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CARITAS Nr. 4 / September 2026

Magazin Jubiläums-Ausgabe

125 Jahre Einsatz für Menschen in Not Gestern

Heute

Morgen

Seite 8

Seite 4

Seite 22

1901: Wie ein Pater In Armut leben: Janina Das wünschen sich die Caritas formte und Gelaye erzählen junge Menschen


Offener Brief

Liebe Leserin, lieber Leser Es geht mir nahe, wenn es anderen schlecht geht. Denn ich möchte, dass alle in Würde leben und ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Armut liegt meist nicht am Fehlverhalten Einzelner. Sondern an der Welt, die wir aufgebaut haben. Weil wir Ungerechtigkeiten zulassen und Grundwerte nicht mehr hochhalten: Solidarität, Toleranz, gegenseitige Unterstützung. Menschen gern zu haben. Ich sehe viele um mich herum, die sich mit knappem Budget durchringen. Im Alltag hier, in der Schweiz, aber auch auf Reisen. Besonders berührt haben mich Begegnungen bei einem Besuch in Uganda. Dort habe ich hautnah mitbekommen, wie herausfordernd ein Alltag ist, in dem die grundlegenden Bedürfnisse nicht gesichert sind. Täglich ums Überleben zu kämpfen, ist ungeheuer anstrengend – dort wie hier. Während im ­Globalen Süden der Hunger im Fokus steht, ist hier die soziale Isolation besonders beklemmend. Digitalisierung, steigende Lebens- und Gesundheitskosten sowie den Zugang zum Gesundheitssystem erachte ich als grosse Herausforderungen der nächsten Zeit.

«Zum Jubiläum wünsche ich mir, dass Armut kein Tabu-Thema mehr ist.»

Sorge bereitet mir, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet. Dass die Solidarität abnimmt, innerhalb der Gesellschaft genauso wie zwischen den Ländern. Hingegen schöpfe ich Hoffnung aus dem, was ich eben zum Beispiel in Uganda erleben durfte: Die Leute ­haben mir vermittelt, dass selbst auf den längsten Tunnel ein Licht folgt. Ihre Resilienz, ihr Unternehmungsgeist und ihre Lebensfreude haben mich tief beeindruckt. Was ebenfalls Mut macht: dass wir viele sind. Zivilpersonen, Institutionen, soziale Organisationen. Gemeinsam schnüren wir das soziale Netz ­enger, die Lücken sind heute kleiner. Wir von Caritas Schweiz leisten seit­ 125 Jahren einen Beitrag dazu. Zum Jubiläum wünsche ich mir, dass Armut kein Tabu-Thema mehr ist. Dass es genügend Anlaufstellen gibt, um die schwierigen Momente im ­Leben zu überbrücken. Und dass wir gemeinsam eine Welt ohne Armut gestalten können. Vielen Dank, dass Sie sich auch weiterhin mit uns für Menschen in Not ­einsetzen. Herzliche Grüsse

Monika Maire-Hefti Präsidentin Caritas Schweiz

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Bild: Urban Fischer


Inhalt

Vom Helfen zum Verändern

8 Anfänge: Frauen prägten Fürsorge

In ihrer 125-jährigen Geschichte hat sich das Verständnis der Caritas von Hilfe und Armut grundlegend verändert. Aus einer zunächst konfessionell geprägten Hilfe für Menschen in Not entwickelte sich eine Zusammenarbeit mit Menschen vor Ort – auf Augenhöhe, mit lokaler Verantwortung und dem Ziel nachhaltiger Wirkung. Etwa durch Projekte, die den Zugang zu Wasser fördern. Seite 14

Bereits vor und nach der Caritas-Gründung 1901 engagierten sich viele Frauen für Menschen in schwierigen Lebenslagen. Eine davon war Dora Stockmann.

19 Fairtrade: Caritas als Pionierin

Gewusst? Die Caritas gehörte zu den Gründerinnen von Max Havelaar Schweiz. Der Handel mit Fairtrade-Produkten war lange ein Kerngeschäft.

20

I nterview: Joseph Deiss über Armut

Alt Bundesrat Joseph Deiss appelliert an finanzkräftige Kantone, mehr gegen Armut zu unternehmen. IMPRESSUM Das Magazin von Caritas Schweiz erscheint sechsmal im Jahr. Herausgeberin ist Caritas Schweiz, Kommunikation und Fundraising, Adligenswilerstr. 15, Postfach, 6002 Luzern, E-Mail: info@caritas.ch, www.caritas.ch, Tel. +41 41 419 24 19 Redaktion: Bettina Schucan-Birkhäuser (bs), Niels Jost (nj), Livia Leykauf (ll), Anna Haselbach (ah), Daria Jenni (dj), Fabrice Boulé (fb), Tamara Bütler (tb), Stefan Gribi (sg), Vérène Morisod Simonazzi (vm). Das Abonnement kostet fünf Franken pro Jahr und wird einmalig von Ihrer Spende ab­gezogen. Titelbild: Eine Umarmung über ­Generationen hinweg: Eine Frau mit ihrem Urenkel im Süden Indiens in den 1980er Jahren. Bild: Karl Gähwyler Grafik: Urban Fischer Druckerei: Kyburz, Dielsdorf Papier: 100 % Recycling Spendenkonto: IBAN CH69 0900 0000 6000 7000 4 Nachhaltig produziert. Ihre Daten werden bei uns geschützt. Informationen zum Datenschutz von Caritas Schweiz finden Sie unter www.caritas.ch/datenschutz

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Menschen

Mit Nadel und Faden in ein selbstbestimmtes Leben Seit 125 Jahren engagiert sich Caritas Schweiz weltweit gegen Armut. Ein bewährtes Mittel sind einkommensfördernde Massnahmen. Was das bewirkt, zeigt exemplarisch die Geschichte von Gelaye Guta. Allen widrigen Umständen zum Trotz hat die Schneiderin aus Äthiopien ein kleines Unternehmen auf die Füsse gestellt. In Gelaye Gutas Lebenslauf würden unter «besondere Fähigkeiten» Worte wie Resilienz, Mut und Zielstrebigkeit stehen. Bei der 42-jährigen Äthiopierin sind es nicht leere Begriffe auf einem Stück Papier, sondern sie ziehen sich durch ihr gesamtes Berufsleben. Angefangen hat alles 2018 mit einer Nähmaschine. Gelaye Guta wollte ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Sie lieh sich eine Nähmaschine und nahm kleine Aufträge an. Sie war sich sicher, dass sie so den Le-

bensunterhalt für sich und ihre Familie verdienen könnte. Ihre Heimatstadt Wonji – die fast genau im geografischen Herzen Äthiopiens liegt – profitiert vom Zuckerrohr-Anbau, der dem Ort eine gewisse wirtschaftliche Grundlage gibt. Die Corona-Pandemie als Chance erkannt Die Mutter von drei heranwachsenden Kindern kaufte Stoffe und Garne, um gebrauchte Kleidung auszubessern, neue

zu entwerfen und sie dann selbst zu nähen. Dann kam Corona. Für viele Menschen bedeutete die Corona-Pandemie den finanziellen Ruin – nicht so für die 42-Jährige. Sie zögerte nicht lange und nähte statt Kleidern Masken. Die waren so akkurat hergestellt, dass sie einen Auftrag über 5000 Masken erhielt. Mit dem Ertrag konnte sie auch in dieser wirtschaftlich so schwierigen Zeit ihre Familie über die Runden bringen. Während Gelaye noch Masken nähte, entwickelte sie neue Ideen. Sie kam in Kontakt mit Caritas Schweiz. Deren «EnJoy-Programm» in Äthiopien ist ein gutes Beispiel dafür, wie in der Entwicklungszusammenarbeit junge Menschen – besonders Frauen – nachhaltig gestärkt werden können. Solche gezielte Förderung durch die Projekte der Caritas schafft jedes Jahr für Tausende Menschen eine Grundlage, dass sie nicht in Abhängigkeit und Armut leben müssen. Sie erhalten professionelles Coaching und erleichterten Zugang zu Mikrokrediten. Ziel ist es, dass die Teilnehmenden langfristig im Arbeitsmarkt bestehen und ihren Lebensunterhalt eigenständig sichern können.

«Die Wertschätzung der Kundschaft ist mein Geheimrezept für den Erfolg.»

Mit ihrer kleinen Schneiderei kann Gelaye Guta ihre Familie ernähren und den Kindern die Ausbildung finanzieren.

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Dank Mundpropaganda wächst die Kundschaft Gelaye Guta nahm am EnJoy-Programm teil. Mit den Mitarbeiterinnen der Caritas feilte sie an ihrer Geschäftsidee, besuchte Kurse und lernte Grundlagen der Buchhaltung. Ihren Plan einer eigenen Schneiderei hatte sie so überzeugend ausgearbeitet, dass sie damit im Rahmen des Projekts sogar eine Auszeichnung erhielt. Das Preisgeld investierte sie in ihre erste eigene Nähmaschine, sie mietete ein kleines Studio und stellte eine Mitarbeiterin an. «Damit jeder sieht, wem das Atelier gehört, habe ich ‹Gela Fashion› als ­Namen

Bild: Climax Production


Menschen gewählt. Ich bin sehr stolz», sagt die umtriebige Schneiderin. Die bunten Stoffe hängen einladend an der Wand, dank Mundpropaganda wächst die Kundschaft. Ihr Einkommen reicht aus, für die ganze Familie aufzukommen. Neben ihren drei Kindern lebt auch ihre betagte Mutter bei ihr daheim. Die älteste Tochter schliesst gerade ihr Studium ab. Neue Adresse, bewährtes Programm Gelaye Guta ist glücklich – bis sie von einem lokalen Infrastrukturprojekt hört.

Schon bald sollten die kleinen Häuschen abgerissen werden, in denen auch sie ihre Schneiderei hat. Sie sucht nach einer neuen Bleibe und bedient fast ohne Unterbruch ihre Kundinnen und Kunden. Neue Adresse, bewährtes Programm: Gela Fashion für Frauen, Kinder und Männer. Aufgeben war für Guta nie eine Option. Dank Können, Fleiss, Mut und dem Wissen aus dem Caritas-Projekt steht sie heute auf eigenen Füssen. Sie ist wirtschaftlich unabhängig und ermöglicht

ihren Kindern eine gute Ausbildung. So können auch sie selbstständig ihr Leben gestalten. Aber Gelaye Guta wäre nicht Gelaye, wenn sie nicht noch mehr bewirken wollte: Sie teilt ihr Wissen und ihre handwerklichen Fähigkeiten. Sie zeigt ihren Mitarbeiterinnen die besten Kniffe beim Nähen und erklärt ihnen die Grundlagen der Buchhaltung. «Aber genauso wichtig ist die Wertschätzung der Kundschaft. Das ist mein Geheimrezept für den Erfolg.» (ll)

Armut in der Schweiz: «Es kann so schnell gehen» In der Schweiz leben 1,45 Millionen Menschen am Existenzminimum. So auch Janina Tenner, deren Namen hier abgeändert ist. Die 63-jährige Zentralschweizerin schildert aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, in Armut zu leben. «Mein Leben verlief sehr geradlinig: Ich schloss das Gymnasium ab, fand eine Stelle als Kauffrau und arbeitete mich hoch zur Personalleiterin. Mit meinem Mann und Sohn aus erster Ehe lebte ich in einer schönen Attika-Eigentumswohnung. Es fehlte uns an nichts. Doch die Beziehung zu meinem Mann verschlechterte sich. Er trank, war untreu

«Es tut weh, wenn jemand sagt: ‹Stell dich doch nicht so an!›» und übte häusliche Gewalt aus. Diese traumatisierende Dynamik prägte meinen Weg. Seit der Scheidung vor 15 Jahren habe ich mich finanziell nie wieder erholt. Ich war alleinerziehend, rutschte in ein Burnout. Meinen anspruchsvollen Job konnte ich nicht mehr ausüben. Ich hätte es mir gewünscht, aber mein Körper sprach eine andere Sprache. Weil ich für Stellen mit weniger Verantwortung als überqualifiziert galt, leistete ich Gelegenheitsjobs. Wenn man sein ganzes Leben eigenständig ist, fällt es einem sehr schwer, von

anderen abhängig zu sein. Ich fühlte mich oft hilflos, frustriert, hatte Angst. Und es tat weh, wenn jemand sagte: ‹Stell dich doch nicht so an!› Gerade für meinen Sohn hätte ich es mir anders gewünscht. Ich wollte ihm mehr bieten und hoffte lange, es wiedergutmachen zu können. Solche finanziellen und seelischen Krisen können jeden treffen, auf unterschiedliche Weise. Es kann so schnell gehen. Ich selbst hätte nie gedacht, in diese Situation zu geraten. Ohne meinen festen Glauben an Gott und professionelle Unterstützung hätte ich es wohl nicht geschafft, die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten und sie als Chance für Neues zu sehen. Heute lebe ich von einer kleinen Rente und erhalte Ergänzungsleistungen. Im Monat stehen mir etwa 3000 Franken zur Verfügung. Ich suche immer nach Lösungen, um mit dem knappen Geld zurechtzukommen. Die Armut habe ich mir zu einem Projekt gemacht: Beim Sparen etwa bin ich ein echter Profi. Ich achte auf Schnäppchen, gehe auf Flohmärkte oder kaufe online Gebrauchtartikel. Zudem koche ich selber – Frisches ist sowohl günstiger als auch gesünder.

Ich habe gelernt, Freude an kleinen Dingen zu haben, Mini-Erfolge anzuerkennen und mich nicht als Opfer der Umstände zu sehen, sondern als Gestalterin der eigenen Freiheit. Ich nutze etwa Caritas-Gutscheine für Restaurants oder Konzerte. Das tut gut und macht Mut. Auch lebe ich kostenlose Kreativität aus mit Schreiben oder Malen und geniesse die Natur. Von der Gesellschaft wünsche ich mir mehr Menschlichkeit und Verständnis. Dass man sich gegenseitig wertschätzt, egal wer oder wie man ist – es steckt ja immer eine Geschichte dahinter. Und ich wünsche mir, dass man diejenigen nicht vergisst, die es im Leben weniger gut haben.» (nj)

Fällen Sie selbst Budget-Entscheide im «Armutsparcours»: caritas.ch/armutsparcours

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Zahlen und Fakten

Die Welt hat enorme Fortschritte gemacht – aber Armut, Flucht und Ungleichheit bestehen weiter 125 Jahre: Die Welt im Wandel Lebenserwartung in Jahren

Menschen in Armut in %

73,5

65,4

32

Kindersterblichkeit von 1000 Geburten

10,2

8,23

41

32 3,7

1900

2025

Vor 125 Jahren lebten fast zwei Drittel der Menschen in extremer Armut. Heute ist es noch jede zehnte Person, die täglich weniger als 3 US-Dollar zum Leben hat.

Entwicklung der Weltbevölkerung in Mrd.

1900

2025

1900 wurde ein Mensch im Schnitt nur 32 Jahre alt. Heute liegt die weltweite Lebenserwartung mehr als doppelt so hoch, bei über 73 Jahren.

1900

2025

Vor 125 Jahren starben noch rund 41 von 1000 Kindern vor ihrem fünften Geburtstag. Heute sind es weniger als 4 von 1000 – ein Rückgang um über 90 Prozent.

1,65 1900

2025

1900 lebten weltweit rund 1,65 Milliarden Menschen. Heute sind es über 8 Milliarden – die Weltbevölkerung hat sich damit verfünffacht.

Quelle: Our World in Data

Caritas weltweit: Unterstützung, die ankommt Menschen in Not erreichen, Lebensgrundlagen stärken, Perspektiven schaffen: Die internationale Zusammenarbeit von Caritas Schweiz wirkt auf vielfältige Weise.

256 000

540 279 Personen hat Caritas Schweiz 2025 weltweit erreicht.

40 073 Personen konnten 2025 ihr Einkommen mit Caritas Schweiz verbessern.

6

Personen konnte Caritas Schweiz 2025 mit Nothilfe unterstützen.

62 641 Personen nahmen 2025 an Trainings für klimaangepasste Landwirtschaft teil.

Quelle: Caritas Schweiz


Zahlen und Fakten Haushaltsausgaben in der Schweiz

35,3 %

100 %

Tiefe Einkommen, hohe Belastung

Sparen 17,5 %

19.10%

16,3 %

Menschen mit tiefen Einkommen müssen ihr gesamtes Geld für Fixkosten und Grundbedürfnisse aufwenden. Für zusätzliche Aus­gaben bleibt kein Spielraum. Viele dieser Haushalte geben mehr aus, als sie einnehmen. Dies kann zu Verschuldung führen.

Wohnen und Energie, Haushaltsführung

19,1 %

Internet, Telefon, Unterhaltung, anderes

7,2 % 14,1 %

4,3%

Verkehr Gesundheitsausgaben

6,7 % 2,1 % 6,8 % 1,5 % 5,3 %

13,3 %

Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke

2% 8,6 %

Kleidung und Schuhe Übrige Versicherungen, Gebühren

29,2%

32%

Sozialversicherung, Steuern, Krankenkasse

Alle Haushalte

Untere 20 %

0%

Quelle: Bundesamt für Statistik (Haushaltsbudgeterhebung)

31%

117,9

3,9

des Gesamtvermögens

Milliarden Menschen

gehören dem reichsten 1% der Schweizer Bevölkerung. Dieses besitzt im Durchschnitt 800-mal mehr Vermögen als die ärmere Hälfte der Bevölkerung.

leben in Regionen, die stark von der Klimakrise betroffen sind – fast die Hälfte der Welt­bevölkerung. Bis 2030 könnten dadurch bis zu 132 Millionen weitere Menschen in extreme Armut geraten.

Millionen Menschen

sind heute innerhalb oder ausserhalb ihrer Heimatländer auf der Flucht. Ausserhalb ihrer Heimatländer sind heute fast 20-mal so viele Menschen auf der Flucht als noch 1951. Die Statistik der Binnenvertriebenen wird erst seit 1993 erhoben. Seither ist ihre Zahl um mehr als das 16-Fache gestiegen.

Quellen: World Inequality Database, IPCC und Weltbank, UNHCR

Caritas in der Schweiz: Wachsende Unterstützung KulturLegi-Karten

Umsatz Caritas-Markt

Anzahl Karten

Millionen CHF

220 000

18

200  000

16

180  000

14

160  000

12

140  000 120  000

10

100  000

8

80  000

6

60  000

4

40  000

2

20  000 0

2008

2010

2012

2014

2016

2018

2020

2022

2024

0

2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018 2020 2022 2024

Die KulturLegi und der Caritas-Markt konnten ihre Angebote in den vergangenen 20 Jahren stark ausbauen und so ihre Unterstützung für Armutsbetroffene stetig verbessern. Beim Caritas-Markt gab es zwischen 2016 und 2019 eine «Konsolidierungsphase» von 24 auf 21 Märkte.

Quelle: Caritas Schweiz

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Reportage In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg verteilte die Caritas sogenannte «Liebespakete» mit Lebensmitteln und Kleidung.

Von der katholischen Fürsorge zur Stimme gegen Armut Text: Anna Haselbach Bilder: Archiv Caritas Schweiz, Anette Boutellier


Reportage

Bei einer Hilfsaktion nach dem Zweiten Weltkrieg in Mainz verteilten Frauen 980 000 Mahlzeiten an Kinder und alte Menschen.

Seit ihrer Gründung reagiert Caritas Schweiz auf die sozialen Herausforderungen der Zeit. Was als Wunsch begann, christliche Nächstenliebe besser zu organisieren, wurde in 125 Jahren zu einer sozialpolitischen NGO – mit dem Ziel, armutsbetroffene und geflüchtete Menschen wirksam zu unterstützen. Er muss in jeder Hinsicht eine Erscheinung gewesen sein: mit «starker Gesundheit, […] einem lebhaften, rasch arbeitenden, übersprudelnden Geiste und einer feurigen energischen Seele». So beschrieb ein Nachruf in der Zeitung «Vaterland» Rufin Steimer – jenen Kapuzinerpater, der nach deutschem Vorbild auch in der Schweiz eine Caritas eta­blieren wollte. Am 23. September 1901 versammelte sich der schweizerische Katholikenverein im Nidwaldner Dorf Beckenried, und Steimer vertrat Punkt sieben der Traktandenliste: die Gründung eines Verbands zur «planmässigen Förderung der christlichen Nächstenliebe». Steimer, selbst Halbwaise und bekannt als charismatischer Volks-Seelsorger, kannte die Nöte der Menschen. Die Soziale Frage stellte sich immer drängender. Staatliche Strukturen zur sozia-

len Absicherung gab es kaum. Steimer pochte seit Jahren darauf, dass die katholischen Kreise ihr karitatives Engagement besser koordinierten. An diesem Herbsttag stimmte der Katholikenverein endlich zu – der Schweizerische Caritasverband war geboren. Fürsorge, geprägt von Frauen Rufin Steimer war ohne Zweifel die treibende Kraft bei der Gründung der Caritas. Doch ebenso wichtig waren ­ die unzähligen Frauen, die bereits seit den 1850er Jahren in Erziehungsanstalten, Heimen oder Mütterorganisationen die «Nächstenliebe» gelebt hatten. «Auf welcher Seite das Weib steht, da steht der Sieg!», hiess es denn auch an einer ­Caritas-Sitzung 1908. Es waren Frauen, die den Erfolg der ersten eigenen Initiative der ­ Caritas

Pater Rufin Steimer und Dora Stockmann waren treibende Kräfte in den frühen Jahren der Caritas.

massgeblich mitverantworteten. Um dem Pflege-Notstand auf dem Land entgegenzuwirken, regte Steimer 1903 die Gründung einer Schule für Krankenpflegerinnen in Sarnen an. Geführt wurde sie vom Ärztepaar Julian und Berta Stockmann, später von deren Tochter Dora mit ihren Schwestern. Dora Stockmann setzte sich für die eidgenössische Anerkennung der Schule ein und wurde zur Pionierin des Sozialwesens in Obwalden. Sie baute als erste kantonale Fürsorgerin in allen Gemeinden Anlaufstellen für Menschen in finanzieller Not auf und initiierte weitere Beratungsstellen.

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Reportage Gruppe. Die Auswahl der Siedler wurde ungenügend geprüft: Unter den 2446 Beteiligten befanden sich 16 ehemalige Angehörige der Waffen-SS. Zudem wurde die lokale Bevölkerung in Brasilien enteignet. Heute anerkennt die Caritas die Versäumnisse dieser Zeit. Dies verdeutlicht, wie sich das Verständnis von Flüchtlingshilfe im Laufe der Zeit verändert hat. Seit den 70er Jahren und dem Eintreffen von Menschen aus dem Globalen Süden engagiert sich die Caritas für alle Migrierten – unabhängig ihrer Konfession. Heute prägt sie auch die Ausgestaltung der schweizerischen Asylpraxis aktiv mit (siehe Seite 16). Die Betreuung von älteren Personen und Menschen mit Behinderung zählte im Inland zu den Kernanliegen von Caritas Schweiz – dazu gehörten Ausflüge und Ferien-Aufenthalte.

Die Sarner Pflegerinnenschule bildete unter verschiedenen Namen Tausende Pflegerinnen aus, bis sie 2010 in der Spitex Obwalden aufging. Ihre Entstehungsgeschichte zeigt beispielhaft die CaritasArbeit im Sozialwesen bis in die späten 60er Jahre. Gemeinsam mit karitativen

Angebote der Caritas ermöglichen Selbst­ bestimmung und gesellschaftliche Teilhabe. Werken, engagierten Einzelpersonen, Pfarreien und Zweigstellen – darunter heutigen regionalen Caritas-Organisationen – setzte sich die Caritas ein für die Versorgung und Beratung von Kindern und Familien, Arbeitslosen, Menschen mit Behinderung, der Bergbevölkerung, Kranken oder Betroffenen von Naturkatastrophen. Von Anfang an war auch die Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit Teil der Mission der Caritas. Mitarbeitende von Heimen

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und anderen Institutionen wurden fachlich und bis in die 60er Jahre katholischweltanschaulich begleitet. Im Einsatz für Geflüchtete Ab Mitte der 30er Jahre kam der C ­ aritas eine bis heute zentrale Aufgabe zu. Nach Hitlers Machtergreifung flohen immer mehr Menschen in die Schweiz. Die ­Caritas verteilte Lebensmittel und Kleiderpakete, organisierte Unterkünfte oder unterstützte Weiterreisen. Für kriegsbetroffene Kinder und Jugendliche organisierte sie «Erholungs-Aufenthalte» in der Schweiz. 1945 erreichte die Zahl der von der Caritas betreuten Geflüchteten mit ­18 000 Personen einen ersten Höchststand – alle waren sie katholisch. Da die Flüchtlingswerke damals konfessionell ausgerichtet waren, unterstützte die ­Caritas nur «die Ihren». Auch an anderer Stelle entsprach das damalige Handeln nicht heutigen humanitären Grundsätzen: Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Caritas Mitinitiantin eines Aussiedlungsprojekts für sogenannte «Donauschwaben» nach Brasilien. Ziel war der Aufbau einer landwirtschaftlichen Siedlung in einer ethnisch geschlossenen

Moderne Armutsbekämpfung, hin zur Sozialpolitik Generell markierten die 70er Jahre den Beginn einer neuen Ära der Inlandarbeit. Mit dem Erstarken des Neoliberalismus, der Globalisierung und verschiedener Emanzipationsbewegungen wurde die Welt eine andere. Die ab 1991 stark ansteigende Arbeitslosigkeit machte die systemische Dimension von Armut sowie strukturelle Ungleichheiten in der Schweiz sichtbarer. Die Caritas öffnete sich für diese Themen. Statt «barmherziger Hilfe» waren nun Unterstützung auf Augenhöhe und anwaltschaftliches Engagement gefragt. So bot Caritas Schweiz zusammen mit den regionalen Caritas-Organisationen nicht nur Einzelfallhilfe oder Beschäftigungsmöglichkeiten für Arbeitslose. Sie schuf in den 90er Jahren auch neue Angebote zur strukturellen Armutsbekämpfung wie die Caritas-Märkte oder die KulturLegi, welche Selbstbestimmung ermöglichen und fehlende gesellschaftliche Teilhabe als wichtige Dimension von Armut anerkennen. «Caritas kann nicht soziale Not lindern helfen, ohne sich gleichzeitig um die gesellschaftlichen Verhältnisse zu kümmern, die selber für das Entstehen und Andauern dieser Not verantwortlich sind», stand bereits im Jahresbericht 1977. In den 90er Jahren entwickelte sich die Caritas definitiv zur politisch engagierten NGO.


Reportage Es gehört zu den wichtigsten Erfolgen dieser Arbeit, dass Armut in der Schweiz heute weniger als individuelles Versagen oder einfaches «Zu-wenig-Geld-Haben» gesehen wird, sondern als strukturelles und gesellschaftliches Problem.

Die Caritas lud Kinder aus kriegsversehrten Gebieten des Zweiten Weltkriegs unter anderem nach Churwalden zu «Erholungs-Aufenthalten» ein.

Solidarität mit Menschen in Not – damals wie heute 2021 wurde Dora Stockmann in einer nationalen Ausstellung zum 50-Jahr-Jubiläum des Frauenstimmrechts als eine von über 150 mutigen Frauen gewürdigt. Die Matura-Klasse, die sie für die Ausstellung ausgewählt hatte, beschrieb ihr Engagement so: «Wenn mä ä schwierigi Ziit hed und Hilf bruicht, sett ä Alaifstell für Rat und Tat zur Verfüägig staa.» Dieser Gedanke leitet das Wirken von Caritas Schweiz bis heute.

«Im Kleiderladen war Feingefühl gefragt» Kleider sammeln für Menschen in Armut: Das ist seit Jahrzehnten eine Kernaufgabe der Caritas. Im Laden der Kleiderhilfe in Emmen können Armutsbetroffene und Geflüchtete günstig einkaufen. Monica Stocker (64) prägte die Kleiderhilfe während 35 Jahren, davon 18 als Leiterin und Berufsbildnerin. Im April wurde sie pensioniert – und blickt auf bewegende Momente zurück. Monica Stocker, Sie sind ausgebildete Pflegefachfrau. Weshalb wechselten Sie 1990 zur Kleiderhilfe? Das Wohl von Menschen in schwierigen Lebenslagen lag mir immer am Herzen. Doch im Spital blieb wenig Zeit für die Patientinnen und Patienten. Als ich das Stelleninserat der Caritas sah, wusste ich: Das ist meine Berufung. Wie war Ihr Start? Ganz ehrlich? Ich hatte keine Ahnung von Kleidung! Aber ich habe ein gutes

Gespür für Menschen. Damals kamen neben Armutsbetroffenen auch drogenund alkoholkranke Menschen zu uns. Das erforderte Feingefühl, etwa wenn jemand im Rausch den Laden betrat. Welche Begegnung hat Sie besonders bewegt? Zu einem drogenkranken Mann hatte ich eine enge Bindung. Er war aus gutem Hause und kam mit 16 erstmals zu uns. Heute ist er 43. Ich habe seine Entzüge, Rückfälle und Klinikaufenthalte miterlebt. Ich nahm mir immer Zeit, ihn zu beraten. Auch an eine Mutter mit drei Mädchen kann ich mich gut erinnern. Sie kaufte sehr gezielt ein. Als das Geld für ein T-Shirt für 6 Franken nicht mehr reichte, holte die jüngste Tochter ihr eigenes Münz hervor. Da sagte ich: «Stopp, das bezahle ich!» Die Caritas kleidet auch für die Winterhilfe Menschen mit knappem

Budget ein. Es heisst, der PaketService sei ihr «Baby». Weshalb? Früher kamen via Winterhilfe armutsbetroffene Menschen aus der ganzen Schweiz zu uns. Mein damaliger Chef Hugo Fuchs und ich hielten das für umständlich. Nebenbei fragte ich, wieso wir die Kleider den Leuten nicht direkt nach Hause schicken. Kurz darauf ging das erste Päckli an zwei Mädchen nach Basel. Heute verschickt die Kleiderhilfe zu Spitzenzeiten 30 Pakete pro Tag in die ganze Schweiz. (nj)

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Brennpunkt Menschen Zeitstrahl

1901

1983

Beginn des Zweiten Weltkriegs Im Zweiten Weltkrieg wird die Unterstützung katholischer Geflüchteter in der Schweiz zu einer zentralen Aufgabe der C ­ aritas. Im Frühjahr 1945 erreicht sie mit 18 000 betreuten Menschen mehr denn je zuvor. Das damalige Engagement ist der Ausgangspunkt für die heutige Arbeit der Caritas im Asylbereich.

1967

1939

Was seit der Gründung von Caritas Schweiz geschah

Hungersnot in Äthiopien

Biafra-Hilfe Die Hungersnot in Biafra löst eine gross angelegte Hilfsaktion aus und verändert die internationale Tätigkeit der ­Caritas grundlegend.

Gründung des Schweizerischen Caritasverbands

Die erste Geschäftsstelle

Hungersnot in Indien

Die Not während des Ersten Weltkriegs verlangt nach mehr Koordination. 1919 entsteht mit der C ­ aritas-Zentrale in Luzern die erste Geschäftsstelle. Trotz Geld- und Personalmangel organisiert die ­Caritas Hilfe im In- und Ausland. Einen Fokus richtet sie auf Unterstützung für Kinder. Ausserdem legt sie die Basis für regionale Sektionen.

1965/66 leistet die Caritas erstmals in grossem Umfang Hilfe im Ausland. Die 1960 gegründete Abteilung für Not- und Katastrophenhilfe liefert gemeinsam mit dem Fastenopfer Lebensmittel und Medikamente nach Indien. Zugleich entstehen Bewässerungs- und Landwirtschaftsprojekte.

Aufnahme der Caritas-Bergeinsätze Nach schweren Unwettern im Kanton Uri organisiert die Caritas 1977 einen Einsatz mit über 1000 Helferinnen und Helfern für die Menschen in den betroffenen Bergregionen. Daraus entsteht mit dem Caritas-Bergeinsatz ein dauerhaftes Angebot. Heute vermittelt Caritas Schweiz jedes Jahr mehrere hundert Freiwillige, die Bergbauernfamilien in ihrem arbeitsintensiven Alltag unterstützen.

1977

1965

1919

Hier eines der ersten Logos von 1937.

Während der Hungersnot in Äthiopien beteiligt sich die C ­ aritas 1983/84 nicht nur an der Lebensmittelhilfe. Gemeinsam mit der Bevölkerung entstehen Projekte zum Schutz von Wasser und Böden. Damit ist ein wichtiger Schritt hin zu einer nachhaltigen Entwicklungszusammenarbeit getan. Sie prägt ­Caritas Schweiz bis heute.

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Bilder: Karl Gähwyler, Bild: Archiv Fabio Medina Caritas Schweiz Ramirez


Gründung der KulturLegi 1996 entsteht die KulturLegi in Zürich aus einer Initiative der IG Sozialhilfe: Menschen mit knappem Budget erhalten mit einem persönlichen Ausweis vergünstigten Zugang zu Angeboten in den Bereichen Kultur, Sport, Bildung und Gesundheit. ­Caritas Zürich unterstützt das Projekt bereits in der Aufbauphase, weitere regionale Caritas-Organisationen folgen. 2008 wird KulturLegi Schweiz der Caritas gegründet. So entwickelt sich aus der lokalen Idee ein landesweites Angebot mit heute über 200 000 Nutzenden und 4300 Angeboten.

© Post CH Netz AG

2022

2026

1996

Zeitstrahl Am Puls

Jubiläums-Briefmarke Krieg in der Ukraine Der landesweite Krieg in der Ukraine löst in der Schweiz enorme Bestürzung und eine Welle grosser Solidarität aus. In der Anfangszeit vermittelt die Caritas Geflüchtete an rund 2000 Gastfamilien und unterstützt ihre Integration. In der Ukraine selbst setzt Caritas Schweiz gemeinsam mit lokalen Organisationen Projekte im ganzen Land um.

Zum 125-Jahr-Jubiläum von ­Caritas Schweiz lanciert die Post eine neue Briefmarke. Gestaltet hat sie Ursina Roffler. Die Marke ist zu bestellen unter: postshop.ch/caritas

Tsunami im Indischen Ozean Am 26. Dezember 2004 verwüstet ein Tsunami Länder rund um den Indischen Ozean. C ­ aritas Schweiz reagiert sofort und unterstützt nach Kräften in Sri Lanka, Indonesien, Indien und Thailand. Insgesamt setzt sie 92,6 Millionen Franken ein, unterstützt 422 000 Menschen und baut 3914 Häuser. Bergsturz von Blatten

2004

Das Engagement im ehemaligen Jugoslawien nimmt in den 1990er Jahren einen wichtigen Stellenwert für die Caritas ein. Die Organisation leistet Nothilfe in den betroffenen Gebieten und unterstützt Geflüchtete in der Schweiz sowie in Flüchtlingslagern vor Ort. Nach Kriegsende beteiligt sie sich am Wiederaufbau, unter anderem durch den Bau neuer Häuser.

Bild: John Bilder: SigiKalapo Tischler, Caritas Spes, Keystone, Archiv Caritas Schweiz, zVg

2025 verschüttet ein Bergsturz grosse Teile des Dorfes Blatten. Caritas Schweiz hilft von Beginn an: Alle Einwohnerinnen und Einwohner erhalten 2000 Franken Soforthilfe. Danach folgen Überbrückungshilfen und Beiträge an ungedeckte Kosten. Die Unterstützung dauert weiter an. (tb)

2025

1991

Krieg im ehemaligen Jugoslawien

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Internationale Zusammenarbeit

Bild links: Die Not in Biafra war gross. Damals wurden die Menschen oft als Gruppe Hilfsbedürftiger dargestellt. Bild rechts: Eine Bolivianerin freut sich über den neuen Zugang zu Wasser: Heute achtet man darauf, Unterstützung individueller abzustimmen auf die Bedürfnisse vor Ort.

Wie der Hunger ins Schweizer Bewusstsein kam Es waren Bilder von grossen Hungersnöten, die der Schweizer Öffentlichkeit vor über 50 Jahren die weltweiten Ungerechtigkeiten vor Augen führten. Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie diese Krisen den Beginn der Auslandhilfe prägten. Sie führten auch dazu, dass sich die Caritas entwicklungspolitisch zu engagieren begann. «Benötige dringend sehr grosse Mengen Serum zur Verhütung einer sich anbahnenden Masernepidemie. Bitte um sofortige Rückmeldung, wie viele Einheiten momentan verfügbar sind.» So funkte ein Caritas-Katastrophenhelfer im November

Für eine Welt ohne Hunger braucht es Geld – aber auch ein Umdenken und politische Massnahmen. 1968 aus dem Krisengebiet von Biafra. Die Szene aus der Sendung «Rundschau» des Schweizer Fernsehens illustriert, wie damals humanitäre Hilfe organisiert werden musste. Biafra: Meilenstein und Krise für die Caritas Fabian Saner, Historiker und Leiter der Fachstelle Bildung bei Caritas Schweiz,

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hat sich mit der Geschichte des AuslandEngagements der Caritas vertieft befasst. «Die Hilfsaktion für Biafra in Nigeria war für die Schweizer Caritas Meilenstein und Krise zugleich», stellt er fest. Biafra war vom nigerianischen Militär abgeschnürt worden. Daher flogen zwischen 1967 und 1970 kirchliche Organisationen tonnenweise Hilfsgüter nach Biafra. Dies rettete Hunderttausende von Menschen vor dem Tod. Die umfangreiche und komplexe Hilfe war eine neue Dimension für die Auslandarbeit der Caritas. Bis dahin beschränkte sich diese vor allem auf Wiederaufbauhilfe und Unterstützung von katholischen Vertriebenen im kriegszerstörten Europa. Biafra brachte die bisherige Organisationsstruktur an ihre Grenzen und machte eine Professionalisierung des internationalen Engagements unumgänglich. Fotos aus einer ungerechten Welt Karl Gähwyler war einer der wenigen Fotografen, die nach Biafra reisen konn-

ten. Seine eindrücklichen Bilder, die er im Auftrag von Caritas Schweiz für ihre Spendenaufrufe, aber auch für Schweizer Medien zurückbrachte, prägten die Wahrnehmung dieser Hungersnot mit. «Biafra wurde geradezu zum Synonym für ‹Hunger›», sagt Fabian Saner. Fotograf Gähwyler dokumentierte auch die grossen humanitären Krisen der 70er Jahre in Äthiopien oder in Bang­ ladesch. In jenem Jahrzehnt wuchs die Ausland-Abteilung der Caritas stark an. Sie startete über 100 Projekte in Lateinamerika, Asien und Afrika. Der Schwerpunkt verschob sich von der Katastrophenhilfe zur längerfristig ausgelegten «Entwicklungshilfe» in Zusammenarbeit mit lokalen Partnerorganisationen, etwa mit Projekten zur Förderung von Frauen oder im Bereich der Gesundheit. Hunger entsteht auch durch Ungleichheit Die 1970er Jahre waren nicht nur eine Zeit der grossen Hungerkrisen. Es wuchs auch das Bewusstsein in der Schweizer Bevölkerung, dass die reichen Länder des Nordens eine Mitverantwortung für die eklatante Ungleichheit haben. ­Caritas Schweiz öffnete sich für

Bilder: Karl Gähwyler


Internationale Zusammenarbeit ­entwicklungspolitische Fragestellungen. «Für eine Welt ohne Hunger braucht es mehr als Geld und Spendenbereitschaft – es braucht ein Umdenken auch bei uns, und es braucht Massnahmen auf politischer Ebene», heisst es in einer CaritasPublikation aus jener Zeit.

Der Schwerpunkt verschob sich von der Katastrophenhilfe zur längerfristig ausgelegten Entwicklungszusammenarbeit. In der Folge engagierte sich die Caritas massgeblich für die Petition «Entwicklung braucht Entschuldung». Diese forderte erfolgreich, dass der Bundesrat zum 700-Jahr-Jubiläum der Schweiz 1991 einen Entschuldungsfonds für Länder des Globalen Südens einrichtet. Schweiz muss Verantwortung übernehmen Der Balkankrieg und der umfangreiche Wiederaufbau zerstörter Häuser, der Tsunami in Südasien vom Dezember 2004, das Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 und der Bürgerkrieg in Syrien sind Beispiele

Im Geflüchteten-Lager Kukës in Albanien findet eine kosovarische Mutter einen Moment der Ruhe mit ihrem Baby.

von Krisen und Katastrophen, in denen sich die Caritas mit Nothilfe, Wiederaufbau und der Schaffung von neuen Lebensgrundlagen einsetzte. Mit dem Beitritt zu Alliance Sud 1992 verstärkte Caritas Schweiz ihr entwicklungspolitisches Engagement. Heute steht die internationale Zusammenarbeit im politischen Gegenwind. Die Caritas ist aber überzeugt, dass die

Schweiz weiterhin Verantwortung trägt, die globalen Ungerechtigkeiten zu bekämpfen und auch ihre eigene Rolle zu hinterfragen. (sg)

Weitere Informationen zum internationalen Engagement der Caritas seit 1945 sowie zur Sozialpolitik finden Sie unter: caritas.ch/jubilaeum

Sozialpolitik: Weil Armut kein individuelles Versagen ist «Die Zahl der Armutsbetroffenen in der Schweiz beläuft sich gemäss einer neuen Schätzung der Caritas auf rund eine Million Menschen.» Obwohl vorsichtig formuliert, schlug ein Mediencommuniqué der Caritas im Jahr 2005 hohe Wellen. Kurz darauf erfolgte ein Antrag aus dem Parlament an den Bundesrat, eine nationale Strategie gegen Armut und einen Aktionsplan umzusetzen. Die später vom Bund veröffentlichten Berichte bestätigten, dass Armut ein ernstzunehmendes Ausmass einnimmt. Die Caritas hatte schon zuvor die Armutsdebatte in der Schweiz stark mit-

Bild: Sigi Tischler

geprägt. 1998 rückte ihr Positionspapier «Trotz Einkommen kein Auskommen» das Problem der Working Poor in die öffentliche Wahrnehmung. Kurz darauf erschien der erste Sozialalmanach. Dieses Jahrbuch zur sozialen Lage der Schweiz bringt bis heute brennende Fragen rund um Armut und Ungleichheit in die öffentliche Diskussion ein. Eine zentrale Botschaft ist geblieben: Armut kann nicht als ein individuelles Versagen der Betroffenen abgestempelt werden. Sie hat gesellschaftliche und strukturelle Gründe. Und ihre Auswirkungen gehen weit über das Finanzielle hinaus. Daher engagiert

sich Caritas Schweiz nicht nur direkt für armutserfahrene Menschen – etwa durch Beratung oder mit dem CaritasMarkt –, sondern stösst auch regelmässig politische Reformen an. Die Corona-Pandemie brachte die Verwundbarkeit breiter Bevölkerungsschichten deutlicher zum Vorschein als je zuvor. Die Caritas reagierte mit Direkthilfe für Betroffene. Es war die bisher grösste Inlandaktion ihrer Geschichte. Caritas Schweiz macht sich weiterhin für eine präventive, konsequent auf Armutsbekämpfung ausgerichtete Sozialpolitik stark. (sg)

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Schweiz

Armutsbekämpfung wandelt sich hierzulande Asyl menschenwürdig gestalten Die Caritas engagiert sich seit dem Ersten Weltkrieg für Geflüchtete. Während des Zweiten Weltkriegs verteilte sie in Nachbarländern sogenannte «Liebesgaben-Pakete» – und zwar nur an Katholikinnen und Katholiken. Erst recht problematisch war aus heutiger Sicht eine Aktion, mit der sie die Auswanderung deutschstämmiger Geflüchteter aus dem Balkan nach Brasilien förderte. Vom Hilfspaket zur Integration Später unterstützte die Caritas Schutzsuchende aus kommunistischen Regimen (Ungarn, Tibet, Tschechoslowakei, Vietnam) sowie in den 1980er und 90er Jahren Menschen auf der Flucht aus der Türkei, Sri Lanka und Ex-Jugoslawien. Erstmals rückte die soziale Integration in den Fokus. Die Caritas setzte sich für faire Verfahren ein und betreute um 1990 rund ein Sechstel aller Asylsuchenden in der Schweiz. Je nach Migrationslage öffneten und schlossen Asylzentren. Mit der Reform von 2019 wurden das beschleunigte Verfahren und die kostenlose Rechtsvertretung eingeführt. Letztere übernahm Caritas Schweiz in der Romandie; im Tessin und in der Zentralschweiz teilte sie sich diese Aufgabe mit SOS Ticino. Das Engagement setzt die Caritas auch in aktuellen Krisen wie dem Krieg in der Ukraine fort. Sie begleitet jene mit Menschlichkeit, die das Leben zur Flucht gezwungen hat. (vm)

Ein Markt gegen Armut Am Anfang stand eine so simple wie überzeugende Idee: überschüssige Lebensmittel der Grossverteiler an armutsbetroffene Menschen zu vermitteln. Bevor ­Caritas Basel 1992 den ersten Caritas-Markt – noch unter dem Namen «Carisatt» – öffnen konnte, war Überzeugungsarbeit bei den Detailhändlern nötig. Aber bald durften die Caritas-Mitarbeitenden regelmässig Waren abholen, Brot bei der ­Bäckerin, Gemüse beim Grossisten. Der Basler Markt übertraf rasch die Umsatzziele, weitere regionale Caritas-Organisationen öffneten Märkte. Selbstbestimmt einkaufen Mitte der 2000er Jahre war die Nachfrage mit gespendeten Produkten nicht mehr zu decken. Einige regionale Caritas-Organisationen und Caritas Schweiz schlossen sich zur Genossenschaft Caritas-Markt zusammen. Diese begann, Produkte dazuzukaufen. Ab da war ein ausgewogenes Grundsortiment gesichert. Von Anfang an gaben die Caritas-Märkte die Waren bewusst stark vergünstigt ab, aber nicht gratis. So ermöglichen sie beim Bezug Menschenwürde und Handlungsspielraum – wichtige Aspekte zeitgemässer Armutsbekämpfung. Die inzwischen 22 Caritas-Märkte schweizweit bieten über den Detailhandel hinaus auch soziale Begleitung und berufliche Integration. (ah)

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Bilder: Karl Gähwyler, Archiv Caritas Schweiz


Impressionen Bild links: Eine Nonne zeigt im Libanon, welche Narben der Krieg an Gebäuden hinterlässt. Bild rechts: In Sierra Leone präsentieren Frauen Tontöpfe, die sie 1993 ohne Drehscheibe geformt haben und auf einem selbst gegründeten Markt verkaufen.

Bild oben: Bei einer Dürre verloren viele Reisbauern in Bangladesch ihre Zugtiere – mit Kleintraktoren können sie ihre Felder weiterhin bestellen. Bild rechts: Kurdische Kinder flohen 1992 mit ihren Familien aus dem Irak vor dem Regime von Saddam Hussein.

Bilder: Karl Gähwyler

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Impressionen

Einkommensförderung, Wasser-Zugang, Bildung und Pflege stehen heute im Zentrum für Caritas Schweiz. Ebenso eine solidarische Entwicklungs- und Sozialpolitik.

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Bilder: Fabian Biasio, Hasan Belal, Kenyi Moses, Nicolas Honoré, Bambang Febriandi Wibowo


Internationale Zusammenarbeit

Armutsbekämpfung wandelt sich weltweit Ein Dach, ein Neuanfang Als in den 1990er Jahren der Krieg nach Europa kam, begann Caritas Schweiz das grösste Wiederaufbau-Programm ihrer Geschichte. Zwischen 1995 und 2010 baute sie in über 200 Dörfern in Bosnien und im Kosovo 8600 Häuser und Wohnungen sowie Strom- und Wasserinfrastruktur wieder auf. Die Menschen sollten in ein sicheres Zuhause zurückkehren und in Würde einen Neustart wagen können. Der Ansatz «Ein Dach über dem Kopf», 1991 bereits im Nordirak angewendet, wurde zum Markenzeichen der Caritas-Katastrophenhilfe. Er kam auch nach Naturkatastrophen wie dem Tsunami in Südostasien zum Einsatz. Selbst Hand anlegen Vor Ort verankerte Partnerorganisationen setzten die Projekte mit viel Engagement und lokalem Know-how um. Die Besitzerinnen und Besitzer der Häuser beteiligten sich aktiv an den Bauarbeiten. So konnten sie mitgestalten und waren ihren neuen Häusern von Anfang an verbunden. Auch über den Wiederaufbau hinaus liess die Caritas die Menschen nicht allein: Etwa im Landwirtschaftssektor schuf sie Einkommensmöglichkeiten. Bis heute zeichnen Nachhaltigkeit sowie die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern und Projektteilnehmenden auf Augenhöhe das humanitäre Engagement der Caritas aus. (ah)

Mit Honig zur Fairtrade-Pionierin «Dass es viele ‹unserer› Produzentinnen und Produzenten immer noch gibt – das ist für mich der schönste Erfolg!» Dies ist Monica Hagens Fazit zum Fairtrade-­ Handel von Caritas Schweiz. Hagen war von 1978 bis 2013 zuständig für diesen Bereich, der seine Anfänge in Guatemala hat: 1976 gab es dort ein verheerendes Erdbeben. Beim Wiederaufbau hat die Caritas Honig-Produzenten unterstützt. «Da haben wir gemerkt: Sie müssen den Honig zu gerechtem Preis verkaufen können.» So hat Caritas Schweiz Honig als erstes Fairtrade-Produkt gehandelt, teils in farbenfrohen Tassen. Ebenfalls in den 1970er Jahren unterstützte sie die faire Produktion von Jute-Taschen in Bangladesch. Dank ihr konnten Kriegswitwen ein ­eigenes Einkommen erzielen. Mehr Gleichheit dank Handel Der faire Handel der Caritas etablierte sich – im Sortiment waren bald auch ­Kaffee, Kunsthandwerk, Schmuck. Beliefert wurden Weltläden in der ganzen Schweiz. 1992 gehörte die Caritas überdies zu den Gründerinnen der Stiftung Max H ­ avelaar Schweiz. Die Caritas spezialisierte sich zunehmend auf Mode, unter der Marke Unica betrieb sie vier Läden. Um Doppelspurigkeit zu verhindern, übergab sie den Fairtrade-Handel per 2013 an claro. (bs)

Bilder: Archiv Caritas Schweiz

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Begegnung

«Unser Wohlstand verpflichtet zu Solidarität» Joseph Deiss führte die Schweiz 2002 in die Vereinten Nationen. Im Interview zeigt sich der frühere Aussenminister beunruhigt über die Kürzungen bei der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Und er zeigt auf, wo er beim Kampf gegen Armut in der Schweiz ansetzen würde.

Joseph Deiss, Caritas Schweiz wird 125 Jahre alt. Wie beurteilen Sie ihr Wirken? Lange bevor Artikel 12 im Jahr 2000 mit der Totalrevision unserer Verfassung in Kraft trat und dem Staat einen konkreten Auftrag erteilte, kämpfte Caritas Schweiz für Solidarität und sozialen Ausgleich. Damit nahm die Caritas beim Aufbau unseres Sozialsystems und unserer humanitären Tradition materiell wie politisch eine Vorreiterrolle ein.

«Caritas nimmt eine Vorreiterrolle ein beim Aufbau des Sozialsystems.»

Der frühere Aussenminister Joseph Deiss sagt, die Schweiz dürfe sich nicht zurückziehen, sondern müsse ihre Verant­wortung als humanitäre und solidarische Kraft wahrnehmen.

«Wer in Not gerät und nicht in der Lage ist, für sich zu sorgen, hat Anspruch auf Hilfe und Betreuung und auf die Mittel, die für ein menschenwürdiges Dasein unerlässlich sind.» Bundesverfassung, Artikel 12

«Was dieses Grundrecht in unserer Verfassung so stark macht, ist seine Tragweite. Es gilt für jede Person, unabhängig von Nationalität, Geschlecht, Hautfarbe oder einem anderen diskriminierenden Kriterium. Es begründet einen Rechtsanspruch auf Hilfe in Notlagen und unterstreicht die Pflicht des Staates, die Schwächsten unserer Gesellschaft zu schützen.

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Dieser Leitgedanke konkretisiert für mich das Gebot der Solidarität und der Offenheit gegenüber der Welt, das die Präambel unserer Verfassung hochhält. Daran orientiert sich auch das soziale Wirken der Caritas.» Alt Bundesrat Joseph Deiss

Welche Rolle spielen Organisationen wie die Caritas heute, in einer Welt, die von vielen Krisen geprägt ist? Die weltweite Dekolonisierung, der Aufbau der multilateralen Hilfe und der globale wirtschaftliche Fortschritt haben die Formen der Solidarität von Grund auf verändert. In der UNO hat man die unverzichtbare Rolle der Zivilgesellschaft anerkannt: Humanitäre Organisationen schlagen Alarm oder übernehmen Aufgaben, die staatliche Akteure nicht erfüllen können. Lokale NGO-Netzwerke sind unersetzlich geworden – vorausgesetzt, sie bewahren ihre Unabhängigkeit und ihren nichtstaatlichen Charakter. Die Caritas ist in zahlreichen Krisengebieten tätig. Wie müsste sich die Schweizer Aussenpolitik entwickeln, um humanitäre Akteure vor Ort und die betroffene Bevölkerung besser zu unterstützen? Unser Land hat eine doppelte Berufung: Einerseits eine moralische, durch unser Bekenntnis zum humanitären Völkerrecht. Als Depositarstaat der Genfer Konventionen und als Sitz des UNO-Menschenrechtsrats tragen wir eine zentrale Verantwortung. Andererseits eine materielle – begründet durch unseren Wohlstand, der uns zu internationaler Solidarität verpflichtet. Ohne Selbstgefälligkeit darf man

Bild: zVg


Begegnung festhalten, dass sich das Schweizer Volk hier immer wieder grosszügig zeigte. Genauso deutlich zu benennen ist aber die Halbherzigkeit, die sich im Parlament, der Regierung und selbst in der Bevölkerung breitgemacht hat, wenn es darum geht, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit deutlich zu verurteilen und wenn es um die Mittel für unser Engagement vor Ort geht.

«Die Schweiz agiert halbherzig, wenn es darum geht, Kriegsverbrechen zu benennen.» Sie waren die treibende Kraft hinter dem UNO-Beitritt, dem das Volk 2002 zugestimmt hat. In den letzten Jahren hat die Schweiz ihre Zahlungen an die UNO und an andere multilaterale Organisationen stark gekürzt. Kündigt sie dem Globalen Süden die Solidarität auf? So weit würde ich nicht gehen. Der Beitritt zu den Vereinten Nationen hat uns mehr Souveränität, Glaubwürdigkeit und Solidarität gebracht. Bewiesen haben wir das mit unserem Sitz im Sicherheitsrat, und wir gehören nach wie vor zu den 18 grössten Beitragszahlern – erst noch zu jenen, die pünktlich zahlen. Beunruhigend ist etwas anderes: Die öffentliche Entwicklungshilfe droht zur Stellschraube zu werden, an der die Hüter der Budgetdisziplin als Erstes drehen. Mit 0,46 Prozent des Bruttonationaleinkommens im Jahr 2025 sind wir weit von den 0,7 Prozent entfernt, die wir uns nach der UNOVorgabe zum Ziel gesetzt haben.

Wirtschaftsprofessor Joseph Deiss wurde 1999 für die CVP in den Bundesrat gewählt. Als Vorsteher des Departements für auswärtige Angelegenheiten vertrat er 2002 die Vorlage zum UNO-Beitritt, die das Volk annahm. 2003 wurde er Wirtschaftsminister. 2004 war er Bundespräsident, und von 2010 bis 2011 präsidierte er die UNO-Generalversammlung.

Bild: Ayaana Publishing

«Lokale NGO-Netzwerke sind unersetzlich», sagt alt Bundesrat Joseph Deiss. Dank dem Caritas-Netzwerk nehmen diese jungen Kambodschaner an einem Bildungsprojekt teil.

Die Schere zwischen Reich und Arm geht in der Schweiz weiter auf, der Mittelstand rutscht ab. Gefährdet das den gesellschaftlichen Zusammenhalt? Das Schweizer System des sozialen Ausgleichs ist solide. 2022 floss über ein Viertel des BIP in die soziale Sicherheit, 1990 war es erst ein Sechstel. In vielen Bereichen hat sich die Lage spürbar verbessert, etwa bei älteren Menschen. Schwierig ist es heute häufiger für Menschen im Erwerbsalter, bei denen die Auffangnetze nicht immer greifen. Sie sind Ökonom und waren auch Wirtschaftsminister: Wie kommt es, dass ein so wohlhabendes Land wie die Schweiz über 700 000 Armuts­ betroffene zählt? Für die Schwächsten wird viel getan, und die aufgewendeten Mittel sind beträchtlich. 2025 etwa erhielten 2,5 Millionen Krankenversicherte Prämienverbilligungen, das entspricht 28 Prozent. Am Geld allein liegt es also nicht. Wer helfen will, kommt mit blosser Umverteilung nicht weiter. Sie verschafft momentane Erleichterung und federt die Verarmung

ab, verstärkt durch das GiesskannenPrinzip aber oft die Unterschiede. Neben finanzieller Unterstützung braucht es auch Massnahmen, die Menschen befähigen, wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen. Die Caritas kritisiert fehlenden politischen Willen im Kampf gegen Armut, in der Schweiz und weltweit. Teilen Sie diese Einschätzung? Die genannten Zahlen zeigen, welch grosse Solidarität unsere Bevölkerung lebt. Das muss auch gesagt werden. Dennoch bestehen weiterhin Herausforderungen: Der bereits erwähnte Artikel 12 der Verfassung wird nicht konsequent umgesetzt. In einem so reichen Land wie dem unseren darf es nicht sein, dass private Initiativen Lebensmittel verteilen müssen. Das gilt insbesondere für finanzkräftige Kantone, deren Mittel genügen würden, um solche Nothilfe überflüssig zu machen. Ich will trotzdem daran glauben, dass die Grosszügigkeit des Volkes, auf die unser Land so stolz ist und die von der Caritas verkörpert wird, bestehen bleibt und dem Populismus ­standhält. (fb)

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Das wünschen sich junge Menschen für die Zukunft wenn wir offener «Ich fände es schön, e Menschen zueinander wären. All fair behandelt d sollen gleich sein un n ist. Für werden, egal, wer ma r Frieden, offenere 2050 wünsche ich mi n überall Grenzen und dass ma it leben kann.» rhe auf der Welt in Siche Bereket (18), Luzern

«Ich wünsche mir, dass es uns bis 20 50 gelingt, eine Welt zu scha ffen, in der man ni ch t mehr das Glück haben mus s, am ‹richtigen› Or t geboren zu werden, um ein erfülltes, chance ngerechtes und zukunftsfähi ges Leben führen zu können.» Julia (21), Sarnen

«Ich hoffe auf eine bessere Welt, in der Bildung auch entlegene Gebiete erreicht. Dann können sich junge Menschen für ihre Heimat einsetzen, die Gesellschaft mitge­stalten, Armut bekämpfen und irreguläre Migration verhindern.»

2050 haben wir eine menschlichere Welt, in der Herkunft nicht über die Zukunft entscheidet. Alle haben gleiche Chancen auf Bildung, Gesundheit und ein selbstbe­stimmtes Leben. Mit mehr Mitge fühl statt Vorurteilen, mehr Offenheit statt Ausgrenzun g.» Sasha (18), Wikon

Bunthoeun (20), Kambodscha

t 50 überall Frieden gib «Ich hoffe, dass es 20 n de er überwun und Armut sowie Hung , h so weiterentwickeln sic ll sind. Technologie so ­ en dient, die Lebens dass sie den Mensch d eine nachhaltigere qualität verbessert un fft.» Zukunft für alle scha Reine (19), Libanon

«Wenn ich an 2050 denke, wün sche ich mir, dass al le Menschen gleiche Chan cen auf Bildung und Gesundheit haben – egal , wie viel sie verdienen, o b sie reich oder arm si nd. Und das s sich alle Ges ellschaftsgruppen gle ichermasse n wohlfühlen können.» Manuel (27),

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«Ich wünsche mir eine Welt, in der alle die gleichen Rechte und Chancen haben, unabhängig von Herkunft oder Geld. Wer Unterstützung braucht, soll sie bekommen. Wenn wir zusammenhalten und Konflikte friedlich lösen, hat Armut keine Zukunft.» Omar (18), Zürich

«Ich wünsche mir, dass die Menschen nicht zuerst fragen, woher man kommt, sondern wer man ist. Seid freundlich zueinander und versucht zu verstehen, was andere erlebt haben. Ein nettes Wort kann für jemanden, der alles verloren hat, sehr viel bedeuten.» Hussain (18), Zürich

«Das Bildungssystem muss sich verbessern. Der Unterricht soll mehr auf Themen der Zukunft ausgerichtet sein, etwa wie Kinder und Jugendliche künstliche Intelligenz oder Social Media sinnvoll nutzen können. Und es braucht mehr Förderangebote.»

Remberto (19), Bolivien

Männedorf

Bilder: Bilder:zVg …


Auf in die Zukunft Armut in der Schweiz und weltweit überwinden: Das treibt uns an. Seit 125 Jahren.

Wir sind partizipativ.

Wir sind verlässlich.

Wir sind inklusiv. Wir sind mutig. Wir arbeiten fundiert.

Wir sind solidarisch.

Wir setzen uns gemeinsam ein für Menschen in Not und bauen an einer solidarischen Zukunft.


Plakate von Caritas Schweiz aus den 1980er Jahren: Helfen, Halt und Hoffnung geben, Partnerschaft pflegen. Im Lauf der Jahrzehnte veränderten sich nicht nur die Armuts­ bekämpfung, sondern auch die Sprache und Bilder dafür.

Sonderausstellung von Caritas Schweiz zum 125-Jahr-Jubiläum bis 30. September 2026, montags bis samstags, 10 bis 17 Uhr, Adligenswilerstrasse 15, Luzern, siehe caritas.ch/jubilaeum

Ungleich verteilt – was Armut mit uns zu tun hat


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