis unter die Decke mit Möbelstücken vollgestellt hat und sich an einem Seil nach oben zieht, um die obersten zu erreichen. Oder die Wohnung, in der sich so viel angesammelt hat, dass der Vermieter sie zwangsräumen will, weil er Angst hat, dass die Decke durchbricht.

Das schmeiSS ich jetzt weg Was hinter der Sammelwut steckt, ist in Deutschland kaum erforscht. Schröter hat daher acht Jahre lang einzelne Forschungsarbeiten zusammengetragen, um die Ursachen herauszufinden. Ihr Ergebnis: „Die meisten Betroffenen haben schon früh in ihrem Leben die Erfahrung gemacht, dass nicht ihre Bedürfnisse zählen, sondern dass sie sich dem Willen der Erziehungsberechtigten unterzuordnen haben.“ Ein Wille, der oft mit körperlicher oder psychischer Gewalt durchgesetzt wurde. Eine weitere Ursache kann der frühe Tod eines Elternteils sein, der nicht verarbeitet wurde. „Die Wohnungen sind ein einziger Hilfeschrei“, so Schröter, „da stecken meist eine unglaubliche Enttäuschung, Trauer und Wut dahinter.“ Bei Schusterer sind die Ursachen ihres Messie-Problems

nicht sofort zu erkennen – auf den ersten Blick scheint sie eine perfekte Kindheit in einer wohlhabenden Familie gehabt zu haben. Doch während die Eltern nach außen hin bemüht waren, den Schein der glücklichen Familie zu wahren, zerbrach die Familie. Der Vater war untreu und schwängerte eine Angestellte, die Mutter, die selbst jahrelang keine Kinder bekommen konnte, dachte an Selbstmord. Die Eltern nahmen das uneheliche Kind bei sich auf, drei eigene Kinder folgten unerwartet. Als Schusterer elf Jahre alt ist, stirbt der Vater, die Mutter ist mit vier Kindern überfordert und lässt keinen Raum für Trauer zu. Für Schusterer ist das der Zeitpunkt, ab dem ihre Messie-Probleme begannen. Mittlerweile hat sie dreieinhalb Jahre Psychotherapie hinter sich. Wirklich geholfen hat sie ihr nicht. Auf Drängen ihrer Tochter besucht die 52-Jährige dann im vergangenen April einen Vortrag von Veronika Schröter – und ist begeistert: „Da stand eine Frau und hat mir mein Leben erklärt. Mir war gleich klar: Das ist der Mensch, auf den ich gewartet habe.“ Schusterer überwindet ihre Scham und meldet sich für eine von Schröters Gruppen an, die sich ein Jahr lang regelmäßig trifft. Den Weg aus dem Chaos weist die Therapeutin hier mit einem selbst entwickelten Konzept, das stark auf der Gestalttherapie basiert: über Probleme wird nicht nur geredet, ihnen wird körperlich nachgespürt. Schröter steht auf und legt ein gelbes und ein orangefarbenes Blatt Papier auf den Parkettboden ihres hellen Praxisraums – sie stehen für Mutter und Vater. Nun sollen die Patienten eine der Figuren wählen, die auf der Fensterbank stehen. „So etwas bekomme ich dann typischerweise zu sehen“,

Beratung Nützliche Links > www.veronika-schroeter.de > www.treffpunkt-freiburg.de/ shg_messies > www.deutsche-messie selbsthilfe.de > www.messiehilfe.ch

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Messie-Therapeutin Veronika Schröter: „Da stecken Wut und Trauer dahinter.“ Foto: © tbr

sagt die Therapeutin und stellt eine hölzerne Kriegerstatue auf den Platz des Vaters und eine kleine, weiche Puppe auf den der Mutter. „Dann bitte ich den Klienten, sich selbst als Kind in dem Raum zu platzieren“, fährt sie fort und wählt einen Plüschhund aus einem Haufen Stofftiere. In der den Eltern entgegengesetzten Ecke des Raumes setzt sie den Hund ab – unter einem Tisch mit dem Gesicht zur Wand. Es braucht kein Psychologiestudium, um zu verstehen, welche Kindheit ein Mensch, der solch eine Wahl trifft, gehabt hat. Und es wird auch deutlich, warum es nicht hilft, einfach in die Wohnung zu spazieren und aufzuräumen. Über Fernsehshows, bei denen ein Entrümplungsteam einem Messie die Wohnung ausräumt und neu einrichtet, kann Schröter nur den Kopf schütteln: „Das ist zu kurz gedacht.“ Anstatt die Symptome zu behandeln, müsse man die Krankheit bei der Wurzel packen. Und auch dann erfolgt die Besserung nur in kleinen Schritten. Schusterer besucht nun seit einem halben Jahr die Gruppentherapie. Vor Kurzem wanderte der erste Zeitungsstapel in den Müll. Wertvoller als die Ordnung in ihrer Wohnung sind ihr jedoch die inneren Veränderungen, die die Gruppe bei ihr bewirkt: „Die Umwelt erwartet, dass sich schnell was verändert. Doch wichtiger ist, dass ich durch die Gruppe die Liebe zu mir selbst gefunden habe. Das gibt mir die Kraft, zu sagen: Das schmeiß ich jetzt weg.“ *Name von der Redaktion geändert


Postareal in Freiburg. Auf dem ehemaligen Postareal in Freiburg realisiert die STRABAG Real Estate GmbH, Bereich Freiburg, einen weiteren Baustein an Freiburgs Büro- und Dienstleistungsmeile, der Bahnhofachse. Darüber hinaus planen wir auf dem Areal weitere Bürogebäude, ergänzt durch Dienstleistungen wie Gastronomie, Hotel und eine Kita. Bei der Realisierung setzen wir auf die Kraft des Teams: Generalunternehmen für unsere Projekte ist die Ed. Züblin AG, unsere starke Konzern-Partnerin. Sie suchen einen repräsentativen Standort? Wir bieten Ihnen maßgeschneiderte Gewerbemietflächen in nachhaltigen Gebäuden, geplant mit renommierten Architekten. Sprechen Sie uns an, wir beraten Sie gerne! www.strabag-real-estate.com

STRABAG Real Estate GmbH, Bereich Freiburg, Schnewlinstr. 10, 79098 Freiburg, Tel. +49 761 45904-0, sre.freiburg@strabag.com


Nun haben sie sich erstmals im Arm: Nach einem chilli-Bericht suchte Michael Hausin seinen leiblichen Vater – und fand seine Halbschwester Agnés Artaud, die ihn nun in Freiburg besuchte.

Foto: © Neithard Schleier

Spätes Glück

Cœurs sans Frontières: Wie das Freiburger Kriegskind Michael Hausin mit 68 eine neue Familie findet

E

r saß in einem Restaurant in der Herdermer Nachbarschaft. Und las die Titelgeschichte „Leben mit der Lüge“ im Freiburger Stadtmagazin chilli. Es geht um Kriegskinder. Um Kinder, die ihren leiblichen Vater nie gesehen haben. Michael Hausin las und fasste einen Entschluss: Das Magazin wanderte in seine Manteltasche, zu Hause setzte sich ans Telefon. Auf der Suche nach seinem unbekannten Vater. Wochen vergehen, Monate, Hoffnungen und Enttäuschungen sind seine Zeitgenossen. Jetzt ist er am Ziel seiner jahrzehntelangen Suche: Am 8. November traf der Freiburger Konditor, gezeugt ein halbes Jahr nach Kriegsende von einem französischen Soldaten, zum ersten Mal seine Halbschwester, 68 Jahre nach seiner Geburt. „Das war ein sehr berührendender Moment in meinem Leben“, sagte er nach dem Wiedersehen in Freiburg, „ich danke Ihnen, dass Sie das durch Ihre Geschichte möglich gemacht haben.“

Michael Hausin wuchs im Allgäu auf. Der Krieg war zu Ende, seine Mutter Hildegard hatte nach einem Tanzabend ein nächtliches Tête-à-Tête mit einem französischen Soldaten. In dieser Nacht wurde Michael gezeugt. Als der Bauch dicker wurde, war der Franzose schon wieder weg.Wie sich später herausstellte, nach Freudenstadt abkommandiert. Die streng katholische Oma Katharina Dötterl schickte die Mutter ohne Mann weg aus dem Dorf, nach Lindau zum Arbeiten. Statt jeden Tag mit der Scham leben zu müssen, zog sie den Buben lieber selber groß. „Meine Oma war eigentlich die ganze Zeit meine Mutter, meine leibliche Mutter habe ich immer nur ein, zwei Mal im Jahr gesehen“, sagt Hausin. Die Jahre vergingen, Hildegard arbeitete inzwischen in Baden-Baden als Zimmermädchen und lernte dort – wieder in einer langen Nacht – Heinz Hausin kennen, der Pâtissier im

der bauch wuchs, der vater war weg

12 CHILLI November 2014


zeitgeschichte kriegskinder

Kurhaus war. Die beiden heiraten 1954, übernehmen im selben Jahr noch das Greiffenegg-Schlössle auf dem Schloßberg in Freiburg. Um die Zeit wird die Oma sehr krank, die Familie schob den Grundschüler wieder zu seiner Mutter ab.„Ich wurde von heute auf morgen mit dem Zug nach Freiburg geschickt“, erzählt Hausin. Zum Empfang sagte seine Mutter dann:„Du gehst jetzt in die Küche und sagst ‚Guten Tag, Papa’ und gibst ihm einen Kuss.“ Der Kleine hatte den Mann zuvor nie gesehen. Sehr liebevoll war die Beziehung von Stiefvater und Stiefsohn nicht. Aber der Feinbäcker brachte dem Buben viel bei und machte aus ihm, der eigentlich wie seine Onkel zur Bahn wollte, einen Konditor. Seine neuen Eltern bekamen einen Jungen und eine Tochter, die vor allem Heinz näher waren. Er schickte Michael erst in die Lehre nach Rheinfelden, und nachdem der dort fertig war, weit weg in einen Betrieb nach Elmshorn. 1967 kauften die Hausins dann das Schlosscafé in Bad Krozingen. Da der Pachtvertag mit der Ganter-Brauerei im Greiffenegg noch lief, wurde Michael flugs nach Bad Krozingen „abkommandiert“ und lieferte jeden Abend die Umsätze beim Stiefvater ab. Bis er es eines Tages satt war, das fünfte Rad am Wagen zu sein, und mit der Familie brach. 1970 lernte Michael seine Frau kennen, drei Jahre später heiratete er Ulrike. Immer wieder glimmt der Wunsch auf, nach seinem echten Vater zu suchen: „Ich wollte wissen, wo meine Wurzeln sind, aber meine Mutter hat bis wenige Jahre vor ihrem Tod nichts sagen wollen.“ 1978 übernahm Michael Hausin die Konditorei im Kornhaus am Münsterplatz, die er bis 2002 erfolgreich führte. „Roland Burtsche hatte damals beim Besitzer Willi Kempter ein gutes Wort für uns eingelegt“, erinnert er sich. Erst als die Mutter 2004, 2005 schon im Heim in Bad Krozingen war und der Sohnemann mal drei gute Flaschen Rotwein mit ihr leerte, sprach sie endlich über die Nacht von einst: „Du siehst ihm ähnlich. Er hieß Jean-Louis Ballet, war Sergeant-Chef bei den Franzosen und hatte oft Pakete von seinen Eltern aus Algerien bekommen.“

Diese Information sollte am Ende zum Ziel führen. Das chilli hatte den Kontakt zum Verein Cœurs sans Frontières (Herzen ohne Grenzen) gedruckt. „Meine Mutter, ich und auch Herzen ohne Grenzen stießen beim französischen Militär aber immer auf eine Mauer des Schweigens.“ Klar, die Generäle wollten ihren siegreichen Kämpfern von einst nicht heute noch die vielen gezeugten Kriegskinder als späte Belohnung aufdrängen. Es war der Hotelier Franck Rolland aus Strasbourg, auch er im Verein aktiv, der das Schweigen des Militärs kannte und mit einem Trick letztlich den Kontakt herstellte: Er habe einen Stammbaum zu machen, es gehe um den Soldaten Jean-Louis Ballet, dessen Eltern zu der Zeit in Algerien gelebt haben. Ob man ihm einen Kontakt machen könne. Es meldete sich dann ein Cousin, einen Jean gebe es nicht, aber ansonsten passt alles. So fand der Mann Hausins leiblichen Vater, Louis Ballet. Der aber war schon am 25. März 1996 mit 75 Jahren verstorben. Eines Tages rief Rolland wieder an:„Hallo Michael, ich habe Deine Halbschwester gefunden.“ Hausins Herz pochte. Agnés Artaud ist quicklebendig, geboren 1957 und lebt heute in Aix-en-Provence. „Als ich erfahren habe, dass ich noch einen Bruder habe, war ich sehr überrascht, freudig, aufgeregt“, erzählt sie auf der Terrasse ihres Bruders. Michael sei ein spätes Geschenk ihres Vaters.„Sie kam sofort auf mich zu und hat mich umarmt, wir haben eine so liebevolle Familie gefunden“, freut sich Hausin. Agnés hat gleich ihren Freund, ihre beiden Söhne Yannik und Christophe und deren Freundinnen mitgebracht. Die Söhne nennen ihn schon Opa. Die neue Familie schlendert am 9. November, am Tage des Mauerfalls, gemeinsam über den Münsterplatz am Kornhaus vorbei,macht einen Abstecher ins Greiffenegg-Schlössle, nimmt einen ausgedehnten Kaffee im Colombi – wichtige Stationen im Berufsleben von Michael Hausin. Am Abend lustwandeln sie über die Plaza Culinaria.„Ich bin jetzt nicht mehr traurig, dass ich meinen Vater nie kennengelernt habe“, sagt Hausin, „sondern glücklich, eine Schwester und eine neue Familie gefunden zu haben.“ Lars Bargmann

Fotos: © privat, ns

Mutter schwieg 60 Jahre lang

Stationen zum Glück: Hausins Mutter Hildegard (o.l.), Oma Katharina mit klein Michael, Louis Ballet (l.) und Hausin im Dienst, Hausins am Hafen von Marseille (wo Ballet wohnte, was Michael aber nicht wusste), Agnés mit Söhnen, Louis Ballet im Familienkreis und schließlich Hausin mit Frau Ulrike und seiner neuen Familie.

November 2014 CHILLI 13


Dies war eine Leseprobe der November-Ausgabe 2014.

Sie haben lust auf mehr? Das komplette Heft ist unter abo@chilli-online.de oder im Handel erh채ltlich.


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