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Klassische Klangwolke 26

Konzert an Bruckners Geburtstag

chailly, malofeev & filarmonica della scala

präsentiert von SPARKASSE OÖ & LINZ AG

4. September 2026 19:30 Uhr Großer Saal


Brücken bauen. Verantwortung tragen. Gesellschaft stützen. Das Internationale Kultur- und Wirt­schaftsforum Linz (IKWL) wurde im Jahr 2013 als Netzwerk- und Förderverein gegründet, um als unabhängige »Dialogplattform« Kultur, Wirtschaft und Politik miteinander zu verbinden. Ziele sind die Unterstützung des kulturellen Lebens in Linz und Ober­öster­ reich, die Förderung junger Talente sowie die Schaffung besonderer Begeg­ nungen zwischen Wirtschaft und Kultur. Im Mittelpunkt der Aktivitäten ste­hen Veranstaltungen im Brucknerhaus Linz. Darüber hinaus gibt es Koo­pe­ra­tio­ nen mit Sommerkonzerten und der Anton Bruckner Privatuniversität. Ein be­ son­deres Anliegen des Vereins ist die Nachwuchs- und Jugendförderung. Der Leitgedanke ist, dass sich Linz nicht nur als bedeu­tender Industrie- und Wirtschaftsstandort, sondern auch als selbstbewusste, international sichtbare Kulturregion neben Wien und Salzburg positionieren kann. Das IKWL versteht Kultur dabei als Standortfaktor für Industrie, inter­­na­tiona­le Beziehungen und gesellschaftlichen Austausch und fungiert als Bindeglied zwischen Spon­ sor:in­nen, Unternehmen und Kulturbetrieben. »Kultur baut Brücken« – diesem Leitgedanken fühlt sich das IKWL verpflich­ tet. Netzwerkveranstaltungen verbinden Wirtschaftstreibende, Kultur­schaf­ fen­de, die Politik und die Diplomatie. Damit meint das IKWL, dass die Be­ gegnung zwischen Kultur und Wirtschaft Impulse setzt, welche inter­nationale Beziehungen, wirtschaftliche Kooperationen und den gesell­schaft­lichen Dia­ log fördern können. Ein hochwertiges Kulturleben braucht gerade in Zeiten des politischen Spar­ kurses die Unterstützung durch die Wirtschaft. Das IKWL möchte dazu bei­ tragen, das kulturelle Leben in Oberösterreich nachhaltig zu stärken. So ent­ steht ein befruchtendes Wechselspiel zwischen Kultur und Wirtschaft. Denn eine lebendige Kulturlandschaft ist ein wesentlicher Teil der Lebensqualität und zugleich eine Investition in die Zukunft unserer Region.


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alla breve Das Programm auf einen Blick

Als feierlicher Prolog des Brucknerfestes Linz­2026 bringt Riccardo Chailly mit seiner Filarmo­nica della Scala an Anton Bruckners 202. Geburts­tag zwei be­ rühmte vierte Werke auf die Bühne. Pjotr Iljitsch Tschai­kowskis 4. Symphonie entstand 1877 zeit­gleich mit der Vierten Bruckners, den Tschaikowski als einen der wenigen »herausra­gen­de[n] deutsche[n] Kompo­ nisten« schätzte. Ein Werk voll Energie, Dramatik und biogra­fischer Tiefe, zwischen Schicksalsklängen und ausge­las­senem ›Volksfest‹-Finale – auch das eine Parallele zu Bruckners Vierter –, das Tschaikowski seinem »bes­ten Freund« widmete; gemeint war seine Brieffreundin und Mäzenin Nadeschda von Meck. Dem gegenüber stehen ein Früh- und ein Spätwerk Sergei Rachmani­noffs: die symphonische Dichtung Der Fels und das brillante 4. Klavierkonzert. Kompo­ niert vor exakt 100 Jahren als erstes Werk nach seiner Emigration in die USA, steht letzteres mit einem Bein in der romantischen Tra­dition, mit dem anderen in der von erweiterter Tonali­tät, Popularmusik und Jazz durchdrungenen Moderne. Als Solist kehrt hierfür der russische Ausnahmepianist Alexander Malofeev ans Brucknerhaus zurück.


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programm & besetzung Sergei Rachmaninoff 1873–1943 Der Fels. Symphonische Dichtung op. 7 // 1893 Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 g-Moll op. 40 // 1926, 1927, 1941 I Allegro vivace II Largo III Allegro vivace // Pause //

Pjotr Iljitsch Tschaikowski 1840–1893 Symphonie Nr. 4 f-Moll op. 36 // 1877 I Andante sostenuto – Moderato con anima – Moderato assai, quasi Andante – Allegro vivo II Andantino in modo di canzona III Scherzo. Pizzicato ostinato – Allegro IV Finale. Allegro con fuoco Konzert­einführung mit Andreas Meier um 18:45 Uhr im Mittleren Saal Konzertende: ca. 21:30 Uhr Das Konzert wird als Klassische Klangwolke 26 live in den Donaupark übertragen.

Alexander Malofeev Klavier Filarmonica della Scala Riccardo Chailly Dirigent


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»ruhte eine gold’ne wolke an der brust des felsenriesen« Sergei Rachmaninoff // Der Fels

In einer stürmischen Winternacht kommen in einer kleinen Gaststube irgendwo im russischen Nirgendwo zwei Reisende ins Gespräch: Grigori Petrowitsch Licharew ist ein verarmter Witwer in seinen Vierzigern, arbeits- und obdachlos. Gemeinsam mit seiner kleinen Tochter Sascha ist er auf dem Weg zu einer Anstellung als Verwalter einer Kohlemine in der tiefsten Provinz. Sein Gegenüber ist Marja Michailowna Ilowai­skaja, eine gut situierte junge Frau, um die 20 Jahre alt. Nach dem Tod ihrer Mutter kümmert sie sich allein um den riesigen Landbesitz ihrer Fa­milie – anstelle ihres Vaters und ihres Bruders, die nicht in der Lage sind, sich selbst zu versorgen. Während vor den Fenstern der Schnee­sturm tobt, erzählt Licharew seiner nächtlichen Weggefährtin von den Höhen und Tiefen seines turbulenten Lebens: Mit überbor­den­dem Enthusiasmus hatte er sich wie besessen von einer Profession in die nächste gestürzt, war Atheist und Nihilist geworden, hatte sich der Wissenschaft verschrieben, in einer Fabrik gearbeitet und fünf­mal im Gefängnis gesessen. Letztendlich verlor er so nicht nur sein ganzes Hab und Gut, sondern auch seine Ehefrau und Mutter seiner drei Kin­der, die er »durch [sein] unstetes Wesen zu Tode quälte«. Während Licharew sich in Rage redet, beobachtet ihn Ilowaiskaja. Sie berührt der leidenschaftliche, ungebrochene Enthusiasmus des Mannes, trotz aller Fehler, Verluste und Enttäuschungen. Ilowaiskaja versteht auch, dass die Kohleminen, zu denen Licharew unterwegs ist, wohl die letzte Station im Leben dieses vom


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Sergei Rachmaninoff // Der Fels

Unglück verfolgten Mannes sein werden – so prekär ist die Arbeit dort, so trostlos, karg und verlassen die Um­gebung. Am nächsten Morgen trennen sich die Wege der beiden. Während Ilowaiskajas Schlitten sich immer weiter entfernt, schaut ihr Licharew gedankenversunken für lange Zeit nach und sieht bald selbst wie ein großer, schneebedeckter Felsen aus. Der eben skizzierten Handlung seiner Erzählung Unterwegs stellte Anton Tschechow den ersten Vers des Gedichts Der Fels seines Lands­ mannes Michail Lermontow voran: »Ruhte eine gold’ne Wolke an der Brust des Felsenriesen«. Der weitere Verlauf des Gedichts erzählt von der flüchtigen Begegnung dieses unmöglichen Paares: Die Wolke schwebt am nächsten Morgen davon, der Felsen weint voller Sehnen

»Ruhte eine gold’ne Wolke...«, Illustration von Nikolai Dubowski zu Michail Lermontows Gedicht Der Fels, 1890


Sergei Rachmaninoff // Der Fels

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um die Fortgeflogene. Zwischen Lermontows Gedicht und Tschechows Erzählung spannt sich so ein intertextueller Horizont auf, auf den Sergei Rachmaninoff wiederum mit seiner 1893 entstandenen sym­ phonischen Dichtung Der Fels musikalisch Bezug nahm. Sowohl Ge­ dicht als auch Erzählung sind durch elementare Kontraste ge­prägt: Fels und Wolke, schwer und leicht, groß und klein, arm »Ruhte eine gold’ne Wolke und reich, alt und jung. Diese An der Brust des Felsenriesen, Span­nung zwischen den ExtFrüh am Morgen flog hinan sie, remen findet sich auch in Um am Himmelsblau zu spielen. Rachmaninoffs Komposition wieder, die ein idylli­sches, Ihre feuchte Spur, sie glänzte luftig-leich­tes Flötenthema In des Berges Spalt. So einsam mit gewaltigen Klangmassen Steht er da, tief in Gedanken in den Blech­bläsern kontrasUnd weint leise in der Wüste.« tiert. In den einleitenden TakMichail Lermontow: Der Fels, 1841 ten taucht ein Seufzermotiv auf, das nahezu identisch in der Introduktion von Tschai­kowskis 4. Sym­pho­nie den Einsatz des Kopfthe­mas vorbereitet: eine mehr oder weni­ger subtile Hommage an den Zeitgenossen. Rachma­ninoff verehrte den älteren Kollegen und hatte sogar die Gelegenheit, ihm seine sym­phonische Dichtung kurz nach ihrer Fertigstellung per­sönlich am Kla­vier vorzuspielen – mit großem Erfolg: »Am Ende des Abends stellte uns [Rachmaninoff] seine neu vollendete symphoni­sche Dichtung Der Fels vor. [...] Das Werk gefiel allen sehr gut, be­son­ders Pjotr Iljitsch [Tschaikowski], der von seiner Farbenpracht be­geistert war«, erin­ner­te sich ein Kommilitone an den Abend.


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von nowgorod nach beverly hills

Sergei Rachmaninoff // Klavierkonzert Nr. 4 Als Sergei Rachmaninoff Tschaikowski im Sommer 1893 in Moskau seine symphonische Dichtung Der Fels am Klavier vorspielte, konnte der in Nowgorod geborene Komponist noch nicht ahnen, dass ihn sei­ne bewegte Biografie durch ganz Europa bis in die ›neue Welt‹ jen­ seits des Atlantiks führen würde, wo er schließlich 1943 in Beverly Hills verstarb. Dabei war Rachmaninoff – wie viele seiner Zeitgenoss:innen – ein Getriebener der zahlreichen weltpolitischen Beben seiner Zeit: 1917 veranlasste ihn die Oktoberrevolution zur Flucht. Der weltweit gefragte Pianist machte sich eine Konzerteinladung aus Schweden zu­nutze, um Russland zu verlassen – nicht wissend, dass er nie wieder in seine Heimat zurückkehren würde. Nach Engagements in Skandi­ navien übersiedelte Rachmaninoff 1918 schließlich in die USA, wo er in kürzester Zeit zum Starvirtuosen avan­cierte: Zahlreiche Auftritte im ganzen Land machten ihn zu einem der bekanntesten und wohl­ habendsten Interpret:innen der Zwischen­kriegs­zeit, was ihm einen luxuriösen Lebensstil ermöglichte. Rachma­ninoff lebte dennoch zu­ rück­gezogen, pflegte weiterhin russische Sit­ten und Umgangsformen, sprach selbst kaum Englisch und be­schäftig­te ausschließlich russisch­ sprachige Hausangestellte. Trotz seines künstlerischen und materiel­ len Erfolgs wirkte sich das Leben im ame­rikanischen Exil dramatisch auf Rachmaninoffs kreatives Schaffen aus: Neben seiner Tätigkeit als Pianist, mit der er seinen Lebens­unter­halt verdiente, blieb ihm kaum Zeit fürs Komponieren. Zudem fehlte die Inspiration, die er zuvor maß­ geblich aus der Landschaft, Literatur und dem gesellschaftlichen Leben seines Heimatlandes gezogen hatte. Nach acht Jahren fast ununterbrochener Tourneen nahm sich Rach­maninoff schließlich im Jahr 1926 eine längere Konzertpause, um zum Komponieren zurück­ zukehren: Für sein Klavierkonzert Nr. 4 griff er auf Skizzen zurück, die


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Sergei Rachmaninoff // Klavierkonzert Nr. 4

Sergei Rachmaninoff, 1927


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Sergei Rachmaninoff // Klavierkonzert Nr. 4

bereits 1911 und 1914 in Russland entstanden waren. Auch während seiner ersten Exiljahre hatte er immer wieder musikalische Einfälle notiert: Den Finalsatz des Klavierkonzerts skiz­zierte er auf der Rück­ seite seiner Kadenz für Franz Liszts Ungari­sche Rhapsodie Nr. 2, mit der er regelmäßig im Konzert­saal brillierte. Den­noch gestaltete sich die Arbeit an sei­nem ersten Werk im Exil schwie­riger und langwieriger als gedacht: »Es geht langsam«, schrieb Rach­maninoff an seinen engen Freund, den ebenfalls im Exil lebenden Kom­ponisten Nikolai Medtner. Aber auch als Rachmaninoff im August 1926 das Werk end­lich vollendet hatte, war er nicht zufrieden. Ihn plagten Der Ring des Selbst­zweifel, unter anderem aufgrund des überbor­ Nibelungen vierteiliger Opern­ denden Umfangs der Komposition, die zu diesem Zeit­ zyklus von Richard punkt 110 Seiten Manu­skript füllte. An Medtner schrieb Wagner mit einer Rachmaninoff scherzend, das Werk müsse »aufge­führt Länge von ins­ gesamt rund werden wie der Ring: an mehreren Abenden in Folge«. 16 Stunden

Im Gegensatz zu seinen spätromantischen Geschwis­terwerken – den noch in Russland komponierten Kla­vier­konzerten Nr. 1 bis 3 – zeichnet sich das Klavierkonzert Nr. 4 durch eine schlankere Orches­ trierung, schroffere Themen und komplexere klangliche Texturen aus, die Ein­flüsse aus dem Jazz und der Unterhaltungsmusik der 1920erJahre in sich tragen. Rachmani­noff begeisterte sich für Musik von Duke Ellington oder Paul White­man und improvisierte im Privaten selbst am Klavier. Besonders schien George Gershwins 1924 uraufgeführte Rhapsody in Blue den Kompo­nisten beeindruckt und inspiriert zu haben. Mit seinem der Moderne und der romantischen Tradition gleicher­ maßen verpflichteten Kla­vier­konzert stieß Rachmaninoff allerdings bei seinem amerikanischen Publikum auf Unverständnis. Nach der Uraufführung, bei der er selbst den Klavierpart übernahm, bemängelte der Herald Tribune die »Dünn­heit und Monotonie« des Werks, das »weder so aus­drucksstark noch so effektiv« wie das Klavier­konzert Nr. 2 geraten sei. »Langatmig, ermüdend, unwichtig, stellen­weise kitschig« lautete das Urteil der Zeitung Telegram, »ein endloses, lose zusammenge­würfeltes Sammel­surium aus diesem und jenem, von Liszt bis Puccini, von Chopin bis Tschaikowski«. Rachmaninoff traf so das Los, das auch vielen anderen seiner Kolleg:innen zuteil wurde:


Sergei Rachmaninoff // Klavierkonzert Nr. 4

Rachmaninoffs Zuhause in Beverly Hills ab 1942

Das Publikum, bei dem er als ›Kon­servativer‹ galt, liebte seine üppig orchestrierten, düster brütenden, spätromantisch schwelgen­den Werke, mit denen er berühmt gewor­den war. Dass Rachmaninoff sich in seiner Zeit im Exil künstlerisch weiterentwickelt hatte, passte nicht ins Bild: So war er den einen zu modern, den anderen nicht mo­ dern genug. Obwohl Rachmaninoff das Klavierkonzert in den folgen­ den Jahrzehnten mehr­fach überarbeitete, sollte es ihm nicht gelingen, dieses Dilemma zu lösen. Dabei ist das Werk gerade deshalb hörens­ wert, da sich in ihm ein gleichermaßen experimenteller wie gereifter Rachmaninoff offen­bart, der um neue künstlerische Ausdrucksformen ringt und dabei dennoch in keinem Moment den Bezug zu seinen musikalischen Wurzeln verliert.

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leben ist noch möglich

Pjotr Iljitsch Tschaikowski // Symphonie Nr. 4 f-Moll

Sie beginnt mit einem einzigen Ton, der bis ins Mark geht: ein As in den Hörnern und Fagotten, über zwei Oktaven verteilt und in einem treibenden Rhythmus wiederholt. »Das ist das Fatum: jene schicksal­ hafte Kraft, die den Drang nach Glück daran hindert, sein Ziel zu er­reichen, die eifersüchtig dafür sorgt, dass Frieden und Glück nicht vollkommen und ungetrübt sein dürfen, die wie das Damoklesschwert über dem Kopf schwebt, unerbittlich, und die Seele unaufhörlich ver­giftet. Es ist eine unbesiegbare Kraft, die niemals überwunden werden kann – man kann sie nur ertragen, hoffnungslos«, beschrieb Pjotr Tschaikowski gegenüber seiner Mäzenin und engen Vertrauten Nadeschda von Meck die Idee hinter den fatalistischen ersten Takten seiner 4. Symphonie. Das Werk entstand im Jahr 1877 unter turbulenten Bedingungen, die den Komponisten die »unbesiegbare Kraft« des Schicksals schmerz­ voll am eigenen Leib erfahren ließen: Im Frühjahr erhielt Tschai­kowski einen Brief von der Studentin Antonina Miljukowa, in dem sie ihm ihre Liebe gestand. Sie drohte ihm sogar mit Selbstmord, sollte er ein Tref­ fen mit ihr ausschlagen. Die verzweifelte Lage der jungen Frau reso­ nierte mit Tschaikowskis eigener Lebenssituation. Auch ihm waren unerwiderte Gefühle und ein gebrochenes Herz nicht fremd. Als homo­ sexueller Mann litt er außerdem unter der unerträg­lichen Belastung des sozialen Stigmas, das mit seinem Begehren ein­her­ging. Von der brodelnden Moskauer Gerüchteküche und seinen Eltern, insbeson­ de­re dem Vater, unter Druck gesetzt, stimmte Tschai­kowski schließ­ lich einer Ehe mit Miljukowa zu, ohne Gefühle für sie zu haben. Mit fatalen Folgen: Bereits in den ersten Wochen nach der Hochzeitsfeier


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Pjotr Iljitsch Tschaikowski // Symphonie Nr. 4 f-Moll

Das Ehepaar Tschaikowski während der Flitter­ wochen, Juli 1877

geriet die Scheinehe zum Fiasko. Ein friedliches Zu­sammenleben in geschwisterlicher Verbundenheit, wie sie es im Vor­feld vereinbart hat­ten, war den Frischvermählten nicht möglich. Den ohnehin psy­chisch labilen Tschaikowski stürzte sein Doppelleben in eine tiefe Krise, die sich auch auf sein künstlerisches Schaffen aus­wirkte. Schließlich es­kalierte die Situation: Nach nur zweieinhalb Mo­naten unglücklichen Ehelebens floh Tschaikowski auf das Landgut seiner Schwester in die Nähe des heute in der Ukraine gelegenen Städtchens Kamjanka und dann weiter nach St. Petersburg. Aber erst auf einer Europareise, die ihn in die Schweiz und nach Italien führte, fand er wieder zurück zum Komponieren. Neben Werken wie seinem Violinkonzert und der Oper Eugen Onegin schrieb er in dieser Zeit – offenbar noch tief be­wegt von den Ereignissen seines persönlichen Annus horribilis – auch seine 4. Symphonie, durch die sich das in den ersten Takten vorgestellte


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Pjotr Iljitsch Tschaikowski // Symphonie Nr. 4 f-Moll

Schicksalsmotiv wie ein roter Faden zieht. Im Zentrum der Komposi­ tion steht dabei die Suche nach Hoffnung angesichts der unaus­weich­ lichen Macht des Fatums, die sich im sehrenden ersten Thema des Kopfsatzes zu einem ersten dramati­schen Höhepunkt steigert. Das

Die ersten Takte der 4. Symphonie mit dem ›Schicksalsmotiv‹ in Tschaikowskis Handschrift

zweite Thema, ein gemütlicher Walzer, entstehend aus einem spiele­ rischen Reigen der Holzbläser, scheint zunächst eine Ausflucht aus der Verzweiflung zu offenbaren: »All­mäh­lich wird die Seele von Tag­ träumen umhüllt. Alles Düstere und Freud­lose ist vergessen. Da ist es, da ist es – das Glück!«, so Tschaikowski an Nadeschda von Meck. Aber über die selige Tagträumerei bricht schlagartig erneut das Schick­salsmotiv herein: »Und so ist alles Leben ein ununterbrochener Wechsel zwischen der harten Realität und flüch­tigen Träumen und Visionen vom Glück … Es gibt keinen Zufluchtsort … Treibe auf diesem Meer, bis es dich verschlingt und in seinen Tiefen versenkt«. Nach der


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Pjotr Iljitsch Tschaikowski // Symphonie Nr. 4 f-Moll

stürmischen Verzweiflung des Kopfsatzes ist der zweite Satz, begin­ nend mit einem klagenden Lamento der Oboe, von einem Gefühl läh­ mender Traurigkeit und Nostalgie geprägt: »Es ist dieses melancho­ lische Gefühl, das am Abend aufkommt, wenn man, müde von der Arbeit, allein mit einem Buch dasitzt – doch es fällt ei­nem aus der Hand. Da strömen eine ganze Menge Erinnerungen her­bei. Es ist traurig, dass so vieles nun der Vergangenheit angehört, auch wenn es schön ist, sich an die eigene Jugend zu erinnern. Man bedauert die Vergangenheit und möchte das Leben doch nicht noch einmal von vorne beginnen. Das Leben ist ermüdend. Es ist angenehm, sich auszuruhen und sich umzuschauen«. Einen verspielten Gegen­pol liefert dazu der dritte Satz mit seinen rasanten Pizzicati in den Strei­ chern: »Es sind launische Arabesken, vage Bilder, die nach ein paar Gläsern Wein und den ersten Anzeichen der Trunkenheit durch die Fantasie huschen können. Die Stimmung ist weder fröhlich noch trau­ rig. Man denkt an nichts Bestimmtes, lässt der Fantasie freien Lauf, die irgendwie beginnt, seltsame Bilder zu malen«. Das große ›Volks­ fest‹-Finale der Symphonie ist der vierte und letzte Satz, der mit rasanten Sechzehntelkaskaden eröffnet wird. »Wenn du in dir selbst keine Gründe zur Freude findest, dann schau auf die anderen. Geh hinaus unter die Menschen. Sieh, wie sie sich vergnügen können, indem sie sich von ganzem Herzen freudigen Gefühlen hingeben. Stell dir die festliche Ausgelassenheit der einfachen Leute vor. Kaum ist es dir gelungen, dich selbst zu vergessen und dich vom Anblick der Freuden der anderen mitreißen zu lassen, da taucht schon wieder das unbändige Fatum auf und erinnert dich an dich selbst. Aber die ande­ren kümmern sich nicht um dich, und sie haben nicht bemerkt, dass du einsam und traurig bist. O, wie sie sich amüsieren! Wie glück­ lich sie sind, dass all ihre Gefühle einfach und unkompliziert sind. [...] Freude ist eine einfache, aber mächtige Kraft. Freue dich an der Freude der anderen. Leben ist noch möglich.« Paula Schlüter


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Biografien

alexander malofeev Klavier »Er spielt keine Noten, er schafft emotionale Wirklichkeiten, die so zauberhaft, vielfältig und intensiv sind, dass es einem den Boden unter den Füßen wegzieht und den Atem raubt.« (Der Standard) Alexander Malofeev studierte an der Gnessin Spezialschule und am Tschaikows­kiKonservatorium in Moskau. 2014 gewann er im Alter von dreizehn Jah­ ren den ersten Preis beim Internationalen Tschaikowski-Wettbewerb. Heute ist er bei führenden Orchestern weltweit zu Gast, darunter das Philadelphia Orchestra, Boston Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia, Orchestra Filarmonica della Scala, Lucerne Festival Orchestra, Or­ ches­tre de la Suisse Romande, hr-Sinfonieorchester, BBC Symphony, Royal Philharmonic Orchestra London. Er arbeitet regelmäßig mit Dirigent:innen wie Riccardo Chailly, Myung-whun Chung, Susanna Mälkki, Yannick Nézet-Séguin, Lahav Shani, Alain Altinoglu, Lionel Bringuier, Hannu Lintu, Vasily Petrenko und Andris Poga zusammen. Konzertauftritte führten ihn ins Concertgebouw Amsterdam, in die Mailänder Scala, die Philharmonie de Paris, den Wiener Musikverein, die Alte Oper Frankfurt sowie nach Tokio, Shanghai, Peking und in den Oman. Er gastiert bei renommierten Festivals an Orten wie Verbier, Tanglewood, Salzburg und im Rheingau. Zu den Höhepunkten 2026/27 zählen Debüts mit den Berliner Philharmonikern, dem Royal Concertgebouw Orchestra, Gewandhausorchester Leipzig und dem Budapest Festival Orchestra sowie Auftritte mit dem Orchestre National de Paris und Bergen Philharmonic. Alexander Malofeev ist Exklusivkünstler von SONY Classical. Für sein Solo-Album Forgotten Melodies wurde er 2026 mit dem OPUS Klassik als Nachwuchs­ künstler des Jahres ausgezeichnet. 2001 in Moskau geboren, lebt er in Berlin.


Biografien

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Biografien

filarmonica della scala Die Filarmonica della Scala wurde 1982 von den Musiker:innen der Scala und Claudio Abbado gegründet, um das symphonische Reper­ toire weiterzuentwickeln, und ist bis heute ein selbstverwaltetes En­semble. Erster Dirigent war Carlo Maria Giulini; Riccardo Muti prägte maßgeblich ihre internationale Etablierung. Mit Dirigenten wie Bern­ stein, Sinopoli, Ozawa, Mehta, Salonen, Chailly, Gatti, Dudamel und Luisi arbeitete das Orchester eng zusammen. Myung-whun Chung (Ehrendirigent) und Daniel Harding sind ihm besonders ver­bunden. Seit 2015 ist Riccardo Chailly Chefdirigent. Die Filarmonica gab über 800 Konzerte auf Tourneen, darunter Debüts in den USA und China, und fördert zeitgenössische Musik mit regelmäßigen Auftragswerken. Seit 2013 veranstaltet sie das Concerto per Milano auf der Piazza Duomo. Bildungs- und Sozialprojekte sowie zahlreiche Aufnahmen ergänzen die Arbeit. Die Tätigkeit der Filarmonica della Scala wird vom Hauptpartner UniCredit unterstützt.


Biografien

riccardo chailly Dirigent Riccardo Chailly ist Musikdirektor des Teatro alla Scala und Chefdiri­ gent der Filarmonica della Scala. Zuvor war er in Leipzig Gewand­haus­ kapell­meister und 16 Jahre Chefdirigent des Royal Concertgebouw Orchestra in Amsterdam. Zudem ist er Musikdirektor des Lucerne Festival Orchestra, eine Position, die zuvor Claudio Abbado innehatte. Er dirigiert regelmäßig führende Orchester wie die Wiener und Berli­ner Philharmoniker sowie große US-Orchester und ist bei Festivals wie den Salzburger Festspielen und den BBC Proms präsent. Als Opern­ dirigent wirkte er unter anderem an der Scala, der Wiener Staatsoper, der Metropolitan Opera, Covent Garden und in Zürich. Er ist vielfach ausgezeichnet, zum Beispiel als Großoffizier und Großkreuz-Ritter der Republik Italien sowie Mitglied der Royal Academy of Music. Als Decca-Exklusivkünstler veröffentlichte er über 150 Aufnahmen, die vielfach prämiert wurden.

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13. bis 30. Sep 2026

So, 13. Sep 2026, 18:00 Großer Saal

markus poschner, jean rondeau & bruckner orchester linz Frischer Wind

Markus Poschner und Cembalostar Jean Rondeau bringen mit Francis Poulencs Concert champêtre die Natur in den Konzert­ saal, eingerahmt von Claude Debussys La Mer und Ludwig van Beethovens berühmter 6. Symphonie »Pastorale«.

Mi, 16. Sep 2026, 19:30 Großer Saal

philipp von steinaecker, fleur barron & mahler academy orchestra Revolution Mahler!

Das aus Mitgliedern europäischer Spitzenorchester bestehende Mahler Academy Orchestra spielt Gustav Mahlers 9. Symphonie sowie dessen Kindertotenlieder auf Originalinstrumenten.

Mi, 30. Sep 2026, 19:30 Großer Saal

anja bihlmaier & bbc philharmonic orchestra Brahms’ Requiem

Johannes Brahms’ Deutsches Requiem kombiniert mit Lili Bou­langers Psaume 24 in einer internationalen Spitzen­besetzung rund um Anja Bihlmaier und das BBC Philharmonic Orchestra

brucknerfest.at


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impressum Herausgeberin Linzer Veranstaltungsgesellschaft mbH, Brucknerhaus Linz, Untere Donaulände 7, 4010 Linz Künstlerischer Direktor Norbert Trawöger Programmplanung & Dramaturgie Andreas Meier (Leitung), Paula Schlüter Redaktion Paula Schlüter Grafik Anett Lysann Kraml, Lukas Eckerstorfer Abbildungen gemeinfrei (S. 6, 9, 11, 13 & 14), X. Zasetskaya (S. 17), A. Veroni (S. 18), S. Guindani (S. 19) Programm- und Besetzungsänderungen vorbehalten LIVA – Ein Mitglied der Unternehmensgruppe Stadt Linz

Jahre

Wir danken für Ihren Besuch und wünschen Ihnen ein schönes Konzert!


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