Ausgabe Juli/August 12. Jahrgang / #111
Ausgabe 07- 0 8/15 2,50 Euro
Was da wieder los ist: Termine & Partys 18.07. – 31.08.15
FLÜCHTLINGE „Keine Familie, kein Leben“
MÜLLWERKER
Herdern ist das Psychodrom
FESTIVALS
Was da wieder los ist
SC FREIBURG
Streich und Schuster vor der neuen Saison
mit W irtschafts M aga zin biB
»Made in Südbaden«
Viele heimische Streifen auf dem 12. Freiburger Filmfest
Special Festivalguide
Thank you for the music
Im Dreiländereck hat der Festivalsommer begonnen
Foto: © Mathias Osti
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75 CHILLI Juli/August 2015
ir wollen es laut, wir wollen es heiß, wir wollen es draußen! Stickige Clubs kann man im Sommer getrost vergessen, denn die Party verlagert sich in den lauen Nächten unter den freien Himmel. Die Bandbreite im Dreiländereck ist riesig: Mal nach Basel düsen, um Schweizer Bands auf dem Rhein spielen zu hören? In Colmar Superstars wie David Guetta live erleben? Oder doch lieber in Emmendingen afrikanischen Klängen lauschen? Doch warum in die Ferne schweifen, wenn die guten Festivals liegen so nah? Der Freiburger Münstersommer vereint gleich 16 verschiedene Feste. Nicht nur musikalisch wird hier einiges geboten, auch in Sachen Literatur, Theater, Zirkus und Film schöpft die südbadische Hauptstadt aus den Vollen. Filme unterm Sternenhimmel zeigt diesen Sommer nicht nur Freiburg, auch in der Ortenau, in Weil am Rhein und Rheinfelden sind aktuelle Kinohits und unvergessene Klassiker zu sehen. Open-Air-Vergnügen vom Feinsten! Tanja Bruckert
Special Festivalguide
Von David Guetta bis Asaf Avidan Rock, Pop und Elektro in der Region
n Frankreich oder der Schweiz, am See oder auf dem Fluss, vom Plattenteller oder mit Live-Bands – nie ist es so schön, im Dreiländereck zu wohnen, wie in der Festivalzeit. Während manche Festi-
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vals mit großen Namen locken, stehen andere für intime Konzerte in lauschiger Atmosphäre oder einfach für eine tolle Partystimmung. Für welche Festivals es sich lohnt, in den Zug oder ins Auto zu steigen.
Zeltival
Im Fluss
Was das ZMF in Freiburg, ist das Zeltival in Karlsruhe. Das Konzept ist ähnlich: große Zelte, tolle Konzerte und ein Musikmix, bei dem jeder etwas für seinen Geschmack findet – sei es Jazz, Blues, Elektronik oder doch lieber Ukulelenmusik. Eröffnet wird das Festival von Bläser Fred Wesley mit seinen geschmeidigen Funk-Grooves. Weitere bekannte Namen folgen wie Götz Alsmann (16. Juli), DJ Shantel mit seinem Bucovina Club (20. Juli), Willy Astor (30. Juli), Tocotronic (1. August) oder Leslie Clio (7. August). Und auch einiges abseits des Mainstreams ist zu finden, wie singende Vintage-Damen (The Puppini Sisters, 11.7.), ein Ukulelenorchester (The Ukulele Orchestra of Great Britain, 13.7.) oder eine Dreiecksgeschichte zwischen Männern mit Schleuderbrettern (Cirque Inextremiste, 11.8.).
Auf dem Rhein schwimmt in der Abenddämmerung ein Floß, bunt angeleuchtet, Nebel wabert über seine Ränder hinweg. Auf ihm steht eine Band und heizt dem Publikum, das sich am Rheinufer versammelt hat, mächtig ein. Basels Floß-Festival begeistert mit einer beeindruckenden Kulisse und ausgewählten Bands. Ganz große Namen sind nicht zu finden, dafür einige Schweizer Bands, die zu entdecken sich lohnt: King Legba & The Loas (29. Juli), die mit rauem Rock’n’Roll überzeugen, oder Nicole Bernegger (15. August), die Frau mit der mächtigen Soul-Stimme. Ergänzt wird das Line-up mit einigen internationalen Künstlern wie Yasmine Hamdan (28. Juli), Ikone der arabischen Underground-Szene, der neuseeländischen Reggae-Band Katchafire (4. August) oder den leicht verrückt anmutenden dänischen Rhytm&Blues-Musikern von Jordans Drive (14. August).
Foto: © Chris Danneffel, Rock am See
Wann? 9. Juli – 12. August Wo? Tollhaus Karlsruhe
Wir verlosen 2x2 Tickets für Leslie Clio
Schickt eine E-Mail an: gewinnspiel@chilli-freiburg.de
ust Wann? 28. Juli – 15. Aug Wo? Rheinufer, Basel
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Special Festivalguide
Tension Festival
Wann? 1. August Wo? St. Jakobareal Basel
Bereits zum 15. Mal ertönen auf dem Emmendinger Schlossplatz afrikanische Klänge. „Farbe bekennen“ ist das Motto der aktuellen Auflage – Farbe bekennen zur Hautfarbe, zur Musik, zu Traditionen und Lebensweisen, Farbe bekennen zum Andersdenken und Anderssein. Denn beim African Music Festival geht es nun mal um mehr als die Musik. Und so stehen nicht nur tolle Musiker, sondern auch besondere Menschen auf der Bühne. Künstler, die einfach ihr Programm abspulen – das gibt es hier nicht. „Viele Künstler, die bereits bei uns waren, empfehlen uns wegen der familiären Atmosphäre weiter“, weiß Festivalgründer Raphael Kofi Bentum. „Sie fühlen sich bei uns als Teil des Festivals und kommen nicht hierher, um zu spielen und gleich wieder zu gehen.“ Wie immer steht jeder Festivalabend unter einem eigenen Thema: Am Freitag bringen Soul-Family, Wally Warning und Septeto Santiaguero Salsa- und Latinsounds auf die Bühne. Der Samstag steht im Zeichen des Raggae, mit Complet’ Mandingue, Macka B und Anthony B. Sonntag folgt Weltmusik von Forét Sacrée, Äl Jawala und den Mahotella Queens.
Lieber Open-Air-Festival oder doch Clubatmosphäre? Beim Tension Festival braucht sich niemand zu entscheiden. Von Foto: © Tension Festival zwölf bis Mitternacht wird unter freiem Himmel gefeiert, dann zieht das größte elektronische Musikfestival in der Nordschweiz in die Clubs Nordstern, Hinterhof und Garage um. Auf dem Programm steht drinnen und draußen Deep House, House und Techno. Open Air sorgen Nina Kraviz, Dennis Ferrer, Claptone oder Karotte für Stimmung. Im Hinterhof werden die Berlinerin Anja Schneider und Rodriguez jr. an den Plattentellern stehen. Im Nordstern legen Martin Buttrich und Butch auf und in der Garage Monkey Safari sowie Kellerkind.
Wir verlosen je 2 x 2 Tickets für den Salsaund den Weltmusik-Abend.
Wann? 7. – 16. August Wo? Parc Expo Colmar
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Rock of Ages
Wann? 31. Juli – 2. August Wo? Festplatz Seebronn
Foto: © Rock of Ages
Familienfreundliches Rockkonzert: Das scheint ein Widerspruch in sich zu sein. Doch das Rockof-Ages-Festival zeigt seit zehn Jahren, wie gut das funktioniert. Unter dem Motto „Das Beste vom Besten“ findet das Festival erstmals an drei Tagen statt. Jeder Tag steht unter einem eigenen Motto: Freitag ist Party-Tag, Samstag wird gerockt, Sonntag ist Legenden-Abend. Los geht’s Freitag mit der Crossover-Show „Rock meets Classic“. Rocklegenden wie Ian Gillen von Deep Purple oder Rick Parfitt von Status Quo kombinieren, unterstützt von einem Orchester, Rock-Hits mit gefühlvoller Klassik. Headliner am Samstag ist der ehemalige Scorpions- und U.F.O.-Gitarrist Michael Shenker mit seinem Temple of Rock feat. Graham Bonnet. Der Sonntag startet mit einem kostenlosen Rahmenprogramm – auch für Kinder –, bevor Manfred Mann mit seiner Earth Band, Uriah Heep und The Hooters den Rock der 60er bis 80er Jahre wieder aufleben lassen. 73 CHILLI Juli/August 2015
Wir verlosen je 2 x 2 Tickets für das Festival Schickt eine E-Mail an: gewinnspiel@chilli-freiburg.de
Foire aux Vins Fünf Gründe, warum man die Foire aux Vins nicht verpassen sollte: 1. Weil es kein anderes Weinfest gibt, bei dem Rock, Pop und HipHop auf dem Programm stehen. 2. David Guetta am 9. August. Love Don’t Let Me Go, Sexy Bitch, Little Bad Girl, Dangerous – hat der französische Superstar eigentlich einen einzigen Song, der einen nicht vom Stuhl reißt? 3. Weil Rap aus Frankreich einfach immer noch der Beste ist. Den Beweis liefert Black M am 16. August mit seinem Mix aus HipHop, R’n’B und perfekten Beats. 3. Schon mal einen 90-Jährigen getroffen, der von sich selbst sagt, er sei ja „erst 90“? Die Gelegenheit gibt’s am 7. August beim Chanson-Sänger Charles Aznavour. 4. Weil das Line-up direkt aus den Charts zu stammen scheint: Lilly Wood & The Prick, Asaf Avidan, Steve Aoki 5. Die Mischung macht’s. Die Konzerte sind für Jung und Alt gleichermaßen spannend. Da trifft etwa am 13. August Alt-Rocker Iggy Pop auf die amerikanisch-irische Band Dropkick Murphys oder am 11. August der 1961 geborene Sänger Florent Pagny auf den jungen elsässischen Flo.
Wir verlosen 2 x 2 Tickets für David Guetta
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Foto: © Foire aux Vins
African Music Festival
Wann? 31. Juli – 2. August ndingen Wo? Schlossplatz Emme
Open Air Basel
Wann? 14. & 15. August Wo? Kaserne Basel
Das Open Air Basel macht es wie beim Kindergeburtstag: Für jedes Jahr darf ein Gast eingeladen werden. Sechs Jahre alt wird das beliebte Basler Stadtfest in diesem Jahr, und daher werden auch sechs Bands die Bühne auf dem charmanten Kasernenareal bespielen. In diesem Jahr sind bekannte, aber keine ganz großen Geburtstagsgäste dabei. Wichtiger ist den Festivalmachern die Mischung aus intimen Musikmomenten und tanzwütigen Stimmungskanonen. Und diese Mischung ist ihnen definitiv gelungen. Am Freitag rocken Little Dragon, The Notwist und die Mark Lanegan Band die Bühne. Die schwedische Synthpopband Little Dragon mischt gekonnt R&B, Electro und Dancesounds. The Notwist weiß ebenfalls mit verschiedenen Einflüssen zu spielen: Komplexe Rhythmen, maschinelle Töne und handgemachte Melodien vermischt das bayerische Quintett zu einer spannenden Klangcollage. Samstag wird Basel dann zum Inselstaat: SOHN, Michael Kiwanuka und Maribou State Live bringen den UK-Sound in die Schweiz. Der Londoner SOHN, der mittlerweile in Wien lebt, berührt mit seiner eindringlichen Stimme und seinen Synthsounds. Michael Kiwanuka bringt mit seinem Soul der Siebziger dann etwas Ruhe in den Abend, bevor Maribou State mit ihrem elektronischen Dancefloorsound nochmal richtig zum Tanzen einladen.
Rock am See
Wann? 4. September Konstanz Wo? Bodenseestadion,
Das Warten hat ein Ende: Nach einer einjährigen Pause meldet sich das Open-Air-Festival „Rock am See“ wieder zurück. Und das mit einem Line-up, das sich sehen lassen kann: Die mehrfachen Grammy- und Brit-Awards-Gewinner Kings of Leon werden am Bodensee ihr einziges Deutschlandkonzert in diesem Jahr geben. Die Broilers reisen mit ihrem Nummer-Eins-Album „NOIR“ im Gepäck an. Mando Diao, die bereits als Schwedens beste Live-Band ausgezeichnet wurden, treten in neuer Besetzung auf. Der britische Singer-Songwriter Frank Turner macht mit seiner Band „The Sleeping Souls“ einen Stopp bei Rock am See. Und die Punkrockband Itchy Poopzkid wird – wie nicht anders von ihr gewohnt – die Bühne rocken. Zusammen mit dem britischen Sextett Skinny Lister und der deutschen Rockband Schmutzki werden die Bands ein zehnstündiges Musikprogramm für die erwarteten 20.000 Besucher hinlegen.
Wir verlosen 2 Fanpakete mit je zwei Tickets und DVDs der „Kings of Leon“
Schickt eine E-Mail an: gewinnspiel@chilli-freiburg.de
Eine Stadt, ein Sommer, sechzehn Festivals Der Freiburger Münstersommer 2015
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en Münsterorgeln lauschen, Filme unterm Sternenhimmel anschauen, mit Barockmusik in den Tag starten oder auf dem Kartoffelmarkt in Romanen schmökern – der Freiburger Müns-
Museumsnacht
tersommer vereint eine Vielzahl kultureller Aktionen. Bis zum 29. September zeigt die südbadische Hauptstadt, was sie in Sachen Musik, Literatur, Film, Theater oder Zirkus so draufhat.
Sommernachts-Kino
r Wann? 25. Juli, 18 – 1 Uh Freiburg n, see Mu Wo? Städtische
Wann? 1. – 31. August Freiburg Wo? Schwarzes Kloster,
Nachts im Museum: Einmal im Jahr erwachen die Freiburger Museen in der Dunkelheit zum Leben. Cartoonist Peter Gaymann wird im Museum für Neue Kunst zu Besuch sein, im Museum Natur und Mensch trifft Oper auf Rap, und im Archäologischen Museum Colombischlössle steht eine historische Fashion-Party auf dem Programm. Getanzt werden darf bis 2 Uhr nachts im Augustinermuseum.
Die erfolgreichste französische Komödie seit „ziemlich beste Freunde“: Monsieur Claude und seine Töchter (29. Juli, 11. August) // Bissige Sartire rund um einen frustrierten Ex-Hollywoodstar: Birdman (1. August) // Wenn der Elternabend aus dem Ruder läuft: Frau Müller muss weg (4. August) // Nachdenkliche Culture-Clash-Komödie über eine portugiesische Familie in Frankreich: Portugal, mon amour (9. August) // Deutsch-österreichischer Krimi mit viel schwarzem Humor: Das ewige Leben (16. August) // Klassiker aus dem Jahr 1959: Bettgeflüster (20. August) // Amerikanisches Geschichtsdrama über die Selma-nach-Montgomery-Märsche: Selma (24. August) // 18.000 Kilometer, 22 Länder, 365 Tage: Pedal the World (2. September) // Feinfühliges Künstlerporträt von William Turner: Mr. Turner – Meister des Lichts (4. September).
Klavierfestival
Wann? 13. – 25. Juli us, Freiburg Wo? Historisches Kaufha
Highlight für alle, die nicht selbst in die Tasten hauen wollen: das Pianofest mit Konzerten der Starpianisten Jura Margulis (13. Juli), Peter Donohoe (16. Juli) und Bernd Glemser (18. Juli). 71 CHILLI Juli/August 2015
Foto: © Städtische Museen Freiburg
Special Festivalguide
Special Festivalguide
Unter Sternen
21.30 Uhr Wann? 1. – 29. August, je helmstraße 15/1, Freiburg Wo? Spechtpassage, Wil
Das Rahmentrommelfestival Tamburi Mundi startet am 1. August zum zehnten Mal. Leiter Murat Coskun (Bild) macht im Interview mit chilli-Redakteur Till Neumann eine Zeitreise: vom chaotischen Start vor zehn Jahren bis zum symbolträchtigen Eröffnungskonzert 2015. chilli: Murat Coskun, am 1. August geht’s los. Auf was freuen Sie sich am meisten? Coskun: Ein Höhepunkt ist unser Eröffnungskonzert. Bei „Face to Face – Den Frieden trommeln“ spielen iranische und israelische Musiker gemeinsam. Auch sonst sind tolle Künstler dabei, zum Beispiel Glen Velis. Wir haben zwar keine Weltstars wie Sting, dafür aber deren Perkussionisten. chilli: Das Tamburi Mundi hat sich etabliert ... Coskun: Im ersten Jahr haben wir den Vorverkauf von zu Hause aus gemacht. Die vielen telefonischen Bestellungen konnten wir gar nicht abhören, da es dauernd klingelte. An den Kassen bildeten sich riesige Schlangen. Wir hatten nicht genug Karten gedruckt. Ich hätte damals nie gedacht, dass wir einmal Zehnjähriges feiern. chilli: Gibt’s einen Wunsch für die Zukunft? Coskun: Wachsen wollen wir nicht. Größe hat ja nichts mit Qualität zu tun. Der Kontakt zu den Leuten ist mir wichtig. Und ab einer gewissen Dimension hat man nicht mehr diesen Kontakt zu den Menschen. Wünschen würde ich mir spezielle Locations für ausgefallene Events. Das E-Werk passt gut, aber zum Beispiel für einen italienischen Festa-Abend wäre ein Klosterhof passender.
Freiburgs Open-Air-Lesereihe hat mittlerweile Kultstatus erreicht. Warum auch nicht? Nach einem heißen Sommertag in einem lauschigen Innenhof sitzen und spannenden Geschichten lauschen – was für eine entspannte Art, den Tag ausklingen zu lassen. Einige Freiburger werden sich blicken lassen, wie Kai Weyand (1. August) und Peter W. Hermanns & Schroeder (15. August). Andere kommen von weiter her, wie die Schweizer Poetry-Slammerin Hazel Brugger (14. August) oder Franz Dobler mit dem Krimi „Der Bulle im Zug“, für den es den Deutschen Krimipreis gab.
Wir verlosen 2x2 Tickets für Tamburi Mundi – Frame drum meets Flamenco
Schickt eine E-Mail an: gewinnspiel@chilli-freiburg.de 5
Wir verlosen je 2x2 Tickets für Hazel Brugger & Paul Bokowski
Schickt eine E-Mail mit der Wunschlesung an: gewinnspiel@chilli-freiburg.de
Jazzfestival
ber Wann? 19. – 27. Septem rg ibu Fre e, Ort re hre Wo? me
Für alle, die nicht an einem Ort bleiben wollen: der traditionelle Minigipfel (19. September, Gaststätten im Stühlinger und Sedanviertel). Für alle, bei denen Jazz auch poppig sein darf: Le Bang Bang meets Martin Kälberer (23. September, Jazzhaus). Für alle, die keine Angst vor Cross Over haben: Bei Khalifé / Schumacher / Tristano (24. September, Jazzhaus) trifft arabische Musikkultur auf einen luxemburgischen Vibraphonisten und Techno am Piano. Für alle, die südindischen Gesang mögen: Sarah Buechi (24. September, Gasthaus Schützen). Für alle, die sich freuen, wenn die ganz Großen nach Freiburg kommen: Brad Mehldau, Überflieger am Jazzpiano (26. September im E-Werk).
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Juli/August 2015 CHILLI 70
Fotos: © Yoshi Toscani, Felix Groteloh, Jan Kopetzky, Photocase
Tamburi Mundi
Wann? 1. – 9. August Wo? E-Werk, Freiburg
Festivals und Events für die ganze Familie
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agelang im Matsch zelten, sich nur von Dosensuppe und Bier ernähren und den Schlaf auf ein Minimum beschränken – was für viele junge Leute zu einem gelungenen Festival dazugehört, ist für Familien ein Graus. Wie gut, dass die Region einige Events zu bieten hat, die vom Kleinkind über den Jugendlichen bis hin zu den Großeltern Spaß machen. Frei nach dem Motto: Der Kinderwagen muss mit!
Konstanzer Seenachtsfest
Wann? 8. August stanz Wo? Bodenseeufer, Kon
65 Jahre ist ein beachtliches Alter für ein Fest. Dass es immer noch up to date ist, zeigen die ungebrochen hohen Besucherzahlen: Jahr für Jahr pilgern 40.000 Besucher an den Bodensee. Wo lässt es sich in heißen Sommernächten auch besser aushalten, als direkt am Ufer? Höhepunkt ist das Musikfeuerwerk über dem See, das in diesem Jahr mit Musik aus Agentenfilmen à la James Bond unter dem Motto „Top Secret“ steht. Doch schon am Mittag ist an der Uferpromenade einiges los: Livemusiker spielen, Gaukler und Artisten zeigen ihre Kunststücke, Wasserskifahrer sausen über die Wellen und auch Kindern wird mit ZauberstabWerkstatt, Riesenseifenblasen oder Puppenbühne einiges geboten. Schön bummeln lässt es sich über den Seenachtsfest-Markt mit seinem Kunsthandwerk und den regionalen Waren. Natürlich darf auch das Tanzen nicht zu kurz kommen: Das Partyvolk versammelt sich abends am gegenüberliegenden Ufer bei der Party des Radiosender bigFM, wo sich die Plattenteller der DJs bis tief in die Nacht drehen. 69 CHILLI Juli/August 2015
Open Air im Park
Wann? 18. Juli – 1. August gen Wo? Kurpark, Bad Krozin
„Zelt kann jeder, aber wir machen es mit vollem Risiko unter freiem Himmel“, zeigt sich Veranstalter Rolf Rubsamen, Geschäftsführer der Kur und Bäder GmbH, zuversichtlich. Los geht’s am 18. und 19. Juli mit dem traditionellen Lichterfest und seinen 15.000 Lichtern sowie 1000 Bambuslaternen. Sonntag ist ab 15 Uhr Kinderparty, gegen 23 Uhr gibt es ein Feuerwerk. Musikalisch setzt Bad Krozingen auf den bewährten Mix aus Volksmusik, Klassik und Rock. Semino Rossi & Reiner Kirsten schlagern sich am 23. Juli in die Herzen der Zuhörer, Justus Frantz und die Philharmonie der Nationen legen am 29. Juli nach. Rock aus den 60er und 70er Jahren gibt es am 24. Juli von Barclay James Harvest feat. Les Holroyd und am 1. August von Manfred Mann’s Earth Band. Gespielt wird im lauschigen Kurpark unter Bäumen, die Zuschauer stehen bei den Konzerten höchstens zwölf Meter von der Bühne entfernt. Und ja, auch die Großeltern dürfen gerne mit: Das RockPublikum ist im Schnitt zwischen 40 und 70 Jahre alt.
Wir verlosen 2x2 Tickets für die Rockkonzerte Schickt eine E-Mail mit eurer Wunschband an: gewinnspiel@chilli-freiburg.de
Foto: © Ursula Leguin
Foto: © MPS - Gesellschaft für Marketing und Presseservice GmbH,
Mit Kind und Kegel
Special Festivalguide
Römerfest
Wann? 29. & 30. August Wo? Augusta Raurica
Bereits zum 20. Mal treffen sich Gladiatoren, Legionäre, Tänzer und Musikanten, Schmiede, Steinmetze und Korbflechter in den Ruinen von Augusta Raurica zum größten Römerfest der Schweiz. An mehr als 30 Stationen dürfen Kinder und Eltern selbst den Hammer schwingen, mit Ton experimentieren, Schilder bemalen oder schmieden.
Sportlich geht’s beim Wagenrennen zu, wenn die Eltern als Zugpferde herhalten müssen und gegen andere Familien antreten. Auch die Workshops zur Archäologie, zum antiken Tanz oder zum Musizieren gehören zu den Höhepunkten. Allerhand zu sehen gibt es natürlich ebenfalls, seien es die Marsch- und Kampfformationen der Legionäre, die Vorführungen der römischen Mode oder das Kampftraining in der Gladiatorenschule. Denn wer weiß schon, dass Murmillo, Secutor, Thraex oder Provacator Kampfarten sind? Bei mehreren Konzerten kann man römischer Musik und antiken Liedern lauschen, die Instrumente wie die Wasserorgel oder das römische Horn wurden dafür genau rekonstruiert. Zudem werden Homestories aus dem Leben eines Haussklaven erzählt.
Wir verlosen 3x2 Karten
Schickt eine E-Mail mit dem Betreff „Römerfest“ an: gewinnspiel@chilli-freiburg.de
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Foto: © Susanne Schenker, istockphoto.com 5
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Brauer-Silvester
Wann? 2. – 4. Oktober rach Wo? Brauerei Lasser, Lör
Silvester im Oktober – das gibt es nur bei den Bierbrauern. Da wegen fehlender Kühlmöglichkeiten einst nur in den kalten Monaten gebraut werden durfte, endet das Wirtschaftsjahr der Brauer im September, wenn das letzte Fass aus dem Keller geholt wurde. Los geht es dann wieder im Oktober, wenn die Bauern Hopfen und Malz aus der neuen Ernte liefern. Die Brauerei Lasser besinnt sich auf diese alte Tradition und feiert ihr 165-jähriges Jubiläum dieses Jahr mit einem Brauer-Silvesterfest. Höhepunkte des Partywochenendes sind die Oktoberfeste am Freitag- und Samstagabend. In der zünftig dekorierten Leerguthalle spielen „Die Wilderer“, sechs Vollblutmusiker aus dem Bayerischen Wald. Tolle Preise winken bei der Wahl zur Miss Dirndl oder zum Mister Tracht. Auch tagsüber wird bereits einiges geboten, und da sind Familien herzlich willkommen: Am Samstag treten ab zehn Uhr mehrere Blasmusikkapellen auf – von 5
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67 CHILLI Juli/August 2015
Foto: © Brauerei Lasser
Special Festivalguide
der badischen Guggemusik über bayerisch-bömische Blasmusik bis hin zur Marchingband. Auch eine Brassband und voller Big Band Sound dürfen hier nicht fehlen. Während die kleinen Besucher von Clown Pat unterhalten werden, können die Erwachsenen über den bayerischen Markt schlendern oder die Brauerei besichtigen. Ausklang ist dann am Sonntag von 11 bis 15 Uhr bei Frühschoppen und Mittagstisch. Auf der Karte stehen bayerische und badische Gerichte, für die musikalische Unterhaltung sorgen „Michael Maier und seine Blasmusikfreunde“.
Special Festivalguide
Warten auf den Sonnenuntergang Ein pralles Sommernachts-Kinoprogramm unter Sternen
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ommer ist immer auch Kino-Sommer – OpenAir-Kino-Sommer. Und es ist schon ein besonderes Erlebnis, Lieblingsfilme, Klassiker oder ganz neue Produktionen an Orten zu sehen, an denen sonst andere Dinge geschehen. Und wenn die erfor-
derliche Dunkelheit nicht einfach durch das Ausknipsen des Lichts in einem fensterlosen Saal entsteht, sondern durch das allmähliche Verschwinden der Sonne. Auch wenn es nach der Dämmerung kalt werden kann. Also: Jacken oder Decken mitnehmen!
12. Freiburger Filmfest
Kieswerk-Open-Air
Wann? 16. – 26. Juli rg Wo? Mensagarten, Freibu
Wann? 30. Juli – 9. August Rhein Wo? Kieswerk, Weil am
Zehn brandneue Filme werden hier unter Sternen vorgeführt: Und alle Filme sind hier vor ihrem Kinostart in der untertitelten Originalfassung zu sehen. Die Vorstellungen beginnen immer um 21.30 Uhr. Dabei sind die Gewinner des Goldenen und Silbernen Bären der Berlinale 2015: „Taxi Teheran“ (17.7.) und „45 Years“ (23.7.), ein meisterhafter Film über Sherlock Holmes, der im Alter auf sein Leben zurückblickt (21.7.) und der skandinavische Frauenpower-Film „HalloHallo“ (24.7.). Der Abschlussfilm (25.7.): „Boychoir“ mit Dustin Hofman.
Kinohits von 2014 und 2015 gibt es auf dem Gelände zwischen Dreiländergarten und Kieswerk in Weil am Rhein. Hier stehen auch Veranstaltungen mit Life-Musik und eine Kunstausstellung auf dem Programm. Die Filme beginnen um 21.30 Uhr. Das Festival startet mit dem bewegenden Demenz-Drama „Honig im Kopf“ (30.7.), hat mit „Selma“ (1.8.) einen der (leider hochaktuellen) großen Filme des Winters im Programm und eröffnet mit „Baden-Württemberg von oben“ (3.8.) neue Ländle-Perspektiven. Frau Müller und M. Claude sind auch mit von der Partie, ebenso wie die Beliers.
Infos: www.filmfest-freiburg.de
Infos: www.kieswerk-open-air.de
ust
Wann? 22. Juli – 23. Aug Wo? verschiedene Orte
An ausgesuchten Orten in Offenburg (Außengelände der Reithalle), Lahr (Urteilsplatz), Oberkirch (Stadtgarten) und Rheinau-Linx (World of Living) sind jeweils eine Woche lang nach Einbruch der Dämmerung die Kinohits der letzen 30 Monate zu sehen. Hier gibt es unter anderem ein Wiedersehen mit Frau Müller (13.8., Oberkirch), Monsieur Claude samt Töchtern und Schwiegersöhnen (26.7., Rheinau) und Madame Mallory (19.8., Lahr) sowie „Still Alice“ (30.7., Offenburg). Infos: http://projekte.bo.de/sommerkinonaechte/sommerkino2015
Open Air Kino
Wann? 11. – 15. August eiz Wo? Rheinfelden/Schw
In Rheinfelden/Schweiz ist bei der FeldschlösschenBrauerei ein richtiges Freiluft-Kinodorf aufgebaut, in dem auch tagsüber etwas geboten ist. Die Filme beginnen um 21.30 Uhr, vorher gibt es Life-Musik – bei jedem Wetter außer Sturm. Besonderheit: Zur Aufführung von „Die Frau in Gold” (15.8.) wird ein ein Special (Überraschungs)-Guest erwartet. Infos: www.openairkino-rheinfelden.ch
Juli/August 2015 CHILLI 66
Foto: © Markus Herb, Photocase
Sommerkinonächte Ortenau
16. 7. – 26. 7. 2015
Made in Südbaden
Viele Regionale Lang- und Kurzfilmproduktionen auf dem Freiburger Filmfest
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Programmkinotrio wenden, gesichtet werden. Da muss zu jedem Film ein Text geschrieben werden, ein Festivalprogramm aufgestellt werden, das für alle Zielgruppen etwas bietet: Für eingefleischte Cineasten, die den besonderen Film suchen und für ein breit aufgestelltes Publikum, das intelligent unterhalten werden will. Einfach ist es nicht, sagt Ammann, aber es macht Spaß. Zumal er die Erfahrung gemacht hat, dass er mit seiner Auswahl jedes Mal genau richtig lag. Auch zum Freiburger Filmfest, dessen 12. Ausgabe soeben mit Dieses Jahr gibt es zum ersten Mal eine richtige Kurzfilmnacht: dem Film „Señor Kaplan“ eröffnet wurde, strömen die Leute seit am 20. 7., in der Harmonie. Hier wird regionalen Kurzfilmern eine Jahren in Scharen. Kein Wunder: Auf dem Programm stehen imPlattform geboten; mit dabei ist auch Mathieu Conards Film mer besondere und besonders ausgewählte Filme, die hier vor „Menschsy“, der im April beim Offenburger Shorts-Festival den dem allgemeinen Kinostart in ihrer untertitelten Originalfassung Zuschauerpreis gewann. Es ist indessen nicht der einzige Film, in zu sehen sind. Und der Mensagarten mit seinen oft ausverkaufdem alemannisch gesprochen wird: Auch ten 800 Sitzplätzen ist zudem ein ganz ein Großteil der Protagonisten des in Schöbesonderer Ort für die Premieren. Er ist die nau und Freiburg gedrehten Langfilms große Attraktion des Filmfests, obwohl nur „Bube Stur“ von Moritz Krämer (23. und ein Drittel der Filme hier vorgeführt wird. 24.7., Friedrichsbau) spricht diese Sprache. Ludwig Ammann, der das Fest nun zum Conard und Krämer (am 24.7.) werden bei vierten Mal mitorganisiert, ist immer froh, der Aufführung ihrer Filme natürlich anwenn das Programm fertig ist, die oft in wesend sein, ebenso wie Telemach Wiesinletzter Minute eintreffenden Zusagen der ger aus Riegel, dessen „Kaleidoscope“ (25.7., geladenen Premierengäste vorliegen und Friedrichsbau) beim Freiburger Filmfest der von der Stadt Freiburg und vom Stusogar Deutschlandpremiere feiert. dierendenwerk kostenlos zur Verfügung Überhaupt gibt es dieses Mal ziemlich viegestellte Mensagarten für den erwartele regionale Produktionen zu sehen, was ten Andrang vorbereitet ist. Dann liegt der Ludwig Ammann „ganz toll“ findet. Durch größte Stress des ganzen Jahres hinter ihm, Fotos: © Privat die Digitaltechnik seien Filmproduktionen und er kann sich auf den Eröffnungsfilm freuen, auf volle Sitzreihen und gutes Wet- Der größte Stress des Jahres liegt hinter ihm: nicht mehr so teuer, die Leute „wagen etwas“, zeigen echten Unternehmensgeist, ter hoffen. Und darauf, dass die getroffene Ludwig Amman freut sich auf entspanntere Tage. freut er sich – zumal ihre Filme, die nun Auswahl auch die Zuschauer überzeugt. beim Filmfest aufgeführt werden, „richtig gut“ seien. Und sie Und gespannt sein, welcher Film am Ende des Festivals den Pubpassten zu Freiburg ebenso gut wie die Filme zu ökologischen likumspreis bekommt. Ob er mit seinem persönlichen Favoriten Themen, von denen natürlich auch einige zu sehen sind – als übereinstimmt, den er natürlich nicht verrät. Dokumentar- oder Unterhaltungsfilm. Bis es allerdings so weit ist, gibt es viel zu tun: Da müssen die Erika Weisser großen internationalen Filmfestivals in Berlin, Cannes und anderswo besucht werden, muss bei der Sichtung der Filme auch Das ganze Programm gibt es unter: auf die Reaktion des Publikums geachtet werden, müssen erste www.filmfest-freiburg.de Verhandlungen mit deutschen Verleihern geführt werden, die Gewinnspiel im Rahmen des Freiburger Filmfest: die Festivalfilme später auf den deutschen Markt bringen. Da Wir verlosen 5x2 Kinokarten für den Film „Boychoir“ müssen Filme von Regisseuren, die sich direkt an das Freiburger mit Dustin Hofman. Teilnahme über www.chilli-freiburg.de reiburg ist eine sensationelle Kinostadt“, sagt Ludwig Ammann. Er muss es wissen: Seit Jahren betreibt er zusammen mit Michael Wiedemann und Michael Isele die Programmkinos Harmonie, Friedrichsbau und Kandelhof. Und ist begeistert vom Freiburger Publikum, das bezüglich der Häufigkeit der jährlichen Kinobesuche bundesweit Spitzenreiter ist.
65 CHILLI Juli/August 2015
KINO FILMTIPPS
Taxi Teheran
Coconut Hero
Anni Felici – BarfuSS durchs Leben
Iran 2015 Regie: Jafar Panahi Mit: Jafar Panahi und Taxigästen Verleih: Weltkino Laufzeit:82 Minuten Start: 23.7.2015
Deutschland/Kanada 2015 Regie: Florian Cossen Mit: Alex Osterov, Bea Santis u. a. Verleih: Majestic Laufzeit: 97 Minuten Start: 13.8.2015
Italien 2014 Regie: Daniele Luchetti Mit: Kim R. Sturt, Martina Gedeck u. a. Verleih: Camino Laufzeit: 101 Minuten Start: 27.8.2015
Zustand eines Landes
Bretter für den Sarg
Glückliche Jahre?
Ein Taxi fährt durch die lebhaften Straßen Teherans. Am Steuer: Ein Fahrer, der aussieht wie der behördlich mit Berufsverbot belegte Regisseur Jafar Panahi. Auf der Rückbank: Wechselnde Fahrgäste, die während ihrer Gespräche mit dem Fahrer von einer am Armaturenbrett befestigten statischen Kamera gefilmt werden. Die Gespräche drehen sich um größere oder kleinere Alltäglichkeiten. Da sind zunächst zwei alte Frauen, die einen Goldfisch im Glas transportieren. Dann steigt ein Bursche ein, der sich als Raubkopierer outet und dem Fahrer sogleich seine Version von „The Walking Death“ andrehen will. Eine Menschenrechtsaktivistin ist auch irgendwann mit von der Partie, ebenso wie ein vorlautes Mädchen, das seinen Anspruch auf Frappucino geltend macht. Und allmählich wird klar, dass es sich nicht um Zufallsgäste handelt, die da über Kriminalität und Not reden, und dass der Fahrer Jafar Pahani ist. Ein gut durchdachter, herausragender Film über den Zustand eines Landes; er hat den Goldenen Bären der Berlinale 2015 gewonnen.
So richtig Lust zu leben hat Mike ja nicht. Er ist gerade 16, heißt nicht nur mit Vornamen so wie der amerikanische Boxer, den er nicht mag, lebt mit seiner ewig nörgelnden Mutter in einem langweiligen Holzfällerkaff in den Wäldern Kanadas. Seinen Vater kennt er nicht, er hat keine Freunde, keine Interessen, nicht einmal ein Lieblingsessen. Nichts, das ihn antreibt. Doch, eines: Er will nicht mehr da sein. Er gibt eine Todesanzeige auf, schießt sich in den Kopf – und kommt in der Klinik wieder zu sich. Um die froheste aller Botschaften zu erhalten: Bei der Untersuchung des Gehirns wurde dort ein Tumor entdeckt! Mike lehnt eine Operation ab, wartet voll Freude auf den sicheren Tod – und findet wieder Freude am Leben. Was nicht nur an der ziemlich ausgeflippten Miranda liegt, mit deren Pickup-Truck er zum Sägewerk fährt, um Bretter für seinen Sarg zu klauen. Eine großartige, gefühlvolle, sehr witzige und sehr tragische Coming of Age-Geschichte, an der alles stimmt. Und an deren Ende der Lebensüberdrüssige der Held seines eigenen Lebens ist.
Es ist der Sommer 1974. Und der ist noch heißer als in Rom ohnehin üblich – nicht nur in klimatischer Hinsicht. Dario, der ältere Sohn eines temperamentvollen Ehepaars, wird diesen Sommer im Rückblick und wunderschönen Bildern als die für seine Familie glücklichste Zeit erinnern. Die schöne Serena liebt ihren Ehemann Guido über alles. Obwohl der zwar ambitionierte doch erfolglose AvantgardeKünstler mit seinen Models nicht nur malerische, sondern auch sexuelle Momente teilt. Sie unterstützt ihn, hält zu ihm, obwohl er sie in der Öffentlichkeit eher abwertend behandelt. Die beiden Söhne werden zu unfreiwilligen Begleitern ihrer leidenschaftlichen, von Streitereien und Versöhnungen begleiteten Beziehung. Als die schöne und emanzipierte Galeristin Helke in ihr Leben tritt und sich besonders für Serena interessiert, fühlt sich diese auf neue und unbekannte Weise lebendig. Zusammen mit ihren Söhnen verbringt sie auf Helkes Einladung die Ferien in einem feministischen Strandressort. Schöne Sommergeschichte einer unkonventionellen Familie.
Erika Weisser
Erika Weisser
Erika Weisser
KINO Filmtipp
Mit dem Fernglas in den Dünen Ein heiteres Sommerstück um ein ernsthaftes Anliegen
SeÑor Kaplan Uruguay 2014 Regie: Alvaro Brechner Mit: Héctor Noguera, Néstor Guzzini, Rolf Becker u. a. Verleih: Neue Visionen Laufzeit: 98 Minuten Start: 16.7.2015
A
ls das Freiburger Filmfest mit dieser sommerlich-heiteren Komödie eröffnet wurde, schienen die beiden mit Liegestühlen, Kühltasche und Fernglas bepackten Männer nicht nur durch die Dünen zu gehen, sondern direkt auf das Publikum zuzukommen. Ein wenig erinnerten sie an Don Quijote und Sancho Panza auf ihrem Weg in den Kampf gegen Windmühlen, die sie für Riesen hielten: Hager, hochgewachsen und vorneweg der Anführer, klein, korpulent und hintendrein sein Adjutant. Jacob Kaplan und Wilson Contreras kämpfen freilich nicht gegen vermeintliche Riesen. Sondern für Gerechtigkeit. Allerdings ist ihr Kampf, wie sich später herausstellen soll, einer ähnlich blühenden Fantasie geschuldet wie der des edlen Ritters und seines Knappen. Doch wir wollen das Ende dieser wunderbaren tragikomischen Geschichte mit Tiefgang nicht vorwegnehmen, die in Uruguay im Jahr 1997 spielt – und sich nicht nur fiktiv, sondern höchst real ereignet haben könnte. Dorthin sind in den 1940er Jahren nämlich viele Menschen geflohen: In der ersten Hälfte vornehmlich Juden, um sich vor den Nazis zu retten – und in der zweiten Hälfte eben diese Nazis, um sich davor zu retten, Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen. Jacob Kaplan gehört zur ersten Gruppe: Kurz vor dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen war der damals 18-Jährige von seinen Eltern auf die Flucht geschickt worden. Allein, ohne Angehörige – damit wenigstens ein Familienmitglied überlebte. So wie es heute noch viele
Fotos: © Neue Visionen
63 CHILLI Juli/August 2015
Menschen in Kriegsgebieten machen. So, wie es auch die Urgroßeltern von Regisseur Alvaro Brechner machten, die seinen Großvater unbegleitet auf die Reise schickten. Im Film bleibt das Holocaust-Thema in seiner ganzen leidvollen Dimension indessen nur eine Randnotiz. Doch man muss es kennen, um ihn zu verstehen. Um zu verstehen, warum der inzwischen 76-jährige Señor Kaplan sich in den Kopf setzt, dass er, der Davongekommene, in der nicht mehr allzu langen Zeit bis zu seinem Tod unbedingt noch Großartiges vollbringen muss. Und warum er sich zu diesem Zweck ausgerechnet als Nazijäger betätigt. Zunächst ist da eine Reportage über Simon Wiesenthal, die Erinnerungen weckt. Und dann ist da die Andeutung seiner Enkeltochter, dass ein Deutscher, der von allen Kunden „El Nazi“ genannt wird, an einem Strand in der Nähe Montevideos eine Bar namens Estrella betreibt. Und als er auch noch herausfindet, dass das Wehrmachtschiff, das gegen Ende des 2. Weltkriegs heimlich in Buenos Aires vor Anker ging, ebenfalls Stern hieß, steht sein Entschluss fest: Er heuert den ehemaligen, wegen Unzuverlässigkeit und heimlicher Trunksucht gefeuerten Polizisten Contreras als Chauffeur an und begibt sich auf Beobachtungsposten in die Dünen. Mit dem Ziel,„El Nazi“ zu fangen und nach Israel auszuliefern. Ein wirklich geglückter Film, der ein ernsthaftes Anliegen mit einem sympathischen Augenzwinkern angeht. Mit schönen Bildern, überzeugenden Schauspielern und trefflichem Soundtrack. Erika Weisser
DVD neuerscheinungen
Selma
Still Alice – Mein Leben ohne Gestern
Frau Müller muss weg
Großbritannien/USA 2014 Regie: Ava DuVernay Mit: David Oleyowo, Oprah Winfrey u. a. Vertrieb: Arthaus Laufzeit: 125 Minuten Preis: ca. 14 Euro
USA 2014 Regie: R. Glatzer & W. Westmoreland Mit: Anke Engelke, Ken Duken u. a. Vertrieb: Polyband Laufzeit: 99 Minuten Preis: ca. 16 Euro
Deutschland 2014 Regie: Sönke Wortmann Mit: Anke Engelke, Ken Duken u. a. Vertrieb: Constantin Film Laufzeit: 87 Minuten Preis: ca. 15 Euro
Gott hat zuerst geweint Nach innen gewandt
in der Kampfarena
„Selma“ war als bester Film für den Oscar 2015 nominiert. Und erhielt die Trophäe – für den besten Song: „Glory“. Und der geht zu Herzen. So wie der ganze Film, der ein kluges Porträt von Martin Luther King zeichnet. Ohne falsche Sentimentalität beschreibt er die Gewalt, die im Land der unbegrenzten Möglichkeiten noch vor 50 Jahren von einem Teil der Bevölkerung gegen den anderen ausgeübt wurde. Allein wegen einer Hautfarbe, die von weißen Überlegenheitsfanatikern als minderwertig angesehen wurde. Er zeigt, wie sich in dem vom Rassentrennungs-Hardliner George Wallace regierten Südstaat Alabama trotz allen rassistischen Hasses die Bürgerrechtsbewegung der Afro-Amerikaner formierte, wie sie niedergeknüppelt wurde – und sich schließlich doch durchsetzte: Der legendären Marsch von Selma nach Montgomery war der Anfang. Über dem ganzen Szenario weht die Konföderierten-Flagge. So wie heute noch in South Carolina, wo jüngst neun Schwarze in einer Kirche ermordet wurden. Von einem weißen Überlegenheitsfanatiker.
Der Film war ein Highlight des KinoFrühjahrs; führte lange die Programmkino-Charts an. Zu Recht: Sönke Wortmanns bissige Satire auf den Leistungsdruck an Grundschulen zeigt, wie weit elterliche Eitelkeit gehen kann, wenn sie angesichts schulwegsentscheidender Abschlussnoten einen neurotischen Touch bekommt. Nun gibt es den Film als treffliche Unterhaltung für die Ferien. Zur Rückschau auf überstandene Schlachten – oder zur Vorbereitung für bevorstehende. Eine Versammlung engagierter Eltern hat beschlossen, dass Frau Müller, eine engagierte und bisher sehr beliebte Lehrerin, ihren Kindern nicht länger zuzumuten sei, da sie „die Klasse und den Lehrstoff nicht mehr im Griff“ habe, sprich: die zu erwartenden Noten möglicherweise zu schlecht für den Übergang aufs Gymnasium sind. Und der muss unbedingt erreicht werden, ob die Kinder das nun wollen oder nicht. Doch Frau Müller reagiert gelassen, stellt die Probleme der Schüler aus ihrer Sicht dar – und verschwindet. Den Eltern bleibt nichts übrig, als sich selbst zu zerfleischen.
Erika Weisser 3 DVDs zu gewinnen!
Teilnahme über www.chilli-freiburg.de – Stichwort: „Selma “
Die Veränderung sieht man am Blick: Der kann das betrachtete Objekt nicht festhalten, schweift ab, sucht einen Anhaltspunkt, richtet sich nach innen, wird leer. Allein für dieses Spiel der Augen, das die allmähliche Verwirrung, die zunehmende Orientierungslosigkeit einer an Alzheimer erkrankten Frau mit einer unglaublichen Intensität nacherlebbar macht, hätte Julianne Moore einen Oscar verdient. Und sie hat ihn bekommen – als beste Hauptdarstellerin, für die ganze Rolle der Alice, die sich zwar innerlich mehr und mehr von der Welt verabschiedet, äußerlich jedoch genauso präsent bleibt wie bisher. Und die der Mensch bleibt, der sie immer war. Zumindest für ihre jüngere Tochter, deren Verhältnis zur Mutter ohnehin nicht das beste war. Was sich im Verlauf der Krankheit aber ändert. In einem gemeinsam verbrachten Sommer im Strandhaus der Familie kommen die beiden sich so nahe wie nie zuvor. Ein unerschrockener, erstaunlich unsentimentaler und doch sehr bewegender Film zum Thema Demenz – ab 31. Juli als DVD erhältlich. Erika Weisser 3 DVDs zu gewinnen!
Teilnahme über www.chilli-freiburg.de – Stichwort: „Still Alice“
Erika Weisser 3 DVDs zu gewinnen!
Teilnahme über www.chilli-freiburg.de – Stichwort: „Frau Müller muss weg“
Literatur Interview
blutiges Handwerk
Astrid Fritz über ihren neuen Roman »Henkersmarie «
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chilli: Henker ist ein seltsamer Beruf. Warum interessieren Sie sich dafür? Fritz: Seit meinem Roman-Erstling „Die Hexe von Freiburg“ 2003 war die Figur des Henkers in meinen Romanen immer wieder mal im Hintergrund präsent, weil sie zur damaligen Gesellschaft einfach dazugehörte. Mein Wissen wurde umfassender, und einige verblüffende Fakten haben zu der Idee geführt, den Menschen hinter diesem blutigen Handwerk zu zeigen, seinen Alltag, seine Familie. Und zwar aus der Sicht des Mädchens Maria. chilli: Wie und wo haben Sie das Thema recherchiert? Fritz: Zum Berufsstand des Henkers gibt es sehr gute Bücher von Historikern, die das noch aus der Romantik stammende Bild des Henkers als blutrünstigen Mann mit schwarzer Kapuze und Beil in der Hand kritisch zurechtrücken. Darüber hinaus sollten die Schauplätze stimmen, und so habe ich die dortigen Gassen durchwandert, Museen besucht, in Stadtführern und Stadtgeschichten gestöbert, immer auch auf der Suche nach den Richtstätten und Scharfrichterhäusern. chilli: Im Buch arbeitet Marias Vater auch als Abdecker. War das die Regel? Fritz: Ja. Selbst in der grausamen Frühen Neuzeit, die übrigens um einiges grausamer als das angeblich so finstere Mittelalter war, waren Hinrichtungen nicht an der Tagesordnung, und so wurde das Amt des Scharfrichters fast immer mit dem des Abdeckers verbunden, eine Aufgabe, die seit jeher als anrüchig galt. Dazu kamen weitere schmutzige Aufgaben wie die Verwaltung des Hurenhauses, das Töten 61 CHILLI Juli/August 2015
Foto: © Jochen Quast
ie studierte in München, Avignon und Freiburg, arbeitete auch hier und veröffentlichte 1998 ihr erstes Buch „Unbekanntes Freiburg“. Nun hat die mittlerweile weitgereiste Wahl-Stuttgarterin Astrid Fritz ihren jüngsten Roman „Henkersmarie“ veröffentlicht. Und auch der spielt wieder szenenweise in Freiburg.
Verblüffende Fakten & Fiktion: Erfolgsautorin Astrid Fritz erzählt vom Leben einer Henkersfamilie.
herrenloser Hunde, die Kloakenreinigung oder das Verjagen fremder Bettler. Man könnte auch sagen: Den Henkern oblag die sittlich-moralische und hygienische Sauberkeit einer Stadt. chilli: Wo lebte Freiburgs Henker? Fritz: Das Haus „zur schwarzen Katz“ in der Konviktstraße 39 diente erst im 18. Jahrhundert als Scharfrichterhaus. Zuvor wohnte der Henker in der eher ärmlichen Neuburgvorstadt, nahe des Hurenhauses „ZurkurzenFreud“.InderFreiburgerDienstordnung von 1577 wurde ihm verboten, auf dem Markt oder auf der Metzig etwas anzufassen, was er nicht kaufte. Zudem musste er sich mit einem Abzeichen, wahrscheinlich ein Totenkopf, kenntlich machen. Man weiß auch, dass er häufig an benachbarte Herrschaften „ausgeliehen“ wurde oder die Leichen von Selbstmördern beseitigen musste. chilli: Im Roman hat Marias Vater einen Knecht und ihr Haus ist komfortabler als andere im Viertel, was verdienten Henker? Fritz: Das ist trotz einiger historischer Quellen, die besagen, dass er fürs Henken einen und fürs Enthaupten zwei Gulden erhielt, nur vage einzuschätzen. Aber man weiß, dass er ein höheres Einkommen hatte als ein Schulmeister.
chilli: Im Prolog rettet der Henker eine Frau in letzter Minute vor ihrer Hinrichtung. Ist so etwas schon mal passiert? Fritz: Ja, das ist tatsächlich eine historische Begebenheit: Ein Rothenburger Scharfrichter wurde um 1525 nach Nürnberg beordert, um dort den erkrankten Meister Gilg zu vertreten: Eine junge Kindsmörderin sollte in der Pegnitz ertränkt werden. Den Rothenburger überwältigte das Mitleid und so machte er unter Verzicht seines hohen Lohns vom alten Recht des Losheiratens Gebrauch. chilli: Maria muss den Sohn einer anderen Henkerfamilie heiraten. Warum? Fritz: Bis zur Frühen Neuzeit konnten Henkerskinder noch in Bauern- und Handwerkerfamilien einheiraten. Mit der zunehmenden Stigmatisierung und Ausgrenzung war ihnen seitens der mächtigen Zünfte das sogenannte ehrliche Handwerk verwehrt: Die Söhne mussten das Amt des Vaters übernehmen oder verdingten sich bei anderen Abdeckern und Henkern als Knechte. Den Töchtern blieb nur die Einheirat in die eigenen Kreise oder ein Leben am Rande der Gesellschaft. So bildeten sich die berühmten Scharfrichterdynastien aus. Dass dieses Stigma erblich wurde, hat auch mit den seit der Reformation aufgekommenen Kirchenbüchern zu tun: Hatte man zuvor in der Fremde, wo einen niemand kannte, ein neues Leben beginnen können, so musste man nun seine eheliche und ehrliche Geburt nachweisen.
Die Fragen stellte Laure Etienne
Astrid Fritz Henkersmarie 512 Seiten, gebunden Kindler Verlag 2015 19,95 Euro
BÜCHER REZENSIONEN
Eva Klingler Schwarzwaldruh 288 Seiten, Taschenbuch Emons, 2015 10,80 Euro
Marie T. Martin Woher nehmen Sie die Frechheit, meine Handtasche zu öffnen? 80 Seiten, gebunden Poetenladen, 2015 18,80 Euro
Schlecky Silberstein & Christian Brandes Ich kann keine Wurstzipfel essen 336 Seiten, Taschenbuch Ullstein, 2015 9,99 Euro
Merkwürdige Todesfälle Der Freak in uns
Seltene Blüten
Swentja Tobler hat es schwer. Die verwöhnte Luxuslady, die über einen gewissen kriminalistischen Spürsinn verfügt und sich gern als Amateurermittlerin betätigt, scheint von allen Geistern verlassen: Zuerst will sich ihr reicher Ehemann scheiden lassen; er mag ihre modischen, zickigen und detektivischen Eskapaden nicht länger ertragen. Und dann will plötzlich auch der jahrelange, ebenfalls wohlhabende Liebhaber nichts mehr von ihr wissen. Notgedrungen nimmt sie eine Stelle in einem Seniorenstift in Pforzheim an: Als Gesellschaftsdame für die dort einsässigen Adelsgreise. Schließlich will sie auch auf dem Boden der Tatsachen noch in gehobenen Kreisen bleiben. Doch die vornehmen Damen und Herren scheinen mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart zu leben, sprechen nicht und haben keine Erinnerung. Und das, findet Tobler, ist nicht nur der Demenz geschuldet: Sie gerät schnurstracks in ihren vierten Fall. Denn bald kommt es zu ungeklärten Diebstählen und merkwürdigen Todesfällen. Sie recherchiert – und stößt auf Geheimnisse mit großer Tragweite. Ein nur mittelmäßig spannendes Buch: Denn aus einer guten Idee ist eher ein Jahrmarkt der Eitelkeiten und Kolportagen geworden als ein Krimi. ewei
Beim Kapiteltitel „Einfache Späte“ wird man neugierig. Schlägt man es auf, wird man eineinhalb Seiten lang nicht fündig. Zwar gibt es da einen Mantel, in den Blütenstaub, Mondknöpfe und ein Kragen aus Schnee gewoben werden, doch was hat das mit einfacher Späte zu tun? Und was ist das überhaupt: Späte? Der oder die oder das? Alles würde passen – aber in Verbindung mit einfache? Ah, da – endlich: Es sind Tulpen! Nicht gefiederte oder marmorierte, sondern einfache, aus fünf gleichen glatten Blütenblättern bestehende, denkt man, und: Nicht früh blühende, sondern spät blühende. Eine seltene Sorte also. Der züchtende Nachbar stellt sie einmal im Jahr zur Schau, zusammen mit Triumphtulpen, Rembrandttulpen, Lilienblütigen und der pechschwarzen Queen of Night. Wie diese Einfache Späte neben all den Exotinnen wohl wirkt? Marie T. Martin beantwortet diese Frage nicht – sie stellt sie ja auch nicht. Sie schreibt nur, was sie wahrnimmt. Und verfremdet das Alltägliche in einem „inneren Gärungsprozess“ ins Absurde. Die gebürtige Freiburgerin, die in Buchenbach aufwuchs, Stadtschreiberin in Hausach war und jetzt in Köln lebt, liefert mit ihren Miniaturen zauberhafte Türöffner für andere Welten.
Wer hat sie nicht: kleine Spleens, Marotten oder merkwürdige Angewohnheiten. Die gute Nachricht: Man ist damit nicht allein. Manche Spleens sind weiter verbreitet, wie die Abneigung gegen ungerade Zahlen, der Drang, auch als Beifahrer im Auto mitzubremsen oder die Angst, ein Bein aus dem Bett hängen zu lassen – es könnte ja ein Ungeheuer darunter lauern. Andere kann man schon eher in die Rubrik „Sprung in der Schüssel“ einordnen. Sich aus Angst, dass unter dem Küchentisch ein Mörder sitzt, wie ein Behinderter zu benehmen, damit er einen dann aus Mitleid verschont, gehört sicherlich dazu. Und manche Spleens sind wirklich nur für Fortgeschrittene, etwa die Angewohnheit, in den Garten zu kacken, damit potentielle Einbrecher denken, man habe einen großen Hund. Egal, ob groß oder klein, bizarr oder charmant, Christian Brandes sammelt seit 2010 Marotten in seinem Blog und hat mit mehr als 6000 Eigenarten das größte Macken-Archiv der Welt erstellt. Per Mausklick können die Nutzer angeben, ob sie den Spleen teilen. Die Marotten mitsamt Anhängerzahl hat er nun als Buch veröffentlicht. Wer sein seltsames Verhalten nicht ausweiten möchte, sollte die Lektüre an öffentlichen Orten vermeiden – spontanes, lautes Lachen ist unvermeidbar. Vor allem, weil man sich selbst, Freunde und Familie so oft wiederfindet.
tbr
ewei
MUSIK REZIS
3 FRAGEN AN
El Flecha Negra
Youssoupha Ngrtd
Wunderkynd Wunderkynd
Bomaye musik
Jive Germany
Foto: © Linn Marie Hahn
Headline
Schwarzer Pfeil Die Freiburger Band El Flecha Negra hat im Mai das Internationale Straßenmusikfestival in Ludwigsburg gewonnen. Ihre Album-Releaseparty in der Mensabar platzte aus allen Nähten. Jetzt sieht man die Musiker aus Chile, Mexiko und Bolivien immer häufiger in Freiburg. Der Perkussionist Tatán González (30/Bild Mitte) verrät chilli-Redakteur Till Neumann, was sich hinter dem schwarzen Pfeil (El flecha negra) verbirgt. Tatán, in Ludwigsburg habt ihr als Sieger vor 10.000 Leuten gespielt. Euer bisher größtes Konzert? Ja klar, es war Wahnsinn! Die Stimmung war super, alle haben mitgesungen und mitgetanzt. Mit dem Preisgeld haben wir unsere CD-Produktion bezahlen können. Euch gibt’s seit knapp einem Jahr. Euer erstes Album heißt Schwarzwald. Was steckt dahinter? Wir machen eine Mischung aus Cumbia, Reggae und Latin. Meistens spielen wir auf der Straße. Jetzt aber auch immer mehr auf Bühnen. Alle Texte sind auf Spanisch. Das Album haben wir hier gemacht, deswegen wollten wir es Schwarzwald nennen. Freiburg ist einfach unglaublich. Die Leute sind sehr offen und freundlich. In einem sind wir aber nicht so deutsch: Wir sind oft unpünktlich (lacht). Ihr lebt von der Musik. Hast du einen Traum? Das, was jetzt passiert, ist ein Traum. Wir spielen immer mehr Konzerte, Mitte Juli sind wir in Barcelona. Wir können von unserer Musik leben, Luxus brauchen wir nicht. Wer weiß, vielleicht singen wir ja sogar mal ein Lied auf Deutsch?
66 CHILLI Juli/August April 2012 2015 59 CHILLI
Schwarze Poesie
wilder mix
An Youssoupha kommt man derzeit im französischen HipHop nicht vorbei. Der gebürtige Kongolese ist seit seinem Album Noir D **** einer der Großen im französischen Musikgeschäft. Sein sozialkritisches Album holte 2012 Platin, seine Songs liefen flächendeckend. Jetzt meldet er sich zurück: Das Album Ngrtd (Négritude) widmet sich Youssouphas Lieblingsthema: der Rolle der Schwarzen. Der Pariser Rapper versteht es wie kaum einer, geschliffene Rhetorik, schonungslose Gesellschaftskritik und eingängige Melodien in Lieder zu packen. Im Gänsehautsong „Négritude“ schildert er seinen Werdegang vom Untergrundkünstler zum Star. „Mamam m’a dit“ ist eine Ode an seine verstorbene Mutter. Und die Klavierballade „Smile“ mit der Sängerin „Madame Monsieur“ bietet federleichten Pop. Nur ein Song tanzt aus der Reihe: „Mannschaft“, der einzige Battle-Track der Platte, kommt mit dicken Bässen und dicken Eiern – verzichtbar. Reflektiertes steht Youssoupha deutlich besser. Dass er ein wenig lispelt, ist mittlerweile sogar sein Markenzeichen. Kaum ein Rapper schafft es, so tiefsinnig und zugleich kantig zu sein. Youssoupha verbindet Straße mit Intellektuellem – vor der Rapkarriere studierte er an der Pariser Sorbonne. Jetzt ist er der Held der Banlieues.
Olli Banjo schreit: „Mit dem Kopf durch die Wand, mit dem Kopf durch die Wand“. Der bayerische Wahl-Kölner, der schon seit 15 Jahren deutsch rappt, hat mal erzählt, dass er vor Wunderkynd, seinem ersten Rockprojekt, schon drei gitarrenlastige Alben fertig hatte – und die wieder in die Tonne warf, weil er einfach seinen Stil nicht fand. Den hat er, nachdem er den Kopf durch die Wand gesteckt hat, nun gefunden. Es ist eine wilde Mischung aus Grunge, Alternative Rock, Trash-Metal, Elektro und Avantgarde-Punk. Er sagt es so: Altbauwohnungs-Synhesizer-Gitarren-Wahnsinn für die Bühne. Für die Produktion hat er sich The Krauts (Peter Fox, Marteria) und Moses Schneider (Beatsteaks, Tocotronic) in den Altbau geholt. Wer einmal wild quer mit Banjo durch die Wohnung will, hört das dadaistische „Damenrad“, ein echtes Brett, dann „Gegen die Wand“, die Metalcore-Hymne des Albums, kurvt an „Maschinengewehr“ vorbei (wo er dann doch stehen bleibt) und tippt mal „Heut‘ Nacht“ an – die Ode an die Unbeschwertheit. Und, was ist das denn? Killer? Der Klassiker von Adamski und Seal? Ja, der ist es. „Das ist der Song meiner Jugend“, sagt Banjo, „ich kann immer noch nicht glauben, dass wir den Track freibekommen haben, das schafft sonst keiner.“ Er covert das Teil cool. Der Hip-Hopper hat ein vielschichtiges Wunderkynd hingelegt.
tln
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The Shoo-Shoos Live at SWR
Unprovoked Zeiten ändern mich
Eigenvertrieb
Eigenvertrieb
Der Sounddreck Headline zum Lehrerberuf Titel: Lehrerlied Urheber: El Zucht Jahr: 2013
Swing, Baby, swing
Kluge Gegensätze
The Shoo-Shoos sind eine sechsköpfige Swing-Comedy-Truppe aus Freiburg. Seit 2010 mischen sie auf der Bühne Witz, Theater und Musik. Jetzt kann man sich die Gruppe direkt ins Wohnzimmer holen, zumindest akustisch. Einen Auftritt im Schlossbergsaal des SWR haben sie auf CD verewigt. Auf 17 Songs swingen sich die ShooShoos mit fröhlich-nostalgischen Melodien durch die Welt des Jazz. Die bezaubernden Stimmen der Sängerinnen treffen Ton und Nerv: Im Close-Harmony-Gesang grooven die drei Damen charmant zu Gitarre, Bass und Schlagzeug. Auf der Bühne spielen sie gerne mit optischen Reizen. Auf der CD rückt das Musikalische zwangsläufig in den Mittelpunkt: Und das funktioniert. Schwungvolle Nummern wie „Boogie Woogie Bugle Boy“ oder „Crazy People“ halten sich die Waage mit Verträumtem wie „Dream A little Dream Of Me“ oder „Moon River“. Auch eine Mundtrompete mischt sich ein. Wer die Augen schließt, fühlt sich wie in einer rauchigen Kneipe der 40er Jahre irgendwo in den Staaten. Singen und swingen – so das Konzept der ShooShoos. Wer auf deren amüsante Showeinlagen nicht verzichten will, kann die Platte zum Eingrooven hören. Am 23. und 24. August gibt’s die Shoo-Shoos wieder live in Freiburg: Sie feiern CD-Release-Party im Wallgraben Theater.
Der Freiburger Rapper Lukas Henn alias Unprovoked ist derzeit auf vielen Bühnen der Stadt zu sehen. Mit seiner Band „Bios & TheRapist“, die neuerdings „Greenhouse“ heißt, rappt er zu Mundharmonika, Cajón und Gitarren. Doch Unprovoked gibt’s auch solo. Sein erstes Release „Zeiten ändern mich“ ist seit Kurzem gratis auf Bandcamp.com erhältlich. Henn ist ein Mann der Gegensätze, das stellt er in „Zwangsambivalenz“ klar: „Ich bin der Rapper, der kein Rapper ist, ich bin der Outdoormensch, der nicht weiß, was für ein Wetter ist, die Couchpotato-Sportskanone, der Computerzocker, ich bin der abenteuerlustige Stubenhocker.“ Flowtechnisch ist „Zurück in die Zukunft“ das Highlight. Da packt der gelernte Physiotherapeut auch mal Doubletime-Reime aus und variiert spielerisch das Tempo. Inhaltlich setzt er mit „Curriculum Vitae“ den Glanzpunkt, darin erzählt er seine Geschichte, die eines „ganz normalen Kindes“ – nicht spektakulär, aber fesselnd. Für die sechs Songs hat er Bass, Gitarre und Piano live einspielen lassen. Unprovoked serviert dazu persönliche Texte mit Liebe zum Detail. Das klingt an der einen oder anderen Stelle noch etwas ungeschliffen, aber vielversprechend. Wer handgemachten, ehrlichen Rap mag, ist bei Unprovoked an der richtigen Adresse.
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Der Lehrerberuf steht seit jeher ganz oben auf unserer To-do-Liste. Das mag daran liegen, dass der Lehrerberuf jener Beruf ist, der am meisten Widerhall in der Populärmusik findet. Von Pink Floyd über Jürgen von der Lippe bis zu Cro, jeder hat etwas über seine persönlichen Erfahrungen mit Lehrern zu singen. In der Sache haben sie denn ja auch meistens recht. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Lehrer gern ihren Beruf in den Vordergrund rücken, oft wegen der unerträglichen Arbeitsbedingungen. Der Beruf ist ja auch nicht leicht – sieht man von den Arbeitsbedingungen in nordchinesischen Bergwerken einmal ab – und daher zu respektieren. In den letzten drei Jahren konnten wir uns nicht ausreichend um die SOKO „Lehrerlied“ kümmern. Arbeitsüberlastung. Jetzt haben wir den Salat. Der Berg der „Lehrerlieder“ ist unüberwindbar geworden. Den Gipfel müssen wir aber sofort abschlagen. Ein gewisser „El Zucht“, vermutlich ein Synonym, veröffentlichte sein Lehrerlied: „Ich kanns normalerweis gar nicht erst ertragen, am Montagmorgen in den Unterricht zu gehn, da muss ich all die Müden plagen, gähnend vor mir rumsitzen sehn.“ Räusper! Aber es kommt noch schlimmer: „Ich trinke Weißbier / Wenn ich korrigier, und dabei werde ich ganz schnell zum Tier. Ich mache alles ganz schön rot, und dann haben sie die Not.“ Nein, nein, nein. Jeder Rütli-Schule-Schüler reimt besser. Wir bitten um sachdienliche Hinweise. Für Ihre Geschmackspolizei, Benno Burgey
Kultur Flüchtlinge
»Keine Familie, kein Leben« Die Flüchtlinge Jan Mustafa und Malek Kassem zwischen Hoffen und Bangen
Fotos: © tln
Ziemlich happy: Jan Mustafa backt mittlerweile Pizza, Malek Kassem kann bald am Berufskolleg lernen. Doch ihre Familien fehlen ihnen.
I
m April hat das chilli von den syrischen Flüchtlingen Malek Kassem und Jan Mustafa berichtet. Die beiden hatten in Freiburg Szenen ihrer Flucht nachgestellt. Ihr Dokumentarfilm bekam jetzt ein Sonderlob bei der Filmschau Baden-Württemberg. Ihre Integration geht mit großen Schritten voran. Doch eins fehlt noch zum großen Glück. Jan Mustafa schnappt sich einen Teigballen aus der silbernen Schüssel. Er legt ihn auf den Tisch und greift zum Nudelholz. „Die Pizza ist gleich fertig“, sagt er und grinst. Er hat einen Job. Das macht ihn glücklich. Seit Juni arbeitet der 22-jährige Kurde aus Syrien in der Pizzeria Da Giovanni in der Freiau. „Jan macht sein Ding, da muss man nicht viel erklären“, lobt Francesco Remmel, der mit in der Küche steht. Über ihn ist Mustafa an den Job gekommen. Remmel hat vor einigen Jahren mit der Freiburger Filmemacherin Barbara Davids ein Video gedreht. Ende 2014 lernte auch Mustafa Davids kennen. Sie half ihm bei seiner bewegenden Flucht-Doku „Was machst du hier?“. Mittlerweile ist sie eine Art Ersatzmutter. Mustafa ist 2011 aus Syrien geflohen. Zwei Jahre brauchte er, um nach Deutschland zu kommen. „Mein Leben 57 CHILLI Juli/August 2015
war fertig“, sagt er. Jetzt Pizza zu backen macht ihm Spaß. Seine Leidenschaft ist aber die Kunst. Er tanzt und singt – und bekam dafür den ZMF-Preis. Am 12. Juli trat er bei der Gala des Zeltmusikfestivals auf. Erstmals sang er dabei auf Deutsch. Beim Text hat ihm Davids geholfen. „Vier Monate habe ich geübt“, sagt Mustafa stolz. Sogar eine Wohnung hat er jetzt. Vom Flüchtlingsheim in der Mooswaldallee ist er nach Günterstal gezogen. Trotz-
»Er sieht so müde aus« dem fehlt ihm etwas zum Glück: seine Familie. Ein Bruder und sein Vater sind in der Türkei, seine Mutter mit einem zweiten Bruder in Syrien. Eigentlich wollen sie nach Deutschland kommen, aber es klappte nicht. Vor kurzem hat Mustafa ein Foto seines Vaters bekommen. „Er sieht so müde aus, ich musste weinen“, sagt er: „Keine Familie, kein Leben.“ So würde es auch Malek Kassem sagen. Der 22-Jährige hat sich bis zu Mustafas Umzug mit ihm ein Zimmer im Flüchtlingswohnheim geteilt. Die Fluchtdoku machten die einst besten Freunde gemeinsam. Mittlerweile sehen sie sich
seltener. Noch im April stand Kassems Zukunft auf der Kippe. Sein Asylverfahren läuft in Italien, da er sich dort auf der Flucht die Fingerabdrücke abnehmen ließ. In Deutschland ist er nur geduldet. Um hierbleiben zu können, braucht er einen Ausbildungsplatz. Den hat er gefunden, wie er mit leuchtenden Augen berichtet. Ab August besucht er das Berufskolleg der Walther-Rathenau-Gewerbeschule, dort lernt er Chemisch-Technischer Assistent. Die vergangenen Wochen hat er genutzt, um intensiv Deutsch zu pauken. Seine Familie hat mittlerweile die Flucht nach Deutschland geschafft. Eltern, Bruder und Schwester sind in einer dreimonatigen Odyssee nach Freiburg gekommen. Dafür haben sie ihren Bauernhof verkauft. Die rund 35.000 Euro, die es dafür gab, sind durch die Flucht fast völlig aufgebraucht. „Hauptsache sie sind in Deutschland“, sagt Kassem, der fast fließend Deutsch spricht. Die Freude, sie Ende Mai in Freiburg zu sehen, war riesig. Derzeit sind seine Eltern in Heidelberg. Wenn alles klappt, kommen sie demnächst nach Freiburg. Das wäre Maleks größter Wunsch. Und dann gibt es noch einen: Seine Verlobte ist ebenfalls in Freiburg. Er will sie heiraten.
Till Neumann
Kultur International
Reisen, massieren, rappen Freiburger HipHopper Unprovoked macht Trip durch Südamerika
E
r ist Physiotherapeut, Rapper und Weltenbummler. Der Freiburger Lukas Henn alias Unprovoked ist von März bis Juni durch Südamerika gereist. Im Gepäck sein neues Album und eine Behandlungsliege. Sein Plan: Physiotherapie gegen Schlafplatz. Die HipHop-Klangbehandlung gab’s obendrauf. Auswandern wollte der 26-Jährige schon länger. Vor einigen Jahren nach Norwegen. Der Traum platzte. Dann arbeitete er „wie ein Blöder“ in einem Freiburger Fitnesscenter. Und wollte kurz darauf wieder weg. Nach Südamerika, alleine, für fünf Jahre. Doch: „Vor der Abreise hatte ich die geilste Zeit meines Lebens“, erinnert sich Henn. Er nahm ein Album auf, spielte mit seiner Band „Bios & TheRapist“ immer mehr Konzerte und verliebte sich neu. Statt fünf Jahren blieb er nur drei Monate in Südamerika. Bart, Hornbrille, Kappe. Entspannt erzählt Lukas Henn kurz nach seiner Rückkehr aus Kolumbien von seinem Abenteuer. „Am Anfang hatte ich Zweifel, ob das, was ich mache, richtig ist. Im NachFoto: © privat
hinein bin ich aber voll zufrieden. Ich habe wahnsinnig viel erlebt.“ Für seinen Trip hat sich der Physiotherapeut einen Wanderanhänger für seine Behandlungsliege bauen lassen. Kurz vor dem Flug nach Buenos Aires war zudem sein Album fertig. Die Reise wurde damit auch zur „Promo-Welttournee“, wie er mit einem Augenzwinkern berichtet. Stationen waren Argentinien, Chile, Bolivien, Peru und Kolumbien. „Ich habe viel mit Straßenmusikern gejammt. Vor allem mit einem Gitarristen, der Jordan heißt“, berichtet Henn. Die beiden traten in Peru in Restaurants auf. „Das ist dort das Normalste der Welt“, sagt Henn. „Man kommt rein, fragt, ob man spielen kann. Die drehen ihre Musik runter und machen Platz.“ Mit einem Brasilianer, der in Buenos Aires Film studiert, hat er ein Musikvideo zu seinem Song „Zwangsambivalenz“ gedreht. Verständigen mussten sie sich mit Händen und Füßen. Geklappt hat es trotzdem, das Video wird derzeit geschnitten. Deutscher Rap in Südamerika? Henn sagt, es funktioniert. „Ich dachte immer, mein Rap basiert vor allem auf dem Text. Die Leute haben aber zugehört. Ich habe mich getäuscht.“ Mittlerweile ist er wieder in Freiburg und froh, zurück zu sein. Mit seiner Band hat er bei „Freiburg stimmt ein“ und auf dem ZMF gespielt. Doch schon bald steht die nächste Reise an. In einigen Wochen will er mit seiner Freundin nach Neuseeland. Ein Jahr möchte er bleiben. Ob das so kommt, weiß er nicht:„Die Planungen ändern sich täglich.“ Till Neumann
Alles easy: Lukas Henn strahlt bei Puerto Williams in Chile, dem südlichsten Dorf der Welt.
„Zeiten ändern mich“ von Unprovoked gibt es zum GratisDownload auf bandcamp.com. Eine CD-Rezi steht auf Seite 58.
Kultur Notizen Eine Million für Pan.Optikum
Das Freiburger Aktionstheater Pan. Optikum hat sich wie 123 andere Institutionen beim EU-Förderprogramm „Creative Europe“ mit dem eigenen Projekt „Power of diversity“ angemeldet und als eines von 17 den Zuschlag erhalten. Das Gesamtvolumen des Projekts liegt bei 2,1 Millionen Euro. 1,05 Millionen zahlt die EU. „Wir freuen uns total, dass wir die Jury von unserem Projekt überzeugen konnten“, kommentierte Pan. Optikum-Geschäftsführer Matthias Rettner. Den Antrag hatten die Freiburger gemeinsam mit neun Partnern aus acht europäischen Ländern gestellt. Bei den Aufführungen geht es um Inszenierungen im öffentlichen Raum. In Freiburg wird die Premiere sein, hernach wandert das Stück durch die Projektpartnerstädte und weitere Städte Europas.
Theaterhaus eröffnet
B.A.U – Blau am Ufer, Freiwerk oder blueLab waren die Alternativen, die diskutiert wurden, nun steht der Name für das neue Tanz- und Theaterhaus der Freien Szene fest: Südufer – Tanz/Theater/Performance. Am 10. Oktober wird Eröffnung gefeiert, mit „großem Spektakel“, wie E-Werk-Geschäftsführer Jürgen Eick verspricht.
Carp neuer Intendant
Peter Carp wird neuer Intendant des Freiburger Theaters. Der gebürtige Stuttgarter leitet seit 2008 das Theater in Oberhausen und wird das in Freiburg zur Spielzeit 2017/18 übernehmen. „Carp steht für ein lebendiges,innovatives Theater,das international ausgerichtet ist, aber auch in die Stadtgesellschaft hinein wirkt und auch jüngere Zuschauer erreichen möchte“, so Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach. tbr/bar Juli/August 2015 CHILLI 56
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