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Mark Padmore & Julius Drake

5. Mai 2026 19:30 Uhr Mittlerer Saal Liederabende III

Liederabende 26–27

Sa, 24. Okt 2026, 18:00

Mittlerer Saal

Christian Gerhaher & Gerold Huber

Er ist einer der großen Liedersänger unserer Zeit: Christian Gerhaher widmet sich gemeinsam mit Gerold Huber dem Liedschafen Robert Schumanns.

Do, 8. Apr 2027, 19:30

Mittlerer Saal

Konstantin Krimmel, Maren

Ulrich & Ammiel Bushakevitz

Heinrich Heine – Schöne Wiege meiner Leiden

Lesung und Liederabend im Zeichen des Dichters, Satirikers und Journalisten Heinrich Heine mit Shootingstar Konstantin Krimmel

So, 23. Mai 2027, 18:00

Mittlerer Saal

Sabine Devieilhe & Mathieu Pordoy

Sopranistin Sabine Devieilhe interpretiert französische und deutsche Lieder von Fanny Hensel, Alma Mahler, Franz Liszt, Mélanie Bonis und Claude Debussy.

und Infos:

alla breve

Das Programm auf einen Blick

Nicht als Sänger, sondern als Geschichtenerzähler versteht sich der britische Tenor Mark Padmore, der als Evangelist in Bachs Oratorien und Passionen weltberühmt geworden ist. Die Interpretationen des profilierten Liedsängers unterliegen einer ständigen Reflexion und Verfeinerung, mit einer unendlichen Liebe zum noch so kleinsten Detail.

Am Klavier begleitet von Julius Drake, präsentiert Padmore bei seinem Liederabend ein intimes Programm, das Werke von Clara und Robert Schumann Kompositionen von Rebecca Clarke den Hölderlin-Fragmenten und dem Liedzyklus Winter Words von Benjamin Britten gegenüberstellt, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum fünfzigsten Mal jährt.

Programm & Besetzung

Clara Schumann 1819–1896

Auswahl aus: Sechs Lieder op. 13 // 1842

Nr. 1 »Ich stand in dunklen Träumen«

Nr. 2 »Sie liebten sich Beide«

Nr. 4 »Der Mond kommt still gegangen«

»Liebst du um Schönheit« op. 12, Nr. 4 // 1841

Lorelei // 1843

Robert Schumann 1810–1856

Auswahl aus: Fünf Lieder op. 40 ›Andersen-Lieder‹ // 1840

Nr. 1 Märzveilchen

Nr. 2 Muttertraum

Nr. 3 Der Soldat

Nr. 4 Der Spielmann

Rebecca Clarke 1886–1979

Tiger, Tiger // 1929

Lethe // 1941

Eight O’Clock // 1927

The Seal Man // 1921–22

// Pause //

Benjamin Britten // 1913–1976

Sechs Hölderlin-Fragmente op. 61 // 1958

Nr. 1 Menschenbeifall

Nr. 2 Die Heimat

Nr. 3 Sokrates und Alcibiades

Nr. 4 Die Jugend

Nr. 5 Hälfte des Lebens

Nr. 6 Die Linien des Lebens

Winter Words op. 52 // 1953

Nr. 1 At day-close in November

Nr. 2 Midnight on the Great Western (or The Journeying Boy)

Nr. 3 Wagtail and Baby (A Satire)

Nr. 4 The little old table

Nr. 5 The Choirmaster’s Burial

Nr. 6 Proud songsters (Thrushes, Finches and Nightingales)

Nr. 7 At the Railway Station, Upway (or The Convict and Boy with the Violin)

Nr. 8 Before Life and After

Konzertende: ca. 21:30 Uhr

Mark Padmore Tenor
Julius Drake Klavier

»Du vervollständigst mich als Componisten wie ich Dich.«

Lieder von Clara und Robert Schumann

Als der 18-jährige Robert Schumann, der wenige Monate zuvor auf Drängen seiner Mutter und nur mit Widerwillen ein Jurastudium an der Universität Leipzig begonnen hat, im August 1828 seinen Klavierunterricht beim renommierten Musikpädagogen Friedrich Wieck aufnimmt, lernt er dessen achtjährige, musikalisch hochtalentierte Tochter Clara kennen. Zwölf Jahre später, am 12. September 1840, findet in der Dorfkirche des nordöstlich von Leipzig gelegenen Schönefeld ihre Hochzeit statt.

»Du vervollständigst mich als Componisten, wie ich Dich. Jeder Deiner Gedanken kömmt aus meiner Seele, wie ich ja meine ganze Musik Dir zu verdanken habe.«

Robert Schumann am 10. Juli 1839 an Clara Wieck

Ist das ›Wunderkind‹ Clara zunächst allein aufgrund ihrer pianistischen Virtuosität Gegenstand von Schumanns Bewunderung, so wächst mit den Jahren seine Zuneigung zu der vielseitig begabten jungen Frau, mit der er sich auch auf künstlerischer Ebene verbunden fühlt. »Klara’s Augen u[nd] ihre Liebe«, notiert er für den Herbst 1835 in seinem Tagebuch, nachdem er im Sommer seine Verlobung mit Ernestine von Fricken, ebenfalls eine Klavierschülerin Friedrich Wiecks, aufgelöst hat. Wenig später ergänzt er: »Der erste Kuß im November«. Doch neben »Klara’s Augen« spürt Schumann auch die ihres Vaters auf sich ruhen, der die Beziehung mit argwöhnischem Blick beobachtet. Schon bald verbietet er ihr den Umgang mit Schumann; doch die Liebenden finden Wege, lassen sich heimliche, codierte Briefe zukommen, treffen sich im Verborgenen. Als sie von September

Clara Wieck im Jahr vor ihrer Hochzeit mit Robert Schumann, Lithografie von Josef Kriehuber, 1839
Robert Schumann, Lithografie von Josef Kriehuber, 1839
Lieder von Clara und Robert Schumann

1839 an die vom (Schwieger-)Vater verweigerte Heiratsbewilligung vor dem Leipziger Appellationsgericht erstreiten wollen, sieht Wieck die Früchte seiner langjährigen, aufopfernden Ausbildung Claras in Gefahr: »Wie soll ein Mann«, klagt er seinen unerwünschten Schwiegersohn in spe gegenüber dem Gericht an, »der im höchsten Grade träge, unzuverlässig, unfügsam, trotzig, widerspenstig, eigensinnig, kindisch, unmännlich, mit einem Worte für das soziale Leben völlig verloren ist, der nicht verständlich sprechen und nicht leserlich schreiben, sich in kein Verhältnis fügen und nichts zur rechten Zeit tun kann […], als Begleiter der Clara auf Kunstreisen dienen?« Doch beiden gelingt das Undenkbare und »das Band, welches gegenseitige zärtlichste Neigung und innigste Hochachtung um unsere Herzen geschlungen« hat, so das Paar in seinem Gesuch, ist stärker als alle Hindernisse: Unbeschadet widersteht es dem Räderwerk der durch Wiecks Interventionen langsam mahlenden Mühlen der Justiz, ehe die vom Gericht erteilte Heiratsbewilligung am 12. August 1840 endlich rechtskräftig wird.

Trotz früher Erfolge bleibt Claras Haltung zum eigenen schöpferischen Wirken zeitlebens ambivalent: »Ich glaubte einmal das Talent des Schaffens zu besitzen«, notiert sie im Herbst 1839, knapp ein Jahr vor ihrer Hochzeit, in ihrem Tagebuch, »doch von dieser Idee bin ich zurückgekommen, ein Frauenzimmer muß nicht componieren wollen – es konnte es noch keine, sollte ich dazu bestimmt sein?« Bemerkenswert ist, dass diese Akzeptanz gesellschaftlicher Normen zumeist eher von ihr selbst als von ihrem (späteren) Ehemann ausgeht, der sie immer wieder zum Komponieren ermuntert, obwohl auch er sich gefangen findet zwischen dem poetischen Ideal einer ›Künstlerehe‹ und der prosaischen Realität des Familienlebens. »Aber Kinder haben und einen immer phantasirenden Mann, und componiren geht nicht zusammen«, hält er am 17. Februar 1843 im gemeinsamen Ehetagebuch fest: »Es fehlt ihr die anhaltende Uebung, und dies rührt mich oft, da so mancher innige Gedanke verloren geht, den sie nicht auszuführen vermag.«

Während Clara an sich zweifelt, versucht Robert, sie in den Sog seines Schaffensdrangs des später als ›Liederjahr‹ 1840 bezeichneten Zeitraums

Lieder von Clara und Robert Schumann

vor und nach ihrer Hochzeit hineinzuziehen: »Denkst Du denn etwa, weil ich so viel componire, kannst Du müßig sein«, schreibt er ihr am 13. März. »Mach’ doch ein Lied einmal! Hast Du angefangen, so kommst Du nicht wieder los. Es ist gar zu verführerisch.« Erst ein halbes Jahr später, in den Tagen nach ihrer Hochzeit, und nur zögerlich nimmt sich Clara diese Worte zu Herzen und überrascht Robert zum Weihnachtsfest 1840 mit dem Manuskript dreier Lieder, darunter »Ich stand in dunklen Träumen«, das sie drei Jahre später in ihren Sechs Liedern op. 13 veröffentlicht, eine Sammlung, in die sie auch das 1842 als Geschenk zu Roberts 32. Geburtstag am 8. Juni geschriebene »Sie liebten sich Beide« sowie »Der Mond kommt still gegangen« aus dem Juli 1843 aufnimmt. Die Fünf Lieder op. 40 brachte Robert im Juli 1840 innerhalb von nur zwei Tagen zu Papier. Dabei griff er auf Gedichte von Adalbert von Chamisso zurück, wobei es sich bei den Lieder Nr. 1 bis 4 dabei um Übertragungen originaler Texte von Hans Christian Andersen handelt, was dem Zyklus seinen Beinamen ›Andersen-Lieder‹ eingebracht hat. Tatsächlich handelt es sich weniger um wörtliche Übersetzungen als um freie Nachschöpfungen der dänischen Originale, die Chamisso 1831 während einer Deutschlandreise Andersens in Berlin vom Dichter persönlich anvertraut bekommen hatte.

Beflügelt von der gemeinsamen Utopie eines allen Konventionen trotzenden Künstlerehepaars vollendet Robert zu Beginn des Jahres 1841 zehn Lieder auf Texte aus Friedrich Rückerts Liebesfrühling und schlägt Clara gleichzeitig fünf Gedichte der Sammlung zur Vertonung vor.

Obwohl sie abermals hadert und in ihrer ungewohnten Rolle als Hausfrau und werdende Mutter zwischen den Arbeitsstunden ihres Mannes kaum Zeit und Muße findet, kann sie Robert an seinem 31. Geburtstag am 8. Juni 1841 vier Lieder überreichen, unter ihnen das dramatisch vorwärtsstürmende »Er ist gekommen in Sturm und Regen« sowie das volksliedhafte »Liebst du um Schönheit«. Ohne ihr Wissen wendet sich Robert schon wenige Tage darauf an den Verlag Breitkopf & Härtel: »Ich möchte meiner Frau an ihrem Geburtstag […] eine kleine Freude bereiten mit Folgendem: Wir haben zusammen eine Anzahl Rückertscher Lieder componirt, die sich wie Fragen und Antworten auf einander beziehen, u. s. w. – Diese Sammlung hätte ich ihr nun gern an

Lieder von Clara und Robert Schumann

jenem Tag gedruckt beschert. Ist es Ihnen nun möglich, dies Heft bis zu jener Zeit fertig zu bringen?« Am 13. September, ihrem 22. Geburtstag, zwölf Tage nach der Geburt ihres ersten Kindes Marie, findet Clara auf dem mit Präsenten reich gedeckten Gabentisch neben dem ersten gedruckten Stimmensatz von Roberts 1. Symphonie B-Dur op. 38, einer Partitur von Mozarts Don Giovanni sowie Seife und Parfüm auch die auf zwei Hefte aufgeteilte Edition der Zwölf Gedichte aus F. Rückert’s Liebesfrühling für Gesang und Pianoforte von Robert und Clara Schumann. Op. , die drei ihrer Vertonungen sowie neun ihres Mannes enthält, ohne Kennzeichnung, wem die einzelnen Lieder jeweils zuzuordnen sind.

Op. Der Liebesfrühling wurde zugleich als Opus 37 in Roberts und als Opus 12 in Claras Werkverzeichnis aufgenommen

Der Dichter Rückert, dem die Schumanns im Mai 1842 ein Exemplar ihres Liebesfrühlings zukommen lassen, bedankt sich mit einem Gedicht, das er dem Paar im darauffolgenden Juni zusendet:

Lang ists, lang,

Seit ich meinen Liebesfrühling sang; Aus Herzensdrang, Wie er entsprang, Verklang in Einsamkeit der Klang.

Zwanzig Jahr

Wurdens, da hört’ ich hier und dar

Der Vogelschaar Einen, der klar

Pfiff einen Ton, der dorther war.

Und nun gar Kommt im einundzwanzigsten Jahr

Ein Vogelpaar, Macht erst mir klar, Daß nicht ein Ton verloren war.

Meine Lieder

Singt ihr wieder, Mein Empfinden Klingt ihr wieder, Mein Gefühl

Beschwingt ihr wieder, Meinen Frühling Bringt ihr wieder, Mich, wie schön, Verjüngt ihr wieder: Nehmt meinen Dank, wenn euch die Welt, Wie mir einst, ihren vorenthält!

(Und werdet ihr den Dank erlangen, So hab’ ich meinen mit empfangen.)

Vor ihrer Zeit

Lieder von Rebecca Clarke

»Als ich erstmals Erfolg hatte […] mit der Violasonate […] ging, wie ich hörte, das Gerücht um, ich hätte das Stück nicht selbst geschrieben. […] Das Lustigste war ein Zeitungsausschnitt, in dem stand, dass ich gar nicht existiere, dass es keine Person namens Rebecca Clarke gibt und dass es sich um ein Pseudonym handelt […] für Ernest Bloch.«

Rebecca Clarke, Programmnotiz zu ihrer Sonate für Viola und Klavier 1977

Dass sich an der gesellschaftlichen Stellung komponierender Frauen auch zwei Generationen nach Clara Schumann erstaunlich wenig geändert hat, zeigt ein Blick auf das Werk und Wirken der am 27. August 1886 im englischen Harrow (heute Stadtbezirk von London) als Tochter einer deutschen Mutter und eines amerikanischen Vaters geborenen Rebecca Clarke. Ihr 1903 aufgenommenes Violinstudium an der Royal Academy of Music musste sie 1905 auf Drängen ihres Vaters abbrechen, nachdem ihr Percy Hilder Miles, Dozent für Harmonielehre, einen Heiratsantrag gemacht hatte. 1908 führte sie ihre Studien am Royal College of Music fort. Neben ihrem späteren Beruf als Bratschistin in Kammermusikensembles und Orchestern, betätigte sie sich auch als Komponistin. 1919 und 1921 erhielt sie Preise bei der Berkshire Competition und 1923 einen Kompositionsauftrag der Mäzenin Elizabeth Sprague Coolidge und steht damit als einzige Frau in einer Reihe mit Kollegen wie Béla Bartók, Benjamin Britten, Aaron Copland, Igor Strawinski und Maurice Ravel. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges emigrierte sie in die USA, wo sie 1944 den Pianisten James Friskin heirate und nur noch sporadisch komponierte. Die Tatsache, dass von den knapp 100 überlieferten Werken Clarkes – die sie, um der Geringschätzung als kom-

Lieder von Rebecca Clarke

ponierende Frau zu entgehen, zunächst unter dem Pseudonym Anthony Trent veröffentlichte – nur 20 gedruckt und davon nur 10 öffentlich aufgeführt wurden, zeigt, dass sie zwar das Talent, nicht jedoch die Plattform und die Netzwerke besaß, mit ihrer Musik nachhaltig Gehör zu finden.

Rebecca Clarke, Fotografie von Frank Scott Clark, 1918

»How long, how long?«

Benjamin Britten // Hölderlin-Fragmente & Winter Words

Wiewohl sich Benjamin Britten in seinem umfangreichen Schaffen für Gesang zumeist auf englischsprachige Lyrik konzentrierte, verfasste er ganze vier ›reife‹ Zyklen in anderen Sprachen: Les Illuminations op. 18 aus dem Jahr 1939 auf Gedichte des Franzosen Arthur Rimbaud, die unmittelbar danach komponierten Seven Sonnets of Michelangelo op. 22 in italienischer Sprache, der 1965 vollendete russischsprachige Zyklus The Poet’s Echo op. 76 auf Texte Alexander Puschkins und schließlich die Sechs Hölderlin-Fragmente op. 68, entstanden 1958 unter Verwendung von Gedichten Friedrich Hölderlins. Britten widmete das Werk seinem engen Freund Ludwig von Hessen und bei Rhein zum fünfzigsten Geburtstag. Dieser hatte Britten zuvor auf Hölderlin aufmerksam gemacht und in dessen Wald-Schlossanlage ›Wolfsgarten‹ bei Langen (Hessen) wurden die Hölderlin-Fragmente am 20. September 1958 mit Britten am Klavier und seinem Lebensgefährten Peter Pears als Sänger auch uraufgeführt, wenige Woche später fand die Aufnahme und Ausstrahlung des Werks mit beiden Musikern durch die BBC statt.

Schon in den ersten Takten von Menschenbeifall wird das zentrale Element des Zyklus postuliert: Das Spannungsfeld zwischen irdischem Dasein und göttlicher Vollendung, symbolisiert durch kraftvoll aufsteigende Linien des Klaviers und kulminierend in der Feststellung: »An das Göttliche glauben / Die allein, die es selber sind.« Inmitten der mysteriös-asketischen Klangwelt des Zyklus sticht Die Heimat mit sanft fließenden Begleitfiguren und berückend sehnsuchtsvoller Melodik hervor: »Ach! gebt ihr mir, / Ihr Wälder meiner Kindheit, wann ich / Komme, die Ruhe noch Einmal wieder?« Im Zwiegespräch zwischen Sokrates und Alcibiades wird die rezitativartige Frage des Schülers nach der Rechtfertigung irdischer Liebe – »Warum huldigest du, heiliger Sokrates, / Diesem Jünglinge stets« – von warm strahlenden Dur-

Benjamin Britten // Hölderlin-Fragmente & Winter Words

Akkorde des Philosophen beantwortet: »Und es neigen die Weisen / Oft am Ende zu Schönem sich.« Der mit sprunghafter Walzer-Assoziation inszenierten Unbekümmertheit von Die Jugend steht in Die Hälfte des Lebens Unsicherheit und Furcht in Form von drückender Chromatik und nervös pulsierenden Triolen gegenüber, die zuletzt gar in Panik und Wahnsinn umzukippen scheinen. All diese zwischen Leben und Tod, Jugend und Alter, Menschsein und Göttlichkeit geknüpften Stränge werden im finalen Die Linien des Lebens noch einmal zusammengeführt. Streng kontrapunktisch folgt hier die Linie des Gesangs jener des Klaviers in doppelten Notenwerten: »Die Linien des Lebens sind verschieden, / Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.« Immer enger dreht sich die kanonische Schraube und zugleich immer höher, entgrenzter und freier wird der Gesang, ehe er zu kraftvollen Klängen triumphierend verkündet: »Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen / Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.«

»My head is swimming with Hölderlin.«

Benjamin Britten am 12. März 1958 an Ludwig von Hessen

Die 1853, fünf Jahre vor den Hölderlin-Fragementen entstandenen Winter Words brachte Britten zwischen der Arbeit an seiner anlässlich der Krönung Elisabeths II. komponierten Oper Gloriana und jener an seiner Kammeroper The Turn of the Screw zu Papier. Schon lange hatte sich der Komponist mit der romantischen Sprachgewalt und dem rauem, humorvoll-direktem Tonfall der Lyrik Thomas Hardys beschäftigt, nach dessen letzter, 1928 posthum veröffentlichter Gedichtsammlung der Zyklus auch benannt ist. Mit Winter Words knüpfte Britten aber auch bewusst an Franz Schuberts Winterreise an, dessen Idee der Wanderung als Metapher menschlicher Existenz sich in den einzelnen ›Szenen‹ der Winter Words widerspiegelt. Die Uraufführung des Zyklus fand am 8. Oktober 1953 mit Britten und Pears im Rahmen des Leeds Festival statt. Britten widmete das Werk John and Myfanwy Piper – Letztere arbeite zu dieser Zeit am Libretto für The Turn of the Screw.

Feinsinnige Minaturen wie Wagtail and Baby (Bachstelze und Baby) mit seinem flatternden Figurationen, das Pfeifen des Zuges in Midnight on

Benjamin Britten und Peter Pears, 1946

the Great Western (Mitternacht auf der Great Western) oder The Little Old Table (Der kleine alte Tisch), in dem das Knarren des Tisches vom Klavier imitiert wird, stehen in Winter Words neben balladesken Stücken, wie etwa The Choirmaster’s Burial (Die Beerdigung des Chorleiters) – in dem der Lieblingspsalm des Chorleiters, Mount Ephraim, nicht nur beschrieben wird sondern auch zu hören ist. Kulminationspunkt ist das abschließende Before Life and After (Vor und nach dem Leben), dass sich von lyrischer Idyll zu immer größerer Intensität steigert, ehe der Zyklus mit der eindringlichen, flehentlichen Frage endet:

But the disease of feeling germed, And primal rightness took the tinct of wrong: Ere nescience shall be reaffirmed How long, how long?

Doch die Krankheit des Fühlens keimte und ursprüngliche Echtheit nahm die Farbe der Falschheit an; wie lange, bis Unbewußtheit wieder hergestellt wird, wie lange, wie lange?

Gesangstexte

Clara Schumann Auswahl aus: Sechs Lieder op. 13

Nr. 1 »Ich stand in dunklen Träumen«

Text: Heinrich Heine

Ich stand in dunklen Träumen

Und starrte ihr Bildnis an, Und das geliebte Antlitz Heimlich zu leben begann.

Um ihre Lippen zog sich

Ein Lächeln wunderbar, Und wie von Wehmutstränen Erglänzte ihr Augenpaar.

Auch meine Tränen flossen

Mir von den Wangen herab –Und ach, ich kann’s nicht glauben, Dass ich dich verloren hab!

Nr. 2 »Sie liebten sich Beide«

Text: Heinrich Heine

Sie liebten sich Beide, doch keiner Wollt’ es dem andern gestehn; Sie sahen sich an so feindlich, Und wollten vor Liebe vergehn.

Sie trennten sich endlich und sah’n sich

Nur noch zuweilen im Traum; Sie waren längst gestorben

Und wussten es selber kaum.

Nr. 4 »Der Mond kommt still gegangen«

Text: Emanuel Geibel

Der Mond kommt still gegangen

Mit seinem gold’nen Schein.

Da schläft in holdem Prangen

Die müde Erde ein.

Und auf den Lüften schwanken

Aus manchem treuen Sinn

Viel tausend Liebesgedanken

Über die Schläfer hin.

Und drunten im Tale, da funkeln

Die Fenster von Liebchens Haus; Ich aber blicke im Dunklen

Still in die Welt hinaus.

»Liebst du um Schönheit«

Text: Friedrich Rückert

Liebst du um Schönheit, O nicht mich liebe!

Liebe die Sonne, Sie trägt ein gold’nes Haar!

Liebst du um Jugend, O nicht mich liebe!

Liebe den Frühling, Der jung ist jedes Jahr!

Liebst du um Schätze, O nicht mich liebe!

Liebe die Meerfrau, Sie hat viel Perlen klar!

Liebst du um Liebe, O ja, mich liebe!

Liebe mich immer, Dich lieb’ ich immerdar!

Lorelei

Text: Heinrich Heine

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Dass ich so traurig bin; Ein Märchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt, Und ruhig fließt der Rhein; Der Gipfel des Berges funkelt Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet Dort oben wunderbar, Ihr goldnes Geschmeide blitzet, Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Robert Schumann

Sie kämmt es mit goldenem Kamme Und singt ein Lied dabei, Das hat eine wundersame, Gewalt’ge Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe

Ergreift es mit wildem Weh; Er schaut nicht die Felsenriffe, Er schaut nur hinauf in die Höh’.

Ich glaube, die Wellen verschlingen Am Ende Schiffer und Kahn; Und das hat mit ihrem Singen Die Lorelei getan.

Auswahl aus: Fünf Lieder op. 40 ›Andersen-Lieder‹

Texte: Adelbert von Chamisso nach Hans Christian Andersen

Nr. 1 Märzveilchen

Der Himmel wölbt sich rein und blau, Der Reif stellt Blumen aus zur Schau.

Am Fenster prangt ein flimmernder Flor.

Ein Jüngling steht, ihn betrachtend, davor.

Und hinter den Blumen blühet noch gar

Ein blaues, ein lächelndes Augenpaar.

Märzveilchen, wie jener noch keine gesehn. Der Reif wird angehaucht zergeh’n.

Eisblumen fangen zu schmelzen an, Und Gott sei gnädig dem jungen Mann.

Nr. 2 Muttertraum

Die Mutter betet herzig und schaut Entzückt auf den schlummernden Kleinen. Er ruht in der Wiege so sanft und traut. Ein Engel muss er ihr scheinen.

Sie küsst ihn und herzt ihn, sie hält sich kaum. Vergessen der irdischen Schmerzen, Es schweift in die Zukunft ihr Hoffnungstraum. So träumen Mütter im Herzen.

Der Rab indes mit der Sippschaft sein Kreischt draußen am Fenster die Weise:

Dein Engel, dein Engel wird unser sein!

Der Räuber dient uns zur Speise!

Nr. 3 Der Soldat

Es geht bei gedämpfter Trommel Klang; Wie weit noch die Stätte! Der Weg wie lang! O wär er zur Ruh und alles vorbei!

Ich glaub’, es bricht mir das Herz entzwei.

Ich hab’ in der Welt nur ihn geliebt, Nur ihn, dem jetzt man den Tod doch gibt. Bei klingendem Spiele wird paradiert, Dazu bin auch ich kommandiert.

Nun schaut er auf zum letzten Mal In Gottes Sonne freudigen Strahl, –Nun binden sie ihm die Augen zu, –Dir schenke Gott die ewige Ruh!

Es haben dann Neun wohl angelegt, Acht Kugeln haben vorbeigefegt; Sie zittern alle vor Jammer und Schmerz— Ich aber, ich traf ihn mitten in das Herz.

Nr. 4 Der Spielmann

Im Städtchen gibt es des Jubels viel, Da halten sie Hochzeit mit Tanz und mit Spiel, Dem Fröhlichen blinket der Wein so rot, Die Braut nur gleicht dem getünchten Tod.

Ja tot für den, den nicht sie vergisst, Der doch beim Fest nicht Bräutigam ist; Da steht er inmitten der Gäste im Krug, Und streichet die Geige lustig genug!

Er streichet die Geige, sein Haar ergraut, Es schwingen die Saiten gellend und laut, Er drückt sie ans Herz und achtet es nicht, Ob auch sie in tausend Stücke zerbricht.

Es ist gar grausig, wenn einer so stirbt, Wenn jung sein Herz um Freude noch wirbt; Ich mag und will nicht länger es seh’n!

Das möchte den Kopf mir schwindelnd verdreh’n.—

Wer heißt euch mit Fingern zeigen auf mich?

O Gott – bewahr uns gnädiglich, Dass keinen der Wahnsinn übermannt; Bin selber ein armer Musikant.

Text: William Blake

Übersetzung: William Auld

Tiger Tiger, burning bright, In the forests of the night; What immortal hand or eye, Could frame thy fearful symmetry?

In what distant deeps or skies Burnt the fire of thine eyes?

On what wings dare he aspire? What the hand, dare seize the fire?

And what shoulder, & what art, Could twist the sinews of thy heart? And when thy heart began to beat, What dread hand? & what dread feet?

What the hammer? what the chain, In what furnace was thy brain?

What the anvil? what dread grasp, Dare its deadly terrors clasp!

When the stars threw down their spears

And water’d heaven with their tears: Did he smile his work to see? Did he who made the Lamb make thee?

Tiger Tiger, burning bright, In the forests of the night: What immortal hand or eye, Dare frame thy fearful symmetry?

Tiger, Tiger, Feuerspracht in der Dschungeln dunkler Nacht: Welches Aug’, welch ew’ge Hand formten Deines Schreckens Brand?

In welch’ Himmeln ungeheuer schmolzen Deiner Augen Feuer?

Auf welch’ Flügeln, unbenannt, flog der, der ergriff den Brand?

Welcher Schulter Können wand Deines Herzens Sehnenstrang? Wer, als Herzens Schlag begann, furchtbar Hand und Fuß ersann?

Welche Kett’ und Hammer fand in welch' Kessel den Verstand? Welcher Amboß, welche Welt Deine Todesschrecken hält?

Als der Sterne Speer herab Tränen unserm Himmel gab: Hat vollbracht er’s und gelacht, sowohl Lamm wie Dich gemacht?

Tiger, Tiger, Feuerspracht in den Dschungeln dunkler Nacht: Welches Auge, welche Hand wagten Deines Schreckens Brand?

Lethe

Text: Edna St. Vincent Millay

Übersetzung: Andreas Meier

Ah, drink again

This river that is the taker-away of pain

And the giver-back of beauty!

In these cool waves

What can be lost?

Only the sorry cost

Of the lovely thing, ah, never the thing itself!

The level flood that laves

The hot brow

And the stiff shoulder

Is at our temples now

Gone is the fever

But not into the river;

Melted the frozen pride

But the tranquil tide

Runs never the warmer for this

Never the colder

Immerse the dream

Drench the kiss

Dip the song in the stream

Ach, trink noch einmal von diesem Fluss, der allen Schmerz dir nimmt und Schönheit gibt zurück!

Was in diesen kühlen Wellen gäbe es zu verlieren?

Nur den armseligen Preis der schönen Sache, doch, ach, nie die schöne Sache selbst!

Die ruhige Flut, die die heiße Stirn umspült und die steife Schulter, ist nun an unseren Schläfen.

Verschwunden ist das Fieber, aber nicht in den Fluss hinein; geschmolzen ist der gefrorene Stolz, doch die sanften Gezeiten wurden dadurch nicht wärmer und nicht kälter.

Bette dich in den Traum, tränke den Kuss, tauche das Lied in den Strom.

Eight O’Clock

Text: Alfred Edward Housman

Übersetzung: Andreas Meier

He stood, and heard the steeple Sprinkle the quarters on the morning town. One, two, three, four, to market-place and people It tossed them down.

Strapped, noosed, nighing his hour, He stood and counted them and cursed his luck; And then the clock collected in the tower Its strength, and struck.

The Seal Man

Text: John Masefield

Übersetzung: Andreas Meier

And he came by her cabin to the west of the road, calling. There was a strong love came up in her at that, and she put down her sewing on the table, and »Mother,« she says, »There’s no lock, and no key, and no bolt, and no door. There’s no iron, nor no stone, nor anything at all will keep me this night from the man I love.«

Er stand da und hörte den Kirchturm die Viertelstunden über die morgendliche Stadt verstreuen. Eins, zwei, drei, vier, so warf er sie hinab zum Marktplatz und den Leuten.

Gefesselt, in der Schlinge, seine Stunde nah, stand er da und zählte sie und verfluchte sein Glück; und dann sammelte die Uhr im Turm ihre Kraft und schlug.

Und er kam an ihrer Hütte westlich der Straße vorbei und rief. Da erwachte in ihr eine starke Liebe und sie legte ihr Nähzeug auf den Tisch und sagte »Mutter, kein Schloss, kein Schlüssel, kein Riegel und keine Tür; kein Eisen, kein Stein noch irgendetwas anderes wird mich in dieser Nacht von dem fernhalten, den ich liebe.«

And she went out into the moonlight to him, there by the bush where the flow’rs is pretty, beyond the river.

And he says to her: »You are all of the beauty of the world, will you come where I go, over the waves of the sea?«

And she says to him: »My treasure and my strength,« she says, »I would follow you on the frozen hills, my feet bleeding.«

Then they went down into the sea together, and the moon made a track upton the sea, and they walked down it; it was like a flame before them. There was no fear at all on her; only a great love like the love of the Old Ones, that was stronger than the touch of the fool.

She had a little white throat, and little cheeks like flowers, and she went down into the sea with her man, who wasn't a man at all.

She was drowned, of course.

It’s like he never thought that she wouldn’t bear the sea like himself.

She was drowned, drowned.

// Pause //

Und bei Mondenschein ging sie hinaus zu ihm, dort bei dem Busch, bei den schönen Blumen, jenseits des Flusses.

Und er sagt zu ihr: »Du bist die ganze Schönheit der Welt, wirst du mit mir kommen, über die Wellen der See?«

Und sie sagt zu ihm: »Mein Schatz und meine Stärke«, sagt sie, »Ich würde dir auf vereisten Hügeln mit blutenden Füßen folgen.«

Dann gingen sie gemeinsamen ins Meer hinab und der Mond beschien einen Pfad ins Meer und sie gingen hinab; es war wie eine Flamme vor ihnen. Sie fürchtete sich nicht; sie spürte nur eine große Liebe, wie die Liebe der Alten, die stärker war als die Berührung des Narren.

Sie hatte eine kleine weiße Kehle und zarte Wangen wie Blumen und sie stieg hinab ins Meer mit ihrem Mann, der eigentlich gar kein Mann war. Natürlich ertrank sie.

Als hätte er nie daran gedacht, dass sie das Meer nicht so ertragen würde, wie er selbst. Sie ertrank, ertrank.

Benjamin Britten

Sechs Hölderlin-Fragmente

Texte: Friedrich Hölderlin

Nr. 1 Menschenbeifall

Ist nicht heilig mein Herz, schöneren Lebens voll, Seit ich liebe? Warum achtetet ihr mich mehr, Da ich stolzer und wilder, Wortereicher und leerer war?

Ach! der Menge gefällt, was auf den Markplatz taugt, Und es ehret der Knecht nur den Gewaltsamen;

An das Göttliche glauben

Die allein, die es selber sind.

Nr. 2 Die Heimat

Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom Von fernen Inseln, wo er geerntet hat; Wohl möcht' auch ich zur Heimat wieder; Aber was hab' ich, wie Leid, geerntet?Ihr holden Ufer, die ihr mich auferzogt, Stillt ihr der Liebe Leiden? ach! gebt ihr mir, Ihr Wälder meiner Kindheit, wann ich Komme, die Ruhe noch Einmal wieder?

Nr. 3 Sokrates und Alcibiades

»Warum huldigest du, heiliger Sokrates, Diesem Jünglinge stets? Kennest du Größers nicht, Warum siehet mit Liebe, Wie auf Götter, dein Aug’ auf ihn?«

Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste, Hohe Tugend versteht, wer in die Welt geblickt, Und es neigen die Weisen

Oft am Ende zu Schönem sich.

Nr. 4 Die Jugend

Da ich ein Knabe war, Rettet’ ein Gott mich oft Vom Geschrei und der Rute der Menschen, Da spielt ich sicher und gut

Mit den Blumen des Hains, Und die Lüftchen des Himmels Spielten mit mir.

Und wie du das Herz

Der Pflanzen erfreust, Wenn sie entgegen dir

Die zarten Arme strecken,

So hast du mein Herz erfreut, Vater Helios! und, wie Endymion, War ich dein Liebling, Heilige Luna!

O all ihr treuen Freundlichen Götter! Daß ihr wüßtet, Wie euch meine Seele geliebt!

Doch kannt ich euch besser, Als ich je die Menschen gekannt Ich verstand die Stille des Aethers, Der Menschen Worte verstand ich nie.

Mich erzog der Wohllaut

Des säuselnden Hains, Und lieben lernt ich

Unter den Blumen.

Im Arme der Götter wuchs ich groß.

Nr. 5 Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget

Und voll mit wilden Rosen

Das Land in den See, Ihr holden Schwäne, Und trunken von Küssen

Tunkt ihr das Haupt Ins heilignüchterne Wasser.

Nr. 6 Die Linien des Lebens

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn Es Winter ist, die Blumen, und wo Den Sonnenschein, Und Schatten der Erde?

Die Mauern stehn Sprachlos und kalt, im Winde Klirren die Fahnen.

Die Linien des Lebens sind verschieden, Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen. Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen

Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.

Winter Words

Texte: Thomas Hardy

Übersetzungen: Andreas Meier

Nr. 1 At day-close in November

The ten hours’ light is abating, And a late bird wings across, Where the pines, like waltzers waiting, Give their black heads a toss.

Beech leaves, that yellow the noontime, Float past like specks in the eye; I set every tree in my June time, And now they obscure the sky.

And the children who ramble through here

Conceive that there never has been A time when no tall trees grew here, That none will in time be seen.

Das Zehnstundenlicht verblasst und ein später Vogel streift vorbei, wo die Kiefern wie wartende

Walzer-Tänzer ihren schwarzen Köpfen einen Ruck geben.

Buchenblätter, die den Mittag vergolden, schweben vorbei wie Flecken im Auge; ich pflanzte jeden Baum im Sommer meines Lebens, und nun verdunkeln sie den Himmel.

Und die Kinder, die hier herumstreifen, denken, dass es nie eine Zeit gab, in der hier keine großen Bäume wuchsen, und dass beizeiten keine mehr zu sehen sein werden.

Nr. 2 Midnight on the Great Western (or The Journeying Boy)

In the third-class seat sat The journeying boy.

And the roof-lamp’s oily flame

Played down on his listless form and face, Bewrapt past knowing to what he was going, Or whence he came.

Im Dritte-Klasse-Abteil saß der reisende Junge. Und das ölige Licht der Deckenlampe schien auf seinen matten Körper und sein Gesicht, in sich versunken, ohne zu wissen, wohin er fuhr oder woher er kam.

In the band of his hat the journeying boy

Had a ticket stuck; and a string

Around his neck bore the key of his box, That twinkled gleams of the Lamp’s sad beams Like a living thing.

What past can be yours, O journeying boy,

Towards a world unknown,

Who calmly, as if incurious quite

On all at stake, can undertake This plunge alone?

Knows your soul a sphere, O journeying boy,

Our rude realms far above, Whence with spacious vision

You mark and mete

This region of sin that you find you in, But are not of?

In sein Hutband hatte der reisende Junge eine Fahrkarte gesteckt; und an einer Schnur um seinen Hals hing der Schlüssel zu seiner Kiste, der die traurigen Strahlen der Lampe wie ein lebendiges Ding reflektierte.

Wie könnte deine Vergangenheit aussehen, o reisender Junge, auf dem Weg in eine unbekannte Welt, der du ruhig, wie gleichgültig gegenüber allem, was auf dem Spiel steht, diesen Sprung alleine wagst?

Kennt deine Seele eine Sphäre, o reisender Junge, weit über unsren rauen Gefilden, von wo aus du mit weitem Blick, diesen Ort der Sünde, in dem du dich befindest, erkennen und ermessen kannst, zu dem du aber nicht gehörst?

Nr. 3 Wagtail and Baby (A Satire)

A baby watched a ford, whereto

A wagtail came for drinking;

A blaring bull went wading through, The wagtail showed no shrinking.

A stallion splashed his way across,

The birdie nearly sinking;

Ein Baby beobachtete eine Furt, wohin eine Bachstelze flog, um zu trinken; ein brüllender Stier watete hindurch, die Bachstelze zeigte keine Regung.

Ein Hengst lief wasser-spritzend hindurch, das Vögelchen versank fast;

He gave his plumes a twitch and toss, And held his own unblinking.

Next saw the baby round the spot

A mongrel slowly slinking; The wagtail gazed, but faltered not In dip and sip and prinking.

A perfect gentleman then neared; The wagtail, in a winking, With terror rose and disappeared; The baby fell a-thinking.

es zuckte und schüttelte seine Federn und blieb stur auf seinem Platz.

Als nächstes sah das Baby an der Stelle einen Köter, langsam anschleichend; die Bachstelze blickte, zögerte aber nicht, zu tauchen, zu trinken und sich zu putzen.

Da kam ein tadelloser Gentleman; die Bachstelze, in einem Augenblick, flog voll Schrecken auf und verschwand; das Baby machte sich seine Gedanken.

Nr. 4

The little old table

Creak, little wood thing, creak, When I touch you with elbow or knee; That is the way you speak Of the one who gave you to me!

You, little table, she brought –brought me with her own hand, As she looked at me with a thought: That I did not understand.

– Whoever owns it anon, And hears it, will never know What a history hangs upon This creak from long ago.

Knarr, kleines Holzstück, knarr, wenn Ellbogen oder Knie dich berührt; so erzählst du mir von jener, die dich mir gab!

Dich kleiner Tisch, hat sie mir gebracht –mit ihren eigenen Händen, als sie mich gedankenvoll ansah und ich sie nicht verstand.

– Wer immer ihn bald besitzen wird und es hört, wird niemals wissen, welche Geschichte mit diesem Knarren verbunden ward vor langer Zeit.

Nr. 5

The Choirmaster’s Burial

He often would ask us

That, when he died, After playing so many

To their last rest, If out of us any Should here abide, And it would not task us, We would with our lutes

Play over him

By his grave-brim

The psalm he liked best –

The one whose sense suits ›Mount Ephraim‹

And perhaps we should seem

To him, in death’s dream, Like the seraphim.

As soon as I knew That his spirit was gone I thought this his due, And spoke thereupon.

»I think« said the vicar, »A read service quicker That viols out-of-doors

In these frosts and hoars. That old-fashioned was Requires a fine day, And it seems to me It had better not be.«

Hence, that afternoon, Though never knew he That his wish could not be, To get through it faster

They buried the master Without any tune.

Er fragte uns oft, ob, wenn er stürbe, nachdem er so viele zur letzten Ruhe gespielt hatte, ob ein paar von uns hier verweilen wollten, und ob es möglich wäre, dass wir mit unseren Lauten über ihm spielen würden am Rande seines Grabes, jenen Psalm, der ihm der Liebste war –der eine, der erzählt von ›Mount Ephraim‹ und vielleicht würden wir dadurch, für ihn im Traum des Todes wie Engel erscheinen.

Sobald ich erfuhr, dass sein Geist ihn verlassen hatte, sah ich uns in seiner Schuld und sprach es an.

»Ich denke«, sagte der Vikar, »eine Rede geht schneller, als draußen auf Gamben zu spielen bei Frost und Kälte. Dieser altmodische Brauch verlangt einen sonnigen Tag Und mir scheint, den werden wir nicht haben.«

Darum, an jenem Nachmittag, ohne dass er davon erfuhr, dass sein Wunsch nicht erfüllt werden konnte, um es schneller hinter sich zu bringen, begruben sie den Meister ohne einen einzigen Ton.

But t’was said that, when At the dead of next night

The vicar looked out, There struck on his ken

Thronged roundabout, Where the frost was graying

The headstoned grass, A band all in white

Like the saints in church-glass, Singing and playing

The ancient stave

By the choirmaster’s grave.

Such the tenor man told When he had grown old.

Doch man erzählt sich, dass in der tiefsten Stunde der nächsten Nacht, der Pfarrer aus seinem Fenster sah und Leute gewahr wurde, die sich dort drängten, wo der Frost das Gras um den Grabstein ergrauen ließ, eine Gruppe ganz in weiß, wie die Heiligen in Kirchenfenstern, singend und spielend die alte Weise am Grab des Chormeister.

So erzählte es der Tenorsänger, als er alt geworden war.

Nr. 6 Proud songsters (Thrushes, Finches and Nightingales)

The thrushes sing as the sun is going, And the finches whistle in ones and pairs,

And as it gets dark loud nightingales

In bushes

Pipe, as they can when April wears,

As if all Time were theirs.

These are brand-new birds of twelve months’ growing, Which a year ago, or less than twain, No finches were, nor nightingales, Nor thrushes,

But only particles of grain, And earth, and air, and rain.

Die Drosseln singen, während die Sonne untergeht und die Finken pfeifen allein und zu zweien und dieweil es dunkel wird zwitschern laute Nachtigallen im Gebüsch, wie sie es nur im April können, als ob alle Zeit die ihre wäre.

Das sind nagelneue Vögel, zwölf Monate gewachsen, die vor einem Jahr oder weniger als zweien weder Finken noch Nachtigallen oder Drosseln waren, sondern nur Staubkörner und Erde und Luft und Regen.

Nr. 7 At the Railway Station, Upway (or The Convict and Boy with the Violin)

»There is not much that I can do, For I’ve no money that’s quite my own!«

Spoke up the pitying child –

A little boy with a violin At the station before the train came in –

»But I can play my fiddle to you, And a nice one ’tis, and good in tone!«

The man in the handcuffs smiled; The constable looked, and he smiled, too,

As the fiddle began to twang; And the man in the handcuffs Suddenly sang With grimful glee:

»This life so free Is the thing for me!«

And the constable smiled, and said no word, As if unconscious of what he heard; And so they went on till the train came in –

The convict, and boy with the violin.

»Ich kann nicht viel tun, denn ich habe kein Geld, das mir wirklich gehört!«

Sagte das einfühlsame Kind –ein kleiner Junge mit Geige an der Station, ehe der Zug einfuhr –

»Aber ich kann meine Fiedel für dich spielen, sie ist schön und hat einen guten Klang!«

Der Mann in Handschellen lächelte; der Polizist schaute zu und lächelte auch, als die Fiedel zu klimpern begann und der Mann in Handschellen mit grimmigem Entzücken plötzlich anfing zu singen: »Ein Leben, so frei, das ist etwas für mich!«

Und der Polizist lächelte und sagte kein Wort, als ob er nicht verstünde, was er gehört hatte; und so machten sie weiter, bis der Zug einfuhr –der Sträfling und der Junge mit der Geige.

Nr. 8 Before Life and After

A time there was –as one may guess And as, indeed, earth’s testimonies tell –before the birth of consciousness, When all went well.

None suffered sickness, love, or loss, None knew regret, starved hope, or heart-burnings; None cared whatever crash or cross Brought wrack to things.

If something ceased, no tongue bewailed, If something winced and waned, no heart was wrung; If brightness dimmed, and dark prevailed. No sense was stung.

But the disease of feeling germed, And primal rightness took the tinct of wrong: Ere nescience shall be reaffirmed

How long, how long?

Es gab eine Zeit –wie man vermuten kann und wovon tatsächlich irdische Zeugnisse berichten –vor der Geburt des Bewusstseins, als Alles gut war.

Niemand litt an Krankheit, Liebe oder Verlust, niemand kannte Reue, vergebliche Hoffnung oder Herzschmerz, niemand sorgte sich, dass Unfall oder Leid die Dinge ins Verderben stürzte.

Wenn etwas verging, beklagte es keine Zunge, wenn etwas zitterte und schwand, wurde kein Herz geqäult; wenn die Helligkeit verschwand und die Dunkelheit siegte, wurde kein Sinn verletzt.

Doch die Krankheit des Fühlens keimte und ursprüngliche Echtheit nahm die Farbe der Falschheit an; wie lange, bis Unbewusstheit wieder hergestellt wird, wie lange, wie lange?

13. bis 30. Sep 2026

Mi, 16. Sep 2026, 19:30

Großer Saal

philipp von steinaecker, fleur barron & mahler academy orchestra

Revolution Mahler!

Das aus Mitgliedern europäischer Spitzenorchester bestehende Mahler Academy Orchestra spielt Gustav Mahlers Neunte sowie dessen Kindertotenlieder auf Originalinstrumenten.

So, 27. Sep 2026, 18:00

Mittlerer Saal

johannes hiemetsberger & chorus sine nomine

Bachmann unendlich

Linzer Erstauführung des neuen Werkes Frühling. Leeres Land. von Wolfgang Sauseng auf einen Text von Ingeborg Bachmann mit Johannes Hiemetsberger und dem Chorus sine nomine

Mi, 30. Sep 2026, 19:30

Großer Saal

anja bihlmaier, bbc singers & bbc philharmonic orchestra

Brahms’ Requiem

Johannes Brahms’ Deutsches Requiem kombiniert mit Lili

Boulangers Psaume 24 in einer internationalen Spitzenbesetzung rund um Anja Bihlmaier und das BBC Philharmonic Orchestra brucknerfest.at

Mark Padmore

Tenor

Mark Padmore ist einer der angesehensten Künstler seiner Generation. Er ist regelmäßig an führenden Opernhäusern weltweit tätig. Zu seinen jüngsten Produktionen zählen die Titelrolle in Monteverdis Il ritorno d’Ulisse in patria am Grand Théâtre de Genève, die Titelrolle in Brittens Death in Venice am Royal Opera House, Covent Garden, die als »Geniestreich« bezeichnet wurde, Captain Vere in Brittens Billy Budd und der Evangelist in einer Inszenierung der ›Matthäus-Passion‹ beim Glyndebourne Festival, sowie Hauptrollen in Harrison Birtwistles The Corridor und The Cure beim Aldeburgh Festival.

Im Konzertbereich trat Mark mit den weltweit führenden Orchestern auf. 2017/18 war er Artist in Residence bei den Berliner Philharmonikern, 2016/17 beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Zu seinen jüngsten und kommenden Engagements zählen Auftritte mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem Turku Philharmonic Orchestra, eine Japan-Tournee mit Auftritten beim Le Pont International Music Festival, dem Orchester der Scala und dem BBC Scottish Symphony Orchestra. Mark gibt Solokonzerte auf der ganzen Welt, etwa im Concertgebouw in Amsterdam, in der Carnegie Hall in New York, im Musikverein Wien oder der Londoner Wigmore Hall, wo er 2021/22 Artist in Residence war. Er arbeitet mit Pianist:innen wie Mitsuko Uschida, Paul Lewis und Imogen Cooper zusammen, mit der er 2026 auf ChinaTournee geht. Er hat zahlreiche preisgekrönte Aufnahmen veröffentlicht, darunter Schumanns Dichterliebe mit Kristian Bezuidenhout und Schuberts Liederzyklen mit Paul Lewis, beide bei Harmonia Mundi.

Von 2012 bis 2022 war künstlerischer Leiter des St. Endellion Summer Music Festival in Cornwall. 2016 wurde er von Musical America zum Sänger des Jahres gewählt und 2019 in zum Commander of the Most Excellent Order of the British Empire (CBE) ernannt. Er lebt mit seiner Familie in London.

Julius Drake

Klavier

Der Pianist Julius Drake genießt internationales Ansehen als einer der führenden Instrumentalisten seines Fachs. Sein leidenschaftliches Interesse am Lied führte zu Einladungen, Liedreihen für die Wigmore Hall in London, das Concertgebouw in Amsterdam, das 92nd Street Y in New York und den Pierre Boulez Saal in Berlin zu konzipieren. Er kuratiert eine jährliche Reihe von Liederabenden – Julius Drake and Friends – in der historischen Middle Temple Hall in London. Julius Drake ist Professor für Klavierbegleitung an der Guildhall School of Music in London. Zu den Höhepunkten der kommenden Saison zählen die Aufnahme des gesamten Liedwerks von Reynaldo Hahn für Chandos Records, Tourneen in Europa mit Alice Coote, Gerald Finley und André Schuen sowie in den USA mit Ian Bostridge, Liederabende mit Ludovic Tézier, Katharina Konradi und Sarah Connolly sowie Auftritte beim Tongyeong Festival mit Fleur Barron, beim Festival d’Aix-en-Provence mit Ailyn Perez und bei der Schubertiade Schwarzenberg mit Christoph Prégardien. Zu den jüngsten Konzerten zählen ein Liederabend an der Mailänder Scala mit Ludovic Tézier, eine LiederabendTournee durch die USA mit Ian Bostridge, die Aufführung des gesamten Mahler-Liedwerks beim Mahler-Festival im Amsterdamer Concertgebouw, Auftritte bei den Kammermusikfestivals von Santa Fe, Leeds und Oxford, Konzerte in Berlin und beim Aldeburgh Festival mit André Schuen, Klavierduett-Liederabende mit Elisabeth Leonskaja, sowie Liederabende in den USA und Europa mit Fleur Barron, Mercedes Gancedo, Christoph Prégardien, Julia Kleiter und Roderick Williams.

Zu Drakes zahlreichen Aufnahmen gehört eine vielbeachtete Reihe mit Gerald Finley für Hyperion Records, die 2007, 2009 und 2011 mit dem Gramophone Classical Music Award ausgezeichnet wurde, Aufnahmen mit Ian Bostridge und Alice Coote für EMI, mit Joyce DiDonato, Lorraine Hunt Lieberson und Matthew Polenzani für Wigmore Live sowie mit Anna Prohaska für Alpha.

Impressum

Herausgeberin

Linzer Veranstaltungsgesellschaft mbH, Brucknerhaus Linz, Untere Donaulände 7, 4010 Linz

Künstlerischer Direktor

Norbert Trawöger

Programmplanung & Dramaturgie

Andreas Meier (Leitung), Paula Schlüter

Redaktion

Andreas Meier

Grafik

Anett Lysann Kraml, Lukas Eckerstorfer

Abbildungen gemeinfrei (S. 7, 8 & 13), Alamy (S. 16), M. Borggreve (S. 39 & 41)

Programm­ und Besetzungsänderungen vorbehalten LIVA – Ein Mitglied der Unternehmensgruppe Stadt Linz

Wir danken für Ihren Besuch und wünschen Ihnen ein schönes Konzert!

CLASSICS

BECAUSE CLASSICS DOES NOT MEAN BASIC

Manchette

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