Vorwort
DievorliegendeAusgabevereintachtChoralfughetten von Johann Sebastian Bach,dienach neuesten Forschungen1 vom Komponisten als kleines Sammelwerkkonzipiertworden waren und in seinen späten LeipzigerJahreentstanden sein müssen. Dabei erwies sich auch dieseitjeherin ihrerEchtheitangezweifelteBearbeitung Das Jesulein soll doch mein Trost BWV702 als eineauthentischeKomposition. DieachtFughetten sind füreinen bestimmten Abschnittdes Kirchenjahres geschrieben: Advent– Weihnachten – Neujahr. DieZahl derBearbeitungen fürdiesedrei liturgischen Kreiseentsprichtden korrespondierenden Sonntagen. So komponierteBach vierAdventsfughetten,drei Weihnachtsfughetten und eineNeujahrsfughette. Bachs Praxis hinsichtlich derliturgischen Anwendung der achtbearbeiteten Choräleund den Gebräuchen seinerZeit folgend,wurdedievorliegendeNeuordnung vorgenommen. Die hypothetische de tempore-Einordnung stehtals Zusatz unterden Titeln.
AufdieseWeisewird einekleine,abergewichtigeWerksammlung Bachs wiedergreifbar,in derauffünfdreistimmigeFughetten drei vierstimmigeBearbeitungen folgen. BeideGruppen werden von Fughetten miteinem unerwarteten „phrygischen Schluss“ (BWV704und 696)eröffnet,und von Bearbeitungen abgeschlossen,in denen jeweils zwei odermehrereChoralphrasen miteinanderkombiniertwerden (BWV701und 702). Deranspruchsvollsteund längsteSatz, Vom Himmel hoch,da komm ich her BWV701,in dem ausnahmsweisealle(vier)Choralzeilen verarbeitetsind,fälltin dieserDeutung dem wichtigsten Sonntag des vom Zyklus umfassten Abschnitts des Kirchenjahres zu,dem ersten Weihnachtstag. DerPedaleinsatz am Schluss derNeujahrsfughette Das Jesulein soll doch mein Trost BWV702– eineauffallendeErscheinung in dersonstrein manualiterangelegten Sammlung – setztderReiheals Ganzes einen krönenden Abschluss. Dieäußerstkomprimierte KontrapunktikdieserachtSätze,ihre„neo-modalen“Elemente und an dieGrenzederfunktionalen Harmonikführenden ExperimentesowieeinigeauffallendeStilparallelen zum SpätwerkBachs weisen unzweideutig aufeineEntstehung in den 1740erJahren hin – jedenfalls nach dem dritten Teilder ClavierÜbung von 1739. Denn dieseVeröffentlichung enthälteinige Fughetten,dieunübersehbardieformalen und stilistischen Voraussetzungen fürdievorliegenden achtFughetten bilden. DieSammlung kann trotz allerKomprimiertheitsomitzum Bereich derspäten Clavierzyklen Bachs gerechnetwerden. DievorliegendeAusgabewähltbewusstdas Hochformat,da es sich hierum tastenidiomatisch „neutrale“ClavierwerkeBachs handelt,diesich sowohl aufderOrgel,als auch aufbesaiteten Tasteninstrumenten darstellen lassen. DieStückeeignen sich übrigens vorzüglich fürdas Studium derBachschen Tonsprache und Fugentechnikin denkbarkonzentrierterForm. DieachtChoralfughetten sind als geschlossenes Ganzes (wenn auch in eineroffensichtlich falschen Reihenfolge)in einer bisherwenig beachteten Quelle(Brüssel,KöniglicheBibliothek, Ms. II. 3919,1. Teil)überliefert; fürdieVeröffentlichungsgenehmigung sei derBibliothekan dieserStelleherzlich gedankt. Da es sich hieroffenbarum dieältesteQuellehandelt (sieentstand in den 1760erJahren als sogenannte„Stammhandschrift“eines Berufskopisten fürden LeipzigerVerlag
Breitkopf),diezudem ein insgesamtzuverlässiges Bild vermittelt,wurdesiehierals einzigeQuelleherangezogen. Dem Prinzip einerQuellenausgabefolgend,wurdedie(ziemlich inkonsequente)originaleVerbalkung und Halsung beibehalten. DieSchreibweise„Fugetta“entsprichtsowohl derHandschrift als auch Bachs Gepflogenheiten (vgl. Clavier-Übung,Teil III).
FolgendeBerichtigungen wurden gegenüberdem Textder Quellevorgenommen:
Nr. 1Lob seydem allmächtigen Gott T. 1–3Mittelstimme: Pausen fehlen; T. 12,Taktzeit3: t-Zeichen zum Sopran (stattzurMittelstimme)
Nr. 2 Gottes Sohn ist kommen T. 1–3Mittelstimme,T. 11und T. 16–17Sopran: Pausen fehlen
Nr. 3 HerrChrist dereinige Gottes Sohn T. 1–2Bass: Pausen fehlen; T. 3Bass: ganzePausestatthalbe Pause.
Nr. 4 Nun kom derHeiden Heiland T. 1–2Mittelstimme: Pausen fehlen; T. 4Sopran: 4. Note c2, Taktzeit2–3ohneHaltebogen,7. Note b1
Nr. 5Von Himmel hoch da komm ich her T. 1Sopran: Pausefehlt; T. 4Sopran: 1. Pausefehlt
Nr. 6 Christum wirsollen loben schon [oder] Was fürchst du Feind Herodes sehr DerAlternativtitel beziehtsich aufdas paralleleLied zum Sonntag nach Neujahrund den darauffolgenden Sonntag Epiphanias.
T. 1–8und 15Sopran,T. 1–4Alt,T. 1–3Tenor: Pausen fehlen; T. 7Alt: 3. Note e1;T. 7Tenor: 3. Note h; T. 10–11Tenor: Haltebogen fehlt; T. 16 Alt: Haltebogen fehlt
Nr. 7Gelobet seyst du, Jesu Christ T. 1–4Sopran,T. 1,5–6 und 12Alt,T. 4Tenor,T. 1–2und 10–11 Bass: Pausen fehlen; T. 7Tenor: halbePausefehlt
Nr. 8 Daß Jesulein soll doch mein Trost
T. 1–2Sopran,T. 12und 15Alt,T. 5und 9Tenor,T. 1–2und 12–13Bass: Pausen fehlen; T. 3Alt: 1. Notefehlt; T. 2–3 Tenor: Haltebogen fehlt; T. 5Tenor: Taktzeit3 ante correcturam Viertel b ; T. 11Alt: Viertelpausefehlt; T. 13Sopran: 6. Note mitüberflüssigem zweitem Hals nach unten mitAchtelFähnchen; T. 17Bass: 3. Note des; T. 19–20 Bass: halbePausen fehlen; T. 20: DiePedalangabe(„Ped.“)stehtim Manuskript aus Platzgründen einen Taktspäterund etwas zu tief,kann sich abernuraufden thematischen Basseinsatz in T. 20 beziehen. DerSchluss dieserletzten Fughettestellttatsächlich dieeinzige Stellein derganzen Sammlung dar,dienichtmanualiterspielbarist. T. 21,Tenor: letztes Viertel fehlt
Wadenoijen,Frühjahr2007 PieterDirksen
1Vgl. P. Dirksen, Bachs „Acht Choralfughetten“– ein unbeachtetes LeipzigerSammelwerk?,in: Bach in Leipzig – Bach und Leipzig. Konferenzbericht Leipzig 2000,hrsg. von Ulrich Leisinger(LeipzigerBeiträge zurBachforschung,Bd. 5; Hildesheim,2002),S. 155–182. Dortfinden sich ausführlicheBeobachtungen zum Zyklus-Charakterund zurStellung innerhalb Bachs kompositorischerEntwicklung,zurEchtheitvon BWV702sowieeingehende Analysen jedereinzelnen Fughette.
Preface
This edition unites eightchoralefughettas byJohann Sebastian Bach which,according to recentresearch1,wereconceived by thecomposeras a littleanthologyand musthavebeen written in thecomposer’s lateLeipzig years. Also among therecent findings is theproofofauthenticityofthearrangement Das Jesulein soll doch mein Trost BWV702,which was always considered a dubious work. Theeightfughettas werewritten fora specificperiod ofthechurch year: Advent– Christmas – New Year. Thenumberofarrangements forthesethreeliturgical circles corresponds to therespectiveamountofSundays. Bach thus composed fourAdventfughettas,threeChristmas fughettas and oneNewYearfughetta. Theworks areherearranged in a newsequencefollowing Bach’s practiceoftheliturgical application oftheeightchoralesettings and in agreementwith the usages ofhis time. Thehypothetical de tempore destination is additionallysupplied beneath thetitles. In this manner,a small butimportantcollection byBach is availableonceagain,with fivethree-partfughettas followed by threefour-partarrangements. Each group is opened bya fughetta with an unexpected “Phrygian”close(BWV704and 696)and closed byarrangements in which two ormorechorale phrases arecombined with oneanother(BWV701and 702). In harmonywith this interpretation,thelongestand most ambitious piece, Vom Himmel hoch,da komm ich her BWV701, which exceptionallyfeatures arrangements ofall (four)chorale lines,is assigned to themostimportantSundayin thesegment ofthechurch yearencompassed bythis cycle,Christmas Day. Theuseofthepedal atthecloseoftheNewYearfughetta Das Jesulein soll doch mein Trost BWV702– a conspicuous featurein an otherwisepurelymanualitercollection – provides a crowning touch to theentireseries. Theextremelycompactcounterpoint oftheseeightpieces,their“neo-modal”elements,theexperiments leading to thelimits offunctional harmonyand several notablestylisticparallels to Bach’s lateworks all unequivocally suggestthatthepieces werewritten in the1740s. Theirorigin dates atall events from afterthethird partofthe Clavier-Übung of1739,sincethis publication contains several fughettas which unmistakablyconstitutetheformal and stylisticprerequisites forthepresenteightfughettas. In spiteoftheirconcision,the collection can becounted among Bach’s latekeyboard cycles. Wehavedeliberatelychosen an uprightformatforthepresent edition,sincethesekeyboard works are,from an idiomaticpoint ofview,“neutral”and can beplayed both on theorgan as well as on stringed keyboard instruments. Indeed,thepieces are particularlywell suited to thestudyofBach’s treatmentof tonalityand fugal techniquein themostcompactdimensions imaginable.
Theeightchoralefughettas aretransmitted as a self-contained whole(albeitin an evidentlyfalsesequence)in a sourcethathas received littleattention to date(Brussels,BibliothèqueRoyale, Ms. II. 3919,firstpart). Wewould liketo cordiallythankthis institution hereforgranting permission forpublication. Since this is apparentlytheearliestsource(itwas written in the1760s as the“mastermanuscript”ofa professional copyistforthe Leipzig publisherBreitkopf),which also transmits a reliable version ofthework,itwas used hereas thesolesource.
Following theprincipleofa source-critical edition,wehave retained the(ratherinconsistent)original beaming and stemming. Thespelling “fugetta”corresponds both to themanuscript and to Bach’s practice(see Clavier-Übung,PartIII).
Thefollowing emendations weremadewith respectto thetext ofthesource:
No. 1Lob seydem allmächtigen Gott Mm. 1–3middlevoice: rests missing; m. 12,beat3: t sign at soprano (instead ofmiddlevoice).
No. 2 Gottes Sohn ist kommen
Mm. 1–3middlevoice,m. 11and mm. 16–17soprano: rests missing.
No. 3 HerrChrist dereinige Gottes Sohn
Mm. 1–2bass: rests missing; m. 3bass: whole-noterestinstead ofhalf-noterest.
No. 4 Nun kom derHeiden Heiland
Mm. 1–2middlevoice: rests missing; m. 4soprano: fourth note c 2,beats 2–3withoutslur,seventh note b -flat1
No. 5Von Himmel hoch da komm ich her M. 1soprano: restmissing; m. 4soprano: firstrestmissing.
No. 6 Christum wirsollen loben schon [or] Was fürchst du Feind Herodes sehr
Thealternativetitlerefers to theparallel hymn fortheSunday afterNewYear’s Dayand thefollowing EpiphanySunday.
Mm. 1–8and 15soprano,mm. 1–4alto,mm. 1–3tenor: rests missing; m. 7alto: third note e1; m. 7tenor: third note b ; mm. 10–11tenor: slurmissing; m. 16 alto: slurmissing.
No. 7Gelobet seyst du, Jesu Christ Mm. 1–4soprano,mm. 1,4–5and 12alto,m. 4tenor,mm. 1–2 and 10–11bass: rests missing; m. 7tenor: half-noterestmissing.
No. 8 Daß Jesulein soll doch mein Trost Mm. 1–2soprano,m. 12and 15alto,m. 5and 9tenor,mm. 1–2 and 12–13bass: rests missing; m. 3alto: firstnotemissing; mm. 2–3tenor: slurmissing; m. 5tenor: beat3 ante correcturam quarter-note b flat; m. 11alto: quarter-noterestmissing; m. 13soprano: sixth notewith superfluous second downward stem and eighth-noteflag; m. 17bass: third note d flat; mm. 19–20 bass: half-noterests missing; m. 20: in themanuscript,thepedal indication (“Ped.”)is placed onemeasurelaterand somewhattoo lowdueto lackofspace,butthereis no doubtthatitapplies to thebass entryofthesubjectin m. 20. Indeed,thecloseofthis lastfughetta is theonlypassagein theentirecollection which cannotbeplayed manualiter. M. 21tenor: lastquarternotemissing.
Wadenoijen,Spring 2007 PieterDirksen
1SeeP. Dirksen, Bachs „Acht Choralfughetten“– ein unbeachtetes LeipzigerSammelwerk?,in: Bach in Leipzig – Bach und Leipzig. Konferenzbericht Leipzig 2000,ed. Ulrich Leisinger(LeipzigerBeiträge zurBachforschung,Vol. 5; Hildesheim,2002),pp. 155–182. This articlecontains extensiveobservations on thecyclical characterofthecollection and its position within Bach's compositional development,as well as information on theauthenticityof BWV702and detailed analyses ofeach fughetta.
Inhalt / Contents
1Lob sei dem allmächtigen GottBWV 7046
2Gottes Sohn ist kommen
BWV 7037
3Herr Christ, der einig Gottes SohnBWV 6988
4Nun komm, der Heiden HeilandBWV 6999
5Vom Himmel hoch, da komm ich herBWV 70110
6Christum wir sollen loben schonBWV 69612
7Gelobet seist du, Jesu Christ
BWV 69713
8Das Jesulein soll doch mein TrostBWV 70214
Fugetta Fughetta