



![]()




Roberto Campolucci-Bordi
Einleitung
Paul Coldwell
Mit 181 Abbildungen
MÜNCHEN · LONDON · NEW YORK
Urheberrechtlich geschütztes Material

Urheberrechtlich geschütztes Material
Der als Banksy bekannte britische Street-Art-Künstler, politische Aktivist und Filmregisseur macht seit mehr als drei Jahrzehnten Kunst. Seit den 1990er-Jahren hinterlässt Banksy anonym Wandbilder in Städten auf der ganzen Welt, zuerst in seiner Heimatstadt Bristol. Seine Kunst ist oft politisch und subversiv; sie thematisiert Krieg, Konsumismus und Autorität.
Neben seiner Street Art, die im öffentlichen Raum verbleiben soll, schuf Banksy eine Reihe von handgemalten und gedruckten Werken für den Verkauf. Seine ersten kommerziellen Drucke erschienen 2002.
Das grafische Werk von Banksy spielt eine wichtige Rolle in seiner künstlerischen Ausdrucksform und seiner Entwicklung. Wer seine Kunst vollumfänglich verstehen möchte, kommt um die Würdigung seiner gedruckten Arbeiten nicht herum, weil sie häufig die in seinen anderen Werken behandelten Themen noch vertiefen.
Im Lauf von zwei Jahrzehnten veröffentlichte Banksy 51 Drucke in etwa 175 Variationen mit einer geschätzten Gesamtauflage von 30 000 Exemplaren. Diese Drucke erschlossen seine Kunst einem breiteren Publikum, wobei die Preise erschwinglich und für Menschen aller Einkommensschichten zugänglich blieben. Die meisten Drucke wurden von Pictures on Walls veröffentlicht, einer Londoner Druckerei, die die Werke von Straßenkünstlern und Illustratoren vervielfältigt und vertreibt. Sie wurde 2003 von mehreren Künstlern, darunter Banksy, gegründet und trug maßgeblich dazu bei, Street Art bekannter zu machen, bis das Unternehmen 2017 geschlossen wurde.
Dieser Katalog bietet einen Überblick über Banksys Druckgrafik, von den Anfängen im Jahr 2002 bis zum Jahr 2022, so weit wie möglich in der Reihenfolge ihrer Veröffentlichung. Ziel war es, möglichst alle Fassungen aufzunehmen, einschließlich der bekannten Farbvarianten, Künstlerexemplare und Probedrucke. Einige Open-Edition-Geschenkausgaben und -Poster wurden ausgeschlossen, weil Pest Control – die einzige Institution, die Kunstwerke von Banksy offiziell beglaubigen kann – diese Drucke niemals zertifizieren wird.
Dieses Buch ist das Ergebnis meines persönlichen, unabhängigen akademischen Forschungsprojekts. Der als Banksy bekannte Künstler war an seiner Erstellung nicht beteiligt und hat ihn in keiner Weise gebilligt, unterstützt, genehmigt oder autorisiert. Pest Control bekräftigte, dass der Katalog »nicht autorisiert, ungeprüft und unvollständig« ist. Sollte jedoch zufällig ein Exemplar in Banksys Hände gelangen, hoffe ich, dass es ihm gefällt.
Roberto Campolucci-Bordi
Über einen Künstler zu schreiben, der allseits bekannt ist und dessen Identität dennoch ein Geheimnis bleibt, ist eine Herausforderung. Er arbeitet im Freien, in der Öffentlichkeit, schabloniert seine Werke unter den Blicken all jener, die an ihm vorübergehen. Er macht sich vor aller Augen unsichtbar.
Die Person bzw. die Legende von Banksy erinnern an einen modernen Robin Hood, denn seine Methode, das Establishment zu ironisieren, machte ihn bei der breiten Öffentlichkeit populär. Während Graffiti von vielen als asozialer Akt und als Vandalismus empfunden werden, finden Banksys Interventionen im öffentlichen Raum Anklang. Indem er die Straße als Galerie nutzt, bringt er seine Arbeit direkt zum Publikum, von dem große Teile niemals eine Kunstausstellung besuchen würden.
Banksys Werke sind an zahlreichen Orten auf der ganzen Welt zu sehen, darunter London, New York und Palästina – wo er die Sperranlage im Westjordanland als Leinwand nutzte. Dennoch ist Banksy zum Synonym für seine Heimat Bristol geworden. Diese Stadt ist bekannt für ihre unabhängigen und eigenwilligen Geister und auch dafür, Probleme auf der Straße auszutragen, wie eine lange Geschichte von Unruhen zeigt, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht; noch 1980 und 1986 gärte es hier. Dieser Drang, politische Differenzen in der Öffentlichkeit zu regeln, zeigte sich auch im Juni 2020 am Sturz des Denkmals für den Sklavenhändler Edward Colston, dessen Statue von den Demonstranten kurzerhand in den Hafen von Bristol geworfen wurde.
Banksys Schablonenarbeiten im öffentlichen Raum sind Kunst für alle und nicht als Besitz gedacht, obwohl viele seiner Werke bald entfernt und weiterverkauft werden. Parallel dazu stellte er jedoch Siebdrucke in limitierter Auflage her, die anfangs oft kaum mehr als ein Poster kosteten, inzwischen aber auf dem Sekundärmarkt sehr hohe Preise erzielen. Für viele war der Erwerb eines seiner Drucke ein Glücksfall, aber diese Ausgaben sorgten auch dafür, dass der Künstler eine enge Verbindung zu seinen Fans aufbauen konnte. Er steht in der langen britischen Tradition der politischen Satire, zu der William Hogarth, James Gillray, Thomas Rowlandson und George Cruikshank gehören, die ihre Bilder jedoch als Kupferstich verbreiteten, während Banksy auf Siebdruck setzt.
Diese Technik war ein ursprünglich kommerzielles Druckverfahren. Es wurde in den 1960er-Jahren von Andy Warhol und der Pop-Art-Bewegung aufgegriffen, als Mittel zur Herstellung einer Kunst, die die Reklame ebenso wie die Populärkultur reflektierte. Warhol sorgte 1964 auf der Weltausstellung in New York mit seinem Wandbild Thirteen Most Wanted Men an der Fassade des New York State Pavilion für Kontroversen. Das Kunstwerk bestand aus einem Raster stark vergrößerter, im Siebdruckverfahren hergestellter Fahndungsfotos der von der New Yorker Polizei am dringendsten gesuchten Kriminellen des Jahres. Aus rechtlichen Gründen wurde Warhols Kunstwerk von den Verantwortlichen der Messe mit silberner Farbe überstrichen, aber wie bei Banksy ließ sich die Aktion als künstlerischer Eingriff in den öffentlichen Raum interpretieren.
Aufgrund seiner gleichmäßigen Farbflächen und der Konnotation mit kommerziellen Plakaten und Verpackungen fand der Siebdruck Anklang bei Kunstschaffenden, die sich vom exklusiven und abgehobenen Künstlertum wie dem amerikanischen abstrakten Expressionismus distanzieren wollten, für den Kunst nur in einer speziellen Atmosphäre präsentierbar schien.
Der Siebdruck ist ein schnelles und preiswertes Druckverfahren. Da er sich für Materialien aller Art sowie Banner, Poster und Plakate eignet und kaum Ausrüstung erfordert, wurde er zum bevorzugten Verfahren für Protestkunst. Nylon- oder Polyestergewebe wird über einen Rahmen gespannt. Fotografisch (mittels Belichtung eines mit einer lichtempfindlichen Lösung beschichteten Siebs) oder manuell wird eine Schablone aufgebracht. Dies verhindert später an jenen Stellen des Druckbilds, die nicht drucken sollen, den Farbauftrag. Mit einer Gummirakel wird die Farbe anschließend durch die Maschen des Gewebes auf das darunterliegende, zu bedruckende Material gestrichen.
Die meisten Drucke von Banksy basieren auf Fotografien mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten; nur selten verwendet er einen fotografischen Halbton (etwa für einen Farbverlauf). Das Ergebnis ist eine scharfe Trennung zwischen den bedruckten und den frei bleibenden Bereichen. Die Details sind auf ein Minimum reduziert, wie bei den Schablonen, die er zum Sprayen bei seinen Street-Art-Werken verwendet.