Hans Zender
Mnemosyne HĂślderlin lesen IV
fĂźr Frauenstimme und Streichquartett for Female Voice and String Quartet Studienpartitur Study Score
Kammermusik-Bibliothek 2483
Hans Zender
Mnemosyne Hölderlin lesen IV
für Frauenstimme und Streichquartett (Textprojektionen und Zuspielbänder ad lib.) for Female Voice and String Quartet (projection of lyrics and tapes ad lib.)
Kammermusik-Bibliothek 2483 Printed in Germany
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Hans Zender Friedrich Hölderlin Mnemosyne Ein Zeichen sind wir, deutungslos, Schmerzlos sind wir und haben fast Die Sprache in der Fremde verloren. Wenn nämlich über Menschen Ein Streit ist an dem Himmel und gewaltig Die Monde gehn, so redet Das Meer auch und Ströme müssen Den Pfad sich suchen. Zweifellos Ist aber Einer, der Kann täglich es ändern. Kaum bedarf er Gesetz. Und es tönet das Blatt und Eichbäume wehn dann neben Den Firnen. Denn nicht vermögen Die Himmlischen alles. Nämlich es reichen Die Sterblichen eh an den Abgrund. Also wendet es sich, das Echo, Mit diesen. Lang ist Die Zeit, es ereignet sich aber Das Wahre. Wie aber Liebes? Sonnenschein Am Boden sehen wir und trockenen Staub Und heimatlich die Schatten der Wälder und es blühet An Dächern der Rauch, bei alter Krone Der Türme, friedsam; gut sind nämlich, Hat gegenredend die Seele Ein Himmlisches verwundet, die Tageszeichen. Denn Schnee, wie Maienblumen Das Edelmütige, wo Es seie, bedeutend, glänzet auf Der grünen Wiese Der Alpen, hälftig, da, vom Kreuze redend, das Gesetzt ist unterwegs einmal Gestorbenen, auf hoher Straß Ein Wandersmann geht zornig Fern ahnend mit Dem andern, aber was ist dies? Am Feigenbaum ist mein Achilles mir gestorben, Und Ajax liegt An den Grotten der See, An Bächen, benachbart dem Skamandros. An Schläfen Sausen einst, nach Der unbewegten Salamis steter Gewohnheit, in der Fremd, ist groß Ajax gestorben, Patroklos aber in des Königes Harnisch. Und es starben Noch andere viel. Am Kithäron aber lag Eleutherä, der Mnemosyne Stadt. Der auch, als Ablegte den Mantel Gott, das Abendliche nachher löste Die Locken. Himmlische nämlich sind Unwillig, wenn einer nicht die Seele schonend sich Zusammengenommen, aber er muss doch; dem Gleich fehlet die Trauer.
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Mnemosyne Werkkommentar
In meinen Hölderlin lesen-Stücken ging es mir darum, Wege zu finden, die gewaltigen Sprachstrukturen Hölderlins so in die zeitliche Form der Musik zu integrieren, dass sie Funktionen der musikalischen Form übernehmen, ohne in ihrer Eigenkraft (sowohl akustisch wie auch im Sinne expressiver „Deutung“) im geringsten geschmälert zu werden. Das hieß zunächst: Sprechen, nicht singen! – Aber das würde nur bedeuten, dass es nicht um die Musikalisierung von Text geht; ebenso wichtig ist es, dass es auch nicht um melodramatisch „erzählende“ Musik geht. Sondern: Zwei autonome Künste durchdringen sich auf diaphane Weise, ohne sich zu überformen oder auszulöschen; es handelt sich um einen Dialog, nicht um eine Vereinnahmung durch Hierarchisierung. Sind wir uns selbst zu einem „Zeichen ... deutungslos“ geworden, wie es Hölderlins Anfangszeilen sagen, so erscheinen auch die Zeichen, die wir selber setzen, sich immer mehr einer Deutbarkeit zu entziehen. Mein Stück, das den vollständigen Text von Hölderlins Mnemosyne integriert, stellt auf seine Weise die Frage nach dem „Zeichen“. „Was ist dies?“ Klang? Wort? Schrift? Wie sind die Grenzen, die Übergänge, die gegenseitigen Beeinflussungen der einzelnen Zeichenregionen? Was liegt ihnen zugrunde? Worte und musikalische Zeichen bewegen sich im Medium der Zeit; Schriftzeichen erscheinen zunächst als Verräumlichung, aber man muss daran erinnern, dass der Vorgang des Schreibens – wie er in der ostasiatischen Kalligraphie zu höchster Kunst entwickelt wurde – auch zeitlichen Charakter hat. Mnemosyne – die Kraft des Sich-Erinnerns – schafft die Zeichen, indem sie Gestalten durch Wiederholung fixiert und so aus dem endlosen Fluss der wahrgenommenen Vorgänge herauslöst. Die so entstehende artikulierte Zeit schafft wiederum durch das Wechselspiel von fixierten und sich bewegenden Gestalten das Bewusstsein für differenzierte Formabläufe. Der Formverlauf meines Stückes zeichnet solche genetischen Prozesse nach. Der Hörer wird schnell merken, dass die Wortzeichen oft einer zuerst erscheinenden musikalischen Klangwelt entspringen (ich stimme Walter Benjamin zu, wenn er sagt, dass die Sprache in ihrer grundlegenden Schicht expressiven – und nicht darstellenden – Charakter hat). Die Schrift auf der Leinwand folgt zunächst den sprach-
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lichen Aktionen der Stimme, erhält dann aber auch eigene Teile der Form zugeteilt, in der sie sich als autonomes Zeichen darstellt. In der durch die drei Strophen Hölderlins notwendigerweise dreiteiligen Gesamtform gibt es immer wieder Abschnitte, in denen entweder das musikalische Geschehen oder die Sprachzeichen des Gedichtes oder das Sich-Schreiben der Schrift im Vordergrund stehen; der Komponist versteht sich also hier auch als „Zusammensetzer“ der in unserer Wahrnehmung so verschieden besetzten Zeiten des Schreibens, Sprechens und Musikhörens. Es bilden sich im Verlauf des 40-minütigen Stückes auch Grenzfälle, wie „stumme“ Musik oder total musikalisierte – ihrer Verstehbarkeit beraubte – Textrezitation. Auch das Singen von Text – in meinen bisherigen Hölderlinstücken strikt vermieden – wird als äußerste Möglichkeit gegen Ende des formalen Prozesses zugelassen. An einigen Stellen zeigt die Musik sozusagen direkt auf sich selbst. Es sind Formzustände, die ich in meinem Shir Hashirim als „Koan“ bezeichnet habe: „endlose“ Wiederholungen einer zeichenhaften Konstellation, bei jeder Wiederholung minimal verändert – so wie ein Kalligraph sein Schriftzeichen bei jedem Malvorgang unwillkürlich verändert und neu schafft. Steht im ersten Teil der Großform der Aspekt des Abstrakten, des Unsinnlichen im Vordergrund, so wird im zweiten Teil Bildhaftigkeit als Eigenschaft nicht nur der Sprache, sondern auch der Musik betont: die Landschaft, halb schnee-, halb blütenbedeckt, die der Wanderer „zornig“ durchstreift. Am Ende dieses Teils wird das Schriftbild selber zur Landschaft, die der Leser/Hörer durchwandert. Er wird im dritten Teil durch einen Verwandlungsprozess zu den ekstatischen Ursprüngen des hölderlinschen Dichtens geführt, und damit zur explizit musikalischen Ebene: Die Totenklage um Hektor und Ajax wird zum „dithyrambischen“ Tanz, wie es Hölderlins Schlusszeile entwirft: „... darum fehlet die Trauer“. Es bleibt noch nachzutragen, dass ich den in der Stuttgarter Ausgabe der Werke Hölderlins in drei Versionen abgedruckten Text in einer Mischversion verwendet habe: die erste Strophe aus der 2. Fassung, die zweite mit Abweichungen und Widersprüchen aus allen drei Fassungen, und die dritte Strophe aus der 3. Fassung. Hans Zender
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Zur Ausführung
Es gibt zwei gleichberechtigte Aufführungsmöglichkeiten dieses Stückes. In seiner vollständigen Version verlangt es außer den Live-Ausführenden einen Lautsprecher zur Wiedergabe eines Zuspielbandes sowie eine Leinwand zur Wiedergabe vorproduzierter Texte bzw. Filmfragmente. Die Alternativ-Version verzichtet auf diese optischen Zusätze; es wäre jedoch sehr wünschenswert, die akustische Zuspielung zu realisieren. Die Sprecherin/Sängerin sollte auf dem Podium rechts neben dem Quartett platziert sein, während der Lautsprecher für die Wiedergabe der Einspielungen auf der linken Seite stehen sollte. Die – genügend große – Leinwand für die Projektion der Texte Hölderlins (das Stück verarbeitet eine Gesamtfassung des Hymnus Mnemosyne, wobei die 1. Strophe aus dessen 2. Fassung und die 3. Strophe aus der 3. Fassung stammen) könnte hinter dem Quartett oder hinter der Sängerin oder auf der linken Seite stehen. Eine weitere „Theatralisierung“ der Aufführungssituation ist vorstellbar, so vor allem die Verdunkelung des Saales, Pultleuchten für die Spieler; vielleicht wird auch die Projektion des Negativs der Schrift und des Filmes – also weiße Buchstaben auf schwarzem Grund – eine gute Wirkung hervorrufen. In diesem Stück ist der temperierte Halbton sechsmal unterteilt; die Differenz der sechs Stufen ist je 16 (17) Cent:
Besondere Anweisungen Stimme
gesungen Sprechgesang
rhythmisches Sprechen
frei gesprochener Text innerhalb der angegebenen Zeit In Takt 19–39 der 3. Strophe soll die Stimme zwei bzw. drei „simultane“ Deklamations-Charaktere realisieren, wobei eine möglichst große Gegensätzlichkeit der einzelnen (in sich möglichst konsistenten) Schichten anzustreben ist. Takt 19: Quartett und Stimme sind rhythmisch völlig unabhängig voneinander (lediglich am Ende koordinieren!). Takt 20–39 grundsätzlich koordiniert, trotz verschiedener metronomischer Notation. Alle Streicher
Stegschlüssel; die Zeichen beschreiben die Anschlagstelle des Bogenholzes auf der Saite zwischen Steg (oben) und Griffbrettmitte (unten)
auf Corpus (z. B. Zarge) leicht klopfen (Finger oder Bogenholz) auf dem Steg oder auf Stegkante (tonloses Rauschen) Violoncello
Die Takte 1–15 und 31–46 der 2. Strophe sollen vorproduziert werden. Die Takte 1–15 werden eingespielt, wenn das Quartett live bei Takt 16 angekommen ist; ebenso die Takte 31–46, wenn das Quartett live Takt 47 erreicht (Lautstärke möglichst gleich). Natürlich lässt sich die Stelle auch als live-Delay realisieren. Ebenso ist die Schrift (Druckschrift wie Manuskript Hölderlins) vorzuproduzieren und live einzuspielen. Bei der Druckschrift wird zwischen komplett erscheinenden Zeilen (deren optische Anordnung in den „Kästchen“ der Partitur angedeutet ist) und „sich schreibenden“ Zeilen unterschieden.
Skordatur: C-Saite ein Tritonus tiefer; möglichst Spezialsaite! (In der Stimme ist für die betreffenden Stellen die Griffnotation mit angegeben.)
Das Aufführungsmaterial (Streicherstimmen) ist mietweise erhältlich. Der Verlag stellt auf Wunsch auch PowerPointDateien für die Textprojektionen mietweise zur Verfügung. Die Zuspielungen sollen jedoch jeweils für die Aufführungen von den Interpreten selbst realisiert werden (siehe die Anmerkungen „Zur Ausführung“).
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Felicitas Barg zum 100. Geburtstag in Verehrung gewidmet
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Hans Zender, 2000
Š 2001 by Breitkopf & Härtel, Wiesbaden
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Hans Zender Mnemosyne (Hölderlin lesen IV) (2000)
Hans Zender Hölderlin lesen I–V (Reading Hölderlin I–V)
geschrieben für Salome Kammer und das Arditti-Quartett im Auftrag des WDR für die Wittener Tage für neue Kammermusik 2001
Ein Wandersmann ... zornig ... (Hölderlin lesen V) (2012) 12 min. Akk | acc
Aufführungsdauer | Duration
Mnemosyne (Hölderlin lesen IV) (2000) 40 min.
etwa 40 Minuten | approx. 40 minutes
Stimme – 2Vl.Va.Vc | vce – 2vl.va.vc
Uraufführung | World premiere
„denn wiederkommen“ (Hölderlin lesen III) (1991) 24 min.
Salome Kammer (vce) | Arditti Quartet Witten | Wittener Tage für neue Kammermusik | 04/05/2001
Spr – 2Vl.Va.Vc | spk – 2vl.va.vc
Hölderlin lesen II (1987) 25 min. Spr – Va – Live-Elektronik spk – va – electronics
Hölderlin lesen I (1979) 20 min. Spr – 2Vl.Va.Vc | spk – 2vl.va.vc Verlag | Publisher: Boosey & Hawkes / Bote & Bock, Berlin
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ISMN 979-0-004-50258-7
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