Bern Berne
Nr. 2 / 2014
Nachbarn
Integration – wie geht das? Bei uns leben so viele Einwanderer wie noch nie. Eine Herausforderung und ein Gewinn – wenn wir die Chancen nutzen.
Inhalt
Inhalt Editorial
3 von Claudia Babst
Geschäftsleiterin Caritas Bern Kurz & bündig
4 News aus dem Caritas-Netz 1983
12 Dunkle Gestalten Das Bild der Tamilen damals Persönlich Offene Türen oder hohe Mauern – wie will die Schweiz den Migrantinnen und Migranten in Zukunft begegnen?
Schwerpunkt
Integration – wie geht das? In der Schweiz leben heute so viele Einwanderer wie noch nie. Das ist ein Gewinn für unsere Gesellschaft – nicht nur wirtschaftlich – und stellt uns gleichzeitig vor grosse Herausforderungen. Wie schaffen wir es, die Zugezogenen an unserem Leben teilhaben zu lassen? Was braucht es für diese sogenannte Integration? Auf der Suche nach Antworten haben wir mit einer interkulturellen Vermittlerin und einem Politiker gesprochen. Zudem zeigen wir, wie die heutige Situation vieler Migrantinnen und Migranten verbessert werden könnte.
ab Seite 6
13 «Welches ist Ihr Lieblingsessen aus einem fremden Land? Wo haben Sie dieses zum ersten Mal gegessen?» Sechs Antworten Caritas Bern
14 «Die Sprache ist unser Arbeitsinstrument»
Das Berner Inselspital arbeitet mit «comprendi?», der Fachstelle für interkulturelles Dolmetschen der Caritas Bern, zusammen.
16 «Ich möchte hier alt werden»
Mit Pensionierungskursen bereitet sich Mithat Güzel jetzt schon auf die neue Lebensphase vor. In sechs Jahren ist es so weit. An eine Rückkehr in die Türkei denkt er nicht.
17 Überflüssiges verschenken und damit Gutes bewirken!
Mit dem Verkauf von geschenkten Gegenständen Geld beschaffen. Helfen Sie mit. Kiosk
18 Ihre Frage an uns Gedankenstrich
19 Kolumne von Paul Steinmann
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Editorial
Liebe Leserin, lieber Leser Erinnern Sie sich an Ihr erstes «fremdländisches» Essen, das Sie, vielleicht als Kind in den Ferien mit den Eltern, zum ersten Mal kosten durften? Meinen Sie sich an den Geruch der ersten Pizza zu entsinnen, die damals überdimensional auf Ihrem Teller lag? Oder wagten Sie sich dannzumal gar selbständig und stolz, die Bestellung in der fremden Sprache vorzunehmen? Dieses Magazin befasst sich nicht etwa mit fremdländischer Gastronomie, sondern widmet sich Menschen aus anderen Ländern. Wie ergeht es Menschen mit Migrationshintergrund in der Schweiz, die «Wie ergeht es versuchen, sich an die hiesigen VerhältMenschen mit nisse zu gewöhnen? Mit welchen Problemen haben sie zu kämpfen, wenn sie die Migrationsnur wenig beherrschen? hintergrund in Landessprache Lesen Sie hierzu die Titelgeschichte und der Schweiz?» das Porträt einer interkulturellen Vermittlerin auf den Seiten 7–9. «Es gibt ein tieferes Verständnis, wenn man etwas in der Muttersprache hört, was einen so verändert oder einschränkt wie eine Erkrankung.» Das sagt Claudia Weiss, Diabetesfachberaterin und Leiterin der Diabetesberatung im Berner Inselspital. Mehr zu ihrer eindrücklichen Beratungsarbeit mit Migrantinnen und Migranten und welche positiven Seiten sie dem interkulturellen Dolmetschen der Fachstelle «comprendi?» abgewinnen kann, lesen Sie auf den Seiten 14–15. Das ist bloss eine kleine Auswahl an interessanten und bewegenden Artikeln zum Schwerpunktthema «Migration». Wenn Sie doch noch wissen möchten, welches Lieblingsessen aus einem fremden Land andere bevorzugen: Blättern Sie auf Seite 13! Beim Lesen dieses Magazins wünsche ich Ihnen viel Vergnügen.
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Claudia Babst Geschäftsleiterin Caritas Bern
«Nachbarn», das Magazin der regionalen Caritas-Organisationen, erscheint zweimal jährlich. Gesamtauflage: 32 330 Ex. Auflage BE: 3 300 Ex. Redaktion: Regula-Sibylle Schweizer (Caritas Bern) Ariel Leuenberger (national) Gestaltung und Produktion: Urs Odermatt, Milena Würth Druck: Stämpfli Publikationen AG, Bern Caritas Bern Eigerplatz 5, Postfach 3000 Bern Tel.: 031 378 60 00 www.caritas-bern.ch PC 30–24794–2
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Kurz & bündig
Schuldenprävention
Neue Regeln für Jugendliche Neues Hilfsmittel zum Umgang mit Geld: die goldenen Regeln, dank deren die Finanzen im Lot bleiben. Die heutige Gesellschaft ist stark auf Konsum ausgerichtet, und die Anforderungen an einen kompetenten Umgang mit Geld, Konsum und Schulden sind höher als früher. Insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene haben damit noch wenig Erfahrung. Nach der App «Caritas My Money» bringt Caritas mit den «10 goldenen Regeln im Umgang mit Geld» ein weiteres Hilfsmittel heraus, welches Jugendlichen und jungen Erwachsenen hilft, die Finanzen im Griff zu behalten. Die Finanzen im Griff dank unserer
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Regeln zum Umgang mit Geld
Die Regeln wurden mit Personen aus den Bereichen Bildung und Schuldenprävention sowie Jugendlichen und jungen Erwachsenen und mit finanzieller Unterstützung der Julius Bär Stiftung entwickelt. Zusätzlich gibt es Merkblätter mit weiterführenden Informationen und Hilfsmittel für den Schulunterricht. www.goldene-regeln.ch
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Neuer Standort in Zürich
Drei unter einem Dach Gleich neben der Europaallee in Zürich eröffnete die Caritas Zürich einen neuen Standort. Drei Angebote helfen Menschen, die mit wenig Geld auskommen müssen, den Anschluss nicht zu verlieren. Sei es beim Wocheneinkauf, beim Ausgang mit Freunden oder bei der Wahl der Kleider: Immer wieder braucht es Geld. Wer mit wenig Geld auskommen muss, kann den Anschluss an unsere Gesellschaft schnell verlieren. Der neue Standort der Caritas Zürich bietet darum erstmals drei Angebote unter einem Dach. An der Reitergasse 1 in Zürich kann man sich neu die KulturLegi ausstellen lassen – einen persönlichen Ausweis, der 30 bis 70 Prozent Rabatt auf rund 500 Angebote aus den Bereichen Bildung, Sport und Kultur bietet. Zudem können Armutsbetroffene im neuen Caritas-Markt einkaufen – Früchte und Gemüse, Lebensmittel und Artikel des täglichen Bedarfs gibt’s hier zu Tiefpreisen. Im neuen Secondhand-Laden gleich nebenan kommen Modebewusste auf ihre Kosten. Kleider, Schuhe oder Möbel: Wechselnde Konzepte bringen neue Inspiration. Die drei Angebote ergänzen sich bestens. Wer eine KulturLegi besitzt, kann damit auch im Caritas-Markt einkaufen und erhält 50 Prozent Rabatt im Secondhand-Laden. www.caritas-zuerich.ch
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Kurz & bündig
IV-Anlehre im Caritas-Markt Olten
Chancen im ersten Arbeitsmarkt Integration am Arbeitsplatz: Der Caritas-Markt in Olten bietet neu einen Ausbildungsplatz für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung. Eine niederschwellige Anlehre können Menschen mit psychischer Beeinträchtigung in verschiedenen Berufsgruppen machen. Sie heisst PrA (Praktische Ausbildung) und wird vom nationalen Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Behinderung (INSOS) zertifiziert. Diese Ausbildung will jungen Menschen mit einer Lern- oder Leistungsbeeinträchtigung den Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt ermöglichen. Caritas Solothurn bietet einen dieser PrA-Arbeitsplätze neu im Caritas-Markt Olten im Bereich Detailhandel an. Die Kooperation mit der Organisation «WG Treffpunkt» garantiert eine fachmännische Betreuung, auch am Einsatzort im Caritas-Markt, und ist von der IV gutgeheissen. Die jungen Erwachsenen haben bei positivem Abschluss der IV-Anlehre die Möglichkeit, im Anschluss die Assistenz-Lehre oder bei Eignung gar den Abschluss Detailfachfrauoder -mann direkt im Caritas-Markt zu absolvieren. www.caritas-solothurn.ch
NEWS KulturLegi neu in St. Gallen Die KulturLegi gibt’s neu auch in St. Gallen-Appenzell. Mit dieser Karte kann im Caritas-Markt eingekauft und gleichzeitig von vergünstigten Angeboten im Sport-, Kultur-, Bildungs- und Freizeitbereich profitiert werden. Eine Karte erhalten Menschen, die am oder unter dem Existenzminimum leben, oder Personen, die wirtschaftliche Sozialhilfe oder Ergänzungsleistungen zur AHV/IV beziehen. Weitere Infos: www.caritas-stgallen.ch Caritas-Blog aus Zürich Wie lebt es sich mit wenig Geld in der teuersten Stadt der Welt? Im «Züriblog» erzählen fünf Autorinnen und Autoren von ihrer Arbeit, ihrem Alltag und ihrem Engagement. Von Geldsorgen, von schweren Schicksalen und von Erfolgen. Zum Beispiel Urs: «Wenn ich morgens aufstehe, ist einer meiner ersten Gedanken: Bringe ich den Tag finanziell durch?» Lesen Sie mit auf blog.caritas-zuerich.ch Mehr Velos in Sursee Rund 30 Nextbike-Velos stehen neu in der Stadt Sursee an sechs Standorten bereit. Wer will, kann sie einfach und schnell ausleihen, um zum Beispiel in die Badi zu fahren. Service und Unterhalt der Velos und Stationen werden von der Caritas Luzern im Rahmen eines Beschäftigungsprogrammes für Erwerbslose ausgeführt – das Projekt funktioniert in Luzern schon länger. www.nextbike.ch Renovierter Laden in Basel Der Secondhand-Kleiderladen der Caritas beider Basel wurde nach einem Facelifting durch vier Studierende der Hochschule für Gestaltung neu eröffnet. Das Geld für den Umbau kam durch CrowdFunding zusammen: Spenderinnen und Spender konnten sich online an dem Projekt beteiligen und wurden stetig über den Fortschritt informiert. Nun erstrahlt der Laden in neuem Glanz. Mehr auf www.caritas-beider-basel.ch
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Rubrik
Sich in einer neuen Umgebung zurechtfinden, mit neuen Einflüssen umgehen können: Integration ist harte Arbeit für alle Beteiligten.
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Schwerpunkt
«Integration fällt nicht vom Himmel» Job, Beziehungen, Sprache: Integration ist eine Herausforderung. Die interkulturelle Vermittlerin Fatima Sticher begleitet Menschen mit Migrationshintergrund in diesem Prozess. Dabei stützt sich die gebürtige Portugiesin auf eigene Erfahrungen. Text: Sarah King Bilder: Zoe Tempest in Zusammenarbeit mit Barbara Rusterholz
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aritas-Haus, Luzern: Der Blick aus dem PC-Raum im fünften Stock fällt über die Industriebauten hinweg direkt auf die Berge. Irgendwo hinter den Bergen in der Ferne ändern sich die Bräuche, das Klima oder die Sprache. Aus der Ferne stammen einige der Anwesenden im PC-Raum. Sie klicken sich durch Stellenanzeigen oder tippen Begleitbriefe. Allen voran Fatima Sticher. Sie hilft suchen. Zweimal wöchentlich leitet sie für die Caritas Bewerbungsworkshops für Teilnehmende des Beschäftigungsprogramms. Die Workshops sind Teil der beruflichen Integration – oder Reintegration.
Mit Sprache vorankommen Miljojka zum Beispiel kam vor 30 Jahren aus Serbien in die Schweiz. Als Hilfsköchin arbeitete sie in Restaurants. Gegenwärtig ist die
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61-Jährige arbeitslos. Eine Stelle zu finden sei schwierig, sagt sie in gebrochenem Deutsch. Auch Ivan sucht Arbeit. Der 48-jährige Kroate verliess vor 28 Jahren sein Heimatland wegen der schlechten Arbeitsbedingungen. Seit er vor sieben Monaten arbeitslos wurde, bewarb er sich auf 40 Stellen. Erfolglos. Die Auswirkungen davon bekommt Fatima Sticher bei ihrer Arbeit zu Gesicht. «Plötzlich hat man keine Aufgabe mehr und fühlt sich nutzlos.» Gründe für die schwierige Stellensuche seien zum Teil ungenügende Qualifikation und mangelhafte Deutschkenntnisse. «Wer die Landessprache nicht kann, bleibt stehen. Er knüpft keinen Kontakt mit dem Nachbarn und besucht keine Weiterbildungskurse.» Stehenbleiben ist Fatima Sticher fremd. Schon früh suchte sie einen gangbaren Lebensweg für sich. Sie erinnert sich: Portugal 1974, Nelkenrevolution, die Diktatur wurde
gestürzt und die Demokratie eingeführt. Fatima Sticher hatte Pläne: «Ich wollte studieren – Psychologie. Aber die ersten Jahre nach der Revolution waren unbeständig und chaotisch.» So besuchte sie zuerst ihre Tante in der Schweiz mit dem Plan, ihre Studien in Portugal zu einem späteren Zeitpunkt aufzunehmen. «Ich wollte Neuland entdecken.» Die Liebe durchkreuzte ihren Plan, aus Neuland wurde Heimatland. Fatima Sticher gründete eine Familie in der Schweiz. Schnell spürte sie die Schattenseiten der Migration: «Ich war in bestimmten Dingen abhängig von meinem Mann – zum Beispiel bei der Korrespondenz mit Ämtern.» Ihre Unabhängigkeit eroberte sie sich mit Wissen zurück: Sie las viel und suchte Beziehungen zu Deutschsprachigen. Ein Deutschkurs diente ihr zum Schluss nur noch als Feinschliff. Ihren Stolz kann die Portugiesin nicht ganz verbergen: Sechs Sprachen
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Schwerpunkt
Nicht zuletzt bedeutet Integration auch Anpassung: sich informieren über und adaptieren an die Kultur, in der man sich bewegt.
beherrscht sie inzwischen und sie weiss: Das ist der Schlüssel für ihre eigene berufliche Integration.
Die Motivation ist zentral 10 Uhr 30: Das fast andächtige Stellensuchen weicht nach der Pause einer produktiven Geschäftigkeit. Es wird geschrieben, gedruckt und korrigiert. Fatima Sticher wechselt zwischen den Teilnehmenden hin und her, gibt hier eine Hilfestellung, da einen Tipp und zaubert nebenbei Miljojka ein Lächeln auf die Lippen. «Sie sehen heute schön aus.» Ein zentraler Aspekt ihrer Tätigkeit bestehe aus Motivationsarbeit. «Ich sage es den Leuten in einer klaren Sprache: Integration fällt nicht vom Himmel. Von dort kommen Schnee und Regen, aber
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keine Kurse oder Sprachen.» Fatima Sticher ist sich jedoch bewusst: Migrantinnen und Migranten ohne Ausbildung arbeiten oft als Hilfskräfte und verdienen wenig. Die knapp bemessene Freizeit und die mangelnden finanziellen Mittel senken auch die Motivation für eine Weiterbildung. Ein Teufelskreis. Die Konsequenz: Betroffene können in die Armutsfalle geraten. Hilfe erhalten sie in diesem Fall von den Caritas-Sozialberatungsstellen, zum Beispiel von Dejan Mikic. Bei Caritas Zürich bietet er armutsbetroffenen Familien psychosoziale Beratung zu Themen wie Finanzen, Alltagsbewältigung oder Migration. «Wir unterstützen zwar auch finanziell, aber nur punktuell – immer mit dem länger-
fristigen Ziel, dass die Menschen aus ihrer unbefriedigenden Situation herausfinden.» Neben Not- und Überbrückungshilfe leistet Caritas mitunter auch Beiträge für berufliche Weiterbildungen von Erwachsenen sowie Hobbys der Kinder wie Musikunterricht oder Fussball. Das erhöht die Qualifikation, fördert die Vernetzung und unterstützt somit die Integration. Denn integriert ist letztlich auch nach Schweizer Gesetz, wer am wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben der Gesellschaft teilhat, sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen in der Schweiz auseinandersetzt und eine Landessprache spricht. Manchmal sei die Integration auch erschwert, sagt Dejan Mikic, «zum Beispiel, wenn Angehörige im Hei-
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Schwerpunkt
matland schwierige Situationen durchleben oder die Gedanken stets um den eigenen Aufenthaltsstatus in der Schweiz kreisen.» Das sei eine psychische Belastung, ebenso der Alltagsrassismus.
Angst fördert Fremdenfeindlichkeit «Ja, Rassismus gibt es», weiss Fatima Sticher. «Oft entsteht er aus der Angst, dass Fremde die Arbeit oder Wohnungen wegnehmen. Wo Ängste sind, ist schnell Rassismus.» Verallgemeinerungen seien aber der Integration in der Regel abträglich. «Manche Schweizer sind fremdenfeindlich, manche nicht.» Fatima Sticher gerät in Fahrt und man ahnt, warum sie Psychologie studieren wollte: «Nicht nur Schweizer brauchen Offenheit, sondern auch die Ausländer. Ich kann mich nicht in einen Kokon zurückziehen und verlangen, dass andere sich öffnen.» Nicht zuletzt bedeute Integration auch Anpassung. «Das heisst nicht, dass man die eigene Identität aufgibt, sondern sich informiert über die Kultur, in der man sich bewegt.» Fatima Sticher hat ihre Identität selbstverständlich nicht aufgegeben. Sie pflegt auch in der Schweiz Kontakt zu Menschen aus ihrer Heimat. Gelegenheit bietet sich genug. Portugiesische Staatsangehörige machen nach der italienischen und deutschen die drittgrösste Einwanderungsgruppe aus. Manchmal vermisst sie ihre Familie und das Meer, aber in der Schweiz fühle sie sich wohl. «Ich gehe gerne wandern und fahre Ski.» Ihr Blick schweift kurz zum Fenster. Wolkenschleier schlängeln sich um die Berge. Für einen Moment macht es den Anschein, als stünde nichts mehr zwischen dem Industriegebiet und der Ferne.
NICHT NUR WIRTSCHAFTLICHE ZWECKE Braucht die Schweiz die Migration wirklich? Die Migration ist eine gegenseitige Bereicherung, ein Austausch, der eine Beziehung zwischen verschiedenen Personen schafft. Für eine Gesellschaft ist das fundamental. Die Schweiz hatte immer eine enorme Integrationskraft, denn sie ist selbst multikulturell. Doch in den letzten Jahren ist unsere Bevölkerung in kurzer Zeit stark gewachsen. Das ruft Spannungen und Ängste hervor. Es wurde viel über den Nutzen der Migration für die Wirtschaft gesprochen, aber nicht genug über die menschliche Bereicherung. Davon müssen wir auch sprechen: Ein rein quantitatives Wirtschaftswachstum genügt nicht, und Migration erfüllt nicht nur wirtschaftliche Zwecke. Viele befürchten einen Zerfall der nationalen Identität Zuerst müssen wir schauen, wo diese Befürchtungen ihren Ursprung haben. In meinen Augen hängen sie nicht nur mit der Migration zusammen, sondern auch mit der Globalisierung und dem raschen Fluss der Informationen. Die Leute sind besorgt darüber, dass Familien fast keine erschwinglichen Wohnungen mehr finden. Sie fragen sich, ob die Mobilität nicht eingeschränkt werden sollte. Das sind berechtigte Fragen. Man darf aber nicht die Einwanderung oder die Ausländer für alle Übel verantwortlich machen.
«Es wurde viel über wirtschaftlichen Nutzen gesprochen, aber nicht genug über menschliche Bereicherung.»
Macht die Schweiz genug für die Integration? Die Schweiz kann gut integrieren, aber sie kann sich immer noch verbessern. Wenn die Migrantinnen und Migranten verstehen, wie das Land funktioniert, welche Regeln und Werte hier gelten und wieso sich die Schweizerinnen und Schweizer so oder anders verhalten, fällt die Integration leichter. Und um zu verstehen, muss man zuerst die Sprache verstehen. In diesem Bereich besteht noch Verbesserungspotenzial. Simonetta Sommaruga Bundesrätin und Vorsteherin des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements (EJPD) Interview: Corinne Jaquiéry Das gesamte Interview finden Sie unter blog.caritas-zuerich.ch/interview-sommaruga/
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Schwerpunkt
Stecken geblieben Die Diskussion um die Zuwanderung sei in der Vergangenheit stecken geblieben, sagt der Berner Hasim Sancar. Jetzt fordert er neue Impulse. Text: Hasim Sancar Illustration: Samuel Jordi
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bwohl die Schweiz immer von Einwanderern profitierte, hat sie Migration demokratiepolitisch selten als Chance wahrgenommen. Unser System wurde nicht weiterentwickelt. Zugewanderte können zum Beispiel noch immer nicht an Wahlen und Abstimmungen teilnehmen. Nein, ganz im Gegenteil, mit demokratischen Rechten geht die Schweiz sehr restriktiv um. Das erstaunt nicht, denn auch das Stimm-
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und Wahlrecht für Frauen wurde ja erst 1971 eingeführt. Dennoch scheint es schon fast absurd, wie die Schweiz trotz ihrem Anspruch, eine moderne Gesellschaft zu sein, bei der Diskussion um die Zuwanderung in der Vergangenheit stecken bleibt.
Zwei Extreme Migrantinnen und Migranten fühlen sich ausgegrenzt. Die Ausschlussmechanismen verunmöglichen ein Gefühl der Zugehörigkeit. Ohne ein
solches ist es jedoch schwierig, Verantwortung für die Entwicklung der Gesellschaft zu übernehmen. Wir haben in der Schweiz noch keine Ghettos wie in London oder Paris. Doch auch bei uns werden Migrantinnen und Migranten auf dem Wohnungsmarkt diskriminiert. Viele können sich aus finanziellen Gründen nur billige Wohnungen leisten, wo die Lebensqualität gering bleibt. Also wohnen sie in schimmligen Räumen, an Hauptstrassen oder entlang von
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Schwerpunkt
Zuggleisen. Lärm und Feinstaub machen krank, das ist kein Geheimnis. Es ist auch kein Geheimnis, dass viele Migrantinnen und Migranten Working Poor sind, obwohl sie weit über acht Stunden täglich, oft in mehreren Jobs, ihr Einkommen erwirtschaften. Denn auch auf dem Arbeitsmarkt werden sie diskriminiert. Ihre Situation heute zeigt zwei Extreme: einerseits die hochqualifizierten Arbeitskräfte und Spezialistinnen in der Finanz- und IT-Branche, andererseits die Arbeiterinnen und Arbeiter, welche die schweren, unterbezahlten und unqualifizierten Tätigkeiten verrichten, zum Beispiel in den Bereichen Konstruktion, Gastgewerbe, Reinigung und Pflege. Dennoch stehen die Migrantinnen und Migranten in der Öffentlichkeit unter Dauerbeschuss. Die Vorwürfe, sie würden sich nicht integrieren und von unseren Sozialwerken profitieren, sind laut. Doch das Gegenteil ist der Fall: Der grösste Teil der Migrationsbevölkerung ist im produktiven Alter. Sie finanziert mit ihren Beiträgen einen Viertel unserer Sozialwerke, bezieht aber gleichzeitig nur 14 Prozent der Leistungen.
Gleiche Rechte für alle Migrationsprozesse sind komplex. Es braucht einen sorgfältigen Umgang aller Beteiligten mit dieser Tatsache – nicht Ausschaffungsinitiativen. Es ist wichtig, dass im Umgang mit Migration Chancen wahrgenommen werden. Dies ist aber nur möglich, wenn für Migrantinnen und Migranten die gleichen Rechte gelten wie für alle. Die Schweiz hat die Pflicht, Möglichkeiten zur Partizipation bereitzustellen, Räume zu öffnen, damit sich die Zugewanderten an den gesellschaftlichen Geschehnissen und Prozessen beteiligen können. Die Zugewanderten ihrerseits müssen sich individuell und ohne Ausreden für mehr Teilnahme und Teilhabe einsetzen und ihre Rechte wahrnehmen, auch wenn diese vorläufig eingeschränkt sind.
Die Schweiz als Einwanderungsland Die Schweiz ist ein Einwanderungsland. Zusammen mit Luxemburg erlebten wir 2011 im Verhältnis zur Bevölkerung die höchste Zuwanderung. Aber wir profitieren auch finanziell am meisten von den Einwanderern. Denn diese sind oft im Erwerbsalter und haben eine hohe Beschäftigungsrate: Sie arbeiten viel und tragen damit zu unserem Wohlstand bei. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen diskutieren wir in der Schweiz darüber, die Zuwanderung einzugrenzen. Diese Diskussionen sind auch eine Chance, grundlegende Probleme anzugehen. Wie schon Max Frisch bemerkte, kommen nicht nur Arbeitskräfte, sondern Menschen. Und diese werden nach wie vor häufig diskriminiert. Die Migrationspolitik sollte prekäre Lebenssituationen verbessern und soziale Rechte, unabhängig von der Herkunft, stärken. Caritas plädiert dafür, die in der Schweiz geltenden Arbeitsbedingungen einzuhalten. Dazu gehören unter anderem existenzsichernde Löhne, ein gut ausgebautes Angebot für flächendeckende Kinderbetreuung sowie flexible Arbeitsmodelle und Teilzeitarbeit auch für Männer. Links und Publikationen
Integrationsförderung Das Engagement der regionalen Caritas-Organisationen reicht von der Hilfe bei der Wohnungssuche über verschiedene Bildungsangebote bis hin zu individueller Beratung. Auch das Forum für die Integration der Migrantinnen und Migranten lanciert Projekte und vertritt Interessen von Migrantinnen und Migranten gegenüber Dritten. Nicht zuletzt erleichtern Gemeinden und Städte mit diversen Massnahmen die Integration. Sie finanzieren zum Beispiel Deutschkurse, beraten Neuzuziehende oder organisieren Informationsveranstaltungen.
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Sozialalmanach 2015 Die Texte auf dieser Seite sind Auszüge aus dem Sozialalmanach 2015, welcher Ende Jahr erscheint unter dem Titel «Herein. Alle(s) für die Zuwanderung». Das Caritas-Jahrbuch zur sozialen Lage der Schweiz. Jetzt vorbestellen unter: www.caritas.ch/sozialalmanach Positionspapiere von Caritas «Bevölkerungspolitik auf Irrwegen» zur Ecopop-Initiative, «Zur Asylrechtspolitik der Schweiz» unsere Meinung zu aktuellen politischen Entwicklungen sind zu finden unter: www.caritas.ch/positionspapiere
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Dunkle Gestalten Anfang der 80er-Jahre traf man in Bern wie in anderen Schweizer Städten junge tamilische Männer. Sie standen in der Bahnhofsunterführung und waren auf Arbeitssuche. Bei der schweizerischen Bevölkerung galten sie als «dunkelhäutige Wirtschaftsflüchtlinge». Heute wird die tamilische Bevölkerung wahrgenommen als arbeitsam, fleissig und umgänglich. (TV-Sendung zum Thema: www.srf.ch/sendungen/dok/ doppelleben-tamilische-secondos-in-der-schweiz) Bild: zvg, L. Sinnadurai
Persönlich
«Welches ist Ihr Lieblingsessen aus einem fremden Land? Wo haben Sie dieses zum ersten Mal gegessen?» Antworten von Passantinnen und Passanten aus der Deutschschweiz.
Sibylle Vogt, Verkäuferin, Thörishaus: Da muss ich nicht lange studieren: Ich erinnere mich gut an meine erste Weisswurst mit Brezel und süssem Senf! Ich war vier Jahre alt und zusammen mit meinen Eltern in den Ferien in Bayern, wo ich auf dem Bauernhof im Kuhstall aushelfen durfte. Ich fahre jedes Jahr wieder nach Bayern, der Ort und die Freunde dort sind zu meiner zweiten Heimat geworden – und mittlerweile trinke ich auch das obligate Weissbier!
Paul Siegrist, Betriebsorganisator, Herisau: Besonders gut schmeckt mir Nshima, ein Maisbrei, der an Polenta erinnert, und dazu ein Fleischragout. Zum ersten Mal habe ich dieses Gericht in Sambia (Afrika) gegessen. Vor Ort wurde eine Geiss geschlachtet, ausgenommen und das Fleisch frisch zubereitet. Zum Fleisch und Nshima wurde ein Blattsalat serviert. Und das Ganze wird mit der Hand gegessen. Nshima ist übrigens das Nationalgericht Sambias.
Chantal Frech, Verkäuferin, Basel: Ich mache sehr selten im Ausland Ferien. Deshalb kann ich nicht aus einer riesigen Auswahl von Gerichten wählen. Ich war vor kurzem in Deutschland auswärts essen. Dort habe ich die griechische Küche kennengelernt und die schmeckt mir sehr gut. Zum Beispiel liebe ich Tsatsiki, gebackenen Feta-Käse und ein Gericht mit dem Namen «gestohlenes Lamm».
Ireti Osinuga, Fünftklässlerin, Zürich: Mein Lieblingsessen ist Fufu. Das ist so wie Griessbrei, und das isst man mit den Händen zu einer feinen roten Sauce, die nennt man Stew-Sauce. Das erste Mal habe ich das in Nigeria gegessen.
Peter Kokol, Pensionär, Seewen: Ich esse sehr gerne chinesisch. Zum ersten Mal war das in Küssnacht am Rigi, in einem Restaurant. Die machen das sehr gut. Ich liebe die süss-sauren Sachen, vor allem Ente, und dass man dazu immer so verschiedene Zutaten hat.
Ueli Unternährer, Praktikant, Waldibrücke: Vor einigen Jahren bekam ich bei einer vietnamesischen Freundin zuhause zum ersten Mal Banh Bao. Das sind gedämpfte Teigtaschen, gefüllt mit Hackfleisch, Zwiebeln und gekochten Eiern. Es gibt auch vegetarische und süsse Varianten oder solche ohne Füllung. Und alle schmecken fantastisch!
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Caritas Bern
«Die Sprache ist unser Arbeitsinstrument» Im Berner Inselspital werden Menschen mit Diabetes beraten und darin angeleitet, wie sie ihre Therapie selbständig zuhause ausführen können – auch Menschen mit Migrationshintergrund. Claudia Weiss gibt Auskunft über ihre Zusammenarbeit mit «comprendi?», der Fachstelle für interkulturelles Dolmetschen der Caritas Bern. Interview und Bild: Regula-Sibylle Schweizer
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ie kommt es, dass das Berner Inselspital mit «comprendi?» zusammenarbeitet? Die Dienste von «comprendi?» in Anspruch zu nehmen, entsprang ursprünglich einem Bedürfnis der Pflege. Bis 2004 wurden interne «Insel»-Mitarbeitende oder Angehörige für die Übersetzung in die jeweilige Muttersprache beigezogen. Es kam immer wieder zu Missverständnissen und Rollenkonflikten. Mit dem Angebot von «comprendi?» wurde das Ganze professionalisiert. Was ist das Besondere an einem Beratungsgespräch mit einer Person mit Migrationshintergrund? Das Gespräch findet zu dritt statt, meist ist auch eine angehörige Person mit dabei. Im daraus entstehenden Dreiecksverhältnis mit dem intensiven Rückfragen und Überprüfen zwischen Beraterin, interkultureller Dolmetscherin und der Patientin benötigen wir pro Beratung mit Übersetzung mehr Zeit als sonst. Normalerweise dauert ein Beratungsgespräch eine Dreiviertelstunde und eine Viertelstunde Organisation. Menschen mit Migrationshinter-
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grund kommen aus verschiedenen kulturellen Hintergründen. Ihr Gesundheitsverständnis und was in ihrem eigenen Körper abgeht, kann anders sein. Die Beratungen sind für uns deshalb sehr anspruchsvoll. Andere Stellen im Hilfssystem, wie beispielsweise die Spitex oder ein Sozialdienst, müssen deshalb noch intensiver als sonst involviert werden. Bei Diabetes geht es oft um Feinheiten, die sehr exakt übersetzt werden müssen. Wir beraten und leiten die Leute an, damit sie die Therapie selbständig zuhause ausführen können. Es braucht viel Wissen, damit man die Therapie selbständig und dazu noch richtig machen kann. Die Gefahr ist sonst gross, dass die Patienten und Patientinnen die Therapie nicht wie verordnet umsetzen. Meine Erfahrung ist: Es gibt ein tieferes Verständnis, wenn man etwas in der Muttersprache hört, was einen so verändert oder einschränkt wie eine Erkrankung. Es ist stressabbauend, macht den Kopf frei, wenn etwas übersetzt wird und das Ganze kann besser aufgenommen und damit akzeptiert werden. In den Gesprächen versuchen wir immer, möglichst wenig Fachaus-
drücke oder medizinische Terminologie zu gebrauchen, die Menschen müssen verstehen, worum es geht. In der Beratung mit Migranten und Migrantinnen bedeutet dies, noch einmal einen Schritt zurückzugehen, zu umschreiben, Beispiele anzuführen, nachzufragen, zu wiederholen. Unser Anspruch ist, dass man im Minimum begreift, wie die Therapie durchgeführt werden muss. Welchen Gewinn ziehen Sie als Beraterin aus der Zusammenarbeit mit «comprendi?»? Die Sprache ist unser Arbeitsinstrument. Die Hilfe, die wir von «comprendi?» erhalten, ist deshalb sehr wertvoll und der Gewinn, den wir daraus ziehen, enorm. Wir können durch das bessere Krankheitsverständnis der Betroffenen viel mehr für ihre Gesundheit oder Gesundung bewirken. Es ist zudem ein grosses Privileg, diese Ressourcen von der «Insel» zur Verfügung gestellt zu bekommen und die Sicherheit zu haben, dass unsere Vorgesetzten voll dahinter stehen. Denn das alles bedeutet einen deutlichen zeitlichen Mehraufwand für uns alle.
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Caritas Bern
Claudia Weiss ist Leiterin Diabetesberatung im Inselspital. Sie arbeitet hier seit 20 Jahren in unterschiedlichen Funktionen. Die Diabetesberatung ist mit 200 Stellenprozenten dotiert. Zum Team gehören drei weitere Beraterinnen in Teilzeit.
Erinnern Sie sich an eine Beratung, die Sie speziell beeindruckt hat? Ein eindrückliches Beispiel war eine Frau aus dem Balkan. Ihre Diabetes war völlig entgleist, und man wollte sie richtig einstellen. Sie war mit ihrem Mann hier, was immer von Vorteil ist, denn das Umfeld ist bei der Diabetesbehandlung mitbetroffen. Auf meine Frage, was er alles wissen möchte, entgegnete er, es sei der Stress, dem seine Frau ausgesetzt gewesen sei, der zu dieser Krankheit geführt habe. Sie habe seit Jahren Stress und sei während des Krieges gefoltert worden. Mit diesem Erklärungsmuster konnte ich etwas anfangen und genau dort im Gespräch andocken. Auf welche Probleme stossen Sie in den Beratungsgesprächen mit Migrantinnen und Migranten? Viele Menschen bekunden Mühe,
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wenn man ihnen vorschlägt, eine Dolmetschende beizuziehen. Das scheint für sie wie eine Kränkung zu sein, denn eigentlich möchten sie ja die Sprache beherrschen, man erwartet das auch von ihnen. Und plötzlich sagt dann jemand, es brauche eine Übersetzung. Dann entgegnen wir häufig: «Die Übersetzung ist für uns, denn wir müssen uns sicher sein, dass wir Sie richtig verstehen.» Eine Beratung ist in jedem Fall immer sehr individuell, ob jetzt die Menschen deutscher Muttersprache sind oder einen Migrationshintergrund haben. Es ist immer ein Ertasten, was intellektuell möglich ist, ein Herausfinden, welchen Erfahrungs- und Wissensschatz die Menschen mitbringen. Es ist wichtig, dass wir die Betroffenen von Anfang an über die Bedingungen, den Ablauf und das Ziel des Beratungsgespräches, das
Setting, aufklären. Alles, wirklich alles muss über die Dolmetschende kommen. Nach mehreren Einsätzen kann es vorkommen, dass ein Dolmetscher zu wissen meint, was zu übersetzen ist. Dann hilft es, nochmals zu wiederholen, dass die interkulturell Dolmetschende nicht interpretiert, sondern jede Aussage des Patienten oder der Patientin zu übersetzen hat.
Fakten zu «comprendi?» 2013 waren 277 interkulturell Dolmetschende in rund 45 Sprachen im Einsatz und leisteten über 19 000 Übersetzungsstunden. Das Berner Inselspital bezieht rund 4 800 Stunden jährlich, davon nimmt die Abteilung Endokrinologie/Diabetologie zwischen 200 und 245 Übersetzungsstunden in Anspruch.
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Caritas Bern
Mithat Güzel: «Alt bin ich dann, wenn mein Körper abbaut und ich weniger mobil bin.»
«Ich möchte hier alt werden» Mit Pensionierungskursen bereitet sich Mithat Güzel jetzt schon auf die neue Lebensphase vor. In sechs Jahren ist es so weit. An eine Rückkehr in die Türkei denkt er nicht. Text und Bild: Sibylle Vogt
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ltwerden ist ein interessantes, für mich neues Thema!» So beginnt Mithat Güzel, Jahrgang 1955, unser Gespräch. Mithat Güzel wuchs in einer türkischen Grossstadt auf und kam 1990 als politischer Flüchtling in die Schweiz. Seit 2007 ist er schweizerischtürkischer Doppelbürger. Der studierte Betriebsökonom arbeitet als sozialpädagogischer Mitarbeiter in einer Suchtinstitution in Bern.
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«Ich gehe spazieren und trainiere in einem Fitnesscenter. Diese Aktivitäten möchte ich nach der Pensionierung intensivieren», sagt Mithat Güzel. Und er hat einen Traum: Südamerika bereisen. Konkret sind seine Absichten, sich in Vereinen zu engagieren und Kurse zu belegen. Die deutsche Sprache sei für ihn kein Hindernis. Aber er wisse von jüngeren Bekannten, dass diese aufgrund von Diskriminierungserfahrungen oder Sprachbarrieren
kaum Kurse besuchen. Angebote für alte fremdsprachige Personen müssten deshalb in der Muttersprache und von den eigenen Organisationen organisiert werden, sagt Mithat Güzel. «Doch die wenigen türkischen oder kurdischen Vereine haben das ‹Alter› noch nicht entdeckt.» Mithat Güzels Verwandte leben in der Türkei, das Altwerden seiner Eltern hat er aus der Ferne begleitet. Er hätte gern mehr beigetragen und verbrachte seine Ferien meist bei seiner Familie. «Meine Schwester und ich haben uns abgesprochen, wie wir unsere Eltern betreuen. Da sie damals nicht berufstätig war, konnte sie sich täglich um den Vater – bis zu seinem Tod vor vier Jahren – kümmern.» Die an Parkinson erkrankte Mutter blieb ein weiteres Jahr allein im Haus, bis sich alle drei für einen Heimplatz entschieden. Sie starb nach drei Jahren in einer Geriatrieklinik, in der sie sich schliesslich wohlfühlte. «Sie machte sogar Werbung im Freundeskreis für diese Wohnform.» In städtischen Regionen seien zahlreiche, meist privat geführte Pflegeheime entstanden, auch spitex-ähnliche Organisationen gebe es, erzählt Mithat Güzel. Dennoch würden die ältesten Verwandten grösstenteils von Angehörigen betreut, allenfalls unterstützt von Haushaltshilfen. Mithat Güzel kennt nur wenige alte Türkinnen und Türken in Bern. Kehren die Älteren in die Türkei zurück? «Der grössere Teil meines türkischen Kollegenkreises will nach der Pensionierung zurückkehren. Ich möchte in der Schweiz alt werden. In den letzten 25 Jahren habe ich hier einen Freundeskreis aufgebaut. Ich fühle mich zunehmend fremd in meiner Geburtsstadt.» Mehr zum Thema: Seite 18, Filmmatinée «Eigentlich wollten wir zurückkehren» über das Altwerden in der Fremde.
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Caritas Bern
Überflüssiges verschenken und damit Gutes bewirken! Text und Bild: Regula-Sibylle Schweizer
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er Förderverein der Caritas Bern hat zur Geldbeschaffung für die Caritas Bern eine neue Idee lanciert. Mit dem Projekt «Überflüssiges verschenken und damit Gutes bewirken» hat der Verein im letzten Jahr durch den Verkauf von geschenkten Gegenständen über 2 500 Franken eingenommen. Dieses gute Ergebnis ermutigt den Vorstand zu weiteren Aktivitäten. Auf der Suche nach Material ist der Verein nach wie vor und lässt sich gerne beschenken: beispielsweise mit einem alten Spiegel, der im Estrich verstaubt, oder einem Schmuckstück, das nicht mehr getragen wird. Auch für Meissner Porzellan ist der Förderverein zu begeistern oder für Silberartikel, Uhren, Kronleuchter oder alte Spielsachen. Die Geschenke werden anschliessend in bares Geld umgewandelt, denn sie werden zu den bestmöglichen Preisen verkauft. Das Ganze kommt als Spende vollumfänglich der Caritas Bern zugute.
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Wer etwas zu verschenken hat und damit Gutes bewirken will, wendet sich an folgende Personen des Fördervereins der Caritas Bern: Judith Ackermann, alt Gemeinderätin, Köniz Tel.: 031 849 13 71 Robert Landtwing, Dr. oec. publ., Goldiwil Tel.: 033 442 17 92 Balz Oberle, Gerichtspräsident, Biel Tel.: 079 752 25 34 Robert Sutter, alt Grossrat, Niederbipp Tel.: 079 410 64 77 Anton Zaugg, Präsident Kl. Kirchenrat, Gesamtkirchgemeinde Bern, Tel.: 079 484 41 68
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Ihre Frage an uns
AGENDA
Liebe Caritas, bei uns sind doch vor allem die Ausländer arm. Ist die Armut in der Schweiz nicht einfach nur importierte Armut?
Einführungskurs in die Freiwilligenarbeit
Bettina Fredrich, Leiterin Fachstelle Sozialpolitik bei Caritas Schweiz: «In der Schweiz sind vor allem Niedrigqualifizierte und Alleinerziehende überdurchschnittlich von Armut betroffen. Grund dafür ist einerseits das Verschwinden von Jobangeboten, die nur eine geringe Qualifikation voraussetzen. Andererseits stellt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie insbesondere für Alleinerziehende noch immer eine grosse Herausforderung dar. Oft ist es ihnen nicht möglich, einem Erwerbspensum nachzugehen, welches ihre Existenz sichern würde. Mit der nationalen Herkunft haben diese beiden Phänomene nur am Rande zu tun. Es ist zwar richtig, dass bei den «niedrigqualifizierten Armen» Personen nicht schweizerischer Nationalität stark vertreten sind. Es ist aber auch Tatsache, dass viele der Working Poor, die trotz Arbeit ihre Existenz nicht sichern können, Personen mit Migrationshintergrund sind. Hier stünden die Schweizer Unternehmen in der Pflicht, anständige Löhne zu bezahlen. Für eine nachhaltige Bekämpfung der Armut reicht es nicht, einfach die Grenzen dichtzumachen. Es braucht frühe Förderung, welche die Bildungschancen aller Kinder in diesem Land erhöht, Massnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch für Alleinerziehende, Familienergänzungsleistungen und bessere Arbeitsverhältnisse.»
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Haben Sie auch eine Frage an uns? Gerne beantworten wir diese in der nächsten Ausgabe von «Nachbarn». Senden Sie Ihre Frage per E-Mail an nachbarn@caritas-zuerich.ch.
Bei Caritas Bern können sich interessierte Personen freiwillig engagieren – zum Beispiel im Caritas-Markt als Fahrer oder Fahrerin für die Sammeltouren (abholen von Lebensmittelspenden) oder in der Begleitung anerkannter Flüchtlinge und in zwei Patenschaftsprojekten. Informationen unter: www.caritas-bern.ch/freiwilligenarbeit Der nächste Einführungskurs findet statt: Samstag, 25. 10. 2014, in Bern Auskünfte unter Telefon 031 378 60 33
«Eine Million Sterne» Die Aktion «Eine Million Sterne» feiert dieses Jahr Jubiläum – sie findet bereits zum zehnten Mal statt, und zwar auch in Bern. Es werden Tausende von Kerzen auf öffentlichen Plätzen oder vor Gebäuden angezündet, und zum Jubiläum wartet musikalisch eine Überraschung auf dem Bundesplatz. Zeichen der Solidarität mit Menschen in Not können im ganzen Kantonsgebiet gesetzt werden. Samstag, 13. 12. 2014, 16 bis 20 Uhr, in Bern auf dem Bundesplatz und in weiteren Ortschaften im Kanton
Film über das Altwerden in der Fremde «Eigentlich wollten wir zurückkehren» – die Filmmatinée mit Regisseur Yusuf Yeșilöz findet statt am: Ecopop Kirchen und Hilfswerke im Kanton Bern äussern sich gemeinsam gegen die Ecopop-Initiative und geben dazu einen Flyer heraus. Die Schweiz soll sich am Prozess einer nachhaltigen Entwicklung auf europäischer und weltweiter Ebene beteiligen. Mit ihrem Erfindungsreichtum und eigenem Masshalten kann sie mithelfen, die natürlichen und sozialen Grundlagen zu sichern. Das Schweizer Stimmvolk hat am 30. November über die Vorlage zu entscheiden. Weiteres unter www.caritas.ch/news
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Sonntag, 16. 11. 2014, um 10.30 Uhr, im Kino Krone in Burgdorf (siehe dazu auch den Artikel auf Seite 16, «Ich möchte hier alt werden»)
Detaillierte Informationen zu Veranstaltungen der Caritas Bern finden Sie unter www.caritas-bern.ch/veranstaltungen
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Gedankenstrich
Retos gefährliche Reise
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s war ein hartes Jahr gewesen. Härter noch als die Jahre davor. Es hatte viel geschneit auf der Innerschweizer Alp und die Vorräte für Mensch und Tier waren schnell zur Neige gegangen. Wirklich schlimm waren aber jene bewaffneten Banden aus Söldnern und religiös motivierten Kriegern, die plötzlich auftauchen und Blutbäder anrichten konnten. Geld hatte man nach der grossen Krise kaum mehr. Die Hoffnung auf eine Verbesserung der Umstände schwand von Woche zu Woche. Schliesslich kam der Familienrat überein, dass Reto, der älteste Sohn, die Alp mit dem restlichen Geld verlassen und losziehen sollte. Aber nicht in die Stadt, sondern in ein Land, von dem man hörte, es sei intakt, sicher und menschenfreundlich. Ein Land im fernen Afrika. Reto, jung, gesund und seiner Familie verpflichtet, wollte die Reise auf sich nehmen. Er wollte in Afrika arbeiten, Geld verdienen, es nach Hause schicken und erst dann wieder zurückkehren, wenn sich die Lage in der Schweiz gebessert hatte. Dank Bestechung und mit Glück und Ausdauer schaffte es der Schweizer bis nach Sizilien. Dort fanden er und sein Reisekumpan, ein Junge aus dem Schächental, ei-
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nen Schlepper, der ihnen das letzte Geld abnahm. In einer mondlosen Nacht bestiegen sie einen Kahn, in dem sich schon viele Menschen befanden. Eng aneinander mussten sie vier Tage lang hocken. Schnell waren die Knie und Beine aufgerieben und die Gelenke wurden steif. Das salzige Wasser des Meeres mischte sich mit Urin und Kot und brannte in den Wunden. Ein unerträglicher Gestank legte sich auf die Atemwege. Als einer der Ersten starb der Junge aus dem Schächental, den man über Bord warf. Als die Polizisten den Kahn mit den Europäern an Bord aufbrachten, vegetierten die meisten der Bootsflüchtlinge nur noch vor sich hin. Reto musste in ein Krankenhaus gebracht werden. Als er reisefähig war, wurde er nach Europa abgeschoben. Seine Familie in der Schweiz hat schon lange nichts mehr von Reto gehört.
Paul Steinmann wohnt in Rikon. Nach einem Theologiestudium war er im Theater tätig, zuerst als Schauspieler, dann als Regisseur. Jetzt arbeitet er vor allem als Autor. Er pendelt zwischen Freilichttheater und Kabarett, Musical und Kinderstücken. Aktuelles unter www.paulsteinmann.ch Illustration: Samuel Jordi
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Zum 10. Mal und mit musikalischer Ăœberraschung Samstag, 13. Dezember 2014, von 16 bis 20 Uhr, Bundesplatz Bern
www.caritas-bern.ch Postkonto 30-24794-2