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Vierteltöne: 1/4 - Ton höher, 1/4 - Ton niedriger, Q Q Q = 1/4
Es ging durch die winternächtliche Eifel auf Schmugglerwegen nach Belgien, dessen Zöllner und Gendarmen uns einen legalen Grenzübertritt verwehrt haben würden, denn wir kamen ohne Pass und Visum, ohne alle rechtsgültige staatbürgerliche Identität, als Flüchtlinge ins Land. Es war ein langer Weg durch die Nacht. Der Schnee lag kniehoch; die schwarzen Tannen sahen nicht anders aus als ihre Schwestern in der Heimat, aber es waren schon belgische Tannen, wir wussten, dass sie uns nicht haben wollten. Ein alter Jude in Gummischuhen, die er alle Augenblicke verlor, klammerte sich an den Gürtel meines Mantels, ächzte und versprach mir alle Reichtümer der Welt, wenn ich ihm nur jetzt erlaube, sich an mir fest zu halten, sein Bruder in Antwerpen sei ein großer und mächtiger Mann. Irgendwo, vielleicht in der Nähe der Stadt Eupen, nahm ein Lastwagen uns auf und führte uns tiefer ins Land hinein. Am nächsten Morgen standen meine junge Frau und ich am Bahnhofspostamt von Antwerpen und telegraphierten in mangelhaftem Schulfranzösisch, wir seien glücklich angekommen. Heureusement arrive – das war Anfang Januar 1939 …
Tamtam und Becken verklingen lassen
ord. s.p. langsamer Wechsel, jeder Spieler für sich
sub. π p p p
* kleine, individuelle Schweller mit übertriebenem Vibrato (> 1/2-Ton)
mit Bürste langsame "zeremonielle" Bewegung auf Fell
Schlag mit flacher Hand (li.)
bis: "das war Anfang Januar 1939"
Exil
Schlag mit flacher Hand (li.)
(simile) ständig wechselnder Bogen-Kontaktort den Antworten gehört die zunächst triviale Erkenntnis, dass es keine Rückkehr gibt,
Sprecher
‰ weil niemals der Wiedereintritt in einen Raum auch ein Wiedergewinn der verlorenen Zeit ist.
Unter den Fragen aber, die sich dem Exilierten schon am ersten Tag gleichsam ins Genick setzen und ihn nicht mehr verlassen, ist eine, die ich hier zu erhellen versuche:
Musik allein
Wieviel Heimat braucht der Mensch?
Musik allein
(etwas unregelmäßig)
(non trem.) aber weiter Wechsel s.p ord.
beide * individuelle Schweller mit übertriebenem Vibrato (> 1/2-Ton) (non trem.)
Bläser: heftiger, tonloser Luftstoß durchs Instrument (=
), deutliches, rhythmisiertes Geräusch beim Einsatmen (=
Streicher: mit Bogen (Haare und Holz) mechanische senkrechte "Wischbewegung" zwischen Steg und Griffbrett. Saiten dabei abdämpfen.
Streicher: mit dem cresc. die Dämpfung der Saiten (P) lösen (| frei) und mit dem decresc. wieder dämpfen | P legno e crini (wie vorher)
Die Vergangenheit war urplötzlich verschüttet, und man wusste nicht mehr, wer man war. In diesen Tagen führte ich noch nicht das Schriftstellerpseudonym französischen Klangs, mit dem ich heute meine Arbeiten zeichne. Meine Identität war gebunden an einen schlecht und recht deutschen Namen und an den Dialekt meines engeren Herkunftslandes. Aber den Dialekt habe ich mir nicht mehr gestatten wollen, seit dem Tage, da eine amtliche Bestimmung mir verbot, die Volkstracht zu tragen, in die ich von früher Kindheit an fast ausschließlich gekleidet gewesen war. Da hatte auch der Name nur noch wenig Sinn, mit dem mich die Freunde stets in mundartlicher Tonfärbung gerufen hatten. Er war gerade noch gut für die Einschreibung ins Register unerwünschter Ausländer am Antwerpener Rathaus, wo ihn die flämischen Beamten so fremdartig aussprachen, dass ich ihn kaum verstand. Und auch die Freunde waren ausgelöscht, mit denen ich im Heimatdialekt gesprochen hatte. Nur sie? Aber nein,
π (fast lautlos) p (stetiger Wechsel)
p π (fast lautlos) p (stetiger Wechsel)
* Die beiden Soli koordinieren sich ohne Dirigent
3 Holzbretter oder Holzlatten quasi: tempo primo alles,
Vla.
(Text darüber)
Alles, was mein Bewusstsein angefüllt hatte, bis zu den Landschaftsbildern, deren Erinnerung ich unterdrückte: Sie waren mir unleidlich geworden seit jenem Morgen des 12. März 1938, an dem sogar aus den Fenstern entlegener Bauernhöfe das blutrote Tuch mit der schwarzen Spinne auf weißem Grund geweht hatte.
Dämpfungsschlag
Dämpfungsschlag
Ich war ein Mensch, der nicht mehr "wir" sagen konnte und darum nur noch gewohnheitsmäßig, aber nicht im Gefühl vollen Selbstbesitzes "ich" sagte.
Einsatz im da
Manchmal geschah es, dass ich im Gespräch mit meinen mehr oder weniger wohlwollenden Antwerpener Gastfreunden beiläufig einwarf: Bei uns daheim ist es anders.
meine Gesprächspartner als das Natürlichste von der Welt. Ich aber errötete, denn ich wusste, dass es eine Anmaßung war. Ich war kein Ich mehr und lebte nicht in einem Wir. Ich hatte keinen Pass und keine Vergangenheit und kein Geld und keine Geschichte.
Nur eine Ahnenreihe war da, aber die bestand aus traurigen Rittern Ohneland, getroffen vom Anathem. Man hatte ihnen noch nachträglich das Heimatrecht entzogen, und ich musste die Schatten mitnehmen ins Exil.
unabhängig von Streichern, für sich
„V’n wie kimmt Ihr?“ – von wo kommen Sie, fragte mich gelegentlich in jiddischer Sprache ein polnischer Jude, für den Wanderschaft und Vertreibung ebenso Familiengeschichte waren wie für mich eine sinnlos gewordene Sesshaftigkeit.
Antwortete ich, dass ich aus Hohenems herstamme, konnte er natürlich nicht wissen, wo das liegt. Und war denn nicht meine Herkunft ganz und gar gleichgültig? Seine Vorfahren waren mit dem Bündel durch die Dörfer um Lwow getrottet, die meinen im Kaftan zwischen Feldkirch und Bregenz. Da war kein Unterschied mehr.
4 Soli, jede(r) für sich 4 Soli, jede(r) für sich
2 Soli, jede(r) für sich
2 Soli, jede(r) für sich
Sprecher
Das echte Heimweh war nicht Selbstmitleid, sondern Selbstzerstörung. Es bestand aus der stückweisen Demontierung unserer Vergangenheit, was nicht abgehen konnte ohne Selbstverachtung und Hass gegen das verlorene Ich. Die Feindheimat wurde von uns vernichtet, und zugleich tilgten wir das Stück eigenen Lebens aus, das mit ihr verbunden war. Der mit Selbsthass gekoppelte Heimathass tat wehe, und der Schmerz steigerte sich aufs unerträglichste, wenn mitten in der angestrengten Arbeit der Selbstvernichtung dann und wann auch das traditionelle Heimweh aufwallte und Platz verlangte. Was zu hassen unser dringender Wunsch und unsere soziale Pflicht war, stand plötzlich vor uns und wollte ersehnt werden: ein ganz unmöglicher, neurotischer Zustand, gegen den kein psychoanalytisches Kraut gewachsen ist. Therapie hätte nur die geschichtliche Praxis sein können, ich meine: die deutsche Revolution und mit ihr das kraftvoll sich ausdrückende Verlangen der Heimat nach unserer Wiederkehr.
Tamtam
(stetiger, unregelmäßiger dynamischer Wechsel)
Takt 253 - 262: Dirigent gibt jeweils den Taktbeginn an.
Aber die Revolution fand nicht statt, und unsere Wiederkehr war für die Heimat nichts als eine Verlegenheit, als schließlich die nationalsozialistische Macht von außen gebrochen wurde.
Tamtam verklingen lassen
* Unterschiedlich große Flußsteine aneinander schlagen bzw. reiben.
Sprecher
Sprecher
Steine
Schlz.
Im südfranzösischen Lager Gurs, wo ich mich 1941 ein paar Monate lang befand, saß damals auch, fast siebzigjährig, der zu seiner Zeit berühmte Lyriker Alfred Mombert aus Karlsruhe und schrieb an einen Freund: „Alles fließt von mir ab, wie ein großer Regen … Alles musste zurückbleiben, alles, Wohnung, versiegelt durch Gestapo. Mitnahme von sage hundert Reichsmark war gestattet. Ich mit meiner 72jährigen Schwester samt der gesamten jüdischen Bevölkerung Badens und der Pfalz, samt Säugling und ältestem Greis binnen einiger Stunden zum Bahnhof, dann abtransportiert via Marseille, Toulouse zu den Basses Pyrenees in ein großes Internierungslager … Ob Ähnliches je einem deutschen Dichter passiert ist?“ (warten, bis Schlagzeug endet)
Vla.
Vc.
Die fast unerträglichen Zeilen sind hier nur angeführt um des ersten und letzten Satzes willen: zwischen beiden klafft ein Widerspruch, der die ganze Problematik unseres Exils enthält (…) Alles floss ab wie ein großer Regen. Damit hat es seine Richtigkeit. Die Vergangenheit des neuromantischen Lyrikers Alfred Mombert, Verfasser des Bandes „Der himmlische Zecher“, floss aus der Welt an dem Tage, da man einen Siebzigjährigen namens Alfred Israel Mombert aus Karlsruhe deportierte und keine Hand sich erhob, ihn zu schützen. Und dennoch schrieb er, nachdem das nicht mehr Umkehrbare sich ereignet hatte, von sich als einem „deutschen Dichter“. Er hat in der Baracke von Gurs, hungrig, von Ungeziefer bedrängt, vielleicht brutalisiert von einem ahnungslosen Gendarmen des Vichy-Regimes, unmöglich erkennen können, wozu viele von uns Jahre gesammelten Nachdenkens, Nachspürens nötig hatten: dass ein deutscher Dichter nur ein Mann sein kann, der nicht nur in Deutsch dichtet, sondern für Deutsche auf deren ausdrückliches Verlangen; dass, wenn alles abfließt, auch die letzten Spuren der Vergangenheit mitgerissen werden. Die Hand, die sich zu seinem Schutz nicht erhob, hat den Alten verstoßen. Die Leser von einst, die gegen seine Deportierung nicht protestierten, hatten seine Verse ungeschehen gemacht. Mombert war, als er seinen tragischen Brief abfasste, so wenig mehr ein deutscher Dichter wie der Kommerzienrat noch ein Kommerzienrat war, wenn er beim Hilfskomitee einen alten Wintermantel holte. Um dieser oder jener zu sein, brauchen wir das Einverständnis der Gesellschaft. Wenn aber die Gesellschaft widerruft, dass wir es jemals waren, sind wir es auch nie gewesen.
Steine schlagen und reiben
Kreisende Bewegung des Bogens mit Holz und Haaren auf allen abgedämpften Saiten zwischen Steg und Griffbrett.
alle schauen auf Schlagzeuger
& & & B & & &
Sprecher
Schlz.
Säge
alle schauen auf Schlagzeuger
alle schauen auf Schlagzeuger
alle schauen auf Schlagzeuger
alle schauen auf Schlagzeuger
alle schauen auf Schlagzeuger
alle schauen auf Schlagzeuger
zersägt die Latte in ca. je 15 cm lange Stücke (4 - 5 Stücke)
(abgesägtes Stück fällt zu Boden)
alle schauen auf Schlagzeuger
alle schauen auf Schlagzeuger
alle schauen auf Schlagzeuger
alle schauen auf Schlagzeuger
alle schauen auf Schlagzeuger
Lindau, 8. Mai 2019