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Baumeister 10 2011

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Baumeister Zeitschrift fĂźr Architektur 108. Jahrgang Oktober 2011

Baumeister B10 4 194673 015006

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D 15 EUR A, L 17 EUR CH 23 SFR

Prinzip Berg

von Bjarke Ingels bis Reinhold Messner + Bibliothek in MedellĂ­n + Urlaub in der Scheune


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Titelthema: Prinzip Berg

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Thema

Mehr Nischen schaffen! Ein Heft über Berge – was liegt da näher, als mit einem Architekten aus Dänemark zu sprechen. Bjarke Ingels hat keine Berge vor der Tür, er baut sie aber. Gebäude wie das „8-House“ in Kopenhagen erheben das Montane zur Philosophie. Ein Expertengespräch über das Prinzip Berg – und eine architektonische Bergwanderung Das Gespräch führte Alexander Gutzmer.

Annäherung ans 8-House. Die Gegend: Neubaugebiet, noch unfertig. „Do you know where the 8-House is?“, fragen zwei ältere Damen. Weiß ich nicht, aber eigentlich kann es nur da vorne sein. Gemeinsam durchqueren wir Baustellen. Und tatsächlich: Diese eingeknickte Mittelachse – das ist doch das Wesen der 8. Wir sind da. Alexander Gutzmer

Bjarke, ich möchte mit Dir über Berge sprechen. Was verbindest Du mit Bergen? Bjarke Ingels

Nun, wie Du siehst, haben wir in Kopenhagen keine. Der höchste Punkt liegt 24 Meter über Meeresspiegel. In Kopenhagen wissen wir: Berge machen es möglich, die Welt aus verschiedenen Perspektiven zu sehen. Mit Bergen kann man zu Dingen auf- oder auf sie herabblicken. In Dänemark sehen wir nie über unsere direkten Nachbarn hinaus. Irgendwie verliert man so auch das große Ganze aus den Augen. Was bedeutet das Prinzip Berg speziell für einen Architekten? Ich war immer von Bergen fasziniert. Sie stellen eine reizvolle dreidimensionale Geografie dar, die zahllose architektonische Möglichkeiten bietet. Zum Beispiel? Erst gestern war ich bei der Eröffnung der Sporthalle meiner alten Schule, die wir bauen. Das Dach beschreibt die Bewegung eines geworfenen Balles. So erhält das Dach zugleich auch die Form eines Hügels. ►

„Ich war immer von Bergen fasziniert. Sie stellen eine reizvolle dreidimensionale Geografie dar, die zahllose architektonische Möglichkeiten bietet.“


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Titelthema: Prinzip Berg

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„Uns interessiert es nicht, einfach Bilder von Bergen zu produzieren. Die Idee ist vielmehr, von der Funktionsweise der Berge, die verschiedene Programme kombiniert, zu lernen.“

Diese Nischen kreieren ihre eigenen Programme: Seen oder Flüsse zum Beispiel. Wir versuchen, diese Logik zu übernehmen. Das große Event unseres „Mountain“-Gebäudes zum Beispiel ist der Parkplatz. Das Parken als Programm wird aber seinerseits von den Wohngebieten untergraben. Die Bewohner können sich darin ihre eigene atmosphärische Nische schaffen... Genau, denn alle Räume hier eignen sich für alternative Nutzungen. Dazu gehören auch die Parkplätze. Direkt auf dem Parkraum entsteht eine Flaniermeile. Hat Dein 8-House diese Philosophie weiterentwickelt? Dort haben wir es auf die Spitze getrieben. Soziologische Untersuchungen zeigen, dass Kinder, die höher als im dritten Stock wohnen, nicht mehr nach draußen gehen und spielen. Wir haben daher ein Haus gebaut, in dem sie in der zehnten Etage wohnen und trotzdem ohne Treppen nach unten laufen können. Vor kurzem war Spatenstich für diese eingegrabene Mehrzweckhalle des Gammel-Hellerup-Gymnasiums im Norden von Kopenhagen. Bjarke Ingels ging dort selbst zur Schule.

Der südliche Innenhof: Es ist laut, die Kita feiert Sommerfest. Ich beginne den Aufstieg, über die Dächer der ersten Wohneinheiten. Den Menschen aufs Dach steigen – war das so gemeint? Zugleich stellen Berge auch so etwas wie „informelle Möbel“ dar. Nehmen wir den Central Park in New York, einen Ort, den ich absolut liebe. Die großen Felsen dort bilden auch informelle Möbel. Wenn ich durch den Central Park spaziere, sehe ich, wie Menschen sich mit den Felsen auseinandersetzen, sich darauf hocken oder anderweitig mit ihnen interagieren. Diese stellen also eine komplett unkünstliche, unfunktionale Form von Architektur und Design dar. Abstrakter formuliert: Berge schaffen eine vielfältige, hybride Funktionalität... ... die Du ja architektonisch wiederholen möchtest. Das klingt wie eine beträchtliche Herausforderung. Für einen Architekten ist es schwierig, etwas ohne Grund tun. Dies gilt auch, wenn wir uns mit Bergen befassen oder diese sozusagen selber bauen. Uns interessiert es aber nicht, einfach Bilder von Bergen zu produzieren. Die Idee ist vielmehr, von der Funktionsweise der Berge, die verschiedene Programme kombiniert, zu lernen. Zunächst sind Berge riesige Massen, Riesenevents. Diese Events aber schaffen lokale Mikro-Räume oder kleine Öko-Nischen.

Gut und gerne 20 Meter hoch. Hab die Damen abgehängt. Rechts neben mir immer kleine Vorterrassen, dahinter, demonstrativ offen, die Wohnparzellen. Klein wirken sie. Aus 66.3.T1 lächelt mir eine junge Mama zu. Ihr Kind badet im Mini-Schwimmbecken. Ermöglicht diese Architektur auch eine engere Beziehung zur Natur? Die Menschen interpretieren dieses Gebäude als Teil der Natur. Übrigens nicht nur die, die dort leben. Viele Kopenhagener nutzen das 8-House als Ort für romantische Spaziergänge. In diesem Sinne ist dies eine Natur-Kultur-Landschaft. Architektur versteht sich oft als streng funktional und als Gegensatz zur Landschaft. Wir brechen diesen Dualismus auf. Wenn das 8-House ein Anziehungspunkt für die Kopenhagener ist, zeigt dies ein starkes Verlangen nach Berg. Sind die Dänen die Schweizer Skandinaviens? Was dieses Verlangen angeht, vielleicht. Andererseits – Schweden und Norweger haben einfach Berge. Insofern sind wir eher die skandinavischen Holländer. Am Ende denke ich, die Berg-Besessenheit ist eher spezifisch für unsere Firma. Der Berg zieht sich durch viele unserer Projekte. Nimm „The Battery“, ein neues Planungs-Projekt in Kopenhagen. Die Aufgabe: einen Masterplan für ein fieses Innenstadtgebiet zu entwerfen, der ein hohes Maß an Dichte liefert. Scheinbar waren nur drei Geschosse erlaubt. Wir schauten genauer hin und fanden heraus, dass die maximale Gebäudehöhe von der Entfernung zum nächsten Nachbarhaus abhängt. Je weiter man entfernt ist, desto höher darf man bauen. Dies führte zur der Berglandschaft, die wir vorgeschlagen haben. ►

Oben: Wohnen im Berg – das 8-House in Ørestad (siehe B11/10). Unten: Die Terrassenhäuser im „Battery-Projekt“ erlauben eine hohe Dichte, was einem unattraktiven Kopenhagener Innenstadtviertel zu neuem Leben verhelfen soll.


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„Traditionelle Architektur ist immer eindimensional, ist sehr vorhersehbar. Unsere Projekte wollen das Verhältnis zwischen Mensch und Raum neu interpretieren.“

Das Büro wird die erste dänische Moschee bauen; bisher sind immer bestehende Bauten umgenutzt worden. Sie soll 3000 Gläubige aufnehmen.

Die Regulierung selbst produziert Berge? Genau. In den unteren Etagen führt Dein architektonischer Ansatz aber zu beträchtlicher Gebäudetiefe. Das stimmt. Daher haben wir Wohnbereiche erst ab der vierten Etage vorgesehen. Darunter werden die Räume zu dunkel – eine Art Höhle. Wir nutzen diese Höhle, um öffentliche Räume zu schaffen: Theater, Auditorien, eine Bibliothek. Oben betreten die Menschen ihre Wohnungen. Aber kommt so etwas an? Die Wohnungstüren mit Blick in die Höhle sind stark der Öffentlichkeit ausgesetzt. Nur die Verkehrsflächen. Aber ich gebe zu, diese Wohnungen sind nicht für jedermann geeignet. Anderseits: Der offene Flur stellt doch eine klassische architektonische Situation dar. Wenigstens sind die Korridore hier nicht mehr nur tote Räume. Weiter geht’s nach oben. Die ersten Hauswanderer drehen um. Auch weil die Luft schlecht ist? Vor 80.st.T3 wurde gegrillt. Scheint, als ob Dein Berg-Programm zum Ziel hat, eine lebendigere Beziehung zwischen Mensch und Architektur zu schaffen... Kann man so sagen. Traditionelle Architektur ist immereindimensional, ist sehr vorhersehbar. Unsere Projekte wollen das Verhältnis zwischen Mensch und Raum neu interpretieren. Zum Beispiel sind viele unserer Balkons so groß wie Terrassen. Dies bedeutet, dass die Menschen nicht nur in den Gebäuden leben, sondern auch auf ihnen – wie auf Bergen. Simple vertikale Gebäudefassaden lassen nur wenige Nischen zu. Gute Architektur sollte mehr Nischen schaffen wollen. Es scheint mir, als ob Ihr die Rolle des Architekten erheblich ausdehnt, vor allem Richtung Landschaftsarchitektur. Werden die beiden Disziplinen eins? Bei vielen unserer Arbeiten ist es schwer zu sagen, wo das Gebäude beginnt und die Landschaft aufhört. Wir arbeiten von Beginn an viel mit Landschaftsarchitekten zusammen. Wir schaffen nicht einfach ein Objekt und bitten dann einen Landschaftsarchitekten, Blumen drumherum zu pflanzen. Welche Prinzipien in der Landschaftsplanung sind spannend für Architekten? Traditionell wollen Architekten Innenräume schaffen – und damit weitgehend private Räume. Das Draußen, was in der Regel ein öffentlicher Raum ist, betrachten sie als Überbleibsel. Ich glaube, wenn wir das Außen als Teil unseres Projekts sehen, werden wir mehr Öffentlichkeit schaffen, weil wir ein Gefühl für die breitere Wirkung eines Gebäudes entwickeln. Dies ist eine große Chance. Manchmal stelle ich mir ein Gebäude als Bürger vor. Das breitere Konzept, das ich gerade erklärt habe, macht Gebäude zu besseren „Bürgern“, zu Bürgern, die der Stadt etwas zurückgeben. Mit dem 8-House zum Beispiel wollten wir das Leben in einem Gebiet, das sich neu entwickelte und dem jede Identität fehlt, verbessern. Das Haus lädt das sozialen Leben ein, einzudringen.

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Titelthema: Prinzip Berg

Bin oben angekommen. Penthäuser. Hier wird es teuer. Die 131 Quadratmeter von 70.7.P1 kosten 2,75 Millionen Kronen (etwa 370000 Euro). Noch sind die meisten Einheiten leer. Eine Folge der Wirtschaftskrise? Kopenhagen ist in der Ferne zu sehen. Ich genieße den Blick – aber nur kurz. Darf ich mich eigentlich wirklich hier aufhalten? Das 8-House wurde oft als ein humorvolles Gebäude beschrieben. Allgemein verbindet man Kategorien wie Humor oder Ironie nicht mit Architekten. Stimmt, Humor ist selten in unserer Disziplin. Ich weiß aber nicht, ob wir bei BIG wirklich darauf abzielen, lustig oder ironisch zu sein. Ironie bedeutet, dass Du eine Sache sagst, während Du etwas anderes im Sinn hast. Dies wollen wir eigentlich nicht. Eher geht es uns darum, direkter, krasser zu sein. Wir wollen die Wünsche von Menschen nehmen und ohne Umschweife erfüllen. Im besten Fall entsteht so eine Ballung herbeigewünschter Bedingungen. Ist das lustig? Vielleicht. Vor allem aber ist es schockierend in seiner Unverfrorenheit. Witze können auch schockieren... Es gibt eine Parallele zwischen Gebäuden und Witzen: Zuerst bauen Sie eine Szenerie auf. Dann liefern Sie eine überraschende Kombination bekannter Bedingungen – was letztlich die Pointe ausmacht. Und ein Gebäude als Berg ist die perfekte Pointe? Ja. Aber nicht, weil wir versuchen, Berge zu bauen. Sondern weil diese als Resultat unseres Programms entstehen. Klingt alles sehr konzeptionell. Die Zeitschrift „art“ nannte Dich kürzlich einen Konzept-Künstler. Hat sie Recht? Zumindest mag ich den „Konzept“-Teil der Aussage. Als Unternehmen wollen wir keinen bestimmten „Stil“ ausprägen. Wir versuchen, konsequent unserer Analyse zu folgen. Jeder gute Architekt arbeitet heute so. Relevante Kunst erweitert die Wahrnehmung und macht neue Dinge, Geräusche, Lichtverhältnisse bewusst. Architektur sollte das auch tun. Auf diese Weise wird jedes Projekt eine Momentaufnahme der Gesellschaft. Hast Du ein Beispiel, wo Ihr das erreicht habt? Unser Ski-Hotel in Norwegen ist ein gutes Beispiel. Der Begriff „Ski in, Ski out“ ist in der Hotellerie üblich. Wir nahmen das aber wörtlich. In unserem Hotel kann man mit Skiern direkt in die Lobby fahren. Am Morgen bringt ein Aufzug Gäste aufs Dach, wo direkt die Abfahrt beginnt. Dächer derart neu zu denken, hat eine kulturelle Bedeutung – und nähert sich dabei der Kunst. Das klingt nach einer strengen und anspruchsvollen Unternehmensphilosophie. BIG ist in den vergangenen Jahren schnell gewachsen. Wie findet Ihr die richtigen Leute und führt sie? Die Leute finden uns. Sie werden von unserer Art zu denken und zu arbeiten angezogen. Um das zu erreichen, musst Du extern deutlich machen, wer du bist und wie du denkst. Wie mein alter Englischlehrer zu sagen pflegte: Wer nicht verständlich schreibt, denkt auch nicht klar. Wir versuchen, klar zu denken und machen uns öffentlich verständlich.

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Und wie hältst Du die Leute, die für Dich arbeiten, auf Linie? Architektur ist immer eine gemeinsame Anstrengung. Projekte klappen, wenn Du es schaffst, Visionen weiterzugeben. Dann machen Menschen ein Projekt zu ihrem. Wichtig ist dabei immer, Mitarbeiter mit so viel externem Wissen wie möglich zu versorgen. Das führt zu Empowerment, weil die Menschen das Gefühl haben, alle Fakten, alle wichtigen Fragen zu kennen. Was ist Deine Rolle bei alldem? Sicherlich nicht die des großen Genies. Die Leute sollen nicht warten, bis ich mit der großen Idee um die Ecke komme. Sonst wäre ich der Bottleneck. Ich leite die Diskussionen darüber, was wirklich interessant ist an einem Projekt. Im Zuge dieses Prozesses lernt jeder, selbst Urteile zu fällen. Diese Moderatorenrolle musst Du nicht mehr nur in Kopenhagen erfüllen. BIG eröffnete vor kurzem ein Büro in New York. Hast Du manchmal den Wunsch, den ganzen Global Business-Stress hinter Dir zu lassen und Dich an einem abgelegenen Ort zu verstecken – sagen wir, in den Bergen? Ich glaube nicht. Mich interessiert die Diversität. In der Managementlehre gibt es den Begriff der „skilled incompetence“. Diese entsteht, wenn Leute nur noch routinemäßig Dinge so machen wie immer. Sobald sich die Bedingungen verändert haben, geht das an der Realität vorbei. Wer sich versteckt, versteht nicht genug von der Welt. Obwohl natürlich der Berg selbst Teil dessen ist, was Du Diversität nennst. Klar, und das ist ja auch ein Teil ihrer Schönheit. Allerdings kann man diese Schönheit eine Weile genießen – und dann woanders hingehen. Abfahrt aus Ørestad. Die U-Bahn gleitet in zehn Minuten zurück nach Christianshavn. Zehn Minuten schnelles, voll technisiertes Geradeausfahren. Ohne Fahrer. Und ohne Berge. ●

Bjarke Ingels ist seit 2006 Chef des Architekturbüros BIG (Bjarke Ingels Group). Der 1974 in Kopenhagen geborene Ingels studierte Architektur in Kopenhagen und Barcelona. BIG ist für plakative Entwürfe und unkonventionelle Wege der Selbstdarstellung wie Comics bekannt. Die Zeitschrift Fast Company rückte das Unternehmen gerade auf Rang 2 der „10 Most Innovative Companies in Architecture“.


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Titelthema: Prinzip Berg

Kontrollierter Rausch, himmelstürzende Perspektiven Actelion Business Center in Allschwil Herzog & de Meuron Ein radikaler Büroneubau entgrenzt das Architektonische – und verweist die klassische Baustatik in das Reich der Konvention. Der Architekt wird zum Extrembergsteiger. von Elisabeth Blum und Peter Neitzke

Einen Straßenzug von der französischen Grenze entfernt, in einem Basler Gewerbegebiet macht der Hauptsitz des Pharmaunternehmens unübersehbar auf sich aufmerksam. Die Lage ist wenig reizvoll, dafür aber die Sicht nach innen: die Ein-, Aus- und Durchblicke im eigenen Haus.

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iemand behauptet, dass Extrembergsteigen für die alltäglichen Formen des Sich-Bewegens von irgendeiner Bedeutung sei. Umgekehrt jedoch würde niemand ohne solche Experimente jemals herausfinden, was dem menschlichen Körper an Akrobatik, Eleganz, Ausdauer und prekären Situationen zugemutet werden kann. Übertragen auf die Architektur: Wüssten wir ohne die experimentelle Courage der Steinmetze des 13. Jahrhunderts, welche Raumschöpfungen in große Höhen geführte Strebepfeiler und Gewölbe ermöglichen? Wie konstruktive und ästhetische Überlegungen bei der Entlastung und Auflösung der in ihrem Querschnitt minimierten, hoch filigran durchfensterten Wände zusammenspielen, um den Raum der Kathedrale von allem irdischen Gewicht zu befreien? Wir wüssten es nicht. Und heute? Was wüssten wir von den Möglichkeiten eines anderen architektonischen und urbanistischen Denkens, wenn wir uns an die Ermahnungen all der Skeptiker halten würden, die uns ununterbrochen das Mantra von Konvention, Kontext und historischem Gedächtnis predigen? Es ist fast wie beim Extrembergsteigen: Es geht um das experimentelle Überschreiten von Grenzen. Um einen Rausch. Wie gebärden sich gestapelte, in leicht verzerrte Quader gepresste Räume, wenn sie zu Raumfiguren verknüpft und an Baulinien abrupt geschnitten werden? Wie verbinden sich Räume, Bewegungen, Blickperspektiven, ineinandergreifende Innen- und Außenräume, „im Raum spazierende“ Treppen und Tragwerksteile in einer Architektur, die so kompliziert ist, dass nur hoch entwickeltes Computational Design die Übersicht behält? Die traditionelle Verbindung von Architektur und Konstruktion wird am Sitz des Pharmaunternehmens Actelion im schweizerischen Allschwil suspendiert. Die Architekten und Tragwerksingenieure des Actelion Business Center entgrenzen das Architektonische und verweisen die klassische Baustatik ins Reich bloßer Konvention. Und dies in einem Gewerbegebiet ohne spezifische Ortsqualitäten.

Tragwerksplanung auf die Spitze getrieben: Baumstützen (oben) überlagern sich fast unentwirrbar mit einem Dickicht an raumhohen Fachwerkträgern (Seite 52 links).

Raumerfindungen Nein, am Anfang des Projekts stand keine formale Idee – auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht. Stattdessen der Auftrag der Bauherrin, in Räume zu investieren statt in teure Materialien. Eine so schöne wie rare Auftragsformulierung. Die Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron sind ihr mit radikalem Experimentierwillen begegnet. Zum Glück für die Neugier darauf, was Architektur an Raumerfindungen in die Welt setzen kann: ein hochkomplexes Spiel mit statischen Kräften, die Innen- und Außenräume einander durchdringen lassen, Fassaden dem Himmel zuneigen oder von ihm wegbewegen, die die Sicht- und Lichtregie übernehmen, stabile Formen in stabilisierte Instabilität überführen, Treppen im Raum spazieren führen und Mitarbeiter des Unternehmens überall mit schier unergründlichen räumlichen Komplexitäten gefangen nehmen. Ein Spiel, das uns bereits im Erdgeschoss mit raffinierten räumlichen Gesten empfängt: Zugangszonen, die dem ersten gleich einen zweiten Empfang im Außenraum folgen lassen. Der Blick nach oben öffnet die himmelstürzende Perspektive ins Innere eines veritablen Gebirges: durch die offenen Binnenräume zwischen den Bürokörpern über die mit unterschiedlich geformten Stützen rhythmisierten Fassadenverläufe und die über zwei oder drei Geschosse reichenden x-förmigen Stützelemente. Zu den an der Baulinie endenden, geschlossenen oder als Fensterflächen ausgebildeten unregelmäßigen Schnittflächen. Und immer wieder in die Baum-, ja Waldstruktur der Stützen und das verwirrende Spiel aus einander durchdringenden und überlagernden Prismen und raumhohen Fachwerken, deren konstruktive Logik sich einem erst beim Studium der Schnitte erschließt. Tragwerksfiguren, die räumliche Kontinuitäten schaffen. Wer sich im großzügig dimensionierten, lichtdurchfluteten Foyer nach allen Seiten umsieht, entdeckt in dessen vier offenen Flügeln ein Café und ein Restaurant, ein Auditorium, einen Schulungsraum und ein Sitzungszimmer. Die vier großen, alle Geschosse durchdringenden Knotenpunkte, in denen sich die gestapelten Riegel der horizontalen Figuren kreuzen, bilden die auf jeder Etage individuell gestalteten Kommunikationszonen mit Liften und Treppen: skulpturale weiße Objekte, deren Bewegungsform die Ausrichtung der jeweils darunter beziehungsweise darüber liegenden Etage signalisiert. Tritt man aus der Treppenskulptur (siehe Schema links), geht der Blick in die Richtung des nächstgelegenen räumlichen Knotens und der quadergroßen Fassadenöffnungen. Nur ganz allmählich beginnt man, das mit jedem Schritt sich verändernde, komplexe räumliche Zusammenspiel von Schritten und Blicken zu erfassen. Nicht umsonst finden sich Modelle des Gebäudes in den Etagen. ►

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