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Garten+Landschaft 09/2019

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SEPTEMBER 2019

MAGAZ I N F Ü R L ANDSC HAF T SARC HI TEK TUR

GARTEN +

LANDSCHAFT

DIE HANDSCHRIFT DER MILLENNIALS: STUDENTEN ZEIGEN, WAS SIE KÖNNEN

mit Arbeiten von

Ulrike Börst, Fanny Brandauer, Bernadette Brandl, Björge Köhler, Diana Mitten dorfer, Markus Storch, Kerstin Wagner und Marie Weßling


24 2017 erreichte der Edersee den niedrigsten Wasserstand seit jeher. Kerstin Wagner entwickelte in ihrer Abschlussarbeit Ideen, wie man gestalterisch mit den wechselnden

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Wasserständen

bdla-Nachwuchspreis 2017,

umgehen kann.

Sckell Students Award 2017, DGGL-Förderpreis Ulrich Wolf 2019: Bernadette Brandl ist 29 Jahre alt und bereits jetzt mehrfache Preisträgerin. Wir haben das junge Talent getroffen und interviewt.

28 Für ihre Masterarbeit konzipierte Fanny Brandauer eine eigene Ausstellung. Der Titel: „Reminiszenz an die Alpenblume“.

44 Markus Storch gewann dieses Jahr den Schinkel-

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wettbewerb in der landschaftsarchitektonischen Aufgabe.

Das Riechende, das Klebrige und

Sein Entwurf definiert

das Fremde: In ihrer

sich durch intelligente

Abschlussarbeit untersucht Diana Mittendorfer das Potenzial von Ekel für die Planung.

Verbindungen auf dem Projektareal – unter anderem für Fußgänger und Radfahrer.


INHALT

A K T UELLES 08 13

SNAPSHOTS MOMENTAUFNAHME Fast wie Bob Ross

STUDENTISCHE A R BEITEN Die Handschrift der Millennials: Studenten zeigen, was sie können 14

REDEN WIR TACHELES

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ÜBER DEN RAND HINAUS

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AUF DEN GRUND GEGANGEN

28

Statements aus der Disziplin zu den Themen Ausbildung und Lehre Björge Köhler, HCU Hamburg: Neue Ideen für Randlandschaften

Kerstin Wagner, Leibniz Universität Hannover: Entwurfsarbeit zur Gestaltung des Edersees

LANDSCHAFT IN GESCHLOSSENEN RÄUMEN

Fanny Brandauer, TU München: Über die Bedeutung von Ausstellungen in der Landschaftsarchitektur

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DIE PERFEKTIONISTIN

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NUR DIE HARTEN KOMMEN IN DEN GARTEN

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EKEL UND SEINE QUALITÄTEN

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SCHINKEL 2019

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NIE WAR EIN MONTAG SCHÖNER

Gewinnerin des Ulrich-Wolf-Preis 2019 Bernadette Brandl im Porträt Marie Weßling, TU Dresden: Entwurfsarbeit zum Rektoratsgarten Diana Mittendorfer, TU Berlin: Ekel als urbanes Phänomen Markus Storch und Ulrike Börst stellen ihre Gewinnerentwürfe vor Die neue Job-Matching-Plattform „New Monday“

STUDIO 50

PRAXIS - ENTWÄSSERUNG Wir brauchen das Retentionsdach

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REFERENZ Hier ist das Gras grün genug

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LÖSUNGEN Neue Lösungen und Systeme

RUBRIKEN 60

Stellenmarkt

63

Impressum

63

Lieferquellen

64

DGGL

66

Sichtachse

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Vorschau

Herausgeber: Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur e.V. (DGGL) Wartburgstraße 42 10823 Berlin www.dggl.org

7 GARTEN+ L ANDSCHAFT


REDEN WIR TACHELES Für diese Ausgabe der Garten + Landschaft haben wir Studenten, Absolventen, wissenschaftliche Mitarbeiter, Professoren und Büroinhaber zum Thema „Ausbildung“ befragt – zum Hochschulalltag, zum Berufseinstieg, zur Lehre. Wir haben unter anderem mit Lilli Licka (BOKU Wien), Martin Prominksi (Leibniz Universität Hannover), Ulrike Böhm (Universität Stuttgart, bbzl) und René Rheims (KRAFT.RAUM.) gesprochen. TANJA GALLENMÜLLER, THERESA RAMISCH

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STUDENTISCHE ARBEITEN STATEMENTS ZUM HEFTTHEMA

KAMI HATTLER

STUDENTIN

WAS KANN DIE LEHRE BESSER MACHEN? Kami Hattler studierte bis 2017 Landschaftsarchitektur und -planung an der TU München (Bachelor). Praktische Erfahrung sammelte sie u.a. als Praktikantin bei BOGL (Kopenhagen), Green City (München) und bei TGP Landschaftsarchitekten (Lübeck). Seit 2018 studiert sie an der TU Berlin Landschaftsarchitektur (Master) und versucht, im Meer der beruflichen Möglichkeiten ihre Bestimmung zu finden.

Wie in allen Lebensbereichen müssen wir uns als angehende Landschaftsarchitekten mit den dringenden Fragen unserer Zeit auseinandersetzen: Klimawandel, Umweltverschmutzung, wachsende Städte, Artensterben ... Es ist Aufgabe der Universitäten und Hochschulen, uns an diese Themen heranzuführen und uns dabei zu begleiten, Methoden zu entwickeln, wie wir als nächste Generation mit diesen Herausforderungen umgehen können. Es bringt nichts, die Lehre so fortzusetzen, wie sie schon immer funktioniert hat. Wir müssen über vielerlei Grenzen hinausdenken. Da ist das ästhetisch-atmosphärische Entwerfen auf der einen Seite, die Grundlage unserer Disziplin. Damit einher geht eine zukunftsund problemorientierte Pflanzen- und Materialverwendung. Auf der anderen Seite sollten aber auch neue Fragestellungen betrachtet werden. So war unser Thema im vergangenen Semester das Entwerfen im Anthropozän, wobei man auf einmal in Akteurs-Netzwerken auch für nichtmenschliche Akteure denkt oder sich mit Problemen wie Kunststoff als allgegenwärtiges und manipulatives Material beschäftigt. Einen Zugang zu diesen neuen Themen zu finden, stellt für mich gerade die größte Aufgabe der Lehre dar.

MARTIN PROMINSKI

PROFESSOR

WENN SIE NOCHMAL STUDENT WÄREN – WAS WÜRDEN SIE ANDERS MACHEN ALS IHRE STUDENTEN? Martin Prominski ist seit 2009 Professor für Entwerfen urbaner Landschaften an der Fakultät Fotos: privat, Julian Martitz

für Architektur und Landschaft, Leibniz Universität Hannover und seit 2018 Partner bei mesh landschaftsarchitekten Hannover/ Tokio

Ich würde mehr Präsenz in doppelter Hinsicht zeigen. Erstens würde ich auch Veranstaltungen besuchen, die vermeintlich nichts mit meiner künftigen Ausrichtung zu tun haben. Wir erleben derzeit, dass weniger Studenten die Vorlesungen besuchen, weil beispielsweise die Naturschutzinteressierten meinen, dass sie auf Entwurfsvorlesungen verzichten können, und umgekehrt. Ich bin inzwischen klar der Meinung, dass im Bachelor das gesamte Spektrum der Disziplin erlernt werden sollte – welcher Entwerfer kann denn heute noch die Biodiversität ausblenden? Zweitens würde ich mein Handy während der Vorlesungen und Seminare in der Tasche lassen. Forschungen zeigen, dass schon unbenutzt auf dem Tisch liegende Handys die Lernfähigkeit einschränken – die Realität in den Vorlesungen geht leider in die ganz andere Richtung … 15 GARTEN+ L ANDSCHAFT


ÜBER DEN RAND Randlandschaften erfahren in unserer Disziplin nicht genug Aufmerksamkeit. Zu dieser Erkenntnis kommt Björge Köhler in seiner Abschlussarbeit an der HCU Hamburg am Lehrstuhl für Architektur und Landschaft von Antje Stokman. Mit Randlandschaften meint der Masterabsolvent die Gebiete zwischen Stadt und Land, die Areale, die das Urbane räumlich abschließen und ins Rurale überführen. Anhand seines Betrachtungsgebiets im Hamburger Norden, zwischen Poppenbüttel und Duvenstedt, erklärt er hier, warum wir im Randland umdenken müssen.

AUTOR Björge Köhler, 1992 in Hamburg geboren, studierte von 2011 bis 2019 Architektur an der Hafencity Universität (HCU) Hamburg und der Oslo School of Architecture and Design. Von 2017 bis 2019 war er am Lehrstuhl Architektur und Landschaft (Prof. Antje Stokman) HCU tätig, wo er 2019 seinen Masterabschluss machte. Seit August 2019 arbeitet er bei Urbanista im Bereich Stadtentwicklung, Stadtforschung und Partizipation.

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An einem heißen Augustabend im Jahre 1839 bricht der 28-jährige Hamburger Kaufmann Wilhelm Peter Melhop gemeinsam mit einigen Freunden zu einer kühnen Nachtwanderung in die etwa 25 Kilometer entfernten hamburgischen Walddörfer auf. Die jungen Männer aus der großen Stadt genießen „die reichen Zauber der ländlichen Flur“, wähnen schon damals „romantische Bilder zu seh‘n, die doch nirgends vorhanden“ und klagen über den Verlust der vermeintlich ursprünglichen Waldlandschaft, die „fortschreitende Kultur indes von Jahr zu Jahr lichtet.“ Aus diesen kurzen Passagen lässt sich viel über den zeitgenössischen Landschaftsbegriff, aber auch die Entwicklung der Landschaft im beschriebenen Gebiet lesen. Wenn Melhop von Kultur spricht, die fortschreitend die Natur zurückdrängt, wird der Dualismus von Natur und Kultur offenbar, der bis heute unseren Landschaftsbegriff prägt. Darüber hinaus wird sichtbar, wie sehr die Polarisierung in das Menschgemachte (das Kultivierte) versus das Natürliche (das zu Kultivierende) die menschliche Zivilisation und unseren Blick auf die Welt auch heute noch prägt. Doch auch dieser Dualismus selbst ist eine Erfindung menschlicher Kultur. Blickt man zurück vor die neolithische Revolution, in der die Menschen sesshaft wurden, war alles draußen und die Landschaft die Wohnung der Menschen. Erst mit dem Bau erster Siedlungen, aus denen später unsere Städte hervorgingen, begann die Abgrenzung. Neben den Zustand draußen, in der Sphäre der Natur zu sein, trat der Zustand drinnen (geschützt), in der Sphäre der Kultur zu sein. Im mittelalterlichen Europa wurde diese Entwicklung auf ihre Spitze getrieben, die

Alle Abbildungen: Björge Kohler

BJÖRGE KÖHLER


STUDENTISCHE ARBEITEN BJÖRGE KÖHLER, HCU HAMBURG: RANDLANDSCHAFTEN

HINAUS

Der nördliche Rand Hamburgs besteht aus drei Raumtypen: Waldland (grün), Offenland (gelb) und Gartenland (rot). Sie prägen die von Menschen geschaffene Kulturlandschaft zwischen Poppenbüttel und Duvenstedt.

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Im Jahr 2017 erreichte der Edersee in Nordhessen, Deutschlands drittgrößter Stausee, den niedrigsten Wasserstand seit jeher. Den Rekordniedrigwasserstand nahm das Institut für Landschaftsarchitektur an der Leibniz Universität Hannover unter der Leitung von Katja Benfer zum Anlass, das Phänomen im Rahmen einer Entwurfsarbeit zu untersuchen. Mit ihrer Masterarbeit entwickelte die Absolventin Kerstin Wagner neue Ideen für das negativ besetzte Bild eines trockenen Sees. Hier fasst sie ihre Arbeit zusammen. KERSTIN WAGNER

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Alle Abbildungen: Kerstin Wagner

AUF DEN GRUND GEGANGEN


STUDENTISCHE ARBEITEN KERSTIN WAGNER, LEIBNIZ UNIVERSITÄT HANNOVER: EDERSEE

AUTORIN Kerstin Wagner absolvierte ihren Bachelor in Landschaftsarchitektur und Umweltplanung an der Hochschule Ostwestfalen Lippe in Höxter. Für ihr Masterstudium wechselte sie an die Leibniz Universität Hannover und schloss es 2018 ab. Sie ist aktuell für die Planergruppe Oberhausen tätig, wo sie bereits in ihrem Studium als Werkstudentin arbeitete.

Bei Niedrigwasser ist vom eigentlichen Edersee stellenweise nichts mehr zu sehen. Es ist ein beeindruckendes Bild, das die Landschaft dann zeichnet. Mit der Trockenheit kommen die sonst verborgenen, ehemals bewohnten und landwirtschaftlich genutzten Flächen zum Vorschein. Am Grund des Sees wachsen Gräser und wilde Stauden, Boote und Bojen liegen offen auf dem Grund auf und der Wasserstand des Vollstaus lässt sich nur noch anhand der gegenüberliegenden Felshänge erahnen. Natürlich kommt es auch an anderen Stauseen zu niedrigen Wasserständen. Die Wasserschwankungen am Edersee sind jedoch besonders markant. Das liegt zum einen an den morphologischen Ausprägungen des Talraumes, den klimatischen Einflüssen auf das Wasserangebot im Einzugsgebiet und zum anderen an der eigentlichen Zweckbestimmung der Edertalsperre. Die Sperre dient als Bundeswasserstraße in erster Linie der Niedrigwasseraufhöhung, also der Schiffbarmachung der Oberweser sowie des

Mittellandkanals. Außerdem hat die Edertalsperre in den vergangenen Jahrzehnten eine zunehmende Bedeutung für den Tourismus, insbesondere den Wassersport, erlangt. Die gesamte Region hat sich heute wirtschaftlich darauf eingestellt. Die räumlichen Auswirkungen der Bewirtschaftung in Form von schwankenden Wasserständen bedeuten ein enormes Konfliktpotenzial. Je nach Jahreszeit entstehen am und im Edersee völlig neue Landschaftsbilder. In meiner Masterarbeit setzte ich mich mit der Frage auseinander, wie man gestalterisch mit dem Niederwasserstand umgehen kann sowie welche Qualitäten die temporär brachliegenden Flächen bieten. Hierfür entwickelte ich Entwurfsideen für vier Areale am Edersee, darunter für den Flügeldamm Herzhausen und für die Dorfstelle Alt-Berich. Dabei achtete ich darauf, sensibel mit der Landschaft umzugehen, damit die Funktion der Talsperre oder das Stauvolumen nicht grundlegend beeinträchtigt werden. Im Entwurf setzte ich auf die vorhandenen Strukturen der früheren

Kerstin Wagner beschäftigte sich in ihrer Masterarbeit mit dem Edersee in Hessen. Deutschlands drittgrößter Stausee offenbart bei Niedrigwasser regelmäßig seinen Grund – und damit eine ganz neue Landschaft.

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„Reminiszenz an die Alpenblume“: Für ihre Masterarbeit entwickelte Fanny Brandauer eine eigene Rauminstallation. In dieser zieren 900 abnehmbare Pflanzblätter die Wände. Um den Schritt elastisch zu machen und gleichzeitig zu dämpfen, ist der Boden mit Schaumstoff ausgelegt. Die Luft ist gesättigt von Zirbenduft. Der Raum vereint sinnliche Themen wie „Blühende Wiesen“, „Federnder Gang“ und „Geruch von Zirbe“ und macht sie installativ erlebbar.

LANDSCHAFT IN GESCHLOSSENEN RÄUMEN Ausstellungen zu Landschaft und Landschaftsarchitektur – ein ungenutztes Potenzial? In ihrer Masterarbeit „Landschaft ausstellen. Über den Transfer von Landschaft in den Innenraum“ untersucht Fanny Brandauer die Relevanz des Mediums „Ausstellung“ für die Landschaftsarchitektur. Am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur und öffentlichen Raum von Regine Keller, TU München, analysiert sie, inwiefern Landschaft und Landschaftsarchitektur in Ausstellungen übersetzt werden können und welche Bedeutung diese für die Präsenz der Disziplin in unserer Gesellschaft haben könnten. FANNY BRANDAUER

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STUDENTISCHE ARBEITEN FANNY BRANDAUER, TU MÜNCHEN: LANDSCHAFT AUSSTELLEN

AUTOREN Fanny Livia Brandauer studierte Landschaftsarchitektur an der TU München (Master) und an der BOKU Wien (Bachelor) und ist derzeit für Studio Vulkan Landschafts-

Fotos: Thomas Mottner, Johannes Wigand

architektur in München tätig.

Man schiebt den Vorhang zur Seite und betritt den Raum. Der Boden gibt sanft nach, der Schritt federt und ein leichter Duft von Zirbe umfängt einen. Die Wände sind übersät mit Blumen und Blüten, kleinen und großen, hellen und dunklen: weiße Alpenmargeriten, hellblaue BartGlockenblumen und leuchtende Prachtnelken. Durch die Decke fällt diffuses Licht. Sonst ist hier nichts, nur weiße Leere. Man steht in einem geschlossenen Raum, der alle äußeren Einflüsse abhält und den Fokus auf das richtet, was er beherbergt: eine Landschaft im Innenraum, höchst konzentriert und sinnlich erlebbar. Die Installation „Reminiszenz an die Alpenblume“ beschäftigt sich mit dem Ausstellungsraum als Ort des Erinnerns an eine spezifische Landschaft. Diese Landschaft ist geprägt von Kindheitserlebnissen, Erinnerungen und Gefühlen, die mit landschaftlichen Eindrücken und Naturund Kulturphänomenen zu einem eigenwilligen und emotional aufgeladenen Bild kulminieren. In abstrahierter Form werden

drei landschaftliche Elemente – „Die blühenden Wiesen“, „Der federnde Gang“ und „Der Geruch von Zirbe und Alpenrose“ – eingefangen und in ein Narrativ eingebunden. „Reminiszenz an die Alpenblume“ ist Teil meiner Masterarbeit „Landschaft ausstellen. Über den Transfer von Landschaft in den Innenraum“ und beschäftigt sich mit der Frage, wie Landschaft im Innenraum medialisiert und ausgestellt werden kann sowie welche Relevanz das Ausstellen von Landschaft für die Disziplin der Landschaftsarchitektur hat. DIE LANDSCHAFT IM INNENRAUM

„Landschaft darstellen“, das kann man auf vielfältige Art und Weise, je nach Auslegung des Landschaftsbegriffs und des zu erfüllenden Zwecks. Sowohl im Außen- als auch im Innenraum stößt man auf reale und künstliche Landschaften, auf Abbilder, Imitate und Modelle. Während sich die bildende Kunst bereits seit mehreren 29 GARTEN+ L ANDSCHAFT


DIE PERFEKTIONISTIN Bernadette Brandl ist ein Ausnahmetalent. Die junge Landschaftsarchitektin gewann 2017 den bdla-Nachwuchspreis, im gleichen Jahr konnte sie die Jury des Sckell Students Award von ihrem Entwurf überzeugen. 2018/2019 erhielt sie den 22. DGGL-Förderpreis Ulrich Wolf und im April schloss sie ihre Masterarbeit mit 1,0 ab. Seit Anfang August arbeitet Bernadette Brandl beim Büro Grabner Huber Lipp in Freising. Wir haben die Absolventin getroffen und uns mit ihr über ihren Perfektionismus unterhalten, ihre Zweifel im Studium und Erwartungen an ihren zukünftigen Arbeitgeber. INTERVIEW: THERESA RAMISCH

INTERVIEWPARTNERIN Bernadette Brandl studierte Landschaftsarchitektur an der TU München. Im April 2019 schloss sie ihren Master bei Udo Weilacher am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur und industrielle Landschaft ab. Seit August ist sie im Freisinger Büro Grabner Huber Lipp tätig.

Frau Brandl, mal ganz ehrlich, gibt es irgendetwas, das Sie nicht können?

Natürlich. Bezogen auf das Studium war das für mich immer das Präsentieren. Irgendwo vorne stehen und etwas erklären – ich habe es gehasst und ich konnte es auch nicht. Aber in unserem Studium muss man da durch. Also habe ich geübt – so sehr, dass ich es heute tatsächlich mag. Zu meiner eigenen großen Überraschung. Erfolge sind subjektiv. Was ist aus Ihrer Sicht Ihr größter Erfolg?

Ich bin auf alle meine Erfolge stolz. Wenn ich mich aber entscheiden muss, dann ist es die BUGA 2019, der Ulrich-Wolf-Preis. Ich habe an dem Wettbewerb ganz allein teilgenommen und durfte anschließend das Projekt selbstständig umsetzen. Es war eine besondere Erfahrung, den Garten erstmalig als „Freiberufler“ zu realisieren. Sie meinen die Umsetzung für den Garten der Europa Minigärtner auf der BUGA Heilbronn?

Ja, das ging alles so schnell. Gerade zeichnete ich noch im Sketch-Up-Modell, und plötzlich stand ich auf der BUGA – in dem Raum, den ich konzipiert hatte. Das war Gänsehautfeeling pur. Und um mich herum hüpften und werkelten all die glücklichen Kinder, die Europa Minigärtner. 32 GARTEN+ L ANDSCHAFT

Das ist das Schönste – zu sehen, was man geschaffen hat und dass es denen gefällt, für die man es entworfen hat. Sie stechen heraus. Auch unter Ihren Kommilitonen. Kommt da Neid auf?

Ja, schon. Wenn Neid im Raum ist, fühlt man das intuitiv. Ein Kommilitone beglückwünscht mich offen zu einem Gewinn, der andere sagt nichts. Ich versuche, das zu ignorieren. Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe und gönne auch selber jedem anderen den Erfolg. In jedem Projekt steckt Herzblut, Anstrengung, Wille und Perfektionismus. Perfektionismus – der Schlüssel zum Erfolg?

Für mich, ja. Ich bin sehr ehrgeizig – der Typ „das geht noch besser“. Ich spüre, wenn ein Entwurf nicht richtig sitzt, er zwickt dann. Ich möchte zu hundert Prozent hinter meinen Projekten stehen, das bedeutet dann den entsprechenden Einsatz. Und wie viele Nachtschichten?

Nicht so viele, und das obwohl ich eine Nachteule bin. Die Nacht wirklich durchgearbeitet habe ich nur zu Beginn des Studiums, im dritten und vierten Semester. Da schwimmt man, muss sich orientieren. Danach pendelt es sich ein.


STUDENTISCHE ARBEITEN PORTRÄT: BERNADETTE BRANDL

Warum haben Sie sich überhaupt entschlossen, Landschaftsarchitektur zu studieren?

Foto: grabner huber lipp landschaftsarchitekten und stadtplaner partnerschaft mbb

Nach dem Abi kamen für mich mehrere Richtungen infrage. Für die Entscheidungsfindung habe ich ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Denkmalpflege bei der Bayerischen Schlösserverwaltung in Nymphenburg, München, gemacht. Ich fand es interessant, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, aber ich wollte auch kreativ arbeiten, Neues entwerfen. So kam ich zur Landschaftsarchitektur. Trotzdem weiß man nie, ob das gewählte Studium passt. Man muss Glück haben.

Ja, und das hatte ich. Mir haben die Stadt Freising, der Campus, die Inhalte und die Leute von Anfang an gefallen. Sicherlich, ich habe auch zwischendrin mal gezweifelt, aber das große Ganze habe ich nie infrage gestellt. Woran haben Sie gezweifelt?

In den ersten Studienjahren habe ich mit dem Semesteranfang gekämpft. In Freising studiert man Landschaftsarchitektur klassisch im Projektstudium. Drei Monate lang beackert man einen Ort, analysiert ihn und entwirft anschließend. Es ist mühsam, sich jedes Semester aufs Neue in einen Ort einzufinden, ihn zu verstehen und dann die richtige Idee für ihn zu entwickeln. Insbesondere als Erstsemestler. Man lernt gerade erst die

Sprache der Landschaftsarchitektur, was Entwerfen eigentlich ist. Das stresst. Gleichzeitig ist es aber auch das Beste am Landschaftsarchitekturstudium.

Bernadette Brandl in in den Räumlichkeiten ihres neuen Büros Grabner Huber Lipp.

Der Prozess eines Projekts oder das Lernen?

Beides – zusammen. Man schwitzt, kämpft und hat Spaß dabei. Das ist das Schönste: Am Ende vom Semester zu sehen, wie sich die eigenen Ideen entwickelt haben. Sie haben Bachelor und Master in Freising gemacht. Kam Ihnen zwischendrin der Gedanke, die Uni zu wechseln?

Nicht wirklich. Ich habe überlegt, den Urbanistik-Master an der TU München zu machen. Aber mein Ziel im Master war es, mein Wissen in der Landschaftsarchitektur weiter zu vertiefen, auf dem aufzubauen, was ich vorher gelernt habe. Und: Ich habe mich in Freising einfach wohlgefühlt. Ich liebe die Stadt und den Campus. Und trotzdem hat es Sie weggezogen, nach Zürich, wo Sie ein halbes Jahr im Büro Hager Partner AG gearbeitet haben ...

In unserem Bachelor ist es Voraussetzung, ein halbes Jahr im Ausland absolvieren – entweder als Auslandssemester oder als Praktikum. Ich habe mich für das Praktikum entschieden. Hager ist eines der größten Büros in der Schweiz, das wollte ich kennenlernen. 33 GARTEN+ L ANDSCHAFT


EKEL UND SEINE QUALITÄTEN

DIANA MITTENDORFER

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Alle Abbildungen: Diana Mittendorfer

Mit einem unangenehmen, aber im öffentlichen Raum stets präsenten Thema befasst sich Diana Mittendorfer von der TU Berlin in ihrer Masterarbeit, die im Fachgebiet Landschaftsarchitektur Entwerfen bei Jürgen Weidinger entstanden ist: Ekel. Ein Gefühl, das jeden, der in der Stadt unterwegs ist, regelmäßig befällt. Ausgelöst durch den Anblick oder den Geruch von beispielsweise Urin, Müll oder Erbrochenem. Was lehrt uns dieses Gefühl für die Planung?


STUDENTISCHE ARBEITEN DIANA MITTENDORFER, TU BERLIN: EKEL

Visuell & Olfaktorische Differenz

Olfaktorische Antwort auf Bewegung und Interaktion

Das Riechende

AUTORIN Diana Mittendorfer, geboren in Gmunden, schloss 2016 mit ihrer Thesis über den Ekel, das Masterstudium der Landschaftsarchitektur an der TU Berlin ab. Davor absolvierte sie das Bachelorstudium der Landschaftsplanung und Landschaftsarchitektur an der Universität für Bodenkultur in Wien. Sie lebt in Berlin und ist im Büro POLA Landschaftsarchitekten GmbH tätig.

Uringeruch, Hundekot oder fauliger Atem im Nacken, noch dazu die teils unerträgliche Nähe zu anderen Menschen: Der städtische Freiraum ist ein Ort, an dem sich abstoßende Gerüche, Prozesse und Anblicke kumulieren. Die Problematik ist bekannt. Ekel ist ein urbanes Phänomen. Das Besondere an Ekel ist die Gewalt, mit der er die Sinne ergreift, und gleichzeitig seine Flüchtigkeit. Mich reizte die Frage, ob und welche Entwurfsprinzipien sich aus diesem Phänomen für den öffentlichen Freiraum ableiten ließen. Ziel war, herauszufinden, wie sich dieser affektähnliche Zustand, der Ekel beim Menschen auslöst, gestalterisch in den öffentlichen Freiraum übertragen lässt. Wie kann die Landschaftsarchitektur solche Reizimpulse an alltäglichen Orten schaffen? Dies bedeutet nicht, Ekelerregendes zu gestalten oder ästhetische Vorstellungen zu negieren. Vielmehr ging es darum, die Störmomente, die im Alltag Ekel auslösen, auszumachen und zu untersuchen. Ich begab mich auf die Suche nach etwas Besonderem: Etwas, das die Menschen im öffentlichen Freiraum für einen Moment aufblicken lässt. DEM EKEL AUF DER SPUR

Dort, wo man für gewöhnlich den Atem anhalten würde, habe ich intensiv gerochen; ich habe dreckige und klebrige Ecken genauer inspiziert und das eigene Ekelgefühl und meine Reaktion in Worte gefasst. Meine Beobachtungen am Bahnhof Zoologischer Garten in Berlin dienten dazu,

Olfaktorische Verbindung

aufbauend auf eine intensive Auseinandersetzung mit Theorien der Philosophie, Kunst und Kultur, die relevanten Aspekte von Ekel im räumlichen Kontext herauszuarbeiten. Daraus ergaben sich drei Charakteristika für die Wahrnehmung von Ekel: das Riechende, das Klebrige und das Fremde. Mithilfe von Studien erarbeitete ich die Eigenarten dieser drei Merkmale, die für den öffentlichen Freiraum relevant sind. Das Zusammenspiel aller Sinne – Sehen, Hören, Riechen, Fühlen, Schmecken – entscheidet darüber, wie intensiv man etwas wahrnimmt. Der Geruch löst in der Theorie das größte Ekelgefühl aus. Verwesungsgeruch zum Beispiel erinnert an die eigene Sterblichkeit, der Geruch alter Lebensmittel hält uns davon ab, sie zu essen und bewahrt

Abbildungen links: Das Riechende, das Klebrige und das Fremde – in ihrer Arbeit untersucht Diana Mittendorfer diese drei Phänomene des Ekels. Abbildung rechts: Diana Mittendorfer definiert inhaltliche Prinzipien, wie Ekel unsere Wahrnehmung beeinflussen.

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