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Geschichten und Gedanken
Ausgewählt von Jan Strümpel
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Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten
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Penguin Random House Verlagsgruppe FSC ® N001967
1. Auflage
© 2026 by Anaconda Verlag, einem Unternehmen der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München Alle Rechte vorbehalten. produktsicherheit@penguinrandomhouse.de (Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR .)
Umschlaggestaltung: Katja Holst, Frankfurt am Main Umschlagmotiv: Adobe Stock / YuliaShlyahova Satz und Layout: Achim Münster, Overath Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany
ISBN 978-3-7306-1635-2 www.anacondaverlag.de
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Wer sich vor einigen Jahren in einer Buchhandlung etwas zu lesen kaufte, bekam es vielleicht im Papiertütchen eines Schweizer Verlags überreicht, auf dem gedruckt stand: »Seien Sie froh, dass Sie nicht selber schreiben müssen.« Denn schreiben, also erzählen, dichten, auf einem gewissen Niveau literarisch tätig sein, ist anstrengend und nichts, was jeder mal eben aus dem Handgelenk kann. Zumal wenn man auch noch die erreichen möchte, die das Ganze wertschätzen sollen, die Leserinnen und Leser. Und damit das überhaupt möglich ist, war, jedenfalls bis vor Kurzem, immer auch erst ein Verlag zu überzeugen, der das Geschriebene druckte und anbot.
Um die Erlebniswelten all diese Akteure dreht sich dieser Auswahlband. Er umfasst Selbstzeugnisse und Lesestücke von Menschen, die sich der Literatur ganz hingeben, die sie schreibend produzieren oder lesend verschlingen. Was eine gelungene Geschichte, ein starkes Gedicht ist, dafür hat jeder seine eigenen Kriterien. Autoren, also die Schöpfer literarischer Werke, können sehr genaue Vorstellungen von Gut und Schlecht und zur Schriftstellerei im Allgemeinen haben und reichen ihre Einsichten gern an andere weiter. Während die Leserinnen und Leser, zumal die ganz jungen, oft einfach nach ihrem subjektiven Geschmack urteilen oder sich dem ihrer Mitmenschen anschließen und die Verleger zudem auf Verkäuflichkeit aus sind.
»Sind meine Reime gleich nicht alle gut und richtig, / So sind die Leser auch nicht alle gleich und tüchtig«, schrieb bereits in der Barockzeit der Dichter Friedrich von Logau. Damit macht er deutlich,
Vom Schreiben und Schmökern
dass Schreiber und Leser seit jeher in einer unauflöslichen Wechselbeziehung zueinander stehen und niemand perfekt ist. Die hier versammelten Gedanken und Gedichte entstammen früheren Zeiten und beschreiben doch oft etwas Allgemeingültiges. Zarte Dichterseelen und Großschriftsteller, Kunstrichter und Lästerzungen, Bücherwürmer und Leseratten: Es hat sie immer gegeben, sie bilden ein reich besiedeltes Biotop voller Neugierde und Scharfsinn. Gemeinsam erschaffen sie hier ein buntes, unterhaltsames und widersprüchliches Meinungsbild vom Schreiben und Dichten wie vom Lesen, dessen wohl lustvollste Ausprägung das Schmökern ist.
Die Prosa umfasst Aphorismen, Tagebucheinträge, Briefpassagen, eine Theaterszene sowie Auszüge aus längeren Erzählwerken und biografischen Schriften. Einige Überschriften stammen nicht von den Autoren selbst, sondern wurden aus dem jeweiligen Text entnommen.
Arthur Schnitzler
Das Schreiben, wenn es richtig getrieben wird, ist nur eine andere Art von Gespräch. Wie jemand, der weiß, wie er sich in einer guten Gesellschaft zu benehmen hat, dort nicht wagen wird, alles herauszuschwatzen, so darf auch ein Schriftsteller, der die Grenzen des Anstandes und der Bildung kennt, nicht alles denken; er erweist daher dem Geist des Lesers keine größere Achtung, als wenn er die Sache freundschaftlich halbiert und der Einbildungskraft jenes ebenfalls etwas überlässt.
Laurence Sterne, Leben und Meinungen von Tristram Shandy, Gentleman
Mancher dichterische Einfall, der im Laufe der Zeit in unser Unbewusstes sank, den wir also unserer Meinung und dem Sprachgebrauch nach vergessen haben, nimmt weiter an unseren Erlebnissen teil, zieht in geheimnisvoller Weise Nahrung aus ihnen und entwickelt sich so ohne unser Dazutun, ohne unser Wissen weiter fort. Und eines Tages mag es geschehen, dass er, wundersam verändert, aus den Tiefen unserer Seele wieder emporsteigt und uns zu mahnen scheint: Nun bin ich endlich zu dem herangereift, wozu ich von Anbeginn bestimmt war: jetzt erst bin ich deiner und du meiner wert; lass uns beide unser Schicksal erfüllen – schaffe dein Werk.
Arthur Schnitzler, Buch der Sprüche und Bedenken
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Vom Schreiben und Schmökern
Schildern willst du den Mord? So zeig mir den Hund auf dem Hofe: Zeig mir im Aug von dem Hund gleichfalls den Schatten der Tat.
Hugo von Hofmannsthal, Kunst des Erzählens
Schon sonderbar, wie gerne Romane uns glauben lassen, ausnahmslos jede Mittagsgesellschaft würde durch einen geistreichen Ausspruch oder eine weise Tat unvergesslich bleiben. Nur selten erwähnen sie dabei, was auf den Tisch kam. Die Konventionen des Romans schreiben vor, weder Suppe noch Lachs oder Entenbraten zu nennen, ganz so, als hätten Suppe und Lachs oder Entenbraten keinerlei Bedeutung, als hätte noch nie jemand eine Zigarre geraucht oder ein Glas Wein getrunken.
Virginia Woolf, Ein Zimmer für sich allein
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Anna Louisa Karsch
Ob Sappho für den Ruhm schreibt?
den 10. März 1762
Frau, schreib ich für den Ruhm und für die Ewigkeit?
Nein, zum Vergnügen meiner Freunde!
O das Gerüchte trägt nur eine kurze Zeit
Mit unserm Ruhme sich; sobald wir von dem Feinde
Der Menschheit überwunden sind,
Verflattert er so leicht wie Blätter, die der Wind
In irgendeinen Fluss gewaltig fortgetrieben.
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Vom Schreiben und Schmökern
Es ist die eigentliche Aufgabe, wie viel Unsinn ein Gedicht nicht nur enthalten kann, sondern muss; denn der Sinn ist die Prosa. Weh dem Gedichte, das sich völlig durch den Verstand erklären lässt!
Franz Grillparzer
Wer dichten will, der täte gut, Er macht’ es so, wie’s Goethe tut.
Der ist ein großer Schweinehund, dem je der Sinn für Heine schwund.
Erich Mühsam, zwei Schüttelreime
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Victor Auburtin
Victor Auburtin
Was ist denn eigentlich Dichten?
Dichten ist, wenn ein Literat die Straße lang geht, und am blauen Himmel stehen Lämmerwölkchen; dann kommt es dem Literaten von selbst auf die Lippen: »Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt.«
Und so ist dieses schöne Gedicht entstanden.
Oder: Ein anderer Literat hat sich in die Köchin des Nachbarn verliebt; er möchte sie einladen, mit ihm abends spazieren zu gehen. Da setzt er sich hin und dichtet den Vers: »Du bist wie eine Blume, so hold, so schön, so rein.«
So ist alles Dichten. Genau genommen ist das Dichten ein Naturvorgang; wie der Apfel auf dem Baume reift und wie das Ei aus der Henne kommt, so reift das Werk im Dichter, und so bewegt es sich aus ihm heraus. …
Schiller hatte ein ganz merkwürdiges Mittel, sich zum Denken zu bringen und den Geist zu schärfen: er roch an faulen Äpfeln. Und wenn er genug an faulen Äpfeln gerochen hatte, wurde er begeistert und stürzte sich auf das Papier, um die »Maria Stuart« zu schreiben.
Der französische Romanschriftsteller Stendhal las einige Seiten im Strafgesetzbuch. Das regte ihn auf.
Was mich anbetrifft, so habe ich poetische Einfälle nur dann, wenn ich mich des Morgens mit meinem Giletteapparat rasiere.
Dann breitet die Seele ihre rosenroten Schwingen aus und schwebt über den ewigen Lorbeerhainen. Urheberrechtlich
Vom Schreiben und Schmökern
Das ist auch der Grund, warum ich so wenig schreibe und immer so kurz; denn, du lieber Gott, ich kann mich doch nicht den ganzen Tag rasieren.
Und ich käme in die peinlichste Verlegenheit, wenn ich ein Buch wie Thomas Manns »Buddenbrooks« schreiben müsste. Urheberrechtlich geschütztes
Arthur Schopenhauer
Arthur Schopenhauer
Zuvörderst gibt es zweierlei Schriftsteller: solche, die der Sache wegen, und solche, die des Schreibens wegen schreiben. Jene haben Gedanken gehabt oder Erfahrungen gemacht, die ihnen mitteilenswert scheinen; diese brauchen Geld, und deshalb schreiben sie, für Geld. Sie denken zum Behuf des Schreibens. Man erkennt sie daran, dass sie ihre Gedanken möglichst lang ausspinnen und auch halbwahre, schiefe, forcierte und schwankende Gedanken ausführen, auch meistens das Helldunkel lieben, um zu scheinen, was sie nicht sind; weshalb ihrem Schreiben Bestimmtheit und volle Deutlichkeit abgeht. Man kann daher bald merken, dass sie um Papier zu füllen schreiben: bei unsern besten Schriftstellern kann man es mitunter, z. B. stellenweise in Lessings Dramaturgie. Sobald man es merkt, soll man das Buch wegwerfen: denn die Zeit ist edel. – Honorar und Verbot des Nachdrucks sind im Grunde der Verderb der Literatur. Schreibenswertes schreibt nur, wer ganz allein der Sache wegen schreibt. Welch ein unschätzbarer Gewinn würde es sein, wenn in allen Fächern einer Literatur nur wenige, aber vortreffliche Bücher existierten. Dahin aber kann es nie kommen, solange Honorar zu verdienen ist. Wiederum kann man sagen, es gebe dreierlei Autoren: erstlich solche, welche schreiben, ohne zu denken. Sie schreiben aus dem Gedächtnis, aus Reminiszenzen oder gar unmittelbar aus fremden Büchern. Diese Klasse ist die zahlreichste. – Zweitens solche, die während des Schreibens denken. Sie denken, um zu schreiben. Sind sehr
Vom Schreiben und Schmökern
häufig. – Drittens solche, die gedacht haben, ehe sie ans Schreiben gingen. Sie schreiben bloß, weil sie gedacht haben. Sind selten. …
Die Schriftsteller kann man einteilen in Sternschnuppen, Planeten und Fixsterne. – Die ersteren liefern die momentanen Knalleffekte: man schauet auf, ruft »siehe da!« und auf immer sind sie verschwunden. – Die zweiten, also die Irr- und Wandelsterne, haben viel mehr Bestand. Sie glänzen, wiewohl bloß vermöge ihrer Nähe, oft heller als die Fixsterne und werden von Nichtkennern mit diesen verwechselt. Inzwischen müssen auch sie ihren Platz bald räumen, haben zudem nur geborgtes Licht und eine auf ihre Bahngenossen (Zeitgenossen) beschränkte Wirkungssphäre. Sie wandeln und wechseln: ein Umlauf von einigen Jahren Dauer ist ihre Sache. – Die dritten allein sind unwandelbar, stehn fest am Firmament, haben eigenes Licht, wirken zu einer Zeit wie zur andern, indem sie ihr Ansehn nicht durch die Veränderung unsers Standpunkts ändern, da sie keine Parallaxe haben. Sie gehören nicht, wie jene andern, einem Systeme (Nation) allein an, sondern der Welt. Aber eben wegen der Höhe ihrer Stelle braucht ihr Licht meistens viele Jahre, ehe es dem Erdbewohner sichtbar wird.
Caroline von Klencke
Darf eine Frau denn schreiben?
den 18ten Januar
Welch Vergnügen finde ich doch im Schreiben; seitdem mein Wilhelm geboren ist, scheint mein Hang zum Schreiben mit ihm geboren zu sein, und auch das Vermögen dazu, denn in meiner Kindheit wollte es mir niemals gelingen, jetzt aber, sobald ich mich frei sehe, eile ich an das Schreibpult. Mit welcher Lust male ich mir dann die Empfindungen, welche ich den Tag über verhehlen musste, auf das Papier! – Wem aber darf ich sie mitteilen, wem darf ich sie vertrauen? So rein und voller Unschuld sie auch sind, so könnten sie doch Sünde werden durch das, was daraus entstehen könnte, wenn ich diese Gedanken, diese meine mitleidswürdige Lage andern vertraute. Auch fühle ich, ich könnte mich eher Männern vertrauen, von deren Einsicht und Klugheit ich eine so große Meinung habe, denn bei Frauen gibt es ja doch keinen andern Trost als Tränen. Dahingegen Männern vertrauen mir vorkommt, als wäre es sie anlocken. So will ich es denn nur für mich hinschreiben, was mich quält und was mich ergötzt. Wie aber, muss ich denn durchaus schreiben? Könnte ich nicht diese Zeit zu etwas Besserm anwenden? Darf eine Frau denn schreiben? Mein Gemüt sagt mir, dass alle Menschen, Mann oder Frau, gleiche Rechte an die Natur haben und an die Ausübung ihrer Kräfte. Warum sollte ich nicht, nachdem ich den ganzen Tag die Sorgen und das Gewicht des Hauswesens treulich getragen, diese Ergötzung wählen, die mir die liebste ist und mich in meinem Hause hält. Ich