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Leseprobe | Zum Kunstwerk werden

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Boris Groys, Zum Kunstwerk werden

Boris Groys, geb. 1947 in Ost-Berlin, aufgewachsen in St. Petersburg/ Leningrad, ist Philosoph, Kunstkurator und Medientheoretiker. Seit 1994 ist er Professor für Philosophie und Ästhetik und unterrichtet sowohl an der New York University als auch an deutschen Universitäten. Er beschäftigt sich in seiner Forschung intensiv mit der russischen Avantgarde, der Kunst im Stalinismus sowie den ästhetisch-intellektuellen Konzepten des Postkommunismus. 2011 war er Kurator des russischen Pavillons der 54. Biennale di Venezia. Seine Publikationen wurden in über 20 Sprachen übertsetzt.

Carl Hegemann, geb. 1949, studierte Philosophie, Soziologie und Literaturwissenschaften in Frankfurt/Main. Seit 1979 arbeitet er an zahlreichen Theatern und Opernhäusern; von 1992 bis 2017 war er an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg Platz in Berlin unter der Leitung von Frank Castorf engagiert, zuletzt als Chefdramaturg. Er arbeitete von 2005 bis 2014 als Professor an der HMT Leipzig und unterrichtet derzeit an Kunstakademien in München und Berlin. Zahlreiche Publikationen u. a. im Alexander Verlag Berlin.

Janine Ortiz ist Dramaturgin und Autorin mit besonderem Interesse an spartenübergreifendem Theater sowie Musikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt modernes und zeitgenössisches Musiktheater.

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Alexander Verlag Berlin –unabhängiger Verlag seit 1983

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

Becoming an Artwork bei Polity Press, Cambridge, UK

© by Boris Groys 2023

Deutsche Erstausgabe

Limitierte Erstauflage 1000 Exemplare als Hardcover

© by Alexander Verlag Berlin 2025

Alexander Wewerka, Fredericiastr. 8, D-14050 Berlin info@alexander-verlag.com · www. alexander-verlag.com

Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Abdrucks und der Digitalisierung, vorbehalten.

Endlektorat: Christin Heinrichs-Lauer

Satz und Gestaltung: Antje Wewerka

Umschlagrückseite + S. 6: Narziss, Zeichnung von Pavel Pepperstein

Druck und Bindung: FINIDR s.r.o., C ˇ eský Teˇšín

ISBN 978-3-89581-624-6

Printed in the EU (March) 2025

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Körper des Autors Ein Gespräch zwischen Boris Groys und Carl Hegemann über das Todesbewusstsein als

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IUnsere Kultur wird oft als narzisstisch bezeichnet. Dabei wird Narzissmus als die totale Konzentration auf das eigene Selbst und das völlig fehlende Interesse an anderen verstanden. Demgegenüber ist der Narziss, den wir aus der Mythologie kennen, gar nicht an der Verfolgung seiner eigenen Wünsche oder der Betrachtung seiner inneren Visionen interessiert, sondern an dem Bild, das er der Welt präsentiert. Und dieses Bild ist kein

Teil seines Selbst, sondern liegt außerhalb. Ohne Spiegel können wir unser Gesicht und unseren Körper nicht als Ganzes wahrnehmen. Unser Bild gehört den anderen, gehört der Gesellschaft, in der wir leben. Ausgerechnet in dem Moment, als sich der einsame Narziss zum ersten Mal im See betrachtet, wird er Teil der Gesellschaft – denn er sieht sich so, wie andere ihn sehen, von außen. Narziss ist von seinem eigenen Bild bezaubert, weil es ein »objektives« Bild ist und keine »subjektive« Fantasie, weil es nicht von ihm, sondern von der Natur

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geschaffen wird, und weil es allen anderen in gleicher Weise zugänglich ist.

Narzissmus bedeutet also, den eigenen Körper als ein Ding zu verstehen – so wie jedes andere Ding in der Welt. In der postreligiösen, säkularen Epoche, in der wir leben, gelten menschliche Körper nicht mehr als Gefäße, die von Geist, Vernunft oder Seele erfüllt sind. Heute kann man auf mindestens zwei verschiedene Arten über den Körper sprechen: Der Körper kann als lebendiges Fleisch verstanden werden, das sich durch verschiedene Arten des Begehrens manifestiert – durch Hunger, Durst, Sexualität und sogar durch »ozeanisches Gefühl«.

Hier ist der Unterschied zwischen Geist und Fleisch, Denken und Begehren, nicht so groß, wie es oft scheint. Die Intensität, die man beim Lösen mathematischer Probleme erfahren kann, ist der Intensität des körperlichen Begehrens durchaus vergleichbar. Entscheidend ist, dass sich beide Prozesse in der »inneren Welt« subjektiver Gedanken und Gefühle abspielen.

Der Körper kann jedoch nicht nur »von innen«, durch das Begehren, entdeckt werden, sondern auch »von außen«, aus der sozialen, öffentlichen Perspektive. Aus dieser externen Perspek-

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tive manifestiert sich das Leben im Körper nicht als Energie oder Bedürfnis, sondern der Körper wird zum Objekt, wie bei einer medizinischen Untersuchung. Der narzisstische Wunsch mündet in den Versuch, die öffentliche Wahrnehmung des eigenen Körpers für sich selbst zu übernehmen – das heißt, sich selbst mit dem Blick anderer zu betrachten. Man könnte sogar so weit gehen zu sagen, Narzissmus ist das Begehren, die Kluft zwischen der inneren Erfahrung des Körpers als lebendiges Fleisch und der öffentlichen Sicht auf denselben Körper als bloßes Ding in der Welt zu überbrücken. In unserer Kultur hat die Objektivierung des Körpers durch den Blick der anderen einen schlechten Ruf, da das Objekt in unserer Wertehierarchie eine niedrigere Position einnimmt als das Subjekt. Deshalb behauptet Jean-Paul Sartre: Die Hölle, das sind die anderen – ihr Blick macht uns zu (bloßen) Objekten. Und das Objekt wird meist lediglich als Werkzeug verstanden; die Objektivierung von Menschen bedeutet, dass sie von anderen instrumentalisiert werden können. Narziss jedoch ist ein Objekt, das sich keinem Gebrauch durch andere anbietet – auch nicht dem sexuellen Gebrauch. Daher kann ihn die

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Nymphe Echo nicht verführen. Sein »Nein« heißt tatsächlich »Nein« – und der Körper der armen Nymphe verkümmert infolge dieser Zurückweisung vor Enttäuschung. Das Bild von Narziss im See kann ebenfalls nicht instrumentalisiert werden. Es kann nur betrachtet werden. Narziss selbst wird identisch mit seinem Spiegelbild, seine »innere Welt« wird zu einem unbewegten See – ohne Gedanken, ohne Begehren, ruhig. Hinter seinem Gesicht liegt nichts verborgen: Man sieht, was man sieht. Das ist alles. Narziss hat seine innere Welt für sein äußeres Bild geopfert, das für jeden zugänglich ist. In dem Moment, in dem Narziss sein Abbild im See sah, verabschiedete er sich von allen weltlichen Verführungen, allen Chancen und Belohnungen des praktischen Lebens zugunsten reiner Kontemplation.

Deswegen scheint der Unterschied zwischen der narzisstischen Betrachtung des eigenen Bildes und der platonischen Betrachtung der ewig leuchtenden Ideen nicht allzu groß zu sein. Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen diesen beiden Arten der Kontemplation. In seinem berühmten Höhlengleichnis beschreibt Plato einen Philosophen, der die Höhle der menschlichen Gesellschaft und ihr Schattenspiel verlässt, um allein

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das ewige Licht zu betrachten, ohne dabei von den anderen gesehen zu werden. Im Gegensatz dazu versenkt sich Narziss in die Betrachtung seines Bildes mitten in der Natur und ist damit potenziell für alle anderen sichtbar. Narziss ist wie ein lebender Toter – er verwandelt sich in ein Bild, reduziert auf die reine Form. Das bedeutet nicht, dass Narziss den Tod dem Leben vorzieht. Er betrachtet sein Spiegelbild im See in einem Zustand der Selbstvergessenheit, der keinen Unterschied mehr zwischen Leben und Tod macht. Narziss sehnt den Tod nicht herbei, aber er will sein Kommen auch nicht verhindern. Narzissmus ist das Gegenteil von Selbsterhaltung, von Selbstsorge. Und dieser Verzicht erzeugt den untoten Körper, der nur im öffentlichen Blick existiert.

In seinem Aufsatz über das Spiegelstadium beschreibt Jacques Lacan die Begegnung eines Kindes mit seinem Spiegelbild als ein vorsoziales Ereignis, bei dem sich das Ich »in einer ursprünglichen Form niederschlägt, bevor es sich objektiviert in der Dialektik der Identifikation mit dem anderen und bevor ihm die Sprache im Allgemeinen die Funktionen eines Subjektes gibt«.1 Kommunikation und Subjektivität beginnen für www.alexander-verlag.com | TheaterFilmLiteratur seit 1983

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Nymphe Echo nicht verführen. Sein »Nein« heißt tatsächlich »Nein« – und der Körper der armen Nymphe verkümmert infolge dieser Zurückweisung vor Enttäuschung. Das Bild von Narziss im See kann ebenfalls nicht instrumentalisiert werden. Es kann nur betrachtet werden. Narziss selbst wird identisch mit seinem Spiegelbild, seine »innere Welt« wird zu einem unbewegten See – ohne Gedanken, ohne Begehren, ruhig. Hinter seinem Gesicht liegt nichts verborgen: Man sieht, was man sieht. Das ist alles. Narziss hat seine innere Welt für sein äußeres Bild geopfert, das für jeden zugänglich ist. In dem Moment, in dem Narziss sein Abbild im See sah, verabschiedete er sich von allen weltlichen Verführungen, allen Chancen und Belohnungen des praktischen Lebens zugunsten reiner Kontemplation.

Deswegen scheint der Unterschied zwischen der narzisstischen Betrachtung des eigenen Bildes und der platonischen Betrachtung der ewig leuchtenden Ideen nicht allzu groß zu sein. Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen diesen beiden Arten der Kontemplation. In seinem berühmten Höhlengleichnis beschreibt Plato einen Philosophen, der die Höhle der menschlichen Gesellschaft und ihr Schattenspiel verlässt, um allein

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das ewige Licht zu betrachten, ohne dabei von den anderen gesehen zu werden. Im Gegensatz dazu versenkt sich Narziss in die Betrachtung seines Bildes mitten in der Natur und ist damit potenziell für alle anderen sichtbar. Narziss ist wie ein lebender Toter – er verwandelt sich in ein Bild, reduziert auf die reine Form. Das bedeutet nicht, dass Narziss den Tod dem Leben vorzieht. Er betrachtet sein Spiegelbild im See in einem Zustand der Selbstvergessenheit, der keinen Unterschied mehr zwischen Leben und Tod macht. Narziss sehnt den Tod nicht herbei, aber er will sein Kommen auch nicht verhindern. Narzissmus ist das Gegenteil von Selbsterhaltung, von Selbstsorge. Und dieser Verzicht erzeugt den untoten Körper, der nur im öffentlichen Blick existiert.

In seinem Aufsatz über das Spiegelstadium beschreibt Jacques Lacan die Begegnung eines Kindes mit seinem Spiegelbild als ein vorsoziales Ereignis, bei dem sich das Ich »in einer ursprünglichen Form niederschlägt, bevor es sich objektiviert in der Dialektik der Identifikation mit dem anderen und bevor ihm die Sprache im Allgemeinen die Funktionen eines Subjektes gibt«.1 Kommunikation und Subjektivität beginnen für www.alexander-verlag.com | TheaterFilmLiteratur seit 1983

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