Cahn’s Quarterly 1/2025 Deutsche Ausgabe
Editorial Warum heute Kunst kaufen? Liebe Leserinnen und Leser In diesen turbulenten Zeiten, die von überraschenden und unvorhersehbaren Ereignissen geprägt sind, wird die Nachkriegsordnung, die während vieler Jahrzehnte als Leitplanke für das politische und gesellschaftliche Handeln diente, in ihren Grundfesten erschüttert. Eine neue Ordnung wird aufgestellt: wirtschaftlich, militärisch, kulturell. Die gegenwärtige Verunsicherung ist gross. Die Börsen spielen verrückt, Goldpreise schiessen in die Höhe, die Wirtschaft steuert auf eine Rezession zu. Wie soll man damit umgehen? Anstatt sich vom hypnotischen Sog der Nachrichtenflut lähmen zu lassen, scheint es mir sinnvoller, sich mit Kunstwerken zu umgeben, die einen beseelen. Sei es antik oder zeitgenössisch, Hauptsache es ist Kunst. Diese führt uns Positives vor Augen und gibt uns Kraft. Ich selber umgebe mich mit solchen Werken und ziehe mich bewusst etwas aus dem Tagesgeschehen zurück. Es ist zu chaotisch, zu laut, zu irrational. Kunst hingegen entschleunigt, besonders die antike Kunst. Diese Werke haben schon so viel überlebt. Sie zeigen ihre Vernarbungen und haben dennoch nichts von ihrer Ausstrahlung verloren. Sie ruhen in sich. Abgesehen
davon ist die antike Kunst – allen negativen Nachrichten und Anwürfen zum Trotz – ein robuster und stabiler Markt, sofern gewisse Voraussetzungen erfüllt sind. Ungeachtet der Verunsicherung und Turbulenzen fing das Jahr für die Galerie Cahn gut an. Ich hoffe, dass auch Sie sich weiterhin zu Hause mit der Kunst der Antike umgeben möchten und sie zu einer Quelle der Inspiration und Gelassenheit werden kann. Von den verschiedenen lesenswerten Artikeln in dieser Ausgabe von Cahn’s Quarterly empfehle ich Ihnen insbesondere die Lektüre des fundierten Beitrags von Professor Dr. Horst Hammen. Mit seinem strengen und konsequenten juristischen Ansatz entbehrt er nicht einer gewissen Surrealität. Ich habe ihn mit grossem Interesse gelesen.
STATUETTE DER APHRODITE MIT EROS. H. 26 cm. Kristalliner Marmor. Späthellenistisch bis frühkaiserzeitlich, östlicher Mittelmeerraum, 1. Jh. v. Chr. – 1. Jh. n. Chr. CHF 18’000
Meine Auswahl
Ein Ring mit Odysseus Von Jean-David Cahn Die Darstellung auf diesem griechischen Goldring aus dem 5. Jh. v. Chr bezieht sich auf Buch 21 der Odyssee von Homer. Nach 10-jähriger Irrfahrt ist Odysseus endlich zu Hause in Ithaka angekommen, wo die Freier seine Frau Penelope respektlos bedrängen, einen von ihnen zu heiraten. Soeben hat Penelope den Bogen des Odysseus aus der Schatzkammer geholt und verspricht, denjenigen zu heiraten, der es vermag, den Bogen zu spannen und einen Pfeil durch ein Dutzend Axtköpfe zu schiessen, wohl wissend, dass einzig Odysseus hierzu in CQ
der Lage sein würde. Nachdem verschiedene Männer vergebens versucht haben, den Bogen zu spannen, wird er dem verkleideten Odysseus gereicht. Zur grossen Überraschung aller Anwesenden gelingt es ihm, die Vorgaben der Penelope zu erfüllen. Odysseus gibt sich zu erkennen und – dies ist das Thema des 22. Buches – tötet mit Hilfe seines Sohnes Telemachos und einiger Getreuer die Freier. Die Szene auf dem Ring verbindet verschiedene Momente der Erzählung, die sich zeit1