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KARMIN Karmin (auch: Cochenille und Cochenillerot) erinnert farblich an Karmesin, mit einer Tendenz ins Bläuliche. Es wird seit Jahrtausenden als tiefroter Farbstoff verwendet; seit der Renaissance auch in der Ölmalerei. Lange bevor europäische Kolonisten das Potenzial von Karmin erkannten, nutzten die Azteken und Maya es zum Färben von Textilien und für ihre Körperkunst. Als man im 16. Jahrhundert aus der Neuen Welt Cochenilleschildläuse exportierte, aus denen das Pigment gewonnen wird, war Karmin erstmals auch in Europa erhältlich. Da die Herstellung teuer war und der Farbstoff nur wenig lichtbeständig ist, drückte man mit Karmin vor allem großen Reichtum, Macht und göttliche Kraft aus. Seine Verwendung blieb meist auf religiöse Handschriften, Porträts einer wohlhabenden Klientel und religiöse Gemälde beschränkt. DIE ANATOMIE DER FARBE
Karmin wird aus Karminsäure hergestellt, einem roten Farbstoff aus der Cochenilleschildlaus (Dactylopius coccus), die sich von Opuntien ernährt. Nach dem Ernten und Trocknen werden die toten Insekten ausgekocht, um die Karminsäure zu extrahieren. Dann wird die Lösung gefiltert und unter Zugabe von Alaun ausgefällt, sodass man einen intensiv karminroten Feststoff erhält.
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ÉLISABETH LOUISE VIGÉE LE BRUN, BARONNE DE CRUSSOL FLORENSAC, 1785, ÖL AUF HOLZ DAS PIGMENT IN DER MALEREI
Genau wie Krapprot eignet sich Karmin aufgrund seiner Transparenz perfekt für Firnisse, Lasuren oder mehrschichtige Farbaufträge, die ein Gemälde zum Leuchten bringen. Allerdings ist auch Karmin nicht sehr beständig und verblasst unter Lichteinwirkung, was seine Einsatzmöglichkeiten beschränkt. Mit der Zeit wurde Karmin größtenteils abgelöst von günstigeren, synthetischen Alternativen mit höherer Lichtechtheit und Haltbarkeit, wie Alizarin. Restauratoren und Künstler verwenden aber nach wie vor Karmin, da sie die historischen Materialien und Techniken möglichst beibehalten wollen. Zwar gibt es wenige verlässliche Informationen über die Baronin von Crussol Florensac, die die französische Malerin Élisabeth Vigée Le Brun in diesem herausragenden, charismatischen Porträt von 1785 festhielt. Doch dank Le Bruns kühnem Entschluss, das Modell in einem auffälligen, karminroten Kleid zu malen, ist die Lebhaftigkeit der Baronin bis heute greifbar. Als unverfrorene Koloristin verstand die Autodidaktin Le Brun es, ein Pigment mit Persönlichkeit zu füllen. Das leuchtende Rot von Kleid und Hut in ihrem Porträt der Baronin von Crussol Florensac bildet da keine Ausnahme.
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CADMIUMORANGE Cadmiumorange, ein leuchtendes und deckendes Pigment, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt. Es gab Malern die Möglichkeit, reife Früchte, golden schimmernde Sonnenuntergänge, prächtige Stoffe oder abstrakte, archetypische Formen wiederzugeben. Fauvisten und abstrakte Expressionisten schätzten die intensive Farbigkeit und Haltbarkeit von Cadmiumorange, die ihren Werken mehr emotionale Ausdruckskraft verliehen. Cadmiumorange ist zwar giftig, aber wohl weniger schädlich als ältere Orangepigmente, wie etwa Auripigment (das Arsen enthält) oder Chromorange (das Blei enthält).
DIE ANATOMIE DER FARBE
Cadmiumorange ist eine chemische Errungenschaft des 19. Jahrhunderts; es kommt durch die Verbindung von Cadmiumselenid und reinem Cadmiumsulfid zustande. Die Farbtöne der Cadmiumpigmente reichen von Gelb bis Rot, sie sind äußerst stabil, verändern nicht ihre Farbe und verblassen nicht. Da Cadmium ein gesundheitsschädliches Schwermetall ist, sollte es auf keinen Fall verschluckt oder eingeatmet werden. Beim Umgang mit Cadmiumpigmenten ist wegen deren toxischer Verbindungen Vorsicht geboten.
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JULES OLITSKI, CADMIUM ORANGE OF DR. FRANKENSTEIN, 1962, ACRYL AUF LEINWAND DAS PIGMENT IN DER MALEREI
Cadmiumpigmente waren erst ab Beginn des 20. Jahrhunderts im Handel erhältlich; doch wegen ihrer hohen Deckkraft und Beständigkeit fanden sie rasch einen Platz im Malkasten der Meister. Da sie giftig sind, machten ihnen mit der Zeit aber andere, weniger schädliche synthetische Pigmente Konkurrenz, darunter Arylidorange und Titanorange. Heutzutage erfordert die Verwendung von Cadmiumorange gewisse Sicherheitsvorkehrungen, zum Beispiel sollte man in einem gut belüfteten Raum arbeiten und Hautkontakt vermeiden. Es wird empfohlen, lieber auf eine hochwertige synthetische Alternative mit ähnlicher Wirkung zurückzugreifen. In Cadmium Orange of Dr. Frankenstein, einem fesselnden Farbexperiment des amerikanischen Künstlers Jules Olitski, gibt Cadmiumorange den Ton an. Entstanden ist das Gemälde 1962 während der Kubakrise. Der schwarze Kreis in der Mitte erinnert an ein gespaltenes Atom, das sich aus seiner leuchtend-orangen Hülle löst, so als würde die Farbe unzählige Realitätsebenen enthalten, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Der Bildtitel verweist auf eine ungewöhnliche Verbindung aus Kunst und Science-Fiction, er suggeriert ein Spannungsverhältnis zwischen dem fröhlichen Leuchten einer modernen Farbe und der Bedrohung durch ein Experiment, das außer Kontrolle gerät.
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PREUSSISCHBLAU Preußischblau (auch bekannt als Antwerpener Blau, Berliner Blau, Brandenburger Blau, Pariser Blau und Turnbulls Blau) ist das älteste synthetisch hergestellte Pigment der Neuzeit. Nachdem es zu Beginn des 18. Jahrhunderts durch Zufall erfunden worden war, bot es Künstlern ein günstiges, tiefblaues und dennoch ziemlich stabiles Pigment. In puncto Brillanz konkurrierte es mit Ägyptisch Blau (dessen Rezeptur seit der Antike verschollen war), mit Azurit (das es fast vollständig ersetzte) und mit dem ungemein teuren Ultramarin – ein Pigment, das man, Gramm für Gramm, in Gold aufwog.
DIE ANATOMIE DER FARBE
Preußischblau wurde erstmals um das Jahr 1705 fabriziert, als der Farbenhersteller Johann Jacob Diesbach einen karmesinroten Farbstoff mit einem Pottasche-Blut-Gemisch verunreinigte – die Mischung stammte von einem Alchemisten, der damals an einem Elixier des ewigen Lebens arbeitete und mit dem sich Diesbach ein Labor teilte. Durch die Verbindung aus Pottasche und Blut entstand Kaliumferrocyanid. Zusammen mit dem Eisensulfat aus dem roten Farbstoff bildete sich wiederum eine völlig neue Substanz: Eisenferrocyanid. Das Ergebnis war ein überwältigend schöner Blauton.
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KATSUSHIKA HOKUSAI, DIE GROSSE WELLE VOR KANAGAWA, CA. 1830–1832, FARBHOLZSCHNITT DAS PIGMENT IN DER MALEREI
Preußischblau ist günstig und einfach herzustellen. Es hat eine satte, intensive Farbe und ist ungiftig. Die Fabrikation erfolgt in zwei Arbeitsschritten. Dabei versetzt man eine kochende Lösung von Kaliumhexacyanidoferrat mit Eisenchlorid, um zunächst ein weißes Zwischenprodukt, bekannt als Berliner Weiß, zu erhalten. Durch Oxidieren wird aus diesem weißen Pigment schließlich Preußischblau. In modernen Herstellungsverfahren wurde die Rezeptur zugunsten der Stabilität weiterentwickelt – zum Beispiel sind die Kristalle größer, die Lösung wird gereinigt und gespült. Wenn man Preußischblau mit alkalischen Substanzen wie Bleiweiß und Kalziumcarbonat mischt, kann das Pigment stark verblassen. Katsushika Hokusai, ein Meister des japanischen Ukiyo-e, schuf mit seinem Holzschnitt Die große Welle vor Kanagawa ein Musterbeispiel für die Wirkkraft von Preußischblau. In den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts eroberte das Pigment im Sturm Europa und gelangte – trotz strenger Einfuhrbeschränkungen – um 1800 schließlich nach Japan. Die sich auftürmenden Wellen schuf Hokusai aus langgezogenen Flächen in Preußischblau. Das Pigment brachte zahlreiche, ganz unterschiedliche Gemälden zum Strahlen, darunter Knabe in Blau von Thomas Gainsborough (ca. 1770) und Das blaue Zimmer von Pablo Picasso (1910).
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ZINKWEISS Zinkweiß (oder auch Schneeweiß) ist ein kühles, weiches Weißpigment, das im 19. Jahrhundert eingeführt wurde und nach und nach das giftige Bleiweiß ablöste. Impressionistische Künstler, wie Monet und Degas, schätzten die tonalen Vorteile und die längere Trockenzeit von Zinkweiß, da sie dadurch sanftere Übergänge zwischen den Farbschichten erzielen konnten. Allerdings war das Pigment brüchig und spröde und bekam mit der Zeit Risse. Als Künstlerfarbe wurde es schließlich durch Titanweiß ersetzt, das genauso unbedenklich, dafür aber beständiger und deckender ist.
DIE ANATOMIE DER FARBE
Zinkweiß oder Zinkoxid ist ein synthetisches Pigment und wurde im Zusammenhang mit der Zinkverhüttung entdeckt. Heutzutage stellt man das Pigment hauptsächlich folgendermaßen her: Zinkerze werden bei einer Temperatur von 1.000 Grad erhitzt, damit sie sich entzünden und Zinkoxid bilden. In der Natur kommt Zinkweiß nicht in gebrauchsfertiger Form vor, obgleich man Zinkoxid durchaus in Mineralien, wie zum Beispiel Zinkit, finden kann.
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VINCENT VAN GOGH, WEIZENFELD MIT ZYPRESSEN, 1889, ÖL AUF LEINWAND DAS PIGMENT IN DER MALEREI
Zinkweiß eignet sich hervorragend für mehrschichtige Farbaufträge, Lasuren und dezente Glanzlichter. Das Pigment trocknet langsamer als Bleiweiß, was es für Künstler attraktiv machte, die besonders sanfte Übergänge erzielen wollten. Zinkweiß ist gut geeignet für feine Abstufungen, aber nicht die beste Wahl für auffällige Highlights. Es ist günstig und bis heute eine weit verbreitete Künstlerfarbe. Zinkweiß ist ungiftig, aber brüchig, weshalb es in Ölgemälden leider zu Rissbildung führen kann. In Weizenfeld mit Zypressen gestaltete Vincent van Gogh die temperamentvollen Wolken in Zinkweiß, was unsere Wahrnehmung dieses Gemäldes stark beeinflusst. Aus dem kühlen und leicht transparenten Weiß entstehen sich überlagernde, leuchtende Verwirbelungen, die die dynamische und ätherische Bildwirkung noch verstärken. Da das Zinkweiß stark mit den deckenden Pigmenten kontrastiert, die van Gogh für das Weizenfeld und die Zypressen verwendet, wird die Vergänglichkeit des Himmels ebenso verdeutlicht wie das Spannungsverhältnis zwischen der festen Erde und dem sich stets wandelnden Himmel oder auch zwischen Beständigkeit und Vergänglichkeit – den zentralen Themen dieses Gemäldes.
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