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Nachbarn 16/01 BE

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Bern

Nr. 1 / 2016

Nachbarn

Familie ist kein Luxus! Die Armutszahlen zu Familien in der Schweiz sind beunruhigend: Rund eine Viertelmillion Eltern und Kinder sind arm. Schuld daran ist auch die vernachlässigte Familienpolitik.


Inhalt

Inhalt Editorial

3 Von Claudia Babst

Geschäftsleiterin

Kurz & bündig

4 News aus dem Caritas-Netz Schwerpunkt

6 Der lange Weg zurück ins Leben Schwerpunkt

10 Familienarmut ist ein Problem Persönlich

13 Was bedeutet dir deine Familie? Sechs Antworten

Für Familienarmut darf es in der Schweiz keinen Platz geben. Caritas fordert deshalb ein Umdenken in der Familienpolitik.

Schwerpunkt

Familie ist kein Luxus! Familie darf kein Luxus sein. Und dennoch: Kinder zu haben, ist in der Schweiz ein Armutsrisiko. Aktuelle Studien zeigen, dass Familien mit Kindern häufi ger in die Armutsfalle geraten als ihre kinderlosen Mitbürgerinnen und Mitbürger. So sind eine Viertelmillion Eltern und Kinder in der Schweiz arm. Besonders häufi g betroff en sind Einelternfamilien. Julia ist alleinerziehende Mutter und lebt mit ihrem Sohn seit bald zehn Jahren in prekären Verhältnissen. Ihre Lebensgeschichte führt vor Augen, wie ermüdend und endlos der Kampf gegen die Armut sein kann.

Regional

14 Mit Geduld und Zuversicht in die berufliche Zukunft Das Projekt «Caritas Perspektive» eröffnet neue Möglichkeiten

16 «Die Schere zwischen arm und reich öffnet sich immer mehr» Interview zum neuen Sozialbericht

17 Freiwillig engagiert Nicht nur nehmen, sondern auch geben

als Lebenshaltung

Kiosk

18 Muss ich die Sozialhilfe zurückzahlen? Gedankenstrich

19 Armut fühlt sich anders an

ab Seite 6

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Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser Eine Familie zu haben, ist etwas ungemein Bereicherndes: Kinder aufwachsen zu sehen, eine partnerschaftliche Beziehung zu pflegen, gemeinsam Schwierigkeiten zu überwinden oder besondere Erlebnisse zu teilen, gehört zu den alltäglichen Familienerfahrungen und macht eine Familie zu etwas ganz Speziellem. Auch zahlreiche Studien belegen: Jugendliche wie Erwachsene betrachten die Familie als eines der höchsten Güter überhaupt. Leider gibt es auch in der Schweiz Familien, welche dieses Glück nicht geniessen können. 250'000 Eltern und Kinder gelten hierzulande als arm. Für sie stehen nicht die gemeinsamen Glücksmomente im Vordergrund, sondern der tägliche Kampf ums finanzielle Überleben: Eltern, welche trotz Vollzeitbeschäftigung nicht genügend Geld nach Hause bringen. Mütter, welche am Abend und an den Wochenenden arbeiten müssen, damit sie sich tagsüber um die Kinder kümmern können. Oder Menschen, welche aus gesundheitlichen Gründen keiner geregelten Arbeit nachgehen können und deshalb auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. In der vorliegenden «Nachbarn»-Nummer porträtieren wir solche Familien. Es sind dies Geschichten von Menschen, welche ihre eigenen Strategien entwickelt haben, um ihren Alltag zu bewältigen. Von Eltern, welchen es trotz schwierigen Voraussetzungen gelingt, ihren Kindern Zukunftsperspektiven zu geben. Und von Familien, welche sich auch durch widrige Umstände ihre Lebensfreude nicht nehmen lassen. Sie sind es, welche Caritas Bern mit ihrer täglichen Arbeit zu erreichen versucht. Sei dies über ihre Patenschaftsprojekte, die Caritas-Märkte in Bern und Thun oder das Angebot der KulturLegi.

Ich wünsche Ihnen viel Lesevergnügen!

Claudia Babst Geschäftsleiterin Caritas Bern

«Nachbarn», das Magazin der regionalen Caritas-Organisationen, erscheint zweimal jährlich. Gesamtauflage: 38 970 Ex. Auflage BE: 3 425 Ex. Redaktion: Oliver Lüthi (Caritas Bern) Bojan Josifovic (national) Gestaltung und Produktion: Urs Odermatt, Sina Bucher Druck: Stämpfli AG, Bern Caritas Bern Eigerplatz 5, Postfach 3000 Bern 14 Tel.: 031 378 60 00 www.caritas-bern.ch PC 30–24794–2

Claudia Babst

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Kurz & bündig

Kirchliche Sozialarbeit verstärkt

Drei neue Standorte im Aargau Die Synode, das Aargauer Kirchenparlament, hat die Gesamtplanung zur Kirchlichen Sozialarbeit für den Kanton Aargau genehmigt. Operativer Partner bei der Umsetzung ist Caritas Aargau. Bis in wenigen Jahren soll kirchliche Sozialarbeit in Form von Kirchlichen Regionalen Sozialdiensten fl ächendeckend im ganzen Kanton Aargau angeboten werden. Umgesetzt wird dieses Gemeinschaft sprojekt von der röm.-kath. Landeskirche, dem Bistum, Kirchgemeinden, Pfarreien und Caritas Aargau. Das Hilfswerk führt diese Stellen und das Personal und gewährleistet im ganzen Kanton zeitgemässe fachliche Standards und Methoden. Die Umsetzung schreitet rasch voran. So wurden per 1. April 2016 in Wohlen und Bremgarten neue Standorte eröff net, Mitte Jahr kommt Brugg dazu. Damit sind bereits acht von zehn geplanten Standorten realisiert. Die Kirchlichen Regionalen Sozialdienste bieten ergänzend zu anderen Stellen Sozialberatung in verschiedenen Sprachen an, realisieren Projekte und leisten Sensibilisierungsarbeit zu sozialen Fragestellungen.

Vergünstigte Freizeitaktivitäten

KulturLegi Thurgau Caritas Thurgau bietet ab Frühsommer die KulturLegi an. Nutzen können diese Menschen mit schmalem Budget aus dem Kanton Thurgau. «Schmales Budget, volles Programm» lautet das Leitmotiv der KulturLegi, das neu auch im Kanton Thurgau gilt. So hat Caritas Thurgau zahlreiche Veranstalter davon überzeugen können, das Projekt zu unterstützen. Konkret können ab diesem Frühsommer Menschen mit schmalem Budget eine KulturLegi bei Caritas Thurgau beantragen. Sie profi tieren dank lokaler und überregionaler Veranstalter von stark vergünstigten Angeboten aus den Bereichen Theater, Kino, Bibliothek, Museum, Sport und Bildung. Caritas Thurgau konnte mit den Zusagen von verschiedenen Supporterinnen und Supportern die fi nanziellen Ressourcen für das Jahr 2016 sichern. Die Unterstützung erlaubt es dem Hilfswerk, die KulturLegi zu lancieren sowie die Projektleitung zu einem Pensum von 20 Stellenprozenten einer Fachfrau zu übergeben. Die Einführung der KulturLegi Thurgau wird im Rahmen einer kleinen Festlichkeit gefeiert. www.caritas-thurgau.ch

www.caritas-aargau.ch

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Kurz & bündig

Ganz nah bei den Betroffenen

Mobile Sozialberatung in Zürich In der Region Zürich Nord unterstützt Caritas Zürich armutsbetroffene Familien, indem sie in Quartierzentren Sozialberatungen anbietet. In Zürich Nord leben zahlreiche armutsbetroff ene Familien zurückgezogen in ihren Siedlungen. Sie nehmen die Hilfsangebote der Regelstruktur aus verschiedenen Gründen nicht in Anspruch, verfügen über ein knappes Budget, pfl egen kaum Beziehungen zu ihrem Umfeld und sind oft mit der Alltagsbewältigung überfordert. Diese Familien möchte Caritas Zürich erreichen, sie entlasten und gemeinsam mit ihnen Perspektiven entwickeln. Dazu hat Caritas Zürich im vergangenen Herbst die «Mobile Sozialberatung» ins Leben gerufen.

NEWS 30 Jahre Caritas Bern 1986 wurde Caritas Bern als Fachstelle für Diakonie der röm.-kath. Landeskirche gegründet. Aus einer Organisation mit zwei Angestellten ist bis 2016 ein über 100-köpfiger Betrieb und damit eine der wichtigsten sozialen Organisationen im Kanton Bern entstanden. Caritas Bern bietet heute zahlreiche Hilfsangebote für armutsbetroffene Menschen an und nimmt Mandate im Auftrag der öffentlichen Hand wahr. Im Jubiläumsjahr führt Caritas Bern verschiedene Aktivitäten durch, unter anderem mehrere öffentliche Anlässe und eine Plakatkampagne. www.caritas-bern.ch Treffpunkt Olten Caritas Solothurn hat im Dezember einen Treffpunkt für Flüchtlinge und Asylsuchende in Olten eröffnet. Freiwillige betreiben diesen in den Räumen der Pfarrei St. Martin Olten. Jeden Freitagnachmittag ab 14 Uhr gibt es Kaffee und Tee, Spiele und Informationen. Es ergeben sich Gespräche, Fragen werden gestellt und diskutiert. Die Freiwilligen sorgen dafür, dass eine Atmosphäre des Willkommens besteht. Sie unterstützen zudem die Asylsuchenden und Flüchtlinge bei der Kontaktaufnahme mit der einheimischen Bevölkerung. www.caritas-solothurn.ch/fluechtlinge Tagung Familienarmut im Kanton Luzern Caritas Luzern organisiert im Rahmen der Kampagne «Mittendrin und nicht dabei» eine Austauschtagung. Diese will verschiedene Akteure über Tendenzen, Zahlen, Fakten und Massnahmen im Kanton Luzern informieren und über die Alltagsrealitäten und Konsequenzen für die Betroffenen sensibilisieren. Die Tagung findet am 19. September 2016 im Quartierzentrum «DerMaiHof» in Luzern statt. www.caritas-luzern.ch/nicht-dabei

Seitdem besucht eine Sozialberaterin von Caritas Zürich wöchentlich jeweils drei Quartierzentren in Zürich Schwamendingen und nimmt sich Zeit für die anwesenden Familien. Die Kontaktaufnahme ist unkompliziert: Mütter oder Väter sprechen die Beraterin unverbindlich an, wenn sie Fragen haben oder Hilfe benötigen. Im Gespräch stellt sich heraus, wie die Beraterin die Familie unterstützen kann. Ihr Ziel ist klar: Sie will die Betroff enen ermutigen, ihre eigenen Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten zu nutzen, um ihre Situation nachhaltig zu verbessern.

Koordinationsstelle Flüchtlinge in St. Gallen Im Auftrag des Bistums St. Gallen hat Caritas St. Gallen-Appenzell eine Koordinationsstelle geschaffen, welche für die katholische Kirche wesentliche Aufgaben im Bereich der Flüchtlingshilfe übernimmt. Aktuell koordiniert Caritas die Hilfsangebote in den Pfarreien und stellt die direkten Kontakte zu Behörden, Gemeinden und Kantonen sicher. Caritas vermittelt Hilfsangebote unkompliziert und zielgerichtet, damit sie am richtigen Ort zum Einsatz kommen. www.caritas-stgallen.ch

www.caritas-zuerich.ch

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Rubrik

F체r ihren Sohn zog Julia einen Schlussstrich: Sie trennte sich von ihrem Ehemann. Doch damit geriet sie in den unbarmherzigen Sog der Armut.

Ein Leben in Armut bringt Eltern an den Rand der Verzweiflung und l채sst Kindertr채ume platzen.


Schwerpunkt

Der lange Weg zurück ins Leben Julias Leben lag in Trümmern. Was war passiert? Das Schicksal schlug zu und die Probleme häuften sich – bis die lebensfrohe Mutter erschöpft zusammenbrach. Text: Bojan Josifovic Symbolbilder: Zoe Tempest

M

it gesenktem Kopf geht sie langsamen Schrittes zum Eingangstor. Einzelne Strähnen ihrer langen Fransen kleben ihr im Gesicht, ihre Augen sind geschwollen, ihr Gesicht glänzt blass, ist gezeichnet von schlafl osen Nächten. Sie betritt die psychiatrische Klinik und blickt in einen weitläufi gen Raum. Sie bleibt stehen, schliesst die Augen. Hundert Gedanken schiessen ihr durch den Kopf, treiben ihren Puls in die Höhe und versetzen ihr Stiche ins Herz. Die Lebensenergie ist aus ihr gewichen, Körper und Seele sind gebrochen, Freunde haben sich abgewendet, fi nanziell ist sie ruiniert. Ihren 12-jährigen Sohn musste sie beim Exmann zurücklassen, dem sie nicht mehr über den Weg traut. Sie weiss: Sie ist am tiefsten Punkt angelangt. Verliebt und glücklich durchs Leben Als 21-Jährige verabschiedete sich Julia* von ihren Eltern und ihrer Heimat im Westen Deutschlands und brach mit drei Bananenkisten nach Zürich auf. Ihr damaliger Arbeitgeber hatte in der Zürcher Agglomeration eine Textilfabrik eröff net und Julia als Textildesignerin engagiert. Julia verliebte sich in das neue

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Zuhause. Sie ging off en auf Mitmenschen zu, war kreativ, abenteuerlustig und neugierig. Ihr Freundeskreis wuchs. Ferien verbrachte sie mit Reisen, immer mitten rein in fremde Kulturen, nah an fremden Menschen. Eines Tages verreiste sie ans Rote Meer. Am Strand entspannte sie im Liegestuhl, schlürft e einen Cosmopolitan und fl irtete mit dem attraktiven Hotelangestellten – einem arabischen Junggesellen, der ihr Herz in Windeseile eroberte. Der seiner Heimat den Rücken kehrte, um bei ihr zu sein. Den sie heiratete, um unzertrennbar zu bleiben. Der Tag und Nacht Deutsch lernte, um in der Schweiz Fuss zu fassen. Monate und Jahre vergingen. Julia arbeitete unterdessen als Filialleiterin eines internationalen Textildesigngeschäft s und führte ein sechsköpfi ges Team. Ihr Ehemann genoss ein ausgezeichnetes Renommee als Golf l ehrer. Gemeinsam entschieden sie sich, eine Golfschule zu eröff nen. Das Business boomte, das Geld fl oss, sie lachten viel, waren glücklich, reisten häufi g nach Ägypten zu seiner Familie. Julia wurde schwanger. Sie hing ihren Job als Filialleiterin an den Nagel, um mehr Zeit für die Familie zu haben. Doch just in dem Moment, als das Familienglück perfekt schien, schlug das Schicksal mit voller Härte zu.

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Schwerpunkt

Als die Abwärtsspirale einsetzte Die Matratze in ihrem Zimmer ist unbequem hart, aber Julia geniesst die Stille in der Klinik. Sie weiss sich in guten Händen. Den ganzen Tag umschwirren sie Spezialisten in ihren weissen Kitteln. Sie machen ihr Hoff nung, hauchen ihr Lebensmut ein, vertreiben die Suizidgedanken und weisen ihr den Weg. Doch was war passiert, dass ihr Leben nun in Trümmern lag? Fünf Tage nach der Geburt verstarb ihr Baby. Eine Welt ging unter, die jungen Eltern litten, kämpft en, litten noch mehr. Die Wunden heilten nur langsam, doch gaben sie den Traum einer eigenen Familie nicht auf. Zwei Jahre später erfüllte sich dieser, Julia gebar einen gesunden Sohn. Doch die Beziehung zu ihrem Ehemann hatte Kratzer abbekommen. Sie bemühten sich zwar, das Bild einer glücklichen Familie zu erhalten. Doch lief vieles schief: Vertrauen wurde missbraucht, Beschuldigungen ausgesprochen, Tränen vergossen, Leid und Schmerz zugefügt. Für Julia wurde das Eheleben mehr und mehr zur Qual. Sie fand Zufl ucht in einer gefährlichen Essstörung: regelrechte Fressattacken verdoppelten ihr Gewicht. Ihr Sohn Fynn*, unter-

dessen im Schulalter, verlangte viel Aufmerksamkeit, reagierte sensibel auf Stimmungsschwankungen, weinte häufi g, kränkelte andauernd. In der Schule kam er nicht nach. Julia erkannte, dass das Umfeld weder für sie noch für ihren Sohn gesund war. Sie trennte sich von ihrem Ehemann. Befreiungsschlag endet in Isolation Julia, die Geschäft sführerin, Kulturinteressierte und Abenteurerin, war nun ohne Beruf, ohne Partner, ohne Freunde, ohne Geld und ohne Bleibe. Die gemeinsame Wohnung war zu teuer, sie musste umziehen. Ihr Sohn zog sich zurück. Er verweigerte anfangs den Kontakt zum Vater, entwickelte psychische Störungen, zehrte an den Nerven und der Energie seiner Mutter. Julia bewarb sich als Putzfrau, um nur stundenweise arbeiten und möglichst viel Zeit ihrem Sohn widmen zu können. Fynn, damals kurz vor der Pubertät, sollte nicht bemerken, dass sie kaum Geld zum Leben hatten. Die Alimente des Exmannes reichten nicht aus. Julia kaufte in Secondhandläden und Brockenstuben ein, achtete auf Rabatte in Discountern, ging nicht aus, lernte keine neuen Freunde kennen, isolierte sich gänzlich.

Julias Sohn sollte nicht bemerken, dass sie kaum Geld zum Leben hatten. Sie waren auf fremde Hilfe angewiesen.

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Schwerpunkt

Ihre Eltern legten mit ihrem dunkelblauen VW, vollbeladen mit Nahrungsmitteln und Haushaltsartikeln, mehrmals die 50 Kilometer von ihrem Wohnort in Deutschland zu ihrer Tochter in der Schweiz zurück. Julia war nun vollends auf fremde Hilfe angewiesen. Sie wendete sich ans Sozialamt und suchte mit ihrem Sohn Rat bei verschiedenen Pädagogen und Therapeuten. Ihr Exmann setzte ihr weiter zu, übte Druck aus. Also erkämpft e sie das alleinige Sorgerecht vor Gericht, um sich und ihren Sohn zu schützen. Doch die soziale Isolation, der fi nanzielle Ruin, die körperlichen Anstrengungen und die psychischen Probleme forderten endgültig ihren Tribut: Erschöpfungsdepression. Julia gab zum ersten Mal im Leben auf. Sie verschloss sich in den eigenen vier Wänden, öff nete monatelang die Post nicht, denn die Mahnungen und Betreibungen erdrückten sie. Nur für Fynn kämpft e sie sich aus dem Bett, bereitete ihm Frühstück zu, kauft e das Nötigste an Nahrungsmitteln ein. Fynn war ihr einziger Lebenssinn. Sie war andauernd müde, antriebslos, verzweifelt. Sie hatte das Leben satt und wurde deshalb in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.

Hoffnung auf ein besseres Leben Zwei Jahre ist es her, seit Julia nach kurzem Aufenthalt aus der Klinik entlassen wurde, ihren Sohn beim Exmann abholte und in die eigene Wohnung zurückkehrte. Täglich musste sie danach der Klinik telefonieren, um zu bestätigen, dass es ein guter Tag war, dass es sich zu leben lohnte. Heute geht es ihr besser. Sie nimmt an einem Berufsintegrationsprogramm von Caritas teil, um eine feste Tagesstruktur zu haben. Ihr Körper ist noch angeschlagen, doch hat sie mit ärztlicher Hilfe ihr Gewicht von 110 Kilos beinahe halbiert. Fynn ist zum Jugendlichen herangewachsen und sucht gerade eine Lehrstelle als Pfl egefachmann. Das Geld ist weiterhin knapp, Julia lebt von der Sozialhilfe und spart bei ihren Bedürfnissen, um ihrem Sohn ein normales Leben zu ermöglichen. Vor vielen Jahren wurden ihr Hoff nung und Vertrauen genommen. Mühsam hat sie sich beides wiedererkämpft und wünscht sich nun einen Neuanfang: arbeiten gehen, fi nanziell unabhängig leben, den Weg in eine bessere Zukunft für Fynn ebnen, sich verlieben und das Leben endlich wieder geniessen. * Namen zum Schutz der Personen geändert, Symbolbilder

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LEBENSSITUATION VERBESSERN Eine Scheidung ist ein Armutsrisiko. Was raten Sie Müttern, die vor der Scheidung stehen? Eine gute Vorbereitung ist elementar. Neben all den emotionalen Aspekten, die verständlicherweise oft im Vordergrund stehen, sind insbesondere organisatorische Fragen wichtig. Denn plötzlich muss die Familie mit dem bisherigen Budget zwei Haushalte finanzieren. Das ist für alle eine Herausforderung. Ausserdem ist eine rechtliche Beratung zum Thema Scheidung/Trennung sehr hilfreich. Dafür vermitteln wir jeweils an entsprechende Fachstellen.

«Ich zeige Perspektiven auf.» Was sind die grössten Herausforderungen für armutsbetroffene Familien? Die knappen finanziellen Ressourcen sind sicher das grösste Problem; nicht zu wissen, ob das Geld bis Ende Monat ausreicht. Eine unerwartete Zahnarztrechnung kann da zur grossen Belastung werden. Weiter macht sich eine Perspektivenlosigkeit breit, die häufig zu Spannungen innerhalb der Familie sowie zu psychischen Problemen führt. Auch tun sich die Eltern schwer damit, dass sie ihren Kindern nicht alles bieten können. So bleibt ihnen der Zugang zu Kultur, Sport oder Bildung häufig erschwert. Wie helfen Sie diesen Familien in der Beratung? Gemeinsam mit der Familie analysiere ich ihre Lebensumstände und zeige ihnen Perspektiven auf. Es gibt immer Wege, die Situation zu verbessern. Häufig sind aber einige Hürden zu nehmen. Ich mache die Familien auf Angebote von Caritas oder anderen Institutionen aufmerksam, die ihnen Zugang zu günstigen Lebensmitteln, Haushaltsartikeln oder Freizeitaktivitäten ermöglichen. Auch berate ich die Familien in Bezug auf ihre Budgetsituation oder innerfamiliäre Konflikte und leiste punktuell finanzielle Unterstützung. Judith Meier Inhelder ist Geschäftsführerin von Caritas Thurgau. Als ausgebildete Sozialpädagogin FH berät sie armutsbetroffene Menschen aus dem Kanton Thurgau, die sich an Caritas wenden.

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Schwerpunkt

Familienarmut ist ein Problem Eine Familie zu haben, darf kein Luxus sein. Doch zeigen aktuelle Studien in der Schweiz, dass das Armutsrisiko bei Erwachsenen steigt, sobald sie Kinder bekommen. Schuld daran trägt auch die vernachlässigte Familienpolitik. Text: Marianne Hochuli, Leiterin Bereich Grundlagen bei Caritas Schweiz Illustration: Daniel Röttele

Eltern und Kinder in der Schweiz sind arm.

der Alleinerziehenden sind von Armut bedroht.

der Sozialhilfeempfänger sind unter 18 Jahre alt.

der Familien mit drei oder mehr Kindern sind arm oder leben knapp über der Armutsgrenze.

der Bevölkerung sind armutsgefährdet – das sind über 1 Million Menschen.

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ie Armutszahlen zu Familien in der Schweiz sind beunruhigend. Rund eine Viertelmillion Eltern und Kinder sind arm. Jede vierte Grossfamilie mit drei oder mehr Kindern und sogar jede dritte Einelternfamilie ist von Armut bedroht. Diese Familien leben nur leicht – manchmal lediglich hundert Franken pro Monat – über der Armutsgrenze. Es ist nicht übertrieben, zu sagen: Kinder zu haben, ist ein Armutsrisiko.

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Familie erfüllt gesellschaftliche Aufgabe Die Gesellschaft hat hohe Anforderungen an Familien, selbst an diejenigen, die unter prekären Umständen leben. Die Familie soll die wirtschaft liche Existenz aller Familienmitglieder sichern, die Kinder erziehen und bilden sowie die Älteren pfl egen und betreuen. Leider geht vergessen, dass häufi g die Rahmenbedingungen nicht gegeben sind, damit Familien diese gesellschaft lichen Aufgaben übernehmen können.

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Schwerpunkt

Klare Forderungen

So ist es insbesondere für Mütter weiterhin schwierig, Berufs- und Familienarbeit zu vereinbaren. Ein wichtiger Grund ist, dass in der Schweiz die Familie vorwiegend als Privatsache betrachtet wird. In diese hat sich der Staat nicht einzumischen. Entsprechend fallen die staatlichen Ausgaben im Familienbereich im europäischen Vergleich tief aus. Eltern müssen hier für die familienexterne Betreuung zwei- bis dreimal mehr berappen als anderswo, weil die öff entliche Hand Kinderkrippen wenig subventioniert. Familien mit kleinem Einkommen stossen an ihre fi nanziellen Grenzen und können sich eine Fremdbetreuung kaum leisten.

Politik hinkt hinterher Jüngst hat es zudem die Politik versäumt, entscheidende Lösungsansätze auf nationaler Ebene zu verwirklichen, um Familienarmut zu bekämpfen und ihr vorzubeugen: Der Familienartikel, der die Vereinbarkeit von Beruf, Ausbildung und Familie fördern sollte, scheiterte im März 2013 trotz eines Volksmehrs an den Ständen. Auch die schweizweite Einführung von Familienergänzungsleistungen, welche Familien vor dem Gang aufs Sozialamt bewahren, war im Parlament nicht mehrheitsfähig. Der Bund delegiert die Verantwortung für die Familienpolitik vorwiegend an die Kantone. Diese wiederum verzichten teilweise auf nötige Investitionen. Sie erlassen sogar Sparprogramme, welche die Familien im Kern treff en. Beispielsweise haben die Kantone innerhalb der letzten drei Jahre 10 Millionen Franken an individuellen Prämienverbilligungen gestrichen. Die familienpolitischen Ansätze in den Kantonen gleichen einem Flickenteppich, eine Gesamtübersicht fehlt. Nur allmählich wächst das Bewusstsein, dass Familienpolitik kein «Gärtlidenken» erlaubt. Es ist eine Gesellschaft spolitik, die unterschiedliche Bereiche wie Sozial-, Bildungs-, Gesundheits-, Wirtschaft s- und Wohnraumpolitik umfasst. Für Caritas ist es inakzeptabel, dass so viele Familien in der Schweiz in Armut leben. Dies könnte verhindert werden – mit einer umfassenden Familienpolitik.

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Für Familienarmut darf es in der Schweiz keinen Platz geben. Caritas fordert deshalb ein Umdenken in der Familienpolitik. Diese soll Armut verhindern sowie bekämpfen und sich an drei Pfeilern orientieren: Existenzsicherung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie Chancengerechtigkeit.

Drei Pfeiler Lücken in der Existenzsicherung sind zu schliessen. So sollen Ergänzungsleistungen für Familien schweizweit eingeführt werden. Diese verbessern die fi nanzielle Situation von armutsbetroff enen Familien entscheidend und reduzieren ihre Abhängigkeit von der Sozialhilfe. Die Geschäft swelt ist aufgefordert, moderne Arbeitsmodelle anzubieten, welche die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen. Parallel dazu gilt es, preisgünstige Angebote der familienexternen Betreuung fl ächendeckend sicherzustellen. Eine gute Ausbildung sowie gezielte Weiterbildung sind wichtige Voraussetzungen für ein ausreichendes Erwerbseinkommen. Es braucht deshalb insbesondere in der Sozialhilfe und der Arbeitslosenversicherung weitsichtige Bildungsmassnahmen und ein begleitendes Coaching. Auch ist es wichtig, bereits bei den Kleinen anzusetzen. Der Zugang zu früher Förderung ist entscheidend für einen fairen Start ins Leben. Zudem sollen Jugendliche keine Sozialhilfe beziehen müssen, sondern mittels Stipendien und Begleitung gefördert werden.

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Persönlich

Helena (13) aus Tagelswangen: «Einige Kinder bekommen alles, weil sich ihre Eltern das neuste iPhone, Klavierstunden, Inlineskates oder Tennisunterricht leisten können. Während andere Familien arm sind und fast nichts haben. Ich finde das unfair. Alle Kinder sollten die gleichen Chancen haben.»

Officid quiadis videlic tisit Officid quia videlic tisitem faccatempos quam, volorep ratiunt, sandae num nonsed qui utem aliquam fuga. Ibusdamet dolesequi reria arum eos aut fugiam aut vid expliqui ratquam id que oditio escia net, omniendem demporia nonsedis aut ligenim olestem qui repero etur aut eos et audignisate sed quam sape sequid. Bild: Officid quia videlic tisitem faccatempos quam, volorep ratiunt, sandae num nonsed qui utem aliquam fuga.

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Persönlich

Was bedeutet dir deine Familie? Antworten von Passantinnen und Passanten aus der Deutschschweiz.

Toni Bucher, pensionierter EDV-Experte und innovage-Berater, Luzern Familie ist für mich ein kostbarer Schatz auf Lebenszeit und sichtbarer Lebenssinn. Der Zusammenhalt muss nicht zwingend durch Blutsverwandtschaft entstehen, sondern kann auch auf Gemeinsamkeiten oder erlebter Geschichte gründen. Die Unterstützung meiner Töchter mittels Betreuungsarbeit lässt mich meine Welt nochmals ganz neu entdecken – durch die Augen der Enkelkinder. Das ist ein Gewinn für alle drei Generationen.

Mario Frei, Musiker und Tontechniker, Engelburg Meine Familie ist wohl der wichtigste Teil meines Lebens. Sie unterstützt, berät und trägt mich in jeder Situation. Zu meiner Familie gehören nicht nur meine Frau, unsere beiden Kinder, meine Mutter und meine Grossmutter, die mir viel bedeuten. Alle meine Freunde, die mich so akzeptieren, wie ich bin, sind für mich ebenfalls Teil meiner Familie. Ich bin überzeugt: Ich habe die beste Familie der Welt.

Dr. Elena Pribytkova, Juristin an der Universität Basel, aus Sevastopol Meine Familie ist meine Heimat, meine Verbindung mit der Kultur und den Traditionen der Vorfahren, mein Stolz und meine Stütze. Das sind meine liebsten Menschen, die an mich glauben und mich in allem unterstützen. Das ist das Haus, in dem man immer auf mich wartet und wohin ich immer wieder zurückkomme. Meine Familie ist das Kostbarste, was ich habe.

Abdirisaq Igal Mahamoud, lebt seit  als Flüchtling in der Schweiz Meine Familie bedeutet ganz viel für mich. Ich habe Somalia vor mehr als zehn Jahren verlassen. Manchmal raubt mir die Erinnerung an meine Familie den Schlaf. Ich habe telefonischen Kontakt zu meiner Familie, aber sehe sie dabei nicht. Kürzlich habe ich ein Foto von meiner Mutter erhalten. Ich habe sie nicht wiedererkannt.

Cosmo Tsoungui, Sechstklässler, Zürich Meine Familie ist für mich das Wichtigste auf der Welt! Ich will sie immer beschützen, schätzen und niemals verlieren. Und wenn ich einmal gross bin, möchte ich ein guter Papi sein.

Celine Pletscher, in Ausbildung, Lanzenneunforn Für mich bedeutet die Familie, dass wir füreinander da sind. Dies in guten und in schlechten Zeiten. Es heisst, dass wir uns gerne haben auch dann, wenn wir uns heft ig auf die Nerven gehen. Wichtig ist auch ein Rückzugsort. Mit der Familie möchte ich es auch gerne lustig haben und manchmal etwas zusammen unternehmen.

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Caritas Sektion

Nach der Kindererziehung steht bei Rahel Gebru nun die Jobsuche im Vordergrund. 14

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Caritas Bern

Mit Geduld und Zuversicht in die berufliche Zukunft Rahel Gebru kam 2011 als Asylsuchende aus Eritrea in die Schweiz. Als alleinerziehende Mutter hat sie hier fünf Kinder grossgezogen. Daneben blieb ihr wenig Zeit, sich um ihre berufliche Zukunft zu kümmern. Dank des Projekts «Caritas Perspektive» eröffnen sich ihr nun neue Möglichkeiten. Text: Oliver Lüthi Bild: Iris Andermatt

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u Beginn war alles neu und fremd: die Sprache, das Wohnen, das Einkaufen, sogar das Wetter – Rahel Gebru blickt auf eine schwierige Zeit zurück. 2011 kam sie als Asylsuchende in die Schweiz, begleitet von zwei ihrer fünf Kinder. Die anderen drei blieben vorerst bei den Grosseltern in Eritrea. Zu Beginn lebte Frau Gebru mit ihrer Familie in Reconvilier im Berner Jura. Ihr kleinstes Kind, ein damals fünfjähriges Mädchen, besuchte dort den Kindergarten, ihr zweitältester Sohn die 6. Klasse. «Die Kinder konnten bereits nach zwei Monaten in den Kindergarten respektive die Schule eintreten. Das hat ihnen bei der Integration sehr geholfen», erinnert sich Rahel Gebru an ihre Anfänge in der Schweiz.

Familiennachzug Auch Frau Gebru unternahm rasch erste Schritte, um sich in der Schweiz zurechtzufinden. Sie besuchte einen Integrationskurs und arbeitete an ihren Französischkenntnissen. «Erste einfache Gespräche wurden dadurch möglich», zieht sie rückblickend Bilanz. Nach 4 Monaten erhielt Frau Gebru einen positiven Asylentscheid, nach 8 Monaten zog die dreiköpfige Familie nach Biel. Erst 2013 trafen im Rahmen des Familiennachzugs auch die anderen drei Kinder in der Nachbarn 1 / 16

Schweiz ein. Der Ehemann von Frau Gebru blieb in Eritrea. Zu ihm hat sie seit der Flucht keinen Kontakt.

Klare Rollenteilung zu Hause Neben der Betreuung ihrer fünf Kinder blieb Frau Gebru wenig Zeit, eine Arbeitsstelle zu suchen. Trotzdem hat sie bereits verschiedene Kurse besucht und erste Arbeitseinsätze absolviert, unter anderem als Verkäuferin in einer Hiob-Brockenstube. Dies war nur möglich, weil sie zu Hause von ihren Kindern unterstützt wird. «Jeder weiss, was er zu tun hat», verdeutlicht Rahel Gebru den Vorteil einer klaren Rollenteilung. Inzwischen sind die Kinder grösser und gut integriert in der Schweiz. Einer der Söhne absolviert eine Lehre als Bauzeichner und eine der Töchter steht vor dem Übertritt ins Gymnasium. Eintritt ins Programm Caritas Perspektive Angesichts dieser Umstände findet Frau Gebru inzwischen mehr Zeit, sich um ihre eigene berufliche Zukunft zu kümmern. Vergangenes Jahr hat sie von ihrem Sozialarbeiter vom Projekt Caritas Perspektive erfahren. Dieses hat zum Ziel, Flüchtlinge möglichst schnell auf dem ersten Arbeitsmarkt zu plat-

zieren. Letzten Herbst hat Frau Gebru ein zehntägiges Assessment bei der Stiftung Drahtesel, einer Partnerorganisation der Caritas Bern, absolviert. Über diese Assessments wird abgeklärt, ob jemand die Voraussetzungen für einen Eintritt in den ersten Arbeitsmarkt mitbringt. «Frau Gebru hat diese Abklärungsphase mit Bravour bestanden», betont der zuständige Sozialarbeiter bei Caritas Bern, Heinz Zurlinden.

Ausbildung im Vordergrund Seither trifft sich Heinz Zurlinden regelmässig mit Frau Gebru, um gemeinsam an ihrer beruflichen Zukunft zu arbeiten. Die fünffache Mutter würde gerne eine Ausbildung absolvieren, denn sie hat während ihrer bisherigen Zeit in der Schweiz festgestellt, «dass es schwierig ist, ohne einen Abschluss eine Arbeit zu finden». Bisher waren Frau Gebrus Arbeitsbemühungen noch nicht von Erfolg gekrönt. Trotzdem steckt sie den Kopf nicht in den Sand. «Ich bin ein positiver Mensch», unterstreicht sie einen ihrer wichtigsten Charakterzüge. Denn wenn sie in ihrem bisherigen Leben eines gelernt hat, dann ist es dies: geduldig und zuversichtlich zu bleiben.

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Caritas Bern

«Die Schere zwischen arm und reich öffnet sich immer mehr» Im Dezember 2015 hat der Kanton Bern seinen neuen Sozialbericht veröffentlicht. Yvonne Grendelmeier, Mitautorin des Sozialberichts, äussert sich im Interview zu den wichtigsten Befunden. Text: Oliver Lüthi Bilder: Andreas Schwaiger, zvg

Frau Grendelmeier, was sind die zentralen Ergebnisse des neuen Sozialberichts? Zum einen ist der Anteil armer und armutsgefährdeter Haushalte im Kanton Bern weiter gestiegen. 2001 betrug die Armutsgefährdungsquote von Haushalten mit Personen im Erwerbsalter 11,9 Prozent, 2013 waren es 12,6 Prozent. Auch hat die Intensität der Armut zugenommen. Zum anderen öffnet sich die Schere zwischen arm und reich immer mehr. Während die mittleren und oberen Einkommen gestiegen sind, sank das Einkommen der einkommensschwächsten 10 Prozent der Haushalte. Diese sind immer weniger im Stande, ihren Lebensunterhalt eigenständig zu bestreiten. Sie verweisen darauf, dass im Bereich der Armutsbekämpfung eine kohärente Gesamtpolitik fehlt. Was meinen Sie damit? Es besteht die Tendenz, Armutsbekämpfung nur als Thema der Sozialpolitik und dort wiederum nur als Problem der Sozialhilfe aufzufassen. Als Querschnittsthema erfordert Armutsbekämpfung jedoch auch Anstrengungen in der Steuer-, der Bildungs-, der Familien- oder der Wirtschaftspolitik. Es ist schwierig, das Bewusstsein für so eine Gesamtpolitik zu schärfen. Familien sind besonders armutsgefährdet. Wie hat sich deren Situation seit dem letzten Sozialbericht entwickelt? Über alle Haushalte betrachtet nahm der Anteil armer und armutsgefährdeter Haushalte seit dem letzten Sozialbericht (Daten 2010) leicht zu. Differenziert nach Haushaltstypen ist keine einheitliche Richtung der Entwicklung erkennbar. Bei den Familienhaushalten tragen Haushalte alleinerziehender Frauen mit Abstand das grösste Armutsrisiko. Ebenfalls ein überdurchschnittlich hohes Risiko tragen Ehepaare mit vier Kindern oder mehr.

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Alleinerziehende Mütter sind besonders von Armut betroffen.

Eine wirksame Massnahme zur Bekämpfung von Familienarmut besteht im Ausbau der schulund familienergänzenden Kinderbetreuung. Hier konnten nur bescheidene Fortschritte erzielt werden. Weshalb? Trotz knapper Finanzen hat der Kanton Bern den Ausbau der schul- und familienergänzenden Kinderbetreuung in den letzten Jahren bewusst fortgeführt. Die familienergänzenden Betreuungsangebote wurden von 2005 bis 2015 stetig ausgebaut. Bei der schulergänzenden Kinderbetreuung besteht seit der Revision des Volksschulgesetzes 2008 ein gesetzlicher Auftrag für ein bedarfsgerechtes Angebot in Tagesschulen. Allerdings wird damit die Betreuung während der Schulferien nicht gedeckt, daran muss noch gearbeitet werden.

Yvonne Grendelmeier ist Leiterin der Abteilung Grundlagen der Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) des Kantons Bern.

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Caritas Bern

Gesichter hinter Caritas Bern

Freiwillig engagiert Was bringt solidarisches Handeln ausser dem guten Gefühl, einer humanitären Pflicht nachzukommen? Nicolas Barras engagiert sich als Freiwilliger im Vorstand von Caritas Bern. Text: Hana Kubecek Bild: Staatsarchiv Kanton Bern

Für den Historiker Nicolas Barras ist gelebte Solidarität zentral. Schon während seines Studiums der Geschichte hat ihn der Solidaritätsgedanke, wie er in der Schweiz in verschiedenen Epochen gelebt wurde, stark geprägt. «Aber auch meine Mutter hat mich durch ihre Hilfsbereitschaft für andere Menschen beeinflusst», so Barras, der schon in jungen Jahren seinen Vater verloren hat. Als praktizierender Katholik und engagiertes Vorstandsmitglied von Caritas Bern ist ihm die Solidarität mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen ein wichtiges Anliegen. Umso mehr, als Armut auch im Kanton Bern eine Realität ist. Hier gelten rund 80'000 Menschen als arm oder armutsgefährdet. «Ich bin noch immer überzeugt, dass sich die Armut im Kanton Bern halbieren lässt», gibt sich Barras couragiert.

Beeindruckt von Caritas Perspektive Als Nicolas Barras vor vier Jahren das Vorstandsamt von seinem Kollegen von der Paroisse catholique de langue française de Berne übernahm, war ihm wichtig, bei einer Organisation mitzuwirken, die Teil einer lebendigen und solidarisch geprägten Kirche ist. Das vielseitige Angebot von Caritas Bern überzeugt ihn bis heute. Denn es sei ge-

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zielt auf die Bedürfnisse von Menschen in schwierigen Lebenssituationen ausgerichtet. Speziell beeindruckt ist er vom Pilotprojekt Caritas Perspektive, welches Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene rasch und unkompliziert in den Arbeitsmarkt integriert. An diesem Projekt mit Pioniercharakter beteiligen sich der Kanton Bern, private Investoren sowie Caritas Bern als Leistungserbringerin. Besonders ins Schwärmen kommt Nicolas Barras, wenn es um das Patenschaftsprojekt «mit mir» geht. In diesem Projekt engagieren sich freiwillige Patinnen und Paten für benachteiligte Kinder und schenken ihnen Zeit und Aufmerksamkeit: «Ich finde es wichtig, dass die Kinder für einige Stunden im Monat unbeschwerte Zeit erleben, Aufmerksamkeit erhalten und ihren Wissens- und Erlebnishorizont erweitern können», betont Barras.

Nicolas Barras, von Beruf Archivar, engagiert sich seit 2012 im Vorstand von Caritas Bern.

Und meint abschliessend: «Seit meiner Kindheit begleitet mich die Lebenshaltung, dass man nicht nur nehmen, sondern auch geben soll. Es ist mir daher ein grosses Anliegen, dass die Kluft zwischen arm und reich zum Wohle aller stetig abnimmt.»

«mit mir» – Zusammen neue Welten entdecken Das regionale Patenschaftsprojekt kann Caritas Bern nur anbieten, weil es Menschen gibt, die sich freiwillig engagieren oder uns finanziell unterstützen. Vielen Dank für Ihre Spende! Wir helfen. Seit 30 Jahren. Spendenkonto 30-24794-2

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Kiosk

Liebe Caritas, muss bezogene Sozialhilfe zurückgezahlt werden?

AGENDA

Grundsätzlich ja. Doch fehlt in der Schweiz eine einheitliche gesetzliche Regelung für die Sozialhilfe. Die einzige nationale Referenz sind die Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos). Diese haben jedoch blossen Empfehlungscharakter. Jeder Kanton, teilweise jede Gemeinde, kann somit selbst festlegen, ob und wie viel Sozialhilfe zurückgezahlt werden muss. Und genau das wird getan.

30 Jahre Caritas Bern – öffentliche Veranstaltungen

Die Skos-Richtlinien sehen eine Rückerstattung der Sozialhilfe vor, aber nur wenn die Bezügerin oder der Bezüger von einem grösseren Vermögensanfall profi tiert, etwa von einer Erbschaft oder einem Lotteriegewinn. Natürlich auch dann, wenn die Leistungen widerrechtlich bezogen wurden. Hingegen empfehlen die Richtlinien, dass auf eine Rückerstattung aufgrund späteren Erwerbseinkommens verzichtet werden soll, um die wirtschaft liche Unabhängigkeit der Betroff enen nicht zu gefährden. Die Handhabung in den Kantonen variiert stark: Im Kanton Genf wurde die Rückerstattung gänzlich abgeschaff t, während sich der Kanton Bern an den Skos-Richtlinien orientiert. Die Sozialämter in St. Gallen, Thurgau oder Aargau entscheiden aufgrund der «Zumutbarkeit». Der Ermessensspielraum ist gross, weshalb für die Sozialhilfebeziehenden häufi g nicht nachvollziehbar ist, weshalb sie die bezogenen Leistungen zurückzahlen müssen.

Mittwoch, 24.8.2016, 12.00–19.00 Uhr, Bläuackerplatz Köniz

Die ungleiche Handhabung auf kantonaler Ebene ist für die Sozialhilfeempfängerinnen und -empfänger nicht fair. Caritas fordert deshalb ein Rahmengesetz auf Bundesebene, das nicht nur die Rückerstattung, sondern generell die Sozialhilfe überkantonal regelt. Damit würde Rechtsgleichheit für alle Betroff enen gelten.

Haben Sie eine Frage an uns? Senden Sie diese per E-Mail an nachbarn@caritas-zuerich.ch. Gerne beantworten wir sie in der nächsten Ausgabe.

Mit einem Legat über das Leben hinaus Gutes tun Möchten Sie, dass von Ihrem Lebenswerk etwas über Ihren Tod hinaus weiterlebt? Dass Sie mit dem, was Sie erarbeitet haben, auch über Ihren Tod hinaus Gutes bewirken? Caritas Bern hilft Menschen in Not. Legate spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie ermöglichen uns, langfristig und nachhaltig zu helfen. Mit unserem Testament-Ratgeber geben wir Ihnen gerne eine erste Orientierungshilfe. Den Ratgeber finden Sie auf www.caritas-bern.ch, oder Sie können diesen bestellen unter: info@caritas-bern.ch oder 031 378 60 00.

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Im Rahmen des Jubiläumsjahrs stellt die Caritas Bern ihre Arbeit der Öffentlichkeit vor: Mittwoch, 15.6.2016, 12.00–19.00 Uhr, Zentralplatz Biel

Mittwoch, 7.9.2016, 12.00–19.00 Uhr, Manor-Platz Thun

4. katholischer Diakonietag der deutschsprachigen Dekanate des Kantons Bern Der 4. katholische Diakonietag steht unter dem Titel «Die sozialen Nöte belasteter Familien und Ansätze einer Sorgekultur im diakonischen Wirken». Der Anlass richtet sich an Fachpersonen aus dem kirchlich-diakonischen Bereich. Mittwoch, 25.5.2016, 9.15–17.00 Uhr, Haus der Religionen, Bern

Weiterbildungsreihe für freiwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Im Rahmen der Weiterbildungsreihe von Caritas Bern und der Fachstelle Sozialarbeit der katholischen Kirche Region Bern werden auch 2016 verschiedene Anlässe angeboten: «Als Erwachsener eine fremde Sprache erlernen»: Dienstag, 17.5.2016, 18.00–21.00 Uhr, Haus der Begegnung, Bern «Durch Kommunikation an die Ressourcen und Stärken des Gegenübers gelangen»: Dienstag, 30.8.2016, 18.00–21.00 Uhr, Caritas Bern, Eigerplatz 5, Bern «Kindesschutz und Kindeswohl»: Dienstag, 25.10.2016, 18.00–21.00 Uhr, Caritas Bern, Eigerplatz 5, Bern Weitere Informationen: www.caritas-bern.ch

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Gedankenstrich

Armut fühlt sich anders an

F

a m i l i e n a r m u t . Ein Wort aus zwei Teilen. Kein Fremdwort. Und doch ein fremdes Wort für mich. Ein Wort, mit dem ich keine Erfahrung verbinde. Ich habe Familienarmut noch nie erfahren. Ich werde sie nie erfahren. Weil ich keine Familie habe. Natürlich habe ich eine Familie. Es gibt Menschen, die für mich Familie sind. Aber ich habe keine Kinder. Bedeutet nicht Familienarmut in erster Linie Kinderarmut, dass Kinder von der Armut ihrer Eltern be-trof- Illustration: Devika Hasler fen sind? Ich war noch nie arm. Nicht als Kind. Nicht als Erwachsene. Es gab Zeiten, als meine Einkünft e unterhalb der Armutsgrenze lagen. Aber ich habe mich nicht arm gefühlt. Ich war noch jung und hatte das Gefühl, mich im Übergang zu befi nden. Hatte eine Ausbildung und niedrige Fixkosten. War für niemanden verantwortlich, ausser für mich. Ich habe wie eine Studentin gelebt. Wie eine Studentin ohne Kinder. Gesellschaft en defi nieren Armut. Aber Armut fühlt sich nicht immer gleich an.

Es ist möglich, dass ich mich einmal arm fühlen werde. Es ist denkbar, dass ich nicht vom Schreiben leben kann und keinen Job mehr fi nde, kein Auskommen. Dass ich krank werde, nicht ausreichend versichert bin, dass mein bisschen Erspartes aufgebraucht sein wird. Dass ich unter der Armutsgrenze leben muss, ohne mich wie eine Studentin fühlen zu können. Aber niemals werde ich kein Geld haben, um ein Geburtstagsgeschenk für mein Kind zu kaufen, ich werde nicht im Wohnzimmer auf der Couch schlafen, damit meine Kinder in Betten liegen können, ich werde nicht Schulden machen müssen, um das Geld für die dringend notwendigen Medikamente vorstrecken zu können oder um ihre Nachhilfe zu fi nanzieren. Ich werde mir nicht überlegen, ob ich eine Beziehung mit einer Person eingehen soll, die ich schätze, aber nicht liebe, weil sie meine Kinder mag und wohlhabend ist. Ich werde mich nicht entscheiden müssen, ob ich der Tochter die Schulreise ermögliche oder das Fahrrad des Sohnes reparieren lasse. Meine Armut wird nur mich selbst betreff en. Und sie wird sich anders anfühlen. Familienarmut ist für mich nur ein Wort. Ulrike Ulrich (48) lebt als freie Schriftstellerin in Zürich. Nach den Romanen «fern bleiben» und «Hinter den Augen» ist 2015 ihr erster Erzählband «Draussen um diese Zeit» erschienen. Sie ist Mitherausgeberin der Anthologie «60 Jahre Menschenrechte – 30 literarische Texte» und engagiert sich für Schriftsteller/ -innen, die staatlichen Repressionen ausgesetzt sind. www.ulrikeulrich.ch

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