Skip to main content

Nachbarn 15/1 SG

Page 1

St. Gallen-Appenzell

Nr. 1 / 2015

Nachbarn

Soziales Existenzminimum Die öffentliche Diskussion über die Sozialhilfe gibt Anlass zur Sorge. Nicht die Armut wird bekämpft, sondern die Armutsbetroffenen.


Inhalt

Inhalt Editorial

3 Von Philipp Holderegger Geschäftsführer Kurz & bündig

4 News aus dem Caritas-Netz Persönlich

13 «Was machen Sie mit Ihren Freunden am liebsten in der Freizeit?» Sechs Antworten

Das Leben am Existenzminimum ist geprägt von Verzicht. Vierbeiner sind häufig die einzigen Seelentröster – für die, die es sich leisten können.

Schwerpunkt

Soziales Existenzminimum

Regional

14 Immer knapp an der Armutsgrenze Antonio Nzenza arbeitet hart und doch reicht das Geld nur für das Nötigste. Das Ehepaar und seine drei Kinder sind trotzdem nicht unglücklich.

17 Kleines Budget, grosser Druck

Die Familie Nzenza lebt am sozialen Existenzminimum. Interview mit Monika Knellwolf. Kiosk

Die Schweizer Bundesverfassung garantiert notleidenden Menschen Hilfe und Betreuung. Doch ist die dafür zuständige Sozialhilfe in letzter Zeit politisch stark unter Druck geraten. Einsparungen durch Leistungskürzungen werden gefordert. Vergessen gehen dabei die rund eine Viertelmillion Menschen in der Schweiz, die in prekären Verhältnissen leben und deshalb Sozialhilfe beziehen. Gefangen im Strudel der Armut, droht ihnen die soziale Isolation. Drei armutsbetroffene Frauen berichten aus ihrem Alltag, der von Einschränkungen geprägt ist. Caritas nimmt eine klare Haltung ein: Bekämpft die Armut, nicht die Armutsbetroffenen!

18 Wer bezieht eigentlich Sozialhilfe? Gedankenstrich

19 Existenzminimum

ab Seite 6

2

Nachbarn 1 / 15


Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser Wenn Ihnen dieses Heft mit der Post zugeschickt wurde, leben Sie vermutlich über dem sozialen Existenzminimum. Vermutlich spenden Sie regelmässig für Caritas oder haben sonst einen Anknüpfungspunkt zu unserem Hilfswerk. Es ist unser Anliegen, Sie über unsere Ziele und unsere Arbeit regelmässig zu informieren und so eine nachhaltige, vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Wenn Sie das vorliegende Heft aus dem Prospektständer einer unserer Sozialberatungsstellen genommen haben, ist es gut möglich, dass Sie am oder unter dem sozialen Existenzminimum leben. Dann erfahren Sie täglich, dass die Teilnahme am sozialen Leben «Das soziale Existenzminimum Geld kostet. Sie ist eine grosse Errungenschaft wissen, dass nur schon das Einlaunseres Sozialwesens». den von Besuch gut geplant und budgetiert sein muss, dass der Jahresbeitrag für den Sportverein ein Loch ins Monatsbudget reisst und dass ein gelegentlicher Konzertbesuch nur dank der KulturLegi drinliegt. Das soziale Existenzminimum ist eine grosse Errungenschaft unseres Sozialwesens. Trotzdem kommt es in Folge von Sparbemühungen seitens der Kommunen in letzter Zeit häufig zu Forderungen, die Sozialhilfe zu kürzen. In diesem Magazin lesen Sie, warum das aus Sicht der Caritas unverantwortlich wäre und mit welchen Projekten und Angeboten wir die soziale Integration fördern.

Philipp Holderegger Geschäftsführer Caritas St. Gallen-Appenzell

«Nachbarn», das Magazin der regionalen Caritas-Organisationen, erscheint zweimal jährlich. Gesamtauflage: 34 770 Ex. Auflage SG: 2 200 Ex. Redaktion: Rita Bolt (Caritas St. GallenAppenzell) Bojan Josifovic (national) Gestaltung und Produktion: Urs Odermatt, Cyrille Massaux Druck: Stämpfli AG, Bern

Herzlich Philipp Holderegger

Nachbarn 1 / 15

Caritas St. Gallen-Appenzell Zürcherstrasse 45 9000 St. Gallen Tel.: 071 577 50 10 www.caritas-stgallen.ch PC 90-155888-0

3


Kurz & bündig

Berufliche Integration

Ein Lichtblick In Luzern-Littau wurde Ende März das CaritasHaus Grossmatte nach einem Umbau neu eröffnet. Unzählige Menschen gehen im Caritas-Haus ein und aus. Sie arbeiten in einem der Betriebe: Schreinerei, Malerei, Velowerkstatt, Kreativatelier, Kantine oder im Lager von Caritas Wohnen und Caritas Service. Im fünften Stock befindet sich das Personalrestaurant «Food for Workers», das auch Mitarbeitenden der umliegenden Firmen zugänglich ist. In der Schreinerei werden Büromöbel hergestellt, das beliebte Spiel «Kubb» oder – ganz trendy – der Luzerner Rodel, mit dem sich Rennen gewinnen lassen. In Bildungsprogrammen werden nicht nur Deutschkenntnisse, sondern auch berufsspezifisches Fach-

Die Caritas Luzern hat ein zweites Caritas-Haus:

G10 steht für die Adresse Grossmatte 10

wissen vermittelt. Ein individuelles Coaching unterstützt die Erwerbslosen zudem beim Wiedereintritt in den ersten Arbeitsmarkt. Sie finden im umgebauten Caritas-Haus Arbeitsbedingungen und -möglichkeiten vor, die sie auf die reale Berufswelt vorbereiten. www.caritas-luzern.ch/service

4

Anerkennung für Fahrende

Taskforce des Bundesrates Caritas Zürich setzt sich zusammen mit Bundesvertretern und weiteren Organisationen für bessere Lebensbedingungen für Fahrende ein. Um den Anliegen von Fahrenden in der Öffentlichkeit eine starke Stimme zu geben, engagiert sich Caritas Zürich im Aufbau und der Pflege eines Netzwerkes aus Organisationen von Fahrenden und solchen aus den Bereichen Menschenrechte, Minderheiten und Diskriminierung. Dazu ist Caritas Zürich mit Vertretenden aus 21 Organisationen zusammengekommen, um gemeinsam Forderungen nach Respekt und Anerkennung für Jenische, Sinti und Roma zu stellen. Anlässlich des internationalen Tages der Roma wandte sich Caritas Zürich zusammen mit weiteren Vertretenden aus dem Netzwerk direkt an den Bundesrat. In einem Schreiben machten sie diesen auf die Forderungen aufmerksam. In der Folge wurde Caritas zur Mitarbeit in einer Taskforce zur Verbesserung der Lebensweise von Fahrenden eingeladen. Hier engagiert sich Caritas zusammen mit den Partnern für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen für Fahrende sowie für zusätzliche Stand- und Durchgangsplätze in der gesamten Schweiz. Das Ziel der Arbeitsgruppe ist, bis Ende 2015 einen Aktionsplan samt Massnahmenkatalog auszuarbeiten. www.caritas-zuerich.ch/fahrende

Nachbarn 1 / 15


Kurz & bündig

Caritas beider Basel baut Angebot aus

Zusammen­arbeit mit Pastoralräumen Caritas beider Basel arbeitet stärker mit einzelnen Pastoralräumen zusammen und macht so das eigene Angebot noch mehr Personen zugänglich.

NEWS Kooperation mit Dock St. Gallen Caritas St. Gallen-Appenzell und Dock St. Gallen sind auf den 1. Januar 2015 eine Kooperation eingegangen. Die Angebote Liegenschaften-Service, Bau­service und Umgebungspflege werden wirkungsvoll und kosteneffizient unter einer Trägerschaft geführt. Das Ziel bleibt, langzeitarbeitslose Menschen in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. www.caritas-betriebe.ch Fachstelle Wohnen bei Caritas Aargau Die neue Fachstelle Wohnen der Caritas Aargau pflegt Kontakte zu Vermietern und weiteren Schlüsselpersonen im Themenfeld. Sie unterstützt Sozialarbeitende bei Fragen rund ums Wohnen und setzt für geeignete Aufgaben Freiwillige ein. Weiter entwickelt die Stelle ein Kursangebot zu «Wohnkompetenzen» und leistet Sensibilisierungsarbeit zum Thema. www.caritas-aargau.ch 10 Jahre KulturLegi Kanton Bern

Caritas beider Basel möchte die Angebote für die bereits bestehenden und neu entstandenen Pastoralräume in der Region Basel ausbauen. Dazu bietet sie Bildungsangebote im Bereich «Armut und Migration» an und arbeitet im Rahmen der Sozialberatung eng mit den einzelnen Pastoralräumen zusammen. Seit Januar 2015 führt Caritas beider Basel Sozialberatungen im Auftrag des Pastoralraums Allschwil-Schönenbuch durch. Die Gemeinde Allschwil hat eine hohe Sozialhilfequote, weshalb sich viele Personen an die Kirche wenden. Die Zusammenarbeit mit Caritas soll zu einer Entlastung der Angestellten des Pastoralraums führen, die über zu wenig Ressourcen zur Unterstützung von Personen in unterschiedlichsten Notlagen verfügen. Die Beratungen finden in der Geschäftsstelle von Caritas beider Basel in Kleinbasel statt. Das Tram Nummer 6 garantiert einen einfachen und günstigen Anreiseweg. www.caritas-beider-basel.ch

Nachbarn 1 / 15

Zum runden Geburtstag lanciert Caritas Bern die Kampagne «KulturLegi bewegt – Sport integriert». Mit der Kampagne soll die Teilnahme von Menschen mit knappem Budget an Sport- und Freizeitangeboten gefördert werden. Die 23-fache OL-Weltmeisterin Simone Niggli-Luder und der Olympia-Silbermedaillen­gewinner Markus Ryffel unterstützen die Kampagne als Botschafter. www.kulturlegi.ch/bern Lautstarke Beiträge aus Zürich Im Rahmen des Wettbewerbs «luutstarch» gestalteten 170 Jugendliche und junge Erwachsene zusammen mit Rappern und Fotografen Texte und Bilder zu Armut in der Schweiz. Entstanden sind 37 lautstarke Beiträge. Zu den Siegern des Wettbewerbs gehört das junge Berner Rap-Duo «best-elle & Gian». In ihrem Song «Zverdeckde ir Schwiz» stellt das Duo den Alltag zweier Klassenkollegen gegenüber: Die eine hat mehr als genug, dem anderen mangelt’s an allem. www.luutstarch.ch

5


Rubrik

Ein Leben in Armut bringt Eltern an den Rand der Verzweiflung und lässt Kinderträume platzen.

6

Nachbarn 1 / 15


Schwerpunkt

«Manchmal bin ich einfach nur noch müde.» Knapp 1 000 Franken im Monat: Das erhalten Sozialhilfebeziehende vom Sozialamt zur Deckung ihres alltäglichen Bedarfs – vom Brot über die Zahnpasta bis hin zum Telefonabonnement und Kinobesuch. Drei Gespräche mit Betroffenen über ein Leben mit in vielerlei Hinsicht eingeschränkten Möglichkeiten. Text: Ursula Binggeli, Bilder: Zoe Tempest in Zusammenarbeit mit Barbara Rusterholz

W

enn Marina Babic* zu erklären versucht, was Armut bedeutet, erzählt sie von jenem Abend. Sie kam damals auf dem Heimweg von der Arbeit an einem Restaurant vorbei und sah durchs Fenster die Menschen an ihren Tischen sitzen, essend, trinkend, plaudernd. Marina Babic war müde und hungrig und besass noch genau zwanzig Franken, die bis Ende Monat reichen mussten. Sie blickte auf die Gäste und fühlte eine grosse Einsamkeit in sich aufsteigen. Dann ging sie weiter, nach Hause, zu ihren beiden Kindern. Marina Babic hat ihren Mann nach Aufenthalten im Frauenhaus vor neun Jahren verlassen und ist heute geschieden. Die 35-Jährige arbeitet Teilzeit, im Stundenlohn. In guten Monaten liegt das Familieneinkommen bei 3 800, in schlechteren bei rund 3 000 Franken – Kinderrenten miteingerechnet. Davon entfallen 1 600 Franken auf die Wohnungsmiete. Die Suche nach einer günstigeren Wohnung ist schwierig, da Marina Babics Betreibungsregisterauszug zeigt, dass sie eine Zeitlang nicht allen Verpflichtungen nachkommen konnte.

Verzicht auf Sozialhilfe Armut hat viele Gesichter. In der Schweiz leben knapp 600 000 Menschen in finanziell prekären Verhältnis-

Nachbarn 1 / 15

sen; viele von ihnen sind wie Marina Babic alleinerziehend. Das monatliche Haushaltsbudget einer Person, die Sozialhilfe bezieht, beträgt (ohne Miete und Krankenkasse) 986 bzw. 33 Franken pro Tag. Dies muss für Essen, Kleidung, Hygiene, öffentlichen Verkehr, Telefon, Fernsehen und Internet reichen. Familie Babic muss an vielen Tagen mit noch weniger Geld auskommen. Marina Babic verzichtet nämlich auf Sozialhilfe, weil sie vom Migrationsamt erfahren hat, dass ein Bezug ihre Aufenthaltsbewilligung gefährden könnte. Und ihr grosses Ziel, der Erhalt einer Niederlassungsbewilligung, wäre erst recht unerreichbar. Obwohl Marina Babic bereits vor 13 Jahren aus Kroatien in die Schweiz gekommen ist, verfügt sie nach wie vor erst über eine B-Bewilligung, die jährlich erneuert werden muss. Dies verringert ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Marina Babics Alltag wird dominiert von der Frage, wie sie ihre Rechnungen bezahlen kann. Ihr Kopf sei immer gefüllt mit Zahlungsterminen, sagt sie. «Ich bin zur Ökonomin geworden. Aber manchmal bin ich einfach nur noch müde.» Immer wieder rafft sie sich auf. Denn ihre Kinder sollen möglichst wenig mitbekommen von den finanziellen Problemen.

7


Schwerpunkt

Armut wirkt sich stets auf die ganze Familie aus. So liegen Musikunterricht oder Fussballtraining für das Kind häufig nicht drin.

Marina Babics Tochter bestand die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium, und auch der neunjährige Sohn ist ein guter Schüler. Darüber ist sie sehr glücklich. Gleichzeitig macht sie sich Sorgen. «Könnte es sich negativ auf ihre weiteren Chancen auswirken, dass wir so wenig Geld haben?» Als die Tochter in den ersten Tagen am Gymi eine Rechnung über mehrere hundert Franken heimbrachte für diverse Schulbücher, war Marina Babic der Verzweiflung nahe. Eine Bekannte riet ihr, sich an die Caritas zu wenden, welche die Rechnung dann bezahlte und der Familie beratend zur Seite stand.

erhält Regula Baumann ergänzende Sozialhilfe. «Wie lange das noch möglich ist, weiss ich nicht», sagt sie. «Denn eigentlich verlangt das Sozialamt von mir, dass ich mir die zweite Säule auszahlen lasse und meinen Lebensunterhalt auf diese Weise finanziere. Aber für mich kommt das nicht in Frage.» Sie fürchtet, sonst im Rentenalter in chronischer Armut leben zu müssen. Caritas unterstützt sie nun in der Auseinandersetzung mit dem Sozialamt.

Der Lohn reicht nur im Sommer Regula Baumann* ist fast 25 Jahre älter als Marina Babic. Vor neun Jahren starb ihr Partner, Kinder hat sie keine. Auch sie hat ein unregelmässiges Einkommen. Sie trägt Zeitungen aus, hilft im Gewerbebetrieb des Bruders mit und freut sich jeweils auf die Badesaison, weil sie dann zusätzlich noch im Strandbad arbeitet und damit auf einen Lohn kommt, von dem sie leben kann.

Schwierige Jahre bis zur Pensionierung Fast 20 Jahre lang hatte Regula Baumann bei einer grossen Telekommunikationsfirma gearbeitet – bis neue Kopfhörer eingeführt wurden, die bei ihr ein heftiges Ekzem an den Ohrmuscheln auslösten. Nach langer Leidenszeit verlor sie ihren Job. Eine neue Festanstellung hat sie seither trotz unzähliger Bewerbungen nicht mehr gefunden. Mit bald sechzig Jahren kommt Regula Baumann das langsam näherrückende Rentenalter wie eine Erlösung vor. «Wenn ich pensioniert bin, möchte ich als Freiwillige in Sozialbetrieben arbeiten. Zum Beispiel in einem Caritas-Laden.»

Im Winterhalbjahr beträgt ihr monatliches Einkommen oft nur 1 500 Franken, davon gehen 900 Franken für die Wohnungsmiete weg und die Krankenkassenprämie will auch noch bezahlt sein. In diesen Monaten

Vierbeinige Seelentröster Jeannine Roth* lebt ebenfalls alleine – und doch nicht ganz. Denn sie teilt ihre Zweizimmerwohnung mit fünf sehr gepflegten Katzen und vielen bunten Zier-

8

Nachbarn 1 / 15


Schwerpunkt

fischen. In der Stube stehen neben einem Fernseher diverse kleine Aquarien auf dem Regal. An der Wand hängen Teppiche mit Katzensujets, die Jeannine Roth in der Tagesklinik geknüpft hat, welche sie eine Zeitlang besuchte. Vor zwei Jahren hatte sie einen Nervenzusammenbruch, seither kämpft sie mit Depressionen und ist arbeitsunfähig. Nach wie vor ist sie in psychologischer Behandlung; die IV-Abklärung läuft. Zuletzt hatte sie in einem Altersheim als Pflegehelferin gearbeitet. Seit vergangenem Sommer ist Jeannine Roth ausgesteuert und lebt von der Sozialhilfe. Das Futter für ihre Katzen und die Fische muss sie von den für sie selber gedachten 900 Franken Grundbedarf bezahlen. Die Tiere seien ihr Luxus, sagt sie und lächelt. «Andere geben Geld für Zigaretten aus.» Wenn sie für sich selber Lebensmittel einkaufen geht, sucht sie konsequent nach herabgesetzter Ware. Ein Leben ohne Katzen kann sich die Mutter zweier Teenager-Töchter, die beide in Pflegefamilien aufwachsen, nicht vorstellen. «Sie sind meine Seelentröster.» Die Katzen helfen ihr, mit ihrer Lebenssituation klarzukommen. Zudem tue es ihr gut, für ihre Tiere zu sorgen, sagt Jeannine Roth. Dank dieser Aufgabe wird die viele freie Zeit, die sie zur Verfügung hat, nicht zur grossen Leere. Dass Caritas ihr gelegentlich unter die Arme greift, bedeutet ihr viel. *Namen geändert

EXISTENZSICHERUNG GENÜGT NICHT In der Schweiz gibt es einen Sozialstaat – warum braucht es Caritas? Caritas setzt sich überall dort ein, wo der Staat nicht oder kaum unterstützen kann. Sei dies mit klaren, parteinehmenden Botschaften, fundierten Positionen, gesellschaftlichen Forderungen oder ganz konkret mit wirkungsvollen Massnahmen und Einsätzen im In- und Ausland. Ohne Caritas, auch wenn sie häufig bescheiden im Hintergrund wirkt, würde der Schweiz eine parteiübergreifende und wertvolle Organisa­ tion fehlen. Reicht die Sozialhilfe aus, welche in der Schweiz ausbezahlt wird? Die Sozialhilfe zahlt ihren Klientinnen und Klienten denjenigen Betrag aus, welcher in der Schweiz als Basis der Existenzsicherung errechnet wurde. Dieser deckt Grundbedarf, Mietzinsbeiträge und Krankenkassenprämien. Dabei wurde als Bezugsgrösse der durchschnittliche Bedarf (Warenkorb) derjenigen Bevölkerungsschicht gewählt, welche zu den zehn Prozent mit dem geringsten Einkommen gehört. Damit wird deutlich, dass in erster Linie die Existenzsicherung gewährleistet wird und nur in bescheidenem Umfang die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben möglich ist. Dies entspricht dem politischen Willen und kann als gesellschaftlicher Konsens betrachtet werden.

«Die Bekämpfung der Armut ist notwendig und be­inhaltet mehr als nur die Existenzsicherung.»

In fernen Ländern verdienen Menschen einen Dollar pro Tag – ist Armut in der Schweiz ein Luxusproblem? Es ist wichtig, zwischen absoluter Armut (weniger als 1.25 US-Dollar pro Tag verfügbar) und relativer Armut (deutlich unter Einkommensdurchschnitt des Landes) zu unterscheiden. Die Schweiz ist zwar nicht von absoluter Armut betroffen, doch ist die relative Armut weit verbreitet und einschneidend. Finanzielle Not führt oft zur gesellschaftlichen Ausgrenzung oder gar zu sozialer Isolation. Armutsbekämpfung ist notwendig und sollte mehr beinhalten als die Existenzsicherung. Armutsbetroffene Menschen müssen Aussicht auf bessere Lebensumstände haben und die Chance erhalten, am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben teilzunehmen.

Nicole Wagner leitet seit vier Jahren die Sozialhilfe Basel-Stadt. Zuvor war sie Geschäftsführerin des Wohn Werk Basel.

Nachbarn 1 / 15

9


Schwerpunkt

Für ein soziales Existenzminimum Das soziale Existenzminimum schafft Chancengerechtigkeit und weist den Weg aus der Armut. Eine Kürzung des Grundbedarfs ist inakzeptabel. Text: Bettina Fredrich, Illustration: Achilles Greminger

n Artikel 12 garantiert die Schweizer Bundesverfassung den Menschen, die in Not geraten und nicht in der Lage sind, für sich zu sorgen, Hilfe, Betreuung und die Mittel, die für ein menschenwürdiges Dasein unerlässlich sind. Auf dieser Grundlage definiert die Sozialhilfe ein soziales Existenzminimum. Mit ihren Richtlinien sorgt die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos) dafür, dass dieses soziale Existenzminimum in der Schweiz flächendeckend zur Anwendung kommt.

10

Was ist das soziale Existenz­minimum? Das soziale Existenzminimum setzt sich zusammen aus den Wohn- und Gesundheitskosten, situationsbedingten Leistungen und dem Grundbedarf. Das heisst, Mietzins im ortsüblichen Rahmen sowie obligatorische Krankenversicherungskosten sind Teil des sozialen Existenzminimums und werden von der Sozialhilfe gedeckt. Auch eingeschlossen sind situationsbedingte Leistungen, die sich aus der besonderen Lage eines Haushalts ergeben, beispielsweise Kinder-

Nachbarn 1 / 15


Schwerpunkt

betreuungskosten oder benötigte Medikamente. Eine weitere Komponente des sozialen Existenzminimums bildet der Grundbedarf für den Lebensunterhalt. Er orientiert sich am Konsumverhalten der einkommensschwächsten zehn Prozent der Schweizer Bevölkerung und ist nach Anzahl Personen im Haushalt abgestuft. Eine alleinstehende Person erhält derzeit monatlich 986 Franken, Zweipersonenhaushalte, zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter mit ihrem Kind, 1 509 Franken und eine Familie mit zwei Kindern hat Anrecht auf 2 110 Franken. Mit dem Grundbedarf müssen Ernährung, Kleidung, Energieverbrauch, laufende Haushaltsführung, Gesundheitspflege, Verkehrsauslagen, Kommunikation, Unterhaltung und Bildung, Körperpflege sowie Vereinsbeiträge bezahlt werden.

Die Armut bekämpfen, nicht die Armutsbetroffenen Insbesondere der Grundbedarf geriet in den letzten Monaten politisch stark unter Druck. Einige Kantone haben Kürzungen vollzogen, in anderen sind politische Vorstösse hängig, die auf eine Reduktion der Leistungen zielen. Kürzungen beim Grundbedarf sind aber aus mindestens zwei Gründen inakzeptabel: Erstens widerspricht eine Beschneidung des Grundbedarfs dem Bedarfsprinzip. Wenn sich der Grundbedarf nicht mehr am Bedarf der ärmsten zehn Prozent der Schweizer Bevölkerung orientiert, wird er zur willkürlichen Grösse. Zweitens ignorieren Befürworterinnen und Befürworter eines Leistungsabbaus, dass das soziale Existenzminimum für Chancengerechtigkeit und für die Bekämpfung der Armut unverzichtbar ist. Derzeit ermöglicht es eine minimale Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Ein Geschenk für einen Kindergeburtstag, die Teilnahme an einem Schulsportlager oder ein Abendessen mit Freunden sollen – wenn auch in eingeschränktem Rahmen – möglich bleiben. Kindern aus armutsbetroffenen Familien erlaubt dies einen fairen Start ins Leben. Für Erwachsene, das belegen jüngste Studien, sind soziale Netze das zentrale Puzzleteil auf dem Weg aus der Armut zurück ins Berufsleben. Das soziale Existenzminimum sichert nicht nur das Überleben, sondern ist zugleich Grundlage für Chancengerechtigkeit und Wegweiser aus der Armut. Armut kann mit einem Leistungsabbau in der Sozialhilfe nicht beseitigt werden. Im Gegenteil: Eine Beschneidung des sozialen Existenzminimums verunmöglicht den betroffenen Menschen, aus der Armut zurück in die Mitte der Gesellschaft zu finden.

Nachbarn 1 / 15

Gemeinsam Armut verhindern Am 16. Dezember 2014 veröffentlichte Caritas gemeinsam mit 20 anderen Organisationen eine Erklärung für das soziale Existenzminimum. Darin kritisiert Caritas die öffentliche Armutsdiskussion der letzten Monate und formuliert zentrale Forderungen. Dazu gehört das Festhalten am sozialen Existenzminimum. Die Schweizer Bundesverfassung schreibt vor, das Wohl der Schwächsten in unserer Gesellschaft zu achten. Menschen in der Sozialhilfe haben ein Recht, in Würde zu leben. Das soziale Existenzminimum ist für Caritas nicht verhandelbar. Gleichzeitig muss die Ursachenbekämpfung in der Armutspolitik wieder ins Zentrum rücken. Zu einer investiven Armutspolitik, welche Armut präventiv verhindert, gehören: existenzsichernde Löhne, Ergänzungsleistungen für Familien, Steuerbefreiung des sozialen Existenzminimums, Massnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie, Ausbildung und Beruf, niederschwellige Angebote in der frühen Förderung, Investitionen in Nachhol- und Weiterbildung sowie Förderung des preisgünstigen Wohnungsbaus. Caritas wird sich weiter hartnäckig dafür einsetzen. Links und Publikationen Erklärung zur Sozialhilfe «Armut bekämpfen, nicht die Armutsbetroffenen.» Caritas steht für ein soziales Existenz­ minimum ein. Mehr dazu unter: www.caritas.ch/de/was-wir-sagen/erklaerungzur-sozialhilfe Positionspapiere von Caritas Unsere Meinung zu aktuellen politischen Entwicklungen sind zu finden auf: www.caritas.ch/positionspapiere

11


2 8 19 Wohnungsnot Tausende von Jugendlichen gingen 1981 in Zürich und auch in anderen Schweizer Städten auf die Strasse, um für mehr Freiräume und Autonome Jugendzentren (AJZ) zu demonstrieren. Die Forderung nach Freiräumen war auch ein Kampf um Häuser. Hausbesetzungen waren an der Tagesordnung wie hier am Stauffacher in Zürich. Foto: Klaus Rozsa / photoscene.ch.


Persönlich

«Was machen Sie mit Ihren Freunden am liebsten in der Freizeit?» Antworten von Passantinnen und Passanten aus der Deutschschweiz.

Paul Dalcher, PR-Berater, Pratteln: Mit meinen Freunden gehe ich regelmässig wandern, spiele Tennis oder wir schauen einen Fussballmatch zusammen. Auch als Trommler bei einer Basler Fasnachtsclique verbringe ich viel Zeit mit Freunden. Ich mache gerne Sachen, die einen Sinn ergeben – auch im karitativen Bereich. Kostenpunkt: 300 bis 400 Franken im Monat. Der effektive Wert ist wohl das Zehnfache.

Lucia Bertodatto, pensionierte Laborantin, Schlieren: Oft spaziere ich mit Freunden einfach an einem Fluss oder See entlang, da gibt es immer viel zu beobachten. Manchmal besuchen wir auch eine Ausstellung oder ein Museum – viele sind kostenlos. Anschliessend gehen wir noch etwas trinken. Kostenpunkt (exkl. GA): rund 100 Franken im Monat.

Linus Lippenberger, Schüler, Scherzingen: Meine Hobbys sind Fussballund Schlagzeugspielen. In meiner Freizeit besuche ich mit Freunden gern das Kino in Konstanz. Da kostet uns ein Eintritt im Durchschnitt 10 Franken. Für die kurze Busfahrt dahin nutze ich meine Jahreskarte. Das Fussballspielen im Verein sowie der Schlagzeugunterricht werden von meinen Eltern durch Jahresbeiträge bezahlt.

Babsi Gut, Kindergärtnerin, Meggen: Wir treffen uns jeden Dienstag zum Tango tanzen. Da üben wir unter Anleitung immer wieder neue Schritte. Am Samstag gehen wir dann oft zusammen an einen grösseren Anlass, manchmal auch in Zürich oder Basel. Für den Kurs zahle ich 320 Franken im Monat, dazu kommen dann noch die Ausgaben am Wochenende.

Simone Gossweiler, Praktikantin, Aarau: Ich lese gerne, gehe oft joggen und mache Pilates. Am Wochenende treffe ich mich mit Freunden. Wir gehen etwas trinken oder in einen Club. Manchmal steht auch Wandern auf dem Programm oder wir sind mit den Inlineskates unterwegs. Kostenpunkt: Für all diese Aktivitäten gebe ich pro Monat 300 bis 350 Franken aus.

Hassan Ahmad, ehem. Taxifahrer, Abtwil: Ich verbringe meine Freizeit gerne mit meiner Familie zuhause. Wenn die Kinder wollen, gehe ich aber auch mit ihnen spazieren oder mal schwimmen. Manchmal besuchen wir auch befreundete Familien; das macht uns Spass. Ein Ausflug mit der ganzen Familie kostet mich etwa 30 Franken.

Nachbarn 1 / 15

13


Rubrik

Antonio Nzenza mit seinem Sohn Jonathan im Wohnzimmer.

14

Nachbarn 1 / 15


Caritas St. Gallen-Appenzell

Immer knapp an der Armutsgrenze Antonio Nzenza arbeitet hart, und doch reicht das Geld nur für das Nötigste. Das Ehepaar und seine drei Kinder sind trotzdem nicht unglücklich. Sie leben mit dem, was sie haben. Sozialhilfe ist für sie kein Thema. Text: Rita Bolt, Bild: Hannes Thalmann

D

ie angolanische Familie Nzenza wohnt in einer Mehrfamilienhaus-Siedlung in Uzwil. Die Wohnung ist älter, geräumig, aber nicht üppig ausgestattet. «In Angola würden in einer solchen Wohnung mehrere Familien zusammenwohnen», sagt Vater Antonio Nzenza. Der 45-jährige wird traurig, wenn er an seinen Geburtsort Angola und die Menschen denkt. Denn seine dort lebende 72-Jährige Mutter ist nicht mehr gut zu Fuss und hat Diabetes. Sein Bruder wohne bei ihr. Der Vater und die jüngere Schwester seien gestorben. Er konnte nicht zu ihrer Beerdigung, denn er hatte kein Geld für die Reise.

Gefängnis oder Flucht? Vor 20 Jahren hat Antonio Nzenza Angola verlassen. Gefängnis oder Flucht: Eine andere Auswahlmöglichkeit hatte er damals nicht, und beides war ungewiss. Ob ihm im Gefängnis der Tod gedroht hätte, weiss er nicht. Er wusste aber auch nicht, was ihn in der Fremde erwartet. Heute spricht der Angolaner zwar von einem harten Leben in der Schweiz, aber für seine Kin-

Nachbarn 1 / 15

der sehe er hier eine Zukunft. Die 16-jährige Vanessa möchte gerne Pflegefachfrau oder Bäckerin werden, die 14-jährige Nathalie Hauswirtschafterin und der 4-jährige Jonathan träumt von der Feuerwehr. Die drei Kinder sind in der Schweiz geboren. Antonio Nzenza hat seine Frau, die auch aus Angola stammt, in der Schweiz kennengelernt. Das Ehepaar macht alles, damit ihre Kinder trotz Migrationshintergrund hier am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Nathalie darf bei einer pensionierten Musiklehrerin den Klavierunterricht besuchen, Jonathan spielt beim FC Uzwil. Vanessas Wunsch konnte aus finanziellen Gründen noch nicht erfüllt werden. Sie würde gerne in einer Tanzgruppe mitmachen. «Hip-Hop oder so», sagt sie. Tanzen bereite ihr grosse Freude.

Fleischberg abbauen Antonio Nzenzas Arbeitstag beginnt oft um 5 Uhr morgens. Er stehe dann um 4 Uhr auf und mache sich für die Arbeit bereit. Seit sieben Jahren vakuumiert er den ganzen Tag Fleisch bei einem Grossverteiler. Sein Arbeitstag dauert so lange, bis der Fleischberg abgear-

beitet ist. Der Lohn reicht knapp, um alle Ausgaben zu decken. Mit etwa 500 Franken mehr wäre die Lage entspannter, sagt er. Denn eine ausserordentliche Ausgabe – beispielsweise eine grössere Zahnarztrechnung – könnte er finanziell nicht verkraften und würde ihn aus der Bahn werfen. So weit will es die Familie aber nicht kommen lassen. Sie beansprucht deshalb die kirchliche Sozialberatung der Caritas St. Gallen-Appenzell bei Monika Knellwolf. «Es gibt viele Familien wie die Nzenzas, die viel und hart arbeiten und trotzdem jeden Monat mit dem Einkommen und den Familienwünschen stark jonglieren müssen», sagt die Sozialberaterin und ergänzt, «sehr anstrengend für die Familien.» Nzenzas sind für sie typische Working Poor, Menschen also, die einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen, wenig verdienen und bei ungeplanten Auslagen auf staatliche Hilfe (inkl. Beratung) verzichten. Caritas St. Gallen-Appenzell kann mit der kirchlichen Sozialberatung einiges bewirken: Sie kann mit der Familie langfristige Ausgabenoptimierungen besprechen, beispielsweise Einkaufen im Caritas-Markt, Arbeitswegkosten

15


Caritas St. Gallen-Appenzell

Antonio Nzenza sieht hier eine Zukunft für seine drei Kinder.

analysieren usw. Auch wird mit den Familien nach Lösungen gesucht, wie ausserordentliche Rechnungen über Ratenzahlungen oder Stiftungen beglichen werden können, damit keine Schulden entstehen. Zudem vermittelt sie Adressen zu anderen Fachstellen. Und die kirchliche Sozialberatung hat auch eine psychisch stark entlastende Wirkung. Die dauernd angespannte Situation darf ohne rechtliche oder bewilligungsrelevante Konsequenzen angesprochen werden; das entlastet und kann wieder Motivation und Lebensfreude spenden. «Sozialhilfe ist für uns kein Thema», sagt der Familienvater und schüttelt vehement den Kopf. Er wolle lieber mit wenig auskommen und seine Familie selbst ernähren. Seine Frau ist auf Arbeitssuche, hatte bei ihren Bemühungen aber bisher noch keinen Erfolg. Und ihm bleibt die Hoffnung, dass er in absehbarer Zeit die C-Bewilligung erhält und damit die Zukunft für seine Kinder gesichert ist.

Keine Arbeit in Angola Antonio Nzenza ist in Uíge, einer Stadt mit 200 000 Einwohnern im Norden Angolas, aufgewachsen. «Wir waren sehr arm. Wir hatten keine Arbeit und mussten auf dem Boden schlafen», erinnert sich

16

der Afrikaner. Im Gegensatz zur Schweiz wohnen in Angola viele Menschen unter dem gleichen Dach und unterstützen sich gegenseitig. Antonios Mutter beispielsweise bereitete zuhause jeweils Saucen zu und verkaufte diese in der Stadt, um den Lebensunterhalt mitzuverdienen. Wer nun glaubt, dass Antonio Nzenza in seiner Küche in Uzwil angolanische Spezialitäten kocht, der irrt: Wenn er in der Küche steht und kocht (das geschieht oft, denn er kocht gerne), gibt es Rösti und Geschnetzeltes. Die drei Kinder nicken und lachen herzhaft. Sie mögen die Schweizer Küche – und die Kochkünste des Vaters. Antonio arbeitete früher in einer Küche, in der hauptsächlich Schweizer Gerichte gekocht wurden.

Französisch und Kikongo Die Familie sitzt ohne Mutter beim Nachtessen am grossen Tisch vor der Küche. Die Mutter besucht eine Bekannte im Spital. Apropos Bekannte: Nzenzas haben vor allem in der französischen Schweiz und in Frankreich Bekannte und Verwandte, dort leben auch Cousinen und Cousins der Kinder. «Wir kennen sie, sehen sie jedoch nur sehr selten», sagt Vanessa, die wie ihre Geschwister perfekt Schweizerdeutsch spricht. Vater Antonio spricht auch gut Deutsch. Mit

seiner Frau unterhält er sich hingegen auf Portugiesisch, Französisch oder Kikongo. Letzteres ist eine Bantusprache, die vor allem im Kongo und in Nordwest-Angola verbreitet ist. Und die Kinder, welche Sprachen beherrschen sie? «Wir verstehen Portugiesisch und Kikongo, aber wir sprechen sie nicht», sagt Vanessa und zuckt mit den Schultern. Afrika und Angola sind für Vanessa, Nathalie und Jonathan weit weg, und zwischendurch doch so nah. Dann nämlich, wenn sie mit

«Antonio Nzenza hat seine Mutter seit 20 Jahren nicht gesehen. Das Geld reicht nicht für eine Reise nach Angola.» der Grossmutter in Angola telefonieren dürfen. Sie haben sie noch nie gesehen. Antonio Nzenza hat seine Mutter seit 20 Jahren nicht gesehen. Das Geld reicht nicht für eine Reise nach Angola.

Nachbarn 1 / 15


Caritas St. Gallen-Appenzell

Kleines Budget, grosser Druck Interview: Rita Bolt, Bild: Hannes Thalmann

D

ie Familie Nzenza (Seite 14 – 16) lebt am sozialen Existenzminimum. Was heisst das? Für sie ist der finanzielle Spielraum bescheiden und eine gute Budgetplanung zwingend. Mit dem sozialen Existenzminimum wird sichergestellt, dass die monatlich anfallenden Rechnungen bezahlt werden können. Schwierig wird es, wenn unerwartete Ausgaben auf die Familie zukommen. Diese Ausgaben können das aktuelle Budget negativ beeinflussen und zum Teil längerfristige Auswirkungen haben. Aus meiner Praxis sind dies vor allem Zahnarztkosten, erhöhte Selbstbehalte bei den Gesundheitskosten oder hohe Wohnungsnebenkosten. Eine Familie, die am sozialen Existenzminimum lebt, kann meist keine Rückstellungen machen. Möglichst ohne Schulden zu leben ist ein immer aktuelles Thema.

Was können Sie für diese Familie in der kirchlichen Sozialberatung tun? Gemeinsam das Budget analysieren und optimieren sowie über Kleinkredite und Leasing aufklären. Mit bescheidenem Budget zu leben, bedeutet oft auch psychische Angespanntheit in der Beziehung und der Kindererziehung. Caritas vermittelt beispielsweise jedes Jahr für armutsbetroffene Familien Sommerferien in der Schweiz. Das

Nachbarn 1 / 15

ist ein Angebot, das ich auch mit Familie Nzenza angeschaut habe. Es ist lange her, seit sie als ganze Familie gemeinsam etwas unternehmen konnten. Die kirchliche Sozialberatung kann auch bei Gesprächen zur Entlastung und zur Motivation beitragen. Es kann eine wertvolle Beziehung entstehen.

Das hört sich an, als sei ein gutes Gespräch ein Teil der Beratung. Das Gespräch ist der zentrale Teil des Beziehungsaufbaus. Ich versuche Ratsuchenden genügend Raum zu geben, damit sie ihr Anliegen ausführlich anbringen können. Die Lösungsfindung kann durch Fragenstellen gefördert und eingegrenzt werden. Manche Situationen sind auszuhalten, obwohl die Lösungen in der Theorie da wären, jedoch noch nicht umsetzbar sind. Ein gutes Gespräch beinhaltet meiner Meinung nach viel Wertschätzung und Kongruenz. Sind Ihre Klienten auch psychisch angeschlagen? Oft sind meine Klienten stark unter Druck. Die Situation, dass das Geld nicht reicht oder fast nicht reicht, macht erfinderisch, aber auch müde. Es ist wichtig, dass die Prioritäten vor lauter Stress noch richtig gesetzt werden. Genau da sind die Schlüsselstellen: In einer heiklen Situation einen Kleinkredit aufnehmen, einen Leasingvertrag abschliessen, von einem Freund Geld

Interview mit Monika Knellwolf, Sozialund Schuldenberaterin

borgen kann langfristig negative Folgen haben. Folgen im Bereich Finanzen, jedoch auch Folgen für die sozialen Kontakte mit Freunden und Familien. Daraus könnte langfristig eine psychische Schwierigkeit entstehen. Dies sollte mit allen Mitteln verhindert werden. Wenn die kirchliche Sozialberatung dazu beitragen kann, ist dies ein enorm wertvoller Teil der Diakoniearbeit der katholischen Kirche.

Und wie sieht es mit finanzieller Hilfe aus? Caritas St. Gallen-Appenzell hat ein Budget zur Verfügung, das mir ermöglicht, Familien und Einzelpersonen in Notlagen finanziell zu unterstützen. Diese Gelder werden der Caritas St. Gallen-Appenzell zweckgebunden von der katholischen Kirche und zum Teil direkt von unseren Spendern für die Sozialberatung gesprochen. Zudem arbeite ich mit Stiftungen zusammen, um für meine Klienten ausserordentliche Kosten zu finanzieren und langfristige Perspektiven zu ermöglichen.

17


Kiosk

Liebe Caritas, wer bezieht eigentlich Sozialhilfe? Rund 235 000 Personen beziehen in der Schweiz Sozialhilfe. Diese knappe Viertelmillion Menschen weisen sehr unterschiedliche Profile und Lebensläufe auf. Grundsätzlich kann es jede und jeden treffen. Ein unerwarteter Schicksalsschlag wie der plötzliche Stellenverlust, eine Scheidung oder eine Krankheit können stabile materielle Verhältnisse erschüttern und Menschen in die Armut treiben. Statistiken belegen aber, dass es Risikofaktoren gibt, die finanzielle Knappheit und damit den Gang zum Sozialamt wahrscheinlicher machen. Gefährdet ist, wer ein niedriges Bildungsniveau besitzt oder eine nichtanerkannte ausländische Ausbildung absolviert hat, wer mehrere Kinder hat, erst recht, wer sie allein erzieht und darum keine Zeit für Weiterbildungen aufbringen kann, wer an gesundheitlichen Problemen leidet, wer jung oder über 46 Jahre alt ist oder wer eine IV-Teilrente bezieht. Ein Drittel der Sozialhilfebeziehenden sind Kinder und Jugendliche. Häufig geht zudem vergessen, dass ein gewichtiger Teil der Sozialhilfeempfänger/ innen arbeitet – rund ein Drittel der Personen im erwerbsfähigen Alter. Deren Einkommen reicht allerdings nicht aus, um die Lebenskosten zu decken. Die Wege, die in die Armut und damit zum Sozialamt führen, sind verschieden. Caritas setzt sich für eine nachhaltige Armutspolitik ein. Diese definiert Massnahmen, um Armut zu verhindern, und hilft Menschen, die in Not geraten, sich aus ihrer prekären Lage zu befreien. Haben Sie eine Frage an uns? Senden Sie diese per E-Mail an nachbarn@caritas-zuerich.ch. Gerne beantworten wir diese in der nächsten Ausgabe von «Nachbarn».

AGENDA «Diakonie-Entwicklung» Die Fachhochschule St. Gallen führt mit der Caritas St. Gallen-Appenzell und der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen den Zertifikatslehrgang «Diakonieanimation» durch. Ziel des Lehrgangs ist es, das soziale Engagement in Kirchen zu fördern. Der Lehrgang richtet sich an kirchliche Mitarbeitende wie beispielsweise Pfarrpersonen, Pastoralassistentinnen/Pastoralassistenten, Fachpersonen der Sozialen Arbeit, die im kirchlichen Umfeld tätig sind, sowie Freiwillige, die sich in leitender Funktion für ein Diakonie-Projekt engagieren. Der Lehrgang beginnt im Herbst 2015. Infos unter www.caritas-stgallen.ch

Vortrag Patientenverfügung Peter Illitsch informiert über die Patientenverfügung der Caritas. Der Vortrag richtet sich an alle, die sich mit Krankheit, Sterben und Tod auseinandersetzen. Es werden auch Fragen im Zusammenhang mit der Patientenverfügung beantwortet, und es können persönliche Wünsche zuhanden von Angehörigen, Ärzten und Pflegenden festgehalten werden. Donnerstag, 3.9.2015, 14 – 17 Uhr Kirchgemeindehaus Centrum St. Mangen, St. Gallen

Flüchtlingstag ist Begegnungstag Flüchtlinge und Migranten begleiten Caritas St. Gallen-Appenzell startet eine weitere Staffel im MentoringProgramm. Gesucht sind Mentorinnen und Mentoren für anerkannte und vorläufig aufgenommene Flüchtlinge sowie Migrantinnen und Migranten. Die freiwilligen Mentorinnen und Mentoren begleiten Flüchtlinge und Migranten stundenweise und ermöglichen ihnen Kontakte. Gesucht sind Frauen und Männer, die gut vernetzt sind und die Mentees bei ihrer beruflichen und persönlichen Entwicklung unterstützen. Das Ziel ist es, die Chancen der Flüchtlinge und der Migrationsbevölkerung für eine Stelle oder ein Praktikum im ersten Arbeitsmarkt zu erhöhen. Für Interessierte finden Informationsveranstaltungen statt. Weitere Auskünfte erteilen: Paul Siegrist, 071 577 50 01, p.siegrist@caritas-stgallen.ch oder 18 Barbara Gaillard, 071 577 50 10, b.gaillard@caritas-stgallen.ch www.caritas-betriebe.ch

Der nationale Flüchtlingstag findet dieses Jahr am Samstag, 13. Juni, ab 10 Uhr statt. In St. Gallen wird dieser Tag «Begegnungstag» genannt. In der Marktgasse begegnen sich Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen. Es wird musiziert, getanzt, gekocht und informiert. Samstag, 13. Juni 2015

Nachbarn 1 / 15


Gedankenstrich

Existenzminimum Existenzminimum, das ist so ein Wort. Das ist so ein Wort, das mich bereits bedrückt, bevor ich verstanden habe, was alles damit verbunden ist, was es für die­jenigen bedeutet, auf die es angewendet wird. Zum Teil liegt es an der Existenz. Wieso Existenz und nicht Leben, frage ich mich. Wer würde denn bloss existieren, bloss eine Existenz haben wollen? Und wann sonst ist von Existenz die Rede? Fragt vielleicht jemand: «Wie viele Menschen existieren in Ihrem Haushalt?» oder «Wo ist Ihr Existenzmittelpunkt?» Geht vielleicht eine Frau in den Coop oder die Migros (eher zu Lidl oder Aldi, wenn man am Existenzminimum lebt), um Existenzmittel zu kaufen? Schreibt sie einen Existenzlauf, um sich zu bewerben und endlich wieder einen Job zu finden? Existiert etwa ein Mann mit seiner Existenzgefährtin bis an sein Existenzende in einer 1,5-Zimmer-Wohnung, weil sie sich mehr Existenzraum nicht leisten können oder dürfen? Und was unterscheidet die Existenz vom Leben? Ist nicht das eine weniger als das andere? Ich benutze das Wort so gut wie nie. Vielleicht habe ich schon mal von einem unglücklich Verliebten gesprochen und gesagt: «Ich glaube, sie weiss nicht mal, dass er existiert.» Weil es doch bei Existenz um das Vorhandensein geht, um ein Ja oder Nein, nicht um weniger oder mehr. (existiert der Yeti? Existiert das Nichts?) Aber wieso dann das Minimum? Das Mini-

mum der Existenz? Das Minimum an Existenz? Gibt es auch ein Existenzmaximum? Könnte man sagen: «Jetzt reichts aber, Sie existieren definitiv zu sehr, zu viel. Machen Sie mal halblang?» Und wenn ich aber am Minimum bin, am Existenzminimum, existiere ich dann weniger als die anderen (von leben ganz zu schweigen), existiere ich dann so wenig, wie es nur geht? Existenzminimum, das ist doch ein Begriff, der schon bedrückt, bevor man noch verstanden hat, was er bedeutet. Bevor ich noch verstehe, wer definiert, was unerlässlich ist für die Existenz, und wie es möglich sein soll, ein Minimum noch zu kürzen. Wie soll das möglich sein?

Ulrike Ulrich lebt als freie Schriftstellerin in Zürich. Nach den beiden Romanen «fern bleiben» und «Hinter den Augen» erscheint in diesem Sommer ihr erster Erzählband im Wiener Luftschacht-Verlag. Sie engagiert sich in einer Arbeits­gruppe des Deutschschweizer PEN für Schriftsteller/innen, die staatlichen Repressionen ausgesetzt sind. www.ulrikeulrich.ch

Nachbarn 1 / 15

19


Rubrik

Dabei sein, auch mit wenig Geld.

* Schmales Budget, volles Programm: Mit der KulturLegi erhalten Menschen mit tiefem Einkommen Preisreduktionen für Angebote aus Kultur,Sport, Bildung und Freizeit.

www.kulturlegi.ch 20

Nachbarn 1 / 15


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Nachbarn 15/1 SG by Caritas - Issuu