Bern
Nr. 1 / 2015
Nachbarn
Soziales Existenzminimum Die öffentliche Diskussion über die Sozialhilfe gibt Anlass zur Sorge. Nicht die Armut wird bekämpft, sondern die Armutsbetroffenen.
Inhalt
Inhalt Editorial
3 Von Claudia Babst Geschäftsleiterin Kurz & bündig
4 News aus dem Caritas-Netz Persönlich
13 «Was machen Sie mit Ihren Freunden am liebsten in der Freizeit?» Sechs Antworten
Das Leben am Existenzminimum ist geprägt von Verzicht. Vierbeiner sind häufig die einzigen Seelentröster – für die, die es sich leisten können.
Regional
14 «Ein Viertel der Sozialhilfe beziehenden ist nicht vermittelbar» Adrian Vonrüti im Interview
Schwerpunkt
Soziales Existenzminimum Die Schweizer Bundesverfassung garantiert notleidenden Menschen Hilfe und Betreuung. Doch ist die dafür zuständige Sozialhilfe in letzter Zeit politisch stark unter Druck geraten. Einsparungen durch Leistungskürzungen werden gefordert. Vergessen gehen dabei die rund eine Viertelmillion Menschen in der Schweiz, die in prekären Verhältnissen leben und deshalb Sozialhilfe beziehen. Gefangen im Strudel der Armut, droht ihnen die soziale Isolation. Drei armutsbetroffene Frauen berichten aus ihrem Alltag, der von Einschränkungen geprägt ist. Caritas nimmt eine klare Haltung ein: Bekämpft die Armut, nicht die Armutsbetroffenen!
16 Schulischer Anschluss dank Sozialhilfe
Das soziale Existenzminimum schafft gesellschaftliche Perspektiven.
17 KulturLegi: Seit 10 Jahren im Dienst von Armutsbetroffenen Zum runden Geburtstag lanciert Caritas Bern die Kampagne «KulturLegi bewegt – Sport integriert». Kiosk
18 Wer bezieht eigentlich Sozialhilfe? Gedankenstrich
19 Existenzminimum
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Editorial
Liebe Leserin, lieber Leser In einer Spielgruppe erste Kontakte zu anderen Kindern knüpfen? Familienmitglieder in einem anderen Kanton besuchen? Oder mit einer Kollegin auswärts einen Kaffee trinken? Dies alles sind Situationen aus unserem Leben, die uns bekannt vorkommen. Was uns selbstverständlich erscheint, ist es nicht für Sozialhilfebeziehende. Die Kosten für den Spielgruppenbesuch der Tochter sind dann plötzlich zu hoch. Oder die Zugsreise in den Nachbarskanton zur Familie des Bruders übersteigt das eigene Budget. Genau hier setzt das soziale Existenzminimum in der Sozialhilfe an. Dieses erlaubt die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Das soziale Existenzminimum leistet damit einen entscheidenden Beitrag zu gesellschaftlicher Integration und beugt insbesondere bei Kindern und Jugendlichen einer Verfestigung der Armut vor.
Claudia Babst Geschäftsleiterin Caritas Bern
«Nachbarn», das Magazin der regionalen Caritas-Organisationen, erscheint zweimal jährlich.
In der vorliegenden «Nachbarn»-Nummer erläutert Adrian Vonrüti aus seiner Erfahrung als Leiter des Sozialamts Langenthal, weshalb es das soziale Existenzminimum braucht. Und er verdeutlicht, dass es trotz Sozialhilfe Personen gibt, die den gesellschaftlichen Anschluss nicht schaffen, auch wenn das gewisse Politikerinnen und Politiker anders sehen.
Gesamtauflage: 34 770 Ex.
Dann berichten die Mitarbeitenden des Flüchtlingsdiensts der Caritas Bern über das Thema «soziales Existenzminimum.» Ihre Beispiele zeigen eindrücklich auf, wie viel ein bescheidener «Zustupf» innerhalb der Sozialhilfe bewirken kann.
Gestaltung und Produktion: Urs Odermatt, Cyrille Massaux
Ein weiterer Beitrag schliesslich widmet sich dem Jubiläumsjahr der KulturLegi Kanton Bern, welche anlässlich ihres 10. Geburtstags ihr Angebot weiter ausbaut.
Auflage BE: 3 820 Ex. Redaktion: Oliver Lüthi (Caritas Bern) Bojan Josifovic (national)
Druck: Stämpfli AG, Bern Caritas Bern Eigerplatz 5, Postfach 3000 Bern Tel.: 031 378 60 00 www.caritas-bern.ch PC 30–24794–2
Ich wünsche Ihnen viel Lesevergnügen!
Claudia Babst
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Kurz & bündig
Berufliche Integration
Ein Lichtblick In Luzern-Littau wurde Ende März das CaritasHaus Grossmatte nach einem Umbau neu eröffnet. Unzählige Menschen gehen im Caritas-Haus ein und aus. Sie arbeiten in einem der Betriebe: Schreinerei, Malerei, Velowerkstatt, Kreativatelier, Kantine oder im Lager von Caritas Wohnen und Caritas Service. Im fünften Stock befindet sich das Personalrestaurant «Food for Workers», das auch Mitarbeitenden der umliegenden Firmen zugänglich ist. In der Schreinerei werden Büromöbel hergestellt, das beliebte Spiel «Kubb» oder – ganz trendy – der Luzerner Rodel, mit dem sich Rennen gewinnen lassen. In Bildungsprogrammen werden nicht nur Deutschkenntnisse, sondern auch berufsspezifisches Fach-
Die Caritas Luzern hat ein zweites Caritas-Haus:
G10 steht für die Adresse Grossmatte 10
wissen vermittelt. Ein individuelles Coaching unterstützt die Erwerbslosen zudem beim Wiedereintritt in den ersten Arbeitsmarkt. Sie finden im umgebauten Caritas-Haus Arbeitsbedingungen und -möglichkeiten vor, die sie auf die reale Berufswelt vorbereiten. www.caritas-luzern.ch/service
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Anerkennung für Fahrende
Taskforce des Bundesrates Caritas Zürich setzt sich zusammen mit Bundesvertretern und weiteren Organisationen für bessere Lebensbedingungen für Fahrende ein. Um den Anliegen von Fahrenden in der Öffentlichkeit eine starke Stimme zu geben, engagiert sich Caritas Zürich im Aufbau und der Pflege eines Netzwerkes aus Organisationen von Fahrenden und solchen aus den Bereichen Menschenrechte, Minderheiten und Diskriminierung. Dazu ist Caritas Zürich mit Vertretenden aus 21 Organisationen zusammengekommen, um gemeinsam Forderungen nach Respekt und Anerkennung für Jenische, Sinti und Roma zu stellen. Anlässlich des internationalen Tages der Roma wandte sich Caritas Zürich zusammen mit weiteren Vertretenden aus dem Netzwerk direkt an den Bundesrat. In einem Schreiben machten sie diesen auf die Forderungen aufmerksam. In der Folge wurde Caritas zur Mitarbeit in einer Taskforce zur Verbesserung der Lebensweise von Fahrenden eingeladen. Hier engagiert sich Caritas zusammen mit den Partnern für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen für Fahrende sowie für zusätzliche Stand- und Durchgangsplätze in der gesamten Schweiz. Das Ziel der Arbeitsgruppe ist, bis Ende 2015 einen Aktionsplan samt Massnahmenkatalog auszuarbeiten. www.caritas-zuerich.ch/fahrende
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Kurz & bündig
Caritas beider Basel baut Angebot aus
Zusammenarbeit mit Pastoralräumen Caritas beider Basel arbeitet stärker mit einzelnen Pastoralräumen zusammen und macht so das eigene Angebot noch mehr Personen zugänglich.
NEWS Kooperation mit Dock St. Gallen Caritas St. Gallen-Appenzell und Dock St. Gallen sind auf den 1. Januar 2015 eine Kooperation eingegangen. Die Angebote Liegenschaften-Service, Bauservice und Umgebungspflege werden wirkungsvoll und kosteneffizient unter einer Trägerschaft geführt. Das Ziel bleibt, langzeitarbeitslose Menschen in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. www.caritas-betriebe.ch Fachstelle Wohnen bei Caritas Aargau Die neue Fachstelle Wohnen der Caritas Aargau pflegt Kontakte zu Vermietern und weiteren Schlüsselpersonen im Themenfeld. Sie unterstützt Sozialarbeitende bei Fragen rund ums Wohnen und setzt für geeignete Aufgaben Freiwillige ein. Weiter entwickelt die Stelle ein Kursangebot zu «Wohnkompetenzen» und leistet Sensibilisierungsarbeit zum Thema. www.caritas-aargau.ch 10 Jahre KulturLegi Kanton Bern
Caritas beider Basel möchte die Angebote für die bereits bestehenden und neu entstandenen Pastoralräume in der Region Basel ausbauen. Dazu bietet sie Bildungsangebote im Bereich «Armut und Migration» an und arbeitet im Rahmen der Sozialberatung eng mit den einzelnen Pastoralräumen zusammen. Seit Januar 2015 führt Caritas beider Basel Sozialberatungen im Auftrag des Pastoralraums Allschwil-Schönenbuch durch. Die Gemeinde Allschwil hat eine hohe Sozialhilfequote, weshalb sich viele Personen an die Kirche wenden. Die Zusammenarbeit mit Caritas soll zu einer Entlastung der Angestellten des Pastoralraums führen, die über zu wenig Ressourcen zur Unterstützung von Personen in unterschiedlichsten Notlagen verfügen. Die Beratungen finden in der Geschäftsstelle von Caritas beider Basel in Kleinbasel statt. Das Tram Nummer 6 garantiert einen einfachen und günstigen Anreiseweg. www.caritas-beider-basel.ch
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Zum runden Geburtstag lanciert Caritas Bern die Kampagne «KulturLegi bewegt – Sport integriert». Mit der Kampagne soll die Teilnahme von Menschen mit knappem Budget an Sport- und Freizeitangeboten gefördert werden. Die 23-fache OL-Weltmeisterin Simone Niggli-Luder und der Olympia-Silbermedaillengewinner Markus Ryffel unterstützen die Kampagne als Botschafter. www.kulturlegi.ch/bern Lautstarke Beiträge aus Zürich Im Rahmen des Wettbewerbs «luutstarch» gestalteten 170 Jugendliche und junge Erwachsene zusammen mit Rappern und Fotografen Texte und Bilder zu Armut in der Schweiz. Entstanden sind 37 lautstarke Beiträge. Zu den Siegern des Wettbewerbs gehört das junge Berner Rap-Duo «best-elle & Gian». In ihrem Song «Zverdeckde ir Schwiz» stellt das Duo den Alltag zweier Klassenkollegen gegenüber: Die eine hat mehr als genug, dem anderen mangelt’s an allem. www.luutstarch.ch
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Rubrik
Ein Leben in Armut bringt Eltern an den Rand der Verzweiflung und lässt Kinderträume platzen.
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Schwerpunkt
«Manchmal bin ich einfach nur noch müde.» Knapp 1 000 Franken im Monat: Das erhalten Sozialhilfebeziehende vom Sozialamt zur Deckung ihres alltäglichen Bedarfs – vom Brot über die Zahnpasta bis hin zum Telefonabonnement und Kinobesuch. Drei Gespräche mit Betroffenen über ein Leben mit in vielerlei Hinsicht eingeschränkten Möglichkeiten. Text: Ursula Binggeli, Bilder: Zoe Tempest in Zusammenarbeit mit Barbara Rusterholz
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enn Marina Babic* zu erklären versucht, was Armut bedeutet, erzählt sie von jenem Abend. Sie kam damals auf dem Heimweg von der Arbeit an einem Restaurant vorbei und sah durchs Fenster die Menschen an ihren Tischen sitzen, essend, trinkend, plaudernd. Marina Babic war müde und hungrig und besass noch genau zwanzig Franken, die bis Ende Monat reichen mussten. Sie blickte auf die Gäste und fühlte eine grosse Einsamkeit in sich aufsteigen. Dann ging sie weiter, nach Hause, zu ihren beiden Kindern. Marina Babic hat ihren Mann nach Aufenthalten im Frauenhaus vor neun Jahren verlassen und ist heute geschieden. Die 35-Jährige arbeitet Teilzeit, im Stundenlohn. In guten Monaten liegt das Familieneinkommen bei 3 800, in schlechteren bei rund 3 000 Franken – Kinderrenten miteingerechnet. Davon entfallen 1 600 Franken auf die Wohnungsmiete. Die Suche nach einer günstigeren Wohnung ist schwierig, da Marina Babics Betreibungsregisterauszug zeigt, dass sie eine Zeitlang nicht allen Verpflichtungen nachkommen konnte.
Verzicht auf Sozialhilfe Armut hat viele Gesichter. In der Schweiz leben knapp 600 000 Menschen in finanziell prekären Verhältnis-
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sen; viele von ihnen sind wie Marina Babic alleinerziehend. Das monatliche Haushaltsbudget einer Person, die Sozialhilfe bezieht, beträgt (ohne Miete und Krankenkasse) 986 bzw. 33 Franken pro Tag. Dies muss für Essen, Kleidung, Hygiene, öffentlichen Verkehr, Telefon, Fernsehen und Internet reichen. Familie Babic muss an vielen Tagen mit noch weniger Geld auskommen. Marina Babic verzichtet nämlich auf Sozialhilfe, weil sie vom Migrationsamt erfahren hat, dass ein Bezug ihre Aufenthaltsbewilligung gefährden könnte. Und ihr grosses Ziel, der Erhalt einer Niederlassungsbewilligung, wäre erst recht unerreichbar. Obwohl Marina Babic bereits vor 13 Jahren aus Kroatien in die Schweiz gekommen ist, verfügt sie nach wie vor erst über eine B-Bewilligung, die jährlich erneuert werden muss. Dies verringert ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Marina Babics Alltag wird dominiert von der Frage, wie sie ihre Rechnungen bezahlen kann. Ihr Kopf sei immer gefüllt mit Zahlungsterminen, sagt sie. «Ich bin zur Ökonomin geworden. Aber manchmal bin ich einfach nur noch müde.» Immer wieder rafft sie sich auf. Denn ihre Kinder sollen möglichst wenig mitbekommen von den finanziellen Problemen.
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Schwerpunkt
Armut wirkt sich stets auf die ganze Familie aus. So liegen Musikunterricht oder Fussballtraining für das Kind häufig nicht drin.
Marina Babics Tochter bestand die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium, und auch der neunjährige Sohn ist ein guter Schüler. Darüber ist sie sehr glücklich. Gleichzeitig macht sie sich Sorgen. «Könnte es sich negativ auf ihre weiteren Chancen auswirken, dass wir so wenig Geld haben?» Als die Tochter in den ersten Tagen am Gymi eine Rechnung über mehrere hundert Franken heimbrachte für diverse Schulbücher, war Marina Babic der Verzweiflung nahe. Eine Bekannte riet ihr, sich an die Caritas zu wenden, welche die Rechnung dann bezahlte und der Familie beratend zur Seite stand.
erhält Regula Baumann ergänzende Sozialhilfe. «Wie lange das noch möglich ist, weiss ich nicht», sagt sie. «Denn eigentlich verlangt das Sozialamt von mir, dass ich mir die zweite Säule auszahlen lasse und meinen Lebensunterhalt auf diese Weise finanziere. Aber für mich kommt das nicht in Frage.» Sie fürchtet, sonst im Rentenalter in chronischer Armut leben zu müssen. Caritas unterstützt sie nun in der Auseinandersetzung mit dem Sozialamt.
Der Lohn reicht nur im Sommer Regula Baumann* ist fast 25 Jahre älter als Marina Babic. Vor neun Jahren starb ihr Partner, Kinder hat sie keine. Auch sie hat ein unregelmässiges Einkommen. Sie trägt Zeitungen aus, hilft im Gewerbebetrieb des Bruders mit und freut sich jeweils auf die Badesaison, weil sie dann zusätzlich noch im Strandbad arbeitet und damit auf einen Lohn kommt, von dem sie leben kann.
Schwierige Jahre bis zur Pensionierung Fast 20 Jahre lang hatte Regula Baumann bei einer grossen Telekommunikationsfirma gearbeitet – bis neue Kopfhörer eingeführt wurden, die bei ihr ein heftiges Ekzem an den Ohrmuscheln auslösten. Nach langer Leidenszeit verlor sie ihren Job. Eine neue Festanstellung hat sie seither trotz unzähliger Bewerbungen nicht mehr gefunden. Mit bald sechzig Jahren kommt Regula Baumann das langsam näherrückende Rentenalter wie eine Erlösung vor. «Wenn ich pensioniert bin, möchte ich als Freiwillige in Sozialbetrieben arbeiten. Zum Beispiel in einem Caritas-Laden.»
Im Winterhalbjahr beträgt ihr monatliches Einkommen oft nur 1 500 Franken, davon gehen 900 Franken für die Wohnungsmiete weg und die Krankenkassenprämie will auch noch bezahlt sein. In diesen Monaten
Vierbeinige Seelentröster Jeannine Roth* lebt ebenfalls alleine – und doch nicht ganz. Denn sie teilt ihre Zweizimmerwohnung mit fünf sehr gepflegten Katzen und vielen bunten Zier-
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Schwerpunkt
fischen. In der Stube stehen neben einem Fernseher diverse kleine Aquarien auf dem Regal. An der Wand hängen Teppiche mit Katzensujets, die Jeannine Roth in der Tagesklinik geknüpft hat, welche sie eine Zeitlang besuchte. Vor zwei Jahren hatte sie einen Nervenzusammenbruch, seither kämpft sie mit Depressionen und ist arbeitsunfähig. Nach wie vor ist sie in psychologischer Behandlung; die IV-Abklärung läuft. Zuletzt hatte sie in einem Altersheim als Pflegehelferin gearbeitet. Seit vergangenem Sommer ist Jeannine Roth ausgesteuert und lebt von der Sozialhilfe. Das Futter für ihre Katzen und die Fische muss sie von den für sie selber gedachten 900 Franken Grundbedarf bezahlen. Die Tiere seien ihr Luxus, sagt sie und lächelt. «Andere geben Geld für Zigaretten aus.» Wenn sie für sich selber Lebensmittel einkaufen geht, sucht sie konsequent nach herabgesetzter Ware. Ein Leben ohne Katzen kann sich die Mutter zweier Teenager-Töchter, die beide in Pflegefamilien aufwachsen, nicht vorstellen. «Sie sind meine Seelentröster.» Die Katzen helfen ihr, mit ihrer Lebenssituation klarzukommen. Zudem tue es ihr gut, für ihre Tiere zu sorgen, sagt Jeannine Roth. Dank dieser Aufgabe wird die viele freie Zeit, die sie zur Verfügung hat, nicht zur grossen Leere. Dass Caritas ihr gelegentlich unter die Arme greift, bedeutet ihr viel. *Namen geändert
EXISTENZSICHERUNG GENÜGT NICHT In der Schweiz gibt es einen Sozialstaat – warum braucht es Caritas? Caritas setzt sich überall dort ein, wo der Staat nicht oder kaum unterstützen kann. Sei dies mit klaren, parteinehmenden Botschaften, fundierten Positionen, gesellschaftlichen Forderungen oder ganz konkret mit wirkungsvollen Massnahmen und Einsätzen im In- und Ausland. Ohne Caritas, auch wenn sie häufig bescheiden im Hintergrund wirkt, würde der Schweiz eine parteiübergreifende und wertvolle Organisa tion fehlen. Reicht die Sozialhilfe aus, welche in der Schweiz ausbezahlt wird? Die Sozialhilfe zahlt ihren Klientinnen und Klienten denjenigen Betrag aus, welcher in der Schweiz als Basis der Existenzsicherung errechnet wurde. Dieser deckt Grundbedarf, Mietzinsbeiträge und Krankenkassenprämien. Dabei wurde als Bezugsgrösse der durchschnittliche Bedarf (Warenkorb) derjenigen Bevölkerungsschicht gewählt, welche zu den zehn Prozent mit dem geringsten Einkommen gehört. Damit wird deutlich, dass in erster Linie die Existenzsicherung gewährleistet wird und nur in bescheidenem Umfang die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben möglich ist. Dies entspricht dem politischen Willen und kann als gesellschaftlicher Konsens betrachtet werden.
«Die Bekämpfung der Armut ist notwendig und beinhaltet mehr als nur die Existenzsicherung.»
In fernen Ländern verdienen Menschen einen Dollar pro Tag – ist Armut in der Schweiz ein Luxusproblem? Es ist wichtig, zwischen absoluter Armut (weniger als 1.25 US-Dollar pro Tag verfügbar) und relativer Armut (deutlich unter Einkommensdurchschnitt des Landes) zu unterscheiden. Die Schweiz ist zwar nicht von absoluter Armut betroffen, doch ist die relative Armut weit verbreitet und einschneidend. Finanzielle Not führt oft zur gesellschaftlichen Ausgrenzung oder gar zu sozialer Isolation. Armutsbekämpfung ist notwendig und sollte mehr beinhalten als die Existenzsicherung. Armutsbetroffene Menschen müssen Aussicht auf bessere Lebensumstände haben und die Chance erhalten, am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben teilzunehmen.
Nicole Wagner leitet seit vier Jahren die Sozialhilfe Basel-Stadt. Zuvor war sie Geschäftsführerin des Wohn Werk Basel.
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Schwerpunkt
Für ein soziales Existenzminimum Das soziale Existenzminimum schafft Chancengerechtigkeit und weist den Weg aus der Armut. Eine Kürzung des Grundbedarfs ist inakzeptabel. Text: Bettina Fredrich, Illustration: Achilles Greminger
n Artikel 12 garantiert die Schweizer Bundesverfassung den Menschen, die in Not geraten und nicht in der Lage sind, für sich zu sorgen, Hilfe, Betreuung und die Mittel, die für ein menschenwürdiges Dasein unerlässlich sind. Auf dieser Grundlage definiert die Sozialhilfe ein soziales Existenzminimum. Mit ihren Richtlinien sorgt die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos) dafür, dass dieses soziale Existenzminimum in der Schweiz flächendeckend zur Anwendung kommt.
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Was ist das soziale Existenzminimum? Das soziale Existenzminimum setzt sich zusammen aus den Wohn- und Gesundheitskosten, situationsbedingten Leistungen und dem Grundbedarf. Das heisst, Mietzins im ortsüblichen Rahmen sowie obligatorische Krankenversicherungskosten sind Teil des sozialen Existenzminimums und werden von der Sozialhilfe gedeckt. Auch eingeschlossen sind situationsbedingte Leistungen, die sich aus der besonderen Lage eines Haushalts ergeben, beispielsweise Kinder-
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Schwerpunkt
betreuungskosten oder benötigte Medikamente. Eine weitere Komponente des sozialen Existenzminimums bildet der Grundbedarf für den Lebensunterhalt. Er orientiert sich am Konsumverhalten der einkommensschwächsten zehn Prozent der Schweizer Bevölkerung und ist nach Anzahl Personen im Haushalt abgestuft. Eine alleinstehende Person erhält derzeit monatlich 986 Franken, Zweipersonenhaushalte, zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter mit ihrem Kind, 1 509 Franken und eine Familie mit zwei Kindern hat Anrecht auf 2 110 Franken. Mit dem Grundbedarf müssen Ernährung, Kleidung, Energieverbrauch, laufende Haushaltsführung, Gesundheitspflege, Verkehrsauslagen, Kommunikation, Unterhaltung und Bildung, Körperpflege sowie Vereinsbeiträge bezahlt werden.
Die Armut bekämpfen, nicht die Armutsbetroffenen Insbesondere der Grundbedarf geriet in den letzten Monaten politisch stark unter Druck. Einige Kantone haben Kürzungen vollzogen, in anderen sind politische Vorstösse hängig, die auf eine Reduktion der Leistungen zielen. Kürzungen beim Grundbedarf sind aber aus mindestens zwei Gründen inakzeptabel: Erstens widerspricht eine Beschneidung des Grundbedarfs dem Bedarfsprinzip. Wenn sich der Grundbedarf nicht mehr am Bedarf der ärmsten zehn Prozent der Schweizer Bevölkerung orientiert, wird er zur willkürlichen Grösse. Zweitens ignorieren Befürworterinnen und Befürworter eines Leistungsabbaus, dass das soziale Existenzminimum für Chancengerechtigkeit und für die Bekämpfung der Armut unverzichtbar ist. Derzeit ermöglicht es eine minimale Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Ein Geschenk für einen Kindergeburtstag, die Teilnahme an einem Schulsportlager oder ein Abendessen mit Freunden sollen – wenn auch in eingeschränktem Rahmen – möglich bleiben. Kindern aus armutsbetroffenen Familien erlaubt dies einen fairen Start ins Leben. Für Erwachsene, das belegen jüngste Studien, sind soziale Netze das zentrale Puzzleteil auf dem Weg aus der Armut zurück ins Berufsleben. Das soziale Existenzminimum sichert nicht nur das Überleben, sondern ist zugleich Grundlage für Chancengerechtigkeit und Wegweiser aus der Armut. Armut kann mit einem Leistungsabbau in der Sozialhilfe nicht beseitigt werden. Im Gegenteil: Eine Beschneidung des sozialen Existenzminimums verunmöglicht den betroffenen Menschen, aus der Armut zurück in die Mitte der Gesellschaft zu finden.
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Gemeinsam Armut verhindern Am 16. Dezember 2014 veröffentlichte Caritas gemeinsam mit 20 anderen Organisationen eine Erklärung für das soziale Existenzminimum. Darin kritisiert Caritas die öffentliche Armutsdiskussion der letzten Monate und formuliert zentrale Forderungen. Dazu gehört das Festhalten am sozialen Existenzminimum. Die Schweizer Bundesverfassung schreibt vor, das Wohl der Schwächsten in unserer Gesellschaft zu achten. Menschen in der Sozialhilfe haben ein Recht, in Würde zu leben. Das soziale Existenzminimum ist für Caritas nicht verhandelbar. Gleichzeitig muss die Ursachenbekämpfung in der Armutspolitik wieder ins Zentrum rücken. Zu einer investiven Armutspolitik, welche Armut präventiv verhindert, gehören: existenzsichernde Löhne, Ergänzungsleistungen für Familien, Steuerbefreiung des sozialen Existenzminimums, Massnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie, Ausbildung und Beruf, niederschwellige Angebote in der frühen Förderung, Investitionen in Nachhol- und Weiterbildung sowie Förderung des preisgünstigen Wohnungsbaus. Caritas wird sich weiter hartnäckig dafür einsetzen. Links und Publikationen Erklärung zur Sozialhilfe «Armut bekämpfen, nicht die Armutsbetroffenen.» Caritas steht für ein soziales Existenz minimum ein. Mehr dazu unter: www.caritas.ch/de/was-wir-sagen/erklaerungzur-sozialhilfe Positionspapiere von Caritas Unsere Meinung zu aktuellen politischen Entwicklungen sind zu finden auf: www.caritas.ch/positionspapiere
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2 8 19 Wohnungsnot Tausende von Jugendlichen gingen 1981 in Zürich und auch in anderen Schweizer Städten auf die Strasse, um für mehr Freiräume und Autonome Jugendzentren (AJZ) zu demonstrieren. Die Forderung nach Freiräumen war auch ein Kampf um Häuser. Hausbesetzungen waren an der Tagesordnung wie hier am Stauffacher in Zürich. Foto: Klaus Rozsa / photoscene.ch.
Persönlich
«Was machen Sie mit Ihren Freunden am liebsten in der Freizeit?» Antworten von Passantinnen und Passanten aus der Deutschschweiz.
Paul Dalcher, PR-Berater, Pratteln: Mit meinen Freunden gehe ich regelmässig wandern, spiele Tennis oder wir schauen einen Fussballmatch zusammen. Auch als Trommler bei einer Basler Fasnachtsclique verbringe ich viel Zeit mit Freunden. Ich mache gerne Sachen, die einen Sinn ergeben – auch im karitativen Bereich. Kostenpunkt: 300 bis 400 Franken im Monat. Der effektive Wert ist wohl das Zehnfache.
Lucia Bertodatto, pensionierte Laborantin, Schlieren: Oft spaziere ich mit Freunden einfach an einem Fluss oder See entlang, da gibt es immer viel zu beobachten. Manchmal besuchen wir auch eine Ausstellung oder ein Museum – viele sind kostenlos. Anschliessend gehen wir noch etwas trinken. Kostenpunkt (exkl. GA): rund 100 Franken im Monat.
Linus Lippenberger, Schüler, Scherzingen: Meine Hobbys sind Fussballund Schlagzeugspielen. In meiner Freizeit besuche ich mit Freunden gern das Kino in Konstanz. Da kostet uns ein Eintritt im Durchschnitt 10 Franken. Für die kurze Busfahrt dahin nutze ich meine Jahreskarte. Das Fussballspielen im Verein sowie der Schlagzeugunterricht werden von meinen Eltern durch Jahresbeiträge bezahlt.
Babsi Gut, Kindergärtnerin, Meggen: Wir treffen uns jeden Dienstag zum Tango tanzen. Da üben wir unter Anleitung immer wieder neue Schritte. Am Samstag gehen wir dann oft zusammen an einen grösseren Anlass, manchmal auch in Zürich oder Basel. Für den Kurs zahle ich 320 Franken im Monat, dazu kommen dann noch die Ausgaben am Wochenende.
Simone Gossweiler, Praktikantin, Aarau: Ich lese gerne, gehe oft joggen und mache Pilates. Am Wochenende treffe ich mich mit Freunden. Wir gehen etwas trinken oder in einen Club. Manchmal steht auch Wandern auf dem Programm oder wir sind mit den Inlineskates unterwegs. Kostenpunkt: Für all diese Aktivitäten gebe ich pro Monat 300 bis 350 Franken aus.
Hassan Ahmad, ehem. Taxifahrer, Abtwil: Ich verbringe meine Freizeit gerne mit meiner Familie zuhause. Wenn die Kinder wollen, gehe ich aber auch mit ihnen spazieren oder mal schwimmen. Manchmal besuchen wir auch befreundete Familien; das macht uns Spass. Ein Ausflug mit der ganzen Familie kostet mich etwa 30 Franken.
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«Ein Viertel der Sozialhilfebeziehenden ist nicht vermittelbar» Adrian Vonrüti ist Vorsteher des Sozialamtes Langenthal und Vorstandsmitglied der Berner Konferenz für Sozialhilfe, Kindes- und Erwachsenenschutz (BKSE). Im Interview zeigt er auf, weshalb es ein soziales Existenzminimum braucht. Und er erinnert daran, was der eigentliche Zweck der Sozialhilfe ist, nämlich ein Auffangbecken für Notfälle zu sein. Interview: Oliver Lüthi, Bilder: Franziska Rothenbühler
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as soziale Existenzminimum ist eine Referenzgrösse in der Sozial hilfe. Was verstehen wir darunter? Das soziale Existenzminimum soll nicht nur die materielle Existenz sichern, sondern zusätzlich die Teilhabe am Sozial- und Arbeitsleben ermöglichen. Letzteres ist zentral, denn schlecht integrierte Personen mit ungenügender Aus-
bildung haben später oft Probleme. Gerade bei der Bildung investiert man in die Zukunft. Wenn dort gespart wird, kann dies soziale Ausgrenzungen zur Folge haben und es wird ein Schaden angerichtet, der die Menschen oft das ganze Leben begleitet.
Können Sie dies noch ein bisschen ausführen? Für ein Kleinkind kann der Besuch einer Spielgruppe angezeigt sein.
Dies fördert die soziale Integration und die Sprachkompetenzen. Allfällig entstehende Kosten werden bei einem sozialen Existenzminimum berücksichtigt, beim absoluten Existenzminimum nicht. Oder bei einem Kind im schulpflichtigen Alter können situationsbedingte Aufwendungen entstehen, deren Übernahme im Wohle des Kindes liegt. Beispielsweise für die Teilnahme an einem Ferienlager oder zur Bezahlung von Nachhilfe- oder Spezialunterricht.
Sozialamtsvorsteher Adrian Vonrüti: «Armutsbetroffene Jugendliche reagieren oft mit gesellschaftlichem Rückzug.»
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Das Sozialhilfebudget reicht oft kaum für die Deckung des Grundbedarfs. Da bleibt doch kein Geld mehr für die Pflege sozialer Kontakte? Es ist in der Tat so, die Unterstützungsleistungen der Sozialhilfe sind sehr knapp bemessen. Wenn wir die Situation aus dem Blickwinkel des reinen Überlebens anschauen, dann sind diese sicher ausreichend. Wenn diese Gelder aber auch eine soziale Teilhabe ermöglichen sollen, dann wird es schwierig. Was hat dies für Konsequenzen? Bei Jugendlichen kann dies zu sozialen Abspaltungen führen. Sie beginnen sich aus ihrem sozialen Umfeld zurückzuziehen, da sie aus finanziellen Gründen nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Jugendliche vergleichen sehr stark. Wenn ein Teenager sieht, dass sich der Kollege einen Kinobesuch leisten kann, er aber nicht, reagiert er mit gesellschaftlichem Rückzug. Oder er bewegt sich plötzlich in ganz anderen, möglicherweise zweifelhaften Kreisen. Bei diesen Personen kann relativ schnell ein Gefühl des Scheiterns entstehen, eine Empfindung, es «nicht geschafft», also den sozialen Anschluss verpasst zu haben. Es sind nicht nur Kinder und Jugendliche von Sozialhilfe abhängig, sondern auch viele Ältere. Welche Bedeutung hat hier das soziale Existenzminimum? Wer ab einem bestimmten Alter wegen gesundheitlicher Probleme aus der Arbeitswelt ausscheidet,
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hat es schwer, dorthin zurückzukehren. Diese Leute landen dann meistens bei der Sozialhilfe. Diese unterstützt die Betroffenen bei der Arbeitssuche oder versucht sie in einem Beschäftigungsprogramm zu platzieren. Hier kann das soziale Existenzminimum einen Beitrag an die Transportkosten leisten oder die auswärtige Verpflegung finanzieren. Wer aus bestimmten Gründen keine Erwerbstätigkeit ausüben kann, aber an einem Integrationsprogramm teilnimmt, kann eine Integrationszulage erwirken. Die Integrationszulagen hat aber der Regierungsrat des Kantons Bern auf Anfang 2014 gekürzt.
Womit wir beim Thema Politik wären. Der Grosse Rat hat in der Januarsession zahlreiche Verschärfungen in der Sozialhilfe beschlossen. Welche Konsequenzen werden diese in der Praxis haben? Problematisch finde ich den Entscheid, dass die SKOS-Mitgliederbeiträge künftig direkt durch die Gemeinden bezahlt werden sollen. Uns fehlt in der Sozialhilfe ein nationales Rahmengesetz, also braucht es eine Organisation, wo die Thematik breit diskutiert wird. Es kann nicht sein, dass jeder Kanton und jede Gemeinde eigene Richtlinien erlässt – mit dem Ziel, die Ansätze in der Sozialhilfe so knapp zu berechnen, dass die Leute wegziehen. Diese Entsolidarisierung unter den Gemeinden ist eine Methode aus vergangenen Zeiten.
Künftig sollen besonders die Sozialhilfebezüger härter angefasst werden, welche sich nicht kooperativ zeigen. Es gibt sicher Beispiele, welche die Sozialdienste extrem fordern. Allerdings wird die Sozialhilfe nicht durch diese Fälle belastet, sondern durch die Vielzahl der Dossiers. Und die Ursachen hierfür liegen in
«Die Entsolidarisierung unter den Gemeinden ist eine Methode aus vergangenen Zeiten.»
erster Linie bei der Kürzung der Arbeitslosengelder oder der Leistungen der IV. Die Sozialhilfe verliert dabei zunehmend ihren ursprünglichen Zweck: ein Auffangbecken für Notfälle zu sein. Bei uns in Langenthal ist rund ein Viertel der Sozialhilfebeziehenden gesundheitlich so angeschlagen, dass sie nicht vermittelbar sind. Dabei ist bei ihnen oftmals gar nicht bestritten, dass sie gesundheitliche Probleme haben. Die Schwere reicht aber nicht aus, um eine IV-Rente zu beziehen.
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Schulischer Anschluss dank Sozialhilfe Die Mitarbeitenden des Flüchtlingsdiensts der Caritas Bern haben täglich mit Flüchtlingen zu tun, welche Sozialhilfe beziehen. Ihre Beispiele zeigen: Das soziale Existenzminimum ermöglicht gesellschaftlichen Anschluss und schafft berufliche Perspektiven. Zusammengetragen von: Oliver Lüthi, Bild: Urs Siegenthaler
hat er die Aufnahme ins Konservatorium geschafft und spielt heute im Stadtorchester.» «Die Kinder der Familie E. können dank der Sozialhilfe eine Ausbildung machen und haben somit eine Chance auf ein Leben ohne Sozialhilfe.» «Dank des sozialen Existenzminimums getraut sich Frau A. wieder zu lachen, da die Kosten für ihre Zahnbehandlung übernommen wurden.» Ein von der Sozialhilfe bezahlter Fachkurs kann den Weg ins Berufsleben öffnen.
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ank des sozialen Existenzminimums kann Frau Y. an einem interkulturellen Frauentreff teilnehmen und lernt dort Menschen ausserhalb ihres Kulturkreises kennen.» «Dank des sozialen Existenzminimums können die Kinder von Frau F. in die Spielgruppe gehen und erste soziale Kontakte ausserhalb der Familie knüpfen.» «Durch die Mitgliedschaft im Fussballclub hat der 10-jährige Junge N. neue Freunde gefunden und spricht nun besser Deutsch als seine beiden älteren Schwestern.» «Dank der Sozialhilfe kann die Jugendliche L. einen Ballettkurs be-
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suchen und erfreut sich mit ihren Kolleginnen am Tanzen.» «M. wohnt ausserhalb. Dank des über die situationsbedingten Leistungen finanzierten Velos kann er seiner Arbeit als Zeitungsverteiler nachgehen.» «Dank der Sozialhilfe kann I. mit seinen Kameraden am Skilager der Schule teilnehmen.» «Frau K. konnte dank der Sozialhilfe einen Fachkurs in der Pflege machen und hat nun eine Festanstellung, die ihr ein Leben ohne Sozialhilfe ermöglicht.» «M.K. aus der Türkei konnte dank des sozialen Existenzminimums Musikunterricht nehmen. Später
«Dank des sozialen Existenzminimums kann A.G. ein kleines Geburtstagsfest für ihre Tochter und ihre Klassenkameradinnen organisieren. Durch den guten Kontakt mit ihren Klassenkameradinnen hat ihre Tochter bereits einige Wörter Schweizerdeutsch gelernt.» «Dank des sozialen Existenzminimums kann sich G.Y. ein kleines Geschenk fürs ‹Weihnachtswichteln› in seiner Klasse leisten und fühlt sich nicht ausgeschlossen.» «Dank des Nachhilfeunterrichts hat N.U. den Anschluss an die Regelklasse geschafft. Sie ist überglücklich und zuversichtlich, dass sie später ihre Traumausbildung zur Fachfrau Betreuung machen kann.»
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KulturLegi: Seit 10 Jahren im Dienst von Armutsbetroffenen Die KulturLegi Kanton Bern feiert 2015 ihr 10-jähriges Jubiläum. Zum runden Ge burtstag lanciert Caritas Bern die Kampagne «KulturLegi bewegt – Sport integriert». Gleichzeitig soll das Angebot auf weitere Gemeinden ausgedehnt werden. Text: Oliver Lüthi, Bild: zvg
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eit 10 Jahren können im Kanton Bern Menschen mit bescheidenen finanziellen Möglichkeiten am kulturellen und sozialen Leben teilhaben. Dies dank der KulturLegi, welche die Caritas Bern in Zusammenarbeit mit verschiedenen Gemeinden anbietet. Allein 2014 hat die Anzahl der KulturLegi-Nutzenden um 24 Prozent zugenommen. Über 5 200 Personen profitieren inzwischen von grosszügigen Vergünstigungen bei mehr als 400 Anbietern aus dem Sport-, Bildungs- und Kulturbereich. Die KulturLegi hat sich damit zu einem unverzichtbaren Angebot für viele armutsbetroffene Menschen im Kanton Bern entwickelt. 2015 feiert die KulturLegi Kanton Bern ihr 10-jähriges Jubiläum. Sie tut dies mit drei Schwerpunkten. Mit der Kampagne «KulturLegi bewegt – Sport integriert» wird die Teilnahme von Menschen mit knappem Budget an Sport- und Freizeitangeboten gefördert. Ziel ist es, dank zahlreicher neuer Partner bis 2017 ein flächendeckendes Angebot im Sportbereich offerieren zu können. Die 23-fache OL-Weltmeisterin Simone Niggli-Luder und der Olympia-Silbermedaillengewinner Markus Ryffel unterstützen die Kampagne als Botschafter.
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Im Jubiläumsjahr profitieren KulturLegi-Nutzerinnen und -Nutzer ausserdem von verschiedenen Sonderangeboten. So können sie dank der Zusammenarbeit zwischen Caritas Bern und der Winterhilfe Kanton Bern kostenlos an verschiedenen Volksläufen teilnehmen. Und schliesslich werden die KulturLegi-Nutzenden stärker für eine gesunde Lebensführung sensibilisiert. Gesunde Produkte finden sich unter anderem in den drei Caritas-Märkten im Kanton Bern. Die KulturLegi wird dort als Einkaufskarte akzeptiert. Ebenfalls 2015 wird ein neues Finanzierungsmodell umgesetzt. Dank eines veränderten Beitragssystems soll die KulturLegi für die bernischen Gemeinden noch attraktiver werden. Caritas Bern befindet sich derzeit im Gespräch mit verschiedenen Gemeinden mit dem Ziel, das KulturLegi-Angebot auszuweiten.
Die KulturLegi feiert – unter anderem mit der Kampagne «KulturLegi bewegt – Sport integriert».
Merci-Anlass Die KulturLegi feiert ihren runden Geburtstag am 23. Juli 2015 mit einem speziellen Jubiläumsevent anlässlich des Open-Air-Kinos im Marzili. Zahlreiche Gäste aus Kultur und Politik werden daran teilnehmen. KulturLegi-Nutzende geniessen an diesem Abend freien Eintritt ins Kino.
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Liebe Caritas, wer bezieht eigentlich Sozialhilfe? Rund 235 000 Personen beziehen in der Schweiz Sozialhilfe. Diese knappe Viertelmillion Menschen weisen sehr unterschiedliche Profile und Lebensläufe auf. Grundsätzlich kann es jede und jeden treffen. Ein unerwarteter Schicksalsschlag wie der plötzliche Stellenverlust, eine Scheidung oder eine Krankheit können stabile materielle Verhältnisse erschüttern und Menschen in die Armut treiben. Statistiken belegen aber, dass es Risikofaktoren gibt, die finanzielle Knappheit und damit den Gang zum Sozialamt wahrscheinlicher machen. Gefährdet ist, wer ein niedriges Bildungsniveau besitzt oder eine nichtanerkannte ausländische Ausbildung absolviert hat, wer mehrere Kinder hat, erst recht, wer sie allein erzieht und darum keine Zeit für Weiterbildungen aufbringen kann, wer an gesundheitlichen Problemen leidet, wer jung oder über 46 Jahre alt ist oder wer eine IV-Teilrente bezieht. Ein Drittel der Sozialhilfebeziehenden sind Kinder und Jugendliche. Häufig geht zudem vergessen, dass ein gewichtiger Teil der Sozialhilfeempfänger/ innen arbeitet – rund ein Drittel der Personen im erwerbsfähigen Alter. Deren Einkommen reicht allerdings nicht aus, um die Lebenskosten zu decken. Die Wege, die in die Armut und damit zum Sozialamt führen, sind verschieden. Caritas setzt sich für eine nachhaltige Armutspolitik ein. Diese definiert Massnahmen, um Armut zu verhindern, und hilft Menschen, die in Not geraten, sich aus ihrer prekären Lage zu befreien. Haben Sie eine Frage an uns? Senden Sie diese per E-Mail an nachbarn@caritas-zuerich.ch. Gerne beantworten wir diese in der nächsten Ausgabe von «Nachbarn».
AGENDA Caritas Bern an der BEA Als Tagesgast der Berner Landeskirchen stellt die Caritas Bern an der diesjährigen BEA (Ausstellung für Gewerbe, Landwirtschaft und Industrie) ihre Arbeit vor: Schwerpunkt des zweitägigen Auftritts bilden die beiden Patenschaftsprojekte «mit mir» und «Patengrosseltern». Die Caritas Bern sucht an diesen Tagen auch Freiwillige für ihre verschiedenen Projekte, Interessierte können sich gerne am Tagesstand melden! Sonntag, 26.4. und Freitag, 1.5.2015, jeweils 13 – 17 Uhr, BERNexpo, Halle 2.2
Delegiertenversammlung An der Delegiertenversammlung der Caritas Bern werden der Jahresbericht und die Jahresrechnungen des Caritas Bern und des Fördervereins präsentiert. Donnerstag, 4.6.2015, 18.15 Uhr, Pfarrei St. Marien, Bern
Begegnungsfest Caritas Bern An das Begegnungsfest sind alle Freiwilligen der Caritas Bern, die Patenkinder und ihre Familien sowie Flüchtlinge, welche von einer freiwilligen Person begleitet werden, eingeladen. Die Einladungen werden zu gegebener Zeit verschickt. Samstag, 6.6.2015, Botanischer Garten, Bern
Jubiläumsanlass KulturLegi Legate zugunsten der Caritas Möchten Sie, dass von Ihrem Lebenswerk etwas über Ihren Tod hinaus weiterlebt? Dass Sie mit dem, was Sie erarbeitet haben, auch über Ihren Tod hinaus Gutes bewirken? Caritas Bern hilft Menschen in Not. Legate spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie ermöglichen uns, langfristig und nachhaltig zu helfen. Mit unserem TestamentRatgeber geben wir Ihnen gerne eine erste Orientierungshilfe. Den Ratgeber finden Sie auf unserer Webseite www.caritas-bern.ch oder Sie können diesen bestellen unter: info@caritas-bern.ch oder 031 378 60 00.
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Die KulturLegi Kanton Bern feiert dieses Jahr ihr zehnjähriges Bestehen. Der runde Geburtstag wird im Rahmen des Open-Air-Kinos Marzili mit einem Jubiläumsanlass für geladene Gäste gefeiert. KulturLegi-Nutzende geniessen an diesem Tag freien Eintritt ins Kino. Donnerstag, 23.7.2015. Apéro für geladene Gäste: 20.30 Uhr. Filmstart: 21.30 Uhr
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Gedankenstrich
Existenzminimum Existenzminimum, das ist so ein Wort. Das ist so ein Wort, das mich bereits bedrückt, bevor ich verstanden habe, was alles damit verbunden ist, was es für diejenigen bedeutet, auf die es angewendet wird. Zum Teil liegt es an der Existenz. Wieso Existenz und nicht Leben, frage ich mich. Wer würde denn bloss existieren, bloss eine Existenz haben wollen? Und wann sonst ist von Existenz die Rede? Fragt vielleicht jemand: «Wie viele Menschen existieren in Ihrem Haushalt?» oder «Wo ist Ihr Existenzmittelpunkt?» Geht vielleicht eine Frau in den Coop oder die Migros (eher zu Lidl oder Aldi, wenn man am Existenzminimum lebt), um Existenzmittel zu kaufen? Schreibt sie einen Existenzlauf, um sich zu bewerben und endlich wieder einen Job zu finden? Existiert etwa ein Mann mit seiner Existenzgefährtin bis an sein Existenzende in einer 1,5-Zimmer-Wohnung, weil sie sich mehr Existenzraum nicht leisten können oder dürfen? Und was unterscheidet die Existenz vom Leben? Ist nicht das eine weniger als das andere? Ich benutze das Wort so gut wie nie. Vielleicht habe ich schon mal von einem unglücklich Verliebten gesprochen und gesagt: «Ich glaube, sie weiss nicht mal, dass er existiert.» Weil es doch bei Existenz um das Vorhandensein geht, um ein Ja oder Nein, nicht um weniger oder mehr. (existiert der Yeti? Existiert das Nichts?) Aber wieso dann das Minimum? Das Mini-
mum der Existenz? Das Minimum an Existenz? Gibt es auch ein Existenzmaximum? Könnte man sagen: «Jetzt reichts aber, Sie existieren definitiv zu sehr, zu viel. Machen Sie mal halblang?» Und wenn ich aber am Minimum bin, am Existenzminimum, existiere ich dann weniger als die anderen (von leben ganz zu schweigen), existiere ich dann so wenig, wie es nur geht? Existenzminimum, das ist doch ein Begriff, der schon bedrückt, bevor man noch verstanden hat, was er bedeutet. Bevor ich noch verstehe, wer definiert, was unerlässlich ist für die Existenz, und wie es möglich sein soll, ein Minimum noch zu kürzen. Wie soll das möglich sein?
Ulrike Ulrich lebt als freie Schriftstellerin in Zürich. Nach den beiden Romanen «fern bleiben» und «Hinter den Augen» erscheint in diesem Sommer ihr erster Erzählband im Wiener Luftschacht-Verlag. Sie engagiert sich in einer Arbeitsgruppe des Deutschschweizer PEN für Schriftsteller/innen, die staatlichen Repressionen ausgesetzt sind. www.ulrikeulrich.ch
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Rubrik
Dabei sein, auch mit wenig Geld.
* Schmales Budget, volles Programm: Mit der KulturLegi erhalten Menschen mit tiefem Einkommen Preisreduktionen für Angebote aus Kultur,Sport, Bildung und Freizeit.
www.kulturlegi.ch 20
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