
Kathrin Graf

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Kathrin Graf




Perspektiven auf einen künstlerischen Beruf

Breitkopf & Härtel

Wege – Musikpädagogische Schriftenreihe Band 25
ABC Musik · Allgemeine Musiklehre
Perspektiven auf einen künstlerischen Beruf
446 Lehr- und Lernsätze
Eine Studie
neufassung 2009
Breitkopf & Härte L
BREITKOPF & HÄRTEL
Wiesbaden · Leipzig · Paris
Wies BA den · Leip Z ig · pA ris
Edition Nepomuk MN 951
Die Studie wurde im Rahmen der Pädagogischen Abteilung Musik des Institute for Music Studies (ims) an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), ehemals Hochschule Musik und Theater Zürich (HMT) durchgeführt und erscheint mit freundlicher Unterstützung der Zürcher Hochschule der Künste.
Die Studie wurde im Rahmen der Pädagogischen Abteilung Musik des Institute for Music Studies (ims) an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), ehemals Hochschule Musik und Theater Zürich (HMT) durchgeführt und erscheint mit freundlicher Unterstützung der Zürcher Hochschule der Künste.
Edition Nepomuk MN 951
ISBN 978-3-7651-9926-4
Wege – Musikpädagogische Schriftenreihe Band 25
Edition Nepomuk MN 951
© 2013 by Breitkopf & Härtel, Wiesbaden
ISBN 978-3-7651-9926-4
Wege – Musikpädagogische Schriftenreihe Band 25
Alle Rechte vorbehalten
(c) 2012 by Breitkopf & Härtel, Wiesbaden
Alle Rechte vorbehalten
Layout und Umschlag: Marion Schröder, Wiesbaden
Umschlag: N. N.
Satz: Hubert & Co, Göttingen
Satz und Layout: N. N.
Druck: N. N.
Druck: Litges & Dopf, Heppenheim
Printed in Germany
Printed in Germany www.breitkopf.de
es braucht, um sein ‚Gesangsinstrument‘ zu entwickeln
– ‚Sängerische Intelligenz‘ oder ‚Sängerischer Instinkt‘
Körperliche Voraussetzungen
Zwischen Körperlichkeit, geistigen und musikalischen Gaben: Gedächtnis, Gehör und Rhythmusgefühl
Musikalität
Ausstrahlung,
und potentielle Berufswege
Gesang und Pädagogik als Erfüllung und Berufung
– Weitere Anregungen und Wünsche
– Ideen der befragten Fachkollegen und -kolleginnen zur besseren
Gestaltung von Prüfungen
Abschließende Gedanken
Anhang
Fragebogen an ehemalige Studierende (Alumnifragebogen)
Leitfaden zu den Dozenten-Gesprächen über sängerische
Begabung
Kriterienkatalog
Die vorliegende Studie ist der Verknüpfung der beiden Hauptworte Gesang und Begabung gewidmet. Die Bereitschaft und Befähigung zum Singen wird in einem ersten Teil in drei ausgreifenden gedanklichen Exkursionen ausgeleuchtet. Die erste Erkundung gilt der Stimme und weiteren vielfältigen und individuellen Voraussetzungen, welche die Grundlage des Gesangs bilden, die zweite einer Vielzahl von Überlegungen zur Förderung der sängerischen Begabung und zur Gesangsausbildung insgesamt, die dritte endlich gilt vielen Facetten der Ausübung des Sängerinnen- und Sängerberufs. In einem zweiten Teil werden die Fragestellungen auf Grund von Umfrageergebnissen auf die Gesangsausbildung an Musikhochschulen fokussiert und die Ergebnisse von einem übergeordneten Standpunkt aus zusammengefasst.
Quer durch alle Abschnitte der Studie ist einerseits der Respekt spürbar, welcher der Begabung, hier am Beispiel der Befähigung und Bereitschaft zum Singen, als einer sorgsam zu entwickelnden Kostbarkeit gezollt wird. Andererseits sind die Argumentationen zum Thema Gesang stets von genauem künstlerischem Empfinden und umfassender professioneller Erfahrung getragen. Daraus ergibt sich, dass die Forschungsarbeit nicht nur von Sängerinnen und Sängern – ob in der Ausbildung stehend oder selbst ausbildend – mit Gewinn gelesen werden kann und soll, sondern auch, dass sie insgesamt Musikerinnen und Musikern und weiter noch Unterrichtenden und Lernenden auch anderer Disziplinen konkrete Orientierungshilfen zu geben vermag.
Die Überzeugungskraft, die hinter der umsichtigen Behutsamkeit der Darlegungen und den vorsichtigen Folgerungen, den unprätentiösen Formulierungen und der Vermeidung jeglicher schrecklicher Vereinfachung und jeglichen apodiktischen Auftrumpfens wirksam wird, verdankt die Arbeit der Persönlichkeit der Autorin. Deren profundes Wissen ist nicht allein Ergebnis der sorgfältigen und aufwendigen Forschungsarbeit, sondern erwachsen aus einer umfassenden künstlerischen und pädagogischen Lebenserfahrung. George Bernard Shaws provozierender Satz aus den Aphorismen für Umstürzler: „Der einzige Weg, der zum Wissen führt, ist Tätigkeit“1, bewahrheitet sich angesichts dieser Studie beispielhaft.
1 Shaw, George Bernard: Mensch und Übermensch. Aphorismen für Umstürzler. Anhang. In: Gesammelte dramatische Werke Band 4, Zürich: Artemis 1946, S. 328, original: Man and Superman, 1902.
Zur Einführung
Die Schweizer Sopranistin Kathrin Graf hat während einiger Jahrzehnte als Konzertsängerin weit über die Landesgrenzen hinaus Maßstäbe gesetzt. Die ausgebildete Violinistin – ihr Gesangsstudium verdiente sie sich als Mitglied des Tonhalleorchesters – verband höchste Sensibilität für musikalisch komplexe Strukturen mit einem unbedingten Ausdruckswillen, der sich im sängerischen Umgang mit dem Text in besonders eindrücklicher Weise äußerte
Reiche künstlerische Erfahrung, ein ausgeprägt bewusster Umgang mit dem musikalischen Material und den technischen Voraussetzungen, nimmermüde Selbstkritik und das stets wache, einfühlsame Interesse an anderen Menschen waren die Voraussetzungen für ihre erfolgreiche Lehrtätigkeit, die sie auch heute noch ausübt. „Der welcher lernt, begabt sich selbst.“2 Friedrich Nietzsches Diktum aus seinen Gedanken über die moralischen Vorurteile kann als das Motto ihres Lehrens verstanden werden.
Es ist unerlässlich, die Studie zur sängerischen Begabung ins Verhältnis zu einem Lebenswerk zu setzen, welches hohe Authentizität, ein sicheres Fundament und einen weiten Horizont garantiert. Daraus ergibt sich notwendigerweise, dass Kathrin Grafs Forschungsinteresse unter anderem ihrer Lehrpraxis am Departement Musik der Zürcher Hochschule der Künste entwachsen ist und in die Praxis der Gesangsausbildung zurückwirken will. Damit ist eine der Möglichkeiten künstlerischer Forschung genutzt, welche unabhängig von historisch-systematischen, analytisch-spekulativen oder experimentell-performativen Forschungsansätzen an Musikhochschulen sinnvoll ist und vertreten sein muss.
Dozentinnen und Dozenten, die ihre Forschungsarbeit als Erweiterung der künstlerisch-pädagogischen Arbeit begreifen und auf konkrete Erhellungen dieser Arbeit aus sind, bringen besondere und wesentliche Energien in den pädagogischen Konvent der Musikhochschulen ein und befördern Neugierde und Austausch in vorbildhafter Weise. Ich bin Kathrin Graf dafür als Kollege an der Hochschule in nachdrücklicher Parteilichkeit sehr dankbar Ich freue mich, dass eine Arbeit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, die von hoher Bescheidenheit ebenso zeugt wie von größter Fachkompetenz. Es ist bezeichnend, dass die Durchführung und Kommentierung einer Umfrage und die Einarbeitung der Ernte der Lektüre vielfältiger Fachliteratur großen Raum einnimmt. Nicht nur die Musikerin und Lehrerin Kathrin Graf zeichnet sich durch die Fähigkeit genau zuzuhören aus, sondern auch die Autorin. Die Studie zu Gesang und Begabung erhält dadurch eine Tiefenschärfe, eine Verbindlichkeit
2 Nietzsche, Friedrich: Morgenröte. Gedanken über die moralischen Vorurteile. Fünftes Buch, Abschnitt 540, Stichwort „Lernen“, zitiert nach: Nietzsches Werke. Taschenausgabe, Band V, Stuttgart: Alfred Kröner Verlag (1921), S. 346.
Geleitwort von Daniel Fueter
und einen Grad an Konkretisierung, die sie zu einem echten Nachschlagewerk werden lassen.
Besonders wohltuend ist dabei, dass Begabung weder entsprechend den zeitgemäßen Wertschätzungen – möglichst früh, möglichst groß, möglichst rasch – noch in kunstgeschwätziger Weise theoretisch abgehoben verhandelt wird. Die begabten Singenden werden ganzheitlich betrachtet, und sie werden konkret ins Verhältnis gesetzt zum musikalischen Alltag in all seinen Ausprägungen. Begabung und Gesang entwickeln aus dieser Perspektive eine Leuchtkraft, welche auch abseits von Glanz und Gloria in unser Zusammenleben strahlt.
„Ein heiliger Blitz ist die Stimme. Und die Hörenden werden von der Stimme gerührt, wie Donner sie rührt. Sie werden daran erinnert, dass sie leben. Die Stimme ist heilig. Dass sie leben. Dass sie unterwegs sind: Dass es Zeit ist. Dass es Zeit ist, mal etwas Schönes zu tun.“ Das schöne Pathos, das in Michael Lentz’ Aufsatz Ein heiliger Blitz ist die Stimme im Taktlos-Musiklesebuch3 mitschwingt, ist Kathrin Graf als Forscherin fremd. Der Anstoß, der uns – Musikliebhaber oder professionelle Musikerin – aus ihrem Forschungsbericht zukommt, klingt aber in den Zeilen des Lyrikers Lentz treffend an: Wir sind unterwegs, und es ist immer Zeit, etwas Schönes zu tun; zum Beispiel dem Gesang, der Stimme und der sängerischen Begabung sorgsam zu ihrem Recht und ihrer Entfaltung zu verhelfen. Die Ermutigung und die Hilfen, die uns dazu aus Kathrin Grafs Studie zukommen, rechtfertigen die gewaltige Arbeit der Autorin und eine intensive Lektüre ihrer Leserschaft.
Zürich, im Dezember 2012
Daniel Fueter
3 Lentz, Michael: Ein heiliger Blitz ist die Stimme. In: Ruprecht, Hans (Hrsg.), Wyss, Ruedi (Hrsg.), Kraut, Peter (Hrsg.): Taktlos – Musiklesebuch. Solothurn: Urs Engeler Editor 2007, S.51–57. 10 Zur Einführung
Was ist eigentlich eine sängerische Begabung? Was macht es aus, dass man einige Sänger als solche bezeichnet, andere als zwar begabt wahrnimmt, aber dennoch das Gefühl hat, es fehle ihnen das gewisse Etwas? Es hat mich fasziniert, meinen Sängerkollegen auf dem Konzertpodium zuzuhören, ihrer Stimme, Musikalität und Ausdrucksfähigkeit zu lauschen und die Reaktionen im Publikum darauf zu beobachten. Die großen Sängerinnen in Oper oder Konzert sind allesamt hohe sängerische Begabungen. Ihnen zuhörend und mich der Wirkung ihrer Ausstrahlung überlassend, stieg immer wieder die Frage auf, was ihnen denn eigen sei, welche unterschiedlichen Qualitäten sich in ihnen zusammenfinden oder im Vordergrund sind, die dieser sängerischen Begabung eine so spezielle und eigene Faszination verleihen.
In der Fachwelt des klassischen Gesangs spricht man von einer ‚sängerischen Begabung‘, wenn man eine Begabungsveranlagung meint, die zu einer Solistenkarriere in Oper oder Konzert geführt hat oder führen könnte, weil sie sehr viele verschiedene darauf hindeutende Facetten aufweist. An Hochschulen werden jedoch Gesangstalente verschiedenen Ausmaßes und solche mit speziellen Gewichtungen ausgebildet, die in anderen Berufsbereichen als in der Konzert- oder Opernlaufbahn Erfolg finden werden.
Der Blick dieser Studie ist einerseits auf jene Veranlagungen gerichtet, die eine hohe Konzentration von Begabungsfaktoren aufweisen (welche im Fachjargon ‚sängerische Begabungen‘ genannt werden), andererseits auf alle jene Gesangstalente, die ein Hochschulstudium im Hauptfach Gesang mit weniger vielseitigen und ausgeprägten Begabungszeichen anstreben und abschließen. Auch sie bringen ein sängerisches Potential mit. Damit ist in der vorliegenden Arbeit keine Wertung verbunden: Alle Aufgaben, die Sänger und Sängerinnen im Musikleben zu erfüllen haben, sind wichtig und kostbar.
Während meiner 30-jährigen Lehrtätigkeit an der Hochschule Musik und Theater Zürich (heute ZHdK) begleitete ich viele junge Menschen durch ihr Gesangsstudium. Die jährlich zweimal stattfindenden Aufnahmeprüfungen öffneten ein breites Spektrum von vorhandenen oder fehlenden Begabungszeichen. In den Semester-Klassenkonzerten und an Abschluss-Diplomen (ergänzt durch die häufige Expertentätigkeit an anderen Hochschulen) gab es Gelegenheit, eine große Zahl von Gesangsstudierenden aus den Klassen meiner Dozentenkollegen zu hören. Etliche der angehenden Sängerinnen konnte ich nicht nur während der Dauer ihres Studiums, sondern auch später in ihrem beruflichen Werdegang verfolgen. Manche Entwicklungen verliefen so, wie wir Gesangsexperten und -expertinnen es bei der Aufnahmeprüfung angenommen hatten. Aber es gab auch eine beachtliche Zahl unerwarteter Studienverläufe: enttäuschende von scheinbar offensichtlichen Talenten, überraschende Er-
Einleitung 11
folge von weniger hoffnungsvoll scheinenden Anlagen und abgewiesene Kandidaten, die sich später dennoch mit einer Sängerkarriere durchsetzten. Was konnten die Gründe dafür sein? Warum ist es so schwierig, eine sängerische Begabung zu erkennen oder vorauszusagen? Ist es überhaupt möglich, eine solche sicher zu erfassen? Diese und ähnliche Fragen führten am Ende meiner Unterrichtstätigkeit zu dieser Untersuchung.
Meine Hauptfragen betreffen die sängerische Begabung:
• Was ist eine sängerische Begabung? Ist sie überhaupt fassbar – was gehört dazu, wie setzt sie sich zusammen?
• Gibt es sichere Merkmale dafür, die immer auftauchen?
• Wie wird sie von Gesangslehrenden und Sängerinnen definiert?
Dazu ergaben sich sekundäre Fragen:
•Warum setzt sich nur ein Teil der sängerischen Begabungen mit einer erfolgreichen Laufbahn durch? Welches sind die Gründe dafür, dass sich Hoffnungen nicht erfüllen?
•Wie kommt es, dass Begabungen bei der Aufnahmeprüfung nicht erkannt werden, die sich später im Beruf durchsetzen?
• Welche Faktoren wirken auf die Entfaltung einer Begabung positiv oder negativ ein?
• Welche ungenügend entwickelten Anteile verhindern diese Entfaltung?
• Welche inneren Kräfte sind zur Entfaltung nötig – welche inneren Störungen behindern sie?
• Welche äußeren Einflüsse tragen zum Erfolg bei resp. führen zu Lähmung oder Behinderung der Entwicklung?
• Was bedeuten die Begriffe Erfolg und Karriere im Wandel der Zeiten?
Als erstes wurden mit Dozentenkolleginnen und -kollegen zur Erörterung dieser Forschungsfragen Gespräche vereinbart. Ursprünglich hatte ich die Absicht, ergänzend einige wenige als begabt eingestufte ehemalige Studierende zu ihrer eigenen Begabung zu befragen. Bald erweiterte sich das Interesse auch im Hinblick auf unsere Hochschule: Inspiriert durch eine an deutschen Musikhochschulen durchgeführte Absolventenstudie4, entschloss ich mich zum Versand eines Fragebogens (siehe Anhang S.108f.) an alle erreichbaren ehemaligen Gesangsstudierenden der Zürcher Hochschule Musik und Theater und deren Vorläuferinstitutionen zwischen 1965 und 2005.
4 Gembris, Langner 2005
Zur Einführung
Am Anfang stand die Auseinandersetzung mit der Fachliteratur im Themenfeld der sängerischen Begabung. Der Begabungsbegriff wird, allgemein bezogen auf die Musik, seit langem komplex und vielfältig, kontrovers und uneinheitlich diskutiert.5 Begabungsfaktoren werden zwar in jedem Werk zum Erlernen oder Lehren des Gesangs und zur Gesangstechnik6 implizit thematisiert. Dasselbe gilt von Büchern, welche die phoniatrischen Grundlagen zum Singen beschreiben.7 Es finden sich wertvolle Hinweise auf wesentliche Elemente der sängerischen Begabung, die aber nur wenig ausgearbeitet und selten systematisch und detailliert dargestellt sind. (Die Verweise auf Literatur zum jeweiligen Thema erscheinen in Fußnoten.)
Geführt von einem Leitfaden (siehe S.110) fanden zwanzig Gespräche mit Gesangslehrenden statt, die selbst in einer Karriere als Opernsängerinnen oder Konzertsänger stehen oder darauf zurückblicken. Zwölf von ihnen lehrten und lehren an unserer Hochschule. Acht weitere sehr erfahrene Dozierende unterrichten oder unterrichteten an anderen Hochschulen oder privat. Die Gespräche wurden verschiedenen Themenbereichen zugeordnet Wesentliche inhaltliche Aspekte dieser Gespräche sind in den Teil A eingegangen. Die in den Interviews genannten Attribute einer Sängerbegabung wurden in einem Kriterienkatalog (siehe Anhang S.111f.) gesammelt und dem Fragebogen für ehemalige Studierende beigelegt.
Die Auseinandersetzung mit den Antworten der Alumni und Gespräche mit jungen Sängerinnen haben mich veranlasst, die beiden Folgekapitel zu schreiben. In A II und A III sind neben den Dozentenaussagen auch solche aus der Studierendenbefragung mit einbezogen.
In Kapitel I von Teil A kommen die Facetten einer sängerischen Begabung für den klassischen Gesang zur Sprache.
In Kapitel II ist die Rede von der Entwicklung dieser Begabung im Gesangsstudium; dazu werden einige wichtige Aspekte des Studiums erörtert.
Das Kapitel III soll Einblick in die Welt bieten, die sich nach dem Studium eröffnet, und Ausblicke auf verschiedene Berufswege zeigen. An Beispielen aus der Praxis werden Schwierigkeiten und Möglichkeiten des Sängerberufs aufgezeigt.
5„[…] die Mehrdeutigkeiten im Diskursfeld um musikalische Begabung könnten auch ein Anzeichen dafür sein, daß trotz der mehr als hundertjährigen Geschichte der Begabungsforschung noch nicht einmal über die Grundannahmen Konsens besteht.“ (Hemming 2002, S.16)
6 So z.B. Faulstich 2006; Haefliger 2000, S.94–96; Stämpfli 2000, S.23 und S.78.
7 Vgl. z.B. Seidner, Wendler 1997, S.18.
In Teil B wird die Auswertung der Fragebogen an ehemalige Studierende dargestellt und diskutiert. Dieser Abschnitt kann einen Einblick vermitteln, wie Gesangsstudierende ihr Studium in der Rückschau beurteilen und wie sie ihre eigene Entwicklung erlebt haben. Ein Katalog von interessanten Vorschlägen und Ideen an die Hochschule zur besseren Gestaltung des Gesangsstudiums ergänzt diesen Teil.
Ich hoffe, dass diese Arbeit für Sänger, insbesondere für Gesangsstudierende und Stimmpädagoginnen, aber auch für Korrepetitoren und Liedbegleiterinnen, für Musiklehrende anderer Instrumente, für Dirigenten und Chorleiterinnen und oder auch für Verantwortliche von Musikausbildungsinstitutionen von Interesse und Nutzen sein kann. Ebenso richtet sie sich an junge Menschen, die von einem Gesangsstudium träumen, wie auch an gesangsbegeisterte Laien.
• In „Kursivschrift“ mit doppelten Anführungszeichen erscheinen direkte Zitate aus Gesprächen mit Sängerkolleginnen und -kollegen oder aus den Antworten ehemaliger Studierender.
• Einfache ‚Anführungszeichen‘ bezeichnen besondere Hervorhebungen.
• Zitate aus der Literatur sind wie gewohnt gerade und in Anführungen gesetzt.
• Wo ich mich auf Gedanken und Ergebnisse anderer Autoren beziehe, verweisen die Angaben (z.B. Prégardien 2006) in der Fußnote auf Autor und Entstehungsjahr einer Schrift. Genaue bibliografische Angaben finden sich im Literaturverzeichnis (S.105ff.).
• Die sprachliche Regelung von weiblicher und männlicher Schreibweise versuche ich zu lösen, indem ich möglichst abwechselnd die feminine und die maskuline Sprachform verwende. In Teil B, wo es um die statistische Auswertung der Alumnibefragung geht, werde ich ausdrücklich darauf hinweisen, ob jeweils Männer oder Frauen gemeint sind.
Vorbemerkungen
Die menschliche Stimme besitzt unendliche Ausdrucksmöglichkeiten: Sprechen, Schreien, Rufen, Lachen, Weinen, Stöhnen – sie kann eine Menge sehr ausdrucksvoller Laute produzieren – und auch singen.9 Singen kann man auf viele verschiedene Arten. Hören wir die georgischen Frauenstimmen, einen Jodler aus den Bergen, die speziellen Stimmideale des japanischen No- oder des alten chinesischen Musiktheaters, Kinderchöre, tibetische Mönche, einen Popstar, eine junge Mutter, die für ihr Kind singt, Obertongesang, afrikanische Eingeborene, einen klassischen Opernsänger oder die Stimme eines Inuits: Es gibt unzählige Möglichkeiten, unsere Stimme singend zu gebrauchen, die uns ‚natürlich‘ erscheinen. In allen Kulturkreisen lernen wir über das Ohr nicht nur die Muttersprache, sondern mit der Musik und ihrem Tonsystem auch die Singstimme auf eine spezielle Art zu gebrauchen, an die wir uns gewöhnen und die wir dann als schön oder richtig empfinden.
Um Missverständnissen zuvorzukommen: Diese Arbeit bezieht sich ausschließlich auf den ganz schmalen Ausschnitt des Stimmgebrauchs, den wir als klassischen Gesang bezeichnen. In der so genannten klassischen Musik mit ihren Wurzeln in Europa hat sich ein ganz eigener Gesangsstil mit höchst spezifischen Anforderungen an unser Stimmorgan entwickelt. Eine solche Stimme muss in einem großen Raum hörbar sein und über den Klang eines Orchesters hinweg tragen. Dieses Orchester ist seit der Barockzeit ständig größer und lauter geworden – die Instrumente wurden weiterentwickelt, damit ihr Klang mehr Volumen erhielt, die Anzahl der Instrumente wurde vervielfacht – für eine Wagner-Oper, eine Mahler-Sinfonie oder ein modernes Werk mit Gesangssolisten muss eine Stimme heute manchmal bis zu 100 Orchesterinstrumente übertönen können und oft auch noch einen Chor – und dies in großen Sälen und Opernhäusern ohne elektronische Verstärkung.10 Die klassische Musik verlangt von einer Stimme Tragfähigkeit und großes Volumen, sie soll in allen, auch in höchsten Lagen schön und ausgeglichen klingen und in der Tiefe gut hörbar sein, der Sänger muss extrem lange Phrasen in einem Atem bewältigen, laut und leise singen können, und trotz all dem muss das Wort verständlich sein. Um sich
9 Vgl. Faulstich 2006, S.15: „So bedient sich die Entladung von Affekten, die mit Lautäußerungen verbunden sind […] im Prinzip der gleichen Kopplung zwischen Atmungs- und Kehlorgan, wie sie für die Entstehung des Gesangstones notwendig ist.“ 10 Zu den wachsenden Anforderungen an die Stimme vgl. Haefliger 2000, S.46ff.
I Facetten der sängerischen Begabung 17
dahin zu entwickeln, die extremen Anforderungen unbeschadet überstehen zu können, wird eine Stimme in langjähriger Ausbildung ganz speziell geschult (ähnlich dem Training eines Spitzensportlers oder einer Berufstänzerin).
In dieser Arbeit ist von der Begabung zu dieser hoch spezialisierten Art, mit der Singstimme umzugehen, die Rede sowie von den Wegen hin zu einer Berufsausübung als klassische Sängerin. (Zum Singen an sich begabt sind sehr viel mehr Menschen, so wie wir auch mehr oder weniger begabt zum Tanzen sind – doch nur wenige von uns können Ballett- oder professionelle Flamencotänzer werden.)
Viele für den Sängerberuf notwendige Voraussetzungen sind dieselben wie für jeden anderen Musiker: Sie sind Bestandteile einer Musikerbegabung. Einige decken sich auch mit jenen für Schauspieler, Tänzerinnen oder für andere Berufe, bei denen eine Person direkt und ohne ein Instrument vor das Publikum tritt. In den einzelnen Abschnitten wird über solche Qualitäten gesprochen, ohne jedes Mal darauf hinzuweisen, doch wird der Bezug zur speziellen Situation der Singenden aufgezeigt.
Eine sängerische Begabung ist ein unteilbares, einmaliges Ganzes und lässt sich durch das Addieren von Einzelaspekten nicht adäquat beschreiben. Die dazu gehörenden Eigenschaften sind komplex untereinander verwoben. Dadurch ergeben sich vielfache Wechselwirkungen zwischen Körper, Psyche, Charakter und musikalischer Veranlagung. Im Bewusstsein für die Unfassbarkeit, das Geheimnis einer jeden Begabung wird dennoch im Folgenden versucht, verschiedene Facetten, wie sie in den Gesprächen diskutiert wurden, einzeln und in einer sinnvoll erscheinenden Übersichtlichkeit darzustellen.
Im Mittelpunkt: die Stimme
„Was für eine herrliche Stimme! Ein großartiges Sängertalent!“, sagen wir oft, wenn wir eine Sängerin oder einen Sänger in einer Oper oder einem klassischen Konzert hören. Aber was meinen wir eigentlich, wenn wir von einer sängerischen Begabung sprechen? Für das Publikum, für Opernfans oder Chormitglieder, für alle Gesangsamateure steht die Stimme der Sänger im Vordergrund. Stimmen bringen etwas in uns zum Mitschwingen, Singen ist natürlich, wir kennen das alle. Gesang berührt uns – im physischen Sinne – unmittelbar durch die Vibrationen, die uns wie einen mitschwingenden Resonanzkörper treffen. Körperliche Empfindungen der Sängerin wie mühelose Leichtigkeit oder aber ein Engegefühl im Hals übertragen sich ebenfalls direkt und physisch erlebbar auf das Publikum, auch wenn das selten ins Bewusstsein kommt. Mit Singenden treten wir in eine stärkere körperliche Resonanz als zum Beispiel mit einem Flötisten und dem Klang seiner Flöte. Die in der Musik einzigartige Verbindung von gleichzeitig musikalischer und sprachlicher Mitteilung kommt
18 A Die sängerische Begabung
dazu und bewirkt noch einmal ein vertieftes Angesprochensein. Ein Sänger drückt etwas für uns aus, was wir auch fühlen, was wir ganz selbstverständlich miterleben können und – so denken manche – was wir auch könnten, wenn wir nur so eine Stimme hätten.
Doch gehört sehr viel mehr dazu als Stimme, um eine Sängerin oder ein Sänger zu werden.11 In den Gesprächen mit meinen Sängerkolleginnen und -kollegen, die alle eine erfolgreiche Berufspraxis auf Opernbühne oder Konzertpodium mit einer jahrelangen Lehrerfahrung verbinden, kam immer wieder zum Ausdruck: „Die Stimme allein ist es nicht!“ Ein „Stimmbesitzer“ mit einem großen und schönen Organ ist nicht automatisch zum Sänger geboren. Selbstverständlich muss ein Mensch, der Gesang studieren möchte, ein Stimminstrument mitbringen – das ist Voraussetzung: eine gesunde, belastungsfähige Stimme, der ein gewisser Wohlklang, ein spezielles Timbre, eine persönliche Schwingung innewohnt. Tragfähigkeit und das Potential der Entfaltung können für einen erfahrenen Stimmbildner bereits in der Anlage spür- und hörbar sein, auch wenn beides noch versteckt ist wie ein Schatz, der erst gehoben werden muss.
Keine Sängerstimme gleicht einer anderen, keine Begabung ist mit einer anderen identisch. Es ist die Verbindung von Persönlichkeit, Ausstrahlung und musikalischen Fähigkeiten, von Körperbau und Beweglichkeit, von psychischer Disposition und vielen charakterlichen oder menschlichen Eigenschaften, die zusammen mit der Stimme eine sängerische Begabung ausmachen. Dieses Ganze mit seinen Facetten ist, wie eine Kollegin es ausgedrückt hat, „der Schliff eines Kristalls und das Licht, das darauf fällt, welche ihn erst zum Leuchten bringen.“ Die eine Sängerin liebt man für ihr Temperament und ihre Musikalität, eine andere für die Seele, die in ihrer Stimme mitschwingt, eine dritte, weil sie ihr Instrument zu einer mühelosen Perfektion entwickelt hat, die uns Leichtigkeit erleben lässt. Diesen Sänger verehrt man für sein kostbares Organ, das uns zum Schmelzen bringt, jenen für seine ungeheure Vitalität und Lebensfreude, einen dritten für die magische Kraft seiner Darstellung auf der Bühne.
Ganz große Sänger und Sängerinnen, welchen eine der seltenen Weltkarrieren gelingt, bringen nebst einer außergewöhnlichen Wunderstimme ein ganzes Arsenal an Bausteinen für die Begabung mit. Die meisten davon sind hoch entwickelt. „Bei ihnen kommt alles zusammen“, wo andere vielleicht nur einige höchste Qualitäten in sich vereinigen.
11 Vgl. Gembris, Langner 2005, S.151f.
I Facetten der sängerischen Begabung
Was ist denn eigentlich eine schöne Stimme? Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Gewisse Stimmen werden von vielen, vom breiten Publikum als schön empfunden – andere werden von den einen positiv beurteilt und von anderen abgelehnt. Man hat gemessen, in welchem Schnelligkeits- und Ausschwingbereich ein Vibrato als wohltönend wahrgenommen wird.12 Und es gibt Untersuchungen über das Obertonspektrum und darüber, was die Qualität eines Timbres ausmacht, welches als schön empfunden wird.13 Interessant ist, dass sich das Ideal einer schönen Stimme über die Zeiten verändert. In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts war z.B. der Toleranzbereich der als schön empfundenen Vibratofrequenz pro Sekunde noch größer als heute, da unsere Hörgewohnheit eine mit siebenmal pro Sekunde vibrierende Stimme bereits in Richtung Tremolo ansiedelt.14 Die Schönheit einer Stimme ist auch eine persönliche Geschmackssache – menschliche Sympathien werden völlig verschieden erlebt, und mit Stimmen geht es uns ähnlich. Auch Instrumentalisten kann man an ihrem eigenen, unverwechselbaren Klang und Vibrato erkennen. Doch ist das Gesangsinstrument viel stärker an die Person gebunden, weil der Mensch als körperliche Ganzheit erklingt. Die Person, durch welche diese Stimme tönt (per-sonare), und die Art und Weise, wie sie mit ihr umgeht, ihr Temperament und ihre Ausstrahlung sind nicht einfach vom Stimmklang zu trennen.
„Vielleicht könnte man unter den vielen sehr guten Sängern und Sängerinnen (nebst den ganz großen) zwei Typen unterscheiden. Jene, die großartige Interpreten, wunderbare Musiker sind, die vergleichsweise nicht unbedingt besonders schöne oder große Stimmen haben, die mehr faszinieren durch ihre Musikalität und Persönlichkeit als durch ihr Instrument. Und es gibt jene, die uns durch ihr herrliches Stimmmaterial vollständig in Bann schlagen können, auch wenn sie sonst nicht über so viele Facetten verfügen.“ Die außergewöhnliche, ganz große Begabung hat beides und ist immer ein seltener Glücksfall.
Was es braucht, um sein ‚Gesangsinstrument‘ zu entwickeln
‚Sängerische Intelligenz‘ oder ‚Sängerischer Instinkt‘
Jeder Instrumentalist hat zuerst einmal ein Instrument vor sich: Eine zukünftige Geigerin erhält eine kunstvoll gefertigte Violine, vom Geigenbauer in ihre ideale Schwingungsform gebracht, lernt darauf spielen, entwickelt Geschicklichkeit in Bogen- und Fingertechnik, lernt ihr Instrument zu beherrschen, seinen Klang ‚aushorchen‘ und
12 Z.B. Fischer 1998; vgl. auch Miller 1986, S.182f. und Faulstich 2006, S.105ff.
13 Z.B. Goldhan 1980, S.27f.
14 Vgl. Seidner, Wendler 1997, S.106.
20 A Die sängerische Begabung
Musikalität
Musikalität ist die Fähigkeit, melodische Bögen zu empfinden und zu gestalten, harmonische Spannungen zu erleben und rhythmische Strukturen mit dem passenden Körpertonus umzusetzen. Es ist die Sensibilität, hinter dem Notenbild mit Fantasie und Vorstellungsvermögen zu erspüren, was der Komponist ‚erhört‘ haben könnte, sich emotional davon bewegen zu lassen und es in Klang umzusetzen. Musikalität verlangt schöpferische Neugierde, Aufmerksamkeit, eine wache Intelligenz und Intuition für Stile. Ein Sinn für Farben in der Musik, ein Gefühl für Form und Struktur gehören dazu. Und noch einmal das Gehör: die Fähigkeit, zuzuhören – sowohl der eigenen Stimme als auch der Musik, die sich gleichzeitig ereignet. Denn Gesang erklingt selten allein; meistens liegt der größte Teil des musikalischen Geschehens im Klavierpart oder in der Orchesterbegleitung. Das innere Voraushören-Können einer musikalischen Phrase muss den Körper einer ausgebildeten Sängerin in die ideale Disposition und in den fein abgestimmten Tonus dafür versetzen, so wie zum Beispiel der Tennisspieler die Vorbereitung zum präzisen Schlag beim Herannahen des Balles in seinem Körper spürend im Voraus ‚weiß‘. Das Vorstellungsvermögen einer Klangfarbe, eines speziellen Ausdrucks bereitet sich in Mimik, Körperhaltung und Muskeltonus vor.
Musikalität ist manchmal versteckt oder verschüttet unter stimmlichen Unzulänglichkeiten oder gehemmtem Ausdruck. Doch auch sie kann nur geweckt und entfaltet werden, wenn sie bereits im Keime vorhanden ist.
Sänger benötigen mehr als andere Musiker einen besonderen Sinn für Sprache, ein Gefühl für Worte, ein Gespür für Poesie. Wörter müssen für Sänger eine klanglichsinnliche Komponente haben. Die Sprache gibt der Musik eine zweite Ebene, eine besondere Plastizität. Die beiden Ebenen durchdringen einander, einmal übernimmt die musikalische Linie die Führung, ein andermal die sprachliche Artikulation. Für manche Sängerinnen steht der Klang im Zentrum der Aufmerksamkeit – sie müssen im Studium die sprachlichen Fertigkeiten, Sinn für Artikulation und Sprachausdruck erst erwerben. Andere kommen eher von der sprachlichen Aussage her, das Wort ist ihnen von Anfang an sehr wichtig – für sie ist es schwerer, eine durch die Artikulationsbewegungen ungestörte Klangproduktion zu erreichen. Wie Schauspieler müssen sich auch Sänger Texte völlig zu eigen machen, sie ganz in ihr Erleben aufnehmen, so als würden gerade jetzt diese Worte spontan aus ihrem Innern kommen. Der Komponist hat ein Gedicht, eine Szene auf seine ganz persönliche Weise verstanden, erlebt, gedeutet und durch seine Musik in ein eigenes Licht getaucht. (Besonders schön ist dies wahrzunehmen, wenn verschiedene Komponisten dasselbe Gedicht zu völlig verschiedenen Liedern gestalten.) Die sängerische Aufgabe ist es, den Text in dieser musikalischen Beleuchtung, „im Gewande der Musik“ I Facetten der sängerischen Begabung
zu verstehen und die Aussage der Musik mit dem textlichen Inhalt zu verbinden und hörbar zu machen.
Da Opern, Lieder, Oratorien und Gesangsliteratur jeder Art in den verschiedensten Sprachen geschrieben wurden und aufgeführt werden, ist ein Ohr für Sprachen, ein Flair oder eine gewisse Leichtigkeit, zu anderen Sprachmelodien, anderem Duktus und anderen Sprachlauten Zugang zu gewinnen, für Sängerinnen eine Notwendigkeit.27 (Orchester- und Regieproben in Fremdsprachen sind eine weitere Herausforderung.) Übung und großer Fleiß können dabei vieles wettmachen, wenn sich die Sprachbegabung in Grenzen hält.
Deutliche Aussprache kann für einen Laiensänger problemlos sein, wird für klassische Sänger jedoch durch den Anspruch auf einen tragfähigen und ausgeglichenen Klang zu einer technischen Herausforderung.28 Selbstverständlich muss Textverständlichkeit ein großes Anliegen und Ziel jeder Ausbildung sein.
Persönlichkeit: Kommunikationstalent, Präsenz, Ausstrahlung, Erlebnisfähigkeit und emotionaler Ausdruck
Um eine lebendige Verbindung zum Publikum herstellen zu können, ist ein Talent zur Kommunikation erforderlich. Musik ist an sich schon eine Sprache – eine nonverbale, universelle, offenbar nur dem Menschen eigene Form der ‚Mit-teilung‘. Auch Vögel, Wale und andere Tiere tauschen sich untereinander durch Melodien aus, die wir als eine Art Musik erleben können. Komponisten und Wissenschaftler sind sich darüber einig, dass die Musik der Menschen sich dadurch unterscheidet, dass ihr Organisationsprinzipien innewohnen, die ihm Strukturen verleihen, Strukturen, welche denjenigen von Sprachen verwandt sind.29 Doch spricht uns Musik anders an als gesprochene Sprache und wird vorwiegend mit der nicht sprachdominanten Hirnhälfte verarbeitet30 (wenn auch neueste neurologische Forschungen diese Ergebnisse differenzieren31). Immerhin bestätigen zahlreiche neurologische Untersuchungen, bei denen die Hirnaktivitäten sichtbar gemacht werden können, dass
27 Vgl. Stämpfli 2000, S.22.
28 Faulstich erläutert, dass die Muskulatur von Mund und Rachen von den unwillkürlichen Schluck- und Würgereflexen, den emotionalen Reaktionen (Verengungen im Schlundbereich) und der willkürlichen (aber meist unbewussten) Gewohnheitsartikulation der Alltagssprache neu zu einer hochgradigen Differenzierung und Öffnung aller Organsysteme entwickelt werden muss, welche erst eine neue Artikulationsbasis für die Erfordernisse des Gesanges ermöglicht. (Faulstich 2006, S.63)
29 Vgl. Storr 1992.
30 Vgl. z.B. Vester 1975, S.23: „Interessant ist auch, daß im rechten Hörzentrum Geräusche und Musik besser verarbeitet werden können als im linken und dafür im linken wieder sprachliche Äußerungen besser als im rechten.“
31 Vgl. z.B. Jäncke 2008, S.367ff.
A Die sängerische Begabung
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Die erfahrene Hochschullehrerin und Konzertsängerin definiert im ersten Teil ihrer Studie zunächst das Thema – und reflektiert es anschließend mit Bezug auf das Studium und die Berufspraxis. Der zweite Teil umfasst die Auswertung von Fragebögen, die von ehemaligen Studierenden an der Musikhochschule in Zürich beantwortet wurden. Abgerundet und auf die heutige Hochschulausbildung geweitet wird die Darstellung durch Gedanken von Fachkollegen zum genannten Thema, das bislang in der Fachliteratur wenig thematisiert wurde.




Kathrin Graf, geboren 1942 in Zürich, Violinstudium in Genf bei Lorand Fenyves, Gesangsausbildung in Zürich bei Silvia Gähwiller (gleichzeitig Mitglied des Tonhalleorchesters und des Collegium musicum) und in Berlin bei Elisabeth Grümmer. 30 Jahre internationale Konzerttätigkeit als Sopranistin mit breitem Repertoire, zahlreiche Uraufführungen zeitgenössischer Komponisten. 1977–2006 Dozentin für Gesang an der Musikhochschule Zürich (heute ZHdK). Assistentin von Elisabeth Grümmer bei den Internationalen Meisterkursen Luzern. Regelmäßige Meisterkurse in Japan.
