Nr. 2 / 2018
Bern
Nachbarn
Leben in Armut – ein Stigma? Dunkelziffer Armut In der Schweiz leben mehr Menschen in Armut als offiziell erfasst Viele meiden den Gang zum Sozialamt – aus Furcht vor sozialer Ächtung
Inhalt
Inhalt Editorial
3 Von Claudia Babst
Co-Direktorin Caritas Bern
Kurz & bündig
4 News aus dem Caritas-Netz Schwerpunkt Martina Merida wurde von ihrem Mann verlassen während sie mit dem vierten Kind schwanger war Sie geriet in Armut Wie weiter wenn der Kühlschrank praktisch leer und Hilfe bi er nötig ist? Martina berichtet davon
6 «Dann packt dich die Panik …» Schwerpunkt
10 Die Dunkelziffer der Armut in der Schweiz
Schwerpunkt
Leben in Armut – ein Stigma?
Persönlich
12 Was bedeutet für dich Armut?
Sechs Antworten von Passantinnen und Passanten Regional
In der Schweiz gibt es eine Dunkelziffer der Armut. Eine Studie der Berner Fachhochschule (BFH) weist nach: Viele Armutsbetroffene verzichten auf die Unterstützung durch Sozialhilfe. Diese Menschen erscheinen in keiner offiziellen Armutsstatistik. Die Angst vor sozialer Stigmatisierung durch den Gang auf das Sozialamt wird von den Studienautoren als einer der Hauptgründe für den Verzicht auf Sozialleistungen gesehen. Der politische und öffentliche Druck auf die Sozialhilfe und auf die von Armut betroffenen Menschen verstärkt diese Furcht. Martina Merida (Name geändert) trat den Gang aufs Sozialamt an – und berichtet eindrücklich von ihren Erlebnissen, von Scham und verlorenem Selbstwert. Caritas unterstützt Menschen, die in Armut leben, erzählt deren Geschichte und bekämpft sowohl die Armut selber als auch deren gesellschaftliche Stigmatisierung.
14 «Ich freue mich jeden Tag, zur Arbeit zu gehen» 16 «Eine engagierte Brückenbauerin» 17 Auf dem Weg zum Traumberuf Ich will helfen
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«Meine Zeit sinnbringend nutzen» Kolumne
19 Lasst uns Wert schätzen
ab Seite
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Editorial
Liebe Leserin, lieber Leser Rund eine Million Menschen in der Schweiz sind armutsgefährdet oder arm. Zu den am stärksten betroffenen Gruppen zählen alleinerziehende Personen mit minderjährigen Kindern sowie Personen ohne Ausbildung oder ohne Erwerbstätigkeit. Aus Sorge vor Stigmatisierung und aus Scham bleibt die prekäre Lebenslage von Armutsbetroffenen oft unsichtbar. Tatsächlich sind jedoch viele Menschen ständig geplagt von Geldsorgen und oft auch gesundheitlich angeschlagen. Familien- und Freundschaftsbeziehungen werden aufgrund der grossen Belastungen auf die Probe gestellt, nicht wenige gehen in die Brüche. Um Teil der Gesellschaft zu bleiben und aus Angst vor Vereinsamung verschweigen armutsgefährdete Menschen ihre Not und vermeiden den Gang auf das Sozialamt, bis es nicht mehr anders geht. Thema dieses Magazins ist die unsichtbare Armut in der Schweiz, und was sie für Betroffene im Alltag konkret bedeutet. Experten, aber auch armutsbetroffene Personen, kommen zu Wort. Mit unterschiedlichen Angeboten begleiten die regio nalen Caritas-Organisationen armutsgefährdete Menschen zurück in ein Leben, das sie möglichst selbständig gestalten können. In dieser Ausgabe können Sie mehr über unser Engagement erfahren. Sie können uns unterstützen – zum Beispiel mit einer Themenpatenschaft «Pro Caritas-Markt», zu der Sie in der Beilage weitere Informationen finden. Für einen Spendenbeitrag bedanke ich mich bereits im Voraus herzlich! Claudia Babst
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Claudia Babst Co-Direktorin Caritas Bern
«Nachbarn», das Magazin der regionalen Caritas-Organisationen, erscheint zweimal jährlich: im April und im Oktober. Gesamtauflage: 33 300 Ex. Auflage BE: 4 045 Ex. Redaktion: Naomi Kunz (Caritas Bern) Roland Schuler (national) Gestaltung und Produktion: Urs Odermatt, Jasmin Metzger Druck: Stämpfli AG, Bern Caritas Bern Eigerplatz 5, Postfach 3000 Bern 14 Tel. 031 378 60 00 www.caritas-bern.ch PC 30–24794–2
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Kurz & bündig
Kantonale Sozialpolitik
Armutsbetroffene unter Druck Gleich in mehreren Kantonen wird zum Angriff auf die Sozialhilfe angesetzt. Dies verschärft Probleme, statt sie zu lösen.
Die Bundesverfassung garantiert Menschen in Not Hilfe und ein menschenwürdiges Dasein. Die Sozialhilfe setzt dies um. Sie orientiert sich dafür an den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS). Diese bestimmen, was wir in der Schweiz unter einem menschenwürdigen Dasein verstehen. Dazu gehören alltägliche Ausgaben (der Grundbedarf), Wohnkosten, Krankenkassenprämien sowie je nach Situation weitere Ausgaben (zum Beispiel Zahnarztkosten). Es drohen Kürzungen in den Kantonen Der Kanton Bern war der erste: Er beabsichtigt, den Grundbedarf durch eine Sozialhilfegesetzesrevision um mindestens 8 Prozent zu kürzen. Wahrscheinlich hat dort das Volk das letzte Wort. Es folgten die Kantone Aargau und Basel-Landschaft, die den Grundbedarf für alle gar um 30 Prozent reduzieren wollen. Personen, welche als motiviert eingeschätzt werden, sollen sich bis zum heutigen Grundbedarf hocharbeiten können. Zudem sind Ideen im Umlauf, die Höhe des Grundbedarfs von der Anzahl AHV- bzw. Steuerbeitragsjahre abhängig zu machen.
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Für die Betroffenen bedeutet dies noch weniger Geld. Und dies bei steigenden Preisen, beispielsweise für Zugbillette. Zudem lösen die Kürzungen das Problem der mangelhaften Integration in den Arbeitsmarkt nicht. Viele Sozialhilfebeziehende verfügen über keine nachobligatorische Ausbildung. Arbeitsstellen für Niedrigqualifizierte sind aber heute rar. Restriktivere Sozialhilfegesetze in den Kantonen ändern an dieser Tatsache nichts. Von den Kürzungen betroffen wären ausserdem viele Kinder. Ein Drittel der Sozialhilfebeziehenden sind Kinder. Sie leiden besonders unter den Kürzungen. Der Besuch eines Sportvereins oder von Musikunterricht würde noch schwieriger. Nationale Kürzungen als Gefahr Die drei Kantone dürften erst der Anfang sein. Eine Arbeitsgruppe der SVP arbeitet an einer Strategie, um die Sozialhilfe auch in weiteren Kantonen zu kürzen. Dagegen setzt sich Caritas ein, damit ein menschenwürdiges Dasein in der Schweiz auch für Armutsbetroffene möglich ist.
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Kurz & bĂźndig
ÂŤEine Million SterneÂť
Lichtermeer fĂźr Solidarität Tausende Kerzen leuchten am 15. Dezember 2018 als Zeichen fĂźr eine solidarische Schweiz. Setzen auch Sie ein Zeichen fĂźr Solidarität mit benachteiligten Menschen: Verschenken Sie eine Kerze online und besuchen Sie eines von Ăźber hundert Lichtermeeren! Am 15. Dezember 2018 lässt Caritas im Rahmen der Kampagne ÂŤEine Million SterneÂť Plätze, BrĂźcken und Gebäude an Ăźber hundert Orten der Schweiz in einem eindrĂźcklichen Kerzenmeer erstrahlen. Gross und Klein finden zusammen, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Jede Kerze ist ein Bekenntnis fĂźr eine Schweiz, die sich fĂźr Schwache und Benachteiligte einsetzt. Ăœber die Website www.wunschkerze.ch kĂśnnen Sie auch fĂźr Ihre Liebsten eine persĂśnliche Wunschkerze gestalten, die an einem Veranstaltungsort Ihrer Wahl aufgestellt wird. Am besten vereinbaren Sie gleich ein ÂŤDateÂť fĂźr den 15. Dezember
NEWS Caritas Bern – Jahre Fachstelle Wohnen Die Fachstelle Wohnen FaWo zieht im Jubiläumsjahr eine positive Bilanz Nach Jahren arbeiten Personen fßr das Angebot Dieses umfasst die Wohnraumvermi lung und Wohnbegleitungen fßr junge erwachsene Flßchtlinge die Betreuung von Notwohnungen sowie die Organisation von Hausbesuchen durch Freiwillige Die FaWo erfßllt im Rahmen eines jährlichen Leistungsvertrags einen Au rag der kantonalen Gesundheits- und Fßrsorgedirektion www caritas-bern ch/wohnen
Projekt Mietzinsdepot bei Caritas Solothurn Mietzinsdepots zu leisten stellt fßr viele armutsbetroffene Personen eine grosse Hßrde bei der Wohnungssuche dar Öffentliche Sozialdienste schiessen keine Mietzinsdepots vor Bei Caritas Solothurn gibt es deshalb das Projekt Mietzinsdepot Betroffene kÜnnen sich an die kirchliche regionale Sozialberatung wenden wo die Fälle geprß und Mietzinsdepots vorfinanziert werden www caritas-solothurn ch
Jahre FemmesTische in der Ostschweiz Gesundheit FrßhfÜrderung Budgetkompetenz – es gibt viele Themen die Frauen mit Migrationshintergrund fremd fßr eine gelingende Integration jedoch wichtig sind Seit zehn Jahren bildet Caritas St Gallen-Appenzell Moderatorinnen fßr FemmesTische aus Diese vernetzen Frauen ermÜglichen ihnen den Austausch in eigener Sprache und informieren ßber das Leben in der Schweiz Im vergangenen Jahr wurden mit Teilnehmerinnen Gesprächsrunden in Sprachen durchgefßhrt www caritas-stgallen ch/femmes-tische
am gewählten Eine-Million-Sterne-Ort, um dort gemeinsam die Wunschkerze anzuzßnden – und um ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Im Anschluss daran kÜnnen Sie die kostenlose Kerze zu sich nach Hause nehmen. Alle Informationen zur Wunschkerzen-Aktion finden Sie unter www wunschkerze ch Informationen zur Kampagne Eine Million Sterne sowie deren Veranstaltungsorte finden Sie unter www einemillionsterne ch
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neue Integrationskurse bei Caritas Aargau Der Kanton Aargau hat Caritas erneut mit der Durchfßhrung von Integrationskursen fßr Flßchtlinge beauftragt Seit Mai laufen die ersten der insgesamt zusätzlichen Kurse mit Dolmetschern Der Kurs Hallo Schweiz thematisiert das Leben in der Schweiz Der Kurs Wohnen und Finanzen behandelt die Wohnungssuche und ein breites Spektrum an Geldthemen Sozialhilfebudget Versicherungen Schulden www caritas-aargau ch/integrationskurs
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Rubrik
Es fiel Martina sehr schwer sich einzugestehen dass es ohne Sozialhilfe nicht mehr geht Noch schwerer wog aber die soziale Ächtung die mit Ein Leben in Armut bringt Eltern an den Rand der Verzweiflung dem Gang zum Sozialamt verbunden war Heute und lässt Kinderträume platzen blickt sie dank ihrem Kämpferherz und Caritas in eine leichtere Zukun
Schwerpunkt
«Dann packt dich die Panik …» Wie ist es, als alleinerziehende Mutter auf dem Land Sozialhilfe beziehen zu müssen? Martina Merida* erzählt von Stigmatisierung, sozialer Isolation und einem hoffnungsvollen Neuanfang. Der Bericht einer aussergewöhnlichen Frau. Text Ariel Leuenberger Bilder Zoe Tempest
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Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Damals war ich mit einem Südländer verheiratet, mit dem ich vier Kinder habe – das kam in meiner Wohngemeinde gar nicht gut an. Wir planten von Anfang an eine Grossfamilie. Ich schlüpfte bewusst in die Rolle der Hausfrau. Er verdiente Geld. Mein Mann hat mich dann verlassen, als ich mit dem Jüngsten schwanger war. Er verlor damals seinen Job und sagte, er halte es nicht mehr aus hier, er müsse nach Hause für ein paar Wochen. Seither habe ich ihn nicht mehr gesehen. Er kam einfach nicht mehr zurück. Ich habe mir dieses Leben nicht ausgesucht, ich wollte nie mit vier Kindern alleine sein. Als die Ehe auseinanderging, fing das Gerede an, denn ich musste Sozialhilfe beantragen. Die Leute nickten uns zwar immer noch zu, aber keiner hat mit mir gesprochen. Ich musste wegziehen, weil ich sonst psychisch kaputtgegangen wäre.
«Als Sozialfall isoliert man sich automatisch» Jetzt arbeite ich wieder Teilzeit. Was sich geändert hat,
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seit ich wieder arbeite? Die Lebensfreude ist zurück. Die blieb eine Zeit lang total auf der Strecke. Und auch der Stolz war ramponiert. Jetzt tut es schon sehr gut, wenn dich Nachbarn oder Mütter von Schulfreunden der Kinder fragen: ‹Hey, was machst du?› und ich sagen kann: ‹Ich arbeite 50 Prozent im sozialen Bereich und gebe daneben Deutschkurse.› Da muss ich dann fast schauen, dass ich nicht zu eingebildet werde, so gut tut das. Endlich bin ich wieder jemand. Und das Finanzielle ist natürlich auch schön: Ich brauche nur noch halb so viel Hilfe. Die andere Hälfte erarbeite ich mir selbst. Auch an den Bekanntschaften freue ich mich, denn als Sozialfall isoliert man sich automatisch. Du ziehst dich zurück, die Scham hemmt dich, du kannst keine kleinen, normalen Konversationen mehr führen auf der Strasse. Darum tut es mir auch so gut, wieder arbeiten zu können. Der Mensch braucht Austausch und Beziehungen. Das ist etwas Wesentliches, das mir fehlte. Ganz einfach. Durch meine persönliche Geschichte habe ich natürlich viel Verständnis für die Menschen, mit denen ich in meinem sozialen Teilzeitjob zu tun habe. Ich weiss,
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Schwerpunkt
wie es einem geht, wenn man nur noch 2.50 Franken im Portemonnaie hat: Dann packt dich die Panik, das ist echte Existenzangst.
«Der Entscheid, aufs Sozialamt zu gehen, ist fürchterlich und braucht ganz viel Überwindung.»
man überall total unten durch ist. Ich habe das Gefühl, man ist dann kein Mensch mehr, hat keine Daseinsberechtigung mehr. Noch heute, wo ich mit einem Bein wieder im Berufsleben stehe, fällt es mir schwer, zuzugeben, dass ich abhängig bin von der Sozialhilfe. Das kratzt brutal am Ego – das ist das Schlimmste. Weniger Geld zu haben, ist für mich kein Problem. Ich achte halt sehr auf das Haushaltsbudget und halte konsequent Ausschau nach Aktionen. Das stört mich nicht. Aber die Scham, die ist für jemanden, der Selbstwert und ein wenig Stolz hatte, eine Katastrophe.
eine tränenreiche, beschämende Zeit: Man macht das nicht, weil man das Recht darauf hat, sondern weil es nicht mehr anders geht. Zuerst fragte ich Familie und Freunde um Hilfe. Erst, als ich die Miete nicht mehr bezahlen konnte und der Kühlschrank leer war, erst, als mir wirklich nichts mehr blieb, machte ich diesen Schritt. Das ist genau das Gegenteil von dem, was oft behauptet wird: Man könne einfach kommen und die hohle Hand machen. Vielleicht gibt es ein paar schwarze Schafe, aber die allermeisten würden alles geben, um nicht mehr Sozialhilfe beziehen zu müssen. Weil dies gesellschaftlich einfach so verachtet wird, dass
«Die Medien stellen uns so hin» Damit sich das ändert, müsste man wohl die Medien abschalten können. Man hat immer diese Bilder von Nachmittagsreportagen auf deutschen Privatsendern im Kopf, in denen Hartz-IV-Fälle porträtiert werden: Die Mutter hat meist kaum mehr Platz auf dem Sofa und schlurft herum in Kleidern, die man bei uns nicht mal im Secondhand findet, die ‹Rotzgofen› verhauen sich gegenseitig und die Wohnung ist ein Saustall. Gegen diese Bilder muss ich ständig ankämpfen und beweisen, dass ich nicht so bin, dass man mit mir ein normales Gespräch führen kann, dass ich daheim je-
Kein Mensch mehr Der Entscheid, aufs Sozialamt zu gehen, ist fürchterlich und braucht ganz viel Überwindung. Es ist
Auf der Strasse wurde mit Martina immer weniger gesprochen Aus Scham zog sie sich immer mehr zurück «Die Scham ist für jemanden der Selbstwert und ein wenig Stolz ha e eine Katastrophe »
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Schwerpunkt
derzeit die Tßre Üffnen und Besuch reinlassen kann, auch unangemeldeten. Es sind die Medien, die uns als Sozialhilfebeziehende so hinstellen, als ob wir dahinvegetierten im Dreck, mindestens ein Alkohol-, wenn nicht ein Drogenproblem hätten und Kinder von fßnf verschiedenen Männern. Das Schwierigste war, meiner Familie zu sagen, dass ich aufs Amt gehen muss. Sie konnten das gar nicht verstehen und waren sehr besorgt um den Ruf: ‚Was denken denn die Leute, wenn sie das erfahren?› Das kann ich einerseits nachvollziehen. Aber andererseits hätte ich mir von ihr mehr Unterstßtzung erhofft in dieser Phase, die fßr mich sowieso schon schlimm war. Mittlerweile hat sie wieder ein wenig Achtung und Respekt vor mir, weil ich es trotzdem schaffe mit den Kindern.
Vier Grßnde, nach vorne zu schauen Nicht aufzugeben, ist eine Frage des Typs: Ich war schon immer eine Kämpferin und ein Stehaufmännchen. Und ich habe vier Grßnde, immer nach vorne zu schauen. Mit Kindern musst du,
Ich war schon immer eine Kämpferin. da funktionierst du einfach wie eine Maschine. Die Beratung von der Caritas konnte mir Organisationen und Leute vermitteln: Dank der Caritas kann ich in einem kleinen Pensum Deutsch unterrichten, weiss vom ‚Tischlein deck dich› und habe die KulturLegi. Die Caritas hat da viel Know-how und Insiderwissen, das wirklich weiterhilft. In einem Monat endet meine befristete Anstellung im sozialen Bereich, dann bleiben noch die wenigen Prozente als Deutschlehrerin. Mir schwebt vor, mit dem Lehrgang als Migrationsfachperson anzufangen, das wäre super. Denn ich habe ja kaum Berufserfahrung, habe vor bald 15 Jahren das KV abgeschlossen. Diese Stelle jetzt, das war ein Geschenk von oben, auf dem ich aufbauen kann. * Namen geändert.
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ÂŤANONYMITĂ„T SCHĂœTZT VOR STIGMATISIERUNGÂť Prof Dr Carlo KnĂśpfel Dozent an der Hochschule fĂźr Soziale Arbeit FHNW Institut Sozialplanung organisationaler Wandel und Stadtentwicklung Vorstandsmitglied der Schweizerischen Vereinigung fĂźr Sozialpolitik SVSP
Fßr viele Menschen ist die Furcht vor Stigmatisierung ein wichtiger Grund um auf die staatliche Hilfe zu verzichten Wie kÜnnte dem entgegengewirkt werden? Die Furcht vor Stigmatisierung ist vor allem in kleinen Gemeinden nachvollziehbar Man kennt sich oft zu gut Darum ist eine Regionalisierung der Sozialdienste die oft auch mit einer Professionalisierung einhergeht sehr zu begrßssen Anonymität schßtzt vor Stigmatisierung Man kÜnnte sagen Wenn weniger Menschen Sozialhilfe beziehen als dazu Anspruch hätten kommt das die Allgemeinheit billiger  Wie sehen Sie das? Der Verzicht auf Sozialhilfe ist weder fßr die Betroffenen noch die Gesellscha kostenlos Die Ausbildung der Kinder wird vernachlässigt was die Vererbung von Armut provoziert Die Verschuldung steigt was zu psychischen Belastungen fßhrt Eine hohe Nichtbezugsquote ist kein gutes Zeichen!
Die Sozialhilfe ist politisch unter Dauerbeschuss siehe S Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem politischen Powerplay gegen die Sozialhilfe und der Furcht vor sozialer Ächtung bei Bezugsberechtigten? Die Sozialhilfe ist ein in der Bundesverfassung verbrieftes Anrecht Die politische Rechte stellt dies in Frage Sie tut so als ob alle Armutsbetroffenen Schmarotzer seien Nur den richtigen Armen soll geholfen werden Mit Druck will man die Leute in die Erwerbsarbeit zwingen Dabei wird ßbersehen dass der Arbeitsmarkt nicht mehr allen eine Chance bietet Das macht verständlicherweise Angst
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Schwerpunkt
Die Dunkelziffer der Armut in der Schweiz Es leben in der Schweiz mehr Menschen in Armut, als offizielle Statistiken ausweisen. Einer der Gründe dafür ist die Furcht vor sozialer Ächtung. Dies zeigt eine Studie der Berner Fachhochschule (BFH). Text Dr Oliver Hümbelin Illustration Corinne Bromundt
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enn Menschen in der Schweiz über zu wenige finanzielle Ressourcen zur Bewältigung ihres Alltags verfügen, können sie Sozialhilfe beanspruchen. Laut aktuellsten Zahlen des Bundesamtes für Statistik machen 273 273 Personen von dieser Möglichkeit Gebrauch. Dies entspricht ungefähr der Bevölkerung eines mittleren Schweizer Kantons. Von dieser beachtlichen Zahl sind aber jene ausgenommen, die unterhalb des Existenzminimums leben, die sich aber – aus welchen Gründen auch im-
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mer – gegen einen Gang zum Sozialamt entscheiden. Diese Menschen erscheinen in keiner offiziellen Statistik und bilden den Kreis jener, die in verdeckter Armut leben. Unklar ist das Ausmass dieses Phänomens.
Das Ausmass der Armut wird unterschätzt Das BFH-Zentrum Soziale Sicherheit hat in einer Studie aus dem Jahr 2016 eine Schätzung der sogenannten Nichtbezugsquote von Sozialhilfe am Beispiel des Kantons Bern vorgenommen. Die Studie setzt die Zahl der Sozialhilfeberechtigten anhand von Steuerdaten
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Schwerpunkt
in Bezug zur Zahl der Sozialhilfebeziehenden. Die Kombination beider Datenquellen zeigt: Jeder Vierte bezieht keine Sozialhilfe, obwohl ein Anspruch bestĂźnde.
Angst vor Stigmatisierung als Hauptgrund Was sind die Grßnde? Laut der Organisation fßr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gibt es vier Erklärungen: administrative Fehlentscheide oder die abschreckende Wirkung der komplexen Antragsverfahren, das Ausmass und die angenommene Dauer der finanziellen Not sowie fehlende Information. Als vierten Grund fßhren die Expertinnen und Experten der OECD psychologische und soziale Kosten an. Die Autoren sehen in der gesellschaftlichen Stigmatisierung sogar einen der Hauptgrßnde fßr den Verzicht auf Sozialleistungen. Öffentliche Debatte hat Einfluss Die Angst vor gesellschaftlicher Blossstellung gewinnt zunehmend an Bedeutung. Grund dafßr scheint die Verschärfung des Üffentlichen Diskurses um den Bezug von Sozialhilfe im Zuge neoliberaler Bewegungen zu sein, wie in vielen Ländern Westeuropas zu beobachten ist. Auch in der Schweiz finden sich Hinweise darauf, dass die Üffentliche Debatte einen Einfluss auf den Bezug von Sozialleistungen hat. Eine regionale Analyse der Nichtbezugsquote des Kantons Bern zeigt, dass diese besonders stark beeinflusst ist durch das politische Milieu einer Gemeinde: Je konservativer die Region, desto grÜsser ist der Anteil der Menschen, die in verdeckter Armut leben – also ihren Anspruch auf Sozialhilfe nicht geltend machen. Die Datenlage zeigt: Es gibt in der Schweiz eine Dunkelziffer der Armut. Wie hoch diese ausfällt, ist noch unklar. In Bern ist jeder Vierte unterhalb des Existenzminimums davon betroffen. Die Furcht vor sozialer Ächtung ist, neben anderen, ein wichtiger Grund dafßr, dass Armutsbetroffene ein Leben in verdeckter Armut fßhren. Oliver Hßmbelin Dr rer soc ist Soziologe und forscht am BFH-Zentrum Soziale Sicherheit In seiner Arbeit beschä igt er sich mit Fragen rund um Ungleichheit und Armut sowie mit der Ausgestaltung des Wohlfahrtsstaates Er ist Autor der im Artikel erwähnten Studie Diese ist online einsehbar unter folgendem Link h ps //ideas repec org/p/bss/wpaper/ html Eine umfassendere englische Version erscheint im Frßhjahr in der Schweizerischen Zeitschri fßr Soziologie
Kommentar
Versteckte Armut soll ans Tageslicht! Caritas setzt sich anwaltschaftlich fßr Armutsbetroffene ein. Dabei beobachten wir besorgt, wie sich die mediale und politische Diskussion bezogen auf das Recht zur Existenzsicherung durch Sozialhilfe verschärft hat. Unsere Beraterinnen und Berater sind regelmässig mit Personen konfrontiert, die ihren Anspruch auf Sozialhilfe nicht geltend machen – viele aus Angst, als Sozialfall abgestempelt zu werden. Wir informieren die Betroffenen ßber ihr Grundrecht auf Existenzsicherung und beraten sie, wie sie zu ihrem (guten) Recht kommen. Wem die nÜtigen Mittel fehlen, der muss sparen. Dies geschieht erfahrungsgemäss oft bei der eigenen Ausbildung oder derjenigen der Kinder oder bei der Gesundheitsvorsorge – mit den entsprechenden Folgekosten fßr die Gesellschaft. Die verdeckte Armut kostet – und muss ans gesellschaftliche Tageslicht. Wir fordern eine flächendeckende Armutsberichterstattung, welche die tatsächliche Realität abbildet und insbesondere auch die Nichtbezugsquote ausweist. Nur so lassen sich die Kosten effektiv erfassen und kann eine menschenwßrdige Armutspolitik betrieben werden, die allen Betroffenen hilft. Anna-Katharina Thßrer Grundlagen Caritas Zßrich
VERANSTALTUNGSHINWEIS Das Zßrcher Armutsforum vom November widmet sich dem Thema Versteckte Armut – wenn Berechtigte keine Sozialhilfe beziehen Weitere Informationen www caritas-zuerich ch/armutsforum
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PersĂśnlich
Officid quiadis videlic tisit Officid quia videlic tisitem faccatempos quam, volorep ratiunt, sandae num nonsed qui utem aliquam fuga. Ibusdamet dolesequi reria arum eos aut fugiam aut vid expliqui ratquam id que oditio escia net, omniendem demporia nonsedis aut ligenim olestem qui repero etur aut eos et audignisate sed quam sape sequid. Sophie Jahre geht in die fĂźn e Klasse und wohnt in MĂźnsingen Armut bedeutet fĂźr sie wenn Menschen zu wenig Geld fĂźr Essen und Kleider haben
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Bild: Officid quia videlic tisitem faccatempos quam, volorep ratiunt, sandae num nonsed qui utem aliquam fuga.
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Persönlich
«Was bedeutet für dich Armut?» Viele von Armut betroffene Menschen in der Schweiz zögern, Hilfe beizuziehen – unter anderem aus Scham. Je mehr Armut zum Thema wird, desto kleiner wird die Furcht vor dem vermeintlichen Stigma «Armut». Wir fragten Passantinnen und Passanten in der Deutschschweiz, was für sie Armut bedeutet.
Sophie Ledermann, Schülerin, Zürich Für mich bedeutet Armut, wenn man im Durchschnitt weniger als andere hat. Das kann materiell, aber auch seelisch sein. Aber nicht jeder ist mit wenig unzufrieden. Manche sind auch glücklich mit einem ganz einfachen Leben. Je nachdem, wie man das Leben betrachtet.
Iwan Hochstrasser, Schüler, Windisch Beim Thema Armut denke ich vor allem an Menschen in der Dritten Welt, die um ihre eigene Existenz kämpfen müssen, und an die Flüchtlinge, die kein Zuhause haben. In der Schweiz gibt es auch Armut. Ich kann sie jedoch nicht so direkt sehen. Ich denke, dass Armut bei uns versteckt ist.
Philipp Moosmann, Umweltingenieur, St. Gallen Armut ist für mich, wenn jemand zu wenig Geld für das Nötigste hat. Sicher ist Armut in der Schweiz nicht mit anderen Ländern vergleichbar; dennoch gibt es hier viele Armutsbetroffene. Es lässt sich leicht über Armut reden, wenn man davon nicht betroffen ist. Weil man sich schlicht nicht vorstellen kann, was es heisst, in Armut zu leben und dadurch von der Gesellschaft ausgegrenzt zu sein.
Nathalie Komenda, Studentin, Windisch Armut bedeutet für mich, dass verschiedene Lebensbereiche eines Menschen durch die angeschlagene finanzielle Situation erschwert werden. Besonders bei Familien kann Armut schwerwiegende Folgen haben. Betroffene Kinder und Jugendliche werden in ihrer Entwicklung beeinträchtigt und die Chancengleichheit ist nicht gewährleistet.
Diellza Krasniqi, lernende Coiffeuse, Biel Armut bedeutet für mich das Gegenteil von Reichtum. Aber auch, wenn die menschlichen Grundbedürfnisse nicht gewährleistet sind – wenn man sich keine Wohnung, keine Nahrung oder keine Kleidung mehr leisten oder kein Sozialleben mehr führen kann, zum Beispiel der Kinobesuch zu teuer ist. Oft gehen mit der Armut auch gesundheitliche Probleme einher. Jeder Mensch kann plötzlich von Armut betroffen sein, etwa durch Langzeitarbeitslosigkeit, Krankheit, Unfall, den Tod eines Partners oder durch Scheidung.
Robin Lang, Kauffrau, Sursee Armut in der Schweiz heisst ja nicht gerade, Hunger zu haben. Dennoch kauft man halt dann schon oft billiges Essen, und das ist meist nicht gerade gesund. Vieles in der Schweiz kostet, und Menschen mit wenig Geld sind da oftmals ausgeschlossen. Meist weiss man ja auch gar nicht, wer von Armut betroffen ist.
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Caritas Bern
«Ich freue mich jeden Tag, zur Arbeit zu gehen» Hanna Bischoff ist seit 2015 im Rahmen eines Arbeitsintegrationsprogramms im Caritas-Markt tätig und berichtet, was ihr dieser Arbeitseinsatz in den vergangenen Jahren gebracht hat. Interview: Naomi Kunz Bild: Pia Neuenschwander
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rau Bischoff, wie kommt es, dass Sie im Caritas-Markt Thun arbeiten? Ich komme aus der Ukraine und bin eigentlich ausgebildete Buchhalterin und Kindergärtnerin. In der Ukraine habe ich verschiedene Geschäfte mit Haushaltswaren geführt, musste jedoch 2002 aus privaten Gründen in der Schweiz Asyl beantragen. Zwei Jahre nach meiner Einreise in die Schweiz habe ich geheiratet. Zehn Jahre lebte ich mit meinem Mann und unserem Sohn in Wengen. Nach einer schwierigen Zeit kam es 2013 zur Trennung und ich zog mit meinem Sohn nach Steffisburg. Die Trennung hat mich finanziell in eine prekäre Situation gebracht, ich musste am neuen Wohnort nochmals ganz von vorne beginnen. Wie sind Sie mit dieser schwierigen Situation umgegangen? Ich versuchte mich verschiedentlich zu bewerben, jedoch ohne Erfolg. Ich wollte dennoch etwas unternehmen und habe dann eine Ausbildung als Pflegehelferin beim SRK und im Anschluss noch weitere Weiterbildungsmodule im Pflegebereich gemacht, die ich selbst finanziert habe. Aber die Stellensuche blieb schwierig. Teilweise wurden mehrere Jahre Berufserfahrung verlangt, oder es wurden Arbeitszeiten gefordert, die es mir verunmöglicht hätten, meinen Sohn zu betreuen. Schliesslich musste ich Sozialhilfe beantragen. Beim Sozialamt habe ich nachgefragt, ob es denn keine Möglichkeit gäbe für mich, zu arbeiten. Ich wollte einfach nicht nur zuhause herumsitzen. Auf meine Anfrage durfte ich Ende 2015 im Rahmen des Arbeitsintegrationsprogramms der Stadt Thun beim Caritas-Markt schnuppern gehen. Nach drei Tagen durfte ich bereits die Arbeit aufnehmen. Seither bin ich hier zu 60 Prozent tätig und die Arbeit gefällt mir sehr gut.
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Was bringt Ihnen der Arbeitseinsatz im CaritasMarkt konkret? Die Arbeit im Caritas-Markt macht mir Spass. Ich freue mich wirklich jeden Tag, zur Arbeit zu gehen. Meine Tätigkeiten umfassen im Wesentlichen das Auffüllen der Regale, die Reinigung und Warenkontrolle, die Betreuung der Kasse sowie der Kaffee-Ecke. Mit dem Arbeitseinsatz habe ich eine Tagesstruktur, aber auch einen sozialen Austausch und Begegnungen mit meinen Arbeitskollegen und der Kundschaft, die mir viel bedeuten. Ausserdem habe ich auch fachlich etwas dazugelernt. Dies, obwohl ich in der Ukraine vier Geschäfte mit Haushaltswaren alleine aufgebaut und geführt habe – die Arbeit im Caritas-Markt erinnert mich manchmal an diese Zeit. Ich denke, die beruflichen Erfahrungen, die ich hier sammeln durfte, haben meine Chancen auf einen Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt sicherlich verbessert. Für eine zukünftige Arbeitsstelle im Detailhandel bringe ich mittlerweile viel Erfahrung mit. Was ich bei dieser Arbeit ausserdem besonders schätze, ist, dass meine momentane familiäre Situation berücksichtigt wird. Was meinen Sie damit genau? Ich habe einen 13-jährigen Sohn. Die sehr schwierige Zeit rund um die Scheidung von meinem Mann hatte leider einen grossen Einfluss auf ihn, was teils auch mit Schwierigkeiten in der Schule einherging. Mein Sohn braucht leider noch immer sehr viel Unterstützung. Glücklicherweise wird mir diesbezüglich im Caritas-Markt sehr viel Verständnis entgegengebracht. Ich kann für meinen Sohn da sein, wenn es wirklich nötig ist, und meine Arbeitszeit mehrheitlich nach seinem Stundenplan ausrichten. Dafür bin ich natürlich sehr dankbar.
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Caritas Bern
Der engagierte Arbeitseinsatz von Frau Bischoff im Caritas-Markt Thun qualifiziert sie für den Arbeitsmarkt.
Wie lange werden Sie noch im Caritas-Markt Thun mitarbeiten können? Mein derzeitiger Vertrag läuft Ende Jahr aus. Normalerweise laufen die Arbeitsintegrationsprogramme etwas weniger lang. Die Probleme mit meinem Sohn hatten es mir jedoch während einer gewissen Zeit verunmöglicht, eine Stelle anzunehmen. Deshalb wurde mein Einsatz im Arbeitsintegrationsprogramm verlängert. Ich hoffe, dass nun alles gut gehen wird und ich mir bald eine Arbeitsstelle suchen kann. Ich möchte so schnell wie möglich von der Sozialhilfe unabhängig werden und wieder ein eigenständiges Leben führen.
Welche Arbeitsbereiche könnten Sie sich denn für eine berufliche Zukunft vorstellen? Einerseits interessieren mich der Pflege- sowie der Kinderbetreuungsbereich, am meisten jedoch der Detailhandel. Es würde mich auch sehr freuen, wenn ich im Caritas-Markt fest angestellt werden könnte – das wäre toll! Als Sozialhilfe-Bezieherin besitzen Sie auch die Caritas-Karte. Wie beurteilen sie diese Dienstleistung von Caritas für armutsbetroffene Menschen? Ich habe finanziell deutlich eine Erleichterung gespürt. Ich habe zwei Jahre von der Sozialhilfe gelebt, ohne vom Caritas-Markt Thun zu wissen. Als ich im Caritas-
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Markt einkaufen durfte, bedeutete das für mich klar mehr Luft nach oben. Die Preise sind wirklich deutlich günstiger als in anderen Warengeschäften – von Gemüse, Obst, diversen Milchprodukten bis zu Hygieneartikeln, es findet sich alles hier. UNTERSTÜTZEN SIE DEN CARITAS-MARKT! In den Caritas-Märkten können Menschen mit knappem Budget günstige und gesunde Lebensmittel erwerben. Dank der tiefen Preise im Caritas-Markt erhalten armutsbetroffene Menschen finanziellen Spielraum und können sich kleine Lichtblicke in ihrem Alltag leisten: einen Kinobesuch, einen Eintritt ins Schwimmbad, einen Ausflug oder ein Paar neue Schuhe. Gleichzeitig ist der CaritasMarkt mit der Kaffee-Ecke ein Ort der Begegnung und bietet zudem Einsatzplätze für arbeitslose Personen. Die Caritas-Märkte werden durch Erträge aus den Warenverkäufen finanziert. Die Märkte sind nicht selbsttragend und deshalb auf Beiträge von Kirchen, Gemeinden und Spenden von Privatpersonen angewiesen. Übernehmen Sie eine Patenschaft «Pro Caritas-Markt»: Mehr Informationen im beiliegenden Flyer oder unter www.caritas-bern.ch/themenpatenschaft
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Caritas Bern
«Eine engagierte Brückenbauerin» Félicienne Villoz-Muamba ist Mediatorin und bei Caritas Bern eine wichtige Schlüsselperson im Bereich «Migration und Alter». Durch kultursensible, niederschwellige Beratungen, Coachings und Mediation unterstützt sie Menschen in ihren sozialen Beziehungen und leistet so einen wichtigen Beitrag zu deren sozialer Integration. Text: Hana Kubecek Bild: Pinaki
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icht nur Menschen mit Migrationshintergrund haben oft Schwierigkeiten, sich sozial zu integrieren, ist Félicienne überzeugt. «Viele Menschen haben Berührungsängste, bleiben zu Hause und werden dadurch immer stärker isoliert. Auch viele Schweizerinnen und Schweizer fühlen sich zuweilen sehr einsam.» Insbesondere betreffe dies ältere Bevölkerungsgruppen.
Aktivitäten als Brückenbauerin Bei Caritas Bern leistet Félicienne im Bereich «Migration und Alter» als Schlüsselperson wertvolle Arbeit. «Die Menschen sollen rausgehen, sich austauschen und dabei Neues entdecken», erklärt sie. Félicienne engagiert sich insbesondere für afrikanische Immigrantengruppen in Biel, indem sie sich beispielsweise gegen die Mädchenbeschneidung und für die Aids-Prävention einsetzt. Sie hat aber auch schon als kulturelle Übersetzerin Brücken gebaut und etwa an Elternabenden zwischen Schulen und Familien mit Migrationshintergrund vermittelt. Dabei sei ihr immer wieder aufgefallen, dass schnell einmal verschiedene Wertvorstellungen und Traditionen aufeinanderprallen. Beispielsweise wenn es in der Schule heisse: «Warum schaust du uns nicht in die Augen, wenn wir mit dir sprechen?» Zuhause hingegen würden die Kinder teils angehalten, älteren Personen aus Respekt nie in die
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Félicienne Villoz-Muamba: «Ich will die Menschen motivieren, rauszugehen, sich auszutauschen und sich dabei auf neue Begegnungen einzulassen.»
Augen zu schauen. «In solchen Situationen bin ich entweder selber als Mediatorin tätig oder ich hole Mediatorinnen dazu, die mich unterstützen», berichtet Félicienne.
Ein spannender Werdegang und ein grosses Netzwerk 1956 wurde Félicienne in Lusambo (Demokratische Republik Kongo) als Älteste von 18 Kindern geboren. Der Vater wollte seiner Tochter eine gute Ausbildung ermöglichen. So kam sie im Alter von 6 Jahren zu Verwandten nach Belgien. Nach ihrer Schulzeit in Brüssel studierte
Félicienne Rechtswissenschaften in Paris. Nach dem Studium arbeitete sie in Bern für die kongolesische Botschaft. Sie ist Mutter von zwei Töchtern und lebt mit ihrem Mann, einem Schweizer, in Biel. Mit ihrem Engagement in verschiedenen Organisationen und politischen hat sie sich ein grosses Netzwerk aufgebaut. Vielen Migrantinnen und Migranten macht Félicienne Mut. Sie sehen in ihr eine Hoffnungsträgerin, die ihnen den Weg in eine gelungene Integration erleichtert.
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Gesichter hinter Caritas Bern
Auf dem Weg zum Traumberuf Diamant Krasniqi ist ein aufgestellter und hilfsbereiter junger Mann. Er ist stolz, dass er bei Caritas Bern eine Lehre machen kann. Für Diamant ist es klar, dass er eines Tages seinen Traumberuf verwirklichen wird. Nach der Lehre möchte er gerne Wirtschafts informatik studieren und sich für eine friedliche Welt engagieren. Text: Hana Kubecek Bild: Lothar Schröger
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m Zuge des Familiennachzugs kam Diamant vor sieben Jahren mit seiner Mutter und fünf Geschwistern aus dem Kosovo in die Schweiz. Seine Familie lebt heute in Biel. Diamant wohnt in einer Wohngemeinschaft in Bern.
Die Chance packen In Rahovec hatte Diamant das Gymnasium besucht. Schon damals träumte er davon, Informatiker zu werden. In der Schweiz packte er die Chance und besuchte eine berufsvorbereitende Schule. «Nach der Schule war es schwierig, eine Lehrstelle im Informatikbereich zu finden, da ich zuerst meine Deutschkenntnisse verbessern musste und durch Kinderlähmung zudem körperlich eingeschränkt bin. Ein Lehrer hat mir empfohlen, zuerst eine Bürolehre zu machen und mich danach weiterzubilden», erklärt Diamant. Ein Herz für Menschen und Computer Nach der zweijährigen Lehre zum Büroassistenten EBA bei Caritas Bern ist Diamant heute im zweiten Lehrjahr Kaufmann EFZ. «Der Beruf gefällt mir sehr. Es ist sehr abwechslungsreich bei Caritas. Alle sind per du, freundlich und hilfsbereit. Nach sechs Monaten wechsle ich jeweils die Abteilung. Am Schalter beim Empfang mag ich den Kontakt mit Menschen aus verschiedenen Kulturen. Wir empfangen unsere Klienten – die meis-
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Diamant – unser Lernender mit dem aussergewöhnlichen Vornamen – arbeitet gerne bei Caritas Bern. Denn auch er möchte sich für eine Welt ohne Armut und Krieg engagieren.
ten sind anerkannte oder vorläufig aufgenommene Flüchtlinge – immer freundlich mit einem Lächeln. Es gibt hin und wieder Situationen, in denen wir gefordert sind. Wenn beispielsweise schon viele Klienten da sind, zusätzlich unangemeldete Personen kommen und dann noch das Telefon klingelt. Wir sind jedoch ein engagiertes Team. In der Administration vom Flüchtlingssozialdienst machen mir die Arbeit vor allem am Computer sowie das Anwenden verschiedener Programme sehr viel Spass», meint Diamant.
CARITAS BERN ALS AUSBILDUNGSBETRIEB Neben einer breiten Palette an Angeboten für verschiedene Zielgruppen engagiert sich Caritas Bern auch als Ausbildungsbetrieb. Im kaufmännischen Bereich bildet sie junge Erwachsene zu Büroassistenten/innen EBA sowie Kauf frauen/männern EFZ aus. Im Detailhandel bildet Caritas Bern Detailhandels assistenten/innen EBA aus und bietet Vorlehren an.
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Ich will helfen
«Meine Zeit sinnbringend nutzen» Leila engagiert sich seit einem Jahr beim Projekt Copilot von Caritas Zürich. Die junge Heilpädagogin unterstützt und begleitet eine Migrantenfamilie. Das einjährige Engagement geht dem Ende zu, doch der Kontakt wird bestehen bleiben. Text und Bild Monika Gut
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Katharina und ihre Familie stammen aus ExJugoslawien, so wie mein Vater. Das ist hilfreich für mich, so kann ich vieles nachvollziehen, weil ich es teilweise auch so erlebt habe. Ich kenne die Situation, dass man für drei Tage tausend Kilometer zurück ins Heimatland fährt, weil es jemandem nicht gut geht. Auch mein Vater hat das oft gemacht und ich verstehe, was dies für die Familie bedeutet. Schön ist, dass Katharina Schweizerdeutsch spricht. Das vereinfacht vieles. Ich treffe mich alle zwei bis drei Wochen oder nach Bedarf mit ihr. Sie hat zwei Mädchen. Eines im Kindergarten und das andere im Vorschulalter. Wir unterhalten uns über die Kinder und über Themen rund um die Schule. Als Copilotin helfe ich der Familie beim Schuleintritt, indem ich den Eltern das Schulsystem erkläre und sie bei administrativen Tätigkeiten begleite. Ich unterstütze sie auch immer wieder bei schriftlichen Angelegenheiten wie Anmeldungen, Formularen oder Briefen von Versicherungen. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Dabei merke ich, wie anspruchsvoll unsere Sprache und unser System sind. Themen rund um die Schule und die Kinder fliessen dann nebenbei ein. Da Katharina viel zu Hause ist mit den Kindern, hat sie auch das Bedürfnis zu erzählen, was sie beschäftigt. Ich finde es schön, dass wir uns unterhalten und ich von ihrem Leben erfahren und daran teilhaben kann. Es gab auch Situationen, in denen ich stark eingebunden war. Da musste ich abwägen und herausfinden, wo ich Unterstützung bieten kann – und wo nicht. Die grosse Flüchtlingskrise war für mich ausschlaggebend für mein Engagement. Online habe ich mich über
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verschiedene Projekte informiert und bin so bei Copilot von Caritas Zürich gelandet. Dies schien wie gemacht für mich als Lehrerin, Heilpädagogin und Mutter; das richtige Projekt, bei dem ich mein Wissen weitergeben und meine Zeit sinnbringend nutzen kann. Das Projektjahr ist schon fast vorbei und wir haben uns gut kennengelernt in dieser Zeit. Ich glaube, dass sie meine Unterstützung eigentlich nicht mehr braucht. Sie macht es sehr gut mit den Kindern und versteht mittlerweile auch unser Schulsystem. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir weiterhin in Kontakt bleiben werden, und ich hoffe, dass ich sehen kann, wie sich die Familie weiterentwickelt.» Informationen zum Projekt Copilot: www caritas-zuerich ch/copilotfreiwillige WIR SAGEN DANKE! Auf dieser Seite porträtieren wir Menschen die sich bei Caritas in unterschiedlicher Form für armutsbetroffene Menschen einsetzen Ihr vielfältiges Engagement wollen wir sichtbar machen und uns dafür bedanken Ohne deren unermüdlichen Einsatz und deren grosszügige Unterstützung wäre die Arbeit der Caritas für Menschen mit wenig Geld schlicht nicht zu bewerkstelligen Wollen Sie sich auch freiwillig engagieren? Als Freiwillige oder Freiwilliger lernen Sie Menschen mit anderen Perspektiven kennen Sie helfen im Alltag und machen Integration möglich Mehr Informationen finden Sie auf der Website der Caritas-Organisation in Ihrer Region
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Kolumne
Lasst uns Wert schätzen
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ls ich mit meinem Bruder das erste Mal an einer Üffentlichen Silvester-Party feiern wollte, sagte unser Vater: Trinkt nicht zu viel! Dann lachte er und ergänzte: Ach, ihr habt eh nicht genug Geld dafßr.
Im Thurgau mit wenig Geld aufzuwachsen, war nicht schlimm. Ich brauchte keine Ausrede, weshalb ich nicht an die Chilbi wollte. Wir hatten keine. Und beim grÜssten Sportclub, dem HC Thurgau, hatte man keinen Grund, Fan zu sein. Das einzige erfolgreiche Duo im Thurgau bestand aus einem Mann und einer Puppe, weil sich Kliby und Caroline nicht mehr leisten konnten. So habe ich gelernt, auch kleine Dinge zu schätzen. Und das SchÜne am Armsein: Deine Freunde mÜgen dich freiwillig. Solange du dir grosse Gedanken leisten kannst und reich an Ideen bist, kannst du ein MacGyver der finanziellen Not werden. So wie Eltern, die untereinander ihre eigenen Mini-Kitas auftun. Und klar, fßhlst du dich bestärkt, wenn du dich selbst retten kannst. Das heisst aber noch lange nicht, dass man gerne in dieser Situation ist. Oder analog zu MacGyvers Gefahrenlagen: Niemand ist gerne in einem brennenden Haus an einen Stuhl gefesselt, auch wenn man sich mit einem Kugelschreiber alleine retten kÜnnte.
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Man hat ein Recht auf Hilfe, um aus momentanen Lebenskrisen wieder herauszukommen. Mehr als ein: RAV di zäme! Doch wir sind Profis im Voreingenommensein. Auch ich. Kßrzlich habe ich einem Obdachlosen Geld gegeben. Und dann war es ein Hipster. Aber er hat sich ßber das Mßnz gefreut. Armut erscheint uns wie ein Gully: dßster, unheimlich und schmutzig. Und instinktiv will man verhindern, dass da was hochkommt oder man selbst hineinfällt. Das feinmaschige soziale Netz kann wenig halten, wenn die Probleme schwer wiegen. Und die Armen werden im Schacht gehalten, doch sie sehnen sich nach Licht, Freiraum und Unabhängigkeit. Machen wir Platz fßr Begegnungszonen ohne Gullys. Helfen wir einander, dass wir auch ohne Geld Illustration Corinne Bromundt etwas wert sind.
Martina HĂźgi * ist Slampoetin und lebt in Winterthur Trotz ihres Thurgauer Hintergrunds fĂźhlt sie sich im Kanton ZĂźrich gut integriert www martinahuegi ch
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Wir helfen Menschen
«Wir hatten viel Glück im Leben.» Ihre Spende oder Ihr Legat helfen armutsbetroffenen Kindern und deren Familien im Kanton Bern
www.caritas-bern.ch
Spendenkonto: 30-24794-2 IBAN: CH21 0900 0000 3002 4794 2