Ein Fest der Wiener Klassik
Werke von Marianna Martines, Wolfgang Amadé Mozart, Carl Philipp Emanuel Bach & Joseph Haydn
Im Wien Josephs II. war sie eine Institution: Marianna Martines veranstaltete Musik-Soireen, deren Attraktivität sich selbst Wolfgang Amadé Mozart nicht entziehen konnte. Die Frau, die wohlweislich nicht in den Hafen der Ehe einlief, war allerdings weit mehr als nur eine stadtbekannte Netzwerkerin: Auf künstlerischem Gebiet zählte sie selbst zur Elite. Martines brillierte durch ihren Gesang ebenso wie durch ihr Klavierspiel und ihr Kompositionsgeschick. Der englische Musikreisende Charles Burney staunte nicht schlecht, als er 1772 das »junge Frauenzimmer« in Wien bei einer Abendgesellschaft antraf. Martines spielte bei der Gelegenheit »zwo Arien von ihrer eigenen Komposition, wozu sie sich selbst auf dem Flügel accompagnirte, und zwar auf eine wohlverstandne meisterhafte Manier; und aus der Art, wie sie die Ritornelle spielte, konnte ich urteilen, daß sie sehr fertige Finger hätte.
Diese Arien waren im modernen Style, sehr schön gesetzt, indessen waren die Gedanken weder gemein noch unnatürlich fremd und neu. Die Worte waren gut ausgedrückt, die Melodie war ungekünstelt und dem Sänger viel Raum zur Expression und Verschönerung gelassen; ihre eigne Stimme aber und Art zu singen flößte Vergnügen und Bewunderung ein.«
Nuntius ständiger Vertreter des Papstes bei der Regierung eines Staates
Dass es Martines zu einer der wenigen anerkannten Komponistinnen ihrer Zeit gebracht hatte, verdankte sie Talent, Biss – und glücklichen Umständen. Sie stammte aus einer betuchten Familie – der Vater war Zeremonienmeister des päpstlichen Nuntius – und wuchs in Wien im selben Haus auf, in dem der legendäre Opernlibrettist Pietro Metastasio wohnte. Der war ein Freund des Vaters und griff der begabten Tochter nach Kräften unter die Arme: Metastasio ließ sie musikalisch
durch die Autorität Nicola Antonio Porpora und den noch jungen Joseph Haydn unterweisen, lehrte sie selber Sprachen und rührte für die vielversprechende Schülerin die Werbetrommel. Ein Einsatz, der sich lohnte: Martines, heute weitgehend vergessen, fand in der Musikwelt ihrer Zeit Anerkennung und sogar Aufnahme in den elitären Zirkel der Accademia Filarmonica di Bologna.
Am heutigen Abend erklingt die Ouverture C-Dur aus dem Jahr 1770. Ein irreführender Titel, könnte man anmerken – handelt es sich doch eher um eine vorklassische Symphonie italienischer Prägung: ein dreisätziges Instrumentalwerk mit der Tempoabfolge schnell – langsam –schnell. Im damaligen Wien war es jedoch gang und gäbe, solche Werke auch als ›Ouvertüre‹ zu etikettieren; auf den ersten beiden
Werke von Marianna Martines, Wolfgang Amadé Mozart, Carl Philipp Emanuel Bach & Joseph Haydn
Marianna Martines, Ölgemälde von Anton von Maron, um 1773
Werke von Marianna Martines, Wolfgang Amadé Mozart, Carl Philipp Emanuel Bach & Joseph
Haydn
Seiten von Martines’ Autograf sind beide Gattungsbezeichnungen zu lesen. Welche Absichten die Komponistin mit dem Stück verfolgte –ob es als eigenständiges Werk gedacht war oder als Einleitung für eine längere Kantate –, ist unbekannt geblieben.
Klar ist dagegen, dass diese Musik unterhalten will. Mit ihrer Ouverture folgte Martines dem Zeitgeist, Melodien prägnant und kontrastreich zu gestalten und das Klangbild eher schlicht zu halten als es barock zu verschnörkeln. Diese Tendenzen sind schon dem Kopfsatz anzuhören: Das Hauptthema fällt mit vergnügten Tönen ins Haus, das liebliche Seitenthema wird von den Violinen in einem bewusst dünnen Arrangement präsentiert, die Durchführung verarbeitet die Einfälle kurzweilig. Nach einem lyrischen Satz – aus Kontrastgründen ersetzen Flöten die Oboen –, drängt das Finale im 3/8-Takt tänzerisch voran und sorgt mit einer dramatischen Eintrübung in der Satzmitte kurz für eine überraschende Abwechslung.
Wohl keinem Martines-Zeitgenossen gelang es besser, ein gefälliges Klangbild mit genialen Ideen zu durchwirken als Wolfgang Amadé Mozart. Sein sonniges und doch subtiles Konzert für Klavier und Orchester A-Dur KV 488 zählt zu den beliebtesten Genrewerken aus seiner Feder. Entwürfe datieren in das Jahr 1784 zurück, abgeschlossen hat Mozart das Konzert im März 1786, während der Arbeit an Le nozze di Figaro. Wann das Werk erstmals zur Aufführung gelangte, ist nicht überliefert. Die Instrumentierung – Trompeten und Pauke fehlen, zwei Klarinetten ersetzen die bisher üblichen Oboen – deutet bereits auf die emotionale Ausrichtung hin: Die Musik nimmt mit einer intimen und weichen Tongebung für sich ein, mit feinem Witz und Elan.
Das Orchester eröffnet mit einer geschmeidigen Melodie, serviert aber auch gleich eine Überraschung: Das (tonartfremde) G im ersten Takt ist in gewisser Hinsicht ein Vorbote, dass diese Musik – trotz aller Leichtigkeit – gern eigene Wege beschreitet und bisweilen auch melancholische Töne anschlägt. Markante Kontrastwirkung besitzen die beiden Hauptthemen nicht; der Satz treibt eher ein Spiel mit emotionalen Nuancen und endet elegant in A-Dur.
Werke von Marianna Martines, Wolfgang Amadé Mozart, Carl Philipp Emanuel Bach & Joseph Haydn
Wolfgang Amadé Mozart, Ausschnitt aus einem dem Maler Johann Nepomuk della Croce zugeschriebenen Ölgemälde, 1780–81
Werke von Marianna Martines, Wolfgang Amadé Mozart, Carl Philipp Emanuel Bach & Joseph Haydn
In eine völlig andere Welt führt der Mittelsatz: Gänzlich unbegleitet, stimmt das Klavier eine todtraurige Melodie an, die anfangs an das berühmte Siciliano aus Bachs Flötensonate erinnert und ebenfalls von einem wiegenden 6/8-Takt – hier allerdings im Adagio – getragen wird. Ein Höhepunkt schmerzlicher Schönheit ist erreicht, wenn das Orchester einsetzt, die Flöte und die Klarinetten das Klangbild mit raumgreifenden Legatobögen bestimmen und die imitierenden Linien eines Fagotts bittersüße Dissonanzen erzeugen. Chromatische Klavierlinien verstärken die Traurigkeit dieser Musik in fis-Moll, die sich nur in der Satzmitte kurz nach A-Dur aufhellt. Das Finale fällt mit einem markanten Thema ins Haus: Es ist der quirlige Startschuss für einen Melodienreigen, in dem Mozart augenzwinkernde Schlichtheit ebenso zur Geltung bringt wie originelle Akkordfolgen.
Auch das Berliner Publikum des 18. Jahrhunderts genoss Musik von hoher Qualität – im zunehmenden Maße ab 1740, nachdem Friedrich II. den Thron bestiegen hatte. Die königliche Kapelle, bereits in den Vorjahren gezielt aufgebaut, genoss unter der Leitung von Johann Gottlieb Graun einen exzellenten Ruf; die neue Oper lockte bald namhafte Sänger:innen an. 1738 kam der 24-jährige Carl Philipp Emanuel Bach in die Stadt – und war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Eigentlich sollte er hier einen jungen Adeligen treffen und mit ihm auf Bildungsreise gehen. Doch es ergab sich eine bessere Gelegenheit: Bach trat in die Dienste Friedrichs ein und avancierte in weiterer Folge zum Kammercembalisten des frisch gekrönten Königs. Ganze 30 Jahre hielt es Bach in der Stadt.

Während es heute Johann Sebastian Bach ist, der die übrigen Musiker seiner Familie turmhoch an Bedeutung überragt, galt Carl Philipp Emanuel in seinen Glanzzeiten als der ›große‹ Bach. Zwar erntete seine Musik auch Widerspruch. Die Kontraste, Brüche und unverhofften Wendungen, die seine ›empfindsame‹ Klangsprache auszeichneten,
Werke von Marianna Martines, Wolfgang Amadé Mozart, Carl Philipp Emanuel Bach & Joseph Haydn
Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci, Ölgemälde von Adolph Menzel, 1850–52. Carl Philipp Emanuel Bach sitzt am Cembalo.
waren nicht jedermanns Sache. Namhafte Musiker sahen in Bach dennoch einen brillanten Kopf, nicht zuletzt der bereits erwähnte Charles Burney. »Seine Höhenflüge sind keine wahnsinnigen oder ignoranten Fantasien, sondern die Ergüsse eines kultivierten Genies«, verteidigte er den Deutschen. Unumstritten ist Bachs Einfluss auf die Musikgeschichte: Er arbeitete mit Gestaltungsmitteln, die visionär die motivisch-thematische Arbeit der Klassik anbahnten und inspirierte durch seine musikalischen Eigenwilligkeiten die Romantiker.
Verglichen mit seinen rund 300 Werken für Tasteninstrumente nimmt sich Bachs symphonisches Opus relativ karg aus: Nur 18 Werke
Werke von Marianna Martines, Wolfgang Amadé Mozart, Carl Philipp Emanuel Bach & Joseph
Haydn
Joseph Haydn, Ölgemälde von Thomas Hardy, 1791
(allesamt dreisätzig) sind in dem Genre aus seiner Feder überliefert, die ersten acht stammen aus der Berliner Zeit. Bachs frühe Gehversuche auf dem Gebiet orientierten sich stark am Stil des Berliner Kollegen Johann Gottlieb Graun, der von einer italienischen Schreibweise beeinflusst war. Die Violinen spielen bevorzugt im Unisono, die Bratschen doppeln häufig den Bass – ein gelichtetes Stimmengefüge im Vergleich zur Barockzeit.
Bachs Freude an Kontrasten ist beispielhaft in der Sinfonia e-Moll aus der Berliner Zeit (ursprünglich für Streicher gesetzt, später um Bläser erweitert) zu hören: Nachdem sich das Eröffnungsthema knapp vorgestellt hat, baut sich die rhythmische Spannung immer wieder eindringlich auf, unterbrochen von unverhofften Momenten des Innehaltens.
Im direkten Anschluss zeichnet der Mittelsatz ein pastorales Idyll, bevor das Finale mit einem absteigenden, exzentrischen Thema beginnt und mit scharfen Punktierungen dem Schlusston entgegendrängt.
Letztendlich erklingt an diesem Abend noch Musik aus London, komponiert von einem österreichischen ›Gastarbeiter‹ – nämlich Joseph Haydn. Er hatte sich an seinem Lebensabend Zeit für zwei ausgedehnte Aufenthalte in der britischen Hauptstadt genommen und Auftragswerke für das dortige Publikum geschaffen: Das komplette Jahr 1791 verbrachte der Musik-Star in England sowie weitere eineinhalb Jahre ab dem Februar 1794. Am Ende dieser hochproduktiven und finanziell goldenen Zeiten gelangte die allerletzte Haydn-Symphonie zur Uraufführung, die Nummer 104 D-Dur. Warum ausgerechnet sie den Beinamen ›Londoner‹ trägt, hat gerüchteweise mit dem Eröffnungsthema des Schlusssatzes zu tun: Es habe das Publikum an jene Rufe erinnert, mit denen die Fischhändler:innen von London ihre Ware (»Live Cod!«) anpriesen.
Am Beginn des Kopfsatzes steht ein Unisono von Beethoven’scher Heftigkeit. Ein Appell führt von der Tonika eine Quint aufwärts, dann vom Grundton eine Quart hinab. Dreimal ist das zu hören, unterbrochen von klagenden Piano-Zwischenspielen. Es folgt ein mildes, doch vorwärtstreibendes Thema, aus dem sich alle weiteren Motive des Satzes entspinnen. Das Andante danach trägt Variations-Charakter und überrascht im Mittelteil mit dramatischen Entladungen, die eine Mollpassage auslöst. Während das Menuett zwischen zierlicher Grazie und zünftigen Rhythmen wechselt, überwältigt das Finale mit Witz und Elan: Nach dem erwähnten folkloristischen Beginn (der auch an Dudelsack-Klänge erinnern kann und wohl tatsächlich auf einer kroatischen Volksweise beruht) nimmt ein ausgedehnter Sonatensatz seinen Lauf. Dabei tritt ein lyrisches, zweites Thema hinzu, das sich in der Durchführung expressiv erweitert. Es ist bezeichnend für Joseh Haydn, dass er sein symphonisches Lebenswerk mit spielerischen, leichtfüßigen letzten Takten beschließt.
Christoph Irrgeher
Werke von Marianna Martines, Wolfgang Amadé Mozart, Carl Philipp Emanuel Bach & Joseph Haydn