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Cahn's Quarterly 1/2020 - Deutsche Ausgabe

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Cahn’s Quarterly 1/2020 Deutsche Ausgabe

Editorial Getrenntes verbinden Liebe Leserinnen und Leser Im Zuge einer Aufräumaktion bin ich auf Fotografien und Dokumente aus der Geschichte der Galerie Cahn gestossen. Besonders berührt hat mich ein Bild aus dem Jahr 1995. Es zeigt meinen Vater, Herbert A. Cahn, und den damaligen Direktor des Antikenmuseums der Universität Leipzig, Eberhard Paul, in einem Saal des Museums. Sie halten zwei Gruppen von Fragmenten: die obere mit drei nach rechts stürmenden Kentauren, die untere mit Pferdebeinen, die über einen Felsbrocken nach rechts galoppieren. Sie sind von Epiktetos gemalt, einem der bedeutendsten rotfigurigen Vasenmaler der Pionierzeit zwischen 520–490 v. Chr. Die Gruppe mit den Kentauren wurde dem Museum bereits 1911 vom Archäologen und Antikensammler Edward Perry Warren (1860–1928) geschenkt. Die Andere wurde von Robert Guy als zugehörig erkannt und von meinem Vater dem Museum 1995 gestiftet. Die Fotografie dokumentiert den Moment, in dem seit Jahrzehnten Getrenntes wieder zusammengefügt wird.

Eberhard Paul (links) und Herbert A. Cahn (rechts) im Antikenmuseum der Universität Leipzig, 1995.

Fragmente einer Schale des Epiktetos werden nach Jahrzehnten wieder vereint. Die fünf Fragmente mit den Hufen der Kentauren (Schenkung Cahn) passen Bruch an Bruch an die Fragmente des Antikenmuseums der Universität Leipzig.

Mein Vater hatte die Fragmente erst in den 1960er Jahren erstanden. Hätte er sie nur wenige Jahre später, nach 1970, erworben, hätte das Museum die Schenkung nicht annehmen können, was zeigt, zu welchen Absurditäten die politische Korrektheit führen kann. Der Anblick dieses Bildes hat verschiedene Gedanken in mir ausgelöst. Da ist zum einen die grosse Leistung Roberts, den eine Freundschaft mit meinem Vater verband und der die letzten Jahre vor seiner Pensionierung für die Galerie Cahn arbeitete. Es verlangt ein herausragendes Gedächtnis, eine profunde Kenntnis der verschiedenen Maler-Hände und eine grosse Visualisierungsgabe, um zu erkennen, dass bestimmte Fragmente, insbesondere wenn sie verschiedenen Sammlungen angehören, von demselben Objekt stammen. Es ist wichtig, dass diese Kunst der Kennerschaft, die eine breite Objektkenntnis voraussetzt, lebendig bleibt und nicht zu-

gunsten anderer wissenschaftlicher Ansätze in der Archäologie vernachlässigt wird. Zum anderen haben für mich die ineinander gelegten Hände der beiden Archäologen, auf denen die wiedervereinten Fragmente ruhen, eine grosse Symbolkraft. Sie sind ein beredtes Bild dafür, wie sehr es zum Erhalt von antikem Kulturgut und zur Mehrung des Wissens über die Antike beitragen kann, wenn Museumswelt und Kunsthandel Hand in Hand miteinander arbeiten. Es ist mir ein Anliegen, dass die verschiedenen Akteure im Bereich der Archäologie nicht getrennte Wege gehen, sondern dass sie, nach den schwierigen Polemiken der vergangenen Jahre, sich wieder zusammenfinden und für die Verwirklichung gemeinsamer Ziele arbeiten.

Die Debatte

Wertewandel Von Marc Fehlmann Gesellschaften verändern ihre Wertvorstellungen ständig; ebenso wie sich die Debatten über genderneutrale Toiletten, Flugscham oder den Klimawandel entwickelt haben, so haben sich in den letzten Jahrzehnten auch CQ

Wertvorstellungen hinsichtlich des Umgangs mit Kulturgütern grundlegend verändert. Dabei ist es heutzutage oft schwierig, einen Konsens darin zu finden, was ethisch vertretbar ist und was verurteilt werden sollte, obschon es den Nachgeborenen angeblich vergönnt ist, vergangene Taten und Normen leichter zu beurteilen als jene der Gegenwart. Als sich jedoch unlängst der derzeitige US-Präsident legitimiert sah, einen Angriff auf Kulturstätten im Iran als Vergeltung zu erwägen, wurde

innerhalb all der trumpschen Wirrungen eine neue Kategorie der Entwertung zivilisatorischer Leitlinien erreicht, welche die Fragilität errungener Normen und Regeln vor Augen führt. Nicht nur begab sich damit ein Machthaber einer westlichen Demokratie rhetorisch auf das Niveau von Terroristen, sondern er relativierte auch frühere Zivilisationsbrüche wie z. B. jene des Zweiten Weltkriegs und jene der Sprengung der Buddha-Statuen von Bamiyan. In ihrer extremen Form mögen diese beiden 1


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