ZEITSCHRIFT FÜR KONSERVIERUNG UND RESTAURIERUNG
NO 5 2015
Monitoring Die Kunst zu beobachten
Welterbe Herzlichen Glückwunsch, Hamburg!
Kulturlandschaft Auf ins Grüne, Restauratoren!
Transportwesen Keine Angst vor Kränen!
EDITORIAL
Liebe Leserin, lieber Leser, wir sind erneut Weltkulturerbe! Die Speicherstadt mit angrenzendem Chilehaus in Hamburg hat es als 40. Welterbestätte in die UNESCO-Liste geschafft. Die Hamburger Kultursenatorin Barbara Kisseler freut sich über diese Auszeichnung: „Dieses herausragende Ensemble fungiert heute als lebendiges Bindeglied zwischen historischer Innenstadt und neuer HafenCity. Der Titel bietet zudem große Chancen, Hamburg auch kulturell international noch bekannter zu machen.“ Die Verkündigung der frohen Botschaft fand im Rahmen der diesjährigen 39. Welterbesitzung in Bonn statt. Heike Schlasse, unsere Autorin, war vor Ort und berichtet über diese und weitere Ergebnisse auf Seite 8. Passend zum Thema „Hamburger Hafen“ wird im Oktober ein Buch von Henning Rademacher erscheinen, das historische Fotografien von 1930 bis 1970 zeigt. Die vier Fotografen Gustav Werbeck, John Holler, Gerd Mingram und Harald Zoch haben dabei ganz individuell Menschen, Häuser und Szenen mit ihrer Kamera festgehalten und damit die Erhaltungszustände verschiedener Jahrzehnte dokumentiert (www.restauro.de/rademacher-hamburg-hafen). Dokumentieren hilft beim Monitoring, dem Titelthema dieser Ausgabe. Oliver Morr, Harald Garrecht und Simone Reeb zeigen die Umsetzung eines Klimamonitorings auf Schloss Salem, dessen Substanz aus dem 13. Jahrhundert stammt (S. 16). Auch Schädlingsmonitoring ist ein wichtiges Thema, das wir in einem weiteren Beitrag online beleuchten (www.restauro.de/schlupfwespen-gegen-anobien). Zu den Aufnahmen in die Welterbeliste gehört auch der Botanische Garten in Singapur. Sein Vorläufer wurde bereits 1822 gegründet. Der jetzige Garten wurde 1859 durch den Schotten Lawrence Niven angelegt, bereits 1874 wurde er verstaatlicht und ist heute kostenfrei zu besichtigen. Die Rolle von Restauratoren und Denkmalpflegern bei der Erhaltung von Kulturlandschaften beleuchten wir auch im zweiten Thema. Die Landschaft um das Kloster Lorsch wurde jüngst neu gestaltet, sodass die ursprüngliche Form der Gebäude nachvollziehbar ist (S. 38). Das Thema wurde dank unserer Schwesterzeitschrift „Garten und Landschaft“ angestoßen (www.garten-landschaft.de). Das dritte Thema „Transportwesen“ behandelt neben spektakulären Ausstellungsexponaten in Bonn (S. 52) und Wolfsburg (S. 60) auch die Versicherungsseite. Hier standen uns Franka Barsch und Tobias Wenhart von Hiscox für ein Interview zur Verfügung. Ihre These: Aufgrund steigender Kunstwerte werden sehr große Ausstellungen in Zukunft eher zurückgehen (S. 56). Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!
c.kowalski@restauro.de
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INHALT
TITELTHEMA: MONITORING
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Perfektes Monitoring auf Schloss Salem?
Kommentar von Dr. Astrid Hammer Mehr Monitoring wagen!
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Oliver Morr, Harald Garrecht, Simone Reeb Museale klimatische Verhältnisse in historischen Räumen Ist das möglich?
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Bernd Euler-Rolle, Julia Amann, Markus Santner Flügelaltäre und Wandmalereien: Ein leistbarer Weg
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Doris Hassler, Pascal Querner, Michael Wohlfart, Wolfgang Baatz Schloss Schönbrunn trifft Japan Wie Schädlingsmonitoring durch Papierabklebungen gelingt
Stephan Biebl 30 Diagnose von aktivem Holzwurmbefall Hintergründe und praktische Methoden im Rahmen von Schädlingsmonitoring
ERHALT VON KULTURLANDSCHAFTEN
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Ursula Kellner Landschaft erzählt Geschichte
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Maren Lindstaedt und Thomas P. Kersten Neue Perspektiven für alte Befestigungsanlagen
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Heike Schlasse Das Damenhaus in Potsdam: Von der Praxis für die Praxis
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Britta Rudolff und Susann Harder Historische Kulturlandschaften zwischen Wandel und Erhaltung
Fotos (v. o. n. u.): Badisches Landesmuseum Karlsruhe; Hanns Joosten; Schenker Deutschland AG/Horst Müller
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Lorsch und seine verlorenen Gebäude
TRANSPORT UND VERPACKUNG Benjamin Kleemann 52 Mit Weltraumkapsel und Mondstaub unterwegs Christine Kowalski 56 Ein Interview mit Franka Barsche und Tobias Wenhart von Hiscox Andrea Sartorius und Matthias Heitbrinke 60 Von Fichten und Tannen, von Wurst und Wurm
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Herausforderung Transport
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RUBRIKEN 6
KUNSTSTÜCK
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BLICKPUNKT Hamburg I: Unesco nominiert die Speicherstadt Zerstörte Mosaiken in der Türkei Tschechisch-deutsches Restaurierungsprojekt Schülerfund bedeutender Piranesi-Zeichnungen Hamburg II: Neues Depot der Kunsthalle
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GEFÖRDERT VON
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BERUF
62 TERMINE 62 Ausstellung 64 Veranstaltungen 64 Impressum 65 Vorschau 65 Stellenanzeige 66
PORTRÄT
Titelmotiv
Foto: iStock/zgr_pro
Die Swayambhunath Stupa gehört zum bedeutendsten Tempelkomplex Nepals, der im Westen von Kathmandu auf einem Hügel erbaut ist und das Erdbeben ohne größere Schäden überstanden hat. Das Heiligtum entstand vermutlich vor 2500 Jahren und symbolisiert das erleuchtete Bewußtsein des Buddha. In allen vier Himmelsrichtungen sind seine Augen aufgemalt. Sie stehen für die Einheit allen Seins. In unserem Fall beziehen wir sie auf das Titelthema „Monitoring“, das sich mit dem genauen Beobachten von Kunstwerken auseinandersetzt.
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Ornamental gestaltetes Fenster im Maurischen Kiosk nach der Restaurierung
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KUNSTSTÜCK
Was haben Sie denn da, Ingrid Thom und Hanna Pohle? Buntglasfenster eines Maurischen Kiosks
Fotos: Hanna Pohle
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Idyllisch gelegen im Park der „Königlichen Villa“ Ludwigs des II. von Bayern, Schloss Linderhof, steht der in orientalischem Stil gestaltete Maurische Kiosk. Der kleine Pavillon, schon von weitem mit seiner vergoldeten Kuppel und den vier angedeuteten Minaretten sichtbar, ist sowohl aus gestalterischer als auch aus werktechnischer Sicht ein „Kunststück“. Die vielfarbigen Fenster konnten über die letzten Jahre in mehreren Kampagnen umfassend restauriert werden. Der Architekt Karl von Diebitsch hatte sich eingehend mit der islamischen Kunst beschäftigt. Er entwarf aus diesen Einflüssen den Maurischen Kiosk – ursprünglich als offiziellen Beitrag der Preußen für die Pariser Weltausstellung 1867. Trotz großer Bewunderung landete der Maurische Kiosk nach der Weltausstellung vorerst auf dem Speicher der Familie Diebitsch, bis er im Jahr 1870 von dem Eisenbahnunternehmer Henry Strousberg zu einem geringen Preis für seinen herrschaftlichen Park erworben wurde. Nach dessen Bankrott kaufte 1876 der Bayernkönig das Bauwerk samt mehreren Ausstattungs-Gegenständen und ließ es im Schlosspark von Linderhof wiederaufbauen. Dabei fanden mehrere bauliche Veränderungen statt, die Bayerische Hofkunstanstalt F. X. Zettler in München wurde damit beauftragt, die ursprünglichen Verglasungen des Kiosks zu ersetzen. Über die Gestaltung sowie die besondere Herstellungstechnik der Buntglasfenster ist sowohl bei Isabella Fehle, die in ihrer Dissertation 1987 über den Maurischen Kiosk schreibt als auch in anderer Literatur so gut wie nichts zu erfahren. Dabei entsteht die besondere Atmosphäre des Innenraums in großem Maße durch die Gestaltung der mosaikartigen Verglasungen, deren orientalische Ornamente aus vielfarbigen Gläsern ein buntes Lichtspiel auf den Oberflächen erzeugen. Vermutet man aus werktechnischer Sicht zunächst eine „typische“ Bleiverglasung, bringen die Restaurierungsarbeiten eine für uns ungewöhnliche, sehr besondere Ausführung zutage: Die Fenster sind in einem speziellen „Sandwich-Verfahren“hergestellt. Gläser in intensiv leuchtenden Blau- Rot- Grün- Gelb- und Violett-Tö5/2015
nen sind zwischen je zwei Blechen fixiert, aus denen sich wiederholende Ornamente deckungsgleich ausgesägt sind. Die so entstehenden Stege von fünf bis sieben Millimeter des außenseitigen, mit ca. drei Millimeter Materialstärke stabileren Blechs dienen als Träger der Gläser, raumseitig liegt ein ca. ein Millimeter dünnes, ölvergoldetes „Deckgitter“. Die bis zu 185 x 95 Zentimeter großen Gitter sind jeweils aus mehreren gleich großen, sich wiederholenden Segmenten zusammengefügt. Beim Erscheinungsbild des Metalls ist von einer Zinklegierung auszugehen. Die nahezu strukturlosen mundgeblasenen Tongläser und Überfanggläser sind zugeschnitten und gekröselt. Sie wurden mit einem tierischen Leim auf den Trägergittern fixiert und danach die Zwischenräume mit einem rot gefärbten Leinöl-Kreide-Kitt ausgefüllt. Das Deckgitter erfüllt sowohl ästhetische als auch statische Zwecke und ist durch kleine Messingschrauben und Muttern mit dem Trägergitter über passgenaue Bohrungen verbunden. Die Verglasungen der Fenster bestehen teils aus mehreren Feldern, deren Art der Montage am Bau variiert. Witterungseinflüssen und mechanischen Beanspruchungen hielt die besondere Werktechnik langfristig nicht stand. Sowohl starke Bauchungen der Gitterverbände als auch spröde und gelöste Verklebungen der Gläser zum Träger hin sowie Verkittungen der Zwischenräume führten zu großflächigen Ablösungen der Gläser und Verschiebungen im Verbund bis hin zum Verlust. Im Vergleich zu früheren Nachbesserungen von außen ermöglichte die grundlegende Restaurierung der Fenster in der Werkstatt mit Öffnung der Gitterverbände eine nachhaltige ReFixierung der gelockerten Gläser zum Träger. Es fand die Stabilisierung der Metallgitter durch Rückformung und Lötung von Brüchen ebenso statt wie die Ergänzung fehlender oder stark gesplitterter Gläser und die Klebung von Sprüngen. Für den langfristigen Erhalt wurden Windeisen zur Stabilisierung sowie eine Außenschutzverglasung montiert.
2 Der Maurische Kiosk im Park von Schloss Linderhof 3 Verglasungen im Sandwich-Verbund zu Beginn der Restaurierung 4 Sichtbares Trägerblech und originale rötliche Verkittung nach Demontage des vergoldeten Deckblechs und Abnahme gelöster Gläser
Zu den Autorinnen Dipl.-Rest. Hanna Pohle Studium der Fachrichtung Konservierung und Restaurierung von Wandmalerei und Architekturfassung an der Fachhochschule Erfurt. Seit 2010 leitet sie Projekte der Glasmalereifenster- und Mosaikrestaurierung für die Bayerische Hofglasmalerei Gustav van Treeck, München.
Kontakt: hp@hofglasmalerei.de Ingrid Thom Studium der Kunstgeschichte und Volkskunde an der LMU München 1975–1980, Restauratorenausbildung in den Werkstätten des Überseemuseums Bremen und des Bayerischen Nationalmuseums München. Seit 1986 bei der Bayerischen Schlösserverwaltung tätig.
Kontakt: ingrid.thom@ bsv.bayern.de
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BLICKPUNKT
Welterbe in Gefahr Die 39. Tagung des UNESCO-Welterbekomitees in Bonn war dringender denn je.
1 Das Welterbekomitee tagte im World Conference Center in Bonn.
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2 Prof. Dr. Maria Böhmer ächtete in ihrer Stellungnahme die Zerstörung des kulturellen Erbes als Strategien der Kriegsführung. 3 Die Speicherstadt in Hamburg hat nun Welterbestatus.
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Schullehrpläne zu integrieren und lokales kreatives Engagement junger Menschen für den Erhalt von Welterbestätten zu fördern. Die Zivilgesellschaft einzubinden, für das Erbe der Menschheit zu sensibilisieren und so eine nachhaltige Identifikation zu schaffen ist auch das Ziel der von Deutschland und dem Irak initiierten Aktion „Unite4Heritage“, die auf der Tagung vorgestellt wurde und über die wir in der letzten RESTAURO berichteten. Die Zusammenar2 beit mit allen Partnern zum Schutz des Welterbes soll global verstärkt werden, Sicherheitskräfte, Interpol, Zollorganisationen, Museen und der Kunsthandel werden einbezogen. In einer persönlichen Erklärung forderten die Gastgeberin Maria Böhmer und die UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokova alle Staaten auf, sich stärker gegen illegalen Handel und Zerstörung von Erbestätten einzusetzen und Rettungsaktionen finanziell zu
unterstützen, seien diese nun durch Naturkatastrophen oder bewaffnete Konflikte bedingt. In der am gleichen Tag veröffentlichten Bonner Deklaration zum Welterbe wurden die Zerstörungen des kulturellen Erbes als Strategien der Kriegsführung gebrandmarkt, die geächtet und verfolgt werden müssen. Mit der Erklärung erging eine Empfehlung an den UN-Sicherheitsrat, nach Möglichkeiten zu suchen, den Kul-
Fotos: Restauro
Vom 28. Juni bis 8. Juli tagte das UNESCO-Welterbekomitee unter Vorsitz von Maria Böhmer, Staatssekretärin im Auswärtigen Amt, in Bonn. Das Komitee, dem 21 Mitgliedstaaten angehören, entschied dabei nicht nur über Neuaufnahmen in die Welterbeliste und den Status bedrohter Erbestätten (Rote Liste). Die Bedrohung und die Zerstörung von Kulturerbe, zum Beispiel im Zuge kriegerischer oder terroristischer Aktionen durch ISIS im Irak und in Syrien, waren ein wesentlicher Aspekt der Tagung, zu der um die 2.000 Delegierten kamen. Bereits im Vorfeld befasste sich das World Heritage Young Experts Forum 2015 mit dem nachhaltigen Management von Welterbestätten. Junge Nachwuchskräfte und Studierende aus einschlägigen Fachrichtungen wie Architektur, Site Management, Kultur- oder Naturerbe forderten die Mitgliedsstaaten auf, Welterbe-Bildungsprogramme in nationale
turgüterschutz in die Mandate der Friedensmission einzubeziehen. Ob und welche praktischen Folgen dies nach sich ziehen wird, bleibt abzuwarten. Böhmer betonte in der anschließenden Pressekonferenz die Notwendigkeit, alles gegen die Zerstörung des kulturellen Erbes zu unternehmen, präventiv zu handeln und Unterstützung bei Wiederherstellungsprogrammen zu gewähren. Doch gerade die finanzielle Situation der UNESCO-Kommission ist nicht einfach. „Aus Protest hat die USA ihre Beitragszahlungen eingestellt,“ so Katja Römer, Pressesprecherin der Deutschen UNESCO-Kommission
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e. V. in unserem Interview. Die Tagung diente darüber hinaus der Entscheidung der Kommission zur Aufnahme von Kultur- und Naturstätten in die Welterbeliste. Seit die UNESCO 1972 das Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes verabschiedet hat, wurde es von 191 Staaten unterzeichnet. Seitdem konnten 1.007 Kulturund Naturerbestätten in 161 Ländern in die Welterbeliste aufgenommen werden – nun gehören die Speicherstadt Hamburg und das Kontorhausviertel mit dem Chilehaus dazu. Damit ist die Zahl der in Deutschland vorhandenen Erbestätten auf 40 angewachsen. In seiner Begründung betont das Komitee den außergewöhnlichen universellen Wert der maritimen Industriearchitektur, welche den rasant wachsenden internationalen Handel im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert symbolisiert. Die zweite deutsche Nominierung „Der Naumburger Dom und die hochmittelalterliche Herrschaftslandschaft an Saale und Unstrut“ wurde nicht in die Liste aufgenommen. Doch entgegen der Empfehlung des Internationalen Rates für
Denkmalpflege (ICOMOS), den Antrag abzulehnen, hat das Komitee einstimmig beschlossen, den Antrag für weitere Überarbeitungen zurückzugeben. Eine zweite Chance für die Naumburger! Die „Denkmäler und Stätten der Wikinger“, die unter der Federführung Islands grenzüberschreitend durch Dänemark, Deutschland, Island, Lettland und Norwegen für den Welterbestatus ins Rennen gingen, wurde zunächst zurückgestellt. Hier folgte das Komitee einer Empfehlung des ICOMOS und erwartet wesentliche Nachbesserungen im Konzept des ehrgeizigen Projekts. Dipl.-Rest. Heike Schlasse
Die Bonner Deklaration zum Weltkulturerbe findet sich unter www.unesco.de (Stichwort „Declaration on World Heritage”). Das Interview mit Katja Römer, der Pressesprecherin der Deutschen UNESCOKommission, finden Sie unter www.restauro.de/ unesco-tagung-katja-roemer.
Foto: CC-BY-SA-3.0-migrated/Heidas
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GEFÖRDERT VON
Prima Klima Um kostbare Kunst- und Kulturgüter in musealen Sammlungen langfristig zu erhalten, ist ein geeignetes klimatisches Umfeld essentiell – insbesondere hinsichtlich Feuchtewerten. Gleichzeitig soll die Klimastabilisierung der Ausstellungs- und Lagerräume energieeffizient erfolgen. Europaweit im Einsatz ist die Technik der Temperierung, bei der auf Strahlungswärme basierend die relative Luftfeuchte beeinflusst wird. Die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern, die seit 1985 diese Methode im Museumsbereich weiterentwickelt hat, unterzieht sie derzeit einer grundlegenden Untersuchung im
Links der Blick in die Großvitrine der Fraunhofer Glashütte Benediktbeuern, rechts der gleiche Bildausschnitt als Thermogramm mit Anzeige der Oberflächentemperatur: Deutlich sind im Sockelbereich die durch Temperierung erhöhte Temperaturen (hellgrün bis rot) zu sehen.
Rahmen des Forschungsprojekts „Sammlungen erhalten: Die Temperierung als Mittel der präventiven Konservierung in Museen – Eine Bewertung“. Projektpartner sind die Technische Universität München, die Universität Stuttgart, die Fraunhofer Gesellschaft sowie 18 nichtstaatliche Museen in Bayern. Im Fokus des Projekts steht unter anderem die Frage, ob die Temperierung tatsächlich zur präventiven Konservierung der Artefakte und Sammlungen sowie zum Bauschutz beiträgt. Auch Energieeffizienz und Kostenaufwand im Vergleich zu anderen Heizungsmethoden sind zentrale Aspekte der Analyse. Ihre Erkenntnisse, die bis Ende 2015 vorliegen sollen, wollen die Wissenschaftler Museen und Sammlungen zur Verfügung stellen und so langfristig zum Erhalt von Sammlungen beitragen. Präsentiert werden sie auf einer Tagung am 12. November 2015 in München. Die VolkswagenStiftung fördert das Vorhaben mit rund 500.000 Euro im Rahmen der Förderlinie „Forschung in Museen“. Darin unterstützt sie Museen unterschiedlicher Größe und thematischer Ausrichtung bei der an Sammlungen orientierten Forschung. Tina Walsweer Redakteurin in der Kommunikation der VolkswagenStiftung Weitere Informationen zum Bündnis unter www.kunst-auf-lager.de.
Unsachgemäße Restaurierung Römische Mosaiken in türkischem Antakya stark beschädigt Im zweitgrößten Mosaik-Museum der Welt im türkischen Antakya ist es bei Restaurierungsarbeiten zu schweren Schäden an bedeutenden Mosaiken gekommen. Das türkische Kulturministerium ließ umgehend alle weiteren Arbeiten aussetzen, um den Vorfall zu untersuchen.
Das Archäologische Museum Antakya beherbergt unter anderem eine der weltweit umfangreichsten Sammlungen von römischen Mosaiken. Ende letzten Jahres wurde ein Neubau für das Museum eröffnet. Für den Umzug in dieses neue Gebäude sollten einige Mosaiken restauriert werden. In diesem Frühjahr stellte sich heraus, dass mindestens zehn Mosaiken, unter ihnen die Opferung Isaaks und eine Darstellung des Narziss’, unsachgemäß restauriert wurden. Die Mosaiken, von denen viele aus römischer Zeit stammen, zeigen nach ihrer „Restaurierung“ ein völlig anderen Erscheinungsbild: Zum Teil fehlen einige Steine, andere seien vertauscht worden, oder es wurden falsche Farben verwendet. Die Zeitung „Hürriyet“ hatte Fotos veröffentlicht, die drei Mosaiken vor und nach der Restaurierung zeigen. The Guardian berichtet, die Restauratoren haben jegliche Be-
hauptungen eines Fehlverhaltens von sich gewiesen und argumentierten, die Vorher-Nachher-Bilder seien von der türkischen Presse manipuliert worden. Die Zeitung berichtet weiter, ein Mitglied des Restaurierungsteams habe ebenfalls behauptet, die falschen Steine und die modern lackierte Oberfläche seien Ergebnis einer französischen Restaurierung aus den 1930er Jahren, die mit heute verbotenen Verfahren durchgeführt wurde. Das türkische Kulturministerium teilte mit, man habe Ermittlungen eingeleitet und dafür eine spezielle Kommission ins Leben gerufen, um die Verantwortlichen zu finden. Weitere Restaurierungsarbeiten wurden zunächst auf Eis gelegt. Alexandra Nyseth w ww.hurriyetdailynews.com (Stichworte „Ancient Mosaics“).
Das Archäologische Museum Antakya in der Türkei beherbergt als zweitgrößtes Mosaikmuseum der Welt Schätze wie diese: Okeanos und Thetis (Ausschnitt), Mosaik aus Harbiye, 4. Jahrhundert. Leider fielen mindestens zehn Mosaiken einer unsachgemäßen restaurierung zum Opfer.
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Foto: (Rubrik) Fraunhofer Glashütte; Nevit Dilmen
Die VolkswagenStiftung ist Partner von KUNST AUF LAGER, dem Bündnis zur Erschließung und Sicherung von Museumsdepots.
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Neue Experten braucht das (Museums-)Land
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M. A., M. Sc. Constanze Fuhrmann Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD
Weltweit verzeichnen Museen einen Boom. So sollen beispielsweise die zum US-amerikanischen Museumsbund AAM gehörenden Einrichtungen mit 850 Millionen jährlichen Besuchern fast doppelt so viele Menschen anziehen wie die großen Sportligen und Freizeitparks des Landes zusammen (WiWo 2014, S. 52). Nur in Deutschland nicht. Die durchschnittliche Besucherzahl je Museum liegt hier bei 48 pro Tag. Traurig, verglichen mit rund 150 Besuchern pro Tag und Museum in England. Der Trend zeigt eine beunruhigende Entwicklung: Während internationale Museen in der Lage sind, den Erlebnishunger der
Besucher zu stillen und sich zu Eventdestinationen zu entwickeln, scheinen sie hierzulande kaum Anziehungskraft auf Menschen jenseits der üblichen „Kulturinteressierten“ auszuüben. Diese Misere hat zahlreiche Gründe. Neben der mangelnden Verankerung in der breiten Gesellschaft ist es vor allem auch fehlende Vermarktungskompetenz. Schon lange ist nicht nur eine fachliche Aufarbeitung und Betreuung von Sammlungen gefragt. Museen benötigen zunehmend auch die Fähigkeit, diese immer wieder in Form packender Erlebnisse zu vermarkten und durch relevante Zusatzangebote anzureichern. Diese Anforderung muss sich endlich in der Bandbreite der in Museen arbeitenden Experten widerspiegeln. Es gibt Bedarf an Mitarbeitern, die vermarktungsorientiert denken und keine Scheu vor einer stärkeren Einbindung von Sponsoren haben. Neben den klassischen Berufsbildern sollten daher vermehrt Fundraiser, Event- oder Kommunikationsprofis sowie Kulturvermittler in Museen zu finden sein, um eine stärkere gesellschaftliche Einbindung zu erreichen. Manche Puristen mögen diese Entwicklung beklagen und als „Ausverkauf“ klassischer Museumskultur verteufeln. Die Fakten bleiben. Gerade für junge Menschen, die planen, eine Karriere in dem Bereich zu verfolgen, heißt es schon heute, sich auf diese neue Museumswelt einzustellen und die richtigen Qualifikationen aufzubauen.
Europa (er)leben
Foto: Fachakademie für Restauratorenausbildung, Goering Institut München
Warum gerade jetzt europäische Restaurierungsprojekte eine besondere Bedeutung haben.
Ende Juni startete das gemeinsame Bildungsprojekt tschechischer und deutscher Restauratoren in einer fast unbekannten Kirche im Nachbarland. Die Studierenden der Höheren Fachschule für Restaurierung in Brno und die Staatlich anerkannte Fachakademie für Restauratorenausbildung des Goering Instituts in München arbeiten zweimal 14 Tage gemeinsam an der Erhaltung der Ausstattung der Jesuitenkirche Maria Himmelfahrt in Tschechien. Die frühbarocke Sakristei ist ein Kleinod bezüglich ihrer prächtigen Möbel und des geschnitzten Figurenschmucks. Hier haben sich im Laufe der Jahrhunderte besonders die Wandbefestigungen sowie die geschnitzten Elemente gelöst. Das Ausmaß der Schäden wird im ersten Workshop untersucht und doku5/2015
mentiert. Welche Bedeutung hat das Projekt für die Fachakademie? „Die Studierenden beider Länder können neben dem fachlichen und kulturellen Austausch Erfahrungen mit dem Umgang von Objekten in situ erleben,“ so Bernhard Kügler, Leiter der Akademie. Das Besondere: Gleich zwei Förderer unterstützen das Projekt – das europäische Erasmus+ Programm ebenso wie die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien. „Indem tschechische wie deutsche Studierende und Dozenten ein Kulturgut retten wollen, welches historisch gemeinsamen Wurzeln entstammt, leisten sie nicht nur einen Beitrag zu Erhaltung, sondern erfüllen auch eine wichtige völkerverbindende Aufgabe“, fasst Kügler zusammen. Zur Zeit sind alle Beteiligten damit be-
Die polychromen Objekte werden aufgrund des akuten Schädlingsbefalls vor ihrem Transport behandelt.
fasst, die polychromen Objekte für den Transport vorzubereiten. Aufgrund des akuten Schädlingsbefalls müssen sie mit Gammastrahlen aus einer Kobalt60-Quelle bestrahlt werden. Erste Erfolge brachte bereits die Holzartenuntersuchung: Das Konstruktionsholz der Sakristei ist aus Eiche (quercus spp.) und Tanne (abies alba). Damit diese Ergebnisse auch auf beiden Seiten gut verstanden werden, überreichte Peter Ondracek, der tschechische Englischlehrer, ein
Hand-Out mit tschechischem Vokabular und leistete damit seinen Beitrag zur Völkerverständigung. Christine Kowalski Auf der eigens eingerichteten Facebook-Seite kann das Projekt tagesaktuell mitverfolgt werden. Demnächst ist auch eine Liveübertragung geplant. www.facebook.com/tschechisch.deutsches.restaurierungsprojekt 11
BLICKPUNKT
Ferienglück
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1 Entdecker mit Entdeckung und Museumsspezialistinnen (v. l.): Dr. Dorit Schäfer, Leiterin des Kupferstichkabinetts, Georg Kabierske, Praktikant, Prof. Dr. Pia Müller-Tamm, Direktorin der Kunsthalle Karlsruhe mit einem der Klebealben voller Piranesi-Zeichnungen
2 Capriccio mit Brücken und Triumphbögen, Giovanni Battista Piranesi (1720–1778), schwarze Kreide und braune Feder 3 Fries mit Greifenpaar und Vasen, Giovanni Battista Piranesi oder Werkstatt, rote Kreide
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Die Überschrift der jüngsten Mitteilung aus der KunsthalleKarlsruhe klingt fast ein wenig banal: „Piranesi statt Weinbrenner. Neubewertung eines umfangreichen Zeichenkonvoluts in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe“. Doch mit dieser Mitteilung machte die Kunsthalle einen fast unglaublichen Fund publik. Der Abiturient Georg Kabierske, Praktikant in den Sommerferien des vergangenen Jahres, entdeckte, dass die Kunsthalle 297 Zeichnungen von Giovanni Battista Piranesi 1720–1778) und aus seinem direkten Umfeld besitzt. Und das bereits seit 1891. Angesichts der Tatsache, dass es weltweit nur 500 bis 600 eigenhändige Piranesi-Zeichnungen gibt, die in verschiedenen Institutionen aufbewahrt werden, ist das ein sensationeller Fund. Denn keines der Zeichnungskonvolute in der Pierpont
Morgan Library & Museum in New York, im British Museum und im Sir John Soane’s Museum in London ist so umfangreich wie das von Kabierske identifizierte. Der Abiturient, der jetzt Kunstgeschichte und Klassische Archäologie in Heidelberg studiert, beschäftigte sich während seines Praktikums im Sommer 2014 mit zwei Klebebänden voller Architekturzeichnungen aus dem Besitz des Karlsruher Architekten Friedrich Weinbrenner (1766–1826). Da die Klebebände auf den Vorsatzblättern den Namen des Architekten trugen, galt ihr Inhalt als eigenhändiges Studienmaterial Weinbrenners. Der lebte – in guter alter Tradition – zwischen 1792 und 1799 in Rom, um die Antike zu studieren. Danach kam er nach Karlsruhe und hatte einen entscheidenden Anteil an der Ausgestaltung der barocken Stadtanlage. Schülerpraktikant Kabierske, dessen Vater Architekturhistoriker und Weinbrenner-Spezialist ist, erkannte, dass die Zeichnungen in den beiden Bänden von Piranesi stammen. Wahrscheinlich hat sie Weinbrenner aus dem Besitz von Piranesis Sohn Francesco gekauft, um sie in seiner privaten Bauschule als Vorlagen zu benutzen. Dafür spricht nach ersten Forschungen der Kunsthalle auch, dass verschiedene Blätter beidseitig bearbeitet wurden, manche haben auf einer Seite einen Druck, auf der anderen eine Zeichnung. Ob die Bände von Piranesis Sohn zusammengestellt wurden oder ob sie der Karlsruher Architekt Weinbrenner nach dem Kauf einklebte, ist bisher noch nicht geklärt. Die momentan sichtbaren Blattseiten zeigen Entwürfe für die Ordenskirche Santa Maria del Priorato in Rom, die Piranesi umgestaltete, Zeichnungen an-
tiker Plastiken und Architektur fragmente. Auch zwei autonome Schöpfungen des Künstlers finden sich in den Klebebänden: zwei Architektur-Capricci. Ein groß angelegtes Forschungsprojekt soll in den kommenden Jahren sowohl die Zuschreibungen klären und eine materialtechnische Bestandsaufnahme vornehmen als auch Provenienzforschung betreiben und die Neuentdeckungen in das Werk des Künstlers einordnen. Außerdem wird das gesamte Konvolut digital erschlossen, ein Symposium ausgerichtet, eine Ausstellung vorbereitet und ein Katalog herausgegeben. Entdecker Georg Kabierske ist Mitglied des international besetzten wissenschaftlichen Beirats, der die umfangreichen Forschungen unterstützen wird. Denn: „Die wesentlichen Recherchen stehen noch aus“, sagt Pia Müller-Tamm, Direktorin der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe gegenüber RESTAURO. In den nächsten Monaten sollen deshalb Mittel für ein interdisziplinäres Forschungsvorhaben beantragt werden. Ziel ist neben der kunsthistorischen Einordnung, die Beantwortung einer Vielzahl konservatorischer Fragen. „Sind die Blätter in den Klebebänden gut aufbewahrt? Ist die Intaktheit der Klebebände wichtiger als die Fragilität der Blätter? Welche Schlüsse lassen sich aus den Spuren auf den Blättern – Anmerkungen, verschiedene Flecken – ziehen? Natürlich gehört auch die Erforschung der Eigenhändigkeit dazu“, so Müller-Tamm. Geplant ist, für diese Forschungen zwei Stellen einzurichten: eine Kunsthistorikerstelle und eine Stelle für Papierrestauratoren. Uta Baier 5/2015
Fotos: (1) Restauro; (2/3) Kunsthalle Karlsruhe
Ein Abiturient im Schülerpraktikum hat in der Kunsthalle Karlsruhe 297 Piranesi-Zeichnungen entdeckt.
BLICKPUNKT
Depot für Kunstwerke auf hohem Niveau Die Modernisierungsarbeiten an der Hamburger Kunsthalle laufen auf Hochtouren. Abgeschlossen ist bereits die Sanierung ihres zentralen Gemälde- und Skulpturendepots, sodass die Kunstwerke nun nach höchsten internationalen Standards gelagert werden können.
Foto: Hamburger Kunsthalle/Norbert Weidemann
Das zentrale Gemälde- und Skulpturendepot der Hamburger Kunsthalle entspricht höchsten internationalen Standards: Alexander Otto, Kultursenatorin Prof. Barbara Kisseler, Dr. Stefan Brandt und Prof. Dr. Hubertus Gaßner (v. l. n. r.) bei der Besichtigung.
Im Rahmen des Modernisierungsprojekts der Hamburger Kunsthalle hat die Stadt Hamburg mit rund vier Millionen Euro die Sanierung des zentralen Gemälde- und Skulpturendepots ermöglicht, die nun abgeschlossen ist. Die Sanierung der Depoträume umfasst unter anderem die Erneuerung der Dämmung und Oberflächen inklusive der Bodenbeläge zugunsten einer staubarmen und klimastabilen Lagerung von Kunstwerken beziehungsweise für einen erschütterungsarmen Transport der Werke. Außerdem wurden das Regal- und Hängesystem nach technisch neuestem Standard eingebaut sowie potentielle Gefahrenquellen, wie zum Beispiel wasserführende Leitungen in den darüber liegenden Räumen, beseitigt. Durch diese Maßnahmen wird von jetzt an eine Aufbewahrung der Kunstwerke auf internationalem Niveau gewährleistet. „Damit erfüllt die Stadt ihre Verpflichtung, das wertvolle kulturelle Erbe dauerhaft zu bewahren und ermöglicht der Kunsthalle eine wesentliche 5/2015
Bedingung des nationalen und internationalen Leihverkehrs zu erfüllen“, erklärt Kultursenatorin Barbara Kisseler. Hubertus Gaßner, Direktor der Hamburger Kunsthalle, ergänzt: „Auch hier sind wir der Devise ‚Erst die Sicherheit, dann die Schönheit‘ gefolgt, wie es sich für ein Museum als Schatzhaus der Nation geziemt.“ Die weiteren umfassenden Modernisierungsmaßnahmen der Kunsthalle ermöglicht die Dorit & Alexander Otto-Stiftung durch
eine Sachspende von 15 Millionen Euro. Erste Sammlungsräume sind renoviert, und der Rohbau für den Museumsanbau steht bereits. Ziel ist es, die internationale Bedeutung der Sammlung zu festigen, die Attraktivität des Museums für die Besucher zu erhöhen, dem Haus zu einer noch stärkeren Präsenz im städtischen Raum zu verhelfen und die eigentlichen Museumsaufgaben zu stärken. Alexandra Nyseth
Die Depotsanierung in Zahlen • 4.100 Quadratmeter neue Depotschiebewände • Ca. 35 Tonnen Stahlträger als Unterkonstruktion für Depotschiebewände • Ca. 900 Quadratmeter neues Parkett • An ca. 1.400 Quadratmeter Wandflächen Putz abgeschlagen, gespachtelt und angestrichen • Zwei neue Hebebühnen für den Kunsttransport • Entfernung alter Installationsleitungen für Wasser, Heizung und Starkstrom • Neue Elektroinstallation, Einbruchmeldeanlage, Brandmeldeanlage, Sicherheitsbeleuchtung und Alarmierungsanlage • Einbau neuer Lüftungs- und Klimaanlage • Einsetzen neuer Türen und Fenster: Zwei Fensteranlagen mit Sonnenschutz, 21 Türen und ein Brandschutzschiebetor • Alle Maßnahmen erfolgten auf insgesamt drei Etagen
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TITELTHEMA: MONITORING – VON KLIMA BIS SCHÄDLING
Oliver Morr, Harald Garrecht, Simone Reeb
Museale klimatische Verhältnisse in historischen Räumen – Ist das möglich?
In der ehemaligen Zisterzienserabtei Salem hat das Badische Landesmuseum Karlsruhe (BLM) in den Räumen der Prälatur, Ende letzten Jahres, ein neues Zweigmuseum eingerichtet. Hier werden Meisterwerke vom Hochmittelalter bis zum Barock präsentiert, unter ihnen der Salemer Marienaltar, spätgotische Altarflügel aber auch barocke Porträts und ein Skulpturenzyklus von Joseph A. Feuchtmayer. Es ist eine Herausforderung, in alten Gemäuern hochwertige Kunst bei optimalen klimatischen Bedingungen auszustellen.
1/2 Ausstellungsräume mit Holzboden (links) und mit Steinboden (rechts)
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ABSTRACT Air conditioning of museum-like quality on historic sites – is this possible?
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Fotos: TTI GmbH – MoCult
Organic and inorganic objets d’art on display in historic exhibition buildings call for an air condition system that is meticulously adjusted to their requirements. Consequently, air condition and service concepts have to be developed that are in synchrony with the items themselves and their historic show settings. In the case of the Salem Monastery, this means a network of sensors covering the room and near field as well as a stationary temperature control system and mobile humidifiers and dehumidi fiers that are controlled by a programme specifically adjusted to the needs of the exhibits.
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MONITORING – VON KLIMA BIS SCHÄDLING Konstantes Raumklima: Sisyphusarbeit Wann immer wir Menschen an Raumklima denken, geht es in erster Linie um Wohlbehagen – nicht zu kalt, nicht zu feucht und immer kon stant. Der Restaurator weiß jedoch, dass dies weder in der Natur noch in der Galerie, in Depoträumen oder in der Klimatransportkiste zu erreichen ist. Ein konstantes Raumklima bleibt eine Sisyphusarbeit. Doch lassen wir uns nicht davon abhalten, dieses Ziel immer wieder anzustreben. Konferenzen und Tagungen, wie die in München 2012 (Climate for Collection: Standards and Uncertainties) belegen, wie schwierig es ist, zu bestimmen, welches Klima in einem Depot oder Baudenkmal das Richtige ist. Meistens müssen unsere liebgewordenen Standardwerte herhalten und jeder, der schon einmal große internationale Ausstellungen ausgerichtet hat, kann diese in den „Papers“ nachlesen. Weltweit haben wir ein „globales Raumklima“, z. B. für organische Materialien von ± 50 % relative Luftfeuchtigkeit und immer 18–22 °C. Wie ist das bei einem Jahrhunderte alten Baudenkmal, wie Schloss Salem zu bewerkstelligen? Erforderlich: Interdisziplinäre Zusammenarbeit Schloss Salem am Bodensee hat eine sehr komplexe Baugeschichte. Damit Räumlichkeiten, wie die in Salem, als Ausstellungsräume genutzt werden können, sind detaillierte Kenntnisse der Bauphysik und Baumaterialien erforderlich. Ebenso notwendig ist, dass Außen- und Innenraummessungen vorgenommen werden, damit eine technische Realisierung der Klimatisierung durchführbar ist. Öffnungszeiten und Jahreszeiten sind ebenso einzuberechnen, damit hier eine effiziente Raumklimaregulierung entwickelt werden kann. Die Teamarbeit von Fachplanern aus den Fachbereichen Bauphysik, Klimatechnik und der Restaurierung führen hier zu fruchtbaren Arbeitsergebnissen. Mal eben einen Luftbefeuchter hinstellen, ohne die Beschaffenheit der renovierten, aber historisch alten Fenster, Türen (Luftwechselrate) zu beachten, geht genauso daneben, wie der Versuch, minderwertige Klimamessgeräte einzusetzen, die nicht an die Klimasteuerungsgeräte (Be- und Entfeuchter, Heizung) gekoppelt sind. Auch wenn es keiner gerne hört, aber es muss auch ab und zu geheizt werden, ansonsten ist massiver Schimmelbefall vorprogrammiert. Herausforderung: Kunst in Klostermauern Sehen wir von den bekannten aber unangenehmen Begleiterscheinungen der falschen Klimatisierung ab, bestand für das Badische Landesmuseum Karlsruhe (BLM) die Herausforderung, in diesen Klostermauern hochwertigste Kunst auszustellen. 5/2015
KOMM
ENTAR
trid Dr. As
Hamm
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ist promovierte Biologin mit MA in Präventiver Konservierung von Kulturgut, Sie berät Museen und Bauprojekte unter anderem in Wien und Graz zu Klima, Schädlingen und Bestandserhaltung.
Mehr Monitoring wagen! Medizinische Vorsorge gehört ab einem bestimmten Lebensalter dazu. Wird der Aufwand doch durch Vorbeugung und Früherkennung von Krankheiten mehr als gerechtfertigt. Könnte nur auch beim musealen Kulturgut alles so einfach sein! Wäre es nicht schön, wenn wir Fachleute konservatorische Vorsorgeuntersuchungen vornehmen könnten, bevor es zu spät ist!? Eine regelmäßige Oberflächenreinigung ist mit weniger Aufwand für Personal und Objekt verbunden als eine Restaurierung. Und ist es nicht nachhaltiger, durch regelmäßige Kontrollen von Klima und Schädlingen Schäden zu vermeiden als sie später aufwändig zu beheben? Schließlich sehen auch die Besucher: Hier kümmert man sich um das Kulturgut. Liebe Kuratoren, Museumsdirektoren und Verwalter, wie in der Medizin gilt auch im Museum, dass Prävention besser ist als Schadensbeseitigung. In diesem Sinne – Gute Besserung!
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MONITORING – VON KLIMA BIS SCHÄDLING
Schloss Salem ist eines der bedeutendsten Zisterzienserklöster im Bodenseeraum. Neben dem Münster zeigt sich eine besondere Repräsentationsbedürftigkeit in dem in der Barockzeit prächtig ausgestatteten Gebäudekomplex des Salemer Schlosses und im Residenzgebäude der Prälaten. Die wechselvolle Geschichte wird seit Sommer 2014 in der Sonderausstellung „Meisterwerke der Reichsabtei“ im Klostermuseum dargestellt. Hierbei war das Ziel des Badischen Landesmuseums Kunstwerke des Hochmittelalters bis zum Spätbarock chronologisch darzustellen. Erstmals werden alle Exponate wieder an dem Ort präsentiert, für den sie ursprünglich konzipiert waren – für das Kloster und die Residenz der Prälaten in Salem.
Hier sind, wie bereits angedeutet, nur die He rausragenden zu nennen: der Marienaltar von Bernhard Strigel (1450) oder das so genannte Pfingstrelief um 1320 (Bodenseeraum), Textilien, wie die Standarte von Salem, aber auch wunderbare Exponate aus Metall und Stein sowie Grafikarbeiten. Allen gemein ist (außer der einzigartigen Metallplastik aus dem Münster Salem, dem hl. Michael und einer Großgrafik), dass sie seit Jahren in den Depots in Salem und Ausstellungsräumen in Karlsruhe unter den beschriebenen Klimawerten verwahrt oder ausgestellt worden waren.
Vereinfachtes Regelschema zur Klimastabilisierung in den Museumsräumen
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Nahfeldklima
Befeuchtung Entfeuchtung Temperierung
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Messwerte Temperatur, rel. Luftfeuchte und ggf. Oberflächentemperatur
Messwerte Regler
• Relative Luftfeuchte 55 % ± 5 % • Geringe Schwankungsbreiten der relativen Luftfeuchte
Da haben wir sie nun wieder, die Vorgabe für das Raumklima sind diese Standardwerte; Raumtemperatur 18–22 °C, relative Luftfeuchte ± 50 %. Um die Exponate, die jahrelang in Galerieräumen diesen Standardwerten ausgesetzt waren, nicht zu gefährden, wurden diese Klimawerte als Basis eingehalten und gegebenenfalls für die einzelnen Materialgruppen, unter der Verwendung von klimagepufferten Ausstellungsvitrinen (Silicalgel), modifiziert. Die Fenster wurden saniert (Doppelverglasung mit UV- und Infrarotschutzbeschichtung). Der große Ausstellungsraum mit dem Altar von Bernhard Strigel hat einen prächtigen Holzbohlenfußboden und in einem kleineren zweiten Raum einen Steinfußboden (Abb. 1 und 2). Ein Ingenieurbüro entwickelte und realisierte ein Klima- und Servicekonzept, um hier ein vernünftiges Raumklima herzustellen. Realisierung eines Klima- und Servicekonzeptes Das Ingenieurbüro, das bereits in verschiedenen Räumlichkeiten des Schlosskomplexes Salem Mess-, Steuerungs- und Regelkonzepte ausgearbeitet und umgesetzt hat, beschäftigt sich auch mit der Erarbeitung und Realisierung von Klimakonzepten in historischen Gebäuden für temporäre Ausstellungen und/oder den musealen Dauerbetrieb. Grundsätzlich gilt hierfür immer die Regel: So wenig wie möglich, so viel wie nötig. Dieses Prinzip wurde auch für die Entwicklung des Klimakonzeptes in den Räumen des Klostermuseums berücksichtigt. Zur Umsetzung eines solchen Konzeptes, das heißt, optimale Klimaverhältnisse für die Exponate bei nur geringfügigen Eingriffen in die Bausubstanz, ist, wie bereits erwähnt, die Zusammenarbeit aller Beteiligten, der Betreiber, Fachplaner, Restauratoren und Denkmalpfleger, zwingend erforderlich. So wurden gemeinsam mit einem Büro für Planung, Restaurierung und Denkmalpflege und den Verantwortlichen des Badischen Landesmuseums in einem ersten Planungsschritt die Zielwerte für das gewünschte Museumsklima festgelegt und in einem zweiten Schritt, seitens des Ingenieurbüros, ein Vorschlag für die Realisierung des Wunschklimas unterbreitet. Dieser bestand aus einem Sensornetz zur Erfassung der Nahfeldklimate im Bereich der Ausstattungsgegenstände und der Fenster, dem Einsatz mobiler Be- und Entfeuchter und dem Einbau von Konvektoren im Bereich der Außenwände. Herzstück des Konzeptes Herzstück des Klimakonzeptes ist jedoch die individuell, auf die Belange der Exponate, angepasste Programmierung zur Klimastabilisierung und zum effizienten Betrieb der so genannten Aktoren, also der Be- und Entfeuchter und der Konvektoren. Abbildung 3 zeigt eine schematische Darstellung des 5/2015
Fotos: Badisches Landesmuseum Karlsruhe/Thomas Goldschmidt
Zusatzinfo
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Fotos: (4–7) Badisches Landesmuseum Karlsruhe/Thomas Goldschmidt; (8) TTI GmbH – MoCult
Mess-, Steuerung- und Regelsystems, bei dem ein PC, der über Schnittstellen und entsprechende Anpassungen der Mess- und Regelsoftware verfügt, mit verschiedenen Messsystemen und den erforderlichen Aktoren verbunden werden kann. Da häufig im Rahmen baulicher Maßnahmen für das Ausstellungskonzept Stromanschlüsse installiert werden müssen, besteht oft die Möglichkeit, neue Steckdosen für den Anschluss mobiler Be- und Entfeuchter zu installieren und diese Steckdosen dann mit dem MSR-System über Kopplungsrelais zu verbinden. Diese Möglichkeit wurde dann auch für den Betrieb und die Ansteuerung der Be- und Entfeuchter im Klostermuseum Salem genutzt.
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Die Planung und Umsetzung eines auf Klimaoptimierung und -stabilisierung ausgelegten MSR-Systems in historischen Räumen erfordert, aufgrund der nur in geringem Maße möglichen Eingriffe in die Bausubstanz, größtmögliche Individualität und Flexibilität. Übliche haustechnische Systeme für die Klimastabilisierung bieten zwar in der Regel genügend programmtechnische Freiheitsgrade, deren Nutzung jedoch, aufgrund der Individualisierung, hohe Kosten verursacht und zusätzlich ein enormes Fachwissen bzgl. der wärme- und feuchtetechnischen Eigenschaften der vorhandenen Materialien erfordert. Die entwickelten Konzepte und Programmalgorithmen basieren auf eigenen wissenschaftli-
4–6 Sensorknoten des funkbasierten Messsystems (links), Sensor zur Erfassung des Nahfeldklimas des kabelgebundenen Systems (rechts) 7 Klimatische Verhältnisse im Nahfeld zweier Exponate der beiden Ausstellungsräume vor Beginn der Steuerung und während des musealen Betriebs im Spätsommer 2014 8 Szene eines im Monitoringportal dargestellten Raumes mit aktuellen Messwerten
Zwei Systeme im Einsatz Zur Realisierung des Mess- und Regelsystemes kamen zwei Systeme zum Einsatz. Zum einen erfolgte die Installation eines kabelgebundenen, in der Haustechnik selten genutzten Bussystem, dem so genannten 1-Wire (Abb. 4–6), um so die Nahfeldklimate der Exponate, die an den Wänden positioniert sind, zu erfassen und die erforderlichen Steuer- und Regelsignale an die Aktoren zu übertragen. Zum anderen wurde ein funkbasiertes Messsystem etabliert, mit dem die Möglichkeit besteht, die vorherrschenden Nahfeldklimate der sich im Raum befindlichen Exponate drahtlos an den Mess-PC zu übertragen. Insgesamt wurden 62 Sensoren zur Erfassung der Nahfeldklimate installiert. Hiervon dienen allein 24 Sensoren dazu, die klimatischen Verhältnisse im Bereich der Außenwände und Fenster zu erfassen, um möglichen Tauwasserereignissen und um eventuell einer Schimmelpilzbildung entgegensteuern zu können. Weitere 38 Sensoren erfassen die Nahfeldklimate an den Exponaten. Da eine kabelgebundene Messwerterfassung an den mittig im Raum angeordneten Exponaten nicht möglich ist, werden diese klimatischen Verhältnisse von zehn Sensorknoten des funkbasierten Messsystems erfasst. Als Aktoren werden derzeit pro Raum sechs Konvektoren und jeweils zwei in den Räumlichkeiten verteilte mobile Be- und Entfeuchter betrieben. Diese werden individuell über die bereits erwähnte Klimastabilisierungssoftware angesteuert. 5/2015
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MONITORING – VON KLIMA BIS SCHÄDLING 9 Skulpturenzyklus von Joseph Anton Feuchtmayer, Hintergrund Salemer Marienaltar von Bernhard Strigel
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10 Raumsituation mit Altarflügel, um 1465, Seeschwaben 11 Salemer Marienaltar von Bernhard Strigel, Detail Klimamessfühler am Exponat, ca. 9mm, keine Montagehalterung notwendig.
Zu den Autoren
Studium an der Fachhochschule Hildesheim. Verschiedene Auslandsprojekte, unter anderem in Aleppo, Syrien. Von 1999 bis 2012 Werkstattleitung am Historischen Museum in Frankfurt am Main. Seit 2013 am Badischen Landesmuseum in Karlsruhe Leiter des Referates „Restaurierung und Konservierung“.
chen Untersuchungen und auf in langjähriger Erfahrung gesammeltem Fachwissen. Auf diese Weise ist es vergleichsweise kostengünstig möglich, individuelle, auf die Fragestellung „Museale Klimate in historischen Gebäuden“ angepasste Hard- und Softwarelösungen zu entwickeln.
Kontakt: oliver.morr@landesmuseum.de Prof. Dr.-Ing. Harald Garrecht studierte Bauingenieurwesen an der Universität Karlsruhe. Nach Professuren für Baustoffe, Bauphysik und Baukonstruktion an der Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft sowie an der Technischen Universität Darmstadt leitet er seit 04/2012 das Instituts für Werkstoffe im Bauwesen (IWB) an der Universität Stuttgart und ist geschäftsführender Direktor der Materialprüfungsanstalt Universität Stuttgart (MPA Stuttgart, Otto-Graf-Institut).
Einfluss der Klimasteuerung sichtbar In Salem werden seit Beginn der „Umbaumaßnahmen“ für das Zweigmuseum im Minutentakt die Messwerte aller Sensoren erfasst, bewertet und ent10
Kontakt: harald.garrecht@iwb.unistuttgart.de Dipl.-Ing. Simone Reeb MBA studierte Bauingenieurwesen an der Hochschule Karlsruhe. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Karlsruhe und an der Technischen Universität Darmstadt. Seit 2012 ist sie akademische Mitarbeiterin an der Universität Stuttgart, im Institut für Werkstoffe im Bauwesen und im Ingenieurbüro MoCult. Kontakt: reeb@mocult.de
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sprechend der Regelstrategie die erforderlichen Aktoren angesteuert. In Abbildung 7 sind exemplarisch die Nahfeldklimate, die sich am Strigelaltar und am Altarflügel vor und nach Beginn der Klimaoptimierung eingestellt haben, dargestellt. In dieser Abbildung ist der Einfluss der Klimasteuerung deutlich zu beobachten. Während sich bis zum 20. August 2014 in den Ausstellungsräumen relative Luftfeuchten > 70 % ausbildeten, sanken diese mit Beginn der Klimaoptimierung (Mitte August 2014) auf die von den Restauratoren und der Denkmalpflege geforderten 55 % ± 5 %. Während des gesamten bisherigen Ausstellungszeitraumes konnten die für die Exponate optimalen rel. Luftfeuchten eingehalten werden. Die großen historischen Werte des Klostermuseums erfordern es, dass die klimatischen Verhältnisse nicht nur über die Anlagentechnik eingeregelt und kontrolliert werden, sondern auch die Möglichkeit besteht, dass diese auf einfache Art und Weise von allen Beteiligten jederzeit eingesehen werden können. Aus diesem Grund realisierte das Ingenieurbüro eine Webvisualisierungsoberfläche, die problemlos von überall, unter Nutzung eines Browsers und Kenntnis der Login-Daten, erreicht werden kann. Abbildung 8 zeigt die Weboberfläche für einen Raum des Klostermuseums. Hier werden dem Nutzer zum einen die aktuellen Messdaten und auch der Status der Aktoren in verschieden Grafiken angezeigt und zum anderen stehen bereits archivierte Meßdaten in anschaulicher Form aufbereitet, zum Beispiel als Diagramm, zum Download zur Verfügung. Fazit Die bisherigen Erfahrungen mit der eingesetzten Anlagentechnik zeigen, dass mit einem vergleichs5/2015
Fotos: (9) Badisches Landesmuseum Karlsruhe/Thomas Goldschmidt, ; (10–12) Badisches Landesmuseum Karlsruhe/Oliver Morr
Dipl.-Rest. Oliver F. Morr
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Messfühler an einem Gemälderahmen fixiert. Raummessfühler und Messfühler am Exponat ergeben einen Durchschnittswert, der eine Be- oder Entfeuchtung notwendig machen kann.
weise kostengünstigen, aber individuell an die Aufgabenstellung angepassten MSR-System, museale klimatische Verhältnisse in historischen Gebäuden verwirklicht werden können. Voraussetzung ist die Bereitschaft aller Beteiligten, Kulturgut zu schützen und einen komplexen Baukörper bauphysikalisch zu verstehen und daraus die nötigen Schlüsse zu ziehen. Die konservatorischen Bedingungen sind eigentlich klar.Keiner wird wirklich bestreiten, Kunst so zu behandeln, dass nichts passiert. Jedoch müssen Standards und präventive Maßnahmen immer wieder neu gedacht und entwickelt werden, damit sie für alle Beteiligten zu annehmbaren und finanzierbaren Ergebnissen führen. Schön, es bleibt spannend in unserem Beruf!
Beteiligte Firmen • Das Ingenieurbüro MoCult entwickelte und realisierte ein Klima- und Servicekonzept. • Die AeDis AG (für Planung, Restaurierung und Denkmalpflege) legte mit den Verantwortlichen des Badischen Landesmuseums in einem ersten Planungsschritt die Zielwerte für das gewünschte Museumsklima fest. • Die Firma Brune/Kirner lieferte die Geräte für die Luftbefeuchtung.
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MONITORING – VON KLIMA BIS SCHÄDLING
Ein leistbarer Weg
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1 Gesamtaufnahme des Hochaltars aus der Pfarrkirche St. Leonhard in Möllbrücke 2 Deckblatt des Monitoringberichts 2014 an Kärntner Flügelaltären 3 Aufnahme aus dem Bilderzyklus in der Filialkirche Hl. Georg in Gerlamoos
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„Monitoring“ bildet einen aktuellen Projektschwerpunkt der Abteilung für Konservierung und Restaurierung des Bundesdenkmalamtes in Wien. Dies bedeutet, dass durch übersichtsweise, periodische und systematische Zustandskontrollen am künstlerischen Erbe in Österreich aktiv für eine zeitgerechte Pflege und Wartung der Kunstdenkmale gesorgt werden soll, anstatt abzuwarten, bis ein schlechter Zustand zum Schadensfall wird, der eine große Restaurierung auslöst. Durch Monitoring soll es möglich werden, die Dringlichkeit von konservatorischen Erhaltungsmaßnahmen zu erkennen und zu definieren. In Zeiten schmälerer Ressourcen gilt es, durch Sicherungsmaßnahmen für Bestandserhaltung zu sorgen und Konservierungsmaßnahmen zielgerichtet planen zu können. 2014 wurden im Bundesland Kärnten an spätgotischen Flügelaltären und mittelalterlichen Wandmalereien in Zusammenarbeit mit entsprechend qualifizierten freischaffenden Restaurator/innen zwei Pilotprojekte gestartet. Kärnten bildet eine außergewöhnlich dichte Kunstlandschaft des Mittelalters und gerade in Anbetracht der überaus großen Zahl von Pfarr- und Filialkirchen ist es eine besondere Herausforderung, die Ressourcen zu bündeln und einen leistbaren Weg zur Bestandserhaltung zu finden (Abb. 1). Rund 70 künstlerisch wertvolle Flügelaltäre und über 500 Wandmalereien von Romanik bis Gotik verteilen
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sich auf etwa 1.000 Kirchengebäude. Bei der Erstellung des Detailprogramms spielen regionale Schwerpunkte ebenso eine Rolle, wie eine Priorisierung nach Bedeutung und konservatorischer Dringlichkeit. Dabei konnte auf der Dokumentation einer bereits in den 1990er Jahren durchgeführten restauratorischen „Wartung“ an Kärntner Flügelaltären sowie auf dem 2012 vom Bundesdenkmalamt in Zusammenarbeit mit externen Fachpartnern erstelltem und publiziertem Leitfaden zu „Monitoring und Zustandserhebung an Wandmalerei und Architekturoberfläche“ aufgebaut werden. Im Rahmen der Jahreskampagnen 2014 wurden jeweils der Erhaltungszustand überblicksmäßig erfasst, regelmäßige Konservierungserfordernisse definiert und – wo notwendig und zeitlich eingrenzbar – Notsicherungen gesetzt. Wesentlich im Rahmen der Pilotprojekte war die Erarbeitung einer Erfassungs- und Dokumentationsstruktur auf Formularbasis, die in einem überschaubaren zeitlichen Aufwand ohne spezielle Vertiefungen bestritten werden kann. Ein wichtiges Ergebnis bildet jeweils eine Reihung der Dringlichkeit von einzelnen Maßnahmen auf einem Prioritätenblatt, das durch ein Ampelsystem plakativ veranschaulicht wird: I. Dringender Handlungsbedarf mit unmittelbarer Gefahr von Substanzverlust II. Dringender Handlungsbedarf III. Mäßiger oder Handlungsbedarf in geringem Umfang IV. Kein Handlungsbedarf. Im Rahmen eines vierwöchigen Arbeitseinsatzes wurden 13 Kirchen mit insgesamt 17 Flügelaltären unterschiedlichster Größe erfasst (Abb. 2). Der Zeitraum für das Monitoring wurde für Flügelaltäre bis zu einer Höhe von 3,50 Meter auf einen Tag begrenzt. Darüber hinaus wurden zwei Tage eingeplant. In diesem begrenzten Zeitraum erfolgten neben der Bestands- und Zustandserfassung auch – sofern erforderlich und ohne Einrüstung der Altäre möglich – eine Entfernung von lose aufliegendem Oberflächenschmutz und Sicherungen an Stellen mit akut drohendem Haftungsverlust. Die Erhaltungszustände der untersuchten Altäre verteilen sich auf „akut gefährdet“ (4), „gefährdet“ (10) und „stabil“ (3). Daraus ergeben sich einzelne konkrete Handlungsempfehlungen von punktuellen konstruktiven Stabilisierungen über partielle Fassungssicherungen bis hin zu gezielten Maßnahmen gegen biogenen Befall. Im Bereich der Wandmalerei wurden mit einem Team von drei Restaurator/innen in einem dreiwö5/2015
Fotos: (1) BDA; (2) BDA/Petra Laubenstein; (3) BDA/Markus Santner
Im Rahmen zweier Pilotprojekte an spätgotischen Flügelaltären und mittelalterlichen Wandmalereien ergaben die Zustandserhebung und das Monitoring überwiegend „stabile“ Ergebnisse.
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chigen Arbeitseinsatz zwölf Kirchen und zwei Karner erfasst und mehr als 50 mittelalterliche Wandbilder unterschiedlichster Größe untersucht und dokumentiert (Abb. 3). An einigen Wandmalereien erfolgten auch Notsicherungsarbeiten oder eine partielle Oberflächenreinigung (z. B. Entfernen von Spinnweben). Da für Kärnten noch keine vollständige Inventarisation der mittelalterlichen Wandbilder vorliegt, ergaben sich in der zeitlichen und finanziellen Vorplanung Unsicherheiten über den zu erwartenden Gesamtbestand in einem Kirchenraum, zu dem verschiedentlich auch Wandmalereifragmente gehören. Hier wird man in Zukunft wahrscheinlich noch über Intensitätsstufen nachdenken müssen, um letztlich eine Priorisierung vorzunehmen. Von den mehr als 50 untersuchten Wandbildern befindet sich ein Großteil in einem stabilen Zustand. Lediglich drei Wandmalereien wurden als äußerst akut gefährdet mit „sehr dringendem Handlungsbedarf“ eingestuft, bei weiteren vier Bildern wurde ein „dringender Handlungsbedarf“ festgestellt. Die an den Objekten auszuführenden Maßnahmen wurden inklusive einer Stundenkalkulation für die noch erforderlichen Notsicherungen im Bericht gesondert aufgelistet. Die Evaluierung der Pilotprojekte wird die Grundlage für ein Gesamtprogramm bilden, das für die kirchlichen Eigentümer und öffentlichen Stellen als Planungsfundament für ein zielgerichtetes Screening mit anschließenden punktuellen Sicherungs- und Vorsorgemaßnahmen dienen kann. 2015 folgt ein Pilotprojekt der Abteilung für Konservierung und Restaurierung des Bundesdenkmalamtes zur Durchführung solcher Maßnahmen auf Basis der Monitoringergebnisse. Dr. Bernd Euler-Rolle Mag. Julia Amann Mag. Markus Santner 5/2015
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MONITORING – VON KLIMA BIS SCHÄDLING
Doris Hassler, Pascal Querner, Michael Wohlfart, Wolfgang Baatz
Schloss Schönbrunn trifft Japan Wie Schädlingsmonitoring durch Papierabklebungen gelingt
Papierabklebungen können als Monitoring-Methode einen aktiven Befall von Schädlingen nachweisen und Aufschluss darüber geben, welche Bereiche betroffen sind. Im Wiener Schloss Schönbrunn klebten Wissenschaftler den Parkettboden mit Japanpapier ab. Welche Vor- und Nachteile bietet diese Methode? 1
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MONITORING – VON KLIMA BIS SCHÄDLING Integrated Pest Management (IPM)
Das Japanpapier wird auf den Boden aufgelegt und mit Klebestreifen fixiert.
Südlicher Nagekäfer (Oligomerus ptilinoides)
„Integrated Pest Management“ (IPM) ist eine nachhaltige, kostensparende Methode, die in Museen dazu eingesetzt wird, Kunstwerke vor Schädlingen zu schützen. Ein kontinuierliches Monitoring gewährleistet, einen Befall oder eine Befallsentwicklung zu beurteilen und Schädlinge sowie befallene Objekte, zu identifizieren, bevor massive Schäden an den Kunstwerken auftreten. Bei einer Bekämpfung werden möglichst giftfreie Methoden angewandt (Frieren, kontrollierte Wärme, Stickstoffbegasung, Nützlinge), um die Gesundheit der Menschen, die Umwelt und die Objekte nicht zu schädigen.
Fragestellung Im Zuge eines Schädlingsmonitorings im Wiener Schloss Schönbrunn wurden 2012 auf den Klebefallen Nagekäfer und damit der Hinweis auf einen möglichen Schädlingsbefall im „Kinderzimmer“ gefunden. Durch die Bestimmung konnte der Schädling als südlicher Nagekäfer identifiziert werden.1 Das Monitoring war Teil von eines integrierten SchädlingsmanagementKonzepts, das langfristig versucht, einen Schädlingsbefall, eine Vermehrung und Verbreitung zu verhindern (Querner et alii in Druck). Quarantäne, Reinigung, Klimaregulierung und eine dichte Gebäudehülle sind dabei wichtige präventive Aspekte. Das Monitoring mit Klebe- und Pheromonfallen dient dazu, alle Räumlichkeiten auf Schädlinge zu überwachen und bietet die Möglichkeit, die gefangenen Tiere auf den Fallen zu identifizieren (Querner et alii 2013 und darin zitierte Literatur). Allerdings stellte sich die Frage, ob ein aktiver Befall in den Möbeln und/oder dem Parkettboden (Nussholz, Einbau im Schloss vermutlich nach 1750) vorhanden ist. Durch die regelmäßige (tägliche) Reinigung der Räumlichkeiten war zu erwarten, dass die meisten Käfer gemeinsam mit dem Fraßmehl entfernt werden und daher – im Falle eines aktiven Befalls – nur ein Teil der tatsächlich ausfliegenden Käfer durch das Monito-
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ABSTRACT Integrated Pest Management in Schönbrunn Palace During an IPM-monitoring in Schönbrunn Palace an infestation with the furniture beetle Oligomerus ptilinoides was detected. Since it was unclear whether the infestation was active in the wooden floor, a monitoring with Japanese paper facings, glued on the floor with methyl cellulose, was used to clarify the activity of insects. Using two monitoring methods – sticky blunder traps (to identify the insects) and Japanese paper facings (to clarify the activity of insects in a certain area) – it was possible to successfully verify a high active infestation with Oligomerus ptilinoides in the ”children’s room” in Schönbrunn Palace.
Nachbestimmt durch Fabien Fohrer.
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MONITORING – VON KLIMA BIS SCHÄDLING Der südliche Nagekäfer Der südliche Nagekäfer (Oligomerus ptilinoides) ist in mediterranen Gebieten beheimatet und wird manchmal durch den Transport von Hölzern oder Möbeln auch nach Mitteleuropa eingeschleppt (Pospischil 2009, S. 9). Während der gewöhnliche Nagekäfer (Anobium punctatum) nur für kurze Zeit Wärme über 24–25 °C verträgt und eine relativ hohe Luft- und Holzfeuchtigkeit (65% r. Lf. und 12–14 % Holzfeuchte) benötigt (Child 2007, S. 39), ist der südliche Nagekäfer wärmeresistenter und empfindlicher gegenüber kühleren Temperaturen. Er entwickelt sich optimal bei 22 °C, 55–60 % r. Lf. und 11–16 % Holzfeuchte.2 Seine Entwicklungsdauer beträgt zwei bis drei Jahre. Optisch können beide Nagekäfer in der Profilansicht unterschieden werden: Während der gewöhnliche Nagekäfer das charakteristische kapuzenartige Halsschild besitzt, ist das Halsschild des südlichen Nagekäfers gerundet. Außerdem sind seine Facettenaugen mit feinen Haaren versehen (Flohr 2007, S. 8).
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Das Methylcellulose-Gel wird mit einem Flachpinsel aufgestrichen.
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ring entdeckt wird. Außerdem sind sehr viele alte Ausfluglöcher auf dem Parkettboden vorhanden. Daher wurde nach einer zusätzlichen MonitoringMethode gesucht, die einen aktiven Befall nachweisen kann und auch Aufschluss darüber gibt, welche Bereiche des Zimmers (Möbel oder Parkettboden) aktiv befallen sind. Hierfür wurde die Methode der Papierabklebungen gewählt (Noldt 2007, S. 44).
Monitoring durch Papierabklebungen Die Papierabklebungen wurden – ähnlich der Technik der temporären Malschichtfestigung – mit Hilfe von Japanpapier und einer Methylcellulose auf den Parkettboden aufgebracht. Hierfür wurden die Methylcellulose und destilliertes Wasser abgewogen, um eine 1%ige Lösung vor Ort herzustellen. Beides wurde in einem Mischkübel mit Hilfe eines Rührholzes umgerührt, bis sich ein Gel bildete. Danach wurde das Japanpapier auf den Parkettboden aufgelegt und das 1%ige Methylcellulose-Gel mit Hilfe von breiten Flachpinseln gleichmäßig auf das Japanpapier aufgetragen (Abb. 2). Für die etwa acht Quadratmeter Parkettboden wurden ungefähr 3 – 3,5 Liter MethylcelluloseGel verbraucht (Zimmergröße etwa 35 Quadratmeter). Diese Monitoring-Methode basiert darauf, dass neue Ausflugslöcher, also nach Anbringung des Papieres, an diesem sichtbar werden: Die Käfer müssen sich beim Ausschlüpfen nicht nur aus dem Holz, in diesem Fall aus dem Parkettboden, herausnagen, sondern auch durch das Papier. Die Ausfluglöcher sind dann deutlich als „neue“ Ausfluglöcher im Papier sichtbar. Zur Auswertung werden die Ausfluglöcher der Käfer in regelmäßigen Abständen, in diesem Fall einmal im Juni und einmal im Juli, protokolliert: Die Löcher werden eingekreist, mit dem jeweiligen Datum beschriftet und gezählt. Die Abklebungen am Parkettboden im Kinderzimmer wurden vom 6. Juni 2014 bis zum 16. September 2014 belassen. 5/2015
MONITORING – VON KLIMA BIS SCHÄDLING Ergebnis Mit Hilfe der beiden Monitoring-Methoden (Klebefallen und Papierabklebungen) konnte ein aktiver Schädlingsbefall des südlichen Nagekäfers am Parkettboden des Schönbrunner Kinderzimmers erfolgreich nachgewiesen werden. Es wurden in dem gesamten Zeitraum über 200 Ausflugslöcher gezählt. Das Monitoring mit Klebefallen diente dabei der Auffindung von Käfern und deren Bestimmung. Das Monitoring mit Papierabklebungen diente dem Nachweis eines aktiven Befalls im Holzboden. Das ausgewählte Japanpapier und die 1%ige Methylcellulose-Lösung als Klebstoff waren sehr gut geeignet, um das Monitoring am Parkettboden durchzuführen. Das Papier war stabil genug, um sowohl beim (vorsichtigen) Auftrag der Methylcellulose als auch beim Abziehen nach Beendigung des Monitorings nicht einzureißen. Die 1%ige Methylcellulose-Lösung bot einerseits genug Klebekraft, um das Japanpapier für die Zeit des Monitorings am Parkettboden zu befestigen, andererseits war die Klebekraft gering genug, um das Papier nach Beendigung des Monitorings ohne erneutes Anfeuchten vom Parkettboden abzuziehen.3 Folgendes ist bei der Anbringung der Papierabklebungen zu beachten: Beim Auftrag der Methylcellulose-Lösung sollte von innen nach außen gestrichen werden, um Faltenbildung im Papier zu vermeiden. Außerdem muss vorsichtig gearbeitet werden, da das feuchte Japanpapier sonst leicht einreißen kann. Sollte das Papier reißen, kann ein kleines Stück Japanpapier als „Flicken“ über die beschädigte Stelle gelegt und mit Methylcellulose
„angeleimt“ werden. Es empfiehlt sich auch, die Abklebungen bereits im März/April anzubringen, um die gesamte Ausflugszeit beobachten und dokumentieren zu können. Nachteile Ein Nachteil dieser Monitoring-Methode ist ihre Sichtbarkeit in den Ausstellungsräumen.4 Außerdem genügt sie nicht allein und muss mit einem Monitoring mit Klebefallen kombiniert werden: An den Papierabklebungen sieht man zwar, dass Käfer ausgeflogen sind, allerdings kann nicht bestimmt werden, um welchen Schädling, beziehungsweise um welche Schädlinge (es können unterschiedliche Arten parallel auftreten) es sich handelt. Zur Schädlingsbestimmung dient dann die Auswertung der Klebefallen. Durch die Lochanzahl an den Papierabklebungen können zwar deutliche Aussagen über einen Befall gemacht werden, allerdings entspricht die Loch anzahl nicht unbedingt genau der Anzahl der ausgeflogenen Käfer: Einige Käfer benutzen beim Ausschlüpfen das Loch eines Vorgängers, das heißt, dass die Anzahl der ausgeschlüpften Käfer größer sein kann, als die vorhandenen Ausfluglöcher (Noldt 2007, S. 50).
Verwendete Materialien • Methylcellulose: Tylose® MH 300 P2 • Japanpapier: LRG 1847 shoji Basic Roll 45g • Imprägnierte Viskose-Tücher: Masslinn Tücher
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www.ensam.inra.fr/cbgp/insectes-du-patrimoine/?q=fr/node/208.
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Der Parkettboden im Schloss wurde bis vor einigen Jahren noch mit Benzinwachs eingelassen, seit etwa vier Jahren aber
nur noch mit imprägnierten Viskose-Tüchern gereinigt. 4
Möglich wäre ein Einfärben des Papieres, vgl. Dropmann et alii 2007, S. 87.
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MONITORING – VON KLIMA BIS SCHÄDLING 3 Zu den Autoren Doris Hassler, M. A. ist Kunsthistorikerin und freiberufliche Restauratorin im Fachbereich Gemälde/Skulptur. Sie strebt im Bereich der inte grierten Schädlingsbekämpfung und -management eine Dissertation zum Thema Einsatz von Nützlingen an. Kontakt: doris.hassler@gmx.net Dr. Pascal Querner ist promovierter Biologe und auf integrierte Schädlingsbekämpfung in Museen und Depots spezialisiert. Er führt seit 2004 Monitoring in unterschiedlichen Museen in Wien und Deutschland durch, unter anderem auch für das Kunsthistorische Museum, das Technische Museum, Schloss Schönbrunn und die Nationalbibliothek in Wien. Neben einem Lehrauftrag an der Universität für Angewandte Kunst in Wien führt er auch internationale Workshops durch.
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Kontakt: pascal.querner@boku.ac.at Michael Wohlfart ist Mitarbeiter der Abteilung Forschung und Dokumentation der Schloss Schönbrunn Kulturbetriebe GmbH in Wien. Er ist verantwortlich für die Inventarverwaltung und als Kurator bemüht, die Zimmerausstattung der Prunkräume im Schloss Schönbrunn und den Kaiserappartements der Wiener Hofburg möglichst im Originalzustand wiederherzustellen. Kontakt: Wohlfart@schoenbrunn.at 3/4 Die Ausflugslöcher werden eingekreist und mit dem jeweiligen Datum beschriftet.
Beim Anbringen von Papierabklebungen an historischen Objekten sollte außerdem Folgendes überlegt werden: Bleiben Rückstände des Klebstoffes am Objekt und können diese negative Auswirkungen haben? Wirkt sich der Wassereintrag beim Auftrag des Klebstoffs negativ auf das Objekt aus? Werden obere Schichten des Objektes durch den Auftrag angelöst und beim Abziehen des Papiers mitabgenommen?5
Da der Parkettboden im Kinderzimmer und in zwei angrenzenden Zimmern des Schlosses stark befallen ist, wird derzeit eine Behandlung mit Mikrowelle überlegt. Es sind auch noch einzelne Möbel von dem Holzschädling in anderen Räumen befallen. Auch diese sollen in den kommenden Wintermonaten mit Stickstoff oder kontrollierter Wärme behandelt werden. Das Monitoring im kommenden Jahr wird dann den Erfolg der Bekämpfungsmethoden dokumentieren.
Kontakt: w.baatz@akbild.ac.at 5
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Bezüglich des Bodens im Schloss siehe Anm. 3.
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Fotos: Fabien Fohrer
Prof. Wolfgang Baatz Er war Gründungsmitglied des „European Network for Conservation-Restoration Education“ (ENCoRE), dem er auch als Präsident vorsteht. Seit 1994 ist er Leiter des Instituts für Konservierung-Restaurierung der Akademie der bildenden Künste Wien. Als Professor setzt er sich dafür ein, die Naturwissenschaften sowie den Bereich der präventiven Konservierung, wie beispielsweise IPM, in der Restaurierungsausbildung weiter zu implementieren.
Literatur Child 2007 Child, Robert E.: Controlling Insect Pests by Controlling the Environment, in: Noldt, Uwe und Hubertus Michels (Hrsg.): Holzschädlinge im Fokus. Alternative Maßnahmen zur Erhaltung historischer Gebäude. Beiträge der internationalen Tagung im LWL-Freilichtmuseum Detmold/Westfälisches Landesmuseum für Volkskunde, Detmold 2007, S. 37–40. Dropmann et alii 2007 Dropmann, Melanie et alii: Möglichkeiten und Grenzen des Monitorings von holzzerstörenden Insekten an Kunst- und Kulturgut – Abteikirche Marienmünster, in: Noldt, Uwe und Hubertus Michels (Hrsg.): Holzschädlinge im Fokus. Alternative Maßnahmen zur Erhaltung historischer Gebäude. Beiträge der internationalen Tagung im LWL-Freilichtmuseum Detmold/ Westfälisches Landesmuseum für Volkskunde, Detmold 2007, S. 83–90. Flohr 2007 Flohr, Ekkehard: Der südliche Nagekäfer, in: Schützen & Erhalten, September 2007, S. 8–9. Noldt 2007 Noldt, Uwe: Monitoring von holzzerstörenden Insekten – Anforderungen und erste Ergebnisse, in: Noldt, Uwe und Hubertus Michels (Hrsg.): Holzschädlinge im Fokus. Alternative Maßnahmen zur Erhaltung historischer Gebäude. Beiträge der internationalen Tagung im LWL-Freilichtmuseum Detmold/Westfälisches Landesmuseum für Volkskunde, Detmold 2007, S. 41–57. Noldt 2014 Noldt, Uwe: Monitoring der holzzerstörenden Insekten, in: Binker, Gerhard et alii (Hrsg.) Praxis-Handbuch Holzschutz: Beurteilen, Vorbereiten, Ausführen, Köln 2014, S. 240–242. Pospischil 2009 Pospischil, Reiner: Nagekäfer – 11 bedeutsame Arten, in: DpS - Fachzeitschrift für Schädlingsbekämpfung, 10 (2009), S. 8–11. Querner et alii 2013 Querner, Pascal et alii: Results from the insect pest monitoring 2010 and implementing an Integrated Pest Management concept in two large Museum collections in Berlin and Vienna, in: International Biodeterioration & Biodegradation 84 (2013), S. 275–280. Querner et alii in Druck Querner, Pascal et alii: IPM in the palace of Schönbrunn in Vienna, Austria, in: Tagungsband der internationalen IPM Tagung in Wien 2013, in Druck.
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MONITORING – VON KLIMA BIS SCHÄDLING
Stephan Biebl
Diagnose von aktivem Holzwurmbefall Hintergründe und praktische Methoden im Rahmen vom Schädlingsmonitoring
Häufig stellt sich bei der Untersuchung an Holzobjekten die Frage, ob das Bohrmehl in Zusammenhang mit einem aktiven Befall durch holzzerstörende Insekten steht oder es sich nur um herausrieselndes Bohrmehl eines erloschenen Befalls handelt. Da die praktische Einschätzung nicht immer einfach verläuft, hängt die Beurteilung stark von der persönlichen Erfahrung des Gutachters ab, der in der Regel die notwendigen Bekämpfungs- oder Präventivmaßnahmen empfehlen muss.
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ABSTRACT Diagnosis of active woodworm infestation – Background and some practical methods of pest management When examining wooden items, the question often arises as to whether the dirt found from woodboring beetles indicates active infestation or whether it is merely old dust from a previous infestation. The present report gives contemporary insights on the biology of woodboring beetles and natural enemies and describes practicable diagnostic methods. Based on the example of the furniture beetle (Anobium punctatum), the differences in appearance between exit holes and frass are explained.
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In der Vergangenheit bis zur Gegenwart wird bei der Diagnose eines Holzschädlingsbefall häufig nur das sichtbare Bohrmehl beurteilt. Es erfolgten viele Bekämpfungsaktionen ohne spezifische Analyse, weil das Hintergrundwissen über die Biologie von Holzschädlingen, biologische Gegenspieler (Antagonisten) oder Sekundärinsekten fehlt. Häufig taucht auch die Frage des aktiven Befalls nach einer rückstandsfreien Bekämpfung, wie z. B. Begasung auf, wenn nach der Behandlung erneut Bohrmehl auftaucht (Franke 2001) und damit die Wirksamkeit der Behandlung in Frage gestellt wird. In der Fachliteratur (Grosser 1985, Sutter 2002) sowie im Internet finden sich als Hinweise zur Bestimmung eines Holzschädlingsbefalls das Auftreten von Fluglöchern, damit verbundener Bohrmehlausstoss und das Auffinden von toten oder lebenden Insekten (Larve oder Imago). Jedoch kommt
als praktische Erkenntnis hinzu, dass aufgrund von Erschütterungen Bohrmehl aus befallenen Holzteilen rieseln kann (Grosser 1985). Um das Problem von Bohrmehl durch Erschütterungen bei der Diagnose zu umgehen, beschreiben verschiedene Autoren (Dropmann et alii 2007, Noldt 2002, Pinniger 2015, Waentig/Krupa 2007) den Einsatz von reversiblen Abklebungen mit Spezialpapier und Klebstoffen an befallenen Holzteilen. Neuere Erkenntnisse zur Beurteilung von Form und Auftreten von Bohrmehlhäufchen kommen von Ott (2008) oder Haustein (2010), die auf das Auftreten von biologischen Gegenspielern näher eingehen. In der täglichen Praxis ergibt sich nicht immer der Idealfall, dass Insekten oder frische Ausfluglöcher gefunden werden oder das herausfallende Bohrmehl zeitlich und verursacherbedingt zugeordnet werden kann. 5/2015
Fotos: Stephan Biebl
Bohrmehlkegel und Ausfluglöcher an Holzobjekten
MONITORING – VON KLIMA BIS SCHÄDLING Dadurch stellt sich in der Restaurierung oder Holzschutzpraxis häufig die Frage, ob ein Befall noch aktiv oder erloschen ist, was im nachfolgenden näher erklärt wird. Biologie von Holzschädlingen und natürlichen Feinden Nachfolgende Insekten (Auswahl) kommen bei der Untersuchung oder Überwachung an Holzobjekten oder bei historischen Gebäuden vor und können dabei Fraß- bzw. Bohrmehl produzieren: Familie
Art
Nagekäfer
Gemeiner bzw. Gewöhnlicher Nagekäfer (Anobium punctatum) Gekämmter Nagekäfer (Ptilinus pectinicornis) Bunter bzw. Gescheckter Nagekäfer (Xestobium rufovillosum)
Splintholzkäfer
Bockkäfer
Afrikanischer Splintholzkäfer (Lyctus africanus) Brauner Splintholzkäfer (L. brunneus) Linierter Splintholzkäfer (L. linearis) Amerikanischer Splintholz käfer (L. planicollis) Hausbockkäfer (Hylotrupes bajulus) Veränderlicher Scheibenbock (Phymatodes testaceus) Blauer Scheibenbock (Callidium violaceum) Braune Wegameise (Lasius brunneus)
Ameisen
Trockenholztermiten
Westindische Trockenholztermite (Cryptotermes brevis)
Nachfolgende Insekten (Auswahl) kommen nach Haustein (2010) als natürliche Gegenspieler am bzw. im Holz vor und können je nach Stadium (Larve/Imago) Bohrmehl aus dem Holz herauswerfen:
Familie
Art
Buntkäfer
Blauer Fellkäfer (Korynetes coeruleus) Hausbuntkäfer (Opilo domesticus) Weicher Buntkäfer (Opilo mollis)
Brackwespen
* (Spathius exarator)
Ameisenwespchen
* (Cephalonomia gallicola)
Erzwespen
* (Cerocephala cornigera)
Milben
Kugelbauchmilbe (Pyemotes ventricosus)
* ohne deutschen Namen
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Neben den natürlichen Feinden nutzen auch so genannte „Sekundärinsekten“ (z. B. Schlupfwespen, Mauerbienen, Speckkäfer usw.) das Holz gelegentlich als Verpuppungsort oder Versteck und können dabei ebenfalls Bohrmehlspuren erzeugen oder hinterlassen. Aufgrund der auftretenden Häufigkeit und Bedeutung für die tägliche Praxis wird im Folgenden exemplarisch auf die Biologie des Gemeinen Nagekäfers (Anobium punctatum) eingegangen, da es bei der Diagnose von aktivem Befall anhand Bohrmehlhäufchen immer wieder zu Fragen bei der Beurteilung kommt. Zunächst muss erwähnt werden, dass nach Beobachtungen von Franke (2001) und Ott (2008) die meisten Bohrmehlhäufchen von biologischen Feinden (z. B. Buntkäferlarven) erzeugt werden und weniger vom eigentlichen Holzschädling selbst. Der Grund hierfür ist, dass die im Holz fressenden Larven (= Holzwurm) von natürlichen Feinden, wie z. B. dem Blauen Fellkäfer, als Beute verfolgt und gefressen werden. Hierzu müssen die Larven des Blauen Fellkäfers über vorhandene Ausfluglöcher und verstopfte Fraßgänge zu den Schädlingen im Holz vordringen, da sie die Holzsubstanz selbst weder fressen noch verwerten können. Durch die Aktivität der Fellkäferlarven entstehen unterschiedliche Bohrmehlkegel (Abb. 1, 4) oder Wanderungsspuren (Abb. 5) in den Bohrmehlhäufchen. Grundsätzlich kann bei genauer Betrachtung mittels Mikroskop (z. B. 40–100fache Vergrößerung) zwischen Bohrmehl mit Larvenkot (walzenförmig) und Spänen (Nagsel) unterschieden werden. Bei den Nagekäfern sind die adulten Käfer in der Lage, sich mit ihren Beißwerkzeugen (Mandibeln) nach der Verpuppung aus dem Fraßgang durch die abschließende Holzschicht (ca. 0,5–1 mm) nach außen zu nagen und dabei Späne (Nagsel) zu hinterlassen (Abb. 2). Da dieser Vorgang mehrere Stunden dauert, führen die Käfer an den Beinen eine gewisse Menge an Spänen mit, die ebenfalls nach außen gearbeitet werden. Findet man außerhalb vom Holz den Larvenkot, den die Larven hinter sich in den Fraßgängen hinterlassen, kann man beim Verursacher von einem natürlichen Feind (z. B. Buntkäfer-Larve) ausgehen. Als adulte Käfer hinterlassen Feinde, wie der Blaue Fellkäfer, ebenfalls kaum Bohrmehl, da sie mit dem Kopf voraus aus alten Fraßgängen des Nagekäfers schlüpfen (Abb. 3).
Info Der Gemeine oder Gewöhnliche Nagekäfer (Anobium punctatum), umgangssprachlich auch Holzwurm wegen Aktivität der Larven genannt, gehört zur großen Familie der Nagekäfer. Die Entwicklungszeit der holzzerstörenden Larven kann unter ungünstigen Bedingungen bis zu acht Jahre betragen. Der schlüpfende Käfer legt nach seiner Paarungszeit seine Eier wieder gerne in das Holz, aus dem er gekommen ist. Er befällt sowohl Laubund Nadelholz, was er meist in Form von Kunstobjekten, Kirchenausstattung, Möbeln oder Konstruktionsholz in Räumen mit höherer Luftfeuchtigkeit findet.
Methoden zur Diagnose eines Lebendbefalls Der direkte Nachweis eines Lebendbefalls erfolgt beim Auffinden von lebenden Käfern während der Paarungszeit am Holz oder durch tote Käfer. Diese können nach der Schlupfzeit in der Nähe des befallenen Holzes herumliegen, wenn dort nicht gereinigt wurde oder durch natürliche Feinde entstanden sein, wie zum Beispiel Speckkäfer, die keratinhaltige Insektenleichen rückstandslos vernichten. 31
MONITORING – VON KLIMA BIS SCHÄDLING 2
2 Nagekäfer (links) und Bohrmehlhäufchen (rechts) an Kirchenaltar 3 Schlüpfender Fellkäfer aus Fraßgang von Nagekäfer 3
Um lebende Larven zu finden, müsste das Holz aufgespalten werden, was bei Kunstobjekten nicht möglich ist. Die häufig gehörte Aussage, man habe Holzwurmlarven aus dem Holz fallen sehen, kann bei näherer Bestimmung widerlegt werden, da die Larven von Holzschädlingen das Holz nicht verlassen. Es handelt sich dabei in der Regel um andere Insektenlarven wie Bunt- oder Speckkäfer. Um herumlaufende oder fliegende Käfer gezielt einzufangen, können entweder Fallen mit Klebefläche oder Lichtfallen (z. B. UV-Licht oder Kaltlicht) genutzt werden, die über Schädlingsbekämpfer oder Fachhändler erhältlich sind. Die teil32
weise in der Literatur erwähnten und häufig nachgefragten „Anobienfallen mit Pheromon“ sind aktuell nicht über den Fachhandel erhältlich, da der ursprüngliche Hersteller die Produktion vor ca. zehn Jahren eingestellt hat. Inwieweit sich die handelsüblichen Pheromone des artverwandten Brotkäfers (Stegobium paniceum) beim Gemeinen Nagekäfer anwenden lassen, ist wissenschaftlich nicht bewiesen. Eigene Feldversuche des Verfassers zeigten keine Wirksamkeit auf Nagekäfer, die zudem nur über kurze Distanzen angelockt werden können. Ein häufig empfohlener Praxistipp zur einfachen Feststellung von aktivem Holzwurmbefall bei klei5/2015
MONITORING – VON KLIMA BIS SCHÄDLING 4
4 Bohrmehlhäufchen mit Kotpupillen 5 Larven vom Gefleckten Pelzkäfer (Attagenus pellio) 5
neren Möbelstücken ist die Reinigung bzw. das Absaugen von altem Bohrmehl und Platzierung auf schwarzem Papier mit weiterer Beobachtung auf frisches Bohrmehl. Hierzu ist zu beachten, dass aus den bereits genannten Gründen (siehe Biologie), diese Feststellung fehlerhaft sein kann, wenn aus den Fluglöchern der Insekten altes Bohrmehl durch Erschütterung oder Dimensionsänderungen (Schwinden/Quellen) herausrieselt. Aber auch beim Vorhandensein von biologischen Feinden bzw. Sekundärinsekten. Diesen Problemen kann durch das Verschließen von Bohrlöchern mittels Wachs, Holzkitt o. ä. entgangen werden, wenn dies objektbezogen möglich ist. 5/2015
Bei Museums- oder Kunstgegenständen gelten Abklebungen von Holzoberflächen bei Verdacht auf aktiven Befall mittlerweile als Stand der Technik (Dropmann et alii 2007, Noldt 2002, Waentig/ Krupa 2007 sowie den vorangegangenen Beitrag). Dabei kann je nach Art der Oberfläche (ohne Überzug, transparenter Überzug oder polychrom gefasst) mit unterschiedlichen Papieren (z. B. Japanpapier, Teebeutelpapier oder Packpapier) und Klebstoffen (z. B. Klucel, Störleim oder Methylcellulose), die wasserlöslich und rückstandsfrei ablösbar sind, gearbeitet werden. Während der Schlupfzeit in den Sommermonaten (Juni bis August) kann der Befall anhand von frischen Löchern im aufge33
MONITORING – VON KLIMA BIS SCHÄDLING wendung von handelsüblicher Technik zur akustischen Detektion von nagenden Larven im Holz, hat sich bislang nur bei größeren Larven vom Hausbock bewährt (Abb. 6).
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Praktische Maßnahmen für das Monitoring Nachfolgende Aufzählungen und Hinweise sollen als Hilfsmittel bei der Untersuchung auf aktiven Befall dienen. Im Zweifel empfiehlt sich jedoch die Expertise eines Holzschutzsachverständigen mit langjähriger Berufserfahrung, die nur bei regelmäßigem Umgang mit befallenen Objekten und spezifischer Fortbildung gewonnen werden kann.
Akustische Kontrolle von Nagegeräuschen bei Hausbocklarven
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brachten Papier überwacht und beurteilt werden. Das Herausrieseln von Bohrmehl wird dadurch vermieden und natürliche Feinde können anhand von Spuren (z. B. Lochdurchmesser) festgestellt bzw. unterschieden werden. Die häufig nachgefragte Untersuchung mit apparativen Verfahren, wie Bohrwiderstandsmessung, Röntgenstrahlung oder Ultraschallechomessung kommt in der Praxis nur sehr selten zur Anwendung, da die Nutzung der Technik entweder viel Erfahrung erfordert, nur im Labor anwendbar ist oder kein aussagekräftiges Ergebnis bei der Analyse von lebenden Organismen im Holz liefert. Die geeignete Technik müsste anwenderfreundlich, transportabel, kostengünstig und mit Langzeitmessbarkeit versehen sein, um die teils verzögerten Bewegungen der Larven im Holz über einen längeren Zeitraum aufzeichnen zu können. Diese Eigenschaften konnten bislang noch mit keiner der genannten Apparate vereinigt werden. Die An-
• Berücksichtigung von Dauer und Zeitpunkt der Untersuchung Hierzu ist zu klären, ob nur eine Momentaufnahme ausreicht oder die Überwachung über einen längeren Zeitraum erfolgen muss, um ein Ergebnis zu erhalten. Idealer Zeitpunkt: Flug- und Paarungszeit im Sommer. • Beurteilung, ob kontaminiertes Holz vorliegt In den meisten Fällen kann ein aktiver Holzwurmbefall ausgeschlossen werden, wenn chemische Rückstände von früheren Holzschutzbehandlungen vorhanden sind. • Welche Spuren sind am Holz sichtbar? Ausfluglöcher, Frassgänge oder Insekten • Sind lebende oder tote Käfer (Imago) vorhanden? • Liegt ein Befall durch verschiedene Arten vor? An historischen Hölzern (Dachstuhl, Parkettboden) kann ein zeitversetzter Befall durch unterschiedliche Holzschädlingsarten vorliegen, das heißt, Altbefall und Lebendbefall mit unterschiedlichen Hinweisen. • Aussehen der Ausfluglöcher Scharfkantig-hell, wenn es sich um frische Ausfluglöcher handelt und das oberflächliche Schlupfloch noch nicht verunreinigt oder durch UV-Licht abgedunkelt ist. Stumpf-dunkel, wenn es alte Ausfluglöcher sind. • Äußeres Erscheinungsbild Gibt es viele Ausfluglöcher (starker Befall) oder nur wenige (leichter Befall)? Sind die Löcher tief, da auch Speck- oder Diebkäfer im Holz nisten können und sich oberflächlich einbohren? Stammen die Fluglöcher von Frischholzinsekten (Forstschädlinge), die vor der Holzverarbeitung schon vorhanden waren? Dies gilt besonders bei Parkettböden. • Form und Farbe des sichtbaren Bohrmehls, Kotpartikel (pillenförmig) und/oder Fraßmehl (scharfkantig) Die Färbung des Bohrmehls hängt stark von der Beeinflussung durch UV-Licht ab, was erst nach dem Austritt vom Holz zur Verfärbung führt. Zudem unterscheidet sich das Bohrmehl von der Holzart (z. B. Eiche/dunkel, Fichte/hell). Die Bohrmehlform kann sich durch Windbewe5/2015
MONITORING – VON KLIMA BIS SCHÄDLING gung, Winkel (horizontal, vertikal), UV-Licht, Feuchteänderung oder Insektenaktivität stets verändern. • Sind weitere Maßnahmen zur Beurteilung erforderlich? Abklebungen am Holz anbringen. Prüfen, ob bereits Abklebungen (z. B. Tapete) oder Beschichtungen (Farbe, Lackierung usw.) vorhanden sind. Zusätzliche Fallen aufstellen (z. B. gelbfarbige Wasserteller, Klebefallen oder UV-Lichtfallen mit Klebefläche). Diskussion Unter Berücksichtigung der Problematik von chemischen Altlasten sind nähere Untersuchungen erforderlich, ob das kontaminierte Holz, welches
vor einigen Jahrzehnten behandelt wurde, noch von Insekten bewohnt oder befallen werden kann. Ein theoretischer Ansatz wäre die Durchdringung des Holzes und Eiablage über alte Ausfluglöcher, wodurch die Insekten nur ungenügend oder nicht mit den chemischen Rückständen in Kontakt kommen, da Naturholzoberflächen in der Regel nur 2–3 mm imprägniert werden können. Zudem fehlt unter Umständen die Kenntnis der Schutzmittelverteilung über die gesamte Holzoberfläche, wenn der mechanische Auftrag ungleichmäßig erfolgte. Letztendlich stellt sich auch die Frage der Rückstandsmengen an den Holzoberflächen, wo sich chemische Wirkstoffe innerhalb von Jahrzehnten durch äußerliche Einflüsse (Luftwechsel, Temperatur, Reinigung, Restaurierung) abbauen können.
Literatur Dropmann et alii 2007 Dropmann, Melanie et alii: Möglichkeiten und Grenzen des Monitorings von holzzerstörenden Insekten an Kunst- und Kulturgut – Abteikirche Marienmünster, in: Noldt, Uwe und Hubertus Michels (Hrsg.): Holzschädlinge im Fokus. Alternative Maßnahmen zur Erhaltung historischer Gebäude. Beiträge der internationalen Tagung im LWL-Freilichtmuseum Detmold/Westfälisches Landesmuseum für Volkskunde, Detmold 2007, S. 83–90. Franke 2001 Franke, Peter: Holzwurmbefall: Tot oder lebend? – Bemerkungen zum Auftreten von Bohrmehl nach Kirchenbegasungen, in: Der praktische Schädlingsbekämpfer, 53 (6/2001), S. 15–21. Grosser 1985 Grosser, Dietger: Pflanzliche und tierische Bau- und Werkholzschädlinge, Leinfelden-Echterdingen 1985. Haustein 2010 Haustein, Tilo: Zur Diagnose und integrierten Bekämpfung Holz zerstörender Insekten unter besonderer Berücksichtigung der Buntkäfer (Coleoptera, Cleridae) als deren natürliche Gegenspieler in historischen Gebäuden, Stuttgart 2010. Noldt et alii 2002 Noldt, Uwe et alii: Monitoring von holzzerstörenden Insekten und Begleitung von Bekämpfungsmaßnahmen in Freilichtmuseen, in: BFH-Nachrichten 40, 2 (2002), S. 7–8. Ott 2008 Ott, Robert: Untersuchungen über die Entstehung von Bohrmehlhäufchen an Schlupflöchern des Gemeinen Nagekäfers (Anobium punctatum), 2008, in: www.holzfragen.de/seiten/bohrmehl. Pinniger 2015 Pinniger, David: Integrated Pest Management in Cultural Heritage, London 2015. Sutter 2002 Sutter, Hans-Peter: Holzschädlinge an Kulturgütern – Erkennen und Bekämpfen, Bern 2002. Waentig/Krupa 2007 Waentig, Friederike und Krupa, Andreas: Monitoring von Holzschädlingen als Teil der Restauratorenausbildung – St. Mariae Geburt in Kempen, in: Noldt, Uwe und Hubertus Michels (Hrsg.): Holzschädlinge im Fokus. Alternative Maßnahmen zur Erhaltung historischer Gebäude. Beiträge der internationalen Tagung im LWLFreilichtmuseum Detmold/Westfälisches Landesmuseum für Volkskunde, Detmold 2007, S. 61–71.
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Zum Autor Dipl.-Ing- Stephan Biebl ist freiberuflicher Sachverständiger für Holzschädlingsbekämpfung und spezialisiert in den Bereichen Museen und historische Gebäude. Seit vielen Jahren ist er beratend für Museen, Kunstsammlungen oder Restauratoren tätig, wenn es um praktische Problemlösungen bei Schädlingsbefall geht. Kontakt: info@holzwurmfluesterer.de
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ERHALT VON KULTURLANDSCHAFTEN
Ursula Kellner
Landschaft erzählt Geschichte
Das Welterbe-Areal Kloster Lorsch am Fuß der Bergstraße in Südhessen erhielt einen neuen, gestalterischen Rahmen, der die Relikte der Anlage wieder erlebbar macht. Nach anfänglicher Skepsis der Einwohner ist der neue Anziehungspunkt für Besucher nun akzeptierter Bestandteil der Kleinstadt. Geblieben ist von dem einst blühenden Kloster Lorsch, das mit seinen Bauten die Landschaft prägte, die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt beförderte und zugleich „ein wichtiger Ort für die Bewahrung und Vermittlung von antiker Kunst und Wissenschaft“ war, wenig. Aber das, was an baulichen Relikten von dem 1557 aufgehobenen und im Dreißigjährigen Krieg zerstörten Kloster noch erhalten ist, war es der UNSESCO wert, das Areal auf die Welterbe-Liste zu setzen.
Urzelle der Ordensniederlassung war das 764 gegründete Kloster Altenmünster in der Niederung am Ufer der Weschnitz. Doch schon einige Jahre später errichtete man eine neue, größere Anlage etwas weiter westlich auf e iner eiszeitlichen Flugsanddüne, die sich aus dem ebenen Rheintal erhebt. Von einer Mauer umgeben bedeckte die aus zahlreichen Gebäuden bestehende Klosteranlage den gesamten Hügel und wurde gleichzeitig zur Keimzelle der heutigen Stadt Lorsch.
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ERHALT VON KULTURLANDSCHAFTEN 1 Die Grundrisse nicht mehr vorhandener Klostergebäude werden im Gelände durch Eintiefungen in den Rasen nachgezeichnet.
Erhalten sind heute nur noch drei Gebäude: die Königshalle, ein Fragment der Basilika sowie die Klostermauer, die auch einige später hinzugekommene Gebäude, wie zum Beispiel eine Zehntscheune umschließt. Am b ekanntesten und ein Wiedererkennungsmerkmal ist die Königshalle aus der Karolingerzeit mit ihrer markanten weiß-roten Sandsteinfassade und dem zierlichen Glockentürmchen. Kenntnisse über die verloren gegangenen Bauten stammen lediglich aus punktuellen Grabungen, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts vorgenommen wurden und immer noch fortgesetzt werden. Einheimischen wie kulturell interessierten Touristen erschloss sich dagegen die Besonderheit des Ortes in ihrem scheinbar zusammenhanglosen Nebeneinander von Einzelrelikten nur schwer bis gar nicht. Von der Stadt kommend, ging man vielfach gerade mal zu den „Highlights“, der Königshalle und den Mauerresten der Basilika. Allenfalls reichte es von der Hangkante aus noch zu e inem Blick hinweg über Siedlung, Betriebe, Parkplätze und landwirtschaftlichen Flächen der Ebene auf die Bergkette des Odenwalds mit seinen
2 Vom einstigen Kloster Lorsch sind heute nur noch die Königshalle sowie Teile der Basilika und der Klostermauer erhalten. Die Architekten arbeiteten daher mit Abdrücken der Grundrisse.
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ABSTRACT
Fotos: Hanns Joosten; Pläne: Topotek
Landscape narrates history
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The former Benedictine Abbey in Lorsch and its original monastery have largely been destroyed. The new landscaping recounts the history of the world cultural heritage site as topographic copy and, by applying stylistic elements, reignites historic and scenic contexts. The German architectural landscape prize for 2015 was awarded to architects Topotek 1 and hg merz.
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ERHALT VON KULTURLANDSCHAFTEN Welterbe-Areal Kloster Lorsch • Karolingische Reichsabtei
Burgen. Bis zum Ort des ehema ligen Klosters Altenmünster, das ebenfalls zum Welterbe-Areal gehört, kamen wohl die Wenigsten.
• Aufhebung des Klosters in der Reformation • weitgehende Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg • Erhalt der karolingischen Königshalle • 1991 als Weltkulturerbe anerkannt
Darstellung von Zusammenhängen Als 2010 Gelder aus dem Investitionsprogramm der Unesco zur Verfügung standen, lobte die zuständige Verwaltung „Staatliche Schlösser und Gärten Hessen“ einen Wettbewerb aus. Elf Landschaftsarchitekten widmeten sich jeweils in Kooperation mit einem Architekten der Aufgabe, den Zusammenhang der Ursprungsanlage Altenmünster inmitten landwirtschaftlich g enutzter Flächen und den Klosterresten im Herzen der Stadt durch eine verbindende Formensprache erlebbar zu machen. Den ersten Preis gewann die Arbeitsgemeinschaft Topotek 1 Landschaftsarchitekten aus Berlin und hg merz architekten museumsgestalter aus Stuttgart, deren Konzept umgesetzt wurde.
Der Entwurf basiert auf zwei Kerngedanken: eine Vorstellung von den nur relikthaft erhaltenen Klöstern wieder zu vermitteln sowie den räumlichen Zusammenhang zwischen den beiden Anlagen durch eine neue Besucherführung zu stärken. Von der Prämisse ausgehend, dass sich das Wissen um verloren gegangene historische Stätten – vor allem je länger ihre Zerstörung zurückliegt – mit neuen Erkenntnissen immer weiter entwickelt, verzichten die Landschaftsarchitekten darauf, vermeintlich Gegebenes „in Stein zu meißeln“. Vielmehr arbeiten sie, wie sie selbst sagen, mit der „Sprache der Topografie“. Von der Stadt kommend verbindet der B odenbelag den befestigten Stadtplatz mit der Klosterlandschaft. Während die Königshalle von steinernem Bodenbelag umgeben ist, löst sich dieser in der Fläche dahinter bis zur Basilika in Streifen auf, um danach in Rasen überzugehen, der den Hügel einheitlich überzieht.
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ERHALT VON KULTURLANDSCHAFTEN Dort a rbeiten die Landschaftsarchitekten den „Abdruck“ von Kloster kirche, Vorhof und Klausur mit Kreuzgang durch „topogra fische Gesten“ heraus: Die Grundplatten erscheinen wie eingedrückt im Gelände, indem das umgebende Terrain um 35 Zentimeter erhöht mit scharf gekanteten Böschungen die Gebäudekonturen nachzeichnet. Damit sind die Anordnung der Bauten und die Ausmaße der Gesamtanlage, so wie sie zum heutigen Zeitpunkt als gesichert gelten, wieder offensichtlich. Beim Mutterkloster Altenmünster wurde e ine umgekehrte Abbildung gewählt: Die Grundplatten der Klausurgebäude deuten sich in leicht erhöhten, geböschten Flächen als „Positiv“ im Rasen an. Diese Darstellung ist eine Antwort auf die vorgefundenen und in der neuen Gestaltung erhaltenen Aufmauerungen, mit denen der Heimatund Kulturverein in den 1980er Jahren die im Boden nachgewiesenen Grundmauern der vermutlichen Kirche bis auf Sitzhöhe aufgestockt hatte.
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Wissensvermittlung auf Themenwegen Nicht historisch belegt ist der Kräutergarten, der hinter der Zehntscheune entstanden ist. Und doch steht er in einem engen Bezug zu dem Kloster als Ort der Wissensvermittlung: Die Pflanzenauswahl beruht auf dem „Lorscher Arzneibuch“, einer frühmittelalterlichen Handschrift zur Klostermedizin aus der Zeit Karls des Großen, das seit 2013 zum Unesco-Weltdokumentenerbe gehört. Dem Ziel der Wissensvermittlung dient auch das in der Zehntscheune eingerichtete „Archäologische Schaudepot“. „Nach lauter Musik kann man leise nicht mehr hören.“ Diese Assoziation auf die Landschaft übertragen hat die Planer dazu bewogen, eine neue Besucherlenkung zu entwickeln: vom Leisen zum Lauten, vom weniger Attraktiven zu den Highlights. Voraussetzung dafür war es, den Parkplatz als Ausgangspunkt auf eine östlich der W eschnitz gelegene Fläche zu verlegen. Dort empfängt den Besucher nach Überquerung des kleinen Flusses, der renaturiert wird, das neu gebaute gläserne Informations- und Museumspädagogische Zentrum, das hg merz architekten einem Gewächshaus gleich in die Kulturlandschaft gestellt haben. Von dort führt ein „Weg der Kultur“ vom Ursprung des Klosters, vorbei an Orten alter Landschaftskultur
3 Die Torhalle aus der Karolingerzeit, eines der wenigen erhaltenen Gebäude, ist das Wahrzeichen des Klosters Lorsch. Der Pflasterbelag, der sie umgibt, zieht sich in Streifen in die angrenzende Fläche. 4 Neue Wege erschließen das ehemalige Klosterareal und verbinden das Gelände des Klosters Altenmünster an der Weschnitz mit den Relikten der Klosteranlagen in Lorsch. Ebenfalls an der Weschnitz ist das neue Besucherzentrum entstanden.
Neue Landschaftsarchitektur für Lorsch Flächen: 6 Hektar Bauherr: Verwaltung der staatlichen Schlösser und Gärten Hessen/Stadt Lorsch Entwurfsverfasser: TOPOTEK 1 Landschaftsarchitekten mit hg merz Architekten Wettbewerb: 1. Preis, 2010 Ausführung: 2010–2014 Das Projekt gewann den Deutschen Landschaftsarchitekturpreis 2015.
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wie der ehemaligen Tabakscheune, hin zum Kloster auf dem Hügel, der sich von dort aus gesehen kraftvoll aus der Ebene heraushebt. Der Rückweg von oben hinab in die Niederung hat als „Weg der Natur“ dann die Landschaft im Blick. Zur Attraktion gehört – zwar nicht zum Kulturerbe, jedoch in die Gesamtorganisation der Klosterlandschaft eingebunden – das neben dem Besucherzentrum gelegene „Freilichtlabor Lauresham“. Dort will der auf archäologischen Erkenntnissen beruhende Nachbau eines Karolingischen Herrenhofs eine Idee davon vermitteln, wie das Leben zur Blütezeit das Klosters ausgesehen hat. Noch ist nicht alles fertig. Das Besucherzentrum wartet auf die Fertigstellung des Parkplatzes, um die ihm zukommende Bedeutung einnehmen zu können. Das Informationssystem für
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5–8 Die neu erschlossene Kulturlandschaft, die erhaltene Klostermauer, das Areal des Klosters Altenmünsters, die neuen Wege durch das Welterbe-Gelände
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9 Der Rundweg führt entlang der Weschnitz. Dort befand sich einst das Kloster Altenmünster, dessen Grundfläche Topotek 1 aus dem Boden heraus modellierte.
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ERHALT VON KULTURLANDSCHAFTEN die Wege, ergänzt durch Audioguides, wird zurzeit entwickelt. Später soll in der Tabakscheune ein „Museum der Kulturlandschaft“ entstehen. Überzeugung durch Transparenz Die anfänglichen Vorbehalte in Teilen der Bevölkerung angesichts der für eine kleine Stadt wie Lorsch mit seinen 13 000 Einwohnern erheblichen Veränderungen konnten durch eine stetige, transparente Vermittlung der Maßnahmen, unter anderem durch ö ffentliche Baustellenführungen, überwunden werden. Die Zweifel schwanden, so die Erfahrung der Landschaftsarchitekten, mit dem Sichtbarwerden der Ergebnisse. Jetzt fällt der Stadt die schwere Aufgabe zu, für die noch anstehenden Projekte weiterhin Gelder zu akquirieren und die Pflege langfristig sicherzu-
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stellen. Wie sich die Gestaltung – vor allem der stärker frequentierten Anlage auf dem Hügel, wo der Rasen durchgängig bespielt werden kann – bewähren wird, bleibt abzuwarten. Schon jetzt hat sich das Besondere der neuen Gestaltung herumgesprochen und zieht zunehmend Besucher an. Auch die Lorscher haben das Welterbe ganz selbstverständlich in ihren Alltag einbezogen und sind stolz auf die neue Attraktion ihrer Stadt. Und damit liegen sie nicht falsch: Der neue Landschaftspark Weltkulturerbestätte Kloster Lorsch wurde als „ein herausragendes Beispiel, wie historische Relikte und Spuren einerseits konservatorisch bewahrt und andererseits wieder stärker auf ihre landschaftlichen Beziehungen zurückgeführt werden können“, mit dem Deutschen Landschaftsarchitekturpreis 2015 ausgezeichnet.
Zur Autorin Dr. Ursula Kellner Landschaftsarchitektin und Fachjournalistin, Studium der Landespflege an der TU Hannover. Wissenschaftliche Mitarbeit in verschiedenen Forschungsprojekten, 2001 bis 2011 Redaktionsleiterin der Fachzeitung Stadt und Grün, seit 2011 freiberufliche Tätigkeit als Fachjournalistin und Lektorin, seit 2010 Lehrauftrag „Fachliches Schreiben“ an der Leibniz Universität Hannover. Kontakt: ursula.kellner@kellgruen.de
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ERHALT VON KULTURLANDSCHAFTEN
Neue Perspektiven für alte Befestigungsanlagen
Höhencodiertes Geländemodell der Ringwallanlage Oersdorf, berechnet mit einem Punktabstand von 15 Zentimetern
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Viele ehemalige Wallanlagen sind heute so weit zerstört, dass sie in ihrer Umgebung gar nicht mehr offensichtlich wahrgenommen werden. Besiedelung und Kultivierung der Landschaft haben die signifikanten Merkmale von frühzeitlichen Befestigungen dem Erdboden gleich gemacht, oftmals sind die Anlagen nur noch als Bewuchsmerkmale in Luft- oder Satellitenbildern zu erkennen. Ferner lassen sich noch vorhandene Strukturreste, die mit bloßem Auge kaum wahrnehmbar sind, mit heutigen digitalen Messverfahren im Computer wieder vielfältig visualisieren. Das Labor für Photogrammetrie und Laserscanning der HafenCity Universität Hamburg beschäftigt sich schon seit 2005 mit der digitalen Dokumentation von archäologischen Fundstätten und Bodendenkmälern (Hönniger/Kersten 2005). Beispielhaft werden hier zwei Wallanlagen vorgestellt, von denen sich eine in der heutigen Topo-
graphie vor Ort kaum noch erkennen lässt, während die andere zu den Sehenswürdigkeiten der Insel Föhr gehört. Die Errichtung der Ringwallanlage bei Oersdorf im Landkreis Stade (Niedersachsen) wird anhand von naturwissenschaftlichen Datierungen auf die Frühbronzezeit bzw. das Endneolithikum datiert. Heute ist sie durch Ackerbau so gut wie zerstört. Mit einem terrestrischen Laserscanner Riegl VZ400 wurde die heutige Topographie der Ackerfläche erfasst und ein digitales Geländemodell wurde aus der 3D-Punktwolke erstellt. Mithilfe dieses Modells und einer zusätzlichen geomagnetischen Prospektion wurden die Bereiche für eine archäologische Sondage festgelegt. Die Abbildung 1 zeigt eine höhencodierte Darstellung der Ackerflächen, die die Anlage deutlich hervortreten lässt, nicht nur den erhöhten Wall, sondern auch den vorgelagerten Graben (Lindstaedt et alii 2015). 5/2015
Fotos: Maren Lindstaedt; Thomas P. Kersten
Eine digitale Dokumentation von Wallanlagen in Schleswig-Holstein und Niedersachsen zeigt die Möglichkeiten einer Visualisierung.
ERHALT VON KULTURLANDSCHAFTEN
Die zweite erfasste Wallanlage ist die Lembecksburg auf Föhr, die im Rahmen eines Studierendenprojektes im Mai 2015 aufgenommen wurde. Die Burg zählt zu den archäologischen Denkmälern in Schleswig-Holstein, sie liegt im Landesinneren der Insel Föhr und ist ein beliebtes Ziel für Fahrradtouristen. Der Wall hat eine beeindruckende Höhe von ca. zehn Metern, der Außendurchmesser der Anlage beträgt fast 150 Meter (Segschneider 2009). Die Anlage wurde mit einem terrestrischen Laserscanner aufgenommen. Durch die großen Ausmaße der Burg dauerte diese Aufnahme anderthalb Tage. Eine weitere angewandte Aufnahmetechnik war der Einsatz eines Hexacopters. Dieses Unmanned Aerial Vehicle führte mit einer Systemkamera ausgestattet insgesamt vier Bildflüge über die Wallanlage durch und machte mehrere Hundert Aufnahmen der Anlage aus der Luft in 30 bis 50 Meter Höhe. Die Flugrouten wurden vorher am Rechner geplant, um das gesamte Objekt unter bildflugtechnischen Aspekten optimal zu erfassen. Aus diesen Bildern wurde über Bildverarbeitungsalgorithmen eine dichte Punktwolke des Objektes gerechnet, die in der Abbildung 2 dargestellt ist. Durch eine entsprechende Nachbearbeitung der Punktwolken am Computer lassen sich ungewünschte Objekte wie zum Beispiel die Vegetation aus den Daten herausfiltern, sodass nur die reine Geländestruktur übrig bleibt. In dieser sind dann oftmals Merkmale erkennbar, die auf den ersten Blick im Feld nicht ins Auge fallen, wie beispielsweise überwucherte Grabenstrukturen oder Durchgänge und Durchbrüche in den Wällen. Schnitte, Grund- und Aufrisse sind auch im Nachhinein an jeder Position möglich, sogar wenn entsprechende Grabungsschnitte aufgrund von konservatorischen Maßnahmen wieder geschlossen werden müssen. Präzise Volumenbestimmungen, aus denen sich für Archäologen wichtige Rückschlüsse über bewegte Erdmassen und mögliche Bauzeiten ableiten lassen, sind aus detaillierten Geländemodellen ebenso sehr einfach abzuleiten. Ferner bilden die digitalen Modelle eine hervorragende Grundlage für Visualisierungen, Animationen oder virtuelle Rekonstruktionen, wie sie heute immer breitere Verwendung finden, um archäologische Forschungsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit anschaulich verständlich zu machen. Maren Lindstaedt, Thomas P. Kersten 5/2015
Punktwolke der Lembecksburg auf Föhr, berechnet aus einem UAVBildflug
Literatur Hönniger/Kersten 2005 Hönniger, Christian und Kersten, Thomas: Topografische Aufnahme der sächsischen Ringwallanlage Willenscharen mit dem 3D-Laserscanning-System GS100 von Mensi. Photogrammetrie, Laserscanning, Optische 3D-Messtechnik, in: Beiträge der Oldenburger 3D-Tage 2005, hrsg. v. Thomas Luhmann, Heidelberg 2005, S. 224–231. Lindstaedt et alii 2015 Lindstaedt, Maren, Kersten, Thomas P. und Nösler, Daniel: Von historischen Luftbildern der Royal Air Force bis zum 3D Laserscanning. Die Entdeckung einer vorgeschichtlichen Wallanlage bei Oersdorf im Landkreis Stade, in: Tagungsband der Denkmäler: 3D-Dokumentation in Archäologie & Denkmalpflege, hrsg. v. Heinz-Jürgen Przybilla, Thomas Kersten und Frank Boochs, LWL Industriemuseum Zeche Zollern Dortmund, 16.–18. Oktober 2013, S. 25–29. Segschneider 2009 Segschneider, Martin: Die Ringwälle auf den nordfriesischen Inseln, in: Ringwälle und verwandte Strukturen des ersten Jahrtausends n. Chr. an Nord- und Ostsee, Internationales Symposium, Utersum auf Föhr, 29. September–01. Oktober 2005, Schriften des Archäologischen Landesmuseums, Ergänzungsreihe, hrsg. v. Segschneider, Martin, 5 (2009), S. 99–111.
45
ERHALT VON KULTURLANDSCHAFTEN
Aus der Praxis für die Praxis Der Masterstudiengang Denkmalpflege an der Technischen Universität Berlin ist einmalig. In vielen Projekten arbeiten sie interdisziplinär und haben unter anderem neue Erkenntnisse bezüglich des Damenhauses im Neuen Garten Potsdam gewonnen.
Das Damenhaus im Neuen Garten von Nordwesten, 2013
46
Das „Holländische Ensemble“ Das Damenhaus im Potsdamer Neuen Garten ist Teil eines Gebäudeensembles im holländischen Stil, das Friedrich Wilhelm II. in den Jahren 1789/90 erbauen ließ. Das so genannte „Holländische Etablissement“ diente als Versorgungseinrichtung für das nördlich gelegene Marmorpalais, hier waren Remisen und Ställe untergebracht sowie Wohnungen für die Bediensteten. Als größtes Gebäude in diesem Komplex nahm das Damenhaus, dessen Erscheinungsbild auf Pläne Carl Gotthard Langhans (1732–1808) zurückgeht, eine Sonderstellung ein: Es diente der Vertrauten und Mätresse des Königs, Wilhelmine Enke, spätere Gräfin Lichtenau, als Wohnsitz, was seine ursprüngliche Bezeichnung als „Cavalierhaus“ erklärt. Der Gräfin schien jedoch nur ein kurzes Glück in diesem Haus beschieden, denn schon 1797, nach dem Tode Friedrich Wilhelms II., wurde sie – nun des Hochverrats bezichtigt – verhaf-
tet. Erst viel später, um 1880, hielten andere Hofdamen Einzug, und es wurden umfangreiche Umbaumaßnahmen ausgeführt. Dass mit dem Tod des Königs nicht nur eine politische Zäsur im Preußen des ausgehenden 18. Jahrhunderts gesetzt wurde, sondern auch die erste Bauphase des Damenhauses endete, haben Studierende des Masterstudienganges Denkmalpflege an der TU Berlin herausgefunden. In der Publikation „Masterstudium Denkmalpflege an der TU Berlin. Jahrbuch 2013– 2015“ werden ihre Forschungsergebnisse umfassend dargestellt. Interdisziplinarität ist erwünscht Ziel dieses im Jahr 1998 gegründeten Aufbau-, heute postgradualen Masterstudiengangs ist es, die Studierenden durch genaue Untersuchungen am Objekt bzw. an einem Gebäude, gekoppelt mit einer umfassenden interdisziplinären Lehre für die Arbeit in Denkmalämtern, in spezi5/2015
Foto: MSD/TU Berlin, Antonia Brauchle, 2013
1
Foto: (2) MSD/TU Berlin, Axel Schuhmann, 2013; (3) MSD/TU Berlin, Tonny Dorresteijn, 2013
ERHALT VON KULTURLANDSCHAFTEN
alisierten Architekturbüros oder auch als weiterqualifizierte Restauratoren auszubilden. Der dreisemestrige Vollzeitstudiengang wird von Elgin von Gaisberg geleitet. 30 Studierende können jedes Jahr aufgenommen werden, und eine möglichst gemischte berufliche Herkunft und internationale Zusammensetzung ist gewollt. „Denn wo Architekten, Kunsthistoriker, Archäologen, aber auch Bauingenieure, Restauratoren und vereinzelt sogar Historiker oder Sprachwissenschaftler zusammenkommen, profitiert man zwangsläufig vom Fachwissen des jeweils anderen“, ist von Gaisberg überzeugt. Zugangsvoraussetzung für das Studium sind ein Diplom-, Magister oder Masterabschluss bzw. ein auf dem Bachelorabschluss aufbauendes zweijähriges Praktikum oder einschlägige Berufserfahrungen zum Beispiel in der Denkmalpflege oder einem auf Bauforschung spezialisierten Architekturbüro. Neben dem umfangreichen Vorlesungsbetrieb und wöchentlichen Projektbesprechungen werden die Studierenden bereits im ersten Semester mit dem Denkmalobjekt vertraut gemacht, welches sie durch das ganze Studium über begleitet. Schrittskizzen ergeben einen ersten Grundriss, mit Hilfe eines tachymetrisch gestützten Messnetzes erstellen die Studierenden dann ein formgetreues Aufmaß. Der Umgang mit verschiedenen Messgeräten, wie Tachymeter, Nivelliergerät und Rotationslaser, wird ebenso geübt wie photogrammetrische Verfahren, auf deren Grundlage die Fassadenzeichnungen entstehen. Zur Dokumentation und als Basis für weitere Bauforschungen werden darüber hinaus Raum-, Fassaden- und Gespärrebücher erstellt, während einige Studierende in Archiven zur Bau- und Nutzungsgeschichte des Gebäudes forschen. „Möglichst frei zugänglich sollten die zu untersuchenden Gebäude sein“, erklärt Axel Schuhmann, Doktorand an der TU, „zumindest in der aktiven Forschungsphase zwischen Oktober und Juli“. Nur so könne die Historie eines Gebäudes gesichert und umfassend abgelesen werden. Schuhmann hat selbst seinen Master im Denkmalpflegestudiengang gemacht und ist zurzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit den Studierenden vor Ort.
„halben“ Gebäude ausführen und mussten sich teilweise an früheren Plänen orientieren. Dies war zwar umständlich, doch es vermittelte den Studierenden auch ein realistisches Bild und eine an der Praxis orientierte Arbeitsweise, schließlich würde man auch in der späteren beruflichen Tätigkeit nicht immer ideale Voraussetzungen vorfinden. Kooperationen als Win-win-Situation Seit über zehn Jahren kooperiert der Masterstudiengang Denkmalpflege erfolgreich mit der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. So standen bereits die Lorbeerhäuser des 19. Jahrhunderts der ehemaligen Hofgärtnerei im Park Babelsberg (2007–2009) oder das Logierhaus am Schloss Caputh (2008–2010) im Zentrum der Forschungen, die mit der Entwicklung von Sanierungsvorplanungen und Nutzungskonzep-
2 Anlegen des Polygonzugs in der heute mit Pyramideneichen besetzten ehemaligen Pappelallee vor der Südostfassade, 2013 3 Potsdam, Neuer Garten, Damenhaus
2
3
Im bewohnten Zustand untersucht Das Damenhaus war ein Spezialfall, erinnert Schuhmann sich, denn da das heute zu vier Wohneinheiten umgebaute Damenhaus zum Teil noch bewohnt war, konnten die Studierenden ihre Untersuchungen und Aufmaße nur im 5/2015
47
ERHALT VON KULTURLANDSCHAFTEN ten abgerundet werden. Dirk Dorsemagen, als Architekt der Abteilung Baudenkmalpflege der SPSG unter anderem für das Kleinod zuständig, Legende:mit den Studierensieht in der Zusammenarbeit Bauphase 1a: 1789 - 1790 Denn den „eine klassische Win-win-Situation“. natürlich sei die Inanspruchnahme der LeistunLegende: Bauphase 1b: 1796
4–6 Potsdam, Damenhaus, Bauphasenplan, Grundriss Erdgeschoss und Dachgeschoss sowie denkmalpflegerischer Bindungsplan, Grundriss Erdgeschoss, 2014
Erbauungszeit
N
B
gen für die SPSG nicht kostenlos und gehe „nicht am Markt vorbei“. So werden unter anderem Eigenleistungen durch die Stiftung erbracht und Laboruntersuchungen finanziert. Darüber hinaus können die Studierenden die Archive der Stiftung nutzen.
Fensterzusetzung
Legende:
Bauphase 1a: 1789 - 1790
Bauphase 1a: 1789 - 1790 Erbauungszeit
Legende:
[ "C "]
[ "C "]
[ "C "]
4
[ "C "]
B
Erbauungszeit Umbauten (Einzug Kronprinz Wilhelm ins Marmorpalais)
Bauphase 2: 1877 - 1882 oder um 1880?
Bauphase 2: 1877 - 1882 oder um 1880? Einzug der Hofdamen Bauphase 17961944 Bauphase 1b: 4: nach
[ "C "]
N
B
[ "C "]
EG.004
Einzug der Hofdamen [ "C "]
[ "C "]
EG.015
[ "C "]
EG.005
*1
[ "C "]
Einzug der Hofdamen
1796 Fensterzusetzung Bauphase 3: 1a:um 1789 - 1790 Bauphase 1905
Fensterzusetzung
[ "C "]
*2
[ "C "]
[ "C "]
*2
[ "C "]
Bauphase 2: 1877 - 1882 oder um 1880?
Bauphase 1b: 1796 Bauphase 1b:
N
N
B
EG.014
Fensterzusetzung Bauphase umdie 1905 Besetzung3:durch russische Armee,
Umbauten (Einzug in Kronprinz Wilhelm ins Marmorpalais) Aufteilung vier Wohneinheiten
EG.011
Bauphase 3: um 1905
Umbauten (Einzug Kronprinz Wilhelm ins Marmorpalais)
*1
[ "C "]
*2
[ "C "]
EG.005
EG.003
*1
EG.004 EG.003
EG.015 *3
EG.015
EG.001
A
Bauphase 2:1944 1877 - 1882 oder um 1880? Bauphase 4: nicht nach Bauzeit eindeutig bestimmbar
*3
[ "C "]
*1
EG.004 EG.003*4 EG.002
EG.005
[ "C "]
EG.014
Besetzung durch dieHofdamen russische Armee, Einzug der Aufteilung in vier Wohneinheiten
EG.011
Bauphase 4: nach 1944 Bauphase 3: um 1905 Aufteilung in vier Wohneinheiten
Bauzeit nicht eindeutig bestimmbar Besetzung durch die russische Armee,
[ "C "]
EG.005
EG.004
EG.002
EG.014 EG.013
EG.001
EG.013
*3
EG.015
EG.002
EG.012
EG.007
Besetzung durch die russische Armee, Aufteilung in vier Wohneinheiten
EG.011
EG.013
EG.003
EG.007 EG.008
EG.006
EG.002
Bauzeit nicht eindeutig bestimmbar Bauphase 4: nach 1944
A
Bauphase äußere Fensterflügel, oben und unten
EG.012
Bauphase äußere Fensterflügel, oben und unten
Bauzeit nicht eindeutig bestimmbar
A
*3
EG.006
Umbauten (Einzug Kronprinz Wilhelm ins Marmorpalais)
A
EG.012
EG.014
EG.001
EG.011
Bauphase innere Fensterflügel, oben und unten
Bauphase innere Fensterflügel, oben und unten
EG.009
EG.008
EG.010
EG.009
EG.001
EG.013
EG.010
Bauphase Türblatt (ohne Teilung Zarge und Türblatt identisch) Bauphase Türblatt (ohne Teilung Zarge und Türblatt
EG.012
Bauphase Zarge Bauphase äußere Fensterflügel, oben und unten
A *1
EG.006
EG.007
EG.008
EG.009
EG.010
Befund: Treppe ...
*1 *2
Befund: ein äußerer oberer und ein innerer unterer Fensterflügel - evtl. Befund: Treppe ...Fensterflügel, Hinweis auf bauzeitliche Ausführung aller Fenster im Erdgeschoss Bauphase innere oben und unten
*3 *2
Befund: mehrere Bauphasen (Türöffnung BPH 2, Hinweis auf bauzeitliche Ausführung Türblatt BPH 3, Türzarge/Bekleidung BPH 4)
*4
*3
Befund: ein äußerer oberer und ein innerer unterer Fensterflügel - evtl. aller Fenster im Erdgeschoss Bauphase Türblatt (ohne Teilung Zarge und Türblatt identisch)
Fenster ist erwähnt im Inventar: SPSG_Inv799_1882 Bauphase äußere Fensterflügel, oben undBPH unten Befund: mehrere Bauphasen (Türöffnung 2,
Türblatt BPH 3, Türzarge/Bekleidung BPH 4) Bauphase Zarge
*4 0
EG.006
EG.007
2
2
5
5
B
10 m
EG.008 B
10 m
EG.009
5
EG.010
Bauphasenplan
VORABZUG *4
Legende: Legende:
Bemerkungen: Legende: Bauphase 1a: 1789 - 1790 Erbauungszeit Bauphase 1a: 1789 - 1790
VORABZUG Bauphase 1a: 1789 - 1790 Erbauungszeit
*3
D1.001 D1.009*2 D1.008 D1.002
D1.007
D1.008
0
D1.020
D1.018 *6
D1.016
D1.020
*6
D1.016 D1.013
2
D1.008
*7
D1.010 5
B
10 m
*5 D1.011
*2
D1.015 D1.014
*2
*2 D1.011 *2
A
*6
5
10 m
2
5
10 m
2
5
10 m
Befund: Treppe ... Bauphase
Befund: Vordach ...
Bauphase äußere Fensterflügel, oben und unten Bauphase innere Fensterflügel, oben und unten
Befund: Wandmalerei Raum D1.013, siehe restauratorisches Gutachten Befunduntersuchung DNG-D1.013-B01-04
*5
Bauphase innere Fensterflügel, und unten Befund: mehrere Bauphasen BPHoben 1, Bauphase Türblatt (Türöffnung (ohne Teilung Zarge und Türblatt Türblatt BPH 4, Türzarge/Bekleidung BPH 2)
D1.014 D1.012
*6
Bauphase Zarge Befund: versetzte Türblätter, Untersuchung ... Bauphase äußere siehe Fensterflügel, oben
*7
Befund: äußere Fensterflügel nach außen öffenbar - evtl. Hinweis auf bauzeitliche Ausführung aller Fenster im Dachgeschoss
identisch)
und unten Bauphase Türblatt (ohne Teilung Zarge und Türblatt identisch) Bauphase Zarge
*1
Bauphase innere...Fensterflügel, oben und unten Befund: Treppe
*2 *1
D1.012
*6
äußere Fensterflügel, oben und unten
Befund: Dachdeckung ....
*3
Bemerkungen:
*3 *2
Befund: Dachdeckung .... Befund: Treppe ... (ohne Teilung Zarge und Türblatt identisch) Bauphase Türblatt Befund: Dachdeckung Vordach ... Befund: .... Bauphase Zarge
VORABZUG *4 *3
Befund: Befund: Wandmalerei Vordach ... Raum D1.013, siehe restauratorisches Gutachten Befunduntersuchung DNG-D1.013-B01-04
Arbeitsstand vom 19.06.2014
*7
2
Bauphase Zarge
*2
D1.012
*7 *2
Bauphase Türblatt (ohne Teilung Zarge und Türblatt identisch)
*4
*6 *5
Bauzeit nicht eindeutig bestimmbar
*1
D1.014
*5 *4
Bauphase innere Fensterflügel, oben und unten
A
D1.012
*6
*4 *5
Aufteilung in vier Wohneinheiten
A
D1.017 D1.015
Bauphasenplan
D1.010
Bauzeit nicht eindeutig bestimmbar
Besetzung durch die russische Armee, Bauphase äußere Fensterflügel, oben und unten
D1.014
D1.015
*5
D1.011
D1.013 D1.011
Umbauten (Einzug Kronprinz Wilhelm ins Marmorpalais) Aufteilung in vier Wohneinheiten
Bauzeit nicht bestimmbar Bauphase 4: eindeutig nach 1944
*4
*5
*6
*4
Aufteilung in vier Wohneinheiten Bauphase 4: um nach 1944 Bauphase 3: 1905 Besetzung durch die russische Armee,
A
D1.017 D1.013
*5
*2
D1.007
D1.016
D1.010
Wilhelm ins Marmorpalais)
Einzugnicht der Hofdamen Bauzeit eindeutig bestimmbar
D1.015
D1.017
*6
D1.013 *5
D1.009
D1.006 D1.007
D1.016
*6
D1.010
D1.009
D1.006
*6
*6
*1
D1.002
*2
D1.020
D1.008
D1.007D1.001
D1.002
D1.017
*6
1905
Bauphase 1905 Bauphase 3: 2: um 1877 - 1882 oder um 1880? Umbauten (Einzug Kronprinz Wilhelm ins Marmorpalais) Bauphase 4: nach 1944
D1.018 D1.019 D1.009
D1.001
D1.005 D1.006
Besetzung durch die russische Armee, Umbauten (Einzug Kronprinz Aufteilung in vier Wohneinheiten
Besetzung durch die russische Armee,
D1.020
D1.018
D1.002
*1
Fensterzusetzung
Bauphase 4: nach Bauphase 3:1944 um
*2
*1
D1.001
*1
Bauphase Bauphase 2: 1b:1877 1796- 1882 oder um 1880? Einzug der Hofdamen
Umbauten (Einzug Kronprinz Wilhelm ins Marmorpalais)
*2
D1.019
D1.006
Fensterzusetzung
N
D1.018
D1.019
D1.005 D1.004 D1.005
D1.019
*3
D1.005
Einzug der Hofdamen
Erbauungszeit Arbeitsstand vom 19.06.2014 Bauphase 2: 1877 - 1882 oder um 1880?
Bauphase um 1905 Einzug der3:Hofdamen
*2
B D1.004
Fensterzusetzung
Bauphase 1a: 1789 - 1790 VORABZUG
Bauphase 2: 1877 - 1882 oder um 1880? Bauphase 1b: 1796
N
*3
*2
Erbauungszeit
Legende: Fensterzusetzung Bemerkungen: Bauphase 1b: 1796
N
*3
B
Arbeitsstand vom 19.06.2014 Bauphase 1b: 1796
N
B
A *2
Fenster ist erwähnt im Inventar: SPSG_Inv799_1882
Arbeitsstand vom 19.06.2014
B
*2
Befund: ein äußerer oberer und ein innerer unterer Fensterflügel - evtl.
Befund: mehrere Bauphasen (Türöffnung BPH 2, *3 Bemerkungen: Türblatt BPH 3, Türzarge/Bekleidung BPH 4)
B
5
D1.004
Fenster ist erwähnt im Inventar: SPSG_Inv799_1882 Befund: Treppe ...
auf bauzeitliche Ausführung aller Fenster im Erdgeschoss *2 Arbeitsstand vomHinweis 19.06.2014
Bauphasenplan
D1.004
*4 *1
VORABZUG
B
10 m
*2
*3
Bemerkungen:
10 m
5
Befund: Treppe ... Befund: einTürblatt äußerer(ohne oberer und ein innerer Bauphase Teilung Zarge undunterer TürblattFensterflügel identisch) - evtl. Hinweis auf bauzeitliche Ausführung aller Fenster im Erdgeschoss Bauphase Zarge Befund: mehrere Bauphasen (Türöffnung BPH 2, Türblatt BPH 3, Türzarge/Bekleidung BPH 4)
*2
Bauphasenplan 2
Fenster ist erwähnt im Inventar: SPSG_Inv799_1882 Bauphase innere Fensterflügel, oben und unten
*1
Bauphasenplan 2
identisch)
Bauphase Zarge
*1 *5 *4 *2 *6 *5
*2
B
Befund: Treppe mehrere...Bauphasen (Türöffnung 1, Befund: Wandmalerei Raum D1.013, sieheBPH restauratorisches Türblatt BPH 4, Türzarge/Bekleidung BPH 2) Gutachten Befunduntersuchung DNG-D1.013-B01-04 Befund: Dachdeckung .... mehrere Bauphasen (Türöffnung BPH 1, ... Befund: versetzte Türblätter, siehe Untersuchung Türblatt BPH 4, Türzarge/Bekleidung BPH 2) Befund: Vordach ... Befund: äußere Fensterflügel nach außen öffenbar - evtl. Hinweis auf Befund: versetzte Türblätter, Untersuchung ... bauzeitliche Ausführung aller siehe Fenster im Dachgeschoss
*3 *7 *6 *4 *7
B *7 Bauphasenplan
Befund: Wandmalerei Raum D1.013, siehe restauratorisches Befund: äußere Fensterflügel nach außen öffenbar - evtl. Hinweis auf Gutachten Befunduntersuchung DNG-D1.013-B01-04 bauzeitliche Ausführung aller Fenster im Dachgeschoss Befund: mehrere Bauphasen (Türöffnung BPH 1, Türblatt BPH 4, Türzarge/Bekleidung BPH 2)
*5
Befund: versetzte Türblätter, siehe Untersuchung ... *6 Bemerkungen: Befund: äußere Fensterflügel nach außen öffenbar - evtl. Hinweis auf *7 bauzeitliche Ausführung aller Fenster im Dachgeschoss Bemerkungen:
Bauphasenplan B
VORABZUG Arbeitsstand vom 19.06.2014 VORABZUG
Bauphasenplan
Arbeitsstand vom 19.06.2014 Bemerkungen:
Legende:
VORABZUG
Arbeitsstand vom 19.06.2014 S1: Unbedingt erhaltenswert
Legende:
N
B
6
S2: Bedingt erhaltenswert!
S1: Unbedingt erhaltenswert
S3: Ohne Bindung !
N
B EG.005
EG.004
EG.015
EG.014
S2: Bedingt erhaltenswert! S4: Rückbau erwünscht S3: Ohne Bindung !
EG.011
S4: Rückbau erwünscht A
EG.005
EG.004
EG.003 EG.002
EG.006
EG.003 EG.002
A
EG.006
EG.007
2
EG.001
EG.001
EG.007 0
2
EG.015
EG.013
EG.014
EG.009
EG.013
EG.009 B
10 m
48 0
EG.008
EG.008 5
Spannende Projekte Mit dem Tieranatomischen Theater auf dem historischen Charité-Campus in Berlin-Mitte, der heute vom Helmholtz Zentrum der Humboldt-Universität genutzt wird, ist aktuell wieder ein Berliner Objekt im Fokus der Studierenden und ihrer Lehrkräfte. Doch schon im Herbst wird es wieder in die ergiebige Weltkulturerbelandschaft von Potsdam gehen, das sogenannte „Weiße Haus“ im Neuen Garten steht dann zur Untersuchung an. Mindestens zwei, besser drei Monate Vorbereitung benötigen die Lehrkräfte, um das Vorgehen bei neuen zu untersuchenden Objekten zu planen. In einführenden Kursen werden den Studierenden dann nicht nur denkmalpflegerische Grundsätze vermittelt, sondern auch arbeitsschutzrechtliche und sicherheitstechnische Standards, die auf der Baustelle unabdingbar sind.
EG.012
EG.011
EG.012
EG.010
EG.010
A
A
Bauzeitliche Bestimmungen Aufbauend auf der in Gruppen durchgeführten Gebäudedokumentation des ersten Semesters und ersten Archivrecherchen, fanden sich die Studierenden mit Beginn des zweiten Semesters erneut zu mehreren Arbeitsgruppen zusammen. Sowohl in den Innenräumen als auch an den Fassaden wurden restauratorische Befunduntersuchungen durchgeführt. Dass die Wände bauzeitlich mit Tapeten geschmückt waren, welche farblichen Ausstattungen den einzelnen Bauphasen zuzuordnen sind oder dass die überdimensionierte, zum Dachboden führende Treppe tatsächlich zur Erstausstattung des Gebäudes gehört, sind nur einige der spannenden Erkenntnisse, die die Studierenden durch ihre Untersuchungen herausfanden. Das Dachwerk konnte mit Hilfe dendrochronologischer Untersuchungen der Erbauungszeit zugeordnet werden. Sogar, dass es sich bei den Konstruktionshölzern des Dachbodens um geflößtes Holz gehandelt haben muss, bei dem die einzelnen Stämme zusammengebunden werden, fanden die Studierenden heraus und lösten damit das Rätsel um ungewöhnlich große Bohrlöcher in den Balken. Auch die Fassaden, die Fenster- und Türensituation und die einzelnen Geschosse waren Gegenstand der Untersuchungen, deren Ergebnisse in einen Bauphasenplan mündeten. Ein abschließender Bauforschungsbericht sowie eine Sanierungsvorplanung, für die als Grundlage eine differenzierte Material- und Schadenskartierung erarbeitet wurde, fassen den baulichen Bestand mit seinen Veränderungen zusammen. 5/2015
5
10 m
B
Fotos: MSD/TU Berlin, 2014
*2
[ "C "]
Erbauungszeit
Foto: MSD/TU Berlin, 2014
ERHALT VON KULTURLANDSCHAFTEN Entwicklung eines Erhaltungskonzepts Eine andere Gruppe formulierte die denkmalpflegerische Zielstellung, auf deren Basis eindenkmalpflegerische Bindungsplan erstellt wurde, die beide als Handreichung für eine denkmalgerechte Instandsetzung dienen. Alle Bereiche des Gebäudes werden darin hinsichtlich ihrer Schutzwürdigkeit kategorisiert, die Schutzstufen reichen von „unbedingt erhaltenswert“ und „bedingt erhaltenswert“ über „ohne denkmalpflegerische Bindung“ bis hin – in einigen Fällen – zu „Rückbau erwünscht“. Für das Damenhaus definierten die Studierenden ein Denkmalkonzept, welches die bauzeitliche Gestaltung (1790) und die Nutzung als Wohnhaus für die Hofdamen der letzten deutschen Kaiserin (1881) hervorhebt. Gleichwohl wird darin der architektonischen Bedeutung des Damenhauses innerhalb des „Holländischen Etablissements“ im Neuen Garten Rechnung getragen. Alle nachgewiesenen Bauteile der ersten und zweiten Bauphase, zum Beispiel Wände, Decken und Treppe, wurden als „besonders erhaltenswert“ eingestuft, während zum Beispiel nachträglich zugesetzte Fensteröffnungen als bedingt erhaltenswert eingeordnet wurden. In Abstimmung mit der Denkmalbehörde sind in dieser Schutzstufe Eingriffe möglich. Die nachträglich verschlossenen Türöffnungen – bauzeitlich bildeten die Räume des Erdgeschosses zur Seeseite hin eine so genannte Enfilade, eine große repräsentative Zimmerflucht – können, so die Vorgabe der Studierenden, ohne große Rücksprachen wieder geöffnet werden, der höfische Charakter des Gebäudes käme damit wieder zur Geltung. Für spätere Baumaßnahmen, die eine denkmalgerechte Sanierungsplanung erfordern, bildet der denkmalpflegerische Bindungsplan eine wichtige Diskussionsgrundlage. Mit einem Instandsetzungskonzept für die Fassaden, die Innenräume und das Dachtragwerk konnten die Studierenden aufbauend auf ihren Untersuchungen erste konkrete Maßnahmen für die Sanierung des Damenhauses erarbeiten: Abdichtung der Dachhaut, Dekontamination der Holzbauteile, Reparatur, Fenstersanierung und Trockenlegung des Gebäudes werden dem Eigentümer, der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten als erste hilfreiche Vorschläge an die Hand gegeben. Darüber hinaus wurden vier unterschiedliche Nutzungskonzepte entwickelt, die – der einzigen Vorgabe der Eigentümerin entsprechend – die bisherige Wohnnutzung respektieren und grundsätzlich beibehalten. Ein Konzept sieht die Einrichtung öffentlicher nutzbarer Räume im Erdgeschoss vor, während ein anderer Entwurf mit möglichst wenigen Eingriffen in die überlie5/2015
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10m
Legende Schadensbild
Absanden Biogener Befall
Substanzverlust in der Tiefe Substanzverlust oberflächig
Feuchte Korrision
Verunreinigungen Risse
ferte Bausubstanz die bisherige Einteilung in vier Wohneinheiten favorisiert. Dirk Dorsemagen ist begeistert von der Arbeit der Studierenden. So wurde zum Beispiel eines der vier Nutzungskonzepte weiterentwickelt und die exemplarisch ausgeführten restauratorischen Befunduntersuchungen fortgeführt. Der Wissenstransfer verlief in beide Richtungen, denn von den Erkenntnissen zur Baugeschichte, den Fenster- und Türenkatastern und anderen bilderbuchmäßig ermittelten Forschungsergebnissen profitiere auch die Stiftung. Die beim Landesdenkmalamt zu beantragende Sanierungsgenehmigung sei mithin ein formaler Akt, so Dorsemagen. „Die Arbeit am Damenhaus im Potsdamer Neuen Garten ist ein schönes Beispiel für das dichte und interdisziplinäre Wissensbouquet, welches den Studierenden in Kombination mit der praxisnahen Objektforschung vermittelt werden kann,“ freut sich Elgin von Gaisberg. Sie und ihre Kollegen sind stolz auf ihren zukunftsweisenden Masterstudiengang, der mit Hilfe einer hohen Vernetzung und eines intensiven Ämterkontaktes sowie durch begleitende Exkursionen und Praktika die Studierenden auf eine anspruchsvolle berufliche Tätigkeit vorbereitet.
Fehlerhafte Reperatur Krustenbildung
Salze Fehlstellen
Potsdam, Neuer Garten, Damenhaus, Schadenskartierung der Nordwestfassade
Dipl.-Rest. Heike Schlasse Der Beitrag basiert auf den wissenschaftlichen Ergebnissen in der folgenden Publikation: Gaisberg, Elgin von et alii: Masterstudium Denkmalpflege an der TU Berlin, Jahrbuch 2013–2015, TU Berlin, Fakultät IV, FG Historische Bauforschung, Berlin 2015, hieraus Ergebnisse von Esther BallarinRichter, Antonia Brauchle, Güner Cetin, Tonny Dorresteijn, Rita Gabriel, Stefanie Kliemt, Franziska Kloß, Cheng Li, Sophie Papendorf, Julia Schrader, Julia Strunk, Christina Schulenburg und Marlen Tischer. Es ist für den Preis von 10 Euro unter msd@ tu-berlin.de erhältlich. Eine Online-Version ist für Jahresende 2015 in Planung. 49
ERHALT VON GÄRTEN UND LANDSCHAFTEN
Historische Kulturlandschaften zwischen Wandel und Erhaltung Erfolgreiches Management historischer Kulturlandschaften bedarf interdisziplinärer Arbeitsansätze und gemeinschaftlicher Planung von bisher oft getrennt verhandelten Nutzungsansprüchen: Lebensraum, Wirtschaftsraum, Infrastruktur, Energiegewinnung sowie Denkmal- und Landschaftspflege. Die Rundlingsdörfer im niedersächsischen Wendland sind Teil einer solchen Kulturlandschaft und Mittelpunkt eines Projekts zur Entwicklung von angepassten Nutzungsstrategien.
1 Luftaufnahme des Rundlingsdorfes Bussau 2 Dorfansicht des Rundlings Satemin
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Die Erhaltung historischer Kulturlandschaften ist seit Jahren ein kritisches Thema im Arbeitsfeld der Denkmalpflege. Dennoch bestehen für das Management dieser Kategorie von Kulturerbe, insbesondere für sogenannte „lebendigen Kulturlandschaften“, eine Reihe von Herausforderungen, für die sich bisher keine einheitliche Handlungsvorgabe entwickeln ließ. So ist zwar allgemein akzeptiert, dass lebendige Kulturlandschaften eine ungebrochene Entwicklung erfahren, doch steht dies im Widerspruch zur gängigen denkmalpflegerischen Praxis, die auf Bewahrung eines Status Quo ausgerichtet ist. Die Integration moderner Nutzungsansprüche wie Straßenbau, Energiegewinnung und Agrarindustrie ist daher eine oft kontrovers geführte Diskussion, deren Teilnehmer zumeist kategorisch für die Erhaltung des Kulturerbes oder moderne Entwicklung argumentieren, selten jedoch Möglichkeiten für die Vereinbarkeit beider Aspekte eruieren.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass es weiterhin einen großen Bedarf an nationalem wie internationalem Austausch über Arbeitsansätze für das Management von Kulturlandschaften gibt. Zu diesem Zweck lud das renommierte Center for Heritage & Society der University of Massachusetts in Amherst, USA, vom 13. bis 15. Mai 2015 zur Konferenz „Cultural Landscapes & Heritage Values. Embracing Change in the Management of Place“. Diesem Ruf folgten nicht nur zahlreiche nordamerikanische Kollegen, sondern auch Experten aus Europa, Asien und Australien. Neben Konzepten für die Integration moderner Landnutzung widmete sich die Konferenz unter anderem auch Aspekten wie sozialer Gerechtigkeit in multi-kulturellen und multi-ethnischen Kulturlandschaften und der Frage nach Authentizität in sich stetig wandelnden Kulturlandschaften. Den Themen Nachhaltigkeit im Management und der Vereinbarkeit von Wandel und Authenti5/2015
Fotos: Samtgemeinde Lüchow
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ERHALT VON GÄRTEN UND LANDSCHAFTEN
zität widmete sich einer der deutschen Beiträge bei der Konferenz. Ein Projektteam, bestehend aus dem Samtgemeindebürgermeister von Lüchow, Hubert Schwedland und den beiden Verfasserinnen, stellte dort die Kulturlandschaft der Rundlingsdörfer in Niedersachsen vor. Dieser historische Siedlungstyp, von dem es eine besonders große Zahl an gut erhaltenen Exemplaren im Landkreis Lüchow-Dannenberg gibt, lässt sich bis in die Zeit der deutschen Osterweiterung im 12. und 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Stärker als von historischen Dörfern wurde die Region in den letzten Jahrzehnten jedoch durch den Widerstand gegen das potenzielle Endlager von Atommüll in Gorleben bestimmt. In Folge, insbesondere der jährlichen Proteste gegen die Castortransporte, sind die Forderung nach der Nutzung erneuerbarer Energieformen und der Wunsch nach örtlicher Energieautarkie hier besonders groß. Mittlerweile sind diese Themen sogar zu einem wesentlichen Element der regionalen Identität geworden. Die äußerst zahlreichen Photovoltaikanlagen auf den Dächern, die weithin sichtbaren Windenergieanla-
gen sowie Biogasanlagen, samt dem hierfür nötigen großflächigen Maisanbau, stellen eine Herausforderung für die Erhaltung der wendländischen Kulturlandschaft dar. Während die modernen Installationen bei der Bewertung von Orts- und Landschaftsbildern oft als ästhetische Störung empfunden werden, resultiert der Anbau von Mais-Monokulturen unter anderem in der Auflösung der ehemals kleinteiligen Feldstruktur. Doch was hat nun Vorrang im Wendland? Die Sichtbarkeit der historischen Elemente der Kulturlandschaft oder ihre Funktion als Raum zur Nutzung erneuerbarer Energien? Diese Frage wird immer häufiger diskutiert, allerdings noch zu selten zwischen Vertretern beider Parteien und mit dem Ziel, eine Kompromisslösung zu entwickeln. Die Ergebnisse dieser Arbeit sollen wegweisend sein, nicht nur für die Region sondern auch für alle, die sich für die Vereinbarkeit von Alternativenergien und historischen Kulturlandschaften engagieren. Dr. Britta Rudolff, Susann Harder
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Benjamin Kleemann
Mit Weltraumkapsel und Mondstaub unterwegs
Raumschiffe, Sternenkarten und sogar mit ein paar Gramm echtem Mondstaub wartete die Ausstellung „Outer Space. Faszination Weltraum“ in Bonn auf. In enger Absprache mit der Bundeskunsthalle lieferten Spezialisten 350 Exponate fachgerecht an und unterstützten beim Aufbau.
Fotos: (1–4) Schenker Deutschland AG/Horst Müller; (5) Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland/ Kansas Cosmosphere and Space Center, 2014
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2 Lückenlose Verfolgung durch GPS Mit vollem Komfort trat die mehr als 150 Kilogramm schwere Weltraumkapsel „Mirka“ ihre Fahrt zur Bundeskunsthalle an. Eine Klimaanlage im Kunsttransporter hielt die Temperatur konstant zwischen 20 und 23 °C. Die Luftfederung fing schädliche Stöße ab. Über das im Fahrzeug eingebaute GPS-System ließ sich ihr Weg lückenlos verfolgen. Außerdem kümmerten sich Dieter Pielucha und Richard Herhold, zwei professionelle Kunstpacker, darum, dass sie ihren 3 Zielort sicher erreichte. Im Museum angekommen konnte der Lkw bis in die Anlieferungshalle fahren, wo ihn Dirk Arbeiter, Leiter der Kunstlogistik der Schenker Deutschland AG am Standort Düsseldorf, bereits erwartete. Neben der ersten vollständig in Deutschland entwickelten Weltraumkapsel, mit der 1997 unter anderem ein neuartiger Hitzeschild getestet worden war, transportierten die Spezialisten insgesamt 350 Exponate nach Bonn. Darunter waren neben dem Prototyp des europäischen 4 Mars-Fahrzeuges „ExoMars“ auch einige Gramm echten Mondstaubs oder Artefakte aus Science Fiction-Filmen. Dirk Arbeiter betreute bei diesem Projekt in erster Linie die internationalen Leihgeber. Sie schickten ihre Schätze aus Spanien, Russland, den USA und sechs weiteren Ländern auf die Reise. Bereits im Vorfeld hat er mit ihnen jedes Detail des Transports geklärt.
1 Vorsichtig, Stück für Stück enthüllen die Kunstpacker Dieter Pielucha und Richard Herhold das einzigartige Ausstellungstück.
Enge Absprache mit internationalen Leihgebern Für die objektgerechte Verpackung verfügt Dirk Ar5 beiter über einen Pool unterschiedlichster Kisten, die zum Teil mit Schaumstoffen ausgekleidet sind. Zudem kann er den Kunden speziell isolierte Klimakisten zur Verfügung stellen. Viele Modelle sind filigran oder fragil. Leihgeber und Restauratoren haben daher konkrete Vorstellungen, wie die Verpackung beschaffen sein muss. Bei außergewöhnlichen Maßen kann er Kisten auch passgenau anfertigen lassen. „Für die Weltraumausstellung war das nicht notwendig“, berichtete der Kunstlogistiker. „Aber wenn ich an die 82 Skulpturen aus Kambodscha denke, die hier in der Bundeskunsthalle gezeigt wurden, und die zweieinhalb Meter hoch waren. Da sah das schon anders aus.“
ABSTRACT
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2 Die Kiste, in der die 150 Kilogramm schwere Mirka-Kapsel transportiert wurde, wird entladen. 3 Dirk Arbeiter, Kunstlogistiker und Museumsrestauratorin Marion Korb begutachten die Weltraumkapsel nach dem Transport. 4 Marion Korb und Thomas Kraus, vom DLR-Raumfahrtmanagement dokumentieren den Zustand der Mirka-Kapsel. 5 Die Mercury-Kapsel Liberty Bell 7 nach der Restaurierung
En route with space capsule and moon dust For the exhibition „Outer Space – Fascination Cosmos” more than 350 exhibits – from space ships to moon dust – were professionally packed and delivered. Indispensable in this respect was not merely the depth of experience and intuition in handling the sensitive items, but also the close coordination between the Art and Exhibition Hall of the Federal Republic of Germany and the international lenders. For particularly heavy items, such as the space capsule „Liberty Bell” for example, it was necessary to use a crane.
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ter hohen Aluminiumkiste. Ein leises Grollen erfüllte die Halle, während der Hubwagen mit seiner Fracht über den Parkettboden rollte. Auf Anweisung der Restauratorin Marion Korb, die für die Ausstellung „Outer Space“ verantwortlich war, manövrierten sie das Exponat ins Zwischenlager. Fingerspitzengefühl und Erfahrung sind gefragt „Wir arbeiten ausschließlich mit Kunstspezialisten zusammen. Das nötige Know-how und das internationale Netzwerk hat nicht jeder Logistiker“, formulierte Marion Korb. Sie erwarte von Kunstpackern Erfahrung, Fingerspitzengefühl und Improvisationstalent. Damit die Mitarbeiter diesem hohen Anspruch gerecht werden, legt der Logistiker großen Wert auf ihre kontinuierliche Schulung. Dafür organisiert er in enger Zusammenarbeit mit Museen und Restauratoren regelmäßige Tagungen und Workshops. In deren Mittelpunkt stehen beispielsweise das richtige Handling und die fachgerechte Verpackung von Kunstobjekten aus den verschiedensten Materialien und von unterschiedlicher Beschaffenheit. Im Vergleich zu vielen anderen Exponaten hatte die Mirka-Kapsel eine relativ kurze Reise. Denn sie stammte aus dem Fundus des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Köln. Während die beiden Kunstpacker aus dem Lkw stiegen, streiften sie sich leichte Stoffhandschuhe über. Für den Weitertransport justierten sie einen Hubwagen unter der rund eineinhalb Me-
Spezialkran hebt bis zu drei Tonnen Dabei stellen außergewöhnlich schwere Exponate eine besondere Herausforderung dar. So hat die ebenfalls in der Ausstellung „Outer Space“ präsentierte Mercury-Kapsel „Liberty Bell 7“ 1961 im Gegensatz zur Mirka nicht nur Technik befördert. Bei ihrem knapp 16 Minuten währen-
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6 Der Kopf einer Büste aus Kambodscha wird für den Transport vorbereitet. 7 Passgenau wird der polsternden Schaumstoff ausgeschnitten. 8 Zusätzlich wird die Büste in inertes Material eingeschlagen. 9 Die Büste wird sicher in der Transportkiste verstaut.
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TRANSPORT & VERPACKUNG den Weltraumflug hatte sie einen der ersten Astronauten mit an Bord und ist entsprechend größer. Zudem wurde die aus dem US-amerikanischen Kansas stammende Kapsel in einer Vitrine aus Stahl und Panzerglas transportiert, was sie ungleich schwerer macht. „Um die Liberty Bell hier zu positionieren, mussten wir sogar einen Kran einsetzen“, berichtete Dirk Arbeiter. Für solche Fälle haben sich die Düsseldorfer von einem Spezialkranbauer gleich mehrere Maschinen konstruieren lassen. Mit dieser technischen Unterstützung sind sie in der Lage, drei Tonnen bis zu sechseinhalb Meter hoch zu heben. Für die Mirka reichte ein kleiner Hubwagen. Nachdem Marion Korb in den Räumen der Bundeskunsthalle die Unversehrtheit der Kiste überprüft hatte, gingen die beiden Kunstpacker daran, die Mirka aus ihrer Verpackung zu befreien. Auf ihren Gesichtern ist die Konzentration abzulesen, mit der die beiden die Hülle gleichzeitig, Stück für Stück anheben. Außer dem Rascheln von Folie war kaum ein Laut hören. Erst als sie die Aluminiumbox deutlich über die Weltraumkapsel gehoben hatten und sicher sein konnten, das Ausstellungsstück nicht unabsichtlich zu berühren, kippen sie diese nach hinten weg und stellten sie vorsichtig ab.
„Outer Space“ Laufzeit: 3. Oktober 2014 bis 22. Februar 2015 Museum: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn Objekte: ca. 400 Besucher: 132.000 In zwölf assoziativ gestalteten Räumen präsentierte die Ausstellung zentrale Themen wie Gravitation und Extraterrestrik, Sonne, Mond und Sternen und Raketen bis zu Schwarzen Löchern und UFOs. Es war eine Kooperationssausstellung mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).
len daran gewetzt. Spuren der harten Landung, als die Kapsel nach ihrem 14-tägigen Weltraumflug von einem Fallschirm durch die kasachische Steppe geschleift wurde. Nach der akribischen Protokollierung des Zustands wurde die Fahrt fortgesetzt. Erneut schoben die beiden Kunstpacker das Exponat über das Parkett auf ein fünf Meter hohes Tor zu. Klackernd wurden die Türen beiseitegeschoben, um sich gleich wieder zu schließen, nachdem die Mirka-Kapsel den Eingang zu den Ausstellungräumen passiert hatte.
Tiefe Furchen zerschneiden den Hitzeschild Zum Vorschein kam eine Metallkugel mit etwa einem Meter Durchmesser, die mit einem grauen Hitzeschild ummantelt ist. Mehr als 30 Zentimeter lange Furchen zerschneiden die Schutzschicht, als hätte eine riesige Raubkatze ihre Kral-
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Der Astronaut Ed White bei dem ersten Weltraumspaziergang eines Amerikaners, während der Gemini 4 Mission am 3. Juni 1965.
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Zum Autor Fotos: (5–8) DB AG/Christoph Busse; (Kasten): NASA
Benjamin Kleemann ist Journalist und schreibt seit mehr als zehn Jahren für Printund Onlinemedien. Als Redakteur in der Unternehmenskommunikation der Schenker Deutschland AG durfte er den Transport der Mirka-Kapsel begleiten. Kontakt: benjamin.kleemann@ dbschenker.com
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„Die Anforderungen an Verpackungen und Transport steigen!“
Franka Barsch und Tobias Wenhart sind bei Hiscox für die Versicherungen von Kunstwerken zuständig – unter anderem bei Transporten. Ein Blick in die Branche der Schadensfälle.
Wie hoch ist der Anteil an Transportversicherungen im Vergleich zu anderen bei Ihnen im Hause? Tobias Wenhart: Verschwindend gering. Wir versichern eigentlich überwiegend Privatsammlungen, Museen und Galerien. Im Rahmen dieser übernehmen wir dann auch die Transportversicherungen. Transporte alleine werden von uns nur in Ausnahmefällen versichert. Das bedeutet, dass Privatpersonen so oft sie wollen, ihre Kunstwerke im Rahmen ihrer Versicherung transportieren dürfen? Wenhart: Ja. Uns ist es wichtig, dass sie fachgerecht verpackt und von einem Kunstspediteur transportiert werden.
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Und bei den Museen? Wenhart: Hier schauen wir auf die Ausstellung und den Umfang, aber es gilt letztendlich das gleiche Procedere wie bei Privatpersonen. Sprich, es sollte ein Zustandssprotokoll vor und nach dem Transport erfolgen und bei uns abgegeben werden. Wie sichern Sie die Qualität von Verpackungen und Transport? Wenhart: Wir sind spezialisiert auf die Absicherung von Kunst und blicken auf eine langjährige Erfahrung im internationalen Bereich zurück. Dadurch haben wir ein sehr gutes Netzwerk, sollten wir mal einen Spediteur nicht kennen. Im Zweifel wird ein anderer von uns vorgeschlagen. 5/2015
Foto: Restauro
Franka Barsch und Tobias Wenhart konstatieren, dass die häufigsten Schadenfälle tatsächlich beim Transport passieren.
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Franka Barsch: Wenn es nicht gut verpackt worden ist, werden die Schadensfälle von uns geprüft und mit Hilfe von Kunstsachverständigen bewertet. Wenn bei der Prüfung die mangelnde Verpackung die Schadensursache war, werden wir auch beratend tätig. Es gibt versicherungstechnische Anforderungen an die Verpackung von Kunstwerken, damit sie fach- und sachgerecht transportiert werden können. Wer lässt besser verpacken: Sammler oder Museen? Wenhart: Meistens Sammler, weil sie ein ureigenstes Interesse daran haben, dass ihre Kunstwerke heil ankommen. Welche Entwicklung sehen Sie hier bei den Museen? Wenhart: Es ist deutlich zu merken, dass zum einen der Leihgabenverkehr zunimmt und zum anderen die Anforderungen an Verpackungen und an den Transport dieser Kunstwerke steigen, aber andererseits die Museen immer weniger Geld haben, um diese zu erfüllen. Wie häufig haben Sie direkten Kontakt zu Restauratoren? Barsch: Zu 80 Prozent, wenn es um einen Kunstschaden geht. Dies wird meistens über den Kunstsachverständigen gesteuert, der Hand in Hand mit Restauratoren arbeitet. Hier findet ein enger Austausch zwischen uns, dem Kunden, dem Kunstsachverständigen und dem Restaurator statt, um den Umfang der Maßnahmen sowie die zeitliche und finanzielle Komponente zu beurteilen. Wenhart: Bei uns gibt es für Privatpersonen die Möglichkeit, uns ihr beschädigtes Kunstwerk zu überlassen, obwohl es grundsätzlich restaurierungsfähig wäre. Wie das? Wenhart: Es wird die vorher vertraglich festgelegte Summe an den Kunden ausgezahlt, und wir erhalten dann das Kunstwerk. Das nennt sich bei uns „Cash Option“. Kommt das vor? Barsch: Der Andy Warhol im Flur zum Beispiel kam aus einer Galerie aus Übersee nach Deutschland und zeigte nach dem Transport ei5/2015
ne Beschädigung, die nach der Konservierung und Restaurierung nicht mehr zu sehen ist. Der Kunde hatte sich jedoch dazu entschieden, die „Cash Option“ in Anspruch zu nehmen. Barsch: In diesem Fall, wie auch in anderen Fällen, in denen ein Restaurator involviert ist, übernehmen wir, wenn es erwünscht ist, auch den Transport zum Restaurator und wieder zurück. Das ist natürlich eine besonders sensible Phase für alle Seiten und muss daher gut begleitet werden. Wie erleben Sie Restauratoren? Barsch: Als sehr sorgfältig. Wenn man einen solchen Beruf ausübt, muss man Leidenschaft für Kunstwerke innehaben, und das ist bei Restauratoren der Fall. Daher müssen wir auch in manchen Fällen zwischen dem Kunden und dem Restaurator ausbalancieren. Wie gehen Sie mit steigenden Sicherungsvorkehrungen und Versicherungssummen für Kunstwerke an Museen um? Wenhart: Einerseits freuen wir uns darüber, weil wir das zum Teil bei den Sicherheitskonzepten auch fordern. Für uns ist das eine positive Entwicklung. Andererseits stehen Menschen vor den Kunstwerken und müssen diese auch noch betrachten können. Wie reagieren Sie auf diese Tendenz? Wenhart: Bei Bedarf unterstützt uns unser externes Netzwerk von Kunstsachverständigen. Grundsätzlich versichern wir bis zu einer bestimmten Summe allein. Alles was darüber hinausgeht, wird in einem Konsortium von mehreren Versicherern geleistet. Und gibt es unter den Versicherungen keine Konkurrenz diesbezüglich? Wenhart: Nein. Es sind einfach hohe Werte, die nur gemeinsam versichert werden können. Es kann und will auch kein Versicherer das Risiko alleine tragen. Ist das etwas Besonderes für die Kunstszene? Wenhart: Das wird auch in anderen Bereichen so gehandhabt. Wie funktioniert das im Schadensfall? Barsch: Es wird vorher festgelegt, wer die Fe-
Franka Barsch ist seit 2007 bei Hiscox und leitet dort die Schadensabteilung. Dies umfasst sowohl das Privatkundengeschäft als auch den Geschäftskundenbereich. Nach ihrem Jura-Studium war sie mehrere Jahre als Anwältin tätig. Tobias Wenhart ist seit 2013 bei Hiscox und verantwortet den gesamten Bereich Products & Unterwriting. Das umfasst sowohl den Privatkunden als auch den Geschäftskundenbereich. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Versicherungswesen war er mehrere Jahre bei der Beratungsgesellschaft McKinsey & Company tätig.
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derführung innehat. Diese Versicherung hat den Lead und entscheidet, in welche Richtung es geht. Alle anderen folgen. Selbstverständlich stehen die Versicherer dabei aber auch in engem Austausch. Auf welche Sicherheitsvorkehrungen achten Sie? Wenhart: Wir fordern zum Beispiel eine 24-Stunden-Bewachung, eine sehr gut funktionierende Alarmanlage und Notfallpläne. Meistens kommen die strengeren Vorschriften seitens der Leihgeber. Worin ist das begründet? Barsch: Es gab spektakuläre Kunstdiebstähle in den Niederlanden, sodass die Leihgeber gerade diesbezüglich sehr sensibilisiert sind.
Wo entstehen die häufigsten Schadensfälle? Wenhart: Tatsächlich beim Transport. Weitere Fälle sind Wasserschäden oder Diebstähle. Barsch: Auch die Reinigungskräfte müssen sensibilisiert werden. Hier entstehen häufig Schäden durch versehentliches Putzen oder unvorsichtigen Umgang.
Sind Fälschungen ein Thema bei Ihnen? Wenhart: Wenn im Schadensfall bei einer Untersuchung herauskommt, dass es sich bei dem Kunstwerk um eine Fälschung handelt, sind wir unmittelbar betroffen. Wir müssen dies auch dem Kunden vermitteln. Barsch: Meistens sind es Kunstsachverständige und Restauratoren, die die Fälschung entlarven. Das bedeutet natürlich, dass die ursprüngliche Risikoeinschätzung und damit die Versicherungssumme überprüft werden müssen.
Wie sind die Sicherheitsstandards im internationalen Vergleich? Wenhart: In den großen Häusern sind die Grundstandards in der Regel wirklich gut.
Was machen Sie mit Kunst, deren Alterung seitens des Künstlers intendiert ist? Barsch: Das sind besonders spannende Objekte, da wir gemeinsam mit dem Kunstsachverständigen und dem Restaurator ermitteln müssen, was als Schaden definiert werden kann oder zum Kunstwerk gehört. Wenn der Künstler noch lebt, binden wir diesen in den Entscheidungsprozess ein. Wenhart: Ganz schwierig wird es für uns bei Kunstwerken, die aus Lebensmitteln bestehen. Hier können wir eigentlich nicht versichern und haben dazu auch nicht so viele Anfragen.
Welche Rolle spielt bei Ihnen die Digitalisierung bestimmter Bereiche? Wenhart: Wir erhalten zunehmend Anfragen von Online-Auktionshäusern oder Galerien bezüglich der Sicherheitskonzepte. Es wäre wünschenswert, wenn es eine digitale Signatur gäbe, die eine eindeutige Originalität beweist. Barsch: Wir bleiben an dem Thema dran, zum Beispiel digitale Klimaüberwachung, die wir im eigenen Haus schon getestet haben, um auch in solche Bereiche einen Einblick zu erhalten.
Was ist denn für Sie das Lieblingsversicherungsobjekt? Wenhart: Gemälde sind tatsächlich sehr gut zu versichern oder Unzerbrechliches allgemein auch. Fotografien ebenfalls, wobei hier die Beleuchtungssituation vorher gut festgelegt werden muss. 58
Wenn wir auf das Thema Sicherheitskonzepte zurückkommen, wie beraten Sie dort? Wenhart: Große Museen haben eigene Sicherheitsexperten, mit denen wir uns zusammensetzen und gemeinsam überlegen, welche Maßnahmen gangbar und bezahlbar sind. Barsch: Bei Privatleuten schauen wir uns mit Kooperationspartnern vor Ort die Sammlung an und ziehen die Kunstsachverständigen hinzu.
Wo geht die Entwicklung diesbezüglich Ihrer Meinung nach hin? Wenhart: Die Werte der Kunstwerke werden höher, die Budgets der öffentlichen Hand werden immer weniger, daher wird es aus meiner Sicht langfristig schwieriger, große Ausstellungen zu organisieren.
Welcher Versicherungsfall ist Ihnen in Erinnerung geblieben? Wenhart: Ich werde immer nervös bei Schiffstransporten. Die Bewegungen, aber auch die Gefahr, dass der Container über Bord geht, stehen immer im Raum. Flugzeugtransporte sind sicherer, aber natürlich auch eine Preisfrage. Das Interview führte Christine Kowalski. 5/2015
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Von Fichten und Tannen, von Wurst und Wurm Ein künstlerisches Großprojekt zeigt, dass für den Transport großer Objekte auch Gabelstapler eingesetzt werden können.
Installationsansicht „Erwin Wurm. Fichte“ im Kunstmuseum Wolfsburg
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„Erwin Wurm. Fichte“ – das ist die aktuelle Sommerausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg. Schon vor dem Museumseingang ist eine neue Arbeit des österreichischen Künstlers (*1954) zu sehen: ein dottergelber Volkswagen-Bulli des Baujahrs 1974. Aus dem „Curry Bus“, so der Titel der Arbeit, werden auf Wunsch des Künstlers die originalen VW-Currywürste an interessierte Besucher und hungrige Schaulustige verkauft. In der zentralen Ausstellungshalle geht es ähnlich spektakulär weiter. In einem eng abgesteckten Block hängen 18 echte, haushohe Nordmanntannen kopfüber. Ihre Spitzen berühren den Boden, der würzige Duft von Nadelbäumen liegt in der Luft. Der Besucher ist aufgefordert, durch diese monumentale Tannenskulptur mit dem irritierenden Titel „Fichte“ zu wandeln und die darin positionierten Skulpturen zu betrachten. Auf zwei Eimerlampen mit integrierter Abstellfläche finden sich zarte Kugelschreiberzeichnungen des Künstlers, die den Besucher zu performativen „One Minute Sculptures“ anleiten: „Kübel auf/über den Kopf – so stehen bleiben – und an Fichte denken…“ und „Kübel auf Kopf – ruhig stehen bleiben – und an Tannen denken…“.
In der Nähe des Tannenblocks steht ein Mercedes Benz der späten 1980er Jahre. Eine überlebensgroße, 500 Kilo schwere Bronzefigur liegt auf dem Dach des Autos. Bei „Big Psycho 10“ hat es den Anschein, als sei die Bronzefigur von der Brüstung der Empore auf den Wagen in die Tiefe gesprungen. Das Dach ist eingedrückt und massiv beschädigt, die Türen sind verbogen, die Frontscheibe zersplittert. Wie werden solche aufwändigen Installationen und Großprojekte verpackt, transportiert und installiert? Das Kunstmuseum Wolfsburg ist ein Ausstellungshaus für zeitgenössische Kunst mit einer Sammlung, die inzwischen gut 400 Arbeiten umfasst. Hier werden seit 21 Jahren große thematische und monografische Wechselausstellungen realisiert. In regelmäßigen Abständen werden Künstler eingeladen, Arbeiten bzw. Installationen direkt für die zentrale, 1.600 Quadratmeter große Ausstellungshalle des Museums zu entwickeln. Die Größe der Halle sowie ihre spezifischen Besonderheiten (Befahrbarkeit mit Hubwagen und Gabelstaplern, Variabilität durch das modulare Stellwandsystem, das vom Haus selbst entwickelt wurde) erlauben Großprojekte wie zum Beispiel James Turrells bislang größte begehbare Lichtinstallation in einem Innenraum von 2009. Diesen Projek5/2015
Fotos: VG Bild-Kunst, Bonn 2015 /Marek Kruszewski
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ten ist gemeinsam, dass sie in der Regel vor Ort, im Kunstmuseum Wolfsburg, zusammen mit dem Künstler umgesetzt werden und somit häufig das Verpacken und Transportieren der Kunst im klassischen Sinne entfällt. Vielmehr geht es im Bereich Restaurierung und Art-Handling darum, in enger Abstimmung mit den Künstlern Möglichkeiten und Vorgangsweisen zu entwickeln, die meist komplexen Konzepte technisch zu realisieren. Neben einigen musealen Leihgaben bilden in der Ausstellung Skulpturen den Schwerpunkt, die direkt aus dem Atelier Erwin Wurms oder einer ihn vertretenden Galerie nach Wolfsburg transportiert wurden. Die oben skizzierten Großprojekte „Fichte“, „Curry Bus“ und „Big Psycho 10“ wurden vor Ort gemeinsam mit dem Künstler und dem Team des Museums verwirklicht. So stammen die Nordmanntannen für „Fichte“ aus einem Forst in der Nähe Wolfsburgs. Frisch geschlagen wurden sie mit Hilfe eines speziellen Forstfahrzeugs zum Museum gebracht. Eine Verpackung des hölzernen Rohmaterials im klassischen Sinne entfiel damit. Der aufwändigen Installation des Baumblocks in der Ausstellungshalle mit Gabelstaplern und speziellen Arbeitsbühnen gingen neben regelmäßigen Absprachen mit dem Künstler vor allem exakte Berechnungen der Statik voraus. An eine eigens in den Werkstätten des Kunstmuseums Wolfsburg gebaute Aluminiumkonstruktion wurden nach und nach die 18 bis zu einer halben Tonne schweren Bäume unter das 16 Meter hohe Hallendach des Museums aus Stahl und Glas gehängt. Der deutlich erhöhten Brandlast im Haus wurde in Absprache mit der ortsansässigen Feuerwehr durch zusätzlich installierte Löschanlagen begegnet. Zur Minimierung der Brandgefahr wurden nach der Hälfte der Ausstellungslaufzeit alle 18 Tannen durch frisch geschlagene Bäume ersetzt. Wenig zimperlich war der Umgang mit dem gebrauchten Mercedes Benz, dessen Dach als vermeintlicher Landepunkt des „Big Psycho 10“ bei seinem Sturz von der Empore inszeniert wurde. Um einen sicheren Halt der Skulptur auf dem Fahrzeug zu gewährleisten, wurde das Autodach entsprechend präpariert: Nach mehreren, durchaus vergeblichen Versuchen, das Dach mit schweren Sandsäcken an den Gabeln eines Staplers zu deformieren, griff der Künstler selbst zum Hammer und bearbeitete das widerspenstige Qualitätsprodukt aus Stuttgart solange, bis das Dach nachgab und die Bronze „Big Psycho 10“ mit Hilfe eines Gabelstaplers in die nun entstandene Mulde gehoben wurde. Auch die Galionsfigur der Ausstellung, Erwin Wurms „Curry Bus“, entstand dank vieler helfender 5/2015
Hände in und um Wolfsburg. Zuvor entwickelte der Künstler das Konzept in seinem österreichischen Atelier, machte Vorgaben zu Aussehen und technischer Beschaffenheit der Skulptur und übergab diese samt einer Reihe von detaillierten Zeichnungen und einem Gipsmodell dem Kunstmuseum Wolfsburg. Mit Unterstützung von Experten des Volkswagen Nutzfahrzeuge Zentrums Hannover wurde der als nicht restaurierbar eingestufte T2B gekauft. Seine Verwandlung in den „Curry Bus“ fand dann primär in den Werkstätten des Kunstmuseums Wolfsburg in enger Absprache mit dem Künstler und über 50 tatkräftigen Mitarbeitern statt. In monatelanger Arbeit wandelten Studierende der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig sowie Ingenieure und Auszubildende der Volkswagen Group Academy den ausgedienten Lieferwagen in das Kunstwerk. Durch das Zufügen von Material, nämlich schier unendlich vielen Schichten von Dalmatiner-Fassadendämmplatten und dem anschließenden Schleifen und Modellieren derselben wurde dem Bulli die gewünschte „fette“ (Zitat Erwin Wurm) Silhouette gegeben. Nachdem der „Curry Bus“ dank seiner Umbauten – wie Würstchengrill, Friteuse und Kühlschrank – ein stattliches Übergewicht von anderthalb Tonnen erreichte und spätestens damit nur noch bedingt rollfähig war, trat er seine Reise mit dem Abschleppwagen in die Lackierkabine im Volkswagen Werk Salzgitter an, wo er seine „klassische“ dottergelbe Farbe erhielt. Der Innenraum wurde mit originalen Bezügen aus der klassischen Bulli-Zeit und mit Details wie dem zeitgenössischen Autoradio ausgestattet. Hinter den Fahrersitzen entstand eine moderne Imbissküche mit allem, was eine voll funktionstüchtige Currywurst-Bude braucht. Was auch immer nach dem Ende der Aus- 2 stellung mit dem Kunstwerk passieren sollte, eines steht fest: Das nun motorlose Kunstwerk ist bei jedem Handling auf die Hilfe von Gabelstaplern, Arbeitsbühnen und Abschleppwagen angewiesen. Damit war und ist „Erwin Wurm. Fichte“ alles andere als ein klassisches Ausstellungsprojekt – und eine besonders spannende Herausforderung gerade auch für die Bereiche des Art-Handlings, der Präsentation und der Kunstwerkerhaltung im 3 Kunstmuseum Wolfsburg.
2 Curry Bus, Erwin Wurm, 2015 VW T2b, Mixed Media, H. 220 x B. 250 x T. 550 cm, Courtesy Studio Erwin Wurm 3 Während des Ausstellungsaufbaus
Andrea Sartorius, Restauratorin Matthias Heitbrink, Leiter Art-Handling
Die Ausstellung „Erwin Wurm. Fichte“ ist noch bis zum 13. September 2015 im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen. 61
TERMINE
Ausstellung: Sein Grab wird herrlich sein
Die Neuzeller Passionsdarstellungen vom Heiligen Grab wurde im Kloster Neuzelle neu eröffnet. Das brandenburgische Kloster Neuzelle ist eine beeindruckende Anlage mit Kreuzgang, Orangerie, Klostermuseum und -brauerei sowie einer überbordend schönen barocken Stiftskirche. Seit März dieses Jahres ist dieses Ensemble um eine Attraktion reicher, die man zunächst gar nicht sieht. Ein neues Museum ist entstanden, dessen Macher bewusst den Weg ins Erdreich gewählt haben, um die historische Klosterlandschaft nicht zu zerstören und gleichzeitig passende konservatorische Bedingungen zu gewähr-
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leisten. Und so ist das „Himmlische Theater“ nun im Untergrund zu bestaunen. Als Himmlisches Theater werden die insgesamt 15 Passions- und Auferstehungsszenen bezeichnet, die nach 1751 durch den böhmischen Künstler Joseph Felix Seifrit im Auftrag des Neuzeller Abtes Gabriel angefertigt wurden. Vor fünf verschiedenen Bühnenbildern (Stadt, Garten, Palast, Palasthof, Kalvaria) wurde die Passion Christi auf fast lebensgroßen Figuren und Figurengruppen dargestellt. Bis zu sechs Meter hohe bemalte Leinwände und farbig gefasste Holztafeln ergaben eine täglich wechselnde, geschickt illuminierte und theatralisch raffinierte
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Foto: Monika Soczak; Bernd Geller
Ansicht der Szene „Judaskuss“
Fotos: Bernd Geller, Heiner Büld
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Meisterleistung, die bei den Gläubigen tiefe Eindrücke hinterlassen haben muss. Über 100 Jahre wurden die Szenen während der Passionszeit aufgestellt, letztmalig 1863. Doch statt, wie sonst üblich, das ausrangierte Kirchenmobiliar dem Ofen des Küsters anheimzugeben, erkannte die Denkmalpflege sehr früh den Wert dieser ephemeren Festdekoration. 1913 verlagerte man die Kulissen in den Turm der Marienkirche. Seitdem setzten vielfaches Bewegen, schwankende Feuchten, tierischer Befall und Vogelexkremente den fast 250 Einzelteilen stark zu. Den Holzschädlingen wurde Ende der 1950er Jahre mit DDT- und Lindanhaltigen Holzschutzmitteln zu Leibe gerückt. Zwar wurden bereits in den 1970er Jahren erste Konservierungsarbeiten vorgenommen, doch erst im Zuge von Sanierungsarbeiten auf dem gesamten Klostergelände Mitte der 1990er Jahre gelangten die Kulissenteile wieder in den Fokus. Erste Zustandsuntersuchungen durch den Studiengang Restaurierung der Hochschule für Bildende Künste in Dresden beendeten 1997 den Dornröschenschlaf des Himmlischen Theaters und offenbarten eine Vielzahl unterschiedlicher Schadensbilder. Die Holzkonstruktionen waren beschädigt oder instabil. Die Leimmalerei blätterte bzw. puderte flächig ab, zahlreiche Details waren bereits verloren. Die Leinwand wies Fehlstellen und Gewebedeformationen auf. Mit Hilfe von Bundesmitteln konnte die Szene „Der Judaskuss“ in den Jahren 2001 bis 2003 im Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum (BLDAM) exemplarisch restauriert werden. In den Folgejahren konnten langfristig Bundes-, Landesund EFRE-Mittel sowie Gelder der Ostdeutschen Sparkassenstiftung für die Restaurierung einer zweiten Szene („Kreuztragung“) sowie für eine dauerhafte museale Präsentation und eine konservatorisch passende Deponierung gesichert werden. In Kooperation mit dem Institut für Katholische Theorie und ihre Didaktik an der Martin-Luther-Universität HalleWittenberg wurde ab 2011 eine konkrete Museumsidee entwickelt. Ein unterirdischer Neubau entstand, der das malerische Ensemble des Neuzeller Klosters nicht beeinträchtigt. Ein klimatisiertes Depot für die bisher nicht restaurierten Kulissen wurde in unmittelbarer Nähe gebaut. Am 20. März 2015 wurde das Museum im Beisein des Brandenburgischen Ministerpräsidenten Dietmar Woidke und des Bischofs von Görlitz, Wolfgang Ipolt, eröffnet. Im ebenerdigen Eingangsraum zur Ausstellung wird die Tradition der Heiligen Gräber kultur- und religionsgeschichtlich eingeordnet. Die Begleittexte sind auf deutsch, englisch und polnisch verfasst, das östliche Nachbarland ist nicht weit entfernt. Eine bemerkenswerte Visualisierung des Ateliers Twist Berlin erlaubt es, das fast 125 m² große Fresko der „Ecclesia triumphans“ aus der evangelischen Pfarrkirche auf dem Klostergelände hochaufgelöst zu betrachten. Die vom böhmischen Maler Neunhertz in der Mitte des 18. Jahrhunderts geschaffene Allegorie gilt als eines der be-
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deutendsten Niederlausitzer Fresken und ist eine sehr schöne Einstimmung auf die Kulissenszenen, die den Besucher im Untergeschoss erwarten. Ein schräger Tunnel, an dessen Ende eine große Tafel prophezeit „Sein Grab wird herrlich sein“, führt in einen atmosphärisch dichten, nahezu lichtlosen Raum. Die Dramatik der ausgestellten Szenen „Judaskuss“ und „Kreuztragung“ wird durch diese Reduzierung noch verstärkt. In dieser beinahe sakralen Atmosphäre ahnt man, wie die Gläubigen vor 250 Jahren empfunden haben müssen. Dipl.-Rest. Heike Schlasse
Die Ausstellung ist seit März 2015 neu eröffnet. www.stift-neuzelle.de Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum / Stiftung Stift Neuzelle (Hrsg.): Das Heilige Grab Neuzelle. Untersuchung und Konservierung der Szene „Judaskuss“ im Bühnenbild „Garten“, Petersberg 2004 (Auflage vergriffen, Restbestände im Museum).
Detail der Szene „Judaskuss“
Detail aus der Visualisierung des Kuppelfreskos der Kreuzkirche
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Am 24. und 25. September 2015 werden die Restaurierungen in Dom in Güstrow ausführlich vorgestellt.
September Konferenz „Big Stuff 2015“ 03.–04.09.2015 Bochum Die zweitägige Konferenz ermöglicht Kuratoren und Interessenten rund um die Erhaltung von Industrieanlagen, übergroßen Objekten, Maschinen und Bearbeitungstechnologie zu diskutieren. Veranstalter: Deutsches Bergbau Museum Bochum www.bergbaumuseum.de Tag des offenen Denkmals 13.09.2015, deutschlandweit In diesem Jahr dreht sich alles um das Thema „Handwerk, Technik, Industrie.“ Ziel ist es, auf die Bedeutung dieser industriellen und technischen Denkmale für die Denkmallandschaft in Europa hinzuweisen. Veranstalter: Deutsche Stiftung Denkmalschutz www.tag-des-offenendenkmals.de/thema/ Internationale Konferenz „Spark: Conservation of Sculpture Parks“ 14.–16.09.2015 Sisak, Kroatien
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Die Kunstakademien der Universität von Split (Kroatien) und das Kölner Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft sowie das Museum of Contemporary Art in Zagreb (Kroatien) organisieren gemeinsam eine internationale Konferenz zur Konservierung von Skulpturenparks. Nebenbei werden auch technische Aspekte und das Management solcher Outdoor-Skulpturen angesprochen. Veranstalter: Sisak Kroatien www.spark2015sisak. wordpress.com III. Forum Kunst des Mittelalters 16.–19.09.2015 Hildesheim Die Tagung ist ein Forum für freien und offenen Gedankenaustausch über Kunstwerke des Mittelalters. Veranstalter: Deutscher Verein für Kunstwissenschaft e. V., Dommuseum Hildesheim, Hornemann Institut Hildesheim, Geisteswissenschaftliche Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas in
Baufachgespräch „Nordkirche Güstrow“ 24.–25.09.2015 Güstrow Bei dem zweitägigen Baufachgespräch der Nordkirche sind alle Architekten, Kunsthistoriker und Restauratoren zum Fachgespräch eingeladen. Veranstalter: Landeskirchenamt Schwerin www.nordkirche.de Oktober Holzanatomisches Kolloquium 01.–02.10.2015 Bei diesem Kolloquium geht es um neue Erkenntnisse und Analyseverfahren wie zum Beispiel Strukturanalytik, Nanotechnologie, Materialwissenschaften oder Bionik. Veranstalter: Fachbereich Holztechnik und Faserwerkstoff der TU Dresden sowie Institut für Holztechnologie Dresden www.idh-dresden.de Future Talks 28.–30.10.2015 München Bei den Future Talks 2015 geht es vor allem um die Herstellung von Moderner Kunst, Design und um die Herausforderung der Erhaltung moderner Materialien. Veranstalter: Die Restaurierungsabteilung der Pinakothek der Moderne – The International Design Museum Munich www.die-neue-sammlung.de Mehr Termine auf www.restauro.de
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Foto: Nordkirche Güstrow
Leipzig www.mittelalterkongress. de
TERMINE VORSCHAU
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Farbige Skulpturen Das gleichnamige Buch von Johannes Taubert ist ein Standardwerke aus den 1970er Jahren. Es wurde nun in englischer Sprache vom Getty Institute und vom Callwey Verlag in deutscher Sprache neu aufgelegt und kommentiert. Dies ist Anlass, das Thema allgemein zu beleuchten und aktuelle Untersuchungsmethoden, Erkenntnisse und Erhaltungsmöglichkeiten zu präsentieren. Textilien: Präsentation und Erhaltung Hans-Jürgen Buschmann hat sich mit der Identifizierung der Substanzen beschäftigt, die für den „typischen“ Geruch des Hauses der Seidenkultur in Krefeld verantwortlich waren. Da dieses renoviert werden musste, wurden die Substanzen identifiziert, die für den Geruch verantwortlich waren. So konnte der Geruchszustand konserviert und eine „originale“ Wahrnehmung für die Besucher ermöglicht werden.
Foto: Wolfgang Guelcker, Berlin
Ungewöhnliche Umnutzungen Ist für die Erhaltung von Kunst und Kulturgut alles erlaubt? Die Kirche Sankt Maximilian Kolbe in Hamburg oder Sankt Agnes in Berlin sind aktuelle Beispiele für eine Umnutzung. Nur dadurch konnten beide Gebäude gerettet werden. Wir zeigen ungewöhnliche Umnutzungen und diskutieren die Ursachen und Herangehensweisen.
Corrigendum In der RESTAURO 3/2015 schrieben die Autoren Mathias Hötzel und Dieter Pfaltz: „Scheiben, welche im Fourcaultverfahren hergestellt werden, gibt es nicht zu kaufen.“ Dies ist nicht richtig. Die Firma Schott stellt solche Scheiben her. Wir bitten diese falsche Information zu entschuldigen.
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PORTRÄT
Was bewegt Harald Theiss?
„Ich bin Wissenschaftler!“
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Kunsttechnologische Forschung inspiriert, zumindest Harald Theiss. Aber können auch die Besucher überzeugt werden? „Es ist oftmals schwierig zu vermitteln, dass mittelalterliche Skulpturen in der Regel farbig waren. Aber durch die experimentelle Rekonstruktion der ursprünglichen Farbfassung einer spätmittelalterlichen Heiligenbüste konnten wir den Besucher ,mitnehmen'. Und ich bin immer wieder erstaunt, wie groß hier das Interesse an Kunsttechnologie ist.“ Was bewegt ihn bezüglich des Berufsfeldes? „Ich habe öfter den Eindruck, dass andere Kollegen in ihrem Beruf nicht so ernst genommen werden, wie es angebracht wäre. Und, dass kunsttechnologische Untersuchungsergebnisse an vielen Stellen auch gar nicht unbedingt gewünscht sind.“ Dies sei auch keine Generationenfrage. Die Ursachen dafür könne er jedoch nicht benennen. Wichtig wäre seiner Meinung nach, dass Restauratorenstellen auch als Teil der wissenschaftlichen Tätigkeit ausgeschrieben würden. Das würde aber die Strukturen vieler Museen aufbrechen, oder? „Ja. Leider gelten andernorts Kunsttechnologie und Kunstgeschichte sehr häufig noch immer als zwei Ansätze, die zwar wichtig sind, aber nicht zwingend zusammengehören. Daraus resultiert eine sehr unzureichende Kommunikation zwischen beiden Fachrichtungen.“ Sein größter Wunsch? „Das Netzwerk für Fragen zur Polychromie auf mittelalterlicher Skulptur in Deutschland weiter voranzubringen.“
Vita Harald Theiss 08. April 1973 2000 Diplom an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden 2000–2005 Freiberuflich tätig 2005–2007 Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Institut für Kunsttechnologie und Konservierung, Abteilung Skulptur Seit 2007 Liebieghaus Skulpturensammlung Frankfurt, Leiter der Abteilung Restaurierung
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Foto: Liebieghaus Skulpturensammlung Frankfurt
Die neue renovierte Werkstatt strahlt Geschichte und Technik gleichermaßen aus. Die modernen Untersuchungsgeräte lassen gemeinsam mit der historistischen Ausstattung des Raums eine Atmosphäre entstehen, die eher ungewöhnlich für eine Restaurierungswerkstatt in einem Museum ist. Harald Theiss hat den Umbau initiiert und das Aussehen der Werkstatt geprägt. Davor und jetzt wieder ist er als Leiter der Restaurierungsabteilung stark in die Erforschung mittelalterlicher Inkarnate involviert. Das ist für so ein kleines Haus erstaunlich. Woran liegt das? „Es begann mit den Forschungen zum Werk Niclaus Gerhaerts und setzte sich mit der Untersuchung von Skulpturenfassungen bei Michel Erhart fort. Bei diesem Thema sind die materialtechnologischen Untersuchungen oftmals entscheidend, weshalb ich innerhalb dieser Projekte stets stark eingebunden bin“, resümiert Theiss. Eine wichtige Erkenntnis aus den vielen Forschungsergebnissen, die erarbeitet wurden? „Ich war bislang immer der Meinung, dass Farben nur durch Verdünnen mit Bindemittel flüssiger oder durch Zugabe von Füll- oder Bindemitteln dickflüssiger würden. Aber das ist ein Trugschluss. Wie ich von Chemikern lernen durfte, kann man Farbmaterialien allein durch ihre Wechselwirkungen untereinander in ihrem Fließverhalten verändern –eine Erkenntnis, die bei unseren praktischen Rekonstruktionsversuchen zu erstaunlichen Möglichkeiten bei der Verarbeitung und Wirkung von Farbe geführt hat und die den Fassmalern früherer Jahrhunderte zweifelsohne bekannt waren."