BĂźndner
Wald
Jahrgang 69 | August 2016
Der Wald und sein(e) Wasser
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Inhalt
Der Wald und sein(e) Wasser Editorial.................................................. 4
Ein Urschweizer kehrt
Henniez – wo der Wald das Wasser
in sein Stammland zurück.......................... 41
schützt und filtert........................................ 5
Das schutzwaldprämierte Projekt
Die Zukunft des Wassers im Engadin........... 9
«Löschwasserbecken Moesano»................ 45
Der Wald als natürliche
Bacini antincendio Moesano –
Wasserreinigungsanlage............................ 15
tipologie, costruzione e uso....................... 49
Wenn unerwünschtes Wasser
Comic Theo & Heinz.................................. 53
nützlich wird............................................. 21
Schwimmen für das Recht auf Wasser........ 54
Die Mastrilser Rheinauen........................... 24
Holzhauereimeisterschaften 2016
Moorflächen Mauntschas –
in Arosa.................................................... 58
mit Wasser entbuschen............................. 30
Baumkrönender Abschluss der ersten
Können Bäume das Wasser
Waldtrophy in der Surselva........................ 61
effizienter nutzen?.................................... 33
Vorschau «Bündner Wald»
Auwälder – die letzten Dschungel
Oktober 2016........................................... 63
Mitteleuropas............................................ 37
Titelbild: Die Isar bietet an ihrem oberen Lauf noch einige flachgründige Abschnitte mit glasklarem Wasser, vom Fluss geformten Kiesbänken und angrenzenden Wiesen, Weiden und Wäldern. (Bild: Jörg Clavadetscher) Bild Inhaltsverzeichnis: Das Zusammenspiel von Holz, Wald, Wasser und extensiven Weiden birgt in sich so etwas wie ein wenig Romantik. (Bild: Jörg Clavadetscher) Bündner Wald 4/2016 3
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Editorial
Hanna und Sebastian spielen an einem warmen Sommersonntag im Garten. Hanna hält den Gartenschlauch in ein altes Weinfass und Sebastian bedient den Wasserhahn. Als das Fass schon fast randvoll ist, ruft Hanna: «Basti, schnell, stell das Wasser ab! Das Fass ist schon voll!» Drinnen im Haus hören die Eltern das Rufen der kleinen Tochter und denken sich nur: «Halb so schlimm, es ist ja nur Wasser.» Später, beim gemütlichen Abendessen, gönnt sich der Vater dieser beiden Kinder ein Glas Rotwein. Neben dem Weinglas steht ein Glas mit Wasser. Aus Unachtsamkeit stösst der Vater an das Wasserglas und schüttet es zur Hälfte über den Tisch, sein Hemd und die Hose. Während sich die Kinder das Lachen verkneifen, lächelt die Mutter und sagt: «Zum Glück hast du nicht den Wein ausgeschüttet. Stell dir vor, welch hässliche Flecken du dann auf deinen schönen Kleidern hättest.» Alltag. Von heute. Können Sie sich vorstellen, dass die Gedanken und Aussagen im Alltag von morgen oder übermorgen etwa so klingen wie nachfolgend beschrieben? Als die Eltern die Spielereien mit dem Wasser bemerken, stürmen sie blitzschnell in den Garten. Der Vater dreht den Wasserhahn zu und die Mutter ermahnt die beiden verdutzten Kinder: «Kinder, hört sofort auf, mit dem Wasser zu spielen! Das ist das kostbarste Gut, das wir überhaupt besitzen und für die nächsten drei Wochen haben wir bald keine Reserven mehr!» Als beim Abendessen das Wasserglas zu wanken beginnt, greift die kleine Hanna sofort danach, um es zu retten. Dabei stösst sie versehentlich das Weinglas um und der Wein ergiesst sich über den Tisch und Vaters Hemd und Hose. Der Vater bedankt sich bei der Tochter und lobt sie: «Danke Hanna, dass du so
schnell reagiert hast und mein Wasserglas aufgefangen hast.» Die Mutter holt einen Putzlappen und während sie den Wein zusammenwischt, bemerkt sie nur: «Halb so schlimm, die Flecken kann ich vielleicht sogar auswaschen und Wein können wir wieder kaufen.» Zugegeben, aus heutiger Sicht scheinen die beschriebenen Reaktionen von morgen oder eben übermorgen etwas übertrieben. Wenn wir uns aber mit Klimamodellen von übermorgen beschäftigen, so bekommt das Wasser als Gut einen ganz anderen Stellenwert, als es heute gemeinhin hat. Wer schon einmal mit der Tatsache konfrontiert wurde, dass man das Wasser aus der Leitung nicht trinken sollte oder gar nicht trinken darf, ohne es zuvor abzukochen, der machte sich in jenem Moment (hoffentlich) so seine Gedanken darüber, welchen Luxus wir hierzulande tagtäglich geniessen. Sauberes Wasser ist keine Selbstverständlichkeit. Ein grosser Teil der Weltbevölkerung erlebt diese Tatsache hautnah. Jeden Tag. Deshalb ist es wichtig, die Zusammenhänge zwischen unserem Handeln, dem Klima, der Geologie, der Vegetation und den gesamten Abläufen der Natur zu thematisieren und uns damit zu beschäftigen. In diesem Sinne: Tragen wir Sorge zu unseren Wasserreserven und deren Qualität.
Jörg Clavadetscher, Redaktor Bündner Wald Ruinas, CH-7535 Valchava forestal-muestair@bluewin.ch
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Henniez – wo der Wald das Wasser schützt und filtert Aufforstung, Anlegen von Lichtungen zur Begünstigung der Biodiversität, Filtra tionszone, Anbau von Obstbäumen alter Sorten, null Pestizide, null Pflanzenschutz mittel, null Dünger, dafür ganz besondere forstwirtschaftliche Methoden: Die Domä ne von Henniez wird verwaltet wie ein Na turpark. Mit einem einzigen Ziel: dem Er halt der Wasserqualität der Quellen. Betritt man den Wald von Henniez, ist man überrascht: 24 Hektaren sorgfältig ausgerichteter Stämme, kompakte Baumbestände, arrangiert nach Art – hier Föhren, dort Douglasien, ein nackter Boden oder ein fliessender Übergang zwischen Weide und Unterholz, wenig Licht, unter den Fichten fast gar keins. Kein Zweifel: Nestlé Waters hegt und pflegt seinen Wald rund um die Quellen von Henniez mit ganz besonderer Sorgfalt. Und dies mit gutem Grund: Der Wald ist genauso wichtig wie das Mineralwasser, das hier entspringt, gewährleistet er doch dessen hochwertige Qualität. Denn so wie der Wald die Luft reinigt, so reinigt er auch das Wasser. Nestlé Waters ist sich dessen wohl bewusst. Deshalb wurde hier ein Schutzgebiet von 110 ha geschaffen, das genau wie ein Naturpark geführt wird. Dazu gehört auch ein Wald, der ausschliesslich für den Schutz des Grundwassers angelegt ist (siehe Kasten). 70 000 Bäume neu gepflanzt Die Arbeit begonnen, hatten vor fast vierzig Jahren die früheren Besitzer der Mineralquellen Henniez, die seit 2007 im Besitz von Nestlé Waters sind. In den 1980er-Jahren wurde anhand von Messungen ein Nitratgehalt von 27 mg pro Liter Wasser festgestellt (heute liegt der Höchstwert bei 20 mg / l). Die Ursache: Auf den ackerbaulich genutzten Flächen über den sieben Henniez-Quellen wurden viel Dünger tierischen Ursprungs
Der Weiher, der in eine natürliche Filtrationsstation für die Mikroverunreinigungen der Landwirtschaft umfunktioniert wurde. (Bilder: z. V. g.: Nestlé Suisse SA)
und eine Menge Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Der damalige Direktor, Edgar Rouge, fasste den Entschluss, sein Gebiet nicht mehr landwirtschaftlich zu nutzen. Er erwarb und tauschte andere Flächen und verwandelte das Einzugsgebiet der Mineralquellen in einen Naturpark mit dem Namen «Domaine d’Henniez». Das Areal wurde mit 70 000 Bäumen von rund dreissig verschiedenen Arten bepflanzt, alle zur gleichen Zeit. Die Idee war, durch langsame Perkolation eine natürliche Filterung des Wassers zu erzielen. Die Rechnung ging auf: Mittlerweile ist der Nitratgehalt auf 13 bis 14 mg/l gesunken. Zum Teil ist dies auch der «extensiven» landwirtschaftlichen Bewirtschaftung zu verdanken: Null Pestizide, null Pflanzenschutzmittel, null Dünger in der gesamten Zone, freut sich Michel Marcuard, der für die Quellen zuständige Leiter bei Nestlé Waters. Bündner Wald 4/2016 5
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Sanfte Intervention Wenn ein Wald nicht wirtschaftlich genutzt wird, sondern dem Gewässerschutz dient, heisst das nicht, dass sein Holz nicht verwertet werden kann: Rund 70 m3 pro ha werden alljährlich gefällt und in der Gegend als Brennholz verwendet. «Aber wir betrachten diesen Wald unter ganz anderem Blickwinkel», sagt Michael Thomi, Revierförster des Bezirks Glâne. «Wir beurteilen ihn nicht nach der wirtschaftlichen Rentabilität, sondern nach der Qualität des Schutzes für die Quellen.» Infolgedessen sind auch die Erntemethoden ganz anders: Halb mechanisiert, mit Spezial maschinen und möglichst geringem Druck zur Schonung des Bodens, installiert auf einem leichten Raupenfahrzeug und einem Trägervehikel, das nur gewisse Wege befahren kann. «Es wird nicht flächendeckend gearbeitet, wir befahren immer dieselben Stellen.» Der Boden darf nicht gepresst werden. Er muss gut belüftet bleiben, damit er seine natürliche Filterfunktion erfüllen kann. Und was die Trinkwasserfassungen anbelangt, so herrscht dort ein absolutes Verbot für Räder. Das Fällen wird sorgfältig geplant, jeweils in Zeiten mit starkem Frost bzw. sehr trockenem Boden. Das Holz wird am Rand der Zone gehackt. Bei einem Unfall – z. B. einem Kraft stoffleck – tritt ein spezielles Protokoll in Kraft, das zum Schutz des Grundwassers sogar eine Dekontaminierung des Geländes vorsieht. Solche regelmässigen und sorgfältigen Vorkehrungen haben natürlich ihren Preis. Doch im Gegensatz zum Wald, dessen Rolle als Schutz der Böden gegen Erdrutschgefahren und Lawinen wohlbekannt ist und subventioniert wird, ist dies beim Schutz der Gewässer nicht der Fall. Nestlé zahlt 3500 bis 4000 Franken pro ha. «Man weiss, dass der Wald eine po sitive Wirkung auf das Wasser hat, und trotzdem gibt es keine Hilfe für Waldbesitzer, die eine Quelle auf ihrem Gelände haben. Dabei ist das Wasser ein Konsumgut für alle.» Für Michael Thomi scheint das irgendwie nicht stimmig.
Der Wald, eine Nitratpumpe Aber die Arbeit ist noch nicht getan. 2010 wurden innovative forstwirtschaftliche Mass nahmen getroffen. Dabei geht es selbstver ständlich nach wie vor um die Reinheit des Wassers. Man will unter 10 mg/l Nitrat kom men mit einem reichhaltigeren Boden und dichtem Wurzelwerk, welches eine gewich tige Rolle als Nitratpumpe spielen soll. Ein richtiger Waldboden mit einem schönen Humus. «Der Prozess wird mindestens 100 Jahre dauern. Heute befinden wir uns in der
Übergangsphase zwischen Landwirtschaftsund Waldboden», präzisiert Revierförster Michael Thomi. Er arbeitet seit 2010 an einem Wald, der aus verschiedenen «Abstufungen» besteht. Er möchte eine stärkere Diversifizierung errei chen, das homogene Dach der in den 1980er-Jahren gepflanzten Bäume aufbre chen, also nicht nur Gras und grosse Stäm me, sondern auch Unterholz und eine Rück kehr zu den Pionierbaumarten (Buche, Eiche, Ahorn, Birke usw.). Unterstützt wer
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den soll dies durch die Schaffung von Schneisen und Lichtungen, damit auch der Boden Sonne bekommt. Die Wirkung ist frappierend: Da, wo Sonne ist, übernimmt die Natur wieder das Zepter. Es spriesst Ge büsch, hier ein Vogelbeerstrauch, dort ein Kastanienbaum. Denn der ursprünglich landwirtschaftlich genutzte Boden ist frucht bar. «Selbst unter den Fichten – die hier ei gentlich nicht heimisch sind – und wo der Boden arm ist, reagiert die Natur schnell, wenn man ein wenig lichtet», erklärt der Förster. Die Vielfalt des Waldes zu fördern, heisst auch, ihn zu stärken gegen Wind böen, aber genauso gegen Angriffe durch Insekten und andere Schädlinge. Auch die Waldränder werden seit zwei Jah ren liebevoll nach demselben Prinzip ge pflegt: Sie werden stufenförmig angelegt, um die Sonnenstrahlen durchzulassen, so dass Büsche und Sträucher gedeihen und die Biodiversität gefördert wird. Ein wenig zusätzliche Hilfe kann nicht schaden, etwa durch die Mitarbeitenden von Nestlé, die an einem Tag im Mai Freiwilligenarbeit geleis tet und Schneisen geschlagen, Schlehdorn büsche gepflanzt und ökologische Nischen
(z. B. Ast- oder Steinhaufen) angelegt ha ben, um Lebensräume für kleine Waldbe wohner zu schaffen. Ein Weiher wird zu einem natürlichen Filter Mittendrin eine Insel aus altem Gehölz. Eine Hektare Wald, die man 25 Jahre lang in Ruhe lassen will, ohne jegliche forstwirt schaftlichen Eingriffe. Ein bisschen weiter weg ein Weiher, der in eine natürliche Filt rationsstation für die Mikroverunreini gungen der Landwirtschaft umfunktioniert wurde, und zwar anhand eines Wasserlaufs durch das Vulkangestein und durch den Pflanzenbewuchs. Die Anlage bildet auch eine Barriere gegen das Verschmutzungs risiko: Bei einem Unfall auf der Kantons strasse weiter oben wird die Schleuse ganz einfach geschlossen. An der Oberfläche plätschert ein Bach, wo Reiher nach Forellen Ausschau halten und Lurche nisten. Dieses Projekt ist Teil des Eco-Broye-Pro gramms, welches 2009 durch Nestlé Waters lanciert wurde und zum Schutz der Gewäs ser und zum Erhalt des Gebiets auf regiona ler Ebene beiträgt. Das Programm vereinigt
«Extensive» landwirtschaftliche Bewirtschaftung mit null Pestiziden, null Pflanzenschutzmitteln, null Dünger in der gesamten Zone.
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Der ehemalige Pavillon des nicht mehr existierenden Unternehmens Henniez-Santé aus den 1930er-Jahren.
Landwirte, Behörden und weitere wichtige Akteure in gemeinsamen Projekten wie dem ökologischen Netzsystem, das 2012 begrün det wurde und 2300 ha umfasst – verteilt auf sieben Gemeinden und bewirtschaftet von 65 Bauern. Hier wird sichergestellt, dass die Mobilität der Wildtiere über naturbelas sene Korridore zwischen den einzelnen Waldgebieten gewährleistet ist.
In der Domaine d’Henniez kommt eine ganze Reihe weiterer Massnahmen zur Ver besserung der lokalen Ökosysteme hinzu: So wurden 89 Obstbäume traditioneller regionaler Sorten gepflanzt: Äpfel, Birnen, Zwetschgen und Kirschen. Ferner wurde ein Bach wieder ans Tageslicht geholt. Und schliesslich werden in der Biogasanlage von Treize-Cantons seit Juni 2016 die land wirtschaftlichen Abfälle (Gülle, Dung von 27 Bauernhöfen) und auch Industrieabfälle (Milchpermeat, Kaffeesatz) wiederverwer tet. In umgewandelter Form gehen sie an die Landwirte zurück – als hochwertiger Dünger, natürlich und geruchlos, ein opti maler Ersatz für die herkömmlichen Dünge mittel. Gleichzeitig wird in der Fabrik in Treize-Cantons erneuerbare Energie ge wonnen, die sich in Wärme (Äquivalent von 1 100 000 Litern Heizöl/Jahr) und Elektrizität (Jahresverbrauch von 1000 Haushalten) konvertieren lässt. Philippe Oertlé Nestlé Suisse SA Case postale 352, CH-1800 Vevey philippe.oertle@ch.nestle.com
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Die Zukunft des Wassers im Engadin Das Engadin verdankt dem Inn, seinen Seen, Brunnen, Quellen und Bächen eine aussergewöhnliche Atmosphäre. Im Sommer prägen Frische und Klarheit des Wassers, im Winter Eis und Schnee das Hochtal. Um Wasser und Gewässer des Engadins intelligent zu nutzen, ohne ihre Schönheit und Integrität aufs Spiel zu setzen, ist eine übergreifende regionale Wasserplanung erforderlich. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie «Wasser im Engadin – Nutzung, Ökologie, Konflikte», die der Umweltwissenschaftler Klaus Lanz im Auftrag des WWF 2016 erarbeitet hat (Lanz 2016). Trotz des gefühlten Wasserreichtums ist das Engadin ein wasserarmes Gebiet. Wie in anderen inneralpinen Hochtälern – etwa dem Vinschgau in Italien oder dem Ötztal in Österreich – sind die Niederschläge verglichen mit dem Rest der Alpen gering. Am stärksten von regenreichen Wolken abgeschirmt ist das Unterengadin, in dessen Bergen nur halb so viel Niederschlag fällt wie in der Corvatschregion bei St. Moritz. Hinzu kommt während des Sommers eine hohe Verdunstung. Dabei wird das Wasser in erster Linie über die Pflanzen in die Atmosphäre abgegeben (Evapotranspiration), sodass die Verdunstung über Wald und Wiesen rund doppelt so hoch ist wie über Geröll oder Fels. Im Talboden übersteigt die Verdunstung im Sommer den Niederschlag bei Weitem und die Bewässerung von Futterwiesen ist üblich. Das entscheidende Element im Wasserhaushalt des Engadins ist der Schnee. Im Val S inestra oberhalb von Sent etwa stam% des Jahresabflusses aus der men 80 Schneeschmelze. Im Vergleich dazu sind es im wesentlich niederschlagsreicheren Val Chamuera im Oberengadin nur 68 % (siehe Abb. 1). Über das Jahr gesehen speist sich der Inn zu über zwei Dritteln aus der
Schnee decke. Die Gletscher spielen nur eine Nebenrolle: Etwa 4 % des Innwassers stammen aus dem Eis. Nur am Corvatsch, an der Bernina, am Piz Grialetsch und am Piz Buin trägt Gletscherschmelzwasser noch mehr als 10 % zum Jahresabfluss bei (Bernhard et al. 2015). Nutzungen Der Wasserhaushalt des Engadins – die vorhandenen Wassermengen, die Flusslandschaften, die Qualität und Ökologie der Gewässer – ist seit Jahrhunderten durch die Aktivitäten der Menschen beeinflusst worden. Schon die ältesten überlieferten Schriftstücke befassten sich mit der Verteilung des Wassers. Im Gemeindearchiv von Samedan findet sich ein Wasserrodel von 1557, der detailliert die Bewässerungsrechte an Quellwasser unter den Bauern regelt (Gemeinde Samedan 2009, siehe Abb. 2).
Abb. 1: Der Beitrag der Schneedecke zum Gesamtabfluss ist im Unterengadin bedeutender als im Oberengadin. (Grafik: Klaus Lanz, Daten Bernhard et al. 2015) Bündner Wald 4/2016 9
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Abb. 2: Verteilung des Quellwassers auf die 150 Wiesenbesitzer in Samedan 1557, erste Seite. (Bild: Gemeindearchiv Samedan)
Als im 20. Jahrhundert die direkte Umwand lung von Wasserkraft in Elektrizität möglich wurde, dehnte sich der Zugriff der Men schen auf den Inn und seine wasserreichs ten Zuflüsse aus. Zugleich vervielfachte sich mit dem florierenden Tourismus der Trink wasserverbrauch und immer mehr Quell fassungen und Grundwasserpumpwerke entstanden. Eine zweite Folge des touristi schen Aufschwungs waren Abwasserpro bleme, deren Bewältigung sich wegen aus geprägter saisonaler Spitzen als besonders schwierig – und kostspielig – erwiesen hat. Anhaltender, tief greifender Wandel Der Wandel des Wasserhaushalts schreitet mit der zunehmenden Beanspruchung der Engadiner Gewässer auch heute voran. Die Frage ist, ob und wie die Gesamtheit der Wassernutzungen auch in Zukunft im Gleich gewicht mit den natürlichen Systemen ge halten werden kann.
Anlass zur Besorgnis gibt z. B. der in jüngster Zeit forcierte Ausbau der Wasserkraft an bis her wilden Seitenbächen des Inns. An Susasca (2010, 2015), Lavinuoz (2014) und Tasnan (2014) sind Kleinkraftwerke entstan den, die stark in den landschaftlichen Cha rakter und die ökologische Qualität dieser Wildbäche eingreifen. Ihr Ertrag ist so ge ring, dass sie nur mithilfe staatlicher Subven tionen wirtschaftlich betrieben werden kön nen. Zur Stromproduktion des Engadins % bei (im Winter tragen sie gerade 3,5 1, 2 %). Trotzdem planen einige Gemeinden weitere Kraftwerke an den letzten verbliebe nen Wildbächen. Eine zweite beträchtliche Mehrbelastung des natürlichen Wasserhaushalts resultiert aus dem fortschreitenden Ausbau der Be schneiung von Pisten und Loipen. Die Berg bahnen haben sich zum Ziel gesetzt, an je der Aufstiegshilfe mindestens eine Abfahrt vollständig zu beschneien (Bergbahnen Motta Naluns 2014). Dies ist nur möglich, wenn den hochalpinen Bächen zusätzliches Wasser entzogen wird (Stifel 2015). Zu gleich steht die Beschneiung in Konkurrenz zur Trinkwasserversorgung. So wurde in Samnaun ein neues Grundwasserpumpwerk gebaut, um ergiebige Trinkwasserquellen für die Beschneiung umnutzen zu können. Angesichts trockener Sommer haben einige Gemeinden die Infrastruktur für die Wie senbewässerung erneuert und ausgebaut. Vielfach wurden die bewässerten Flächen vergrössert oder die Bewirtschaftung inten siviert (frühere Mahd, häufigere Schnitte) (Graf et al. 2014). Das Wasser für die Be wässerung stammt meist aus kleineren Bächen. Hier kommt es besonders in Tro ckenphasen zu Konflikten, wenn hoher Be wässerungsbedarf mit geringer Wasserfüh rung einhergeht. Diese Konflikte werden mit dem Klimawandel zunehmen, sodass
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die Bauern ihre Wiesenbewirtschaftung in Zukunft mit weniger Wasser werden bewäl tigen müssen. Schliesslich können auch Aktivitäten, die an sich kein Wasser beanspruchen, die Gewäs ser verändern und ihre Nutzung beeinträch tigen. Dies gilt einerseits für jede Ver schmutzung, sei es durch Abwasser, Gülle, Altlasten im Boden oder sonstige Schadstoff einträge ins Grundwasser. Zum anderen schränkt die Ausdehnung von Siedlungs flächen vor allem im Oberengadin den Schutz der als Trinkwasservorrat benötigten Grundwasservorkommen immer weiter ein. Folgen des Klimawandels Um den Einfluss des Klimawandels auf die ohnehin intensiv genutzten Gewässer des Engadins genauer abzuschätzen, beauftrag te der WWF Schweiz die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), detaillierte Szenarien für das regionale Wassergeschehen zu erstel len. Dabei berücksichtigen die WSL-Rech nungen den kleinräumigen Charakter der einzelnen Einzugsgebiete. Mit einer Auflö sung von 100 mal 100 Metern werden cha rakteristische Eigenschaften des Geländes wie Vegetation, Hangneigung, Boden beschaffenheit oder genaue Höhenlage ein bezogen. So lässt sich die Wirkung von Niederschlagsänderung und Temperatur erhöhung präziser bestimmen. Berücksichti gen lässt sich zum Beispiel, dass sich Schnee an Nordhängen länger hält als an sonnen beschienen Südhängen oder dass über Ge röllflächen weniger Wasser verdunstet als über Wald. Für die hydrologischen Berechnungen wur de das Inn-Einzugsgebiet auf Schweizer Boden in 55 Untereinzugsgebiete unterteilt, die überwiegend den Seitentälern des Enga dins entsprechen. Zwischen ihnen zeigen
sich schon heute markante Unterschiede bei Niederschlägen und zeitlicher Verteilung der Abflüsse. Prognosen über den Einfluss des Klima wandels auf den Niederschlag sind schwie rig, zudem können die Fluktuationen von Jahr zu Jahr erheblich sein. Feuchte und tro ckene Jahre werden sich also auch in Zu kunft abwechseln. Gewiss sind dagegen höhere Sommer- und Wintertemperaturen. Höhere Temperaturen bedeuten einerseits, dass im Sommer mehr Wasser verdunstet. Noch wichtiger sind aber die Folgen einer steigenden Schneegrenze, denn die saiso nale Verteilung der Abflüsse verändert sich grundlegend. Im Winter bleibt weniger Nie derschlag in der Schneedecke gebunden und mehr Wasser fliesst direkt ab. Infolge dessen ist die Schneeschmelze verringert und tritt bedeutend früher ein – die Berech nungen lassen eine Verschiebung um drei bis sechs Wochen ins Frühjahr erwarten. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts könn ten sich allein durch höhere Temperaturen die Abflüsse der Bäche in den Sommermo naten Juli, August und September um mehr als ein Drittel, zum Teil um mehr als die Hälfte reduzieren (Abb. 3). Diese Abnah men gelten für den langjährigen Durch schnitt, d. h. es sind um 2060 auch Sommer zu erwarten, in denen die Bäche nochmals weniger Wasser führen als diesen Zahlen entspricht, andererseits aber auch ähnlich feuchte Jahre wie heute. Regional ist die Minderung der Bachab flüsse dort am stärksten ausgeprägt, wo der Beitrag von Schnee und Gletschern zum Abfluss am grössten ist. Beispielhaft wird das in Abb. 4 an einem hoch gelegenen, vergletscherten Einzugsgebiet (Val Roseg) und einem unvergletscherten Einzugsgebiet im Unterengadin (Val Plavna) dargestellt. Im Val Roseg vermindern sich die sommerli Bündner Wald 4/2016 11
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die relativ niederschlagsarmen Einzugsgebiete des Unterengadins steht, die sommerlichen Abflüsse ab Juli (gegen Ende des Jahrhunderts bereits ab Juni) markant zurück.
Abb. 3: Änderungen des sommerlichen Abflusses Juli, August, September in den 55 Untereinzugsgebieten des Engadins bezogen auf Durchschnitt der Jahre 1981 bis 2009 für: – die nahe Zukunft 2021 bis 2050 oben – die mittlere Zukunft 2045 bis 2074 Mitte – die ferne Zukunft 2070 bis 2099 unten (Grafik: Klaus Lanz, Daten Bernhard et al. 2015, DHM / Gewässernetz Bundesamt für Landes topografie)
chen Abflüsse, bleiben aber auch gegen Ende des Jahrhunderts noch hoch. Dagegen gehen im Val Plavna, das stellvertretend für
Überblick gewinnen, Nutzungen koordinieren Der Wasserhaushalt in den Alpen wird sich in den kommenden 50 bis 100 Jahren grundlegend verändern. Von Natur aus niederschlagsarme inneralpine Täler wie das Engadin, die zudem einen hohen Anteil ihrer Wasserressourcen nutzen, sind davon besonders betroffen. Viele gesellschaftliche Zielsetzungen sind auf eine zuverlässige Zufuhr von Wasser angewiesen – Trinkwasserversorgung, Landwirtschaft, Wasserkraft, Beschneiung. Sie alle werden sich auf veränderte Bedingungen einstellen und die Verteilung des zumindest zeitweise knapper werdenden Gutes untereinander regeln müssen. Die Voraussetzungen für eine gerechte und gewässerverträgliche Nutzung der Wasserressourcen sind im Engadin zum jetzigen Zeitpunkt nicht gegeben. Vielfach beanspruchen verschiedene Akteure die gleichen Gewässer, ohne die Nutzungen und deren Auswirkungen gesamthaft zu analysieren und zu optimieren. Verwaltung und Steuerung der einzelnen Nutzungen obliegen verschiedenen kantonalen und kommunalen Behörden. Auch zeigt sich, dass im Engadin weder über die vorhandenen Wassermengen noch über den Verbrauch der verschiedenen Nutzer genügend gutes Wissen vorliegt. Ohne eine solche Datengrundlage können aber Angebot und Nachfrage nicht ins Gleichgewicht gebracht werden. Noch weniger kann man auf die durch den Klimawandel zu erwartenden trockeneren Bedingungen reagieren.
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Angesichts eines gefühlten Überflusses an Wasser in der Schweiz halten viele noch immer für überflüssig, was im übrigen Europa selbstverständlich ist: eine vorsorgende, übergreifende Bewirtschaftung von Wasser. Das Beispiel des Engadins mit seiner vielfältigen wirtschaftlichen Abhängigkeit von intakten Gewässern macht deutlich, dass eine systematische regionale Wasserressourcenbewirtschaftung unverzichtbar ist. Die Studie «Wasser im Engadin – Nutzung, Ökologie, Konflikte» kommt zu dem Ergebnis, dass ein vorausschauender Abgleich der nachhaltig verfügbaren Wassermengen mit den gesellschaftlichen Nutzungsabsichten Voraussetzung für die zukunftsfähige Entwicklung des Hochtals ist. Andernfalls drohen Interessenskonflikte und unerwünschte ökologische Schäden, die bei guter Koordination vermeidbar wären. Literatur Bergbahnen Motta Naluns (2014): Geschäftsbericht 2013/14, Scuol (www.engadin.com/fileadmin/ user_upload/customers/engadin/ Bergbahnen/Dokumente/ Geschaeftsbericht-Bergbahnen20132014_web.pdf). Bernhard, L. et al. (2015): Auswirkungen des Klimawandels auf den Wasserhaushalt des Engadiner Inns und seiner Teileinzugsgebiete. Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), Bericht zuhanden des WWF Schweiz, Birmensdorf (unveröffentlicht) (http://pte.parcs.ch/mmd_data_by.php? searchval=3012). Gemeinde Samedan (2009): Dokumenta tion der Samadener Wassertage 2008 Samedan (http://www.samedan.ch/ documents/WT_Dokumentation_08.pdf).
Abb. 4: Verminderung der jährlichen Abflüsse und Verschiebung der Abflussmaxima vom Sommer ins Frühjahr in mm am Beispiel der Einzugsgebiete Val Roseg (links) und Val Plavna (rechts). (Grafik: Klaus Lanz, Daten Bernhard et al. 2015)
Lanz, K. (2016): Wasser im Engadin – Nutzung, Ökologie, Konflikte. Studie im Auftrag des WWF Schweiz, Evilard (Klaus-lanz.ch) Graf, R. et al. (2014): Bewässerungsanlagen als Ursache für die Nutzungsintensivierung von Grünland im Engadin. Agrarforschung Schweiz 5, 406–413 (http://www.agrarforschungschweiz.ch/ artikel/2014_10_2013.pdf). Stiefel, R. (2015): Ein Naturspeichersee für 400 000 000 Liter Wasser. In: Engadiner Post 13. August 2015, Seite 13 (http://dsb.engadinerpost.ch/upload/ DSBUserFile/CPN_Engadinerpost/ 28742_093_2015-08-13.pdf).
Dr. Klaus Lanz International Water Affairs CH-2533 Evilard mail@klaus-lanz.ch
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Der Wald als natürliche Wasserreinigungsanlage Der Wald ist eines jener natürlichen Ökosysteme, die den besten Schutz des Grundwassers vor Verschmutzung gewährleisten. Ein Hinweis ergibt sich aus einer 2003 veröffentlichten Studie des BAFU: 42 % der Schutzzonen für Trinkwasserquellen in der Schweiz befinden sich in bewaldeten Flächen, obwohl der Wald lediglich 27 % der Gesamtfläche der Schweiz bedeckt. Die Wälder haben aber nicht überall die gleiche positive Wirkung auf das Grundwasser. Die Zusammensetzung des Bestands, die Aktivitäten und Einwirkungen des Menschen haben einen entscheidenden Einfluss auf die Qualität des Bodens und des in den Boden eindringenden Wassers. Die Waldbesitzer und Waldbewirtschafter sind aufgerufen, den Schutz des Grundwassers als zentrales Kriterium in die waldbaulichen Entscheide und jene der Holzernte einzubeziehen. Das unter einem Waldbestand in den Boden eingedrungene Grundwasser ist in der Re gel von aussergewöhnlicher Qualität. Die naturnahen und durch den Waldbestand beschatteten Böden weisen eine hohe bio logische Aktivität auf, welche die Absorp tion und den Abbau der Schadstoffe be günstigt. Zudem wirkt der Kronenraum wie ein Filter, der eine grosse Menge von Schad stoffen durch das Laub auffängt. Trotzdem besteht auch im Wald ein Risiko der Verschmutzung des Grundwassers. Dies ist bedingt einerseits durch die dem Wasser eigene Anfälligkeit und andererseits durch die Auswirkungen der menschlichen Aktivi täten im Wald. Die Empfindlichkeit des Grundwassers ist abhängig von der Filterfähigkeit der wasser führenden Zonen und der darüber liegen den Schichten. Der Mensch hat darauf kei nen direkten Einfluss, kann diesen Parameter aber berücksichtigen, indem die potenziell
verschmutzenden Aktivitäten in den emp findlichsten Zonen eingeschränkt werden. Die Wirkungen, die potenziell das Risiko einer Verschmutzung des Grundwassers aus Quellgebieten im Wald steigern, sind sehr direkt von der Waldbewirtschaftung und der Holzernte abhängig. In den nachfolgenden Ausführungen wird gezeigt, welches die wichtigsten Arten von Verschmutzung des Grundwassers im Wald sind und wie Waldbau und Holzernte die Qualität des Wassers beeinflussen. Es fol gen auch einige Empfehlungen im Hinblick auf die bestmögliche Gewährleistung der Grundwasserqualität im Wald. Wirkung der Waldbewirtschaftung auf die Qualität des Grundwassers: 1. Beschaffenheit des Waldbestands Man könnte annehmen, dass der Waldbe stand unbesehen von seiner Beschaffenheit das Grundwasser schützt. Es zeigt sich aber, dass Struktur und Zusammensetzung der Bestände einen entscheidenden Einfluss ha ben auf die Qualität des Bodens und auf dessen Fähigkeit, Schadstoffe zurückzuhal ten oder zu absorbieren sowie diese dem versickernden Wasser zu entziehen. Grossflächiger Holzschlag in einem reinen Nadelholzbestand im Einzugsgebiet einer Quelle in Saint-Laurent, Frankreich. Ein solcher Eingriff kann zu einer Trübung an der Quelle führen und das Wasser ungeniessbar machen. (Bilder: Lorienne Thüler)
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Laubholzpflanzung auf einer ehemaligen Nadelholzfläche in Thiez, Frankreich. Der Bestand wurde vom Orkantief Lothar beschädigt (rund 80 % der Stammzahl gefällt). Dieses Ereignis hat das Quellwasser während mehrerer Monate getrübt.
Unter konstant bleibenden Umweltbedin gungen speichern reine Nadelholzbestände mehr Sulfate, Schwefel, Kalzium, Kalium, Magnesium und Aluminium als Laubholz bestände. Wenn diese Substanzen im Grundwasser in zu hoher Konzentration auf treten, kann dieses ungeniessbar werden. Dieses Phänomen ist insofern beunruhi gend, weil die Nadelholzbestände die Ver sauerung des Bodens begünstigen, was die Anreicherung gewisser dieser Substanzen in den wasserführenden Schichten verstärkt. Die Altersstruktur der Bestände, insbeson dere die Altersverteilung, hat eine direkte Wirkung auf die Qualität des Bodens und des Grundwassers. Eine bestimmte Baumart entnimmt unter vergleichbaren ökologi schen Bedingungen dem Boden je nach Ent wicklungsstadium unterschiedliche Mengen an Wasser und Nährstoffen. Im Allgemei nen steigen diese Mengen, bis die Bäume den Wachstumshöhepunkt erreichen. Nach diesem Höhepunkt sinken die entnomme
nen Mengen mit zunehmendem Alter. Die ses Phänomen beeinflusst die Nitrat flüsse zwischen Boden und Grundwasser. Eine optimierte Altersstruktur des Bestands mit dauernder Präsenz von jungen Bäumen regu liert den Nitrateintrag in das Grund wasser. Die zwei Beispiele zeigen, dass gestufte und gemischte Bestände mehr Substanzen ver brauchen und abbauen als gleichaltrige Monokulturen. Gestufte und gemischte Be stände stellen einen konstanten Fluss sicher, regulieren so die Mineralstoffe im Grund wasser und vermeiden zu hohe Konzentra tionen. Zudem sind diese Bestände weniger anfällig auf Krankheiten und widerstands fähiger gegenüber Stürmen. Diese Phäno mene können neben den direkten Aus wirkungen (Holzanfall, Zerstörung) auch schädlich sein für die Qualität des Grund wassers, weil die Kontinuität der Bedeckung durch den Waldbestand nicht mehr gewähr leistet ist. Nach einem Sturmschaden oder einer Krankheit des Bestands ist der Boden plötzlich ohne Schutz, dies führt zu Erosion, welche die Trübung des im Wald gefassten Wassers erhöhen kann. Die Widerstands fähigkeit gegen Krankheiten von gestuften und gemischten Waldbeständen schränkt auch den allfälligen Einsatz von Pflanzen schutzmitteln ein, die ebenfalls eine schädli che Wirkung auf das Grundwasser haben. 2. Holznutzung Betrachten wir nun den Einfluss der Wald arbeiten auf das Grundwasser, zum Beispiel die Ausführung von Holzschlägen, der Ein satz von schweren Maschinen, den Bau von Waldstrassen und die Einrichtung der Fein erschliessung. Grossflächige Holzschläge sind ohne Zweifel forstliche Eingriffe, welche die Qualität des Grundwassers am stärksten beeinflussen. Sie
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bewirken eine Steigerung des oberflächli chen Abflusses, was zu einer verstärkten Ero sion der Böden und einer Trübung des Was sers an der Quelle führt. Weil das natürliche Gleichgewicht des Ökosystems gestört wird, steigen die Nitratkonzentrationen im Grund wasser nach grossflächigen Holzschlägen. Diese Wirkung kann je nach Ausdehnung der Schlagfläche 5 bis 15 Jahre andauern. Im Extremfall kann das gefasste Wasser auf grund der zu hohen Nitratwerte für längere Zeit als Trinkwasser ungeniessbar sein. Der Einsatz schwerer Maschinen kann eben falls die Qualität des Grundwassers be einträchtigen, weil diese Maschinen eine Bodenverdichtung verursachen und damit die Durchlässigkeit und Sickerfähigkeit des Bodens einschränken. Der Oberflächen abfluss nimmt zu, was die Erosion fördert und die Trübung des Trinkwassers steigert. Zusätzlich können Maschinen die Wasser fassungen beschädigen, wenn deren genaue Lokalisierung nicht bekannt ist. Das Auftan ken der Maschinen und Geräte, das Kettenöl der Motorsägen und insbesondere Treib stoff- oder Ölunfälle können zu Verschmut Spuren, verursacht durch das Befahren eines kalkreichen Lehmbodens mit schweren Maschinen, in Vers-chez-le-Brandt, Schweiz. Die Sickerfähigkeit des Bodens ist durch die Fahrspuren lokal dauerhaft beeinträchtigt.
zungen führen. Wenn diese Ereignisse im Perimeter von Schutzzonen oder empfindli chen Standorten eintreffen, kann Treibstoff oder Öl ins Grundwasser gelangen und die ses verseuchen. Pflanzenschutzmittel (Pestizide, Fungizide) für den Schutz von geschlagenem Holz oder die Jungpflanzen können ebenfalls eine Verschmutzung des Grundwassers verursa chen. In der Schweiz ist der Einsatz dieser Produkte im Wald allerdings mit grossen Einschränkungen belegt (Waldgesetz, Ge wässerschutzgesetz, ChemRRV). Empfehlungen: 1. Beurteilung der Verwundbarkeit des Grundwassers im Wald Wie in der Einleitung erwähnt, ist das Ver schmutzungsrisiko des Grundwassers im Wald einerseits von der inneren Verwund barkeit des Grundwassers abhängig und an dererseits von den Einwirkungen des Men schen im Einzugsgebiet. Wenn einem Forstmann etwas daran liegt, das Grundwasser im ihm anvertrauten Wald zu schützen, so wird er sich vor Eingriffen oder Arbeiten nach den Grundwasser vorkommen und deren Empfindlichkeit er kundigen. Zwei Szenarien können sich erge ben: Im ersten und einfachen Fall befindet sich der Wald im Einzugsgebiet einer Quel le, für die eine entsprechende Schutzzone festgelegt ist. Diese Informationen können auf den kantonalen Geoportalen oder auf jenem des Bundes (map.geo.admin.ch) ein gesehen werden. Im Sinne einer Vereinfa chung kann man sagen, dass innerhalb des Einzugsgebiets die Empfindlichkeit in der Zone S 1 am höchsten, in S 2 gemässigt und in S 3 eher schwach ist. Im zweiten und vermutlich häufigeren Fall befindet sich kein Quellgebiet direkt im Wald. Das bedeutet allerdings nicht, dass Bündner Wald 4/2016 17
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der Forstmann handeln kann, ohne sich um die Wasserqualität zu kümmern. Auch dort, wo keine öffentliche Quelle vorhanden ist, kann sich durchaus eine private Quelle un terhalb der zu nutzenden Waldfläche befin den: Wasserfassung für Weidetränken oder die Versorgung einer Liegenschaft, die nicht an das öffentliche Wasserversor gungsnetz angeschlossen ist. Wie auch im mer, der Schutz aller Grundwasserressour cen ist eigentlich ein Muss. Dieser soeben dargestellte Sachverhalt führt zu folgender Herausforderung: Weil keine Schutzzonen ausgeschieden sind, hat der Forstmann keine Informationen zu den empfindlichsten Gebieten im Wald, auf denen entsprechende vorbeugende Mass nahmen zu ergreifen sind. Da empfiehlt sich die Erarbeitung einer situativen Ein schätzung der Gegebenheit bezogen auf das Grundwasser. Dafür kann entweder ein spezialisiertes Ingenieurbüro beigezogen oder die besonders für die Forstleute ent wickelte Methode «ForDisk» angewendet werden. Zurzeit sind die Methode und das Hilfsmittel dazu nur in französischer Sprache verfügbar. Sie kann in einer Dok torarbeit zum Thema «Einschätzung und Kartierung der Empfindlichkeit von Grund wasservorkommen im Wald» eingesehen werden. Die Arbeit wurde von der Autorin des vorliegenden Beitrags 2014 an der Uni versität Neuenburg erfolgreich abgeschlos sen. Informationen zum Thema sind auch auf www.alpeau.org verfügbar. 2. Empfehlungen zur Waldbewirtschaftung Wie auch immer die Empfindlichkeit des Grundwassers sein mag, im Alltag der Waldbewirtschaftung können Handlungs empfehlungen zum Schutz der Trinkwas serressourcen angewendet werden. Daraus
ergeben sich zwei Vorteile: Ein naturnaher Waldbau fördert die Wasserqualität und bringt einen globalen Mehrwert für das Ökosystem Wald. Waldbaulich gesehen ist die Sicherstellung einer räumlich und zeitlich dauerhaften Be stockung und Bodenbedeckung die zentrale Anforderung. In diesem Sinne sind einstufi ge Bestände zu vermeiden und dagegen mehrstufige oder unregelmässige Bestände zu begünstigen, sei dies durch Plenterung oder kleinflächige Verjüngung (höchstens 3000 m2). Es ist ebenfalls von Bedeutung, die standortgerechten Baumarten zu bevor zugen und die Baumartenmischung zu för dern, indem auch in Nadelholzbeständen ein minimaler Laubholzanteil vorgesehen wird. Bei der Planung der Holzernte und beim Maschineneinsatz gelten die den Forstleu ten vertrauten Regeln: Das Arbeiten bei ge frorenem Boden und das Meiden des Ein satzes auf vernässtem Untergrund, um die Wirkung der Maschinen auf die Qualität des Bodens zu reduzieren. Bezogen auf Treib- und Schmierstoffe tragen die be kannten Vorkehrungen wie Einsatz von Be hältern mit Auffangwanne, der Einsatz von biologisch abbaubaren Ölen und die Bereit stellung von Bindemitteln für allfällige Ha varien zur erheblichen Reduktion des Ver schmutzungsrisikos des Grundwassers bei. In den empfindlichsten Zonen empfiehlt es sich, auf die Erstellung neuer Strassen und Erschliessungen zu verzichten und das Be fahren der bestehenden Wege auf das abso lute Minimum zu beschränken. Die Markie rung der bestehenden Leitungen und Fassungen verhindert deren Beschädigung durch Befahren. Bei der Holzbringung kann die Belastung durch den Einsatz alternativer Bringungsmittel wie Seilkran oder Pferd we sentlich reduziert werden. Das Parkieren der
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Interreg-Projekt ALPEAU Als natürliche Wasserreinigungsanlagen tragen die Wälder nachhaltig zur Erhaltung der Trinkwasserressourcen bei. Mit dem Ziel, diese Funktion zu konsolidieren und dauerhaft zu erhalten, wurde im November 2008 in einer grenzübergreifenden Zusammenarbeit zwischen Frankreich und der Schweiz das InterregProjekt ALPEAU lanciert. Während dreier Jahre wurden grundsätzliche Fragen untersucht: Versickerung und Reinigung des Wassers unter Waldbeständen, Zusammenhang zwischen der Qualität des Grundwassers und des Waldbestands usw. Es wurden aber auch praxisorientierte Punkte angegangen wie z. B. die Holzernteverfahren, die Lagerung des Holzes im Wald sowie die Partnerschaften zwischen den betroffenen Akteuren der Waldwirtschaft und Wasserversorgung. Im Sinne von «best practices» wurde am Ende des Projekts ein Leitfaden mit Empfehlungen für den Schutz des Grundwassers veröffentlicht. Das Dokument in französischer Sprache ist als Download verfügbar auf www.alpeau.org (Originaltitel: «Protection des eaux sousterrines en forêt – Guide ALPEAU dans l’arc alpin et jurassien 2012).
Maschinen, die Lagerung der Treibstoffe und das Betanken sollen ausserhalb der empfindlichsten Zonen stattfinden und sind in den Risikozonen zu verbieten. Zudem ist dort auch die Lagerung des aufgerüsteten Holzes zu vermeiden, um einem allfälligen Einsatz von Pflanzschutzmitteln in den empfindlichsten Zonen vorzubeugen. Zusammenfassung Durch einen naturnahen Waldbau können die Forstleute entscheidend zum Schutz des Grundwassers beitragen. Diese in der Forstwirtschaft der Schweiz traditionell verankerte Errungenschaft gilt es zu erhalten, obwohl es noch schwierig ist, diese Bemühungen durch finanzielle Anreize langfristig Waldmassiv des Bois du Jorat in der Schweiz. Die WSL führt seit mehr als zehn Jahren Untersuchungen durch, so auch auf dieser Versuchsfläche für das Projekt Alpeau.
zu gewährleisten. Die damit erreichte Wertschöpfung (bzw. Einsparung, weil wenig oder keine Aufbereitung des Wassers) im Vergleich zu dem aus Seen, Fliessgewässern oder Grundwasser auf nicht bewaldeten Gebieten gewonnenen Trinkwasser ist beachtlich. Es geht also darum, diese Wertschöpfung zu quantifizieren und anerkennen zu lassen. Die Gewissheit bleibt, dass eine vernünftige und umweltschonende Waldbewirtschaftung und -nutzung Garant ist für drei Wertschöpfungen: den Schutz der Trinkwasserreserven, die Produktion von Holz hoher Qualität und ein nachhaltiges Ökosystem Wald. Lorienne Thüler, Autorin Dr. in Wissenschaft Hydrogeologie dipl. UniNE CH-1401 Yverdon-les-Bains l.thueler@prona.ch
Urs Moser, Übersetzung Rue Guillaume Triponez 10 CH-2336 Les Bois moserurs@net2000.ch
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Wenn unerwünschtes Wasser nützlich wird Der kleine Wildbach aus dem Einzugsgebiet Taunter Ruinas mit einer Fläche von 1,6 km2 ist für seine Murgangaktivität seit Jahrhunderten bekannt. Immer wieder zerstörten Murgangereignisse Häuser und Ställe des Dorfteils Somvih von Müstair. Hartnäckig bauten die Bewohner die Gebäude auf den Mauerresten wieder auf und räumten die überführten Felder und Wiesen. Erste dokumentierte Sperrenverbauungen, von Kanton, Gemeinde, Kloster St. Johann und Sammlungen finanziert, wurden ab 1860 erstellt. Im Jahre 1874 schrieb das «Bündner Tagblatt» «. . . und nach menschlicher Voraussicht dürfte die grosse Gemeinde Münster mit ihren fruchtbaren Wiesen und Äckern vom Untergange gerettet sein.» Ein grosses Murgangereignis zerstörte am 16. Juni 1876 18 der 20 Wildbachsperren. Nun wurde entschieden, das Wasser aus dem oberen Einzugsgebiet von Taunter Ruinas, «Funtauna Fraida», abzuleiten und nach Möglichkeit als Trinkwasser zu nutzen. Taunter Ruinas, bekannt und gefürchtet Der Wildbach Taunter Ruinas befindet sich im Val Müstair an der orografisch linken Seite des Rombaches am Fusse des Piz Terza. Das steile Einzugsgebiet von Taunter Ruinas weist gemäss Bodeneignungskarte der Schweiz eine tiefe bis sehr tiefe Gründigkeit und ein geringes Speichervermögen auf. Das Gestein ist im oberen Einzugsgebiet kristallin und im mittleren und unteren Teil kalkig. Die Kegelfläche wird vorwiegend landwirtschaftlich genutzt, ist aber auch mit Wohnbauten, Ferienhäusern, Industriebetrieben und den entsprechenden Verkehrsanlagen überbaut. Taunter Ruinas ist infolge häufiger und intensiver Murgangaktivität seit Jahrhunderten bekannt. Die Auswertung der vorhan-
Einzugsgebiet und Kegelfläche Taunter Ruinas mit Dorf Müstair. (Bild: Hansjörg Weber)
denen Daten des Ereigniskatasters zeigen, dass sich in den vergangenen 180 Jahren (seit 1836) verschiedene Murgänge ereignet haben: – 1 sehr grosser Murgang mit einer geschätzten Gesamtkubatur von etwa 50 000 m3 (1926) – 8 grosse Murgänge mit mehreren Murschüben (1836, 1846, 1847, 1855, 1876, 1940, 1942 und 1983) Diese Murgangereignisse sind entweder auf lang anhaltende Niederschläge, auf Schneeschmelze oder Gewitterregen zurückzuführen. Mehrmals wurden Häuser und Ställe des Dorfteils Somvih überführt. Beim Ereignis vom 25. April 1926 wurden 10 Häuser und Ställe teilweise bis auf Höhe des ersten Stockes mit Geröll eingedeckt. Der Schwemmkegel war auf über 10 ha Fläche mit Ablagerungsmaterial überdeckt. Die Murgänge vom 21. bis 23. Mai 1983 reichten bis zur Kantonsstrasse. Bündner Wald 4/2016 21
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Taunter Ruinas, Wasserableitung mit Trapezkanal
Taunter Ruinas, Sperrentreppe mit Elementen aus
(Baujahr 1994). (Bild: Hansjörg Weber)
dem 19. Jahrhundert. (Bild: Hansjörg Weber)
Taunter Ruinas liefert bestes Trinkwasser Taunter Ruinas wurde schon in der zweiten Jahrhunderts mit SperrenHälfte des 19. treppen verbaut. In den letzten Jahrzehnten wurden weitere Abschnitte der Runsen und die sehr steilen Hänge mit Holzkasten und Grünverbaumassnahmen stabilisiert. Viele Quellen im oberen Einzugsgebiet «Funtauna Fraida» konnten schon früh für die Trinkwasserversorgung von Müstair gefasst und mit Steinkanälen um das Murganggebiet herum abgeleitet werden. Die systematische Ableitung von Quellüberflüssen und nicht gefasstem Wasser mit Holzkanälen wurde zusammen mit den Geländestabilisierungsmassnahmen realisiert. Die durch die Fassung der Trinkwasserquellen und die Entwässerungen abgeleiteten Wassermengen sind relativ bescheiden im Vergleich zu den mittleren Regenintensitäten, welche zu einem Murgang führen können. Eine Quantifizierung des Einflusses der Wasserentnahmen auf die Murgangentstehung infolge mechanischer Instabilität ist
nicht möglich. Die Wasserableitung trägt aber sicher dazu bei, dass Hanginstabilitäten später eintreten. . . . und versorgt die Gemeinde Val Müstair mit Ökostrom Mit periodischen terrestrischen Vermessungen (3 – 5 Jahre) ausgewählter Punkte werden Geländebewegungen im Gebiet Taunter Ruinas seit 20 Jahren durch den Forstdienst kontrolliert. Was jedoch viel wichtiger ist, ist die Kontrolle der Wasserableitungen. Und hier erweist sich die Kombination mit der Trinkwasserversorgung als ideal: – Seit der Gesamtsanierung der Quellfassungen und Quellzuleitungen Taunter Ruinas–Spinai 1993 / 94 kann jede Quelle in den Brunnenstuben einzeln gemessen und geprüft werden. – Wasserverluste zwischen Brunnenstuben und Reservoir werden dank den häufigen Kontrollen durch den Brunnenmeister schnell festgestellt, können der ent-
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sprechenden Quelle zugeordnet und sofort saniert werden. – Die neuen Ablenkdämme erhöhen die Murgangsicherheit relevant. Dank der Trinkwasserversorgung gehen die forstli chen Entwässerungsmassnahmen im Ein zugsgebiet aber trotzdem nicht verges sen und werden auch in Zukunft sicher periodisch überprüft. – Mit der Realisierung der Trinkwasser Energieerzeugung im Reservoir Spinai ist das Interesse an intakten Wasserleitun gen und möglichst geringen Wasserver lusten noch erhöht worden – die Kont rolle ist garantiert. Die im Jahr 2006 erarbeitete Gefahrenkarte Taunter Ruinas weist trotz reger Verbau tätigkeit auf ein relevantes und für die Be hörden nicht akzeptierbar hohes Restrisiko für das Dorf Müstair sowie die Kantons strasse hin. In den Jahren 2012 bis 2016 wurden nun zwei Ablenkdämme an der orografisch linken Seite des Taunter-RuinasBachs im oberen Teil des Murgangkegels errichtet; diese sollen den Murgangabfluss Richtung Dorf unterbinden.
Einbau Brunnenstube. (Bild: Anton Waldner)
Fazit Das einst unerwünschte und murgangver ursachende Wasser aus dem Einzugsgebiet der Taunter Ruinas ist heute dank Trinkwas ser- und Energienutzung aus Sicht der Ge meinde Val Müstair sehr erwünscht und eine grosse Quellwasserschüttung wird als positiv bewertet. Quellen Technischer Bericht zur Gefahrenkarte, Beffa Tognacca GmbH, Dezember 2006 Technischer Bericht zur Vorstudie Murgang schutz Taunter Ruinas (SB_5_0923) vom 22. März 2010 Hansjörg Weber indsch. forestal dipl. ETH
Spinai, Ökostromerzeugung mit Trinkwasser Taunter Ruinas. (Bild: Anton Waldner)
Lingia 7 B, CH-7535 Valchava weberhansjoerg@bluewin.ch
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Die Mastrilser Rheinauen
Auenwälder sind Ökosysteme, deren Auf bau und Dynamik sehr stark durch das Wasser geprägt sind. Natürliche Flussland schaften verändern sich dadurch dauernd. Damit verbunden ist ein stetiges Entstehen und Vergehen von Lebensräumen. Diese Vielfalt zeigt sich auch in den Rheinauen bei Mastrils durch eine extrem hohe Bio diversität. Flurnamen wie Au, Aeua, Aeuli usw., die auf ehemalige Auenlandschaften hindeu ten, trifft man häufig an. Auen hingegen sind dort aber meist verschwunden oder auf rudimentäre Resten geschrumpft. Intakte Auen, deren Dynamik sich noch uneinge schränkt entfalten kann, kommen nur noch in höher gelegenen Regionen vor. Die im mer intensivere Nutzung der Landschaft entlang des Rheins hat im Laufe der letzten 150 Jahre zu Begradigungen und Eindäm mungen der grossen Alpenflüsse geführt und auch vor dem Rhein nicht haltgemacht. Bei Mastrils liegt die letzte noch intakte Auenlandschaft am Alpenrhein. Umso er staunlicher ist es, dass sie im Bundesinven tar der Auenlandschaften von nationaler Bedeutung fehlt, Abb. 1. Geschichte Bis Mitte des vorletzten Jahrhunderts waren noch grosse Flächen der Rheinebene über flutet. Vor der ersten grossen Rheinkorrek tur zwischen 1860 und 1890 war der 90 km lange Alpenrhein ein wilder und durch In seln verzweigter Fluss, der regelmässig über die Ufer trat. Die Darstellungen aus alten Karten zeigen, wie sich der Verlauf des Rheins im Laufe der Zeit veränderte. Unterhalb der Tardisbrücke bei Mastrils wurde der Rhein schon in der zweiten Hälfte des vorletzten Jahrhunderts (1862–1900) kanalisiert. Auf der rechten Rheinseite begann man ebenfalls schon
Abb. 1, oben und Abb. 2, unten: Kartenausschnitte, Dufourkarte (1853-59) oben und Siegfriedkarte (1872-99, 1926) unten. (Quelle: Reproduziert mit Bewilligung von swisstopo (BA160172)
früh mit Schutzdämmen, um den Rhein von Zizers fernzuhalten und an den Nordhang zwischen Untervaz und Mastrils zu lenken. Erste Massnahmen zur Abwehr von Über schwemmungen gehen auf das 11. Jahr hundert zurück: Streichwuhren (Längs werke) und Schupfwuhren, welche quer zur Strömung lagen. Diese buhnenartigen Wer ke hielten das Ufer geschützt, leiteten das Wasser aber ans gegenüberliegende Ufer. Nicht selten führte dies zu Streitigkeiten
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um 1860
1890–1900
um 1920
1930–1940
1950–1960
1970
1980
1985
1995
2000
2005
heute
Abb. 3: Verlauf des Rheins seit 1860. (Quelle: Reproduziert mit Bewilligung von swisstopo (BA160172)
zwischen den Anwohnern. Reste solcher Bauwerke sind am Hangfuss bei Isla noch zu sehen. Nicht alle Gemeinden konnten sich damals die teuren Dammbauten leisten und so ist es möglicherweise diesem Umstand zu verdanken, dass die Rheinauen bei Mastrils erhalten geblieben sind, Abb. 2. Wasserhaushalt und Dynamik der Aue Intakte Auen sind Lebensräume, deren Dynamik sehr ausgeprägt ist. Sie unterlie gen einem Prozess der dauernden Umge staltung. Periodisch werden sie von Wasser überflutet und der Grundwasserspiegel schwankt um mehrere Meter. Zeitweise können die Wurzeln der Pflanzen diesen er reichen, über längere Zeit kann der Wasser
spiegel aber so stark sinken, dass der Boden stark austrocknet. Zudem spielen Erosion und Geschiebe umlagerung in diesen Lebensräumen eine grosse Rolle. Durch die Erosion entstehen am Flussufer oft steile Abbrüche, sogenann te Prallhänge. Das Kies- und Sandmaterial wird flussabwärts in strömungsärmeren Bereichen wieder abgelagert und bildet dort neue Kies- und Sandbänke. So werden Lebensräume neu geschaffen und andere zerstört. Phasen der Stabilität und der Ver änderung wechseln in einer Aue kleinräumig und zeitlich ab. Im Programm Fliessgewässer Schweiz der EAWAG wurde die Fliessdynamik des Rheins bei Mastrils untersucht. Die Darstellung Bündner Wald 4/2016 25
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zeigt die Fliessgeschwindigkeiten bei unter schiedlichen Abflussmengen, Abb. 3. Diese grosse Variation in Abfluss und Ge schiebeverfrachtung ermöglicht zahlreiche Kleinstlebensräume. In den Mastrilser Auen bleiben die perio dischen Überschwemmungen jedoch weit gehend aus. Dies ist die Folge verschiedener Staustufen durch Flusskraftwerke im Rhein und in den Zuflüssen. Die letzte grössere Überschwemmung fand 1987 statt (Bilder RS 1987) und am 17. Juni 2016 erreichte der Wasserstand seit Langem wieder die tiefe ren Bereiche der Weichholzaue. Aufbau (Zonierung) Ein stabiles Dauerökosystem kann sich nur unter konstanten Umweltbedingungen er halten. Im Schwankungsbereich des Hoch wassers ist dies nicht möglich. In diesem Bereich wird die Sukzession immer wieder zurückgeworfen und eine sogenannte azo nale Vegetation entwickelt sich. Ausserhalb der Aue entwickelt sich die Vegetation in Richtung einer Klimaxvegetation (zonale Vegetation). Vereinfacht betrachtet, kann man von der Kiesbank bis zum Wald ausser halb der Aue ganz verschiedene Sukzes
sionsstadien finden, welche sonst nirgends auf so kleinem Raum anzutreffen sind. In den Mastrilser Auen hat sich der Streifen der Weichholzauen seit ungefähr zehn Jah ren auf der linken Rheinseite verringert und beginnt sich allmählich auf der rechten Seite auf neu aufgeschütteten Kiesbänken auszu breiten, vgl. Abb. 3. Wo der Rhein nur noch selten zu Über schwemmung führt, entwickeln sich mit der Zeit Weiden- und Grauerlengebüsche. Diese Arten der Weichholzaue können ihre Wur zeln in den rohen Kies- und Sandböden aus breiten, haben aber auch die Fähigkeit, wenn sie vom Fluss mitgerissen und weiter unten angespült werden, wieder auszutrei ben. Die Hartholzaue kommt in Mastrils nur auf ganz kleiner Fläche am Hangfuss vor. Artenvielfalt Auen gehören in Graubünden zu den arten reichsten Lebensräumen, in denen die Dynamik des Wassers Lebensmöglichkeiten für eine unvergleichlich grosse Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten schafft. Die Vegeta tion auf den zahlreichen Kleinstandorten wird durch das räumliche Nebeneinander verschiedener Entwicklungsstadien geprägt.
Abb. 4: Schematische Darstellung eines Flussauen-Ökosystems. (Quelle: Ellenberg und Leuschner 2010)
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Die häufig überschwemmten Kiesbänke und -inseln sind praktisch vegetationslos. Auf diesen Flächen brüten Flussuferläufer und Flussregenpfeifer. Schnell wachsenden Pionierpflanzen, die sich zwischen zwei Überflutungen rasch entwickeln können und sich durch leichte und windverfrachtete Samen rasch verbreiten, siedeln sich dort dann allmählich an, bis sie wieder weggespült werden. Auf den seltener überschwemmten Flächen gedeihen Weidengebüsche und Arten der Weichholzaue wie Grau- oder Weisserle, Weiden und Pappeln. Nur bei Spitzenhochwasser erreicht der Wasserstand den Bereich der Hartholzaue. Dort kommen vorwiegend Harthölzer wie Stieleiche, Ulme und Esche vor. Ausbleibende Hochwasser führen dazu, dass immer mehr anspruchsvollere Arten wie Eichen, Fichten, Ahorn und gar Buchen in den Weichholzauen Fuss fassen. Zu den typischen, aber seltenen Auenpflanzen gehören die Tamariske, der Kleine Rohrkolben (Abb. 5) und die einheimische Schwarzpappel. Auch Neophyten , vor allem die Kanadische Goldrute und das drüsige Springkraut, breiten sich in den Auen bei Mastrils rasant aus. Sie haben ähnliche Verbreitungsstrategien wie die Pionierarten dieser Standorte und sind gegenüber diesen sehr konkurrenzfähig. Die Wassernähe beschleunigt ihre Ausbreitung zusätzlich. Zahlreiche Wasserlebewesen sind in ihrem Lebensraum zur Fortpflanzung und Nahrungssuche ebenfalls auf die Auendynamik angewiesen. Fische, die im Kies laichen, sind auf regelmässig wiederkehrende Hochwasser angewiesen. Nur so finden sie die für ihre Entwicklung wichtigen Mikrohabitate, Abb. 4. Die Vielfalt an Vögeln ist im Auenwald ebenfalls riesig. So brüten in den Mastrilser Auen noch seltene Arten wie der Flussregenpfeifer und der Flussuferläufer, beides
Abb. 5: Am 17. Juni 2016 erreichte der Wasserstand seit Langem wieder die tieferen Bereiche der Weichholzaue. (Bild: Hansueli Bucher)
Arten, die auf natürliche Fliessgewässer angewiesen sind. Klein- und Grauspecht, Pirol und Mönchsmeise kommen ebenso vor. Auch als Rastgebiet für Zugvögel sind die Auen von Bedeutung. In den Rheinauen wurden schon über 90 verschiedene Vogelarten nachgewiesen, Abb. 2. Für zahlreiche Amphibienarten wie Grasfrosch, verschiedene Molcharten, Erdkröte und Gelbbauchunke sind die im Frühjahr überfluteten Auen das ursprüngliche Laichgebiet. Auch Reh und Hirsch finden in den Auen ihren Wintereinstand. Rückkehr alter Auenbewohner Auenwälder sind der Lebensraum unseres europäischen Bibers (Castor fiber). In den vergangen Jahren häuften sich die Anzeichen, dass ein alter Flussbaumeister wieder in seine angestammte Heimat zurückgekehrt ist. Heute ist der Biber in den MastrilBündner Wald 4/2016 27
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ser Auen wieder ansässig und lebt hier ohne Konflikte mit der Land- und Forstwirtschaft. Auch der Fischotter wäre ein alteingesessener Bewohner der Auen. Es bleibt zu hoffen, dass auch er dereinst wieder in Mastrils anzutreffen ist. Die Rückkehr dieser Arten wäre ein gutes Zeichen für einen intakten Lebensraum. Hochwasserschutz Auen erlangen aus der Sicht des Hochwasserschutzes wieder mehr an Bedeutung. Bei Hochwasser gelangt das Wasser in die Auenwälder, wo es langsamer fliesst als im kanalisierten Flussbett. Wo sich das Wasser des Rheins ausbreiten kann, verlangsamt der Fluss die Fliessgeschwindigkeit. Dadurch verringert sich auch die Kapazität für den Geschiebetransport und grobes Kies und Steine lagern sich ab. Im höher gelegenen Bereich der Aue und in Seitenarmen, wo das Wasser fast zum Stehen kommt, bleiben auch Feinsand und Auelehm zurück. Beim Abklingen des Hochwassers fliesst das Wasser verzögert in das Flussbett zurück. Hochwasserspitzen und grosse Geschiebeverfrachtungen werden dadurch verringert. Die Mastrilser Rheinauen sind für geplante Flussaufweitungen zum Hochwasserschutz eine wichtige Referenzstrecke. Gefährdung der Auen Im natürlichen Flusssystem halten sich Auflandung und Erosion die Waage. Durch die Kiesentnahme an verschiedenen Stellen im Alpenrhein hat sich die Flusssohle teilweise um bis zu fünf Meter eingetieft. Zwischen 1936 und 1999 wurde vier- bis sechsmal mehr Kies entnommen, als aus den Zuflüssen nachgeliefert wurde. Seit dem Jahr 2000 wurden die Entnahmen reduziert und auf vier Standorte beschränkt. Unterhalb des Auengebiets von Mastrils dürfen pro
Jahr noch 22 800 m3 entnommen werden, Abb. 1. Die bedarfsgerechte Energieproduktion führt auf der ganzen Fliessstrecke des Rheins bis zum Bodensee zu täglichen Wasserspiegelschwankungen von bis zu einem Meter. Für viele Fischarten und für Gelege von Vögeln sind aber häufige Wasserstandschwankungen eine Gefahr. Im Winter ist der Abfluss um bis zu fünfmal höher als natürlich. Diese Abflussschwankungen durch den SchwallSunk- Betrieb der Kraftwerke haben somit gravierende Auswirkungen auf den Gewässerlebensraum. War das Wasser des Alpenrheins in den Wintermonaten einst klar und die Abflüsse niedrig, so führt der Kraftwerksbetrieb fast täglich zu erhöhten Wassermengen, die Feinsedimente mitführen. Quellen – http://www.lebendigerrhein.org – http://www.landquart.ch/kultur freizeit/natur/mastrilser-rheinauen/ – http://www.vaw.ethz.ch/education/ lecture/physiography/presentation/ – Scheidegger, C., Werth, S., Gostner, W., Schleiss, A., Peter, A., 2012: Förderung der Dynamik bei Revitalisierungen. In: Merkblatt-Sammlung Wasserbau und Ökologie. BAFU, Bern. Merkblatt 1. – Ellenberg, H. Leuschner, C., 2010: Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen
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Moorflächen Mauntschas – mit Wasser entbuschen
Undichtes Wasserregulationssystem. Der Torfweiher ist fast vollständig ausgetrocknet, 2013. (Bilder: Bauamt St. Moritz)
Die Gebiete Palüd dals Pellets und Mauntschas sind Teil der Moorlandschaft God da Staz / Stazerwald und von nationaler Bedeutung (Objekt Nr. 45). Nach Annahme der Rothenturm-Initiative und im Zuge von Ersatzmassnahmen für die Ski-WM 2003 wurden umfangreiche Massnahmen zur Erhaltung, Förderung und Verbesserung der Moorlandschaft unternommen. Trotz dieser umfangreichen Massnahmen beobachtete das Revierforstamt St. Moritz in den vergangenen Jahren einen zunehmenden Einwuchs von Fichten in den erwähnten Flächen. Diese Beobachtung wurde im Rahmen einer Bachelorarbeit der ZHAW (Zürcher Fachhochschule für angewandte Wissenschaften) von J. Zehnder genauer untersucht. In seiner Arbeit verglich J. Zehnder Luftbilder aus 1971 mit aktuellen Luftbildern und versuchte anhand dieses Vergleichs die Entwicklung aufzuzeigen. Die Resultate seines Vergleichs waren durchaus überraschend. So konnte nachgewiesen werden, dass sich der Wald tatsächlich auch in die Moorflächen ausdehnt. Von dieser Entwicklung waren nebst Randbereichen auch Gebiete innerhalb der Moorflächen betroffen, in welchen die Was serstände sehr grossen Schwankungen unterworfen waren und somit eine Entwässerung des Moorkörpers stattgefunden hat.
Anhand dieser Erkenntnisse wurden Wege gesucht, wie diese Entwicklungen aufgehalten und die Moorflächen auf möglichst natürliche Art und Weise wieder entbuscht werden können. Der Schlüssel dazu liegt in der Steuerung des Wasserhaushalts. Das Wasser konserviert den Torfkörper und verhindert, dass Luft in die Moorschichten gelangt und dies zu Oxidationsprozessen führt. Gleichzeitig verhindert das Wasser aber auch, dass sich Bäume ansiedeln können. Ausnahme bilden Bergföhren, welche in Hochmooren durchaus natürliche Pflanzengesellschaften (Torfmoos/Bergföhren71) bilden können. In einem wald Nr. nächsten Schritt wurden die bestehenden Wasser regulationssysteme untersucht und anhand von Höhenaufnahmen wurde eine maximale Stauquote innerhalb des Moores ermittelt. Bei der Untersuchung der Wasserrückhaltesysteme, welche im Rahmen der Ersatzmassnahmen zur Ski-WM 2003 gebaut worden waren, wurde festgestellt, dass diese kon struktive Mängel aufwiesen. Die Betonsperre, welche für einen Rückstau des Wassers in den Moorkörper sorgen sollte, war buchstäblich zerfressen. Das saure Moorwasser hat innerhalb von rund zehn Jahren die Betonkonstruktion in einen «Emmentalerkäse» verwandelt und setzte die Wirksamkeit der Konstruktion ausser Kraft. Die innerhalb des Moorkörpers eingebauten
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Holzspundwände, welche einen ungehinderten Abfluss des Moorwassers aus dem Torfkörper über ehemalige alte Torfstiche Weltkrieg verhindern sollten, aus dem 2. waren undicht, da diese nicht mit Torf überdeckt waren und an der Luft verfaulten. Folglich wurden jeweils im November in zwei Etappen neue Spundwände von rund zwei Metern Länge, welche mit Nut und Kamm versehen waren, quer zu den alten Entwässerungsgräben innerhalb des Torfkörpers eingebaut. Diese Spundwände sollen dafür sorgen, dass das Wasser aufgestaut und horizontal in die Breite gedrängt wird und so zu einer streifenförmigen Vernässung des umliegenden Torfkörpers führt. Indem alle alten Entwässerungsgräben sys-
tematisch mit Spundwänden gesperrt wurden, konnte ein flächiges Ausbreiten des Wassers innerhalb des Torfkörpers erzielt werden. Damit die Lebensdauer der Spundwände erhöht werden konnte, wurden diese mit Torfmaterial überdeckt. Das bisherige aus Beton und Stahl bestehende Regulationssystem wurde ganzheitlich entfernt. Der Bereich des Ausflusses wurde gänzlich mit Bentonitmatten abgedichtet, sodass kein Wasser unkontrolliert aus dem Moorkörper fliesst. Das neue Rückhaltesystem wurde in Form eines natürlichen Gerinnes mit einer Überflusskante gestaltet. Diese Arbeiten wurden 2014 ausgeführt und zeigen bereits erste Wirkungen. In G ebieten, die besonders vom Wasserrückstau der ANZEIGE
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Die fertiggestellte Spundwand, welche in einem nächsten Schritt mit Torf überdeckt wurde, 2014.
ergriffenen Massnahmen betroffen sind, musste das Forstamt im letzten Jahr vermehrt abgehende Fichten beobachten respektive die verbleibenden wiesen Vitalitätsdefizite auf. Erstaunlicherweise scheinen die Waldföhren und die vereinzelten Birken auf die Veränderung des Wasserhaushalts nicht zu reagieren und zeigen keinerlei Veränderung bezüglich Wuchsverhalten, Nadelfarbe oder Ähnliches. Wir hoffen, mit der Steuerung des Wasserhaushalts sowohl einen Beitrag zum Schutz und zur Regeneration der Moorfläche Mauntschas /Palüd dals Pellets geleistet zu haben als gleichzeitig auch den Einwuchs von Fichten zu stoppen, um eine natürliche Entbuschung erreichen zu können. Entsprechend wurde entschieden, ein weiteres de-
fektes Wasserregulationssystem im Gebiet Palüd dals Pellets durch ein ähnliches System zu ersetzten. Diese Arbeiten sollen im kommenden Herbst ausgeführt werden. Mit Spannung beobachten wir die weitere Entwicklung auf der Fläche und hoffen, mit unseren Massnahmen einen wichtigen Beitrag zum Schutz der Moore und zur Erhaltung der Landschaft beizutragen.
Beat Lüscher Forstamt St. Moritz, 7500 St. Moritz b.luescher@stmoritz.ch Co-Autorin Selina Lucarelli Gemeinde St. Moritz s.lucarelli@stmoritz.ch
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Können Bäume das Wasser effizienter nutzen? Der Anstieg des Kohlendioxidgehalts in der Luft seit Beginn der Industrialisierung führt dazu, dass Bäume in Europa das ihnen zur Verfügung stehende Wasser immer effizienter nutzen können. Im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts ist die sogenannte Wassernutzungseffizienz um rund ein Fünftel gestiegen. Dennoch nimmt der Wasserverbrauch der Bäume nicht ab, sondern eher zu, weil sich mit der an den CO2-Ans tieg gekoppelten Erwärmung die Wachstumsperioden verlängern und die Verdunstungsraten erhöhen. Pflanzen nehmen über winzige Poren in ihren Blättern, die sogenannten Spaltöff 1), Kohlen nungen oder Stomata (Abb. dioxid (CO2) aus der Luft auf und produzie ren daraus während der Photosynthese Kohlen hydrate für ihr Wachstum. Durch dieselben Spaltöffnungen entweicht aber auch Wasserdampf – über 100 Kilogramm Wasser pro produziertes Kilogramm Koh lenhydrate. Viele Baumarten regulieren ihre Spaltöffnungen so, dass sie gleichzeitig so viel Kohlenstoff wie möglich aus der Luft aufnehmen können, aber gleichzeitig so wenig Wasser wie möglich über die Transpi ration verlieren. Je weiter die Stomata ge öffnet sind, desto mehr CO2-Moleküle kön nen aufgenommen werden, aber desto mehr Wasser wird auch verbraucht bzw. desto mehr Wasserdampf wird auch an die Atmosphäre abgegeben. Über diesen Gas austausch zwischen Atmosphäre und Pflan ze sind deshalb auch Wasser- und Kohlen stoffkreislauf der Erde eng verbunden. Ein internationales Forscherteam um David Frank von der Eidgenössischen Forschungs anstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL in Birmensdorf hat nun untersucht, wie Bäume in verschiedenen Klimazonen Europas darauf reagieren, dass der CO2Gehalt in der Luft seit Jahrzehnten ansteigt.
Dazu wurden an 23 Waldstandorten in Eu ropa, verteilt von Norwegen bis Marokko, Bohrkerne aus den Stämmen von Bäumen entnommen, um die Jahrringe zu untersu chen. Diese bieten eine grossartige Mög lichkeit, die Reaktion von Ökosystemen auf den Klimawandel über lange Zeiträume hin weg jahrgenau zurückzuverfolgen. Die ein zelnen Jahrringe wurden im Labor separiert, die Zellulose aus dem Holz herauspräpariert und chemische Analysen – sogenannte Iso topenmessungen – durchgeführt. Das an teilmässige Verhältnis der schweren und leichten Kohlenstoffatome (Isotope) in der Zellulose der einzelnen Jahrringe gibt unter anderem darüber Auskunft, wie Bäume im jeweiligen Jahr ihre Spaltöffnungen regu lierten: Je nach Öffnungsweite der Spaltöff nungen können mehr oder weniger von den schweren, trägen Kohlenstoff-Isotopen ins Blattinnere gelangen und bei der Fotosyn
Abb. 1: Mikroskopischer Querschnitt durch eine Kiefernnadel. Spaltöffnung an der Aussenseite der Nadel, durch die CO2 aufgenommen und Wasser
transpiriert wird. (Bilder: Fritz Schweingruber / WSL) Bündner Wald 4/2016 33
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Es zeigt sich, dass Bäume in weiten Teilen Europas tatsächlich auf den zunehmenden CO2-Gehalt in der Atmosphäre reagieren, in dem sie ihre Spaltöffnungen etwas verengen, um so die Abgabe von Wasserdampf zu vermindern, also ihren Wasserverlust zu verringern respektive ihre Wassernutzungseffizienz zu verbessern: Im Lauf des gesamten 20. Jahrhunderts ist bei Laubbäumen die Kohlenstoffaufnahme bei gleichbleibendem Wasserverbrauch im Mittel um 14 %, bei Nadelbäumen im Mittel sogar um 22 % gestiegen. Nun könnte man annehmen, dass sich durch diese erhöhte Wassernutzungseffizienz der Wasserdampfgehalt in der Atmosphäre – ein wichtiges Treibhausgas – vielleicht sogar vermindern könnte. Dem scheint allerdings nicht so zu sein, wie der Vergleich der gemessenen Daten mit Computermodellen zeigt, welche die globale Vegetationsentwicklung simulieren, sogenannte dynamische globale Vegetations modelle.
Mikroskopischer Querschnitt durch eine Kiefern nadel. An der Aussenseite sind die Spaltöffnungen zu erkennen, durch die CO2 aufgenommen und Wasser transpiriert wird.
these weiterverarbeitet werden. Wenn man also in den Jahrringen das Verhältnis von schweren zu leichten Kohlenstoff-Isotopen misst, kann man die Regulierung der Spaltöffnungen und damit die Wassernutzungseffizienz und die sie steuernden Umwelteinflüsse in die Vergangenheit zurückverfolgen.
Verdunstung steigt trotz erhöhter Wassernutzungseffizienz Doch zunächst die gute Nachricht: Die aus Jahrringdaten abgeleitete Wassernutzungseffizienz und die mit den Computermodellen berechnete Wassernutzungseffizienz sind sich sehr ähnlich. Diese gute Übereinstimmung ist sehr erfreulich, denn solche unabhängigen Vergleiche helfen den Vegetationsmodellierern, ihre Modelle zu testen und weiterzuentwickeln. In diesem Fall hat sich darüber hinaus gezeigt, dass man den Modellvorhersagen für die Wassernutzungseffizienz vertrauen kann und – vielleicht noch wichtiger – auch denen für Transpira tion, eine besonders wichtige Steuergrösse für die Wechselwirkungen zwischen Landoberflächenvegetation und Klima.
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Laut den Computermodellen ist aber der Wasserverbrauch der Wälder in Europa trotz der erhöhten Wassernutzungseffizienz nicht gesunken. Im Gegenteil: Die Wasserabgabe der Pflanzen an die Atmosphäre ist über das letzte Jahrhundert im Schnitt sogar um fünf Prozent angestiegen. Diese unerwartete Erkenntnis lässt sich damit erklären, dass die durch den CO2-Anstieg verursachte Erwärmung dazu führt, dass nicht nur die Verdunstung an sich zu nimmt, sondern sich auch die jährlichen Wachstumsperioden stetig verlängern und sich die Kronenflächen der Bäume vergrössern. Diese Effekte verstärken die Wasserabgabe an die Atmos phäre zusätzlich. All diese Ergebnisse zusammengefasst zeigen, dass die menschgemachte Erhöhung des atmosphärischen CO2-Gehalts, der Ende 2015 einen neuen Rekordwert erreicht hat, bereits grossräumige physiolo gische Reaktionen in vielen Wäldern her vorgerufen hat. Diese haben wiederum Auswirkungen auf das Klima: Trotz der Verringerung der Spaltöffnungsweiten, die ja, isoliert gesehen, zunächst ein positiver Effekt ist, weil sie die Transpiration vermindert, hat sich insgesamt der Wasserdampffluss in Europa erhöht. Man nimmt an, dass diese Prozesse zu zwei gegenläufigen Effekten auf das Klimasystem führen könnten: Auf der einen Seite könnte die erhöhte Wasserdampf abgabe der Vegetation abkühlend auf das Erdoberflächenklima wir-
ken. Auf der anderen Seite könnte sich mit der Zunahme des Wasserdampfs in der Atmosphäre der hydrologische Kreislauf weiterintensivieren, was zu einer stärkeren Klimadynamik und damit einhergehend zu stärkeren Extremereignissen wie Stark regen, Stürmen, aber auch Hitzewellen führen könnte. Die Erkenntnisse dieser Studie liefern ausserdem wichtige Informationen, um die Simulation des Kohlenstoff- und des Wasserkreislaufs in globalen Klimamodellen zu verbessern. Tiefe Einblicke in die komplexen Kreisläufe der Erde sind zudem nur möglich, wenn grosse interdisziplinäre Forschungsteams zusammenarbeiten und Vorgehensweisen gewählt werden, die Messdaten und Modellergebnisse miteinander verknüpfen.
Dr. Kerstin Treydte WSL CH-8903 Birmensdorf kerstin.treydte@wsl.ch
Koautor: David Frank WSL CH-8903 Birmensdorf david.frank@wsl.ch
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Auwälder – die letzten Dschungel Mitteleuropas Dank der naturnahen Gewässerführung kann der Lech noch ungezähmt fliessen und einen verzweigten Flusslauf bilden. Durch die natürliche Dynamik und seine Unberührtheit über weite Bereiche weist der Lech typische Charakteristika einer Wildflusslandschaft auf – ein breites Flussbett mit mächtigen Schotterbänken und intakten Flussauen. Die Naturnähe des Lech erlaubt die Ausbildung von weitläufigen Auwäldern und einer vielfältigen Auengesellschaft. Der Boden in Flussnähe besteht aus Ablagerungen von Grobsand sowie Kies und ermöglicht fast keine Wasserspeicherung. Daher breiten sich zuerst trockenheitsresistente Weiden und Tamarisken aus. Diese bilden zusammen die stark gefährdete Weiden-Tamarisken-Gesellschaft. Auf Terrassen, die nicht mehr vom Hochwasser beeinflusst werden, entwickelt sich ein trockener SchneeheideKiefernwald – das Schlussglied der Auensukzession auf grobem Schotter. Diese
Waldgesellschaft ist im Lechtal weitverbreitet und zählt zu den artenreichsten und buntesten Waldtypen in Mitteleuropa. Als namengebende Pflanzenarten kommen die Kiefer und die Schneeheide in diesem Auwaldtyp vor. Daneben gibt es weite Bestände des gemeinen Wacholders. Zahlreiche heimische Orchideen wie z. B. die Fliegenragwurz gedeihen auf dem kargen Boden des Trockenauwalds. Im Unterlauf ab Reutte kommt vor allem die Weichholzau vor. Neben Weiden wachsen hier speziell die Grauerlen (Alnus incana). Pflanzenwelt Nach den Eiszeiten breiteten sich viele Pflanzenarten auf den Kiesflächen entlang des Lech in Richtung Alpen oder Jura aus. Der Lech dient dabei als Verbreitungsachse. Die Samen der Pflanzen werden nicht nur mit dem Wasser verbreitet, sondern auch mit dem Wind. Dadurch können sich diese sowohl flussabwärts als auch flussaufwärts
Der Zwergrohrkolben lässt seine leichten Samen vom Wind verbreiten. (Bild: Anton Vorauer) Bündner Wald 4/2016 37
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Die Deutsche Tamariske (Myricaria germanica) kann bis zu 2 m hoch werden. (Bild: Anette Kestler)
ausbreiten. Auf diese Weise können sich viele Pflanzen ansiedeln. Aber auch die enge Verzahnung mit den Auwäldern trägt entscheidend zum Artenreichtum bei, da viele Pflanzen hier einen geeigneten Lebensraum als Heimat finden. Der Lech und seine Auwälder stellen ein letztes Refugium für viele Pflanzenarten dar, die einst in Wildflusslandschaften weit verbreitet waren. Das Überleben in den Auwaldbereichen und auf den Schotterbänken des Tiroler
Lech erfordert besondere Überlebensstrategien, da sich diese Lebensräume durch die periodisch auftretenden Überflutungen ständig verändern. Eine Strategie ist es, mit vielen Samen eine noch unbesiedelte Stelle zu besiedeln. Dieses Vorgehen ist typisch für die Pionierpflanzen am Tiroler Lech, zu denen der Zwergrohrkolben und die deutsche Tamariske zählen. Mit 30 bis 80 cm Höhe ist der Zwergrohrkolben (Typha minima) deutlich kleiner als andere Rohrkolbenarten. Sein Vorkommen ist Anzeichen für eine intakte Flusslandschaft. Er besiedelt Uferbereiche mit sandig schlickigem Untergrund wie z. B. in frischen Nebenarmen und ist eine typische Pionierart grosser alpiner Flussauen. Ohne Umlagerungen der Flussarme und des Bodens würde der konkurrenzschwache Zwergrohrkolben von höher wüchsigen Arten wie Schilf oder Weiden schnell überwuchert. Wie andere Leitarten alpiner Flussauen benötigt er zum Überleben eine natürliche Dynamik, die immer wieder unbewachsene Standorte für seine Neuansiedelung schafft. Dies sind optimale Bedingungen für den Zwergrohrkolben, da es sich bei diesem um eine Licht liebende Pflanze handelt und er keine Beschattung verträgt. Bei seiner Vermehrung setzt der kleine Rohrkolben auf Masse und Schnelligkeit. Er bildet viele feine Samen aus, die von Wind und Wasser transportiert werden können. Über dicke Ausläufer kann er sich auch rasch vegetativ vermehren. Der Zwergrohrkolben hatte ehemals ein grosses Vorkommen an den grossen Flusssystemen in den Alpen sowie im Alpenvorland. Aufgrund der konsequenten Flussregulierungen verzeichnete er in den letzten 100 Jahren dramatische Rückgänge. Heute ist er in den Alpenländern akut vom Aussterben bedroht. In einem mehrjährigen Artenschutzprojekt ist es
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gelungen, ihn durch Ausbringen an weiteren geeigneten Standorten in seinem Bestand zu sichern und zu vermehren. Eine wichtige Leitart der Wildflusslandschaft ist die Deutsche Tamariske (Myricaria germanica). Sie ist eine echte Überlebensspezialistin. Sie gehört zu den Tamariskengewächsen und kann bis zu 2 m hoch werden. Mit ihrem riesigen Wurzelsystem ist sie fest im schottrigen Boden verankert. Überschwemmungen machen vielen anderen Pflanzen zu schaffen. Die Deutsche Tamariske braucht sie, um zu überleben. Geht ein Hochwasser über sie hinweg, kann sie sich mit ihren elastischen Zweigen unter den strömenden Was sermassen biegen, ohne grösseren Schaden zu nehmen. Als Charakterart einer alpinen Flussaue ist die Deutsche Tamariske auf regelmässige Umlagerung durch Überschwemmungen angewiesen. Diese Standorte sind nährstoffarm und bei Normal-wasserstand von hoher Trockenheit gekennzeichnet. Die Deutsche Tamariske liebt Licht und Sonne. Ohne Umlagerungen der Schotterflächen wird sie von Erlen und Kiefern überwuchert. Früher war die Deutsche Tamariske an Flüssen weit verbreitet, doch heute ist sie zu einem einzigartigen Juwel geworden. Regulierungen und Umstrukturierungen im Flusssystem haben ihren dynamischen Lebensraum grossräu mig zerstört. Ihre natürlichen Standorte sind sehr selten geworden. Zusammen mit Strauchweiden wie Lavendel- oder Purpurweide bildet sie die Pflanzengesellschaft Weiden-Tamarisken-Gebüsch. In den Nord alpen befinden sich die letzten grossen Bestände der Deutschen Tamariske am Tiroler Lech, an der Oberen Isar und am Halblech. Tierwelt Von ca. 150 in Tirol heimischen Brutvogelarten finden ca. 110 am Tiroler Lech ihre cha-
rakteristischen Lebensräume. Aus unterschiedlichen biogeografischen Regionen treffen hier Arten aufeinander und erreichen hier ihren Arealrand. Als Beispiele seien Weissrückenspecht und Zwergschnäpper vom Osten her sowie Berglaubsänger vom Westen genannt. Eine wichtige Leitart ist der Flussregenpfeifer. Um ihn zu sehen, muss man schon genau hinschauen! Wenn sich auf den Kiesbänken des Tiroler Lech etwas schnell und ruckartig bewegt und immer wieder kurz auf der Stelle stehen bleibt, könnte es der Flussregenpfeifer (Charadrius dubius) auf Nahrungssuche sein. Gut getarnt huscht der Vogel über die offenen Schotterflächen. Sein Rücken ist sandbraun, der Bauch, die ANZEIGE
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Der Flussregenpfeifer beim Brutgeschäft auf einer Kiesbank des Lech. (Bild: Felix Lassacher)
Stirn und der Halsring sind schneeweiss. Das breite schwarze Halsband und die gelben Lidringe um die Augen sind sein Markenzeichen. Zwischen März und April kehren die Flussregenpfeiferpaare aus ihrem Winterquartier in Afrika zurück. Für Nestbau verschwenden sie keine Zeit. In eine flache Mulde auf nacktem Kies legt das Weibchen vier Eier, die perfekt getarnt dem Auge kaum auffallen. Der Bestand des Flussregenpfeifers ist stark gefährdet! Die meisten Flussregenpfeifer gibt es österreichweit am Tiroler Lech. Hier findet der Flussregenpfeifer noch seinen (über-)lebens notwendigen Lebensraum – die offenen Kiesbänke. Daher wird gebeten, die Schotterinseln während der Brutzeit nicht zu betreten! Die Bileks Azurjungfer (Coenagrion hylas) ist die wohl seltenste Kleinlibelle Mittel europas! Zartblau-schwarz gefärbt unterscheidet sich diese Azurjungfer von allen übrigen Jungfern durch einen breiten, schwarzen Streifen an den Hinterleibseiten.
Ab 3 Uhr nachmittags legt die Bileks Azurjungfer eine «Kaffeepause» ein und wechselt in die Bergwälder. Dort findet sie ge nügend Nahrung und beweist sich als ausgezeichnete Jägerin. Sie ist eine ausgesprochene Schönwetter-Fliegerin. Nur bei schönem Wetter und optimalen Flugbedingungen zwischen Mitte Mai und Anfang August kann man sie im Flug beobachten. Die Bileks Azurjungfer besiedelt klare Bergseen, die einen kalten Zufluss und einen Abfluss haben. Sie bevorzugt flache Uferbereiche, die mit Seggen und Schachtelhalmen bewachsen sind. Ihr Hauptverbreitungs gebiet liegt in Ostsibirien. «Sibirische Azurjungfer» wird sie deshalb auch genannt. In den Alpen, rund 8000 km weit entfernt, hat sie ihr zweites Verbreitungsgebiet gefunden. Anette Kestler Verein Naturpark Tiroler Lech A-6644 Elmen, AT a.kestler@naturpark-tiroler-lech.at
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Ein Urschweizer kehrt in sein Stammland zurück 200 Jahre nach seiner Ausrottung und 60 Jahre nach den ersten Aussetzungen hat der Biber bei uns definitiv wieder Fuss gefasst. Immer mehr erobert sich das grösste einheimische Nagetier sein Stammland zurück. 2800 Tiere besiedeln heute das Schweizer Mittelland. 2008 kehrte der erste Biber über den Inn auch in den Kanton Graubünden zurück. Gegen 20 Biber leben heute im Kanton. Kein anderes einheimisches Tier kann seinen Lebensraum so radikal verändern wie der Biber. Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten nehmen seine Lebensräume dankend an. Und mit dem Biber kehrt auch die Artenvielfalt wieder an unsere Gewässer zurück. Wegen seiner unermüdlichen Schaffenskraft macht sich der Biber aber nicht nur Freunde. Einblick in das verborgene Leben eines Tiers, von dem man meist nur seine Spuren sieht.
seiner Nahrungswahl sehr flexibel. Sein Speiseplan wird hauptsächlich von der Jahreszeit bestimmt. Im Sommer frisst er praktisch alle verfügbaren krautigen und verholzten Pflanzen. Im Winter, wenn die Vegetation ruht, ernährt er sich ausschliesslich von Rinde und Knospen von Sträuchern und Bäumen, mit Vorliebe Weichhölzer wie Weiden oder Pappeln. Weil er nicht klettern kann, fällt er die Bäume mit seinen scharfen Nagezähnen und hinterlässt die typischen sanduhrförmigen Bäume. Ganz besonders lieben Biber aber landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Zuckerrüben oder Mais. Doch bleiben die Flächen, die sie auf ihren nächtlichen Touren leeren, meist sehr bescheiden auf wenige Aren beschränkt. Schäden an land- und forstwirtschaftlichen Kulturen werden von Bund und Kantonen zudem entschädigt.
Perfekt an ein Leben im Wasser angepasst Der Europäische Biber, Castor fiber, ist das grösste einheimische Nagetier. Mit einem Gewicht von 20 bis 25 kg und einer Körperlänge bis zu einem Meter ist er schwerer als ein Reh! Als reiner Vegetarier ist der Biber in
Die Familie ist alles Biber leben in einem engen Familienverband bestehend aus den Eltern und zwei Jungengenerationen. Einmal im Jahr zwischen Mai und Juni bringt das Weibchen zwei bis vier Junge zur Welt. Zwei Jahre bleiben d iese in der Familie, wo sie stark umsorgt werden. Wenn die dritte Geschwistergeneration zur Welt kommt, müssen sie die Familie verlassen und ein eigenes Revier an einem freien Ufer suchen. Im Schnitt leben fünf Biber in einer Familie. Ein Revier ist so gross, dass es einer Familie im Sommer wie im Winter genügend Nahrung liefert. Das können wenige Hundert Meter bis mehrere Kilometer sein.
Wenn der Biber seine Zähne anlegt, fliegen die Späne. Auch vor grossen Bäumen macht er nicht halt. (Bild: z. V. g.: Biberfachstelle CH)
Eine Biberpopulation wächst nicht ins Uferlose Biberfamilien markieren und verteidigen ihr Revier gegen junge Eindringlinge mitunter bis zum Tod. Je mehr besetzte Reviere an einem Gewässer sind, desto höher wird die Bündner Wald 4/2016 41
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Sterblichkeit wandernder Jungbiber. Je dich ter eine Population gepackt ist, desto mehr nimmt der innerartliche Stress zu, es kommt zu einer verminderten Nachwuchsrate und einer erhöhten Sterblichkeit, was zu einer Stabilisierung oder sogar zu einer Abnahme der Population führt. Eine Biberpopulation wächst also nicht ins Uferlose, sondern nur gerade soweit, bis alle geeigneten Ufer be setzt sind.
Das Leben spielt sich in der Familie ab: Eltern mit den dreimonatigen Jungtieren beim Fressen und Putzen. (Bild: z. V. g.: Biberfachstelle CH)
Biber schaffen Lebensräume Biber besitzen eine unglaubliche Schaffens kraft, wenn sie Zahn und Pfote an ihrem Lebensraum anlegen. Falls ihr gewähltes Gewässer noch kein Biberparadies ist, hel fen sie mit viel Geschick und Ausdauer so lange nach, bis es ihren Vorstellungen ent spricht. Dazu stauen sie Bäche zu Teichen und regulieren mit ihren Dämmen den Was serstand. Diese können Grössen von bis zu drei Meter Höhe und von mehreren Hun dert Meter Länge erreichen. Um an das be nötigte Bauholz zu kommen, lichten sie Waldstücke aus, graben Tunnels und Ver bindungskanäle, leiten Wasser um und set zen ganze Flächen unter Wasser. Biber ge
stalten und prägen seit 15 Millionen Jahren die Gewässerlandschaft Europas. Durch den Biber sind überhaupt erst Teiche und Wald lichtungen in grosser Zahl entstanden und somit auch neue Lebensräume, in denen sich neue Arten entwickeln konnten – der Biber wurde somit zu einem wichtigen Evo lutionsfaktor. Er schafft jedoch nicht nur Le bensräume, er sorgt auch für eine dauerhaf te Dynamik, die eine hohe Biodiversität garantiert: Biberteiche verlanden durch den ständigen Eintrag von Sedimenten oder die Dämme brechen und die Teiche laufen aus. So entstehen viele kleinräumige Pionier standorte, die von einer eigenen Tier- und Pflanzenwelt besiedelt werden. Durch das Fällen von Bäumen ändert der Biber die Lichtverhältnisse im Wald grundlegend. Ge fällt wird vor allem dort, wo die bevorzug ten Nahrungsbäume vorhanden sind oder wo gerade Bauholz für Dämme oder Burgen gebraucht wird. Das kann im Revier von Jahr zu Jahr stark variieren. Mehr Licht fällt auf den Boden und begünstigt vor allem Pionierarten wie Weiden oder Pappeln. Bi ber fördern so manche Pflanzenart und be einflussen damit die Zusammensetzung der Baum-, Kraut- und Strauchschicht. Werden Bäume nur als Nahrung gefällt, bleibt bis zu dreimal mehr Totholz liegen als in biberfrei en Auen. Und nicht zuletzt gräbt er überall seine Baue und Fluchtröhren in die Uferbö schung und schafft Angriffspunkte für die Erosion bei Hochwasser. Durch das Nebeneinander von sedimentrei chen Biberteichen, Flachwasserzonen sowie sandigen oder kiesigen, sauerstoffreichen Fliessstrecken unterhalb der Biberdämme steigt auch die Zahl der Fischarten in Biber gewässern deutlich an. Im Freisinger Mühl bach in Bayern hat sich die Zahl der vorkom menden Fischarten durch die vom Biber neu geschaffenen Lebensräume von 8 auf 18
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In Marthalen (ZH) hat eine Biberfamilie ganze Arbeit geleistet. Mit einem kleinen Damm hat sie vier Hektaren Wald überflutet. Heute ist die Fläche ein Waldreservat. (Bild: z. V. g.: Biberfachstelle CH)
mehr als verdoppelt. Auch die Biomasse nimmt zu: Bis zu 80-mal höher ist die Fischdichte um die Biberburg als im biberfreien Gewässer. Diesen Zusammenhang hat ein kluger Bündner bereits um 1570 erkannt. Ulrich Campell, der Begründer der rätischen Geschichtsschreibung, schrieb in seiner Rhaetiae Alpestris topographica descriptio «(. . .) da die Biber in den Gewässern zahlreich sind, behaupten manche, die Fische würden von ihnen wie von den Ottern vertilgt, während andre das Gegenteil aufrecht erhalten, dass nämlich da eine überreiche Menge von Fischen sich finde, wo der Biber sich aufhalte (. . .).» Er beobachtete, was Biologen erst Jahrhunderte später erkannten!
bellen und Totholzbewohner sowie zahlreiche Pflanzen und Pilzarten. Als Schlüsselart öffnet der Biber diesen Arten mit seinem Schaffen quasi die Türe in eine neue Welt. Durch strengen Schutz und Wiederansiedlungen zum Erfolg Um 1800 ist der letzte Biber in der Schweiz erlegt worden. Wegen seines dichten Fells und des Castoreums wegen – Drüsensekret zur Markierung des Reviers – sowie wegen seines Fleisches wurde er bis zur Ausrottung gnadenlos verfolgt. Seit 1962 ist der Biber in Lösungen bei Biberkonflikten Biber machen sich in unserer dicht besiedelten Kultur-
Wo der Biber aktiv ist, da blüht das Leben Von seiner Schaffenskraft profitieren zahlreiche Tier- und Pflanzenarten, ja sie sind zum Teil sogar direkt auf den Biber und seine Lebensräume angewiesen. Mit dem Biber verschwanden einst zahlreiche andere Arten. Zwar hat dies während der Ausrottungs phase kaum jemand dokumentiert. Mit seiner Rückkehr kann man in vielen Teilen Europas aber beobachten, wie Arten dank der von ihm geschaffenen Lebensräume wieder heimisch werden und in ihren Beständen zum Teil stark zunehmen. Ganz besonders profitieren Fische, Amphibien, Reptilien, Li-
landschaft nicht nur Freude. Wenn sie den falschen Baum fällen, mit ihren Dämmen landwirtschaftliche Drainagesysteme unter Wasser setzen oder Uferwege zum Einstürzen bringen, hört bei vielen der Spass auf. Es gibt eine Vielzahl von Lösungen für Biberkonflikte unter: www.biberfachstelle.ch /Lösungen in Konfliktfällen. Ganz allgemein kommt es aber überall da zu Konflikten, wo die Gewässer zu wenig Platz haben. Mit einem Uferstreifen von 10 bis 20 Meter lassen sich fast sämtliche Konflikte vermeiden. Erste Anlaufstelle bei Konflikten ist der lokale Wildhüter. Er berät, sucht Lösungen und leitet auch Entschädigungszahlungen ein.
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Der Biber im Kanton Graubünden 200 Jahre nach seiner Ausrottung findet 2008 der erste Biber am Inn bei Scuol ein Revier. Seither kommt er auch über das Alpenrheintal zurück. Mittlerweile leben gegen 20 Biber in Graubünden (Abbildung Verbreitung). Der Biber wird sich auch weiter ausbreiten. Vor allem in den Auen der grossen Flüsse wird er noch geeignete Gebiete finden. Das kann selbst im Oberengadin am Inn der Fall sein. Steile Bergbäche wird er dagegen meiden. Diese kann er mit Dämmen weder 2016 leben gegen 20 Biber im Inn- und
regulieren noch kann er Baue in den fel-
im Rheineinzugsgebiet.
sigen Untergrund graben. Eine hohe Po-
(Quelle, Datengrundlage: Biberfachstelle/CSCF-Info
pulationsdichte wird der Biber im Kanton
Fauna; Kartenhintergrund: swisstopo)
Graubünden daher wohl nie erreichen.
der Schweiz streng geschützt. Zwischen 1956 und 1977 sind 141 Tiere wieder angesiedelt worden. Mitte der 1990er-Jahre waren es erst 350, weshalb der Biber auf die Rote Liste kam. Heute leben wieder 2800 Tiere in der Schweiz. Hoffentlich bald können wir den Biber ganz von der Roten Liste streichen – ein grosses Ziel im Artenschutz wäre dann erreicht. Wichtiger Partner für die Zukunft Der Biber muss in Zukunft bei Revitalisierungsprojekten unbedingt mit einbezogen werden. Werden seine räumlichen Ansprüche von 10 bis 20 m beidseits der Gewässer, in denen er hauptsächlich aktiv ist, berücksichtigt, kann er die Gewässer konfliktfrei bewohnen und uns im Gegenzug helfen, diese natürlicher zu gestalten. Und dies erst noch billiger und besser als es jede menschliche Massnahme ermöglicht. Schützen wir den Biber, schützen wir nicht nur eine einzelne Art, sondern ganze Lebensgemeinschaften und somit die Biodiversität an Gewässern als Ganzes.
Beobachtungen melden Die Biberfachstelle ist eine Beratungs- und Koordinationsstelle des Bundes. Sie ist inte ressiert an Ihren Biber-Beobachtungen. Melden Sie Beobachtungen bitte unter: www.webfauna.ch. oder über die Web fauna-App (auf iTunes und im App-Store). Aktuelle Verbreitungskarte http://lepus.unine.ch/carto/ Wie erkennen Sie Biberspuren? Eine Übersicht über alle möglichen Biberspuren finden sie unter: www.biberfachstelle.ch/ Biberspuren erkennen
Christof Angst Biberfachstelle CH-2000 Neuenburg christof.angst@unine.ch
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Das schutzwaldprämierte Projekt «Löschwasserbecken Moesano» Als Ergänzung der vorhandenen Vorbeugungsmassnahmen für die Verhütung von Waldbränden wurde das Netz von Löschwasserbecken im ganzen Moesano ausgebaut. Insgesamt wurden fünf neue Becken erstellt. Dieses Netz ermöglicht beim Auftreten von Waldbränden eine rasche Reaktion beim Ersteinsatz durch Helikopter mit vernünftigen Flugzeiten von drei Minuten. Damit kann in den meisten Fällen ein Ausbreiten der Flammen auf einem sehr grossen Teil der Waldfläche im Moesano – insbesondere auf wichtige Schutzwälder – unterbunden werden. Umfangreiche sowie kostenintensive Wiederinstandstellungen dieser Wälder können somit meist vermieden werden. Das Projekt «Bacini antincendio Moesano» gewann anlässlich der Verleihung in Toblach (Italien) den Jurypreis des Alpinen Schutz waldpreises Helvetia 2015. Ein Grund mehr, das innovative Projekt im «Bündner Wald» vorzustellen.
Waldbrände im Moesano Auf der Alpensüdseite der Schweiz (Tessin und Südbünden) sind Waldbrände sehr häufig. Seit 1930 sind im Moesano rund 140 Ereignisse mit einer gebrannten Waldfläche von ca. 2200 Hektaren bekannt. Günstige klimatische Bedingungen und das Vorhan densein einer grossen Menge sehr gut brennbaren Laubmaterials (Kastanienwald) auf dem Waldboden fördern das Auftreten von Waldbränden. Diese können durch na türliche Ereignisse (Blitzschläge) oder durch menschliche Tätigkeiten verursacht werden. Durch diese Prozesse können Waldbestände unter Umständen grosse wirtschaftliche Schäden erleiden. Vor allem Wald mit vor wiegender Schutzfunktion vor Naturgefah ren kann seine Funktion dann längere Zeit nicht mehr erfüllen. Nebst der Beeinträch tigung der Schutzfunktion können Wald brände bei den betroffenen Gemeinden und der Allgemeinheit hohe Löschkosten und Waldwiederherstellungskosten auslösen. So
Typischer Blitzschlag mit Brandfolge im Moesano. (Bild: Thomas Käthner) Bündner Wald 4/2016 45
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sind nach dem letzten Grossbrand 1997 in den zerstörten Schutzwaldflächen (390 Hek taren!) bis heute etwa 2,2 Mio. Franken Wiederherstellungskosten angefallen. Waldbrandprävention und Waldbrandbekämpfung im Moesano Der Forstdienst beurteilt die Waldbrand gefahr über das ganze Jahr hindurch. Bei hoher Waldbrandgefahr wird als Vorbeu gungsmassnahme für den Kanton Tessin und die Bündner Südtäler ein absolutes Feuerverbot im Freien erlassen. Somit kön nen die vom Menschen durch Nachlässig keit verursachten Waldbrände weitgehend verhütet werden. Die Waldbrandgefahr im Moesano kann durch extreme klimatische Ereignisse (Trockenperioden) zusätzlich ver
schärft werden («Jahrhundertsommer 2003 mit sehr vielen Blitzschlägen»). Waldbrände müssen nach dem Ausbrechen so schnell und effizient wie möglich einge dämmt und bekämpft werden. Dies wird vor allem durch den schnellen Ersteinsatz von Helikoptern erreicht. So haben der Forstdienst und die Löschmannschaften die grössten Chancen, ein mögliches Grossereignis im Keime zu ersticken. Seit mehreren Jahren wird eine effizientere Lö schung durch eine optimierte Organisation der Eingriffe durch Helikopter und Feuer wehr sowie durch die Verfügbarkeit von Löschwasser angestrebt. Die Bedeutung eines über die ganze Region zweckmässig aufgebauten Wasserentnahmestellennet zes ist dabei massgeblich. Dieses Netz rich
Die Feuerwehr errichtet mittels eines mobilen Löschwasserbeckens eine Wasserbezugsstelle im Wald. (Bild: Luca Plozza) 46
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tet sich dabei vor allem auf die Schutzwälder aus. Das Projekt «Bacini antincendio Moesano» Das Projekt wurde im Auftrag der Gemeinden im Moesano durch das Amt für Wald und Naturgefahren GR sowie mit logistischer und finanzieller Unterstützung der Gebäudeversicherung Graubünden erarbeitet und realisiert. Das Hauptziel ist die Vermeidung von grösseren Waldbrandereignissen bzw. die schnelle Reaktion mit einem optimierten Heli-Einsatz bei einem Brandausbruch. Dabei ist die Möglichkeit zu sofortigen Eingriffen in der Nähe von vorhandenen Löschwasserstellen ein zentrales Element. Im Moesano liegen die Wälder vorwiegend an den Bergflanken oberhalb der Dörfer und Verkehrswege und haben meist eine 83 %). sehr wichtige Schutzfunktion (ca. Mit dem Klimawandel werden Häufigkeit und Ausmass von Hitze- und Dürreperioden weiter zunehmen, entsprechend werden auch Phasen mit sehr hohem Waldbrand risiko im Hochsommer häufiger. Schnee arme Winter in Kombination mit «Nordföhn»-Wetterlagen begünstigen vor allem in den Wintermonaten Waldbrände in den stammzahlreichen Kastanienwäldern. Mit dem Projekt «Bacini antincendio Moesano» wurde das Löschwassernetz ausgebaut und hauptsächlich auf Waldbestände mit Schutzfunktion Typ A und B ausgerichtet. Das optimierte Wasserentnahmestellennetz ermöglicht beim Auftreten von Waldbränden eine rasche Reaktion beim Ersteinsatz durch Helikopter mit vernünftigen Flugzeiten von max. drei Minuten. Damit kann in Zukunft in den meisten Fällen ein Ausbreiten der Flammen auf einem grossen Teil der Waldfläche im Moesano unterbunden werden.
Zusammengefasst sind die Hauptkriterien für die Wahl der Lage von neuen Löschwasserbecken: – hohes Waldbrandrisiko – grosses Schadenpotenzial – Verfügbarkeit von genügend Wasser – vorhandene Erschliessung In den Jahren 2007 bis 2014 sind fünf Wasserentnahmestellen an löschstrategisch optimalen Stellen gebaut worden. Drei davon sind undurchlässige Teiche, welche sich gut in die Landschaft integrieren. Zwei Becken wurden wegen technischer Einschränkungen aus Beton erstellt. Zwei bereits bestehende Becken sind saniert und verstärkt worden. Die Feuerwehren in der Region Moesano wurden zusätzlich mit drei mo bilen Löschwasserbecken ausgerüstet. An Bündner Wald 4/2016 47
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Das neu gebaute Löschwasserbecken «Cassan» in der Gemeinde Soazza ermöglicht eine schnelle Heli-Intervention. (Bild: Thomas Tschuor)
sieben Standorten wurde das Terrain für diese mobilen Becken vorbereitet. Mit dem aktuellen Wasserentnahmestellennetz können heute 68 % der Waldfläche im Moesano mit dem Heli in weniger als drei Minuten mit Löschwasser erreicht werden. Für die ganze Schutzwaldfläche beträgt die%, für die Schutzwaldfläche ser Anteil 75 Typ A und B sogar 82 %. Waldgebiete, die nicht durch Flugrotationen in drei Minuten erreichbar sind, betreffen vorwiegend Wälder in höheren Lagen mit generell geringerem Waldbrandrisiko. Gemäss einer im Planungsstadium gemachten Abschätzung können dank der optimierten Flugzeiten etwa 95 000 Franken jährlich eingespart werden. Hinzu kommt das Verhindern von grossen Waldbrandereignissen und damit verbundenen umfangreichen sowie kostenintensiven Wiederinstandstellungen der zerstörten Wälder. Das Projekt wurde 2014 abgeschlossen. Die gesamten Kosten der realisierten Massnahmen betragen 900 000 Franken. Die Realisierung eines weiteren Löschwasserbeckens in Mesocco (Val de Gervan) ist in den nächsten Jahren geplant. Die Wirksamkeit des Löschwasserbeckens «Cassan» in der Gemeinde Soazza
wurde seit 2008 schon dreimal im Ernstfall getestet. Alle drei ausgebrochenen Waldbrände konnten innert weniger als zwei Tagen vollständig gelöscht werden. Literatur Kaltenbrunner A. (2009) Schutzbauten gegen Waldbrände. Bündner Wald 62 (6): 74–77. Kaltenbrunner A. (2010) Waldbrandprävention im Kanton Graubünden. Schweizerische Zeitung für Forstwesen 161 (11): 460–464.
Andrea Kaltenbrunner Amt für Wald und Naturgefahren CH-7000 Chur andrea.kaltenbrunner@awn.gr.ch
Luca Plozza Amt für Wald und Naturgefahren CH-6535 Roveredo luca.plozza@awn.gr.ch
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Bacini antincendio Moesano – tipologie, costruzione e uso Nel Moesano se ne parla da parecchio tempo. Considerato il forte pericolo d’incendi di bosco, il tema della disponibilità di acqua in caso di evento ha sempre costituito un elemento centrale in questo contesto. Le prime riserve d’acqua venivano create nei fiumi, scavando dei bacini provvisori nei periodi di maggior pericolo, bacini che però sparivano dopo la prima piena. In seguito, nell’ambito di costruzioni stradali, sono state realizzate alcune vasche di piccole dimensioni. Esse si sono rivelate subito molto efficaci, come ad esempio quella realizzata sopra il villaggio di Braggio, usata a più riprese durante le operazioni di spegnimento dell’incendio del 2003 in Sta Maria. Queste costruzioni relativamente semplici presentavano dei limiti in dimensioni, con la conseguenza che solamente elicotteri di piccole dimensioni potevano pescare acqua. Esse presentavano pure problemi di permeabilità, quindi potevano essere riempite unicamente con un grande apporto di acqua. Alla luce di questa situazione, ci si è resi conto che la tematica doveva essere approfondita e che andavano trovate delle tipologie di costruzione adatte alle esigenze effettive. In particolare i bacini dovevano essere sufficientemente grandi da poter essere utilizzati anche da elicotteri di grandi dimensioni, tipo Super Puma dell’esercito, contenere una sufficiente quantità di acqua per assicurare un giorno d’intervento con un elicotte-
ro della portata di 1000 l, garantire una t enuta anche con apporti di acqua limitati e non da ultimo essere dotati di tutti gli accorgimenti di sicurezza richiesti per infrastrutture di questo genere. Nell’ambito del progetto «Bacini antincendio Moesano» del 2007 sono così stati progettati cinque nuovi bacini con le caratteristiche tecniche richieste per un utilizzo con il velivolo Super Puma (tabella). Di principio sono state adottate due tipologie di bacini: naturale, con impermeabilizzazione del terreno, e in calcestruzzo. Dove possibile si è preferito il primo sistema per motivi prevalentemente d’inserimento paesaggistico (immagine 1).
Immagine 1 : Vasca antincendio realizzata nel Comune di Rossa, inserita perfettamente nel paesaggio. (Foto: Davide Lurati)
Tipo Elicottero
Portata benna
Profondità minima di pescaggio
Profondità minima bacino
Dimensione minima bacino
Ecureuil / Lama
800–1000 l 1200 l
1 m 1,5 m
2 m
4 × 4 m
Super Puma
2500 l
2 m
3 m
10 × 5 m
Tabella: Principali tipi di elicotteri usati nello spegnimento d’incendi di bosco e rispettive esigenze. Bündner Wald 4/2016 49
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4 Immagini 2–4: Le principali fasi di posa della stuoia bentonitica. (Fotos: Patrick Mottis/Davide Lurati) 50
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Questo sistema necessita però di uno spazio relativamente grande che non sempre era presente dove si doveva realizzare il bacino. Infatti, la sua ubicazione non era data sola mente dallo spazio a disposizione, ma soprattutto dalle zone sensibili con mancan za di riserve d’acqua e dalle possibilità di approvvigionamento. Sono così stati costruiti tra il 2007 e il 2014 tre bacini naturali e due in calcestruzzo. I bacini naturali necessitano di una superfi cie piana di almeno 20 x 20 m. I tre bacini realizzati con questo sistema nel Moesano presentano una profondità da 3 a 3,5 m. Considerando una pendenza delle scarpate di massimo 1 : 2, si è ottenuto uno specchio d’acqua del diametro medio di 16 m e una capienza da 250 a 300 m3 di acqua. L’impermeabilizzazione è stata eseguita con una stuoia bentonitica. Solamente in un caso, per motivi di approvvigionamento di acqua molto limitato, si è optato per una membrana in HDPE, che garantisce una totale impermeabilità. La stuoia bentonitica è più economica e garantisce comunque un’impermeabilità molto elevata, con per dite che difficilmente superano 1 l / min. A scavo avvenuto, è necessario formare un piano di posa con materiale fine su cui sten dere la stuoia. Essa va ancorata tramite una fossa scavata attorno al bacino e protetta da eventuali danni meccanici e dai raggi UV con uno strato di materiale ghiaioso di 30 cm. Per evitare lo scivolamento del ma teriale di copertura è consigliabile inserire una geogriglia. I bacini in calcestruzzo sono stati realizzati in due casi dove lo spazio a disposizione era limitato. Si è optato per una dimensione di 10 × 5 × 5 m di profondità, quindi con capienza di 250 m3. Il dimensionamento è stato eseguito da un ingegnere civile e le pareti in calcestruzzo armato sono risultate
Immagine 5: Bacino in calcestruzzo realizzato in Sta Maria, nella zona colpita dall’imponente incendio del 1997. (Foto: Davide Lurati)
di uno spessore da 25 a 30 cm. Questi bacini sono muniti di uno scarico di fondo per per mettere la manutenzione e la pulizia. Quali misure di sicurezza, discusse con la SUVA e l’UPI, sono state adottate delle recinzioni e posate delle tavole informative con indicati i divieti di accesso e di balnea zione. I bacini sono alimentati in diverso modo, a dipendenza della disponibilità di acqua sul posto. Le fonti sono gli acquedotti dei monti, torrenti, oppure infrastrutture delle forze idriche e le portate variano dai 10 ai 1 000 l / min. Le vasche con alimenta zione minima sono praticamente delle riser ve d’acqua, mentre dove l’alimentazione supera i 150 l / min, i bacini riescono a riem pirsi completamente durante la notte, quindi possono essere usati di continuo. I costi di realizzazione per ogni singolo ba cino dipendono da numerosi fattori e Bündner Wald 4/2016 51
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Immagine 6: Un esempio di scheda con indicate le informazioni e le modalità d'uso di un bacino. (Realizzazione: V. Sala)
in dicativamente si aggirano in media sui fr. 150 000.–. Al fine di utilizzare in modo corretto le infrastrutture realizzare, sono state allestite delle schede informative comprendenti le modalità d’uso (immagine 6) distribuite a tutti i potenziali utenti.
Davide Lurati Ufficio foreste e pericoli naturali CH-6535 Roveredo davide.lurati@awn.gr.ch
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Comic Theo & Heinz
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Schwimmen für das Recht auf Wasser «Wer das Wasser liebt – liebt das Leben», davon ist Ernst Bromeis überzeugt. Der studierte Sportlehrer und ehemalige Spitzensporttrainer lebt für seine Mission, die Trilogie «Das blaue Wunder». 2008 schwimmt der Wasserbotschafter erstmals durch 200 Bergseen in Graubünden, 2010 durchschwimmt er in jedem Schweizer Kanton den grössten See. 2014 begibt er sich auf Kilometer lange Wasser- und die 1247 Flussreise von der Rheinquelle im Val Cadlimo am Lukmanierpass bis zur Nordsee. 2015 versucht er schwimmend Mailand zu erreichen, auf derselben Wasserstrasse, auf der einst von der Schweiz Baumaterial für den Bau des Mailänder Doms transportiert wurde. Während eines der wenigen Momente, die er nicht im Wasser verbringt, hat er sich für dieses Interview mit dem «Bündner Wald» Zeit genommen. BüWa: Geschätzter Herr Bromeis, können Sie sich den BüWa-Leserinnen und -Lesern vorstellen und Ihren Werdegang zu Ihrer Berufung als Wasserbotschafter schildern? Bromeis: Ich bin sozusagen in den Wäldern und am Wasser von Ardez im Unterengadin aufgewachsen, wo ich die rätoromanische Volksschule besucht habe. Nach dem Lehrerseminar unterrichtete ich während vier Jahren an der Primarschule in Zuoz. Dass ich
nicht mein Leben lang Lehrer bleiben wollte, war mir allerdings schnell klar, und ich stand vor der Wahl, entweder Musik oder Sport zu studieren – das sind nach wie vor meine beiden grossen Passionen. Typischerweise für mich habe ich dann genau nicht das gewählt, was alle in meinem Umfeld meinten, und begann mit dem Sportstudium an der Universität Basel und später mit der Spezialisierung als Trainer Spitzensport von Swiss Olympic. Als Triathlontrainer arbeitete ich u. a. mehrere Jahre mit Olympiamedaillengewinner Sven Riederer zusammen. Sport mit all seinen Facetten und insbesondere der Spitzensport faszinieren mich nach wie vor. Die starren Reglementierungen und Rahmenbedingungen engen mich aber allzu sehr ein. Ich selber kann mich langfristig nicht entfalten unter solchen Bedingungen, sondern muss Raum haben, etwas Eigenes zu schaffen und zu kreieren. Nach der Spitzen- und Leistungssportzeit folgten deshalb berufliche Jahre in der Kommunikation als Sport- und Eventmanager der Destination Lenzerheide und als Redaktor bei der SRG/ Radio Rumantsch. Im 2007 habe ich dann den ganzen Mut zusammengenommen und gekündigt – seither bin ich selbstständig und engagiere mich hauptberuflich als Wasserbotschafter und Grenzschwimmer für die Wassersensibilisierungsprojekte des «Blauen Wunders».
Ernst Bromeis hats am eigenen Leib erfahren: «Bergseen zu durchschwimmen macht eigentlich keinen Spass, es ist knallhart.» (Bild: Andrea Badrutt)
Sie haben also im 2007 einen Ruck genommen und einen guten Job als Redaktor beim Radio Rumantsch gekündigt – einfach so ins Blaue hinaus? Ins «Blaue Wunder» sozusagen! Das klingt jetzt so nach einer Freestyle-Aktion – ist es aber nicht, im Gegenteil: Das Ganze war sehr gut überlegt! Schliesslich habe ich keinen eigentlichen Ausstieg gemacht, sondern eine seriöse Unternehmung gegründet. So-
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mit war es für mich ein Einstig in etwas Neues, das mir die gewünschten Freiheiten lässt, aber trotzdem seriös aufgezogen ist – und unsere Existenz als Familie Bromeis nicht gefährdet. Damals beim Entscheid zur Selbstständigkeit waren unsere drei Kinder im Alter von zwei, vier und sieben Jahren. Entsprechend habe ich meine ursprüngliche Idee verworfen, um die ganze Welt zu schwimmen, aber trotzdem konnte ich so meine grosse Leidenschaft zum Beruf machen. Seither engagiere ich mich im B ereich der Wasserbildung als Referent in Schulen, bei Lehrlingen oder auch an Managertagungen. Nebst den verschiedenen SchwimmExpeditionen konnte ich die ehemaligen UNO-Weltwasserwochen in Scuol mitinitiieren oder mich als Botschafter für das Wassersolidaritätsprojekt «Solidarit’eau Suisse» der DEZA einsetzen. Seit dem Rheinprojekt verfolge ich die Gründung der Stiftung «Das blaue Wunder» sowie den Aufbau eines Weltwasserzentrums Graubünden und arbeite momentan an einem Buch zum Thema (vgl. Kasten). «Das blaue Wunder» soll die Menschen für das Wasser als kostbares Gut sensibilisieren – warum haben Sie denn ausgerechnet damit begonnen, die Bündner Bergseen zu durchschwimmen? Ich wollte vor der eigenen Haustüre beginnen, weil mir die grosse Verantwortung der Menschen in den «Quellgebieten» besonders am Herzen liegt. Was 2008 mit dieser ersten Expedition mitten in den Alpen begann, hat sich in der Zwischenzeit zu einem vielfältigen Engagement im Bereich der Wassersensibilisierung entwickelt. Wasser ist die Grundlage des Lebens auf der Erde – für Mensch, Tier, Natur. Bei uns scheint Wasser endlos vorhanden zu sein, aber Wasser wird auch bei uns immer mehr zu einer wertvollen
Für einen Extremschwimmer wie Ernst Bromeis ist die grosse Herausforderung nicht nur die sportliche, sondern v. a. auch die mentale – Weitschwimmen ist eine stille und einsame Angelegenheit. (Bild: Andrea Badrutt)
Ressource. Mein Ziel ist es, den Menschen bewusst zu machen, wie wertvoll Wasser ist – und das packe ich u. a. in Schwimm- Expeditionen. Ist «das blaue Wunder» auch ein egoistisches Projekt? Es ist ein umfassendes Bildungs- und Sensibilisierungsprojekt, aber natürlich ist es auch ein egoistisches Projekt. Wenn ich durch einen eiskalten See schwimme, verändere ich die Welt nämlich nicht – wenn ich schwimme, schwimme ich für mich! Diese persönliche Herausforderung und die dadurch gewonnenen Erfahrungen, die kann mir niemand nehmen. Ich mache diese ver«Wer das Wasser liebt – liebt das Leben», davon ist Ernst Bromeis überzeugt. (Bild: Rolf Canal)
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Buchprojekt: Jeder Tropfen zählt Im Herbst 2016 wird im Zürcher Verlag rüffer & rub ein Buch von Ernst Bromeis erscheinen, als eines der ersten drei Bän-
tionieren – ist meine Geschichte mit kleinem Budget umzusetzen und trotzdem langfristig präsent.
de der Buchreihe «rüffer&rub visionär»: Jeder Tropfen zählt – Schwimmen für das Recht auf Wasser. Der Verlag verfolgt mit dieser Buchreihe die Absicht, den Funken einer Idee, einer Hoffnung, eines Traums weiterzutragen und damit ein Feuer des Engagements zu entzünden. Alle Infos zu den Träumen und Visionen von Ernst Bromeis sowie zu seinen Projekten sind zu finden unter: www.dasblauewunder.ch.
rückten Aktionen auch für mich, weil ich all diese Seen oder den Rhein durchschwimmen will; aber ich versuche dadurch auch meine Wertvorstellungen zu vermitteln ohne jemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Ich betrachte diese Aktionen als Wasser-Kunstwerk, das inspirierend wirken soll. Dabei ist es wichtig, dass dies zu einer echten Sensibilisierung für diese wertvolle Ressource führt, hier bei uns in den (wasser-) reichen Ländern der Welt. Schliesslich haben wir auch die ökonomischen Möglichkeiten, wirklich etwas zu bewirken. Es sind schlussendlich immer Visionen und Geschichten, die kommen und früher oder später wieder gehen, welche die Wahrnehmung unserer Gesellschaft prägen. Und je länger eine Geschichte wie «das Blaue Wunder» präsent ist, desto grösser und authentischer ist ihre Wirkung. Ich glaube an die Kraft von Worten und Geschichten – Geschichten werden weiter erzählt, und das ist keine Frage des Preises! Im Gegensatz zum Beispiel von Bertrand Piccard mit seinem Solarflugzeug – was zwar eine tolle Geschichte ist, aber 100 Millionen braucht, um zu funk-
Ihre Schwimm-Aktionen sind ja wirklich spektakulär. Wie sind Sie zum Extremschwimmer geworden und was ist der Antrieb, diese Strapazen auf sich zu nehmen? Das Schwimmen als Sport habe ich erst spät so richtig für mich entdeckt, während des Studiums – und das ist auch gut so. Wäre ich nämlich ein Becken-Schwimmer gewesen, der tausend Mal auf und ab schwimmt, dann wäre ich nie zum Expeditionsschwimmen gekommen. Entweder hätte ich damit aufgehört, weil es zu langweilig wird, oder ich wäre auch dort wieder ausgebrochen aus dem normierten 50-m-Becken. Das Schwimmen selbst habe ich also erst wirklich im Freiwasser entdeckt, und genau das ist der kreative Ansatz, den ich nun nutze: Die Faszination des Elementes Wasser in all seinen Facetten. Wenn ich ehrlich bin, machen meine Schwimm-Aktionen selbst teils überhaupt keinen Spass! Im Gegenteil, es ist knallhart! Bei den Bergseen ist es die extreme Kälte, die für den Menschen lebensfeindlich sein kann. Im Rhein zu schwimmen ist ebenfalls nicht wirklich spassig, sondern sogar gefährlich. Die grossen Herausforderungen dabei sind aber nicht nur physischer und sportlicher Natur, sondern vor allem auch auf der mentalen Ebene. Der grosse Unterschied liegt wohl darin, dass sich meine Expeditionen nicht über ein oder zwei Tage erstrecken, sondern über Wochen. Die Kunst dabei ist, im Moment zu leben und nicht zu weit nach vorne zu blicken – Zug um Zug weiterzukommen, die eigenen Ressourcen gut einzuteilen und so wenig Fehler wie möglich zu machen. Und trotz aller Anstrengungen bringen mir meine schwimmeri-
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schen Grenzgänge die nötige Tiefe, um für meine Sache aus dem Vollen zu schöpfen.
che, tue ich das ganz und gebe mich dem Element mit Haut und Haar hin.
Sie werden in den Medien manchmal als Wasserphilosoph bezeichnet. Sind Sie tatsächlich ein Wasser-Versteher oder gar Gewässer-Flüsterer? Wasser ist nicht gleich Wasser, das spürt man schnell. Stehende Gewässer sind ganz anders als Fliessgewässer, und vor allem ist Wasser nicht einfach H2O. Wenn ich mich über längere Zeit im Wasser bewege, dann erlebe ich auch tatsächlich eine persönliche Veränderung. Wir Menschen sind zwar ausgesprochene Landwesen, können aber durchaus ein Gefühl für Wasser entwickeln. Diese Fähigkeit das Wasser zu fühlen verbindet den Schwimmer mit diesem faszinierenden Element und macht fast schon ein bisschen süchtig. Bevor ich ins Wasser steige, muss ich stets Vertrauen fassen und eine Beziehung aufbauen zu meinem Element. Schwimmen ist nicht Kampf, im Gegenteil: Mit Gewalt geht nichts, denn das Wasser ist immer stärker. Auf meiner Suche nach dem «Blauen Wunder» erlebe ich Momente des Glücks und tief empfundener Zufriedenheit, in denen ich das Wasser von innen kennenlerne – und damit immer auch einen Teil von mir selber finde. Indem ich davon erzähle, macht mich das vielleicht ein bisschen zum Wasserphilosophen. Für mich hat jeder See eine eigene Seele. Jedes Gewässer hat seinen eigenen Charakter, da gibt es riesige Unterschiede, aber auch Ähnlichkeiten. Der Rhein ist z. B. ganz anders als die Donau, der Genfersee allerdings muss meinem Empfinden nach verwandt mit dem Bodensee sein. Egal vor welchem Gewässer ich stehe, ich empfinde Achtung und Respekt vor dem Wasser – und manchmal auch Angst. Wann immer ich aber eintau-
Spannen wir noch den Bogen vom Wasser zum Landschaftselement Wald. Was für einen Bezug zum Wald haben Sie und wo sehen Sie Parallelen? Zum Wald habe ich sogar einen familiären Bezug: Mein Grossvater Wilhelm Hatecke war Förster in Ardez. Ich selber schätze den Wald sehr – natürlich als polysportiver Mensch für Erholung und Training, aber als Bewohner einer Bergregion ganz klar auch seine Schutzwirkung. Der gegenseitige positive Einfluss von Wasser auf den Wald und umgekehrt liegt ebenfalls auf der Hand. Zudem haben Wasser und Wald das Problem, dass deren Wahrnehmung in unserer Gesellschaft sehr ähnlich ist: Beide sind einfach da! Sie gehören irgendwie dazu und werden genutzt, aber sie werden trotzdem nicht wirklich wahrgenommen und interessieren eigentlich niemanden. Und das, obwohl Wasser und Wald absolut zentral sind für unser (Über-)Leben. Die Gesellschaft muss für beides sensibilisiert werden und diese wichtigen Ressourcen schätzen lernen. Zudem muss die Gesellschaft hinter einer nachhaltigen Nutzung dieser Ressourcen stehen. Und genau das beginnt im lokalen Kontext und wächst ins Globale. Wasser ist die Grundlage des Lebens auf der Erde – für Mensch, Tier, Wald und Natur. Es verbindet schicksalshaft – denn niemand hat die Wahl, ob er Wasser nutzen will oder nicht! Nina Gansner SELVA Bahnhofplatz 1, CH-7302 Landquart info@selva-gr.ch
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Holzhauereimeisterschaften 2016 in Arosa Am 1. und 2. Juli 2016 fanden in Arosa die 15. Bündner-liechtensteinischen Holzhauereimeisterschaften zusammen mit der Lehrabschlussfeier statt. Am Aroser Obersee wurden die fünf Disziplinen in herrlichster Lage perfekt aufgestellt. Andy Müller und seinem OK ist es gelungen, während zwei Tagen eine super Holzhaue rei meis terschaft zu organisieren. Durch das sehr schöne Wetter bestaunten etliche Hundert Touristen und Angehörige der Wettkämpfer das «Spektakel» mit den Motorsägen. Von einem professionellen Speaker wurden die Zuschauer immer auf dem Laufenden gehalten und sie erfuhren immer wieder, worauf es bei diesem Wettkampf ankommt. An jedem Tag standen 18 Schiedsrichter und nochmals so viele Helfer auf dem Wettkampfplatz und garantierten perfekte Wettkampfbedingungen und Messresultate im Hundertstel-Millimeter-Bereich. Allen Helfern, Schiedsrichtern und Sponsoren sei an dieser Stelle nochmals herzlichst gedankt! Ohne die vielen Freiwilligen und grosszügige Sponsoren ist eine so aufwendige Meisterschaft gar nicht mehr möglich. Total starteten 70 Wettkämpfer (Aktive, Lehrlinge und Gäste) zu dieser alle zwei Jahre stattfindenden Meisterschaft. Die Medaillen hingen dieses Jahr sehr hoch! Arno Illien sägte sich zum sechsten Mal in Folge zum Bündner Meister, dicht gefolgt von Enrico Netzer. Enrico Netzer darf im kommenden Oktober mit der Schweizer Nati in der Kategorie U24 nach Polen zur Weltmeisterschaft fahren. Wir wünschen Enrico schon jetzt alles Gute und viel Spass an seiner ersten Weltmeisterschaft. Auch das Skulpturenschnitzen mit der Motorsäge zog wieder sehr viel Zuschauer in den Bann. Erstaunlich, was unsere Bündner «Hölzigen» in knapp vier Stunden aus einem
So sehen zufriedene Organisatoren der Bündner Holzhauereimeisterschaft aus. Stellvertretend für das gesamte OK: André Müller und Orlando Lerch. (Bilder: ©Foto Homberger, Arosa)
Dario Müller fasst das Ziel ins Auge.
Beim Präzisionsschnitt will es Timo Watinger ganz genau wissen.
Lärchenrundholz heraussägten. Thurli Gredig sagte mir einst an einem Skulpturenschnitz-Workshop: «Es ist gar nicht so schwierig, du musst nur alles wegschneiden, was nicht zu einem Bären oder einer anderen Figur gehört!» Wie ich gehört habe, sollte die nächste Bündner Holzhauereimeisterschaft 2018 in Südbünden stattfinden. Ich wünsche mir, dass dann in zwei Jahren wieder mehr Forstbetriebe mit ihren Lehrlingen daran teilneh-
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Mit Arthur «Thurli» Gredig ist beim Gestaltungs-
Linus Lippuner lässt beim Kombischnitt die Späne
wettbewerb eine bekannte Grösse des Kantons
fliegen.
mit dabei.
Die 29 frischgebackenen Forstwarte an der grossen Lehrabschlussfeier in Arosa.
men. Es geht nämlich nicht nur um die vier Holzscheiben, die 30 Äste, einen Kettenwechsel und eine Fäll-Simulation! Nein, viel wichtiger und lustiger ist der Gedankenaustausch unter Gleichgesinnten und das freudige Zusammensein. Dies erscheint mir das Wichtigste in unserer oftmals hektischen Zeit. Alle Resultate der verschiedenen Katego rien finden Sie auf unserer Vereinshome page www.graubündenwald.ch. Viele sehr
schöne Bilder dieses zweitägigen Anlasses finden Sie unter www.fotohomberger.ch. Am Abend des ersten Wettkampftages trafen sich in Arosa die frischgebackenen Forstwarte, ihre Angehörigen, Berufsbildner, Experten und Gäste, alles in allem rund 150 Personen zu einem wichtigen Anlass. Auf dem Programm stand die Feier des erfolgreichen Lehrabschlusses 2016. Die beiden Festredner Ueli Florin und Ruedi Schindler würdigten in ihren Reden die Leistungen der 29 Bündner Wald 4/2016 59
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Auszug der Rangliste vom Holzhauereiwettkampf 2016 in Arosa Jugendklasse U24 – Wertung GR 1. Rang Müller Erik
1399 Punkte
2. Rang Arpagaus Ivo
1070 Punkte
3. Rang Paravicini Edmondo 980 Punkte Aktive Wettkämpfer – Wertung GR 1. Rang Illien Arno
1599 Punkte
2. Rang Netzer Enrico
1588 Punkte
3. Rang Prinoth Ralf
1560 Punkte
Gruppenwettkampf – Wertung GR 1. Rang Illien Arno, Prinoth Ralf, Faust Heinrich
4679 Punkte
2. Rang Kuenz Louis, Schlosser Gion, Niedermaier Oskar
3700 Punkte
3. Rang Bürgi Daniel, Paravicini Edmondo, Lustenberger Martin 3207 Punkte Die detaillierten Ranglisten finden Sie unter: http://www.graubuendenwald.ch/News/articleType/ ArticleView/articleId/380/Bundner-Holzereimeisterschaft-2016.
erfolgreichen Absolventen und gratulierten ihnen zur bestandenen Lehrabschlussprüfung. Wie jedes Jahr durfte der beste Absolvent als Lohn für seine grossartige Leistung die begehrte goldene Axt entgegennehmen. Felix Voneschen konnte diese Trophäe Moreno Zanolari, welcher seine Lehre beim Ufficio forestale Poschiavo absolvierte, für seinen Abschluss mit der Bestnote 5,6 überreichen. Ebenfalls mit der Note 5,6 abgeMoreno Zanolari mit der goldenen Axt.
schlossen hat Dario Buchli aus dem Zweckverband Falknis, ohne Allgemeinbildung. Für die zweit- und drittbesten Noten gab es ebenfalls ein kleines Präsent. Diese Ehre wurde im zweiten Rang mit Note 5,4 Curdin Andry, Revierforstamt Scuol, Rino Regensburger, Revierforstamt Zernez, sowie im dritten Rang mit Note 5,3 Livio Steiner, Revierforstamt Pontresina / Samedan, zuteil.
Dominic Schilling Amt für Wald und Naturgefahren Loestrasse 14, CH-7000 Chur dominic.schilling@awn.gr.ch
Marcel Lerch Förster Domat/Ems und OK-Mitglied HWK Arosa marcel.lerch@domat-ems.ch
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Baumkrönender Abschluss der ersten Waldtrophy in der Surselva Fünf erlebnisreiche Tage verbrachten die Kinder von Disentis und Medel im letzten Schuljahr rund ums Waldhaus Academia Vivian. Eine Reportage aus der Surselva. «Adatg, plonta!» Aus den Nebelschwaden an der Kante zum Val Medel taucht am Morgen eine kleine Menschentraube auf. Ausgerüstet mit Re genjacke und guten Schuhen erreichen die Kinder die Anhöhe von Stagias oberhalb von Disentis. Sie gehen schnellen Schrittes, ihre Augen offen, ihre Blicke neugierig in den Wald spähend. Sobald die Kinder bei «ih rem» Waldschulzimmer Academia Vivian angekommen sind, packen sie Znüni und Trinkflasche aus. Es ist der längste Tag des Jahres – und der grosse Abschlusstag des Waldjahres für die 33 Primarschüler aus den Gemeinden Disentis / Mustér und Medel / Lucmagn. Der Startschuss zum Postenlauf durch den umliegenden Wald fällt kurz vor 10 Uhr –
Zusammen mit Corsin Flepp montieren die Kinder die Informationsschilder zu «ihrem» Baum. Diese Schilder beschreiben nun jene zehn Bäume und Sträucher, die auf Stagias rund um die Academia Vivian vorkommen. Die Informationsplakate wurden von den Schülerinnen und Schülern auf Romanisch gestaltet. (Bilder: Tabea Baumgartner)
die Kinder laufen in kleinen Gruppen los, um die Herausforderungen der einzelnen Waldposten zu meistern. «Wohin müssen wir zuerst?», ruft Jasmin. Pia rennt los, ge radeaus Richtung Alp Pazzola. «Wir müssen den blauen Zetteln nachgehen», sagt Lean dro, «dort ist der nächste.» Die Kinder kennen das Gebiet schon – in den vergangenen Monaten hatten sie meh rere Tage hier oben verbracht. Die «Wald trophy», jenes Programm, das vom Amt für Wald und Naturgefahren im Prättigau und in Landquart bereits mehrmals durchge führt wurde, konnte nun auch in der Obe ren Surselva durchgeführt werden, unter der Koordination des Vereins Center sursil van d’agricultura in Disentis. Die Durchfüh rung wurde durch das Nationalparkprojekt Parc Adula unterstützt. Nebst den Wald tagen draussen bearbeiteten die drei Lehr personen das Thema «Wald» im Unterricht mit den Kindern. Bereits im Oktober fanden die Dritt- und Viertklässler sich zum ersten Mal in der Academia Vivian ein. Sie erkundeten ge meinsam mit den Revierförstern Flurin Cathomas und Corsin Flepp die verschiede nen Baumarten, die in der Umgebung des Waldhauses auf 1600 m ü. M. vorkommen. Im November erfuhren sie vom Medelser Revierförster Corsin Flepp, was damals vor 25 Jahren geschah, als der Orkan Vivian durchs Tal fegte. Die Academia Vivian liegt inmitten einer Windwurffläche des Vivians. Als die Academia Vivian dann endlich ein geschneit war, entdeckten sie mit den Wildhütern Werner Degonda und Daniel Bundi die Spuren der Tiere im Schnee und erfuhren von ihnen, wie die Wildtiere den Winter heil überstehen können. Im April besichtigten die Kinder die Sägerei in Cu raglia und bearbeiteten selber Holz in der Werkstatt der Dorfschule. Bündner Wald 4/2016 61
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Besonders abenteuerlich ist jener Posten, wo die Kinder eine Fichte erklimmen können, gesichert von den Förstern Simon Beer und Flurin Cathomas.
Sarina und Céline sitzen mit verbundenen Augen auf der Anhöhe oberhalb der Kuhweide inmitten der Heidelbeersträucher. Blind müssen sie in eine Tasche greifen und erraten, was drin sein könnte. «Das ist ein Horn», sagt Sarina. Céline erwidert: «Ich glaube, es ist ein Geweih. Es könnte vom Reh stammen.» Die Gruppe von Sandro muss mit verbundenen Augen einem Seil entlanggehen. Und weiter hinten ist Diego gerade dabei, eine Fichte zu erklimmen, während der Disentiser Förster Simon Beer ihn sichert. «Adatg, plonta», rufen die Kinder im Chor. Eine kleine Rottanne fällt zu Boden. «Gut gemacht», sagt Carlo Monn, Praktikant beim Amt für Wald und Naturgefahren. Nun wollen die Kinder herausfinden, wie alt die Fichte war. Dazu schneidet Christian Buchli kleine Baumringe ab – konzentriert zählen die Kinder die Jahrringe. Hinter dem
Waldhaus Academia Vivian rennt eine Gruppe durch den offenen Birkenwald. «25 plus drei, das macht 28!», ruft eines der Kinder. «Hier werden wir die Tafel setzen», sagt Corsin Flepp. Die Kinder haben zu jeder Baumart, die hier oben vorkommt, eine Informationstafel vorbereitet. Während Ella die Tafel hält, schraubt Flepp diese von hinten fest. Die Zitterpappel ist nun beschriftet, für all jene, die hier auf diesem Wanderweg vorbeikommen. «Sehr schön», sagt Flepp, und die Kinder sind stolz. Als Belohnung für den Einsatz der Kinder gibt es zum Zvieri Nussgipfel für alle. Diese Erlebnisse im Wald werden die Kinder nicht so schnell vergessen. Quer durch den Wald rennen, Verstecken spielen und Stecken schnitzen sind für die Kinder heute keine Selbstverständlichkeiten mehr. Der Tujetscher Revierförster Adrian Deragisch und der Regionalforstingenieur Renaldo Lutz überreichen jedem Kind als baumkrönender Abschluss dieses Waldjahres ein kleines Fichtenbäumchen – zum Einpflanzen im Garten oder im Wald –, gespendet vom Forstgarten Rodels (Amt für Wald und Naturgefahren). Ein kleines Bäumchen mit hellgrünen Tannenspitzen, das noch gedeihen wird – wie diese Kinder aus der Surselva, die auf ihrem persönlichen Weg jene Erfahrungen mitnehmen werden, die sie im Bündner Wald machen durften. Weitere interessante Bilder der Waldtrophy in der Surselva finden Sie unter: www.academiavivian.ch/de/fotogalerie Tabea Baumgartner Center sursilvan d’agricultura CH-7180 Disentis / Mustér info@agricultura.ch
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Vorschau «Bündner Wald» Oktober 2016 Adern der Waldnutzung Jede Waldstrasse hat eine eigene Geschichte. Vom ersten Gedanken für eine neue Walderschliessung, von deren konkreten Umsetzung und letztlich bis zu deren breiten Nutzung sind oft viele Hürden zu überspringen. Während weite Teile der Bündner Wälder als erschlossen gelten oder sonst von einer forstlichen Nutzung ausgeschlossen wurden, stehen vielerorts Ausbauten an, weil alte Waldstrassen nicht mehr den heutigen Anforderungen genügen. Hier ist technisches Know-how gefragt. Für eine nachhaltige Waldbewirtstrassen unerlässlich, schaftung sind Wald gleichzeitig wird eine Erschliessung der letzten unberührten Naturräume infrage gestellt.
Vorschau auf die nächste Nummer: Dezember 2016: Wer im Wald den Takt angibt Redaktion: Jörg Clavadetscher
Redaktion: Sandro Krättli
Herausgegeben vonvon Graubünden Wald, Amt für Wald Graubünden undGraubünden der SELVA. Herausgegeben Graubünden Wald, Amt und für Naturgefahren Wald und Naturgefahren und der SELVA. Verleger: Südostschweiz Presse und Print AG, Südostschweiz CH-7007 Chur Sekretariat: SELVA, Christophe Trüb, Verlag: © Somedia Production AG, Sekretariat: SELVA, Urs Rutishauser, ahnhofCH-7007 Chur Print, B Bahnhofplatz 1, CH-7302 Landquart, Telefon + 41 (0) 81 300 22 44, buendnerwald @ selva-gr.ch Redaktoren: Jörg Clava
platz 1, CH-7302 Landquart, Telefon + 41 (0) 81 300 22 44, buendnerwald @ selva-gr.ch Redak-
detscher, Revier forestal da Val Müstair, CH-7535 Valchava, Telefon + 41 (0) 81 858 58 21, forestal-muestair @ bluewin.ch.
toren: Jörg Clavadetscher, forestal-muestair @ bluewin.ch. Sandro Krättli, sandro.kraettli @ awn.gr.ch.
Sandro Krättli, AWN GR, Sagastägstrasse 96, CH-7220 Schiers, Telefon + 41 (0) 81 300 24 11, sandro.kraettli @ awn.gr.ch.
Die Redaktion behält sich vor, Beiträge in nicht verlangter Form ohne Rückfrage zu ändern. H er-
Die Redaktion behält sich vor, Beiträge in nicht verlangter Form ohne Rückfrage zu ändern Druckvorstufe (Satz, Lithos, Belich-
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