Skip to main content

Kunst+Material Ausgabe September-Oktober 2026

Page 1

Kunst+Material Das Magazin von boesner

September/Oktober 2026 Schutzgebühr 7,– EUR/CHF | ISSN 1868-7946


Idee, Malerei, Gestaltung, Fotografie: Ina Riepe


Editorial | 3

Von Häusern und ihren Geschichten Liebe Leserin, lieber Leser, wann ist ein Gebäude ein Zuhause? Wohl vor allem dann, wenn man gern dorthin zurückkehrt. Ob chic und modern oder ein wenig in die Jahre gekommen: Ein Haus ist immer Zeuge persönlicher Entwicklung und gibt Einblick in gelebtes Leben. Künstlerhäusern kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, denn häufig sind sie nicht nur Hort, sondern auch Quelle der Inspiration: Gabriele Münter und Wassily Kandinsky gestalteten en détail ihren Rückzugsort in Murnau am Staffelsee, und die fürstlichen Residenzen von Franz von Stuck und Franz von Lenbach legen beredtes Zeugnis ab von Schaffenskraft und Selbstverständnis. Mitunter wird solch ein Domizil auch Schauplatz von Skandalen: Eileen Grays Villa E.1027 an der französischen Riviera geriet zu einer Ikone moderner Architektur – und war Le Corbusier ein wahrer Dorn im Auge. Teils bewundernd, teil voller Neid schaute er auf das architektonische Erstlingswerk der Designerin. Als sie ausgezogen war, stattete er das Haus schließlich unautorisiert mit Wandgemälden aus, um ihm seinen Stempel aufzudrücken. Künstlerhäuser erzählen viele Geschichten, und daher wird es im Sonderthema dieser Ausgabe spannend: Susanna Partsch durfte für Kunst+Material ein Münchner Künstlerhaus besuchen, das der Öffentlichkeit bislang weitgehend verborgen blieb: Die Künstlerin Inge Augustin und der Schriftsteller Ernst Augustin gestalteten ihr Zuhause ganz nach ihrem Geschmack – mit Wand- und Deckengemälden, kostbaren und exotischen Stücken, vielen Büchern und eigener Kunst. Im Porträt stellt die aktuelle Ausgabe eine junge Künstlerin vor, die in Hamburg beheimatet ist: Anna Beléns Werke zeigen eine unverwechselbare Handschrift, in die philosophisches Wissen, alchemistische Experimente und eine ungewöhnliche Auswahl an Materialien einfließen. Ina Riepe präsentiert eine besondere Homestory mit atmosphärischen Fotografien: Sie hat dazu die Restauratorin Sara Pieper in ihrem Atelier in Brandenburg an der Havel besucht und den „Geist der Dinge“ erkundet. Das Inspirationsthema beschäftigt sich mit den verblüffenden Resultaten von Dripping-Techniken. Und natürlich gibt es wieder zahlreiche Tipps nicht nur für lesenswerte Bücher, sondern diesmal auch für Puzzles und Spiele. Nicht fehlen dürfen überdies die interessanten Ausstellungen dieses Spätsommers – von Gustave Courbet in Essen über Maurizio Cattelan in Berlin bis hin zu „Bloom up!“ in Baden-Baden. Als besondere Entdeckung darf sicher Vilhelm Hammershøi in Zürich gelten: Für den dänischen Maler zählten seine Wohnung in Kopenhagen und seine Frau Ida zu den liebsten Motiven. Machen Sie es sich mit Kunst+Material gemütlich – im noch spätsommerlichen Garten vielleicht oder natürlich zu Hause auf dem Sofa! Viel Spaß bei der Lektüre wünscht

Ihre Sabine Burbaum-Machert


4 | Inhalt

6

30

72


Inhalt | 5

Porträt 6–17

Malerei als Naturereignis Die poetischen Farblandschaften der Künstlerin Anna Belén

Thema

18

18–29

Bücher 50–59 91

Labor 60–61

Die dreizehnte Fee Das Künstlerhaus von Inge und Ernst Augustin in München

Drip the colour!

64–71

Maler und Rebell Gustave Courbet im Folkwang Museum Essen

72–77

Die Dimension der Stille Vilhelm Hammershøi im Kunsthaus Zürich

78–81

Bloom up! Die Sprache der Blumen in der Kunsthalle Baden-Baden

82–83

Mit Ironie und Provokation Maurizio Cattelan in der Neuen Nationalgalerie

84–90

Termine

92–93

Kurz notiert

94–95

Im Gespräch

96

Vorschau, Impressum

Persönlich 38–39

Vom Punkt zum Universum Maxim Wakultschik erzeugt Bildräume aus Holz und Licht

Hintergrund 40–43

44

„… dann lösen sie sich nicht, sondern halten sich immerwährend …“ Die Technik der Freskomalerei seit der Antike

Technik 44–49

Der Geist der Dinge Ein Atelierbesuch bei der Restauratorin Sara Pieper

Licht trifft Pigment

Ausstellungen

Inspiration 30–37

Bücher, Buchtipps Kunst+Material im Abonnement

Titel: Malerei, Realisation und Fotografie: Ina Riepe.


6 | Porträt | Anna Belén


Porträt | Anna Belén | 7

Malerei als Naturereignis Die poetischen Farblandschaften der Künstlerin Anna Belén

Sie ist eigentlich ein Provisorium und doch ein großes Glück: Die leerstehende Altbauwohnung im Hamburger Stadtviertel Alsterdorf, die die Malerin Anna Belén (geb. 1997) derzeit als Atelier nutzt. Hier kann die junge Künstlerin sämtliche Wände sowie den Fußboden für die Arbeit an ihren oft sehr großformatigen Leinwänden vereinnahmen. Diese bemalt sie von beiden Seiten und lässt sie – innerhalb eines viele Phasen durchlaufenden Entstehungsprozesses – auch gern für eine Weile in einem bestimmten Stadium hängen, zwecks Kontemplation und Entscheidungsfindung. [1] Mit ihrer künstlerischen Besetzung verwandelt Anna Belén die ehemalige Küche, den Flur und die Wohnräume in einem schönen alten Backsteingebäude in dynamische Erlebnisareale: Man ist umgeben von faszinierenden Farblandschaften, die bis zu 220 x 270 cm messen und mal mit purer Malerei, mal mit feinsinnig angelegten Strukturen und geheimnisvoll schimmernden Oberflächen bestechen. Doch egal, in welchem Seinszustand sich die Bilder gerade befinden, in allen zeigt sich eine unverwechselbare Handschrift, in die philosophisches Wissen, alchemistische Experimentierfreude und eine ungewöhnliche Auswahl künstlerischer Materialien einfließen.

[1] Anna Belén im Atelier. [2] Blick in die Einzelausstellung „Gedankenexperimente“ von Anna Belén, CCA Andratx, Mallorca, 2026.


Die ungerahmten Leinwände besitzen allein schon durch ihre ausgefransten, unregelmäßig angeschnittenen oder gewellten Ränder große Präsenz. In einem Raum breiten sich intensive, in Blau und Grün gehaltene Farbklänge aus, angereichert mit sparsamer eingesetzten Gelb-, Rosa- oder Orangetönen, an anderer Stelle fächern sich unterschiedliche Varianten in Rot auf, die oft mit Grün kontrastieren. Viele Bilder sind durch eine kaum merkliche horizontale Teilung, vor allem aber auch durch eine im Stoff der Leinwand sichtbare Struktur aus Knicken charakterisiert, die aus hoch- oder längsrechteckigen Feldern besteht. [2] Das Setting bietet nahezu ideale Bedingungen für einen Atelierbesuch, da die Künstlerin anhand der Arbeiten nicht nur die aktuelle Entwicklung darstellen, sondern auch ihre profunden Ansätze darlegen kann. Obwohl sie erst wenige Stunden vor

dem Treffen im Atelier aus Hongkong angereist ist, nimmt sich Anna Belén viel Zeit und vermittelt Technik und künstlerisches Konzept mit großem Engagement, mit Klarheit und Präzision. All diese Arbeiten gehören zu einer Reihe, die sie während einer Residency im Dezember 2025 im renommierten Centro Cultural Andratx (CCA) auf Mallorca begonnen und dort im Juni 2026 in ihrer bislang größten Einzelausstellung präsentiert hat. Auch ihr gefällt es, dass die Leinwände beim Ateliergespräch im April noch nicht gerahmt sind: „In meiner Malerei geht es um den Prozess, um das Erschaffen, das Erfinden, um das Transformieren von Material und wenn man die Leinwand aufspannt, dann hat das etwas sehr Domestiziertes.“ Daher überlegt sie auch, eine Arbeit bewusst nicht fertigzustellen und ungerahmt zu zeigen.

[3] Andratx 9, 2025, Öl, Ölstift, Acryl, Kupfer, Aluminium auf Leinwand, 220 x 270 cm.


Porträt | Anna Belén | 9

Sämtliche Bilder sind eine Fortführung der Reihe Alchemy, die Anna Belén während ihres Studiums am Royal College of Art in London im Jahr 2024 beginnt. Wie in all ihren Serien geht der Umsetzung von neuen Ideen eine umfassende theoretische Recherche voraus: Für Alchemy taucht die Künstlerin in die Geschichte der Alchemie ein, in diese naturphilosophische Richtung, in der man vor allem im 16. und 17. Jahrhundert vergeblich versuchte, mittels Umwandlung von unedlen Metallen Gold herzustellen. Nach der Lektüre beginnt die Malerin selbst mit Blattmetallen und deren Reaktionen auf der Leinwand zu experimentieren: Sie verwendet neben Öl- und Acrylfarben erstmals auch Materialien wie Kupfer, Bronze, Gold oder Aluminium und lässt sie auf der Bildfläche oxidieren. Eindrucksvoll demonstriert die junge Künstlerin im Atelier – anhand der auf dem Boden befindlichen, noch unvollendeten Arbeit Andratx 9 – die komplexe Werkgenese, die ihrer Malerei zugrunde liegt. Wie sie erzählt, beginnt sie jedes neue Bild damit, die Vorderseite der Leinwand direkt auf eine Plastikplane zu legen und auf der Rückseite dann mit unterschiedlichen Grün-, Blau- und Gelbtönen ein intuitives und großflächig gestisches All-Over anzulegen. „In dieser Phase befinde ich mich ganz im Bild, ich verwende viel Material, schütte, spritze und verteile Acrylfarbe mit Pinseln und Lappen. An manchen Stellen reibe ich die Farbe stark ein, so dass sie klar auf der Vorderseite sichtbar wird. Oder ich lasse sie, mit Wasser oder Glasreiniger verdünnt, einfach fließen. Manchmal beginnt sich die Leinwand zu wellen oder es entstehen kleine Pools von Farbe.“ Gleichzeitig lösen sich durch die Feuchtigkeit eventuell vorhandene Farbreste oder vorher dezidiert aufgebrachte Farbspuren von der Plane und werden dabei von selbst auf die Vorderseite „gedruckt“. Durch diesen ersten intensiven Malvorgang prägen außerdem die Falten die stoffliche Struktur der Leinwand, was die schon erwähnte, rechteckige Rasterung hervorruft. Auch wenn der Zufall in dieser Phase eine Rolle spielt, so werden doch viele Entscheidungen, wie Farbauswahl und -auftrag bereits ganz bewusst getroffen, so die Künstlerin. [3]

[4] Andratx 11, 2025, Öl, Ölstift, Acryl, Kupfer, Aluminium auf Leinwand, 270 x 160 cm.


10 | Porträt | Anna Belén

Ist alles getrocknet, dreht Belén die Leinwand um und beginnt mit einem Lineament auf das zu reagieren, was durch die Membran des Stoffes gelangt ist und nun auf der Vorderseite sichtbar wird. In Andratx 9 fängt sie das so erhaltene Gestische in der oberen Bildhälfte nur teilweise ein, verwandelt dort einige Areale mit einer fließenden Zeichnung in harmonische Bereiche und fügt kaum merklich kleinere, lineare und flächige Setzungen in Rosa und Gelb hinzu. Dagegen behandelt sie die untere Bildhälfte umso temperamentvoller, konturiert mit tiefblauem Ölstift in organisch auswuchernden Schwüngen ganze Gebiete am linken und unteren Bildrand und appliziert hier dünne Flächen aus Blattkupfer. Diese lässt sie auf Salzwasser und Essig reagieren, wodurch eine grünliche, leicht pockenartige Oberfläche entsteht, die die Malerin schließlich mit zellartigen Formen versieht.

Ihre unorthodoxe Vorgehensweise begründet die Künstlerin damit, dass sie sich am Anfang ernst zu nehmender malerischer Versuche – während ihres Studiums der Wirtschaftspsychologie in Berlin – kaum Leinwände leisten konnte und stattdessen mit Bettlaken experimentierte. Deren dünne, durchlässige Stoffe führten dazu, dass die jeweils aufgetragene Farbe auf der anderen Seite eine interessante Oberfläche ergab. In diesem Zusammenhang faszinierte es sie, wie durch die Malerei aus minderwertigen Ausgangsmitteln etwas Hochwertiges in Form von Kunst entstehen konnte. Eine Erkenntnis, die sie in der Serie Alchemy inhaltlich konsequent weiterführt. Schon seit einigen Jahren befasst sich die Künstlerin eingehend mit der Philosophie von Material, sprich mit der vom jeweiligen Stoff ausgehenden Bedeutung, die sich nicht nur auf funktionale,

[5] Alchemy 7, 2025, Öl, Acryl, Kupfer, Gold, Aluminium auf Leinwand, 155 x 250 x 5 cm. [6] Le chemin caché, 2020, Acryl auf Leinwand, 120 x 70 cm.


12 | Porträt | Anna Belén

[7]

[8]

sondern zum Beispiel auch auf historische, soziale und psychologische Gesichtspunkte bezieht. Das korrespondiert mit dem sogenannten „material turn“ in den Kunstwissenschaften und der zunehmenden Leidenschaft vieler zeitgenössischer Malerinnen und Maler, nicht nur über die Materialität ihrer Werkstoffe zu reflektieren, sondern diese, häufig im Akt der Umdeutung, selbst zum Thema zu machen.

ten Farben – enthalten sind. Dieses Bewusstsein lässt sie dann aktiv in ihre Praxis mit einfließen, eben auch in die kritische Betrachtung der bereits beschriebenen Ambivalenz von Zufall und Kontrolle. [4]

Besonders interessant ist für Anna Belén die Frage, wie stark herkömmliche Malmittel durch ihre eigene historische Entwicklung geprägt sind und wie viele bereits gefällte Entscheidungen in künstlerischen Werkstoffen – zum Beispiel in fertig angemisch-

Ein anderer, wichtiger Gesichtspunkt ist für die Künstlerin die gerade kostbaren Materialien zugeschriebene Wertigkeit. Für Hegel beispielsweise zählen Werkstoffe wie Elfenbein, Gold, Erz, Marmor und Glas zu den „vornehmlichsten Arten des Materials“ in der Kunst, weil sie mit ihren Oberflächen im Spiel mit dem Licht zu einer gewissen Leichtigkeit und Entgrenzung führen, die dem jeweiligen Werk eine von Hegel geforderte Geistigkeit


Porträt | Anna Belén | 13

verleiht. (Vgl. Mettin, Martin (2022): Material, in: Siegmund, Judith (Hg.), Handbuch Kunstphilosophie, Bielefeld, S. 99) Nach Ansicht Anna Beléns handelt es sich bei der Qualität, die edlen Werkstoffen heute beigemessen wird, nicht um tatsächlich klassifizierbare Werte, sondern in erster Linie um eine von Menschen gemachte, kollektiv empfundene, aber im Grunde fiktive Bedeutungszuschreibung. Für die Malerin sind Bronze, Kupfer oder Gold vor allem im Hinblick auf ihr Potenzial als natürliche Ausdrucksmittel wertvoll. Das zeigt sich auch an dem Gemälde Alchemy 7 von 2025, das die Künstlerin als Abschlussarbeit im Royal College für ihren Master einreicht. Darin verwandelt sie Blattkupfer im unteren Bilddrittel in rätselhafte, von innen aufscheinende, amorph angelegte Farbfelder in matt-metallisch leuchtenden oder von Grünspan durchsetzten Tönen. Das Ganze wirkt wie ein Schnitt durch eine seltsame Gesteinsformation unter Wasser, in die – aus einer Komposition vornehmlich in Blau gehaltener „Meeresfarben“ – harmonisch gekurvte, flüssig anmutende Linien hineinsickern. Auch mäandern einige wellen- oder zellenförmige Elemente durch die oberen zwei Bilddrittel, während andere Setzungen, von oben gesehen, fluss- oder seenartig erscheinen. [5] Natürlich ist diese „Natur-Assoziation“ nur eine von vielen, da die Gesamtheit eine Fülle von Lesarten bietet. Doch ein bedeutendes Charakteristikum aller Bilder von Anna Belén ist das einmalige Ineinandergreifen naturähnlicher Flächen und Strukturen, die in substanzieller Art auf die Elemente und organische Wachstumsprozesse, auf den Widerstreit zwischen Ordnung und Chaos verweisen und damit zum Ausdruck universeller Zusammenhänge werden. Dabei entfalten sich anstelle realer Gefilde eher innere Landschaften, die einen tiefen emotionalen Zugang zu den Werken ermöglichen. Dies gelingt der Malerin, indem sie Natur nicht abbildet oder darstellt, sondern Gesetze von Entstehen und Vergehen künstlerisch nachvollzieht, Farben ebenso fließen lässt wie Wasser und Bronze oder Kupfer im Bild einem realen Oxidationsverlauf aussetzt. Indem sie mit ihrer Kunst quasi ein Äquivalent zur Natur schafft. Dazu die Künstlerin: „Der Malprozess gibt mir sehr viel Energie. Es ist wie ein Flow, man geht da in einen Zustand, in dem man gar nicht mehr ganz da ist und dann findet man zu Formen, die sehr natürlich sind.“

Tatsächlich reicht die authentische Verbindung zur eigenen künstlerischen Äußerung bis in die Kindheit von Anna Belén zurück. Aufgrund einer Dyslexie gelangt sie vor allem durchs Zeichnen und Malen zu „Ausdruck“, was ihr die Möglichkeit gibt, einen harmonischen Bezug zur Welt und zu sich selbst herzustellen: Besonders gefördert wird ihr Talent in einem Internat, wo sie die letzten drei Gymnasialjahre durchläuft und sich neben Kunst auch für Naturwissenschaften begeistert. Nach dem Abitur studiert sie Wirtschaftspsychologie und ist anschließend als Beraterin im Immobiliensektor tätig. Doch schon während des Studiums malt sie weiter – „ich habe immer gemalt“ – und lässt in ihrer Zweier-WG in Berlin ebenfalls Bilder auf jeder freien Fläche, auf Wänden und auf Fußböden trocknen. Als sie 2020 aufgrund der Pandemie in 100% Kurzarbeit geschickt wird, hat sie ein halbes Jahr Zeit, um sich ganz auf ihre Kunst zu fokussieren. Daraufhin entscheidet sie sich, ihren gut bezahlten Job aufzugeben und freischaffende Künstlerin zu werden. Schon im gleichen Jahr zeigt die Hamburger Galerie Melbye-Konan erste Werke von ihr und widmet ihr in den darauffolgenden Jahren mehrere Einzelausstellungen. In dieser Zeit sind ihre Bilder noch stark von ihrer ungegenständlichen, expressiven Malweise geprägt, die an den jeweils ersten Schritt des heutigen Entstehungsprozesses erinnert. [6] Um ihre Kunst auf ein handwerklich und theoretisch gefestigtes Fundament zu stellen, bewirbt sich Anna Belén im Jahr 2023 an zehn verschiedenen Kunsthochschulen in London und wird überall angenommen, auch am renommierten Royal College of Art, wo sie 2024 ihr Diplom macht. Als beste Absolventin ihres Jahrgangs wird der Malerin das Lucy Halford Stipendium verliehen, das es ihr ermöglicht, 2025 den Master anzuschließen. Die Hamburgerin beginnt dann auch am RCA, ihre Arbeiten zum ersten Mal seriell anzulegen und ihre künstlerische Forschung fokussiert mit Fragen der Naturwissenschaft, Philosophie und Psychologie zu verknüpfen. In London lässt sich Anna Belén auf ihrem täglichen Weg zur Kunsthochschule von der Morphologie unrenovierter Fassaden inspirieren. Sie macht unzählige Aufnahmen von Hauswänden, in denen sie organische Spuren in Form von Feuchtigkeitslinien, Schimmelausbreitung oder Moosbewuchs erkennt: „Ich empfinde diesen Zerfall als eine Art Balance, in der sich die Natur auf Augenhöhe mit den Menschen Raum zurückerobert.“

[7] Ursprung 5, 2024, Acryl auf Papier, 50,8 x 40,6 cm. [8] Ursprung 14, 2024, Acryl auf Papier, 50,8 x 40,6 cm.


14 | Porträt | Anna Belén

In Ursprung reagiert Anna Belén quasi im übertragenen Sinn auf den von der Natur angestoßenen, aktiven Prozess des Vergehens menschengemachter Architekturen mit dem Erschaffen eines künstlerischen Pendants lebendigen Werdens, in dem sich wiederum die vegetative Rückeroberung spiegelt. Dabei bezieht sich die Malerin bewusst auf die Physikerin Karen Barad und deren Definition von Realität als Phänomen: Barad geht davon aus, dass keine eindeutig identifizierbaren Einheiten (Entitäten) wie Objekte, Menschen oder Orte existieren, sondern dass sich Wirklichkeit permanent aus dem Zusammenspiel (IntraAktion) zwischen diesen eher prozesshaft angelegten Substanzen konstituiert. [8]

Nach der fotografischen Dokumentation transferiert sie ihre Eindrücke in die 2023 begonnene Serie Ursprung, für die sie ausschließlich Arbeiten auf Papier im Format von 50 x 40 cm schafft. Schon hier tränkt sie die Blätter mit Wasser, sodass Wellen und Mulden entstehen. Anschließend reagiert sie mit Farbe auf diese natürlichen Strukturen des Papiers, lässt sie zerlaufen oder zu kleinen Seen zusammenfließen: In Ursprung 5 scheinen sich verschiedene Ströme dunkelgrüner und aquamarinnaher Acrylfarbe sowie schwarzer Tinte aus einem Zentrum im unteren Bilddrittel heraus in horizontalen, vertikalen und diagonalen Richtungen auszubreiten. Einige fluten über den Bildrand hinaus, andere enden in kleinen tropfenförmigen Tümpeln, die Belén mit jeweils dunkleren Linien konturiert. Wieder andere ufern fasrig aus. Das Ganze wirkt in einer Art harmonischen Unordnung unglaublich dynamisch und wild, gleichzeitig aber aufgrund eines übergeordneten Systems in sich gewachsen und schlüssig. [7]

[9] Metamorphose 2, 2024, Acryl auf Fabriano Tela, 150 x 153 cm.

Dieser Ansatz ist für die Malerin dann ebenfalls im Hinblick auf die Rezeption ihrer Arbeiten spannend: „Das Werk entsteht schließlich auch durch die Intra-Aktion zwischen dem Bild und den Rezipienten. Wenn man näher an ein Werk herantritt und beginnt, darin Muster zu erkennen, löst dies möglicherweise Emotionen aus. Es könnte eine Sinneserfahrung geben, die über das Sehen hinausgeht und das Bildgeschehen für jeden anders erlebbar macht.“ Aus diesem Grund erachtet die Künstlerin das Gespräch mit Besucherinnen und Besuchern in ihren Ausstellungen auch als besonders wertvoll. Aus der Resonanz zwischen der Darstellung im Bildgeviert und den – durch die Deutungsoffenheit ausgelösten – intuitiven Empfindungen jenseits der Leinwand vollziehen sich die dem Werk inhärenten Entstehungs- und Veränderungsprozesse also jeweils aufs Neue. Konsequenterweise entwickelt Belén daraus die Serie der Metamorphosen, die sie in 2024 beginnt. Jetzt gestaltet sie ihre Bilder großflächiger, verwendet Ölmalpapier, sogenanntes Fabriano Tela, mit leinwandähnlicher Struktur und versucht, das Material wieder durch die Bearbeitung mit Wasser für ihre Fließexperimente zu nutzen. Doch das geht proportional nicht auf, weil sich die Wellen im Papier „noch immer im Kleinen“ bilden, so die Künstlerin. Zufällig findet sie auf dem Unigelände ein paar dicke, ausrangierte Seile, die sie unter das Papier legt, um reale Erhebungen im Malgrund zu schaffen.


Porträt | Anna Belén | 15

[10] Metamorphose 1, 2024, Acryl auf Fabriano Tela, 150 x 153 cm.


16 | Porträt | Anna Belén

Nun lässt sie senkrecht zu deren Verlauf helle Farbe zu beiden Seiten herunterlaufen, woraus sich fragile, rückgratartige Formen ergeben, die oft gebogen oder in sich gedreht sind. [9]

Außen und im Innen, in jedem Tier, in jeder Pflanze, zum Beispiel in der Fibonacci-Reihe. Da ist so eine Verbundenheit, in die man eintauchen kann“, erläutert die Künstlerin ihren Ansatz. [10]

In Metamorphose 2 verschwimmen die Seiten dieser gewundenen Linien mit einem dunklen, scheinbar flüssigen Untergrund, durch den sich seltsame dunkle Flecken bewegen. Meist oval geformt und mit helleren, zahnartigen Rändern erinnern sie an mit „Wimpern“ versehene Einzeller. Alles wirkt erstaunlich urzeitlich und in Auflösung begriffen, ein Eindruck, der durch die Ambivalenz von Abstraktion und Gegenständlichkeit unterstrichen wird. „Interessant ist, dass unsere Wirbelsäule einem Wurm, einer Schlange, einem Bakterium ähnelt. Es gibt ganz viele Beispiele für Muster, die immer wiederkehrend sind im

Dabei geht es auch um Naturerscheinungen, die noch auf ihren wissenschaftlichen Nachweis warten: „Dieser immerwährende Dialog zwischen Philosophie, Kunst und Wissenschaft, das ist alles die gleiche Welt. Jemand, der sieht, was da ist und denkt, was sein kann, der etwas nicht Greifbares macht, als Bild oder Mathematikformel, hat Berechtigung“, ist Anna Belén überzeugt. In diesem Zusammenhang verweist sie auf das Higgs-Boson, ein zum Higgs-Mechanismus gehöriges Elementarteilchen, das 2012 im Kernforschungszentrum Cern nachgewiesen wurde und beweist, dass aus reiner Energie Materie entstehen kann. Aus

[11] Andratx 3, 2025, Acryl und Öl auf Leinwand, 160 x 270 cm.


Porträt | Anna Belén | 17

diesem Grund ist für die Malerin auch die in ihrem Werk enthaltene Dualität von Sichtbarem und Unsichtbarem von großer Relevanz. [11] Glücklicherweise werden Kunstschaffende heute in ihrer künstlerischen Forschung durchaus ernst genommen und zu naturwissenschaftlichen Symposien oder Projekten eingeladen, wie zum Beispiel an die ETH in Zürich. Auch die Hamburgerin wird zukünftig an einem interdisziplinären Format partizipieren. Mit ihrem in jeder Hinsicht fluiden Denken und künstlerischen Handeln ist Anna Belén auf der Höhe der Zeit. Da überrascht es nicht, dass sie bereits in einigen renommierten Sammlungen vertreten ist und in diesem Jahr an mehreren Ausstellungen und Artist-in-Residence-Programmen teilnehmen wird. Dass die Malerin eine Nähe zur Künstlerin Helen Frankenthaler empfindet, fügt sich ebenfalls ins Bild. Immerhin ließ diese große Mengen unterschiedlicher, verdünnter Farben auf riesigen, auf dem Boden befindlichen Leinwänden sich ihren Weg bahnen, wodurch die mutige und eigenwillige Kollegin von Jackson Pollock und Willem de Kooning zu vollkommen neuen Versuchsanordnungen fand. Aber auch in der expressiven Malweise Gerhard Richters oder der bemerkenswerten Materialverwendung Anselm Kiefers sieht Belén Parallelen zur eigenen Arbeit. Bevor Anna Belén jeweils mit dem Malen beginnt, muss sie erst einmal in einen Zustand der Stille gehen, wie sie erzählt. Dies ist essenziell, um sich mit ihrer eigenen, inneren Natur zu verbinden und dafür dann mithilfe einer Malerei, die sich selbst wie ein Naturereignis entfaltet, einen ebenso fundamentalen wie allgemeingültigen Ausdruck zu finden. Auf Grundlage dessen entwickelt sie in ihren Bildern eine Ästhetik, die auf größere Zusammenhänge verweist. Für ihre zukünftige Suche nach neuen persönlichen Topografien, nach ungewöhnlichen Materialien und damit verbundenen Experimenten zeichnet sich für die Künstlerin und ihre Malerei ein ausgesprochen spannender Weg ab.# Julia Behrens

Anna Belén 2025 2023

Master of Arts (Malerei), Royal College of Art, London Graduate Diploma Fine Arts, Royal College of Art, London

Einzelausstellungen 2026 Gedankenexperimente, CCA Andratx, Mallorca 2024 Alchemy, Galerie Melbye-Konan, Hamburg 2022 Devenir, Galerie Melbye-Konan, Hamburg

Gruppenausstellungen 2025

Empowering Women Through Art, Kunsthaus Hamburg, Hamburg The Sea Between Us – 5 Years of Dialogue, Galerie Melbye-Konan, Hamburg Graduate Show, RCA 2025 Painting, Royal College of Art, London 2024 Focus, Saatchi Gallery, London, UK Mouvement – Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Französischen Konsulat und dem Institut Français, Galerie Melbye-Konan, Hamburg 2022 Awakening, Galerie Melbye-Konan, Hamburg 2021 Ausstellung anlässlich des 70-jährigen Bestehens des Institut Français in Deutschland, Institut Français, Hamburg HERITAGE, Galerie Melbye-Konan, Hamburg 2020 Women Power, Galerie Melbye-Konan, Hamburg Akwaba, Galerie Melbye-Konan, Hamburg

Auszeichnungen und Stipendien 2026

Publikumspreis (Popularity Vote), Travers Smith / Serpentine, London 2025 Artist Residency, CCA Andratx, Mallorca 2025 Travers Smith Art Programme, London 2024 Lucy Halford Bursary, London

Öffentliche und private Sammlungen Private Sammlungen in Aachen, Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, London, Mailand, Minden, München, Port d‘Andratx Ἶρις Art Collection, Hamburg DB1 Art Collection, Hamburg Sammlung des CCA Andratx, Mallorca

www.annabelenstudio.com


Thema | Künstlerhaus Augustin | 19

Die dreizehnte Fee Das Künstlerhaus von Inge und Ernst Augustin in München

Häuser, in denen Künstlerinnen und Künstler gelebt und gearbeitet haben, faszinieren bis heute, ob sie nun aus früheren Jahrhunderten stammen wie das Rubens-Haus in Antwerpen, heute ein Museum, oder noch bewohnt und deshalb häufig nur schwer zugänglich sind. Die meisten der früheren Häuser existieren nicht mehr, heute kann man das Glück haben, dass ein bewohntes Haus zu einem bestimmten Zeitpunkt wie den Ateliertagen im Stadtviertel einer Stadt oder auch im ländlichen Raum sich öffnet. Manche aber bleiben verschlossen, möglicherweise so geheim gehalten, dass sogar die Nachbar*innen nicht wissen, was sich da hinter den Mauern verbirgt. Insofern war es ein großes Glück, dass sich die Kunsthistorikerin Katja Sebald und die Fotografin Ulrike Myrzik zusammenfanden, um Künstler*innenhäuser zu sammeln und daraus ein Buch zu machen. Dreißig Häuser trugen sie in Oberbayern zusammen, in denen Künstler*innen lebten und arbeiteten oder das auch heute noch tun, also Häuser, in denen das Leben der lange verstorbenen Besitzer*innen noch nachvollzogen werden kann, Häuser, die heute eine andere Bestimmung erhalten haben, solche, die abgerissen wurden und andere, in denen heute noch gelebt und gearbeitet wird.

Jedem der Häuser ist ein Kapitel gewidmet, in dem sich Texte und Fotografien gegenseitig ergänzen und befruchten. Da werden als erstes die beiden großen Münchner Malerfürsten behandelt, Franz von Lenbach (1836–1904) und Franz von Stuck (1863–1928), deren großartige Paläste heute wichtige städtische Museen sind und in denen einige der Wohnräume aus der Erbauungszeit noch besichtigt werden können [2]. Seine herausragende Bedeutung verdankt das Lenbachhaus der Schenkung von Gabriele Münter (1877–1962), die gemeinsam mit ihrem damaligen Lebensgefährten Wassily Kandinsky (1866–1944) von 1909 bis 1914 in dem von ihr gekauften Haus in Murnau lebte und nach 1933 die in der damaligen Zeit entstandenen Werke von ihm, sich selbst und Weggefährt*innen in eben diesem Haus hinter einer Mauer im Keller versteckte. Sie sind heute Kernbestand des Lenbachhauses und in immer wieder wechselnden Zusammenstellungen in der Abteilung „Der Blaue Reiter“ zu sehen. Das Haus in Murnau mit seinem wunderschönen Bauerngarten ist ebenfalls Museum und erinnert mit Einrichtung und Exponaten an die Zeit vor 1914 [3]. Ein viertes Haus, wieder in München, ist heute auch öffentlich zugänglich, allerdings nicht als Museum. Es handelt sich um das von dem Bildhauer Adolf von Hildebrand (1847–1921) erbaute

[1] Inge und Ernst Augustin, Ausmalung des Treppenhauses, Farbmalerei auf Putz, © Foto: Dominik Parzinger, München.


[2]

Wohn- und Atelierhaus, das von seinen Erb*innen zwar verkauft werden musste, später aber wieder von Künstler*innen bewohnt wurde, bis es die Stadt München kaufen konnte. Heute beherbergt es mit der Monacensia das Literaturarchiv der Stadt, an die früheren Bewohner*innen erinnert die Dauerausstellung. In dem von Rupprecht Geiger (1908–2009) erbauten Haus im Münchner Stadtteil Solln wohnt bis heute noch die Familie, das Atelier wird immer wieder für Besichtigungen geöffnet, ebenso wie das bereits vom Vater Willi Geiger (1878–1971) in Übersee am Chiemsee gekaufte und umgebaute Ferienhaus, Bax genannt. Anders verhält es sich mit dem vom Holzbildhauer Rudolf Wachter (1923–2011) errichteten Atelierhaus in der sogenannten Auensiedlung in Freimann, einem nördlichen Stadtteil Münchens. Diesen kühnen Betonbau, einen Fremdkörper zwischen den dortigen biederen Häusern, mussten die Erben zu ihrem Leidwesen verkaufen, allerdings an eine Architektenfamilie, die den Bau zu würdigen weiß. Dennoch ist er heute natürlich nur von außen zu besichtigen, aber das sind selbstverständlich auch die Häuser, die aktuell von Künstler*innen bewohnt werden. Immerhin können die Häuser von Lothar Fischer in

Baierbrunn, Christina von Bitter in Hainbach, Bernd Zimmer in Polling, Hans Panschar in Berg, Rosemarie Zacher in Gauting und vielen anderen mehr Dank dieses wunderbaren Bildbandes in ihm blätternd nicht nur von außen, sondern auch von innen betrachtet werden, was sich ja schon im Titel manifestiert: Künstler innen Häuser außen [4]. Ein Haus würde unbedingt dort auch seinen Platz finden – anders als bei der dreizehnten Fee im Märchen, die mangels eines weiteren Gedecks nicht eingeladen wurde. Wenn die beiden Autorinnen von ihm gewusst hätten, hätten sie es sicherlich mit aufgenommen: das Haus von Inge und Ernst Augustin im Münchner Stadtteil Neuhausen, ganz in der Nähe vom Rotkreuzplatz. Das Haus stammt aus der Jahrhundertwende, das Ehepaar zog 1971 dort ein, erst nur in einen Teil des Hauses. Der Psychiater und Schriftsteller Ernst Augustin (1927–2019) hat viele seiner Bücher hier geschrieben, seine Frau Inge (1932–2016) hat gemalt, gezeichnet, Schmuck gemacht und gemeinsam mit ihrem Mann das Haus umgestaltet. [5][6] Von der ehemaligen Pracht und den ihnen innewohnenden Kuriositäten zeugen heute noch zahlreiche Fotografien. Auch dieses Haus wurde verkauft.

[2] Villa Stuck, München, Historische Räume, 1897/98, © Foto: Ulrike Myrzik. [3] Das Münterhaus in Murnau, © Foto: Ulrike Myrzik. [4] Das Künstlerhaus von Bernd Zimmer in Polling, © Foto: Ulrike Myrzik.


Thema | Künstlerhaus Augustin | 21

[3]

[4]

„Künstler wollen mit dem Haus, das sie bewohnen oder sogar gebaut haben, ebenso wie mit ihrer Kunst Visionen verwirklichen und ihre Lebenshaltung zum Ausdruck bringen.“ Katja Sebald


22 | Thema | Künstlerhaus Augustin

[5]

[6]

Das Haus erstreckt sich über mehrere Etagen, mit dem Keller sind es vier, zählt man die Dachterrasse und den Speicher dazu, fünf. Schon bei Betreten des Treppenhauses wurde klar, dass dies kein normales Wohnhaus war, denn dort öffneten sich von Säulen begrenzte, leicht surreal wirkende Landschaften, was noch durch ebenfalls als Augentäuschungen gemalte, auf Sockeln stehende Skulpturen verstärkt wurde, begleitet von realen Pflanzen und Figuren [1]. Die einzelnen Wohnungen waren nicht nur durch das Treppenhaus erreichbar, sondern auch durch Geheimgänge, Treppen, die ins Leere führten oder hinter einer Spiegeltür verborgen waren. In einem Bereich arbeitete Ernst Augustin an einem seiner Bücher, im anderen malte Inge Augustin ihre Bilder. Einige von ihnen wurden später zu Buchcovern, jedenfalls nach 2003, als Ernst zum Verlag C.H. Beck wechselte, der im literarischen Programm auch all seine vorher erschienenen

Bücher neu auflegte – nun mit Covern von Inge. Mit dem Ehepaar Beck verband beide außerdem eine Freundschaft. Deshalb war Inge auch in der Literaturszene keine Unbekannte, in der Kunstgeschichte beziehungsweise Kunstkritik aber schon. Nur ihren Schmuck, den sie ab 1966 schuf, vor allem Kettenanhänger, die mit ihren Gesichtern an Amulette erinnern, stellte sie Anfang der 1970er-Jahre einige wenige Male aus, in Zürich, München und Hamburg. Die Bilder und Zeichnungen blieben im Haus und wurden nur den seltenen Gästen gezeigt. Doch wie war sie überhaupt zur Malerei gekommen? Inge Kalanke wurde 1932 in Königsberg geboren und wuchs dort auch auf, bis die Familie nach Eberswalde zog. Bereits 1947 besuchte sie für zwei Semester die von dem Maler, Grafiker und Kunsthandwerker

[5] Inge Augustin, Selbstbildnis, Öl auf Leinwand, auf HDF-Platte kaschiert, 48 x 35,5 cm (Bildmaß), Privatsammlung, © Foto: Tobias Hase. [6] Inge Augustin, Bildnis Ernst Augustin, 2001, Bleistift und Pastellkreide auf Papier, 50 x 39,8 cm, München, Privatbesitz, © Foto: Andreas Gregor.


Thema | Künstlerhaus Augustin | 23

Heinrich Zernack (1899–1945) in Berlin gegründete Schule für freie und angewandte Künste, die nach seinem Tod von seiner Frau weitergeführt wurde und wohl bis 2005 existierte. Einer ihrer Lehrer dürfte dort der Maler Hans Speidel (1895–1976) gewesen sein. Sie wechselte 1948 an die Meisterschule für Kunsthandwerk und erneut 1950 an die Hochschule für Bildende Künste, die noch von Karl Hofer (1878–1955) geleitet wurde und wo sie bei verschiedenen Professoren lernte. Grafik unterrichtete damals Friedrich Stabenau (1900–1980), ihr dort wohl wichtigster Lehrer. Doch sie belegte auch den Lithografiekurs bei Peter Kleinschmidt (1919– 1956) und übte sich im Malen bei Ernst Fritsch (1892–1965), bei dem sie vor allem die Aktkurse besuchte. In dieser Zeit lernte sie Ernst Augustin kennen, der, aus Hirschberg im Riesengebirge stammend, in Schweidnitz und später in Schwerin aufgewachsen war. 1947 begann er ein Medizinstudium in Rostock und wechselte 1950 nach Berlin, wo er das Studium 1952 mit einer Dissertation über „Das elementare Zeichnen bei den Schizophrenen“ abschloss und anschließend als Unfallchirurg in Wismar arbeitete. Dort heirateten Inge Kalanke und Ernst Augustin am 21. Oktober 1953. Als Beruf steht in der Urkunde Grafikerin. 1955 kehrte das Paar nach Berlin zurück. Ernst bekam eine Stelle als Assistenzarzt für Neurologie und Psychiatrie an der Charité im damaligen Ost-Berlin, Inge arbeitete kurze Zeit als Model (beziehungsweise als Mannequin, wie das damals hieß) und entwarf Buchcover für Verlage wie Aufbau, Rütten und Loening, Volk und Welt, die alle im Ostteil der Stadt angesiedelt waren. Bei diesen Buchumschlägen [7] ist der Einfluss von Stabenau noch klar erkennbar, der allerdings nicht singulär war. Die stilisierten Köpfe mit spitzem Kinn und großen Augen entsprachen dem Zeitgeist und fanden sich auch bei zahlreichen anderen Grafiker*innen wie bei dem Schweizer Hans Erich Fischer, genannt Fis (1909–1958) oder bei Marie Marcks (1922–2014), die später eine bekannte Karikaturistin und Illustratorin wurde.

nach Hamburg und folgte ihm im Sommer 1959. In einem Interview mit dem Magazin der Süddeutschen Zeitung 2013 beschrieb Ernst diese Zeit wie folgt: „Das Spital hatte 30 Betten und lag 80 Kilometer außerhalb von Kandahar in der Wüste. Afghanistan war damals ein biblisches Land, in dem noch jeder Nagel einzeln geschmiedet wurde. Es gab einen König, und man lebte eher im Altertum als im Mittelalter. Räuber hingen an Stricken, Ehebrecher wurden gehäutet. […] Es kamen 30, 40 Afghanen am Tag, und ich war der einzige Arzt. Ich schwebte von einem Tag in den anderen. Das habe ich als Glück empfunden. Ein Patient klagte über jahrelange Bauchschmerzen. Er hatte einen Blasenstein, der größer als ein Apfel war, eine schneeweiße Kugel, die in 30 Jahren gewachsen war.“ 1961 kehrte das Ehepaar nach Westdeutschland zurück. Ernst erhielt eine Stelle an der Psychiatrie des Münchner Universitätsklinikums, kündigte sie aber bereits 1962, als sein erstes Buch mit dem Titel „Der Kopf“ erschien, war aber noch bis 1985 als psychiatrischer Gutachter tätig.

[7]

Doch die Augustins blieben nicht mehr lange in Berlin. Ernst übernahm 1958 die Leitung eines von einer US-amerikanischen Firma betriebenen Krankenhauses in Afghanistan, Inge floh erst

[7] Inge Augustin, Buchumschlag zu: Margit Kaffka, „Farben und Jahre“, Berlin (Volk und Welt) 1958.


24 | Thema | Künstlerhaus Augustin

[8]

[9]

„Vor allem baute er an seinem Haus in München, das er über die Jahrzehnte zusammen mit seiner Frau ausgestaltet hat. Mir erschien es wie ein begehbarer Roman, mit den gemalten Scheintüren, Figuren, Grotten, der kleinen Salsa-Bar samt Diskokugel im Keller und den sechzehn unter dem Glasdach im Treppenhaus stehenden pazifischen Königspalmen, die seine Frau Inge, Malerin surrealer Bilder, von einem entfernten Supermarkt auf einem Fahrradanhänger herangeschafft hatte.“ Uwe Timm, in: Lutz Hagestedt (Hg.), „Ich habe keinen einzigen Traum aufgegeben.“ Ernst Augustin zum Gedächtnis, München 2022, S. 28

[8] Diskothek im Keller des Hauses Augustin, © Foto: Dominik Parzinger, München. [9] Inge und Ernst Augustin, Malerei im Treppenhaus, Vorzeichnung, 40 x 27 cm, Privatbesitz, © Foto: Andreas Gregor, München.


Thema | Künstlerhaus Augustin | 25

Schon damals wohnten die Augustins im Münchner Stadtteil Neuhausen, allerdings in der Nähe einer lauten Straße und dann auch bald an einer der größten Baustellen, denn zur Olympiade 1972 sollte der in wenigen Teilabschnitten bereits existierende Mittlere Ring fertiggestellt sein. Und ein Stück dieses Rings wurde ganz in der Nähe ihrer Wohnung gebaut. Verständlich, dass sie sich nach etwas anderem umsahen. Und sie fanden ein Haus etwas weiter ab vom Baulärm in einer ruhigen Wohnstraße. Wie bereits erwähnt zogen sie erst in eine Wohnung. Die anderen Wohnungen waren noch eine Weile vermietet. Auch danach

hatten sie einige wenige Mieter*innen, die sich teilweise auch als Figuren in der gemalten Landschaft im Treppenhaus wiederfanden. Außerdem lebte Ernsts Mutter im Obergeschoss, bevor sie starb. Später bewohnten sie das ganze Haus und nach und nach verwandelte es sich in ein Kleinod. So stieg man die Treppe empor an gemalter Scheinarchitektur vorbei [1], die Ausblicke in südliche Gefilde eröffnete und von dem Ehepaar sorgfältig in mehreren Studien vorbereitet wurden [9]. Ganz oben an der Dachterrasse endete die Wandbemalung. Dafür standen dort Palmen, die von Masken balinesischer Gottheiten und anderen Exotika begleitet wurden. Tief im Keller hingegen war eine Disco

[10]

[10] Inge und Ernst Augustin, Ausmalung des Wohnzimmers im Hochparterre, Farbmalerei auf Tapete, © Foto: Dominik Parzinger, München.


26 | Thema | Künstlerhaus Augustin

[11]

eingerichtet. Die verspiegelten Wände reflektierten die bläulich leuchtenden Plexiglassäulen und das schummrige Licht sowie die Discokugel an der Decke. Die gab es aber erst 2007, zu Ernst Augustins achtzigstem Geburtstag. Dort tanzte er Salsa [8]. So etwas wie diese Disco erwartete man nicht, kannte man nur die anderen Teile des Hauses, die allerdings auch nicht aus einem Guss waren. Im Hochparterre befand sich zur Straße hin ein riesiges Zimmer [10]. Dort waren die Wände, ebenso wie im Treppenhaus, mit Scheinarchitektur bemalt, an der Decke zogen Schäfchenwolken über den blauen Himmel, Bäume oder Büsche ragten über die gemalte, marmorne Brüstung in den Raum. Die einzelnen Wandfelder boten auch hier, ebenso wie im Treppenhaus, den vermeintlichen Blick nach außen. Diese Wandmalereien stammten nicht nur von Inge, sondern auch von Ernst Augustin. Er malte die architektonischen Elemente, sie die Landschaften oder anderen Ausblicke dazwischen. Diese wurden sowohl im

Treppenhaus als auch in Räumen wie diesem teilweise verstellt durch die hohen Bodenvasen, durch eine Kommode und einen kleinen Tisch sowie durch die angebrachten Bilder. Ein Kompartiment wurde völlig ausgefüllt durch einen Kupferstich, der den Fürstbischof zu Konstanz Johann Franz Schenk von Stauffenberg (1658–1740) darstellt und hier nur angeschnitten zu sehen ist. Auf der anderen Seite des Raumes, der die gesamte Hausbreite einnahm, wurde unter anderem offensichtlich genäht. Denn Inge Augustin war nicht nur Malerin, Zeichnerin und Schmuckgestalterin, sie schuf auch Plastiken und Textilarbeiten. Das Schlafzimmer [11] mit anderer Scheinarchitektur befand sich auf der Gartenseite, die Tür in den Garten wurde in die Malerei integriert. Neben dem Bett hing das Gemälde, das als Cover für das Buch „Robinsons blaues Haus“ diente, ein Buch, das Ernst Augustin schrieb, als er schon erblindet war und das es 2012 auf die Shortlist des deutschen Buchpreises schaffte. Und so hat seine Frau

[11] Inge und Ernst Augustin, Ausmalung des Schlafzimmers im Hochparterre, Farbmalerei auf Putz, © Foto: Dominik Parzinger, München.


[12]

ihn auch gemalt, mit geschlossenen Augen. Nachdem das Haus leergeräumt war, kamen die Wandmalereien ganz anders zur Wirkung, wie die Fotografie einer Wand des Schlafzimmers zeigt [12]. Auf der anderen Seite des Flurs befand sich eine der Bibliotheken [13] mit eingepassten Regalen aus dunklem Holz, lackiert mit Schiffslack, extra eingeflogen aus der Canary Wharf – wo sie ebenfalls ein Haus besaßen –, dazwischen ein Segelschiff. Die Sessel luden zum Lesen ein, bei den Bücherrücken hatte man das Gefühl, lauter Erstausgaben zu sehen. Zwei höchst gebildete Menschen müssen diese Bibliothek eingerichtet haben. Hochparterre und erster Stock waren nicht nur durchs Treppenhaus, sondern auch durch eine innere Treppe verbunden, die allerdings hinter Türen verborgen war – eine Geheimtreppe, bei der nicht ganz klar war, wer nicht wissen durfte, dass sie existierte und wofür die Geheimhaltung diente.

Geheim ging es auch im nächsten Stock weiter. Dort versteckte sich ein Raum durch ein davor angebrachtes Bücherregal, das sich bewegen ließ. Dahinter kam eine Tür zum Vorschein, durch die man das Zimmer betrat, in dem sich alle möglichen wertvolle Schätze befanden, unter anderem Samurai-Rüstungen. Auf der anderen Seite des Flurs gelangte man in das nächste große Wohnzimmer. Dort forderten Sofas dazu auf, sich hinzusetzen und all die Bilder an den Wänden zu betrachten, die Inge Augustin geschaffen hatte. Doch fanden sich dort auch andere Gegenstände, wie eine riesige Bodenvase aus China oder ein golden angemaltes geschnitztes Bild, möglicherweise Teil eines Altars, das wohl ebenfalls aus China stammt. Der andere Teil des Raumes, durch Pfeiler ein wenig abgegrenzt, beherbergte zwei riesige Modelle von Teilen der Pariser Oper aus Pappmaché und Styropor, weiß bemalt, die so groß waren, dass in den Nischen lauter kleine Gegenstände Platz fanden, so wie es in den 1970er-Jahren Mode wurde, Setzkästen auf diese Art zu verfremden. Die Setzkästen waren allerdings viel kleiner als dieses raumfüllende Modell.

[12] Inge und Ernst Augustin, Wand des Wohnzimmers im Hochparterre, Farbmalerei auf Putz, © Foto: Louisa Marie Summer.


28 | Thema | Künstlerhaus Augustin

[13]

Der eine Teil der Oper fungierte als Zwischenwand, denn dahinter verbarg sich ein weiterer Teil des Zimmers, in dem sich zwei Sitzgelegenheiten gegenüber einem riesigen Fernseher befanden. Dieses moderne Möbel hätte den Gesamteindruck des Raumes beeinträchtigt, so aber sah man es nicht, ebenso wenig wie die verspiegelte Cocktailbar, die in dieses Kleinkino integriert war. Im oberen Stockwerk hatte sich Inge Augustin ihr Atelier eingerichtet [14]. Die Wände hingen voll mit Bildern und Zeichnungen, auf den Staffeleien standen die Bilder, an denen sie gerade arbeitete, in Regalen waren ihre Plastiken untergebracht, meist

Köpfe. Auf der Fotografie lehnt unten an der Staffelei das Bild für das Cover „Das Monster von Neuhausen“ von 2015, in dem Ernst Augustin in etwas verschlüsselter Form seine eigene Geschichte von einer an sich harmlosen Operation, einem Routineeingriff erzählt, bei dem allerdings der Chirurg einen eklatanten Fehler machte, weshalb der Schriftsteller erblindete, der Arzt aber durch immer wieder neue waghalsige Behauptungen nie zur Rechenschaft gezogen wurde. Der Raum daneben diente vor allem als Bildergalerie. Dort befand sich ein weiteres Modell: die Münchner Glyptothek, in der Inge

[13] Haus von Inge und Ernst Augustin, Bibliothek im Hochparterre, © Foto: Dominik Parzinger, München.


Thema | Künstlerhaus Augustin | 29

gerne Skulpturen studierte, die als Vorbilder für die Figuren und Köpfe in ihren Gemälden dienten. In den anderen beiden Räumen waren eine Werkstatt untergebracht und eine weitere Bibliothek, in der viele Bücher der edition suhrkamp mit ihren farbigen Umschlägen in den Regalen standen. All dies gibt es so nicht mehr. Die Einrichtungsgegenstände wie Möbel und Bücher befinden sich heute nicht mehr im Haus. Das Gebäude muss energetisch neu aufgestellt werden, die Räume werden anders gefüllt. Doch die neuen Besitzer*innen fühlen eine tiefe Verbundenheit mit dem Ehepaar Augustin und sie hoffen, dass sie die Malereien wo immer möglich erhalten können. Außerdem soll die Kunst von Inge Augustin endlich den ihr gebührenden Platz in der Öffentlichkeit erhalten. Die meisten der vielen Gemälde befinden sich nach wie vor in Privatbesitz, einige wenige gehören inzwischen der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München, diejenigen, die für die Buchcover verwendet wurden, sind im Kunstbestand des C. H. Beck Verlages, ebenfalls in München. Eine Ausnahme stellt das Gemälde zu „Robinsons blaues Haus“ dar, das im Deutschen Literaturarchiv in Marbach aufbewahrt wird. Wenige der Schmuckstücke sind in den Besitz des Münchner Stadtmuseums gelangt. Außerdem besteht die Hoffnung auf eine Ausstellung ihrer Werke, die dann natürlich auch Teile der zahlreichen Zeichnungen umfassen wird, mit deren Hilfe man auch die Malweise von Inge Augustin nachvollziehen kann. Oft kopierte sie einen ersten Entwurf und arbeitete dann an der Kopie weiter. Dadurch blieben die verschiedenen Versionen erhalten, wodurch man die Entstehung eines Bildes nachverfolgen kann. In der Verbindung von Magischem Realismus und Einflüssen der Malweise von Fernando Botero (1932–2023), aber auch von den Bildern Pablo Picassos (1881– 1973) aus den frühen 1920er-Jahren gelangte sie zu einem sehr eigenständigen Stil, den es zu würdigen gilt.#

[14]

Zum Weiterlesen Künstler innen. Häuser außen 30 Häuser von Künstlerinnen und Künstlern in Oberbayern von Ulrike Myrzik, Katja Sebald, Schweizer Broschur, dt., 264 S. mit farbigen Abb., 26 x 20 cm, Allitera Verlag, ISBN 9783962334314

Susanna Partsch

[14] Haus von Inge und Ernst Augustin, Atelier von Inge Augustin, © Foto: Dominik Parzinger, München.


30 | Inspiration


Inspiration | 31


32 | Inspiration

Drip the colour! Das ist in der Tat das Motto: Freestyle im Umgang mit der Farbe. Aber was heißt das? Bedeutet es, einfach Farbe auf Untergründe zu spritzen, zu sprühen oder zu tropfen? Nicht ganz, denn hier gehen – ebenso wie bei anderen Techniken im Umgang mit Farbe – Plan und Zufall Hand in Hand. Ein Beispiel für diese glückliche Verbindung sind etwa Rakeltechniken: Ohne eine gewisse Vorstellung von Farbzusammenhängen, ohne eine konzentrierte Handhabung von Farbe und Werkzeug und ohne das Wissen, wann man Schluss machen sollte, wird das Resultat nicht zufriedenstellend sein. Auch bei der Arbeit mit Jelly Pads etwa, also bei Monotypien, ist das Ergebnis zwar stark abhängig von Zeichnung und Farbauftrag, aber der nicht kalkulierbare Druckvorgang kann dabei durchaus einen Strich durch die Rechnung machen.

Ohne eine klare Vorstellung der Form, der Zeichnung und der Komposition enden auch Dripping-Techniken schnell im formlosen „Irgendwie“. Dazu kommt der Akt des Drippings selbst: Die kraftvolle oder geschmeidige Bewegung von Hand und Arm, die Farbe, die aus der Tülle einer Plastikflasche fließt, sowie der in der Regel größere Bildträger (Papier, Pappe, Leinwand) sind entscheidende Komponenten. Wie wird der Bildträger positioniert? Soll die Farbe noch weitere Verläufe und Zufallsspuren bilden, oder soll sie möglichst nach einer bestimmten Vorstellung verlaufen? Diese Faktoren bestimmen mit, ob an der Wand, auf der Staffelei oder eher auf dem Boden gearbeitet wird.


Inspiration | 33


34 | Inspiration


Eine Vorzeichnung ist dabei wenig zielführend: Sie hinterlässt nicht nur Spuren, die beim Dripping nicht überdeckt werden, sondern ist auch im Prozess kaum einzuhalten. Im Gegenteil: Je stärker versucht wird, einer Vorzeichnung zu folgen, desto unfreier wird der zeichnerische Gedanke. So frei und gleichzeitig so konzentriert wie möglich sollten der Arm und die Hand, die ja mit gleichbleibendem Druck auf die Farbflasche agiert, dem Bild im Kopf folgen. Vor allem bei linearen Formen ist jedes Zögern oder Verbessern unglücklich. Beim reinen Spritzen schließlich geht es vor allem um die Dosierung – zu starker Druck führt zu Flecken und Klecksen. Leicht und anmutig sollten die Farbstöße erfolgen, immer mit der entstehenden Farbdichte im Blick. Kurzum: Man kann das Dripping als eine Art Action Painting betrachten, je nachdem, wie zufällig das Ergebnis zustande kommen soll. Was die Farbe selbst betrifft, so sollte sie vor allem eins sein: flüssig. Je dünnflüssiger die Farbe, desto leichter und spritziger wird das Ergebnis. Aber auch eine normal flüssige Farbe aus der Tülle oder Pipette kann gut und verhältnismäßig gleichmäßig gezogen werden. Selbst eine dickflüssigere Konsistenz – die entsprechend schwer und deckend wirkt – ist funktional.


36 | Inspiration

Im Prinzip kann für Dripping jede Farbe eingesetzt werden. Aufgrund der Vielfalt der erhältlichen Konsistenzen und der leichteren Handhabung ist sicher Acrylfarbe das Mittel der Wahl. Oft bietet es sich an, die Farbe zu verdünnen (mit Wasser, Malmittel, Balsamterpentin bei Ölfarben etc.). Allerdings geht die Verdünnung natürlich auf Kosten der Farbintensität, da die Pigmentdichte abnimmt, die für die Farbstärke verantwortlich ist. Ob das konkret einen Qualitätsverlust bedeutet, hängt von der Absicht in Bezug auf das malerische Ergebnis ab. Es gibt eine so große Auswahl an Farben, dass man sich zunächst orientieren sollte und auch um das Testen von gespritzter oder getropfter Farbe auf dem ausgewählten Bildträger nur schwerlich herumkommt (es lohnt sich in jedem Fall – ein mit dem Pinsel gestrichenes Blau ist eben anders als ein getropftes).

Beim eigentlichen Dripping steht von den Pinseln bis zu den fertigen Spritzaufsätzen der verschiedenen Farbprodukte jedes Hilfsmittel zur Verfügung: Mit einem breiten Schlepperpinsel lassen sich sehr weite Spritzbögen schlagen, mit einem dünnen Aufsatz auf dem Farbbehälter lassen sich dagegen ausholende Arabesken, aber auch klare Linien ziehen. Zusätzliche und besondere Effekte können mit farbigen Unterlasuren, flächig mit dem Pinsel vertrieben, erzielt werden. Darüber hinaus sorgt ein (auch partielles) Vornässen des Malgrundes für spannende Verläufe. Die Farben zum Dripping gibt es fertig konfektioniert in Flaschen mit Spritzaufsätzen. Gute Dienste leisten auch Leerflaschen mit Tülle, in die selbst angemischte Farbtöne eingefüllt werden können.# Malerei, Realisation, Fotografie und Text: Ina Riepe


Inspiration | 37


38 | Persönlich

Vom Punkt zum Universum Maxim Wakultschik erzeugt Bildräume aus Holz und Licht

Das Holzstäbchen ist seit vielen Jahren das zentrale Material meiner Arbeiten. Mich fasziniert seine scheinbare Einfachheit. Es ist ein alltägliches Element, das durch Wiederholung und Anordnung eine völlig neue Bedeutung erhält. Ich habe mich bewusst für Holz entschieden, weil es leicht und zugleich beständig ist. Es ermöglicht mir, große Bildräume zu schaffen, die trotz ihrer Dimension eine gewisse Luftigkeit behalten. Die Oberfläche des Holzes bietet ideale Voraussetzungen für Farbe. Lacke in unterschiedlichsten Farbtönen bringen eine besondere Brillanz hervor und treten durch das Zusammenspiel mit Licht und Raum in Erscheinung. Entscheidend ist dabei die zugespitzte Form des Holzstäbchens. Jede einzelne Spitze wird zu einem kleinen Farb- und Lichtpunkt. Je nach Blickwinkel und Lichtsituation verändert sich die Wahrnehmung des Werkes: Farben beginnen zu flirren, zu oszillieren und scheinen in Bewegung zu geraten. Es entsteht das Gefühl, nicht nur vor einem Bild zu stehen, sondern sich durch einen Raum aus Lichtstrahlen zu bewegen.

[1]

Bis zu 10.000 Holzstäbchen können in einem einzelnen Werk zusammenkommen. Ihre Anordnung erfolgt präzise und bildet gemeinsam mit dem farblich gestalteten Hintergrund mehrere Ebenen, die miteinander in Beziehung treten und die räumliche und optische Wirkung des Bildes verstärken. Die Herstellung eines Werkes kann dabei zwischen zwei und sechs Monaten dauern. Einige Arbeiten erweitere ich zusätzlich durch phosphoreszierende Farben, die Licht aufnehmen und im Dunkeln wieder abgeben. Dadurch entsteht eine zweite Ebene der Wahrnehmung und das Werk verändert seine Erscheinung über den Moment hinaus. Die zugespitzte Form des Holzstäbchens verstehe ich außerdem als meinen elementaren Ausgangspunkt. Sie wird zu einem einzelnen Punkt, aus dem durch unzählige Wiederholungen ein ganzes Universum entstehen kann. In diesem Gedanken sehe ich eine Verbindung zu Kasimir Malewitschs Schwarzem Quadrat. Malewitsch reduzierte die Malerei auf eine grundlegende Form und schuf damit einen Nullpunkt des Bildes. Mein Holzstäbchen kann als ein Pendant dazu verstanden werden – aber als Öffnung der Fläche. Während das Quadrat eine geschlossene Oberfläche darstellt, ermöglicht die Spitze des Stäbchens einen Durchbruch, durch den Licht und Farbe hindurchtreten. Wie Sterne am Nachthimmel einzelne Lichtpunkte in einem unendlichen Raum bilden, entstehen aus tausenden einzelnen Elementen komplexe Bildwelten. Aus einem Punkt entwickelt sich ein Raum, aus einem kleinen Material ein ganzes Universum.# Maxim Wakultschik

Ausstellung Bis 19. September 2026 Light becoming Matter. Maxim Wakultschik. Maxim Wakultschik, geboren 1973 in Minsk, Belarus, lebt und arbeitet in Düsseldorf. www.maxim-wakultschik.com

Galerie Ostendorff Prinzipalmarkt 11, 48143 Münster


Persönlich | 39

[2]

[1] Maxim Wakultschik im Atelier, Foto: Andy Lanksy. [2] Spirit in Bloom, 2025, lacquer on wood on kapa board, 160 x 125 x 9 cm, Foto: Michail Raguzin, © VG Bild-Kunst Bonn, 2026 / Maxim Wakultschik.


40 | Hintergrund

„… dann lösen sie sich nicht, sondern halten sich immerwährend …“ Die Technik der Freskomalerei seit der Antike verbinden sich Putz und Farbe zu einer Einheit, wodurch diese Form der Wandmalerei sehr viel haltbarer ist als die auf die trockene Wand gemalte und folgerichtig als „secco“ bezeichnete Malerei. Berühmtes Beispiel ist das Abendmahl im Refektorium von Santa Maria delle Grazie in Mailand, an dem Leonardo da Vinci (1452–1519) von 1495 bis 1498 arbeitete und das schon zu dessen Lebzeiten schadhaft wurde, weshalb es immer wieder restauriert werden musste. Leonardo hatte mit verschiedenen Farben experimentiert, was sich schon sehr bald als Fehlgriff erwies. Hinzu kam die Feuchtigkeit der Wand, die die Farben blättern ließ. Doch zurück zum Fresko. Erste Beispiele stammen zwar nicht aus prähistorischer Zeit, jedoch aus der Antike. Bereits vor etwa 4.000 Jahren wurden insofern Vorstufen entdeckt, als die Vorzeichnungen in den nassen Putz gemalt wurden. Bereits wenig später finden sich erste, nur rudimentär erhaltene Beispiele. In römischer Zeit lobte der berühmte Architekt Vitruv (1. Jahrhundert v.u.Z.) die Freskotechnik mit folgenden Worten: „Wenn aber die Farben bei noch feuchtem Verputz sorgfältig aufgetragen werden, dann lösen sie sich nicht, sondern halten sich immerwährend, weil der Kalk, nachdem aus ihm im Kalkofen die Feuchtigkeit herausgekocht und er durch die Porosität kraftlos gemacht ist, durch seinen Durst gezwungen, alles in sich schlürft, was mit ihm zufällig in Berührung gekommen ist.“1 Die ältesten Malereien, die wir kennen, habe sich auf Wänden in Höhlen erhalten. Seit langem gehören die Namen der Höhlen von Lascaux in Frankreich und Altamira in Spanien zum Allgemeingut, 1994 wurde dann noch die ebenfalls im Süden Frankreichs gelegene Grotte Chauvet entdeckt. Doch diese Malereien wurden nicht in einer speziellen Technik an die Wände gebracht, die Fresko genannt wird. Der Name entstand aus der Beschreibung der Tätigkeit auf Italienisch: pittura a fresco, zu deutsch: Malerei auf der frischen Wand. Daraus entwickelte sich im italienischen das Wort „affresco“ (und nicht al fresco!), im Deutschen eben Fresko. Doch was bedeutet das nun genau? Statt „frischer“ sollte besser „nasse Wand“ gesagt werden, denn beim Fresko wird die Farbe auf den noch nassen Putz aufgetragen. Im Trocknungsprozess

Nicht nur im Kernland des Römischen Reiches, auch in den Provinzen entstanden um die Zeitenwende Villen und städtische Wohnhäuser, deren Wandmalereien sich erhalten haben. Im Römisch-Germanischen Museum in Köln werden Freskenfragmente aufbewahrt, die sich in unmittelbarer Nähe vom Dom beim Bau einer Tiefgarage gefunden haben. Sie stammen aus einem Wohnhaus, das nicht in Gänze rekonstruiert werden konnte, in dessen einem Raum sich aber vor allem an einer Wand prachtvolle Fresken befanden, die dem Gott des Weines, Dionysos, und seinem Gefolge gewidmet sind. Ein relativ großes Fragment zeigt Eroten bei der Weinernte, bei der größeren Figur im Mittelpunkt handelt es sich um einen Pan oder Satyr aus dem Gefolge des Weingottes [1].

[1] Weinernte (dionysische Szene), 1. Jahrhundert nach Christus, Fresko, Köln, Römisch-Germanisches Museum, Fragment der Wandmalerei aus Insula H/1, Raum 1434, Foto: Wikimedia Commons.


Hintergrund | 41

Fresken gab es auch weiterhin und sie erlebten in Italien ab dem 14. Jahrhundert eine große Blüte mit den Ausmalungen zahlreicher Kirchen wie der großen Franziskanerkirche in Assisi, den Chorkapellen vieler Florentiner Kirchen, den Ausgestaltungen zahlreicher Stadtpaläste wie dem Palazzo Pubblico in Siena mit der Darstellung der Guten und der Schlechten Regierung.2 Cennino Cennini (1398–1403 dokumentiert) beschrieb in seinem „Buch von der Kunst“3 die Technik ganz ausführlich, nachdem er festgestellt hatte, dass es „die angenehmste und schönste Arbeit ist.“4 Nach dem Anrühren des Kalkputzes und dem Auftrag einer ersten Schicht, die trocknen soll, folgen die Skizzen, erst in Kohle, dann in einem speziellen Ocker, der aus der türkischen Stadt Sinop stammt und Sinopia genannt wurde. Daraus leitete sich sehr viel später der Name „Sinopie“ für die Unterzeichnung ab. Auf diese Unterzeichnung trägt man dann den Feinputz auf, aber nur so viel wie man meint, an einem Tag malen zu können, denn „das Fresco malen, das tageweise nämlich, der beste und stärkste Farbenauftrag ist und die angenehmste Arbeit, die es gibt.“5 Da die Arbeit im nassen Putz tageweise erfolgen musste, gibt es den Begriff der „Tagewerke“, die je nach Schwierigkeit der Ausführung sehr unterschiedlich ausfallen können. Der Freskomaler und Restaurator Leonetto Tintori (1908–2000) konnte diese Tagewerke an verschiedenen Fresken nachweisen. Ein Beispiel unter vielen ist eine der Geschichten aus dem Leben des heiligen Franziskus, wie Giotto (um 1270–1337) sie wohl vor 1300 in der Oberkirche von San Francesco in Assisi gemalt hat: Der heilige Franziskus erscheint seinen Brüdern in Arles [2] erzählt die Legende der Klostergemeinschaft in Arles, die im Kapitelsaal des Franziskanerklosters der Predigt des heiligen Antonius von Padua lauschte. Währenddessen erschien der nicht anwesende Klostergründer und Heilige mit ausgestreckten segnenden Armen einem der Brüder. Das Bild gibt die Geschichte ziemlich genau wieder. In einem dreischiffigen Raum sitzen die Mönche auf verschiedenen Bänken verteilt und hören (nicht alle) aufmerksam dem heiligen Antonius zu, während Franziskus mit ausgebreiteten Armen in der

2 7 5

4

6

8

3 13

11 16

14 15

9

10 21

20

22 18 25 23 24

27 28

12 17

19 26

29

[2] Giotto, Erscheinung in Arles, vor 1300, Fresko, 270 x 230 cm, Assisi, San Francesco, Oberkirche, Franziskuszyklus, eine von 28 Szenen, [3] mit Einzeichnung der Tagewerke nach Leonetto Tintori, In: Susanna Partsch, Haus der Kunst, München 1997, S. 169, Foto: Wikimedia Commons.


42 | Hintergrund

Cennini widmete mehrere Kapitel der Freskomalerei und erklärte dabei, wie man alte Gesichter malte, auf welche Art Haare und Bärte zu malen seien, aber auch was bei der Darstellung von Gewändern zu beachten sei. Anschließend wendete er sich der Secco-Malerei zu, der er nicht zehn, sondern zwei Seiten widmete. Giotto führte in seinen Fresken letzte Korrekturen häufig später, auf dem bereits getrockneten Putz aus, ein reines Fresko befindet sich auf dem Friedhof, dem Campo Santo in Pisa. Es stellt den Triumph des Todes dar, gemalt um 1340 wahrscheinlich von Buonamico Buffalmacco (1315–1341 dokumentiert).7 In den nächsten Jahrhunderten wurden weiterhin viele Fresken ausgeführt, nicht nur in Italien, sondern auch in anderen Ländern. Ein Beispiel aus dem profanen Bereich ist die Narrentreppe in der Burg Trausnitz in Landshut, die 1575–79 von dem italienischen Maler Alessandro Paduano (ab 1568 dokumentiert–1596) ausgeführt wurde. Die lebensgroßen Figuren stellen Typen aus der Commedia dell‘arte dar.8

Türöffnung erscheint. Durch die eingezeichneten Tagewerke [3] erkennt man, dass Giotto und seine Werkstatt lediglich zwei Tage benötigten, um den oberen Teil des Bildes mit der Architektur fertigzustellen. Dann ging es allerdings langsamer voran. Insgesamt dauerte es 29 Tage, bis dieses eine Bild fertig war, wobei die Ausarbeitung der Gesichter die meiste Zeit beanspruchte. Der Franziskuszyklus besteht aus 28 einzelnen Bildern, in der Kirche sind aber weitaus mehr Bilder zu finden, die in jahrelanger Arbeit von verschiedenen Künstlern (ob sich darunter auch Künstlerinnen befunden haben?) ausgeführt wurden. Giotto gehörte dabei zu den prominentesten und auch schon Cennini war des Lobes voll, denn nach der Beschreibung, wie ein Gesicht gemalt werden soll, betont er, dass man sich nach seiner Regel richten solle, denn auch „Giotto, der große Meister“6 habe sich ihrer bedient. Dessen Schüler, Taddeo Gaddi (ab1327 dok.–1366), hatte wiederum einen Sohn Agnolo (um 1350–1396), bei dem Cennini zwölf Jahre gearbeitet hatte, was besagt, dass er quasi indirekt von Giotto die Art zu malen gelernt hatte.

[4] Hans von Marées, Die Pergola (Freundschaftsbild), 1873, Fresko, 350 x 408 cm, Neapel, Zoologische Station, Bibliothek, Ostwand, Foto: Wikimedia Commons.

Fresken zierten vor allem Repräsentationsbauten unterschiedlicher Art. Als ein letztes Beispiel mag kein Schloss und keine Kirche dienen, sondern die Zoologische Station in Neapel, die 1872 durch den Zoologen Anton Dohrn (1840– 1909) gegründet wurde und ab 1874 der Öffentlichkeit für Forschungszwecke zur Verfügung stand. 1873 malte der deutsche Künstler Hans von Marées (1837–1887) in nur vier Monaten im damalige Musikzimmer (der späteren Bibliothek) Fresken, die sich als Fries über alle vier Wände erstrecken. Von den verschiedenen, auch allegorisch gedeuteten Darstellungen sei hier das Freundschaftsbild gezeigt, das sich an der östlichen Schmalwand befindet und neben dem Maler selbst (rechts verdeckt in der Ecke) und Anton Dohrn (ganz links), einen Mitarbeiter Dohrns, einen Schriftsteller und den Künstler Adolf von Hildebrand (1847–1921) zeigt, der an der Ausführung der Fresken beteiligt war. Hinzu kommen die Wirtin, ihr Hund und eine Austernverkäuferin in der Ruine eines Schlosses, dem Lieblingslokal von Marées und den Freunden.


Die Fresken werden nicht nur als Hauptwerk von Marées bezeichnet, sondern „als eines der Hauptwerke des 19. Jahrhunderts überhaupt.“9 Sie sollten mehrfach nach Deutschland überführt werden, was allerdings immer wieder verhindert wurde, weil sie explizit für diesen Ort geschaffen wurden. „Italiens Luft, Sonne, Menschentum waren Mitschöpfer bei dem Werden des Werkes“,10 schrieb der damalige Bundespräsident Theodor Heuss über diese Fresken, die an dem Ort, für den sie geschaffen wurden, den Mittelpunkt darstellten und in unmittelbarer Nähe zu den antiken Fresken in Pompeji entstanden waren, auf die sie sich bezogen. Auch im 20. Jahrhundert bedienten sich Künstler*innen der Freskotechnik wie die Vertreter*innen des sogenannten Muralismo in Mexiko in den 1920er-Jahren. Inzwischen setzt sich allerdings mehr und mehr die Sprühtechnik durch, die auf die trockene Wand aufgebracht wird.# Susanna Partsch

1 Marcus Vitruvius Pollio, Zehn Bücher über Architektur, ed. Curt Fensterbusch, Darmstadt 1964, S. 324. 2 In diesem Artikel sind die Fresken abgebildet: https://de.wikipedia.org/wiki/ Ambrogio_Lorenzetti 3 Cennino Cennini, Das Buch von der Kunst, Wien 1871, Kapitel 67 (das Buch in der deutschen Übersetzung von Albert Ilg ist digitalisiert). 4 ebenda, S. 43. 5 ebenda, S. 45. 6 ebenda, S. 46. 7 https://upload.wikimedia.org/wikipedia/ commons/6/67/Triumph-Death-BuffalmaccoPisa-after-restoration.jpg. 8 https://commons.wikimedia.org/wiki/ File:Landshut-trausnitz-narrentr.jpg. 9 Lea Ritter Santini/Christiane Groeben, Kunst als Autobiographie. Hans von Marées, Neapel 2005, S. 17. 10 Theodor Heuss, in: Bernhard Degenhardt, Hans von Marées. Die Fresken in Neapel, München 1958, S. 12.

Perfekt aufgezogen Kapa® ist das ideale Trägermaterial für das falten- und blasenfreie Aufziehen von Drucken, Fotografien und anderen Vorlagen. Verschiedene Kapa-Varianten bieten für jede Kaschieraufgabe die passende Lösung. Darüber hinaus eignen sich die formstabilen Leichtstoffplatten als Passepartout, für Digitaldrucke, im Modellbau oder als Malgrund. So verbindet Kapa® vielseitige Einsatzmöglichkeiten mit einer perfekten Präsentationsfläche.


Technik | 45

Der Geist der Dinge Ein Atelierbesuch bei der Restauratorin Sara Pieper

Es ist Sommer: Auf dem Weg zum Atelier von Sara Pieper flirrt die brandenburgische Landschaft unter einer Hitzeglocke. Der Arbeitsort der jungen Restauratorin liegt in einer Gruppe kleinerer Werkstätten in Brandenburg an der Havel. Eigentlich ist es ein Privileg, eine Restaurierungswerkstatt zu besuchen – ebenso wie der Besuch eines Künstler- oder Kunsthandwerkerateliers generell ein Privileg ist: Man betritt einen Bereich voller Geheimnisse und Kompetenzen, angefüllt mit unbekannten Materialien,

und strenggenommen stört ein Besuch auch bei der Arbeit. So eine Werkstatt ist ein besonderer Ort, den im Allgemeinen nur wenige Menschen zu Gesicht bekommen: Private Kunden mit besonderen Anliegen oder Vertreter öffentlicher Einrichtungen. Zwar gibt es in Brandenburg eine große Zahl an Schlössern und Museen, doch große Auftraggeber wie etwa Sanssouci in Potsdam verfügen in der Regel über eigene Restaurator*innen oder arbeiten in speziellen Fällen auch mit internationalen Experten zusammen.


Sara Piepers Arbeitsräume empfangen den Besuch mit einem etwas fremden, aber durchaus angenehmen Geruch. Es ist eine Mischung aus abgelagertem Holz und aromatischen Substanzen, denen man in unterschiedlichen Konzentrationen und Färbungen begegnet: Flaschen mit braunen, rotgoldenen, indisch- und goldgelben bis farblosen Flüssigkeiten – gelösten Harzen, Balsamen, Ölen etc. – stehen auf Fensterbänken, Arbeitstischen und in Schränken. Auf Regalen und Stellagen lagern unterschiedlichste Wachse, industriell oder handgefertigt. Und natürlich gibt es Farben aller Art, Beizen und Farbwachse in kleinen, länglichen Blöcken. Für eine fachkundige Restaurierung sind Technik und Wissen ebenso unabdingbar wie Fingerspitzengefühl und Erfahrung. Die Ausbildung gliedert sich in verschiedene Spezialisierungen: Möbelrestaurierung, Gemälde-, Stein- Textil- oder Papierrestaurierung, um nur einige zu nennen, wobei durch die umfangreiche und lange Ausbildung jede/r Studierende Basiskompetenz in dem eigenen Fach angrenzende Richtungen erlangt. Sara Pieper hat ihre Kunst von der Pike auf gelernt: Nach dem Abitur absolvierte sie zunächst ein Praktikum und dann eine Ausbildung in den Restaurierungswerkstätten der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin/Brandenburg. Danach studierte sie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) Hildesheim und schloss mit dem Bachelor of Arts für präventive Konservierung von Holzobjekten ab. Darauf folgte ein Studium an der TU Berlin mit dem Abschluss Master of Science für Bauforschung und Denkmalpflege.


Technik | 47

Unterschieden wird zwischen dem Aspekt der Konservierung und dem der Restaurierung: Das Ziel der Konservierung ist der Erhalt eines Objektes – dazu gehört auch die fachkundige Bewertung seines Aufbewahrungsortes nach Erhaltungsbedingungen. Es gilt, den weiteren Verfall zu stoppen, um das Objekt so zu zeigen, wie es der Konservator/Restaurator vorgefunden hat, und gleichzeitig die Nahtstelle aufzuzeigen, wo der Verfall gestoppt und ihm Einhalt geboten wurde. Restaurator*innen wenden historische Werktechniken an – Furniere schneiden, Lacktechniken oder Schnitzen, wie im Fall eines Holzrestaurators, um über die konservierenden Maßnahmen von Sicherungs- oder Reinigungsarbeiten hinaus eine dem ursprünglichen Zustand entsprechende Fassung des Objektes zu erzielen. Dies kann auch Gegenstand fachlicher Auseinandersetzungen sein, da der Ursprungszustand nie wieder hergestellt werden kann – man kann sich ihm höchstens annähern. Sara Pieper ist auf die Restaurierung von Möbeln spezialisiert. Sie konstatiert: „Meine Arbeit ist dann gelungen, wenn sie im Auge des Betrachters in den Hintergrund tritt und das Objekt für sich spricht.“ In ihren restaurierten Objekten sollen Funktionalität und Ästhetik gleichermaßen im Einklang mit den historischen Techniken und dem künstlerischen Entwurf stehen und wieder erlebbar werden. Sara Pieper berät ihre Kunden, begutachtet Stücke, plant Konzepte zu Pflege und Erhaltung und führt alle Maßnahmen zur Konservierung und Restaurierung durch. Begleitet wird ihre Arbeit durch Dokumentationen und

Gutachten, technologische Untersuchungen und gründliche Recherchen. Im Laufe der Selbstständigkeit hat sich ihr Kompetenzfeld stetig erweitert, sodass sie neben Möbeln auch Museumsobjekte, historische Modelle und Spielzeuge (die ihr, wie sie sagt, besondere Freude bereiten), Kirchenausstattungen, Bilderrahmen und sogar Innenausstattungen von Oldtimern fachkundig restauriert hat. Für den Nachmittag des Atelierbesuchs hat sich ein Kunde angemeldet, der ein Gemälde restaurieren lassen möchte. In solchen Fällen arbeitet Sara Pieper gern mit dem erfahrenen Gemälderestaurator Lutz Thürmer zusammen, ehemals Werkstattleiter in der Gemälderestaurierung in Sanssouci. Doch der Kunde ruft an – leider kann er heute nicht mehr kommen, es sei einfach zu heiß … Also gerät man ein wenig ins Plaudern: Lutz Thürmer und Sara Pieper erzählen von ihrer Zusammenarbeit, die schon einige Jahre währt, und berichten von einer aufwendigen, gemeinsamen Arbeit in Schloss Mirow in Mecklenburg-Vorpommern: Hier bewältigten sie die Restaurierung der raumhohen Wandbespannung eines Eckkabinetts im Rokoko-Stil. Die auf Rahmen gespannten Leinwände hatten Löcher und Risse, waren zerschlissen und ausgefranst. Lutz Thürmer: „Wir haben die Tapeten vorsichtig abgenommen, gesichert, neu aufgespannt, partiell gefestigt, mit Leinwand und einer dünnen Schicht Kreidegrund doubliert und wieder an die Wand gebracht.“ Was in den Worten der Fachleute einfach klingt, zog sich über zwei Jahre hin – denn aufgrund der Witterung war die Arbeit nur von Anfang Mai bis Oktober möglich.


48 | Technik

Nach dieser kleinen Pause geht es weiter, denn an diesem Tag soll die Arbeit an einem alten Schrank – ein Kleiderschrank aus der Zeit des Historismus und laut Sara Pieper ein Massenprodukt für das Bürgertum der frühen Industrialisierung – abgeschlossen werden. Sie hat ihn bereits an den Vortagen auseinandergenommen: Das stumpfe, ausgelaugte und vergraute Holz der Türen, die wurmstichigen, stark beschädigten Zierleisten und die lädierten, verrosteten Metallbeschläge sind sichtbar. Teilweise müssen die Leisten ersetzt werden und liegen schon bereit: naturfarbenes, unbehandeltes Vollholz, aber bereits in identischer Fräsung wie die Originale, hergestellt nach dem Vorbild in einer Schreinerwerkstatt. Im weiteren Verlauf des Tages wird Sara Pieper das Holz Schritt für Schritt den Originalen annähern: Sie wird die Leisten mit Beizen und Schellack farblich dem Ton des alten Holzes anpassen und sie mithilfe von Schleifpapier millimetergenau einfügen, bis kein Haar mehr dazwischen passt. Das Wurzelholz des Schrankes wird mehrfach poliert, bis es einen schönen, natürlichen Glanz aufweist, die Maserung hervortritt und die Patina des alten Möbels zur Geltung kommt. Hierfür liegen die Türen auf hohen Böcken. In langen, gleichmäßigen Zügen werden sie mit einem Schellack durchtränkten Ballen poliert: Dies erfordert Konzentration, Genauigkeit und Erfahrung. Schellack ist eine harzige Substanz, die aus den Ausscheidungen der Lackschildlaus gewonnen wird. Mit zunehmender Schichtendicke der Politur beeinflusst der Schellack die Farbigkeit des Furniers. Sara Pieper hat Schellack in verschiedenen Farben: Es gibt eingefärbten schwarzen Schellack, sogenannten Klavierlack, und natürliche Färbungen von Kastanienrotbraun über Orange und diverse Gelbtöne. Er wird in bestimmtem Verhältnis in Spiritus gelöst und flüssig bis dickflüssig verarbeitet.

Sara Pieper träufelt während der Arbeit immer wieder ein wenig von der Lösung von hinten in den Polierballen. Nach der Bearbeitung der Türen und der Seitenteile wird der Schrank wieder zusammengefügt. Hier zeigt sich, dass diese zierliche Frau über erhebliche Kraft verfügen muss, wenn die einzelnen Bauteile des Möbels wieder zusammengesetzt werden müssen: Der Korpus hat sich verzogen und muss mit Werkzeugen und Körperkraft in Form gebracht werden. Geschieht das nicht auf das Genaueste, wird am Ende keine Tür exakt in den Angeln sitzen und passgenau schließen, vom Aufsetzen der Schrankkrone ganz zu schweigen. Die finale Funktionseinrichtung geschieht schließlich am Ende. Doch vorher müssen noch alle abgenommenen Beschläge mit Stahlwolle und verschiedenen Substanzen auf Hochglanz gebracht, zerbrochene Beschläge durch Repliken ersetzt und kaputte Schlösser repariert werden, bis das antike Stück in neuem Glanz erstrahlt. Sara Pieper liebt ihren Beruf und ist stets aufs Neue fasziniert von der Vielfalt an Möbelstücken, die zu den intensiv genutzten Alltagsgegenständen gehören, von ihrer facettenreichen Gestaltung, ihrer Funktionalität und den verschiedenen Materialkombinationen: „Möbel sind meine persönlichen treuen Begleiter, sowohl im Privaten als auch im Berufsleben.“# Realisation und Fotografie: Ina Riepe Text: Ina Riepe / Sabine Burbaum-Machert

www.pieper-restaurierung.de


Technik | 49


50 | Bücher

Die individuelle Arbeitsweise entwickeln „The Artist’s Toolkit“ ist eine prall gefüllte Werkzeugkiste für Macherinnen und Künstler

Wie entwickle ich Ideen? Was tun, wenn sie ausbleiben? Wie organisiere ich meine Arbeit? Mit welchen Materialien und nach welchen Methoden will ich arbeiten? Das sind Fragen, mit denen sich Kunstschaffende im Zuge ihrer Arbeit immer wieder konfrontiert sehen. Hier setzen Käthe Wenzel und Nadja Driller mit ihrem Buch „The Artist’s Toolkit“ an, das sie als eine maßgeschneiderte künstlerische Werkzeugkiste für jede kreative Herausforderung verstehen. Sie wenden sich an Kreativschaffende, die Strategien kennenlernen möchten, Ideen zu finden, neue Materialien und Methoden zu erkunden, Blockaden zu überwinden und Menschen zu erreichen. Im Mittelpunkt ihres auf 22 Wochen angelegten Selbstlernkurses steht ein Arbeitsplan, an dessen Ende die Entwicklung einer individuellen Arbeitsweise, das Erkennen der eigenen kreativsten Momente und Orte sowie Wege aus künstlerischen Krisen stehen. Kreativität und Planung – wie geht das zusammen? In den Augen der Autorinnen, die beide selbst künstlerisch tätig und lehrerfahren sind, ist „Kunst in vieler Hinsicht wie Kochen: Man fängt mit dem Rezept an, und wenn man Materialien und Grundrezepte kennt, kann man zum Freestyle übergehen.“ The Artist’s Toolkit Ideen finden, Krisen meistern, Werke zeigen Käthe Wenzel, Nadja Driller, 192 S., durchg. farb., 17 x 24 cm, geb., dt., Haupt Verlag 2026, ISBN 9783258602974, EUR 36,00 (D), EUR 37,10 (A), CHF 36,00 (CH)

Den ansprechend aufgemachten und bildreich mit Beispielen ausgestatteten Titel haben sie in 13 Lektionen unterteilt, die den Bogen schlagen von der Notwendigkeit, Fehler zu machen, über das Anfangen, das Durchhalten, über material- und methodenbezogene Fragestellungen bis hin zu Organisation, innerer Zeit


Bücher | 51

und Ausstellen. Die Kapitel sind nach dem wiederkehrenden Prinzip aufgebaut: Probleme, die in der künstlerischen Arbeit häufig auftreten, werden benannt, Hintergrundwissen führt zu einem tieferen Verständnis der Probleme und praktische, ohne größeren Aufwand durchführbare Übungen helfen, Knoten zu lösen. Neben fundiertem Wissen, inspirierenden Tipps und Erkenntnissen aus der Kreativitätsforschung, aus der Kunsttheorie und den Neurowissenschaften greifen Käthe Wenzel und Nadja Driller auch auf ihre langjährige Erfahrung in Kunst und Lehre zurück. Am Ende jedes Kapitels geben sie vertiefende Lesetipps und eingestreute QR-Codes verlinken mit dem Kunst-Podcast der Autorinnen, der jede Menge Zusatzmaterial liefert, um die künstlerische Werkzeugkiste weiter zu füllen. „The Artist’s Toolkit“ begleitet vor allem diejenigen, die in die künstlerische Arbeit einsteigen. Es unterstützt dabei, etwas über die eigene Arbeitsweise herauszufinden, darüber „welche Materialien und Methoden zu dir passen und unter welchen Bedingungen und in welchen Situationen du am besten kreativ sein kannst. Und wie du mit den dazugehörigen Krisen umgehst. (…) Die Methoden, die du in diesem Buch entwickelst, sind deine für dich maßgeschneidert ‚künstlerische Werkzeugkiste‘“, heißt es in der vorangestellten „Gebrauchsanweisung“ zum Buch. Wer den Arbeitsplan in diesem Buch durchgearbeitet hat – und zwar ganz ohne sich selbst unter Druck zu setzen, darauf legen

die Autorinnen Wert –, weiß, ob die Inspiration beim Staubsaugen kommt oder bei einer Straßenbahnfahrt mit dem Hund, macht enthusiastisch Fehler und hat ein laufendes Skizzenbuch, das platzt vor Fundstücken und Ideen. Wenn Anfang Oktober das Wintersemester beginnt und viele Studierende in das Kunststudium einsteigen, kann ein Buch wie „The Artist’s Toolkit“, das das künstlerische Arbeiten an sich und das Entwickeln einer individuellen Arbeitsweise in den Mittelpunkt stellt, hilfreich unterstützen. Auf jeden Fall schließt es eine Lücke.

Über die Autorinnen Käthe Wenzel ist Künstlerin und Professorin für Ästhetische Praxis an der Europa-Universität Flensburg und weltweit mit Projekten im öffentlichen Raum unterwegs. Sie war Fulbright Exchange Scholar und Gastprofessorin an der School of Visual Arts, New York, Senior Fellow am IFK/Kunst-Universität Linz in Wien, und ist in zahlreichen internationalen Sammlungen vertreten. Nadja Driller ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ästhetische Wissenschaft und Praxis an der Europa-Universität Flensburg. Aus der Architektur und dem Bühnenbild kommend, forscht, lehrt und arbeitet sie mit künstlerischen Strategien im Spannungsfeld von Raum, Material und Dialog.#

Abbildungen aus dem Buch, © Fotografien: Käthe Wenzel & Nadja Driller / Haupt Verlag 2026.


52 | Bücher

„Artists become Businessmen – nothing you can do about it“

Damien Hirst

Das Studio als Kunstunternehmen

Für die Kunstbiennalen des 21. Jahrhunderts sind spektakuläre und raumgreifende Installationen stilprägend. Auch im Mai dieses Jahres konnte man auf der 61. Biennale in Venedig wieder einmal beobachten, wie der „Größenwahn“ der Kunst um sich greift. Installationen, Skulpturen, Ausstellungen werden seit einigen Jahren immer raumgreifender und spektakulärer. Es scheint zum Markenzeichen mancher Kunstschaffender geworden zu sein, dass sie mit ihren Arbeiten über physische Grenzen hinausgehen, sie regelrecht zu sprengen scheinen. Dabei besteht gar keine Notwendigkeit, dass Kunstwerke immer größer werden müssen. Das Phänomen basiert vielmehr auf einer Entscheidung, die Künstler, Händler und auch Sammler treffen. Und die Größe der Kunstwerke hat Folgen! Nicht nur, dass die Summen, die hier gehandelt werden, riesig sind. Sie erfordert vor allem auch unternehmerisches Know-how auf Seiten der Kunstschaffenden. Künstlerstudios gleichen zunehmend mittelständischen Unternehmen. Das Atelier als Werkstatt war ein Phänomen unter anderem während des Goldenen Zeitalters der Niederländischen Malerei im 17. Jahrhundert und hatte damals starke Auswirkungen auf die Kunstlandschaft. Immer wieder kommt es zu ähnlichen Entwicklungen. Und heute? Was macht es mit der Kunst, wenn sie in immer stärker durchprofessionalisierten Zusammenhängen entsteht? Das hat sich die Kunsthistorikerin Karen van den Berg gefragt.

Große Kunst. Hyperwachstum in der Studiopraxis Karen van den Berg, 384 S., SW-Abb., 13 x 21 cm, Klappenbroschur, dt., Tentare Verlag 2025, ISBN 9783911804028, EUR 34,00 (D), EUR 35,00 (A)

In ihrer Studie „Große Kunst“ untersucht sie das „Hyperwachstum in der Studiopraxis“ und greift dafür neben ihrer Erfahrung als Ausstellungsmacherin auch auf zahlreiche Interviews zurück, die sie im Zuge gemeinsamer Studiobesuche mit der Soziologin Ursula Pasero über einen Zeitraum von sechs Jahren geführt hat. Dabei interessierte sich van den Berg vor allem für die „unsichtbaren Hände“ derer, die auf der Hinterbühne der hochgradig spezialisierten Fabrikationsbetriebe tätig sind und unter den Heerscharen von Künstler*innen und Handwerker*innen den international gefeierten Stars zuarbeiten und dafür sorgen, dass aus einem künstlerischen Konzept ein spektakuläres Werk wird.


Bücher | 53

Tägliche Rituale Was bedeuten diese Entwicklungen der Biennale-Kunst? Was heißt das für die Rolle von Kunstschaffenden in der Gesellschaft und was für ihr Selbstverständnis? Welche Entwicklungen haben zu diesen Stilmerkmalen der Größe und Opulenz geführt und welche Folgen hat es, wenn nun auch Aktivist*innen – wie dies die documenta fifteen gezeigt hat – in diesen Größendimensionen arbeiten und diese Entwicklungen keineswegs nur auf den Globalen Norden beschränkt bleiben? Das sind die Leitfragen, die Karen van den Berg als Grundlage ihrer Überlegungen im Vorwort zu Ihrem aufschlussreichen und lesenswerten Buch formuliert. Darin gewährt sie Einblicke in den Maschinenraum der gegenwärtigen Kunstfabrikation. Sie schlägt den Bogen anhand historischer Beispiele zum Stilmerkmal Größe über verschiedene Produktionsmodelle, die im Laufe der Kunstgeschichte zum Tragen kamen, bis zur zeitgenössischen Kunst. Fallstudien zur Studiopraxis von El Anatsui, Olafur Eliasson, Katharina Grosse, Damien Hirst, Jeff Koons und einzelnen Kunstfabrikationsfirmen zeigen, wie sich heutige Mega-Künstler*innen organisieren, welche Folgen und Effekte der managerial turn in den Künsten nach sich zieht. Es wird deutlich, dass die schieren Größendimensionen immer neue Professionalisierungsschübe zur Folge haben. Sie verändern nicht nur den Produktionsapparat, sondern auch die Idee selbstbestimmter künstlerischer Arbeit generell.

Über die Autorin Karen van den Berg ist seit 2003 Inhaberin des Lehrstuhls für Kunsttheorie & inszenatorische Praxis an der Zeppelin Universität und seit 2006 akademische Leiterin des artsprogram ebendort. Lehre und Forschung führten sie u.a. an die Chinati Foundation in Texas, die Universität Witten/Herdecke, an die Stanford University sowie an die Bauhaus Universität Weimar. Seit 1988 ist sie kuratorisch tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kunst, Politik und Aktivismus; Theorie und Geschichte des Ausstellens; Studioforschung und Museumsarchitektur.#

Mehr Musenküsse Mason Currey, Arno Frank, 256 S., 10 x 15,5 cm, geb., dt., Kein & Aber 2026, ISBN 9783036950969, EUR 18,00 (D), EUR 18,70 (A)

Noch mehr Rituale von Schriftstellern, Malern, Philosophen, Architekten, Komponisten und anderen kreativen Berühmtheiten in pointierten, amüsanten und überraschenden Mini-Biografien! Diese Ausgabe widmet sich den Strategien und Tricks von 88 Künstlern, dem Tag ein Kunstwerk abzutrotzen. Für Wolf Haas ist ein winziger Schreibtisch essenziell, für Lena Dunham ist der Arbeitsort egal, Hauptsache, sie kann auf ihrem Laptop schreiben. Jonathan Meese hört beim Malen laute Elektromusik und tänzelt von Bild zu Bild. Dem Choreografen George Balanchine kamen die besten Ideen beim Bügeln …


54 | Bücher

Faszination Keramik

Keramiker üben ihre Kunst und ihr Handwerk seit Jahrtausenden aus, heute ist die kreative Vielfalt besonders groß. „The Ceramics Bible“ ist ein umfassendes und aktuelles Werk zu diesem Thema. Mit mehr als 700 Farbfotos und Illustrationen ist das Buch ein umfassendes Standardwerk für ambitionierte Keramiker. Es enthält Schritt-für-Schritt-Anleitungen zu Form-, Brenn- und Glasurtechniken, die reichlich mit detaillierten Fotos illustriert sind. In fünf Großkapiteln führt die englischsprachige Publikation von den Themen „Materialien und Werkzeuge“ über „Techniken der Formgebung“ sowie „Glasur und Brand“ bis hin zu „Oberflächenveredelung und Feinarbeiten“. Eine umfangreiche Adressenliste gibt Aufschluss über Workshops, Vereinigungen, Museen etc. mit dem Schwerpunkt Keramik.

The Ceramics Bible. The Complete Guide to Materials and Techniques Louisa Taylor, 288 S., zahlr. farb. Abb., 23,5 x 26,5 cm, geb., engl., Chronicle Books, ISBN 9781452101620, EUR 19,95 (D), EUR 19,95 (A)

Wunderschöne Beispiele von Arbeiten zeitgenössischer Keramiker*innen sowie zahlreiche historische Informationen, elf Künstlerporträts, Tipps zur Fehlerbehebung und ein umfangreiches Literaturverzeichnis runden das Buch ab – eine Quelle der Inspiration für Studierende, Kunstschaffende, Keramik-Interessierte und -Sammler sowie ein Spiegel der weitreichenden, lebendigen Vielfalt der internationalen Keramikwelt.

Über die Autorin Louisa Taylor hat einen Master-Abschluss in Keramik und Glas. Sie wurde mit zahlreichen Designpreisen ausgezeichnet und ihre Arbeiten wurden in renommierten Designzeitschriften vorgestellt. Sie lebt in England.#

Abbildungen aus dem Innenteil des Buches, © Quarto Publishing/Chronicle Books 2011.


Bücher | 55

Ein Feuerwerk illusionistischer Malkunst Mit rund 95 Meisterwerken von mehr als 32 Künstler*innen feiert der Bildband „Wettstreit mit der Wirklichkeit – 60 Jahre Fotorealismus“ aus dem Hirmer Verlag 60 Jahre internationalen Fotorealismus

Seit der Antike gilt die möglichst detailgetreue Wiedergabe der Wirklichkeit als eines der zentralen Anliegen der Malerei. Schon früh wurden große Maler dafür bewundert, täuschend echte Bildwelten zu schaffen: Immer wieder erzählen antike Autoren von Werken, die so illusionistisch waren, dass Betrachterinnen und Betrachter sie zunächst für Realität hielten. In dieser langen Tradition steht auch der Fotorealismus als eine Malerei, die das Ringen um Wirklichkeitsnähe im 20. Jahrhundert unter den Bedingungen der Fotografie neu in den Mittelpunkt rückte.

Das Buch zeigt unter anderem Arbeiten von Künstler*nnen: Alexandra Averbach, John Baeder, Robert Bechtle, Charles Bell, Roberto Bernardi, Tom Blackwell, Pedro Campos, Andres Castellanos, François Chartier, Chuck Close, Robert Cottingham, Don Eddy, Richard Estes, Audrey Flack, Ralph Goings, Ben Johnson, Ron Kleemann, Karin Kneffel, Richard McLean, Malcolm Morley, Johannes Müller-Franken, David Parrish, Rod Penner, Gerhard Richter, John Salt, Raphaella Spence, Craig Wylie ...#

Der Fotorealismus bildet immer auch eine Wirklichkeit ab, die bereits durch den kühl objektiven Blick der Kamera vorgefiltert ist. Während das menschliche Sehen immer zwischen Schärfe und Unschärfe wechselt, zielen fotorealistische Gemälde auf eine Genauigkeit, die bis ins kleinste Detail reicht. Charakteristisch sind es oft glatte Oberflächen, die an Fotoabzüge erinnern, sowie eine malerische Präzision, die selbst feinste Strukturen sichtbar macht. Teilweise kommen auch Sprühpistolen zum Einsatz, um die Spuren der Hand noch stärker zurückzunehmen. Einige Künstlerinnen und Künstler setzen ihre Motive zudem aus mehreren fotografischen Quellen zusammen. Besonders bei Stadtansichten entstehen dabei komplexe Bildwelten, die zugleich vertraut wirken und in ihrer Perfektion leicht irritieren. Das Buch ist eine Hommage an die Illusionskraft dieser Malerei und zugleich ein globaler Spaziergang durch die moderne Alltagskultur: Bilder von chromblitzenden Fahrzeugen in bürgerlichen Wohngegenden, knallbunten Candys, glänzend schimmernden Lippenstifthüllen, oft menschenleeren Schnellrestaurants oder grellen Reklamemotiven. Sie alle bestechen durch technische Brillanz und eine verblüffend präzise Wirklichkeitsnähe, die den Wettstreit mit der Fotografie sucht und sich bewusst von der Abstraktion abwendet. Wettstreit mit der Wirklichkeit. 60 Jahre Fotorealismus Museum Frieder Burda (Hrsg.), 200 S., 140 farb. Abb., 24 x 28 cm, geb., dt., Hirmer Verlag 2026, ISBN 9783777446523, EUR 50,00 (D), EUR 51,40 (A)


56 | Bücher

Feinmotorik, räumliches Denken, Geduld, Gedächtnis und außergewöhnliche Lösungswege … Puzzelnd und spielend lassen sich motorische und kreative Fähigkeiten und Fertigkeiten zwanglos trainieren

Beim Puzzeln sind Feinmotorik, räumliches Denken, Geduld und das Gedächtnis gefragt. Vor allem aber macht es Spaß zu sehen, wie aus einem chaotischen, kleinteiligen Haufen ein Bild entsteht, egal, ob man alleine legt oder zu mehreren. Es gibt unzählige Motive auf dem Markt, wir stellen hier solche vor, die die Kunst in den Mittelpunkt stellen. Mit dem kunsthistorischen 500-Teile-Puzzle „Die Geschichte berühmter Kunst“ unternehmen die Puzzler*innen eine Reise durch die Geschichte berühmter Kunstwerke und namhafter Künstlerinnen und Künstler. Im Stil der Pop-Art gezeichnet führt es detailfreudig durch die „verrückte“ Welt der Kunst. Von Botticellis „Geburt der Venus“ bis hin zu Damien Hirsts diamantbesetztem Schädel begegnen sich mehr als 50 Kunstschaffende und ihre ikonischen, symbolträchtigen Werke in einem bunten, surrealen und herausfordernden Setting, das an den „Garten der Lüste“ von Hieronimus Bosch erinnert. Dazu gehören Andy Warhol, Salvador Dalí, Frida Kahlo und Yayoi Kusama.

Es wackeln Galeriewände, alte Meister werden buchstäblich vom Sockel geholt, Judy Chicago deckt den Tisch fü r ein feministisches Fest, Artemisia Gentileschi hängt ihre Interpretationen auf und ein Guerrilla Girl schwingt wild an einem Kronleuchter durch den Raum … Es ist Zeit, die Frauen kennenzulernen, die nicht nur Kunst geschaffen, sondern auch Geschichte geschrieben haben. Das Puzzle kommt mit einem Leporello, das Kurzbiografien von Künstlerinnen enthält.

Noch etwas bunter ist „Die große feministische Kunstparty“, hier wird es wild! Aus 1000 Teilen entsteht ein Puzzle-Bild, das zeigt, was passieren könnte, wenn 25 der größten feministischen Ikonen der Kunstwelt zusammen eine Party schmeißen würden. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, wenn die Damen rocken:

Die eigene Kreativität entdecken! Was dem einen die Freude am Puzzeln, ist der anderen die Freude an der eigenen Kreativität. Hier setzen Susie Hodge und Jenny Bowers an. Sie haben 20 (und mehr) Kunstprojekte zusammengestellt, die die Kreativität herausfordern. Vor allem Kinder sind angesprochen, wenn es darum

Didaktischer und eher darauf ausgelegt, Kunstschaffende anhand ihrer Werke zu erkennen, geht es zu bei „Kunst. Das andere Memo-Spiel“. Hier sollen die Spielenden je zwei unterschiedliche Werke eines Künstlers finden und zusammenbringen. Damit schulen sie ihr Auge und ihr Kunstverständnis. Gleichzeitig weckt das Spiel die Neugier auf die sehr unterschiedlichen Künstler und die Besonderheiten ihrer jeweiligen Arbeitsweise.


Bücher | 57

geht, ein Bild im Stil von Monet zu malen, eine eigene gepunktete Welt zu gestalten wie Seurat oder die Street-Art zu perfektionieren wie Banksy. Immer wird auch spielerisch Wissenswertes zu Kunstrichtungen und Epochen vermittelt. Und immer können auch Erwachsene entweder zusammen mit den Kindern gestalten oder für sich zu eigenen Werken inspiriert fühlen. Mit dem umfangreich zur Verfügung gestellten Material in dieser Box lassen sich einzigartige Skulpturen, Collagen, Gemälde und Installationen für die eigene Kunstgalerie schaffen. So wird Kunst aus aller Welt und verschiedenen historischen Epochen erfahrbar und erschafft dann ganz eigene, wunderbare Kunstwerke. Der Verlag verspricht Anleitungen und Material mit Gelinggarantie. Klassischer Brettspielspaß mit Kunst, Kreativität und Wettbewerb: Für eine unterhaltsame Zeit im Kreise von Familie und/oder Freunden bürgt „Gallerista“. Das kommunikative Brettspiel kombiniert Kunst und Strategie. Es lässt in eine faszinierende Welt voller Kunst und Geheimnisse eintauchen. Die Idee ist es, Kunstwerke zu sammeln und daraus eine eigene Kunstausstellung zusammenzustellen, eine Galerie, die auf geheimen Eigenschaften basiert. Hier werden alle Spielenden zu Kunstsammlern mit schillernder Persönlichkeit und besonderem Geschmack. Sie präsentieren, ohne ihre Identität preiszugeben, eine Galerie illustrer Kunstwerke, die ihre persönlichen Eigenschaften widerspiegeln. Wer schafft es, seine Vorlieben und Abneigungen am überzeugendsten durch die Auswahl der Kunstwerke seiner Sammlung zu inszenieren? Und wer errät anhand der Auswahl die Identität seiner Mitspieler? Aber Vorsicht! Einer der Sammler ist nicht echt, sondern nur ein Betrüger, der alle zu täuschen versucht. Kommunikativ, spannend und immer wieder neu! Die Spielfreude wird durch die hochwertigen Kunstpostkarten berühmter Gemälde gefördert. Geschicktes Raten und clevere Präsentation eigener Eigenschaften garantieren ein kompetitives, etwa 60-minütiges Spielerlebnis für 3–7 Personen ab 10 Jahren. Das perfekte Geschenk für Spielefans, Kunstliebhaber und alle, die Spaß an Herausforderungen haben! Wer sich tiefer in den Spielaufbau einfinden möchte, findet eine Anleitung auf YouTube.#

Die Geschichte berühmter Kunst Puzzle, 500 Teile mit Poster, 25 x 25 cm, dt., Laurence King Verlag 2026, ISBN 9783962445027, EUR 18,00 (D), EUR 18,00 (A)

Die große feministische Kunstparty Puzzle, 1.000 Teile mit Poster und Leporello, 28,8 x 21,6 cm, dt, Thames & Hudson 2026, ab 10 Jahren, ISBN 9780500421413, EUR 24,00 (D), EUR 24,00 (A)

Kunst. Das andere Memo-Spiel 50 Karten m. Spielanleitung in einer Box, 14,5 x 9,5 x 5 cm, dt., Librero 2025, ISBN 9789463593199, EUR 12,95 (D), EUR 12,95 (A)

Mache Kunst! 20+ Kunstprojekte zur freien Gestaltung Susie Hodge, Jenny Bowers, Set m. 4 Stickerbögen, 9 Ausstanzbögen, 3 Schablonenbögen, 7 Modellbögen, 3 Seidenpapierbögen, 14 bedruckte Papierbögen i. e. Box (16,5 x 23 cm), m. Booklet (dt.), Laurence King Verlag 2026, ISBN 9783962445140, EUR 24,00 (D), EUR 24,00 (A), CHF 32,90 (CH)

Gallerista Steffen Bogen, Bernd Stiegler, Brettspiel in Box, 29,7 x 29,7 cm, dt., ArsEdition 2025, EAN 4014489138266, EUR 40,00 (D), EUR 40,00 (A)


58 | Buchtipps

Malkunde Grundlagen, Materialien, Techniken Thomas Hoppe, 272 S., 218 farb., 25 S/W-Abb., 17 x 24 cm, geb., dt., E.A. Seemann Verlag, ISBN 9783865021083, EUR 30,00 (D), EUR 30,90 (A), CHF 37,50 (CH) Reich illustriert behandelt das Buch nahezu alle Malmaterialien, die Grundregeln der Farbtheorie und -wahrnehmung sowie u.a. antike und mittelalterliche Maltechniken, die frühe Ölmalerei oder die Anwendung moderner Acrylfarben und Alkydharzmalmittel. Mit hilfreichen Tipps.

Das große Handbuch für Künstler

Kunstausstellungen organisieren

No Comic, no Life 1

Der große Leitfaden von A–Z

Grundlagen, Materialien, Techniken

Ingo Maas, Astrid Kehsler, 108 S., 14,8 x 21 cm, geb., dt., GKS Fachverlag, ISBN 9783980829854, EUR 24,80 (D), EUR 24,80 (A)

Minetaro Mochizuki, 240 S., durchg. illustr., 14,8 x 21 cm, geb., dt., Reprodukt 2025, ISBN 9783956404849, EUR 20,00 (D), EUR 20,60 (A)

312 S., über 600 farb. Abb., 20,1 x 24 cm, geb., dt., DK Verlag 2022, ISBN 9783831043392, EUR 24,95 (D), EUR 25,70 (A), CHF 34,50 (CH) Der Ratgeber für Künstler*innen bietet Wissenswertes zu verschiedenen Kunstarten: Malerei, Zeichnen oder Fotografie ebenso wie neue Bereiche wie Animation oder digitale Kunst. Werkzeuge, Praktiken und Prozesse rund um das Schaffen von Kunst werden anschaulich erklärt.

Der Ratgeber liefert die nötigen Entscheidungshilfen sowie Tipps für die Ausstellungsorganisation von A–Z: Finanzierung und Förderung, Öffentlichkeitsarbeit und Drucksachen, Ausstellungslogistik, Aufbau und Hängung, Preisgestaltung und Verkauf. Inklusive Zeitplaner zum Herausnehmen mit Checklisten.

Minetaro Mochizuki zählt zu den bedeutenden und wegweisenden Künstlern des japanischen Comics. Humorvoll reflektiert er in diesem Buch, was das Zeichnen fü r ihn bedeutet, und lotet die Geheimnisse der kreativen Arbeit aus.

Kunst

Wut und Wertung

Die Comicothek der Philosophie

Warum wir über Geschmack streiten

Ich am ersten Tag nach dem Urlaub Kunst für stressige Tage KUNST + kaviar, 112 S., 80 farb. Abb., 14 x 17 cm, geb., dt., DuMont 2026, ISBN 9783755820215, EUR 20,00 (D), EUR 20,60 (A), CHF 28,50 (CH)

Die Idee, Kunst mit Memes zu verbinden, kam nach zu vielen Deadlines, zu wenig Schlaf und zu viel Kaffee. Plötzlich waren da: ein Gemälde, ein Satz, ein Schmunzeln. In diesem Buch sind 80 Memes versammelt, in denen wir uns durchaus wiedererkennen.

Martine Gasparov, 48 S., durchg. vierfarb., 16,5 x 24 cm, geb., dt., Verlagshaus Jacoby & Stuart 2026, ISBN 9783964283085, EUR 15,00 (D), EUR 15,50 (A) Die Bücher dieser Reihe stellen verständlich wichtige Themen der Philosophie vor. Sie gehen philosophischen Fragen anhand konkreter Beispiele nach, anhand von Mythen und Texten berühmter Philosophen – in Comicform.

Johannes Franzen, 432 S., 13,5 x 21 cm, geb., dt., S. Fischer Verlag 2025, ISBN 9783103976205, EUR 26,00 (D), EUR 26,80 (A) Kurzweilig und klug analysiert Franzen, warum wir in Bezug auf Romane, Songs, Computerspiele oder Serien starke Emotionen wie Begeisterung und Wut, Liebe und Scham entwickeln, und warum Konflikte über diese Gefühle so wichtig und produktiv sind.


Buchtipps | 59

Kunstpädagogik

Kunstpädagogik heute

Wege zum Bild

Kunst lehren

Eine systematische Einführung

Künstlerische Bildung an Schule und Hochschule

Ein Lehrkonzept für künstlerisches Gestalten

Joachim Kettel, 638 S., 15,8 x 23,5 cm, geb., dt., Athena bei wbv 2024, ISBN 9783763977970, EUR 49,90 (D), EUR 51,30 (A)

Ulrich Klieber, 208 S., 340 farb. u. 4 S/W-Abb., 17 x 24 cm, geb., dt., E.A. Seemann Verlag, ISBN 9783865021311, EUR 34,00 (D), EUR 35,00 (A)

Johannes Ittens Grundlagen der Kunstpädagogik: Kunst der Farbe, Gestaltungs- und Formenlehre, Elemente der bildenden Kunst

Jochen Krautz, 184 S., 12 farb. Abb., 24 s/w Abb., 15 x 21,5 cm, brosch., dt., UTB 2020, ISBN 9783825254278, EUR 25,00 (D), EUR 25,70 (A), CHF 32,50 (CH) Was macht Kunstpädagogik aus? Warum gehört Kunstunterricht zur schulischen Bildung? Und was soll und kann er leisten? Diese Einführung in die Kunstpädagogik bietet anhand vieler Beispiele eine strukturierte, schulformübergreifende Übersicht und erläutert zusammenhängend alle wichtigen Begriffe, Theorien und Fragen.

Der Band dient als Studienführer, dokumentiert kunstpädagogische Praxis und präsentiert Forschungsergebnisse aus der Hochschularbeit.

Bilddidaktik

Kunstpädagogik im Museum

Lehren und Lernen von und mit Bildern

Begriffe – Theorien – Grundlagen

Goda Plaum, Monika Miller (Hrsg.)224 S., 17 x 24 cm, kart., dt., Schneider bei wbv 2025, ISBN 9783763977512, EUR 44,90 (D), EUR 46,20 (A) Der Band bietet Beiträge zur interdisziplinären Bilddidaktik mit theoretischen Grundlagen, fachspezifischen Konzepten und praktischen Ansätzen. Er zeigt, wie Bilder in der Schule als Lernimpulse wirken.

Fabian Hofmann, 149 S., 4 Abb., 1 Tab., 15,5 x 23,2 cm, br., dt., Kohlhammer 2016, ISBN 9783170305830, EUR 29,00 (D), EUR 29,80 (A) Das Buch wendet sich sowohl an Praktiker, die eine fachliche Orientierung suchen, wie auch an jene, die theoretisch an Fragen und Konzepten der Museums- und Kunstpädagogik arbeiten.

Zahlreiche Beispiele, Aufgabenstellungen sowie Arbeits- und Handlungsstrategien schulen die Wahrnehmungsfähigkeit und den souveränen Umgang mit Material, Linie, Fläche und Farbe. Das Buch zeigt einen Weg zur eigenständigen künstlerischen Gestaltung und lädt ein, mit Materialien zu experimentieren.

boesner GmbH holding + innovations (Hrsg.), 408 S., m. zahlreichen Abb., 20,5 x 20,5 cm, Klappenbroschur, dt., boesner GmbH holding + innovations 2017 (2. Auflage), ISBN 9783928003070, EUR 14,95 (D), EUR 14,95 (A), CHF 24,90 (CH) Die boesner-Sonderausgabe macht alle als Studienausgaben konzipierten Werke von Johannes Itten zum Sonderpreis verfügbar.

Kunsttherapeutische Interventionen Sarah Arriagada, Hannah Elsche, 75 Therapiekarten mit 28-seitigem Booklet i. Klappkassette, Kartenformat 16,5 x 24 cm, dt., Beltz 2025, ISBN 4019172101619, EUR 54,00 (D), EUR 55,60 (A) Das Kartenset stellt kompakt und übersichtlich die kunsttherapeutische Praxis dar. Es bietet einen reichen Fundus für angehende wie auch erfahrene Kunsttherapeut*innen sowie für Psychotherapeut*innen, Berater*innen und Coaches, die ihre Arbeit mit Wissen und Methoden aus der Kunsttherapie bereichern möchten.


Idee, Malerei, Gestaltung, Fotografie: Ina Riepe

60 | Labor


Labor | 61

Licht trifft Pigment Eine Bildwirkung, die sich der statischen Rezeption entzieht und ein Werk, das sich mit jeder Bewegung des Betrachters verändert: Finetec Flip-Flop-Farben eröffnen eine außergewöhnliche Ebene optischer Wahrnehmung. Anders als klassische Metallicfarben, die vor allem Licht reflektieren, verändern Flip-FlopPigmente ihre Farbigkeit abhängig vom Betrachtungswinkel und der Richtung des einfallenden Lichts. Eine Fläche kann beispielsweise von Blau zu Violett oder von Pink zu Orange wechseln und erscheint dadurch in ständiger visueller Bewegung. Formen gewinnen an Tiefe, Konturen scheinen zu vibrieren und selbst monochrome Flächen entwickeln eine überraschende Komplexität. Die Farbe wird nicht mehr ausschließlich als Pigment verstanden, sondern als optisches Phänomen, das sich zwischen Materialität und Licht bewegt.


Linke Seite außen, Mitte und rechte Seite außen: ars nova Leerflasche mit Tülle in 60 ml, 150 ml, 250 ml und 500 ml erhältlich. Linke Seite Mitte: boesner Acryl Ink in 60 ml in 36 Farbtönen erhältlich. Linke Seite rechts: Lascaux Studio Künstler-Acrylfarbe in 4 Gebindegrößen und 57 Farbtönen erhältlich. Rechte Seite: Golden High Flow Acrylics in 30 ml und 118 ml in 85 Farbtönen erhältlich. Im Hintergrund: morani Serie 50 Schlägerpinsel in 3 Größen erhältlich.


64 | Ausstellung | Gustave Courbet

Maler und Rebell Gustave Courbet im Folkwang Museum Essen

[1]

Er war nicht nur künstlerischer Erneuerer und zentrale Persönlichkeit der europäischen Malerei des 19. Jahrhunderts, sondern prägte auch ein neues Selbstverständnis des Künstlers als unabhängige, streitbare und öffentliche Persönlichkeit: Gustave Courbet (1819–1877) wandte sich gegen die idealisierte Ästhetik von Klassizismus und Romantik und thematisierte in seiner Kunst stattdessen das Leben einfacher Menschen und die soziale Wirklichkeit, wobei er wiederholt Partei für soziale Anliegen und politische Erneuerung ergriff. Seine Umwertung traditioneller Bildgattungen machte ihn zu einem der wichtigsten Vertreter des Realismus. Mit seiner Maltechnik, in der die Farbe sichtund greifbar bleibt, wurde er zum Vorbild für nachfolgende Künstler*innengenerationen. Das Museum Folkwang in Essen widmet ihm derzeit die große Retrospektive „Ich, Gustave Courbet. Maler und Rebell“: Bis zum 8. November 2026 zeigt die Ausstellung 100 Werke aus allen Schaffensphasen des französischen Kü nstlers, darunter 85 Gemälde. Ergänzt wird die Schau durch Zeichnungen sowie eine konzentrierte Auswahl an historischen Fotografien und Zeitdokumenten. Gustave Courbet verstand Malerei als eine Form des Widerstands: Durch seinen Umgang mit traditionellen Bildgattungen und mit seiner spezifischen Maltechnik wurde er zu einem der wichtigsten Vertreter des Realismus und – weit

[1] Der vor Angst Wahnsinnige, um 1844, Öl auf Leinwand, 60,5 × 50 cm, Foto: Børre Høstland/Nasjonalmuseet, Oslo. [2] Der Mann mit der Pfeife, um 1849, Öl auf Leinwand, 45,8 × 37,8 cm, © Musée Fabre de Montpellier Méditerranée Métropole, Foto: Frédéric Jaulmes.


Ausstellung | Gustave Courbet | 65

[2]


66 | Ausstellung | Gustave Courbet

über Frankreich hinaus – zum Vorbild. Die umfangreiche Ausstellung in Essen zeigt 85 Gemälde, darunter Hauptwerke wie Le Fou de peur (1844), L'Après-dînée à Ornans (1849), Jo, la belle Irlandaise (1866), L’Origine du Monde (1866) oder L‘Homme à la pipe (1849). Auf rund 900 Quadratmetern sind Leihgaben aus internationalen Museen wie dem Musée d’Orsay (Paris), dem Metropolitan Museum of Art (New York), dem Nasjonalmuseet (Oslo), dem Nationalmuseum (Stockholm), der Alten Nationalgalerie (Berlin) oder dem Musée Fabre (Montpellier) sowie aus zahlreichen Privatsammlungen zu sehen.

beim Salon einzureichen. Nach mehreren Absagen gab er 1844 sein Debüt und stellte dort seither regelmäßig aus. Seine Werke fanden wiederholt Anerkennung und große Aufmerksamkeit: Courbet widersetzte sich akademischen Konventionen und wurde von konservativen Kritikern angegriffen. Gleichzeitig realisierte er eigene Ausstellungen und erschloss neue Präsentations- und Verkaufswege im In- und Ausland. Zwischen 1848 und 1855 entstanden seine bahnbrechenden, gesellschaftskritischen Werke – spätestens dann wurde deutlich, dass für den Künstler Kunst und Politik untrennbar miteinander verbunden waren.

Geboren 1819 in Ornans der Franche-Comté, ging Courbet 1839 nach Paris. Statt an der Kunstakademie zu studieren, bildete er sich im Selbststudium und an privaten Akademien weiter. Trotz seiner kritischen Haltung gegenüber den staatlich regulierten Salon-Ausstellungen begann Courbet ab 1841 damit, seine Werke

Mit der Niederlage Frankreichs im Krieg gegen Preußen endete das Zweite Kaiserreich und in Paris wurde 1870 die Dritte Republik ausgerufen. In der neuen Republik wurde Courbet politisch aktiv. Nach der Niederschlagung der Kommune wurde er verhaftet und wegen seiner Beteiligung zu sechs Monaten Haft und einer

[3] Jagdhunde mit totem Hasen, 1857, Öl auf Leinwand, 92,7 × 148,6 cm, The Metropolitan Museum of Art, New York, H. O. Havemeyer Collection, Gift of Horace Havemeyer, 1933, © bpk | The Metropolitan Museum of Art.


Ausstellung | Gustave Courbet | 67

Courbet verstand die unmittelbare Naturbeobachtung als Möglichkeit, die Wirklichkeit abzubilden und sich malerisch einer unverfälschten Wahrheit zu nähern.

[4] Die Woge, 1870, Öl auf Leinwand,, 45 × 59 cm, © Museum Folkwang, Essen.


68 | Ausstellung | Gustave Courbet

Geldstrafe verurteilt. In der Konsequenz verließ Courbet Frankreich 1873 und verbrachte die letzten Lebensjahre im Exil in der Schweiz. Viele seiner späten Bilder zeigen Motive aus La Tour-dePeilz und der Landschaft am Genfer See. Am 31. Dezember 1877 starb der Maler und wurde in La Tour-de-Peilz beigesetzt. 1919, zum hundertsten Jahrestag seiner Geburt, wurde sein Leichnam zurück nach Ornans überführt. Die Essener Ausstellung zeigt Courbets Anspruch, die akademische Malerei zu überwinden und Kunst als unabhängige Stimme in der bürgerlichen Öffentlichkeit zu etablieren. Um Aufmerksamkeit und Anerkennung zu gewinnen, nutzte er verschiedene

Strategien, einschließlich des Skandals, und inszenierte sich in wechselnden öffentlichen Rollen. In der Ausstellung zeigt sich dies besonders in seinen Selbstporträts und in der Vielfalt seiner Bildthemen mit Bezügen zur Fotografie und populären Bildkultur. Für das Museum Folkwang bietet die Retrospektive eine einzigartige Gelegenheit: Sie knüpft an die bedeutende Sammlung französischer Kunst des Hauses an. So wird beispielsweise Paul Cézannes Steinbruch von Bibémus (um 1895) aus der Essener FolkwangSammlung Werken Courbets gegenübergestellt. Courbets Einfluss auf die Entwicklung der modernen Malerei wird dadurch in Essen unmittelbar erfahrbar. Die Ausstellung führt in neun Kapiteln

[5] Nach dem Abendessen in Ornans, 1848/49, Öl auf Leinwand, 195 × 257 cm, Lille, Palais des Beaux-Arts, © bpk | GrandPalaisRmn | Philippe Bernard.


Ausstellung | Gustave Courbet | 69

durch Courbets Leben und Werk und verbindet biografische Stationen mit den zentralen Themen seines künstlerischen Schaffens – vom Selbstbildnis über Landschaft, sozialen Realismus und Akt bis hin zu Fotografie, Politik und Exil.

[6] [7]

Den Auftakt bilden Courbets eindrucksvolle Selbstporträts, die seine Entwicklung von einem jungen, noch weitgehend unbekannten Künstler zu einem zentralen Protagonisten des französischen Kunstbetriebs nachzeichnen. Bereits in den 1940er-Jahren experimentierte Courbet mit europäischen Traditionen der Porträtmalerei und verfeinerte dabei kontinuierlich seine Maltechnik: Das eigene Gesicht war für ihn ein ebenso naheliegendes wie kostengünstiges Modell. Er inszeniert sich als Pfeife rauchender Rebell, melancholischer Träumer oder von Angst getriebener Einzelgänger und formt damit bewusst sein Bild als Künstler in der Öffentlichkeit. Bis in die frühen 1850er-Jahre gehörten die Selbstporträts regelmäßig zu den Einreichungen für die Ausstellungen der Akademie und dienten ihm so auch als Instrument der Selbstvermarktung und Positionierung. Mit Hauptwerken wie Le Fou de peur wird sichtbar, wie eng Selbstverständnis und künstlerisches Programm von Beginn an miteinander verbunden sind. Ein weiterer Schwerpunkt gilt den Landschaften seiner Heimat. Courbet versteht die unmittelbare Naturbeobachtung als Möglichkeit, die Wirklichkeit abzubilden und sich malerisch einer unverfälschten Wahrheit zu nähern. Etwa ein Drittel seines gesamten Werkes schuf Courbet in seiner Heimatregion Franche-Comté und insbesondere rund um seinen Geburtsort Ornans. Auch nachdem er seinen Lebensmittelpunkt nach Paris verlegt hatte, kam er fast jährlich für einige Monate zurück in seine Heimat und erkundete regelmäßig die Region, seine Malutensilien stets im Gepäck. Die Landschaften, Felsformationen, Grotten oder Wasserfälle werden zum Ausgangspunkt seiner neuen Naturauffassung. Mit seiner materialbetonten, pastosen Malweise entwickelt Courbet eine Bildsprache, die den Weg in die Moderne weist. Ebenso prägend sind Courbets Darstellungen gesellschaftlicher Wirklichkeit. Werke wie L'Après-dînée à Ornans markieren seinen radikalen

[6] Jo, die schöne Irin, 1866, Öl auf Leinwand, 54 × 65 cm, © Nationalmuseum, Stockholm, Foto: Nationalmuseum. [7] Der Ursprung der Welt, 1866, Öl auf Leinwand, 46 × 55 cm, Musée d'Orsay, Paris, © bpk | GrandPalaisRmn | Hervé Lewandowski.


70 | Ausstellung | Gustave Courbet

Bruch mit akademischen Idealen: Statt historischer oder mythologischer Themen rücken Menschen des Alltags und gesellschaftliche Wirklichkeit in den Mittelpunkt. Courbets konfliktreiche Beziehung zu Akademie und Salon sowie seine bewusste Selbstbehauptung als unabhängiger Künstler stehen im Mittelpunkt der folgenden Ausstellungsbereiche. Jagdbilder und Seelandschaften zeigen seine Faszination für die Natur in all ihren Erscheinungsformen: von dramatischen Tierdarstellungen bis zu den kraftvollen Wellenbildern der französischen Küsten. Courbet war selbst ein begeisterter Jäger und konnte für seine über hundert Jagdbilder auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. In seinen Darstellungen von Wellen und Küsten

wurde die Farbe selbst zum einem wichtigen Bildthema: Courbet arbeitete häufig mit dem Palettenmesser, trug die Farbe in mehreren Schichten auf und erzielte dadurch eine besonders plastische Wirkung. Ein eigener Saal der Schau widmet sich den Frauenbildnissen und Akten. Courbet löste sich von den Idealen akademischer Schönheit und stellte Frauen mit einer bis dahin ungewohnten Direktheit dar. Statt idealisierter Schönheit stehen reale Körperlichkeit, Materialität der Malweise und Gegenwärtigkeit der Figuren im Mittelpunkt. Zugleich greift er traditionelle Bildkonventionen auf und entwickelt sie weiter – etwa in Jo, la belle Irlandaise oder in L’Origine du Monde, in dem Courbet die Direkt-

[8] Das Schloss Chillon, 1875, Öl auf Leinwand, 62 × 92,4 cm, Ville de Lons-le-Saunier, musée des Beaux-Arts, France © Collection Musée de Lon-le-Saunier/Jean-Loup Mathieu.


Ausstellung | Gustave Courbet | 71

heit des Aktes radikalisiert, weder Gesicht noch Gliedmaßen zeigt und den Blick ausschließlich auf den Torso und das weibliche Geschlecht richtet. Ein eigenes Kapitel beleuchtet Courbets Auseinandersetzung mit der noch jungen Fotografie: Historische Aufnahmen bedeutender französischer Fotografen wie Gustave Le Gray oder Henri Le Secq aus der international renommierten Fotografischen Sammlung des Museum Folkwang werden mit Courbets Landschaften, Seestücken und Stillleben in Beziehung gesetzt. Die Verweise eröffnen neue Perspektiven auf Courbets Bildauffassung und machen die engen Verbindungen zwischen Malerei und dem Medium Fotografie sichtbar. Anschließend beleuchtet die Ausstellung Courbets politisches Engagement während der Pariser Kommune und seine Verurteilung. Den Abschluss bilden Werke aus dem Schweizer Exil. Sie erzählen von Heimatverlust und der Melancholie seiner letzten Lebensjahre, zugleich aber von der ungebrochenen Schaffenskraft eines Künstlers, dessen Einfluss bis weit in die Moderne reicht. Lange von der Kritik vernachlässigt, bilden die Zeichnungen von Gustave Courbet einen weniger bekannten Teil seines Werks. Sein zeichnerisches Werk umfasst einen kleinen Bestand, den jüngste Forschung auf 140 Blätter erweiterte. Gerade dies erklärt, warum der Maler lange als gleichgültig gegenüber den grafischen Künsten galt, obwohl er regelmäßig zeichnete und sogar Kohlezeichnungen im Salon ausstellte. Eine besondere Stellung im Zeichnungskonvolut nehmen die Nachzeichnungen ein: Einige Blätter sind nachträgliche Zeichnungen, die der Künstler anfertigte, um Kompositionen im Gedächtnis zu bewahren oder zu dokumentieren. In seinen großen, eigenständigen und fast ausschließlich in Kohle ausgeführten Zeichnungen offenbart sich dabei eine fast überraschende Virtuosität. Ausgehend von einem geschwärzten Grund, den er durch Radieren aufhellt, lässt Courbet die Formen aus dem Dunkel hervortreten. „Ich, Gustave Courbet. Maler und Rebell“ entstand in Kooperation mit dem Leopold Museum, Wien. Die Schau verzeichnete in Wien bereits rund 130.000 Besucher*innen. „Die Ausstellung zeigt uns Courbet als Getriebenen, der unterschiedliche Rollen annimmt, der die Malereigeschichte studiert, die Kunst erneuert und nach Erfolg strebt – nicht indem er sich anpasst, sondern als Rebell und Revolutionär – in der Kunst wie im Leben“, so Peter Gorschlüter, Direktor des Museum Folkwang. „Dass dafür so viele außergewöhnliche internationale Leihgaben aus Museen und Privatsammlungen nach Essen reisen, ist ein großer Erfolg und das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit mit dem Leopold Museum Wien und zahlreichen Leihgeber*innen.“#

Ausstellung Bis 8. November 2026 Ich, Gustave Courbet. Maler und Rebell

Katalog Gustave Courbet Niklaus Manuel Güdel, Hans-Peter Wipplinger (Hrsg.), Vorworte von Hans-Peter Wipplinger und Peter Gor schlüter, mit Beiträgen von Pierre Chessex, Lili-Vienne Debus, Dominique de Font-Réaulx, Benjamin Foudral, Niklaus Manuel Güdel, Sophie Elaine de Oliveira, Michel Hilaire, Ségolène Le Men, Stephanie Marchal, Bruno Mottin, Isolde Pludermacher, Anne-Sophie Poirot, Daniela Stöppel, Hans-Peter Wipplinger 344 S. m. 270 meist farb. Abb., Chronologie, 24 x 28,5 cm, geb., deutsch, Verlag der Buchhandlung Walther König und Franz König, Köln, Wien / Essen 2026, ISBN 9783753309651

Im Museum erhältlich

Courbetorial Das Courbetorial ist der digitale Begleiter zur Ausstellung. Zugriff über die App oder die Website des Museum Folkwang

Kontakt Museum Folkwang Museumsplatz 1, 45128 Essen Tel. +49-(0)201-8845000 www.museum-folkwang.de


Ausstellung | Vilhelm Hammershøi | 73

Die Dimension der Stille Vilhelm Hammershøi im Kunsthaus Zürich

Seine Gemälde zeigen leere Räume, verlassene Plätze oder von gedämpftem Licht durchdrungene Interieurs: Vilhelm Hammershøi (1864–1916), oft als „Vermeer des Nordens“ bezeichnet, gehört in Dänemark zu den bedeutendsten Künstlern seiner Zeit. Trotz ihrer scheinbaren Einfachheit entfalten seine Werke eine eigentümlich gedämpfte Atmosphäre. Räume wirken zugleich vertraut und fremd, Gegenstände treten in ihrer stillen Präsenz hervor, während Figuren – häufig seine Frau Ida – oft nur von hinten gezeigt werden. Das Erzählerische tritt zurück zugunsten einer konzentrierten Betrachtung von Raum, Licht und Stimmung. Mit der Ausstellung „Vilhelm Hammershøi. Maler des stillen Klangs“ präsentiert das Kunsthaus Zürich bis zum 25. Oktober 2026 die erste umfassende Museumsschau des dänischen Künstlers in der Schweiz. Sie entstand in enger Kooperation mit dem Museo Nacional Thyssen Bornemisza in Madrid, wo bis Ende Mai 2026 die große Retrospektive „Hammershøi. The Eye that Listens“ zu sehen war. Die Schau widmet sich dem außergewöhnlichen Werk eines Malers, der mit subtilsten Farbnuancen arbeitet und dessen reduzierte Interieurs und stille Stadtansichten zu den eindringlichsten Bildwelten der europäischen Moderne zählen.

Vilhelm Hammershøi wurde im Mai 1864 in Kopenhagen als zweiter Sohn einer bürgerlichen Familie geboren, die sein Talent bewusst förderte: Schon als Kind erhält er privaten Zeichenunterricht, und 1879 beginnt er sein Studium an der Königlich Dänischen Kunstakademie. 1883 schreibt er sich an der Frie Studieskoler (Freie Studienschule) ein, die als Alternative zur Akademie gegründet worden war, und stellt 1885 im Rahmen der Jahresausstellung der Akademie zum ersten Mal aus. 1889 erhält sein Junges nähendes Mädchen, gezeigt in der dänischen Abteilung der Pariser Weltausstellung, eine Bronzemedaille. 1891 heiratet er Ida Ilsted – die jungen Eheleute verbringen im Rahmen seiner Hochzeitsreise sechs Monate in Paris. Während ihres gemeinsamen Lebens war das Paar oft auf Reisen – wieder und wieder in Italien, den Niederlanden, Deutschland und Großbritannien. 1898 ziehen sie in die Wohnung Strandgade 30 in Kopenhagen, die in den nächsten zehn Jahren zu einer wichtigen Protagonistin in Hammershøis Bildern werden wird. 1908 wird der Maler zum Mitglied der Königlich Dänischen Kunstakademie und zwei Jahre später in ihren Rat berufen. 1911 erhält Hammershøi den Großen Preis der Esposizione internazionale d’arte (Internationale Kunstausstellung)

[1] Die hohen Fenster, 1913, Öl auf Leinwand, 64,5 x 52 cm, Ordrupgaard, Charlottenlund, Foto: Anders Sune Berg.


74 | Ausstellung | Vilhelm Hammershøi

„Um 1980 begann seine Wiederentdeckung, anfangs nur innerhalb eines kleinen eingeweihten Kreises, in den letzten Jahrzehnten aber auch bei einer etwas größeren, vom Künstler begeisterten Öffentlichkeit.“ In Hammershøis Gemälden gewinnen alltägliche Dinge – ein leerer Teller auf dem Tisch, ein unbesetzter Stuhl oder ein Bild an der Wand – eine ungeahnte, oft beunruhigende Präsenz. Der österreichische Schriftsteller Heimito von Doderer prägte einst den Ausdruck vom „möbelhaften Schweigen“ der Dinge – eine Formulierung, die Hammershøis karge, von wenigen Objekten bestimmte Interieurs treffend beschreibt. Gerade diese Konzentration auf das Wesentliche verleiht Hammershøis Kunst ihre besondere Eigenständigkeit. Was seine Werke besonders auszeichnet, ist ihre Sensibilität fü r feinste Nuancen. Seine Bilder leben von subtilen Abstufungen gedeckter Farben: Sanftes Licht fällt in merkwürdig stille Räume, Schatten breiten sich über helle Wände aus, während sich die Anordnung von Möbeln und Gegenständen von Bild zu Bild oft nur minimal verändert. Gerade diese kleinen Variationen schärfen den Blick der Betrachtenden und rücken deren Wahrnehmung ins Zentrum.

in Rom. 1912 reisen Vilhelm und Ida nach Oxford und London, im gleichen Jahr werden elf Arbeiten des Künstlers in der Exhibition of Contemporary Scandinavian Art, die in New York, Buffalo, Toledo, Chicago und Boston Station macht. Im Februar 1916 stirbt Vilhelm Hammershøi an einer Krebsererkankung. Seinen Zeitgenoss*innen war Hammershøi durchaus nicht unbekannt: „Er nahm aktiv am künstlerischen Leben teil, bereiste Europa und feierte sowohl innerhalb als auch außerhalb Dänemarks Erfolge. Doch als er starb, war die Revolution der künstlerischen Avantgarden bereits in vollem Gange, und so verflüchtigte sich Hammershøis Ruhm über Nacht. Über weite Strecken des 20. Jahrhunderts war sein Werk in Vergessenheit geraten“, so Ann Demeester, Direktorin des Kunsthaus Zürich, und Guillermo Solana, Direktor des Museo Nacional Thyssen Bornemisza Madrid, in ihrem Vorwort zum Ausstellungskatalog.

Obwohl Hammershøi oft als zurückgezogen beschrieben wird, stand er im Austausch mit internationalen Strömungen seiner Zeit. So bewunderte er etwa den US-amerikanischen Maler James McNeill Whistler, dessen Werke ebenfalls auf harmonische Farbarrangements und reduzierte Kompositionen setzen. Whistlers Praxis, seine Bilder als „Arrangements“ oder „Symphonien“ zu bezeichnen, findet eine Entsprechung in Hammershøis Werk. Auch bei ihm wird der Bildraum zunehmend von allem Anekdotischen und Erzählerischem befreit und der Fokus primär auf formale Aspekte gerichtet. Die Ausstellung im Kunsthaus Zürich widmet sich nicht nur Hammershøis berühmten Interieurs. Es werden auch weniger bekannte Sujets wie Porträts, Stadtansichten und Landschaften präsentiert. Darüber hinaus verortet die Präsentation Hammershøis Werk in einem erweiterten kunsthistorischen Zusammenhang. Vereinzelte Zeitsprünge in Epochen vor und nach Hammershøi,

[2] Selbstporträt. Das Landhaus Spurveskjul in Sorgenfri, nördlich von Kopenhagen, 1911, Öl auf Leinwand, 126 x 149,5 cm, SMK, National Gallery of Denmark, Copenhagen, Foto: Statens Museum for Kunst, open.smk.dk, public domain.


[3] Interieur mit Frau am Klavier, Strandgade 30, 1901, Öl auf Leinwand, 55,9 x 45,1 cm, Privatsammlung, Foto: Bruno Lopes.


76 | Ausstellung | Vilhelm Hammershøi

Sanftes Licht fällt in merkwürdig stille Räume: Hammershøis Werke leben von ihrer Sensibilität für feinste Nuancen und von subtilen Abstufungen gedeckter Farben.

[4] Offene Türen, 1905, Öl auf Leinwand, 52 x 60 cm, The David Collection, B 309, Foto: Pernille Klemp.


Ausstellung | Vilhelm Hammershøi | 77

wofür in der Ausstellung exemplarisch Gemälde von Jacobus Vrel, Adolph Menzel oder Michaël Borremans stehen, betten den dänischen Maler epochenübergreifend in das Themenfeld der Stille ein. Der Ausstellungstitel „Maler des stillen Klangs“ verweist auf eine bislang wenig beachtete Dimension in Hammershøis Werk: die Beziehung zur Musik. In vielen seiner Bilder sind einzelne Instrumente wie Cello, Klavier oder Geige integriert. Auch biografisch lassen sich Verbindungen zur Musik nachweisen – mehrere seiner Freunde und Sammler waren Musiker, und Hammershøi selbst spielte Cello. Seine Gemälde entfalten eine besondere Form von Stille: nicht die Abwesenheit von Klang, sondern eine gespannte Ruhe, die an den Moment kurz vor Beginn eines Konzerts erinnert. In der Betrachtung erscheint Vilhelm Hammershøis Kunst fast überraschend modern: Seine konzentrierten Bildkompositionen und die minimalen Veränderungen zwischen stets wiederkehrenden Motiven lassen auch Vergleiche mit anderen Kunstschaffenden zu, etwa mit Félix Vallotton (1865–1925). Beide Künstler verbindet eine eigenwillige Farbpalette und das Interesse an besonderen Stimmungen. „Eine Gemeinsamkeit mit Vallotton ist, dass sich Hammershøi unbeeinflusst von den Kunstströmungen seiner Zeit zeigt. Während rund um ihn impressionistisch, pointillistisch, symbolistisch und nach 1900 expressionistisch und kubistisch gemalt wird, setzt er seinen eigenen Stil unbeirrt fort“, betont Kuratorin Sandra Gianfreda in ihrem Interview mit Florian Illies für den Ausstellungskatalog. Florian Illies hält fest: „Die Beschleunigung ist das große Thema der Moderne, ihr geheimer Motor, ihre größte Kraft. Hammershøi verweigert sich diesem Sog wie kein Zweiter. Die Zeit rast, die Welt gerät aus den Fugen, doch Hammershøi verharrt. Geboren 1864 und gestorben 1916, deckt seine Lebensspanne die vielleicht radikalste Periode ab, die die Kunst der Neuzeit erlebt hat. Doch Hammershøi reagiert darauf mit einer entschiedenen Verweigerung: Wenn um ihn herum Tempo aufgenommen wird, drückt er auf die Bremse, wenn der Farbrausch der Expressionist*innen auf der Leinwand beginnt, dann malt er weiter in Weiß und Grau, und wenn die Natur erobert wird, dann bleibt er zu Hause. Hammershøi malt weiter seine Innenräume in Kopenhagen, ganz gleich, ob sich um ihn herum der Symbolismus, der Neo-Impressionismus, der Jugendstil, der Expressionismus, der Kubismus oder der Futurismus als Ausdruck seiner Zeit etablieren. Hammershøi sieht das alles, aber er sieht eben auch, dass sein Weg ein anderer ist. Diese Widerstandskraft, diese singuläre Resilienz gegenüber dem Lauf der Zeit schenkt seinen Bildern ihre innere Kraft. Die anderen mögen die Welt malen, er malt seine Frau und seine Kommoden. Und wir, im Jahre 2026, erkennen plötzlich genau darin die ganze Welt.“#

Ausstellung Bis 25.Oktober 2026 Vilhelm Hammershøi. Maler des stillen Klangs

Katalog

Vilhelm Hammershøi. Maler des stillen Klangs Zürcher Kunstgesellschaft / Kunsthaus Zürich (Hrsg.), Texte von: Clara Marcellán, Peter Nørgaard Larsen; Florian Illies, Hardcover, dt./engl., 232 S., 24 x 29 cm, Hatje Cantz Verlag, ISBN 9783775763806

Kontakt Kunsthaus Zürich Heimplatz, CH–8001 Zürich Tel. +41-(0)44-2538484 www.kunsthaus.ch


78 | Ausstellung | Bloom up!

Bloom up! Die Sprache der Blumen in der Kunsthalle Baden-Baden

Ein Willkommensstrauß an das Publikum: Kaum ein Motiv ist so allgegenwärtig, so wandelbar und aussagekräftig wie die Blume. Sie ist seit Jahrtausenden als Ornament, Attribut oder Symbol in menschlichen Gesellschaften präsent. Starke Gefühle, lebendige Erinnerungen und wirkmächtige Bilder verbinden sich mit Blumen, ihrer Schönheit, ihrem Duft oder ihrer Bedeutung. Die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden und das Badische Landesmuseum nutzen dieses Motiv deshalb für den Beginn ihrer Kooperation – ihre erste gemeinsame Ausstellung „Bloom up! Die Sprache der Blumen“ ist bis zum 10. Januar 2027 in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden zu sehen. Die unterschiedlichen Schwerpunkte beider Häuser ermöglichen anhand des Motivs der Blume eine neuartige Begegnung von zeitgenössischer Kunst und Kulturgeschichte. Anstelle eines chronologischen Zugangs nähert sich die Ausstellung dem Thema durch Gegenüberstellungen von zeitgenössischen künstlerischen Positionen und Kulturgütern aus unterschiedlichen Epochen. Darüber hinaus wurden Künstlerinnen und Künstler wie Willem de Rooij, Ketuta AlexiMeskhishvili oder Sissel Tolaas eingeladen, sich in neuen Arbeiten mit den Objekten des Badischen Landesmuseums auseinanderzusetzen. Entstanden sind kritische Revisionen und neue Interpretationen – mal fotografisch, mal olfaktorisch. Der lebendige, unerwartete Dialog zwischen kulturhistorischen Sammlungen und zeitgenössischer Kunst sprengt die Grenzen von Raum und Zeit.

[1] Petrit Halilaj und Álvaro Urbano, 27th of March 2012 (Forsythias), 2020, © Badisches Landesmuseum, Foto: ARTIS / Uli Deck.


Ausstellung | Bloom up! | 79

„Die gemeinsame Arbeit stellt für beide Häuser eine große Herausforderung, aber auch eine immense Bereicherung dar. Wir möchten mit Bloom up! zum Nachdenken, zur Diskussion, aber auch zum sinnlichen Erleben anregen“, so Prof. Dr. Eckart Köhne. Gemeinsam mit Susanne Schulenburg leitet er neben dem Badischen Landesmuseum seit 2025 auch die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden. Die Ausstellung beginnt mit dem Thema der Blume als Symbol in Liebes- und Paarbeziehungen – und überträgt es aus einem traditionellen regionalen in einen aktuellen globalen Kontext. Bauernschränke aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die reich mit Blumen und Ranken verziert sind, symbolisieren Liebe, Fruchtbarkeit und Wohlstand und dienten häufig als Hochzeitsgeschenk. Ihnen werden die Blütenskulpturen des Künstlerduos Petrit Halilaj und Álvaro Urbano an die Seite gestellt. Sie sind

Zeugnisse privater Momente ihrer Beziehung und projizieren intime Zweisamkeit monumental in den öffentlichen Raum der Ausstellung. Die norwegische Künstlerin und Forscherin Sissel Tolaas setzt sich mit spätmittelalterlichen Glasfenstern aus Freiburg und Konstanz auseinander. Eines der Fenster nach einem Entwurf von Hans Baldung Grien zeigt die Legende der Heiligen Dorothea, deren Attribut ein mit Rosen gefüllter Korb ist. Tolaas schuf eigens für die Ausstellung eine Arbeit bestehend aus verschiedenen Gerüchen, die sich auf das Fenster als solches beziehen: auf das Material, seine Alterung und die Spuren, die die Zeit hinterlässt. Die Serie Hard to Say I’m Sorry von Belia Zanna Geetha Brückner bildet ein kritisches Pendant zum bekannten Jugendstil-Teppich Der Pilger im Garten von Edward Burne-Jones und William Morris.

[2] Blick in die Ausstellung, Schrank mit Sonnenblume, Bonndorf, 1749 und Petrit Halilaj und Álvaro Urbano, 16th of March 2019 (Poppy), 2020, © Badisches Landesmuseum, Foto: ARTIS / Uli Deck.


80 | Ausstellung | Bloom up!

Brückners Werk kommentiert dazu ergänzend die ungleichen Machtverhältnisse in Beziehungen. Mit ihren Blumensträußen thematisiert sie Entschuldigungsgesten in toxischen und gewaltvollen Beziehungen – und macht so die Kehrseite von Liebe und Bewunderung sichtbar.

Whites. Speziell für diese Ausstellung beschäftigte er sich zudem mit den Fotosammlungen der Landesstelle für Alltags- und Regionalkultur in Staufen, einer Außenstelle des Badischen Landesmuseums. Seine ausgewählten historischen Aufnahmen aus Südwestdeutschland hinterfragen ebenfalls das Thema „Whiteness“.

Der Künstler Willem de Rooij widmet sich in einer kritischen Untersuchung dem komplexen Thema „Whiteness“. Dies bezeichnet den Zustand, in dem „weiße“ Kultur und weiße Menschen als gesellschaftliche Norm gelten und alles Abweichende als das Andere definiert wird. Der Begriff „Critical Whiteness“ kennzeichnet dieses Konstrukt als historisch gewachsen und macht die damit einhergehenden gesellschaftlichen Privilegien, Machtverhältnisse und Normen bewusst. De Rooij behandelt dieses Thema mit Bouquet IX, einem ausschließlich aus weißen Blumen bestehenden Strauß, sowie einer Arbeit aus der Serie der Weavings,

Die georgische Künstlerin Ketuta Alexi-Meskhishvili nähert sich mit ihrer fotografischen Arbeit einer spätmittelalterlichen Pietà nicht als Ganzes, sondern im Detail: einer Hand, einem Faltenwurf, der Rückseite der Skulptur. So stellt sie in den Mittelpunkt, was sonst keine Beachtung findet. Sie fokussiert den Körper Marias abseits seiner zugewiesenen Rolle, Leid und Gewalt abseits von Verklärung. Dass der Mantel der Pietà mit Tulpen bemalt ist, bildet eine unerwartete Brücke zu einer anderen Fotoserie von AlexiMeskhishvili mit diesem Motiv. In Georgien ist die Tulpe Symbol des Widerstands, der Trauer und der kollektiven Erinnerung.

[3] Edward Burne-Jones & William Morris, Wirkteppich, Der Pilger im Garten, Entwurf: London, vor 1896, Ausführung: Merton Abbey, London, 1901, Wolle, Baumwolle, Seide, gewirkt, gestickt, Badisches Landesmuseum, © Badisches Landesmuseum, Foto: Hannes Deters.


Ausstellung | Bloom up! | 81

[4]

Auch die weiteren Werke eröffnen neue Blickwinkel auf die Kulturgeschichte der Blume: darunter das Requiem des bedeutenden Avantgarde-Filmemachers Jonas Mekas, die Rauminstallation des in Puerto Rico lebenden Künstlerduos Allora & Calzadilla sowie die Fotoserie der amerikanischen Künstlerin Taryn Simon. Einen Höhepunkt der Ausstellung bildet eine großformatige, mit unterschiedlichen Blumenarten und Kronen bestickte Seidendecke. Das seltene Stück, das qualitativ außergewöhnlich gut erhalten ist, stammt angeblich aus dem Kloster Lichtental und wird erstmals öffentlich gezeigt. Im „Studio“ erleben die Besucherinnen und Besucher weitere Aspekte aus der Kulturgeschichte der Blume: Zu den hier präsentierten Sammlungsobjekten aus dem Badischen Landesmuseum zählen etwa antike Weihgeschenke mit Lotusblüten aus Zypern oder ein Diadem mit Myrten aus dem Besitz der Großherzogin Luise von Baden. Eine App erweitert darüber hinaus die Ausstellung in den digitalen Raum und bietet neben klassischen Audioguides vertiefende Einblicke: Studio Visits entführen in die Kunst-Ateliers und verraten mehr über den Entstehungsprozess der Werke. Die App bietet auch neue Möglichkeiten für das gemeinsame Erleben der Ausstellung: Im Gruppenmodus sorgen Spiele oder Abstimmungen für einen unterhaltsamen Austausch, und im Dating-Modus kann man nicht nur die Ausstellung, sondern auch sich gegenseitig besser kennenlernen. Ein umfangreiches Begleitprogramm umfasst Führungen, Diskussionsformate sowie kreative Werkstattangebote.#

[5]

Ausstellung Bis 10. Januar 2027 Bloom up! Die Sprache der Blumen

Kontakt Staatliche Kunsthalle Baden-Baden Lichtentaler Allee 8a, 76530 Baden-Baden www.bloomup-ausstellung.de

[4] Ketuta Alexi-Meskhishvili, Tulip Season for Henri Analog C-Print (AP II/II of an edition of Two + II AP), 2024, © Ketuta Alexi-Meskhishvili and LC Queisser Tbilisi, Cologne, Foto: George Kolbaia, © VG Bild-Kunst 2026 / Ketuta Alexi-Meskhishvili. [5] Belia Zanna Geetha Brückner, Hard to say I’m sorry (2024), fortlaufende Serie, Ausstellungsansicht, © VG Bild-Kunst 2026 / Belia Zanna Geetha Brückner.


82 | Ausstellung | Maurizio Cattelan

Mit Ironie und Provokation Maurizio Cattelan in der Neuen Nationalgalerie

[1]

Seit den frühen 1990er-Jahren zählt Maurizio Cattelan (*1960 in Padua) zu den prägenden Stimmen der internationalen Gegenwartskunst. Seine Arbeiten greifen vertraute Bilder auf, die tief im kollektiven Gedächtnis verankert sind, und verschieben deren Bedeutung durch minimale, oft irritierende Eingriffe. Dabei widmet sich Cattelan Themen, die gesellschaftlich, historisch oder emotional besonders aufgeladen sind: Religion, Kindheit, Autorität und generationsübergreifende kollektive Traumata. Mit einer Bildsprache, die zwischen Ironie, Provokation, Überzeichnung und formaler Reduktion oszilliert, hinterfragt er etablierte Narrative und eröffnet neue Perspektiven auf Erinnerung, Glauben und gesellschaftliche Machtstrukturen. Mit „NIGHT“ präsentiert die Neue Nationalgalerie Berlin die erste große Einzelausstellung des italienischen Künstlers in Deutschland. Die Ausstellung ist vom 10. September 2026 bis zum 7. März 2027 zu sehen und findet im Rahmen des Preises der Nationalgalerie 2026 statt, für den Maurizio Cattelan von einer internationalen Jury ausgewählt wurde. Mit „NIGHT“ kehrt Maurizio Cattelan also nach Berlin zurück – zwanzig Jahre, nachdem er die 4. Berlin Biennale mitkuratierte. Die Ausstellung vereint Schlüsselwerke wie Him (2001), Novecento (1997), La Rivoluzione Siamo Noi (2000) und das von Günter Grass’ „Die Blechtrommel“ inspirierte Untitled (2003) mit neuen Arbeiten. Gemeinsam verhandeln sie zentrale Motive in Cattelans Schaffen: die fragile Grenze zwischen Unschuld und Gewalt, die Konstruktion von Identität sowie die fortwährende Präsenz historischer Erinnerung. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht eine eigens für

[1] Maurizio Cattelan, 2026, © Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / Ivan Erofeev. [2] Him, 2001, Foto: Attilio Maranzano.


Ausstellung | Maurizio Cattelan | 83

die Neue Nationalgalerie entwickelte ortsspezifische Installation. Mit dieser neuen Auftragsarbeit greift Cattelan behutsam in die räumliche Ordnung des Hauses ein, verändert so die Art und Weise, wie das Gebäude genutzt und erlebt wird, und eröffnet neue Formen der Begegnung. Vertraute Ausstellungsformen treten zugunsten einer Präsentation zurück, die von Aufmerksamkeit, Reflexion und gemeinsamer Erfahrung geprägt ist. Dadurch verschieben sich die Beziehungen zwischen Werk, Publikum und Architektur. Die Neue Nationalgalerie bildet hierfür einen besonderen Resonanzraum. Ihre ikonische Architektur wird nicht nur zum Ausstellungsort, sondern selbst zum aktiven Bestandteil der Inszenierung und prägt maßgeblich die Wahrnehmung und Erfahrung der gezeigten Arbeiten. In Berlin präsentiert, entfaltet sich „NIGHT“ in einem deutschen Kontext, der von vielschichtigen historischen Erfahrungen und fortwährenden Prozessen des Erinnerns geprägt ist. Während gesellschaftliche Narrative über Generationen hinweg immer wieder neu befragt werden, tritt Cattelans Werk in ein Spannungsfeld ein, in dem Bilder, Symbole und Formen der Repräsentation weiterhin aktiv verhandelt werden. Die Ausstellung wurde in enger Zusammenarbeit mit Maurizio Cattelan, Kuratorin Lisa Botti und Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie, kuratiert. Klaus Biesenbach erklärt: „Als jemand, der in Deutschland geboren wurde und den Großteil seines Erwachsenenlebens im Ausland verbracht hat, hatte Maurizio Cattelans Werk für mich immer schon eine sehr deutsche Leseart. Him bezog sich für mich auch auf den Kniefall von Willy Brandt, Little Drummer Boy erinnerte mich an die Blechtrommel und natürlich war Joseph Beuys‘ Filzanzug eine meiner ersten Begegnungen mit der Kunstwelt, da ich nur wenige Kilometer von Beuys‘ Wirkungsstätte entfernt aufgewachsen bin. Nun werden wir Cattelans Werk in Berlin erleben – in jener Stadt, die in meiner Vorstellung auf seltsame Weise bereits der gedankliche Ursprung vieler dieser Werke war. Und selbst dieses Gebäude, der Mies-Bau, den viele als Tempel bezeichnen, wird nun als Kirche zu einem Teil und Gegenstand dieser Ausstellung.”#

[2]

Ausstellung 10. September 2026 bis 7. März 2027 Maurizio Cattelan. NIGHT. Preis der Nationalgalerie 2026

Kontakt Neue Nationalgalerie Potsdamer Straße 50, 10785 Berlin Tel. +49-(0)30-266424242 www.smb.museum


84 | Termine

Deutschland Baden-Baden

Museum Frieder Burda Lichtentaler Allee 8b, 76530 Baden-Baden Tel. +49-(0)7221-398980 www.museum-frieder-burda.de Bis 10. Januar 2027: Entfaltung der Farbe. Simon Hantaï.

Staatliche Kunsthalle Baden-Baden

Hermione von Preuschen, Mors Imperator (Detail), 1887, Privatbesitz, © Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie, Mika Wißkirchen Bis 15. November 2026 Skandal! Hermione von Preuschen und der Mors Imperator. Alte Nationalgalerie www.smb.museum

Lichtentaler Allee 8 A, 76530 Baden-Baden Tel. +49-(0)7221-30076400 www.kunsthalle-baden-baden.de Bis 10. Januar 2027: Bloom Up! Die Sprache der Blumen. Große Sonderausstellung des Landes Baden-Württemberg. Bis 10. Januar 2027: Ketuta Alexi-Meskhishvili. Curtain Commission #1. Berlin

Alte Nationalgalerie Bodestraße, 10178 Berlin Tel. +49-(0)30-266424242 www.smb.museum Bis 27. September 2026: Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus. Bis 15. November 2026: Skandal! Hermione von Preuschen und der Mors Imperator. Bis 13. Januar 2027: InterNationalgalerie 1. Nationalmuseum in Warschau. 22. Oktober 2026 bis 28. Februar 2027: Über Zeiten. Gursky, Lucas, Miró, Warhol und die Kunst des langen 19. Jahrhunderts.

Bode-Museum

Ausstellungsansicht „Many Shades of Grès“, Foto: Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker Bis 11. Oktober 2026 Many Shades of Grès. Mode wird Kunst Kulturforum www.smb.museum

Am Kupfergraben (Eingang über die Monbijoubrücke), 10117 Berlin Tel. +49-(0)30-266424242 www.smb.museum Bis 20. September 2026: Die Pazzi-Verschwörung. Macht, Gewalt und Kunst im Florenz der Renaissance. Bis 4. Oktober 2026: Fotografie erzählt Skulptur. Bis 4. Oktober 2026: Das Porträt der Bundeskanzlerin. Erstpräsentation des offiziellen Porträts von Bundeskanzlerin a.D. Angela Merkel.

Gemäldegalerie Matthäikirchplatz, 10785 Berlin Tel. +49-(0)30-266424242 www.smb.museum Bis 13. September 2026: Dorothy Iannone: The Berlin Beauties. Im Dialog mit Alejandra Pombo Su. 16. Oktober 2026 bis 14. März 2027: Porträts! Überraschende Begegnungen von Botticelli bis Lempicka.

Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart Invalidenstraße 50–51, 10557 Berlin Tel. +49-(0)30-266424242 www.smb.museum Bis 13. September 2026: Saâdane Afif. Five Preludes. Bis 13. September 2026: Giulia Andreani. Sabotage. Bis 3. Januar 2027: Shilpa Gupta. What Still Holds. Bis 10. Januar 2027: Chanel Commission: Lina Lapelyté. We Make Years Out of Hours. Bis 28. Februar 2027: [materialistin]. Matter of Care, Care of Matter. Bis auf Weiteres: Tausendmal Berlin. Die Sammlung der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart. 11. September 2026 bis 20. Juni 2027: Ryuichi Sakamoto. Seeing sound, hearing time. 13. November 2026 bis 4. April 2027: Sophie Calle. Is It Better?

Humboldt Forum Schloßplatz, 10178 Berlin Tel. +49-30-992118989 www.humboldtforum.org Bis 27. September 2026: On Water. WasserWissen in Berlin. Bis 9. November 2026: Verwandt sein: geteilte Sprache, geteiltes Wissen? Bis 30. November 2026: Geschichte(n) Tansanias. Bis 15. Februar 2027: Mirae kh Rhee Weiterreichen. Bis 8. März 2027: Restaurierung im Dialog. Bis 8. März 2027: Feliciano Lana. Die Geschichte der Weißen. Bis 31. März 2027: Fuga. Klangausstellung von Netta Weiser. Bis 31. Januar 2028: Time Machine Infinitum. Queeres migrantisches Berlin.

Kulturforum Matthäikirchplatz, 10785 Berlin Tel. +49-(0)30-266424242 www.smb.museum Bis 11. Oktober 2026: Many Shades of Grès. Mode wird Kunst. 27. November 2026 bis 29. März 2027: Bizarr! Die Geschichte des verrücktesten Wortes der Welt.


Termine | 85

Kupferstichkabinett Matthäikirchplatz, 10785 Berlin Tel. +49-(0)30-266424242 www.smb.museum 10. Oktober 2026 bis 31. Januar 2027: Rubens, Jordaens, van Dyck. Flämische Meisterzeichnungen.

Martin-Gropius-Bau Niederkirchnerstr. 7, 10963 Berlin Tel. +49-(0)30-25486-0 www.berlinerfestspiele.de Bis 6. Dezember 2026: Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen. 10. September 2026 bis 17. Januar 2027: Kreuzberg (WT).

Museum für Fotografie Jebensstraße 2, 10623 Berlin Tel. +49-(0)30-266424242 www.smb.museum Bis 4. Oktober 2026: Neue Frau. Neues Sehen. Die Bauhaus-Fotografinnen. Bis 15. November 2026: Helmut Newton’s One-off Album. Bis 15. November 2026: Rooms /Stages. Bis 31. Dezember 2027: Intermezzo. Revisiting Helmut Newton.

Neue Nationalgalerie Potsdamer Straße 50, 10785 Berlin Tel. +49-(0)30-266424242 www.smb.museum Bis 6. September 2026: Gilbert Baker. Rainbow Flag. Bis 11. Oktober 2026: Glenn Ligon: Double America. Bis 25. Oktober 2026: Fujiko Nakaya. Nebelskulptur im Skulpturengarten der Neuen Nationalgalerie. Bis 3. Januar 2027: Ruin und Rausch. Berlin 1910–1930. 10. September 2026 bis 7. März 2027: Maurizio Cattelan. NIGHT. Preis der Nationalgalerie 2026. Bis auf Weiteres: Gerhard Richter. 100 Werke für Berlin. Sammlung der Nationalgalerie 1945–2000. Bonn

Kunstmuseum Bonn Friedrich-Ebert-Allee 2, 53113 Bonn Tel. +49-(0)228-776260 www.kunstmuseum-bonn.de Bis 13. September 2026: Human AI Art Award 2026. Bis 19. September 2027: Menschen und Geschichten. Die Sammlung der Klassischen

Moderne – August Macke und die Rheinischen Expressionisten. Bis 11. Oktober 2026: #IFeelYou. Dimensionen der Empathie. Bis 1. November 2026: Aki Inomata. Mit-Werden. Bis 1. November 2026: Versammlung der Tiere. Ein kooperativer Malraum. Bis 25. Oktober 2026: 100 Jahre Gedok. Schenkungen an das Kunstmuseum. Bis 31. Dezember 2027: Zoom in. Hito Steyerl: Animal Spirits. Bis 11. Juni 2028: Kraftfelder. Neue Perspektiven aus der Sammlung. 8. November 2026 bis 16. Mai 2027: Herlinde Koelbl. Fadenkreuze für das Leben.

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland Museumsmeile Bonn Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn Tel. +49-(0)228-9171-0 www.bundeskunsthalle.de Bis 25. Oktober 2026: Sex Work. Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit. Bis 1. November 2026: Interactions 2026. 11. Oktober 2026 bis 2. Mai 2027: Nie wieder! Gegen das Vergessen der NS-Verbrechen.

Ausstellungsansicht „Interactions 2026“, Elmgreen & Dragset, Camouflaged, Fig. 8, VG Bild-Kunst, Bonn 2026 Foto: Sarah Larissa Heuser, 2026, © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland Bis 1. November 2026 Interactions 2026 Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland www.bundeskunsthalle.de

Museum August Macke Haus Hochstadenring 36, 53119 Bonn Tel. +49-(0)228- 655531 www.august-macke-haus.de 10. September 2026 bis 31. Januar 2027: Chunqing Huang: Reflections. Bremen

Kunsthalle Bremen Am Wall 207, 28195 Bremen Tel. +49-421-32908-0 www.kunsthalle-bremen.de Bis 4. Oktober 2026: Pauli-Preis 2026. Bis 8. November 2026: Mehr Frauen! Bremer Künstlerinnen auf Papier. 31. Oktober 2026 bis 28. März 2027: Der Dackel. Eine Ikone geht Gassi. Bis auf Weiteres: Remix. Photographie – Fiktion und Wahrheit.

Neues Museum Weserburg Bremen Teerhof 20, 28199 Bremen Tel. +49-(0)421-59839-0, www.weserburg.de Bis 4. Oktober 2026: Anys Reimann. Mirrorball. 12. September 2026 bis 29. August 2027: Edition S Press. Gedichte, die man hören muss. 14. November 2026 bis 28. März 2027: Better Together! Aase & Poul Gernes.

Anys Reimann, Strange Fruit, 2022, Courtesy the artist & Van Horn, Düsseldorf Bis 4. Oktober 2026 Anys Reimann. Mirrorball Neues Museum Weserburg Bremen www.weserburg.de


86 | Termine

Dresden

Staatliche Kunstsammlungen Dresden Dresdner Zwinger mit Semperbau Theaterplatz, 01067 Dresden Tel. +49-(0)351-49142000, www.skd.museum 19. September 2026 bis 10. Januar 2027: Correggio. Berührend menschlich.

Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Correggio, Madonna des heiligen Sebastian, um 1524 © Gemäldegalerie Alte Meister, SKD, Foto: Laura Princzess, Steffi Bodechtel, Jacob Franke 19. September 2026 bis 10. Januar 2027 Correggio. Berührend menschlich Staatliche Kunstsammlungen Dresden www.skd.museum

Residenzschloss, Taschenberg 2 01067 Dresden, Tel. +49-(0)351-49142000 www.skd.museum Bis 20. September 2026: Japan auf Papier in Dresden. Utamaro, Hokusai, Hiroshige und die Grafik der Moderne. Bis 3. Januar 2027: Auf ex! Willkommpokale im Grünen Gewölbe. 12. September 2026 bis 3. Januar 2027: Unbekanntes aus Italien. Zeichnungen des 16. Jahrhunderts neu erforscht.

Tzschirnerplatz 2, 01067 Dresden Tel.+49-(0)351-49142000 www.albertinum.skd.museum 31. Oktober 2026 bis 22. August 2027: Das große Drama. Auguste Rodin und der Streit um die Moderne.

Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K 20 Grabbeplatz 5, 40213 Düsseldorf Tel. +49-(0)211-8381130 www.kunstsammlung.de 12. September 2026 bis 24. Januar 2027: Franz Marc. Die Suche nach einer besseren Welt. Bis auf Weiteres: Raus ins Museum! Rein in Deine Sammlung. Meisterwerke von Etel Adnan bis Andy Warhol.

Bis 28. Februar 2027 Große Buchstaben, grelle Farben. Schrift als Kunst – Kunst als Schrift Kunsthalle in Emden www.kunsthalle-emden.de

Ehrenhof 4–5, 40479 Düsseldorf Tel. +49-(0)211-8996260 www.kunstpalast.de Bis 27. September 2026: Made in Düsseldorf #8. In Szene gesetzt. Bis 21. Februar 2027: Spot on. 100 Jahre GeSoLei. 10. September 2026 bis 7. Februar 2027: Niki de Saint Phalle. Dream Machine. 25. September 2026 bis 10. Januar 2027: Immendorff. 15. Oktober 2026 bis 7. Februar 2027: Winfred Gaul.

Stadtmuseum Düsseldorf Berger Allee 2, 40213 Düsseldorf Tel. +49-(0)211-8996170 www.duesseldorf.de/stadtmuseum 20. September 2026 bis 3.Januar 2027: 100 Jahre GeSoLei. Forschen, Entdecken, Verstehen. 1. bis 31. Oktober 2026: „Jede Zeichnung ist ein Triumph über die Unruhe der Welt“ (Maria Lassnig). Eine Multimedia-Ausstellung zu „100 Jahre GEDOK“.

Albertinum

Düsseldorf

Christian Thoelke, Wall, 2021, 2-teilig, Öl auf Leinwand, 250 x 360 cm, © Christian Thoelke. Foto: Nguyen Xuan Huy.

Kunstpalast

Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K 21 Ständehausstraße 1, 40217 Düsseldorf Tel. +49-(0)211-8381204 www.kunstsammlung.de Bis 27. September 2026: Jon Rafman. Main Stream Media. Bis 11. Oktober 2026: Holly Herndon & Mat Dryhurst. Starmirror. 14. November 2026 bis 11. April 2027: Thomas Schütte.

Duisburg

Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum Friedrich-Wilhelm-Straße 40 47049 Duisburg, Tel. +49-(0)203-2832630 www.lehmbruckmuseum.de Bis 18. Oktober 2026: Anish Kapoor. WilhelmLehmbruck-Preisträger der Stadt Duisburg und des Landschaftsverbandes Rheinland. Bis 13. Dezember 2026: Dejan Sarić. In Between.

Cubus Kunsthalle Duisburg Friedrich-Wilhelm-Straße 64 47051 Duisburg, Tel. +49-(0)203-26236 www.cubus-kunsthalle.de 23. Oktober bis 8. November 2026: Frau.Macht. Kunst. Jubiläumsausstellung. Emden

Kunsthalle in Emden Hinter dem Rahmen 13, 26721 Emden Tel. +49-(0)4921-97500 www.kunsthalle-emden.de Bis 28. Februar 2027: Große Buchstaben, grelle Farben. Schrift als Kunst – Kunst als Schrift. 3. Oktober 2026 bis 28.Februar 2027: Rebellinnen.


Termine | 87

Frankfurt

Städel Museum Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt Tel. +49-(0)69-6050980 www.staedelmuseum.de Bis 20. September 2026: Bruegel. Printed. Bis 17. Januar 2027: Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse. 17. September 2026 bis 17. Januar 2027: Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.

Liebieghaus Skulpturensammlung Schaumainkai 71, 60596 Frankfurt Tel. +49-(0)69-605098200, www.liebieghaus.de Bis 11. Oktober 2026: Tiere sind auch nur Menschen. Hagen

Emil Schumacher Museum Museumsplatz 1, 58095 Hagen Tel. +49-(0)2331–2073138, www.esmh.de Bis 1. November 2026: Emilio Vedova. Mehr als Bewegung um ihrer selbst willen. 13. September bis 6. Dezember 2026: Emil Schumacher. Indemini –„Der Erde näher als den Sternen“. 13. September 2026 bis 17. Januar 2027: Benedikt Hipp. Songs from the Orbs. Hamburg

Bucerius Kunst Forum Alter Wall 12, 20457 Hamburg Tel. +49-(0)40-3609960 www.buceriuskunstforum.de 11. September 2026 bis 29. März 2027: Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler*innen in Deutschland.

Deichtorhallen Hamburg Deichtorstraße 1–2, 20095 Hamburg Tel. +49-(0)40-23103-200 www.deichtorhallen.de Bis 13. September 2026: Inner Mornings, or Forms of Counterculture (Sammlung Falckenberg). Bis 22. September 2026: Alliance, Infinity, Love – In the Face of the Other. 9. Triennale der Photographie Hamburg. Bis 22. September 2026: Cocktail Prolongé: F.C. Gundlach Special. Bis 1. November 2026: Abdulhamid Kircher – Rotting from Within (Phoxxi). Bis 1. November 2026: Akosua

Viktoria Adu-Sanyah – Residual Sky under Contamination (Phoxxi). 10. Oktober 2026 bis 4. April 2027: Joyce Pensato. 30. Oktober 2026 bis 29. März 2027: Hito Steyerl.

Hamburger Kunsthalle Glockengießerwall, 20095 Hamburg Tel. +49-(0)40-428131-200 www.hamburger-kunsthalle.de Bis 4. Oktober 2026: Aber ich | Die Welt | Ich sehe | Dich*. Bis 11. Oktober 2026: Isa Mona Lisa. Bis 14. November 2027: Impressionismus. Deutsch-Französische Begegnungen. Bis 10. Januar 2027: Carrie Yamaoka. Maria Lassnig Preis. Bis 11. April 2027: Skulptural. Die neuen Galerien. 4. September 2026 bis 30. Mai 2027: This is the modern world. Durchbrüche in der Kunst 1900–1960. 9. Oktober 2026 bis 21. Februar 2027: David Novros. Painting.

Ausstellungsansicht „Bruegel. Printed“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz Bis 20. September 2026 Bruegel. Printed Städel Museum www.staedelmuseum.de

Köln

Museum Ludwig Heinrich-Böll-Platz, 50667 Köln Tel. +49-(0)221-221-26165 www.museum-ludwig.de Bis 11. Oktober 2026: Sammlung Fotografie: Zweimal Deutschland um 1980. Bis 8. November 2026: Hier und Jetzt im Museum Ludwig. De/Collecting Memories from Turtle Island. Bis Juli 2028: Schultze Projects #5. Jana Euler. 3. Oktober 2026 bis 7. März 2027: Along the Color Line. Spuren einer transatlantischen Moderne. 31. Oktober 2026 bis 4. April 2027: Man Ray: Kiki. München

Alte Pinakothek Barer Straße 27, 80333 München Tel. +49-(0)89-23805216, www.pinakothek.de Bis 4. Oktober 2026: Stolzer Strauß und wütender Tiger. Tierbronzen des 19. Jahrhunderts. Bis 31. Dezember 2026: Von Turner bis van Gogh. Meisterwerke der Neuen Pinakothek in der Alten Pinakothek. 29. September 2026 bis 31. Januar 2027: Das „Schlaraffenland“ von Pieter Bruegel d.Ä. und seine Erwerbsgeschichte. Ein Beispiel jüdischen Mäzenatentums zu Beginn des. 20. Jahrhundert. 13. Oktober 2026 bis 31. Januar 2027: Menschenbilder. Porträt- und Genrefotografie aus der Sammlung Dietmar Siegert.

Ausstellungsansicht „Tiere sind auch nur Menschen. Skulpturen von August Gaul“ Foto: Liebieghaus Skulpturensammlung – Norbert Miguletz Liebieghaus. Bis 11. Oktober 2026 Tiere sind auch nur Menschen Liebieghaus Skulpturensammlung www.liebieghaus.de


88 | Termine

Haus der Kunst

Käte Hoch, Bildnis Dr. E. MüllerKamp, 1929, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München. Bis 27. September 2026 Ein Ferngespräch. Szenen aus der Weimarer Republik Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München www.lenbachhaus.de

Prinzregentenstraße 1, 80538 München Tel. +49-(0)89-21127113 www.hausderkunst.de Bis 7. Dezember 2026: Steina: Playback. Bis 31. Dezember 2026: Ausstellung der Ausstellungen. Bis 7. Februar 2027: Tao Schirrmachers Sammlung. Eisbach Treasures. Bis 7. Februar 2027: Maria VMier. I follow the wind through the stone. 17. Juli 2026 bis 7. Februar 2027: Tomás Saraceno. Verwobene Welten. 4. September bis 14. September 2026: TUNE Installation. Florian Hecker. FAVN. 5. September bis 19. September 2026: Memory Gap – Potentiale archivalischer Praxen in der Gegenwartskunst.

Pinakothek der Moderne Barer Straße 40, 80333 München Tel. +49-(0)89-23805-360 www.pinakothek.de Bis 8. November 2026: Georg Baselitz (1938– 2026). Werke der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Bis 29. August 2027: Between & Beyond. Zwischenräume und Übergänge. Kunst und Raum seit 1960. 9. Oktober 2026 bis 21. Februar 2027: Die Nacht berührt die Erde. Fritz Winters Kosmos der 1930er- und 1940er-Jahre. 9. Oktober bis 31. Dezember 2026: Can You Imagine? | Part II & III.

Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

Paul Signac, Segel und Pinien, 1896, Öl auf Leinwand, 81 x 52 cm Privatsammlung

Luisenstraße 33, 80333 München Tel.+49-(0)89-23396933, www.lenbachhaus.de Bis 5. September 2027: Über die Welt hinaus. Der Blaue Reiter. Bis 20. September 2026: Jeppe Hein. Space in Action / Action In Space. Bis 27. September 2026: Ein Ferngespräch. Szenen aus der Weimarer Republik. Bis 31. Januar 2027: Shifting the Silence. Die Stille verschieben. Gegenwartskunst im Lenbachhaus. Bis Frühjahr 2027: Was zu verschwinden droht, wird Bild. Mensch – Natur – Kunst. 27. Oktober 2026 bis 25. April 2027: Maria Jarema. Potsdam

Bis 11. Oktober 2026 Symphonie der Farben. Paul Signac und der Neoimpressionismus Museum Barberini www.museum-barberini.de

Museum Barberini Alter Markt, Humboldtstraße 5–6 14467 Potsdam, Tel. +49-(0)331-236014-499 www.museum-barberini.de Bis 11. Oktober 2026: Symphonie der Farben.

Paul Signac und der Neoimpressionismus. 7. November 2026 bis 21. Februar 2027: Die Impressionisten. Monet, Morisot, Renoir und ihr Netzwerk. Stuttgart

Staatsgalerie Stuttgart Konrad-Adenauer-Straße 30–32 70173 Stuttgart, Tel. +49-(0)711-47040-0 www.staatsgalerie.de 13. September 2026: Unordnung. Fotosommer Stuttgart 2026. 10. Oktober 2026 bis 31. Januar 2027: Bäng! Radikale Künstlerinnen aus dem Archiv Sohm. Weil am Rhein

Vitra Design Museum Charles-Eames-Str. 1, 79576 Weil am Rhein Tel. +49-(0)7621-7023200 www.design-museum.de Bis 9. Mai 2027: Verner Panton. Form, Farbe, Raum. 26. September 2026 bis 28. Februar 2027: Geoffrey Bawa. Architektur für die Sinne. Wiesbaden

Museum Reinhard Ernst Wilhelmstraße 1, 65185 Wiesbaden Tel. +49-(0)611-76388880, www.museum-re.de Bis 25. Oktober 2026: Wolfgang Hollegha. Denk nicht, schau! 15. November 2026 bis 11. April 2027: Judit Regie. Couleur vivante.

Frankreich Paris

Musée d’Art Moderne de Paris 11 Avenue du Président Wilson, 75116 Paris Tel. +33-1-53674000, www.mam.paris.fr Bis 4. Januar 2027: Daniel Dezeuze. Bis 4. Januar 2027: Stéphane Bordarier. Bis 4. Januar 2027: Mariella Simoni. Bis 4. Januar 2027: Jean-François Bauret. 18. September 2026 bis 24. Januar 2027: Kerry James Marshall. The Histories*. 18. September 2026 bis 24. Januar 2027: Simone Fattal. Cities at the bottom of a lake. 2. Oktober 2026 bis 7. Februar 2027: Marcel Duchamp Prize 2026.


Termine | 89

Musée du Louvre

Albertina Modern

Rue de Rivoli, 75001 Paris Tel. +33-(0)1-40205050, www.louvre.fr Bis 31. Dezember 2026: Affinities. Islamic Art Wonders in the Department of Decorative Arts. Bis 11. Januar 2027: Michel Lacoste’s Donation to the Musée du Louvre. Bis 15. März 2027: Primeval Waters. Lessons from Mesopotamia. 7. Oktober 2026 bis 25. Januar 2027: Zurbarán. 7. Oktober 2026 bis 25. Januar 2027: Sculpting Colour. Masterpieces from the Museo Nacional de Escultura, Valladolid. 4. November 2026 bis 3. Mai 2027: Louvre Photo.

Karlsplatz 5, 1010 Wien Tel. +43-(0)1-534830, www.albertina.at Bis 27. September 2026: KAWS. Art & Comics. Bis 8. November 2026: Vasarely – Adrian. Dynamische Raster. 6. November 2026 bis 29. März 2027: Franz West.

Musée de l’Orangerie Jardin des Tuileries, Place de la Concorde 75001 Paris, Tel. +33-(0)1-44504300 www.musee-orangerie.fr 30. September 2026 bis 25. Januar 2027: Monet, painting time. 30. September 2026 bis 15. Februar 2027: Vija Celmins.

Österreich Bregenz

Kunsthaus Bregenz Karl-Tizian-Platz, 6900 Bregenz Tel. +43-(0)5574-485-94-0 www.kunsthaus-bregenz.at Bis 4. Oktober 2026: Cyprien Gaillard. When you expect flutes, it whistles. 17. Oktober 2026 bis 26. Januar 2027: Torkwase Dyson. Wien

Albertina Albertinaplatz 1, A–1010 Wien Tel. +43-(0)1-53483-0, www.albertina.at Bis 20. September 2026: Helga Philipp. Bewegungsräume. Bis 11. Oktober 2026: Sammeln für die Zukunft. 250 Jahre Albertina. Bis 26. Oktober 2026: Die Welt im Fokus. Bis 10. Januar 2027: Otto meets Albertina. 18. September 2026 bis 31. Januar 2027: Picasso – Bacon. What It Feels Like to Be Human. 9. Oktober 2026 bis 28. Februar 2027: Shara Hughes. 30. Oktober 2026 bis 14. Februar 2027: Künstlerinnen der Albertina.

MUMOK – Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, MuseumsQuartier, Museumsplatz 1, A-1070 Wien Tel. +43-(0)1-525 00, www.mumok.at Bis 1. November 2026: Tolia Astakhishvili. Figure of the Child. Bis 7. Februar 2027: Terminal Piece. 14. November 2026 bis 4. April 2027: Cameron Rowland.

Kunsthistorisches Museum Wien Maria-Theresien-Platz, 1010 Wien Tel. +43-(0)1-52524-0, www.khm.at Bis 6. September 2026: Canaletto & Bellotto. Bis 6. September 2026: Kopf & Kragen. Münzen machen Mode. Bis 20. September 2026: My Story – Antike Frauenporträts und ihr Nachleben. 20. Oktober 2026 bis 29. März 2027: Tatort Ephesos. Kleopatra und Rom.

Ausstellungsansicht Kunsthaus Bregenz, 2026 „Cyprien Gaillard, When you expect flutes, it’s whistle’s“, Visitant (no dancing 2020–2021), 2021, Foto: Timo Ohler, © Cyprien Gaillard, Kunsthaus Bregenz, Courtesy of the artist, Berlin Atonal, Sprüth Magers, Gladstone Gallery. Bis 4. Oktober 2026 Cyprien Gaillard. When you expect flutes, it whistles Kunsthaus Bregenz www.kunsthaus-bregenz.at

Wien Museum Karlsplatz 8, 1040 Wien Tel. +43-1505-874745173 www.wienmuseum.at Bis 27. September 2026: Schiele & Peschka. Eine Familienaufstellung. Bis 27. September 2026: Arena Wien. Jedenfalls ist es Liebe! 6. November 2026 bis 2. Mai 2027: Franz West und Wien.

Schweiz Basel

Kunsthalle Basel Steinenberg 7, 4051 Basel Tel +41-(0)61-2069900 www.kunsthallebasel.ch Bis 13. September 2026: Shuang Li. Alliance. Bis 15. November 2026: Light and Airy. Gili Tal. 13. September 2026 bis 15. August 2027: Samuel Guerrero. 30. Oktober 2026 bis 24. Januar 2027: Rock Bottom. Özgür Kar.

Joyce Pensato, Donald, 1997, 229 × 183 cm, Lackfarbe auf Leinen, Privatsammlung, Europa © Joyce Pensato Foundation Courtesy Petzel, New York, Foto: Jason Mandella Bis 27. September 2026 KAWS. Art & Comics Albertina Modern www.albertina.at


90 | Termine

Kunstmuseum Basel

Cao Fei, Asia One 01, 2018 Inkjet print on paper, Aluminum plastic plate mounting, 90 x 135 cm, Courtesy Sprüth Magers. Bis 11. Oktober 2026 Cao Fei. Testimonies to the Near Future Kunstmuseum Basel www.kunstmuseumbasel.ch

St. Alban-Graben 16, 4010 Basel Tel. +41-(0)61-2066262 www.kunstmuseumbasel.ch Bis 11. Oktober 2026: Cao Fei. Testimonies to the Near Future. Bis 7. Februar 2027: Freundschaft, Sammeln, Kunstsinn. Karl und Marianne Im Obersteg. Bis 14. März 2027: Roy Lichtenstein. Sweet Dreams, Baby! 19. September 2026 bis 7. Februar 2027: Van Gogh, Hodler und ein Cabriolet. Die Sammlerin und Pionierin Gertrud Dübi-Müller. Basel/Riehen

Fondation Beyeler Baselstrasse 101, 4125 Riehen/Basel Tel. +41-(0)61-6459700 www.fondationbeyeler.ch Bis 13. September 2026: Pierre Huyghe. 18. Oktober 2026 bis 10. Januar 2027: Ruth Asawa. Zürich

Kunsthaus Zürich Heimplatz 1, 8001 Zürich Tel. +41-(0)44-2538484, www.kunsthaus.ch Bis 4. Oktober 2026: Wolfgang Laib und die Sammlung des Kunsthaus Zürich. Bis 25. Oktober 2026: Vilhelm Hammershøi. Maler des stillen Klangs. Bis 31. Dezember 2026: Wu Tsang. „La montaña invertida“. Bis Ende Januar 2027: Refik Anadol „Glacier Dreams“. Sowie Ellsworth Kelly und Alexander Calder.

Museum für Gestaltung Zürich Ausstellung „Christoph Hefti – The Missing Cat und andere textile Storys“ im Museum für Gestaltung Zürich, Foto: Umberto Romito & Ivan Šuta, Museum für Gestaltung Zürich/ZHdK. Bis 3. Januar 2027 Christoph Hefti – The Missing Cat und andere textile Stories Museum für Gestaltung Zürich www.museum-gestaltung.ch

Ausstellungsstrasse 60, 8005 Zürich Tel. +41-43-4466767 www.museum-gestaltung.ch Bis 20. September 2026: Pling! Design hören. Bis 29. November 2026: Bauen für die Macht. Bis 3. Januar 2027: Christoph Hefti – The Missing Cat und andere textile Stories. 3. September 2026 bis 21. Februar 2027: Avantgarde – Grafikdesign im Aufbruch.

Spanien Madrid

Museo Nacional del Prado Calle Ruiz de Alarcón, 23, 28014 Madrid Tel. +34-(0)91-3302800 www.museodelprado.es Bis 13. September 2026: The Famine Painting. Bis 20. September 2026: In the Italian Manner. Spain and the Mediterranean Gothic, 1320– 1420. Bis 20. September 2026: The Council of State and the Museo del Prado. Bis 27. September 2026: Prado. 21st Century. Bis 4. Oktober 2026: Valerian D. Bécquer (1834–1870): The Genre Paintings. 13. Oktober 2026 bis 17. Januar 2027: Ricardo de Madrazo (1852–1917): Dibujos y acuarelas. 26. Oktober 2026 bis 21. Februar 2027: La ingeniería en el Prado, un puente entra el arte y la técnica.

Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia Calle Santa Isabel, 52, 28012 Madrid Tel. +34-(0)91-7741000 www.museoreinasofia.es Bis 22. September 2026: History doesn’t repeat itself, but it rhymes. Dumi Feni: African Guernica. Bis 9. Oktober 2026: Milk, Snow, Tear, Hand. Blanca Sánchez’ know-how. Bis 12. Oktober 2026: Felix Gonzalez-Torres. Sweet Revenge. Bis 1. Januar 2027: Andrea Canepa. Bale. Bis 8. März 2027: Fernando Sánchez Castillo. The Pilgrim Pearl.

Museo Thyssen-Bornemisza Palacio de Villahermosa Paseo del Prado 8, 28014 Madrid Tel. +34-(0)91-690151, www.museothyssen.org Bis 6. September 2026: Ewa Juszkiewicz. Bis 13. September 2026: Rubens. The Restoration of Venus and Cupid. Bis 27. September 2026: Carmen Laffón. Variations. 29. September 2026 bis 17. Januar 2027: Kenny Scharf. 6. Oktober 2026 bis 17. Januar 2027: Seba Calfuqueo. Cautín. 9. Oktober 2026 bis 10. Januar 2027: Mauritshuis Thyssen-Bornemisza. Masterpieces from The Hague. 20. Oktober bis 24. Januar 2027: The Freudian Universe of Dalí.

Die Angaben beruhen auf den Informationen der Aussteller. Änderungen nach Redaktionsschluss vorbehalten.


Abonnement | 91

Kunst+Material auch im Abonnement! Kunst+Material erscheint zweimonatlich in einer Auflage von 30.000 Exemplaren und bietet Einblicke in Ateliers und Arbeitsweisen von porträtierten Künstler*innen, stellt interessante Inhalte im Sonderthema vor, präsentiert aktuelle Ausstellungen und gibt neben News aus der Kunstwelt viele spannende Buchempfehlungen an die Hand. Neu und exklusiv gibt es inspirierende Bildstrecken zu Materialien und künstlerischen Techniken. Hintergrundstories aus der Feder von Expert*innen informieren über die unterschiedlichsten Materialien und ihre Geschichte, und auch Künstlerinnen und Künstler selbst kommen zu Wort und stellen ihr Lieblingsmaterial vor.#

Bestellungen boesner GmbH holding + innovations „Kunst+Material“ – Abonnement Gewerkenstraße 2, D-58456 Witten oder abo@kunst-und-material.de Fax +49-(0)2302-97311-33

Bestellungen aus der Schweiz boesner GmbH Surenmattstrasse 31, CH-5035 Unterentfelden oder marketing@boesner.ch

Abonnement [ ] Ja, ich bestelle das Kunst+Material-Abonnement mit jährlich sechs Ausgaben zum Abo-Preis inkl. Versand von 49,50 EUR bzw. 49,50 CHF (Schweiz). Das Abonnement verlängert sich automatisch um ein Jahr, wenn es nicht mit einer Frist von sechs Wochen zum Ende des Bezugsjahres gekündigt wird.

[ ] Ja, ich bestelle das Probe-Abonnement und beziehe die nächsten drei Ausgaben von Kunst+Material zum einmaligen Kennenlern-Preis von 14,50 EUR bzw. 14,50 CHF (Schweiz). Danach bekomme ich Kunst+Material bequem nach Hause – zum Jahresbezugspreis von 49,50 EUR/CHF für sechs Ausgaben. Dazu brauche ich nichts weiter zu veranlassen. Wenn ich Kunst+Material nicht weiterlesen möchte, kündige ich das Probe-Abo schriftlich bis spätestens eine Woche nach Erhalt des 2. Heftes. Dieses Angebot gilt in Deutschland und der Schweiz.

Rechnungsadresse

Lieferadresse (falls abweichend)

Vorname

Vorname

Nachname

Nachname

Straße

Straße

PLZ, Ort

PLZ, Ort

Land

Land

Telefon

Telefon

E-Mail

E-Mail

Widerrufsrecht: Diese Vertragserklärung kann innerhalb von zwei Wochen ohne Angabe von Gründen in Textform (z.B. Brief, Fax, E-Mail) schriftlich gekündigt werden. Zur Wahrung der Frist genügt die rechtzeitige Absendung des Widerrufs. Der Widerruf ist an die jeweilige Bestelladresse zu richten.

7

Datum, rechtsverbindliche Unterschrift


92 | Kurz notiert

© Les Films Velvet, Baxter Films

Der Klang der Stradivari

Skin & Canvas

Astrid steht kurz davor, Musikgeschichte zu schreiben und den Traum ihres verstorbenen Vaters zu erfüllen: vier weltberühmte Stradivari zum ersten Mal für ein Konzert zu vereinen. Doch die Harmonie endet bei den kostbaren Instrumenten. Denn die für das Projekt engagierten Solisten Lise, George, Peter und Apolline beherrschen zwar virtuos ihre Saiten, aber nicht ihre Emotionen. Während der Proben in einem abgeschiedenen Chateau prallen Eitelkeiten, alte Rivalitäten und künstlerische Differenzen aufeinander. Um das Jahrhundertprojekt vor dem Scheitern zu retten, bittet Astrid den exzentrischen Komponisten Charlie Beaumont um Hilfe. Nun liegt es an ihm, aus vier Einzelkämpfern ein Quartett zu formen und den unvergleichlichen Klang der Stradivari zum Leben zu erwecken.

Was passiert, wenn eine klassische Kunstausstellung auf die Welt der Tätowierkunst trifft? Die Antwort gibt „Skin & Canvas“ am 19. September 2026 von 10.00 bis 18.00 Uhr im Schloss Untergröningen. Der Verein KISS – Kunst im Schloss Untergröningen e.V. veranstaltet hier eine besondere Verbindung aus Tattoo-Event und Kunstausstellung. Der Name ist dabei Programm: „Skin“ steht für die Haut als künstlerische Ausdrucksfläche, „Canvas“ für Leinwand und die klassische Welt der bildenden Kunst. Im Mittelpunkt des Events stehen die Künstler selbst, ihre Handschrift und die unterschiedlichen Materialien, auf denen sie arbeiten. Alle der rund 30 eingeladenen Tätowierer sind auch auf Leinwand, Papier, Holz oder in anderen künstlerischen Medien tätig. Bei „Skin & Canvas“ bekommen diese verschiedenen Ausdrucksformen denselben Raum – so wird aus der Tattoo-Convention eine Cross-over-Ausstellung. Die Haut wird zur Leinwand, die Leinwand erzählt dieselbe künstlerische Geschichte und das Schloss Untergröningen wird zum gemeinsamen Ausstellungsraum für beides.#

In seinem neuesten Spielfilm „Der Klang der Stradivari“ inszenierte Grégroy Magne echte Musiker, die an der Seite von Valérie Donzelli (Astrid) und Frédéric Pierrot (Charlie Beaumont) die Mitglieder eines Streichquartetts verkörpern, deren Egos sich nur schwer in Einklang bringen lassen – eine feingeistige Komödie über die Kunst des Zusammenspiels auf der Bühne wie im Leben. Komponist Grégoire Hetzel schuf eine Partitur eigens für den Film: „Man weiß, dass ein mittelmäßiger Geiger aus einer Stradivari nichts herausholen wird und dass ein virtuoser Geiger selbst ein schlechtes Instrument großartig klingen lassen kann“, sagt er. „Was den Klang eines Streichquartetts angeht, so ist das wieder etwas ganz anderes. Es ist ein Ensembleklang, eine Symbiose, die es zu finden gilt, der Klang eines einzigen Instruments, das aus vier Stimmen besteht – ein Balanceakt aus Bescheidenheit und Selbstbewusstsein.“ „Der Klang der Stradivari“ bietet ein Fest für die Sinne und eine Einladung, die Magie dieser einzigartigen Instrumente im Kino zu erleben.#

Jetzt im Kino! https://weltkino.de/filme/der-klang-der-stradivari

www.kiss-untergroeningen.de

Der kurze Weg zur Kunst www.instagram.com/ boesner_deutschland/ www.facebook.com/ boesner/

www.boesner.com/ kunstportal 32 x in Deutschland und 1 x Versandservice 4 x in Österreich 4 x in der Schweiz 5 x in Frankreich


Kurz notiert | 93

Fadenkreuze für das Leben Das Kunstmuseum Bonn präsentiert ab 8. November 2026 erstmals die neueste Werkserie der international berühmten Künstlerin Herlinde Koelbl (*1939). Die eindringliche Ausstellung umfasst Porträts und Gesprächsaufzeichnungen von über 40 an Krebs erkrankten Menschen: Mit ihren Arbeiten bricht Koelbl gesellschaftliche Tabus und rückt eine Volkskrankheit in den Fokus der künstlerischen Auseinandersetzung. Koelbl erkrankte 2019/2020 selbst an Krebs und musste sich Chemotherapie, Operationen und Bestrahlungen unterziehen. Besonders das auf ihren Körper gezeichnete Fadenkreuz der Strahlentherapie beschäftigte sie sehr. In der Folge suchte sie Patientinnen und Patienten, die Ähnliches erlebt hatten. Sie führte Gespräche mit den Betroffenen und fotografierte deren Markungen – sogenannte Radiotherapie-Fadenkreuze, die Ärzten zur präzisen Ausrichtung der Bestrahlung dienen und somit Leben retten. „Als ich selbst diese Markierungen bekam, erinnerte mich das an mein zuvor abgeschlossenes Fotoprojekt ‚Targets‘ beim Militär, für das ich in fast 30 Ländern Schießziele und Fadenkreuze fotografiert hatte“, so die Fotografin, Dokumentarfilmerin und renommierte Vertreterin der zeitgenössische Fotografie in Deutschland. „Dort dienten sie dem Töten, in meinem Fall dienten sie dem Überleben. Diese starke Ambivalenz ließ micht micht los und wurde zum Ausgangspunkt meiner künstlerischen Auseinandersetzung.“#

Herlinde Koelbl, Fadenkreuze für das Leben, 2025, © Herlinde Koelbl.

Die Ausstellung „Fadenkreuze für das Leben“ im Kunstmuseum Bonn ist bis zum 16. Mai 2027 zu sehen. Begleitend erscheint eine Katalogpublikation im Herder Verlag.

www.kunstmuseum-bonn.de

Fachgerecht Ordnung ist mehr als eine Frage der Disziplin. Im Atelier entscheidet sie oft darüber, ob der richtige Pastellton, der passende Stift oder die benötigte Kreide im entscheidenden Moment zur Hand ist. Der Schubladenkasten aus massiver Buche schafft eine klare und platzsparende Struktur für die fachgerechte Aufbewahrung. In übersichtlich gegliederten Fächern findet Zeichenzubehör seinen festen Platz und bleibt geschützt sowie sofort auffindbar. Mit zwei oder drei Schubladen erhältlich und beliebig stapelbar, wächst das System von boesner mit den Anforderungen des künstlerischen Arbeitens.#


94 | Im Gespräch

Marcel fragt Anna

Valentin Louis Georges Eugène Marcel Proust (1871–1922), französischer Schriftsteller, Kritiker und Intellektueller, fragt Anna Belén (*1997), Künstlerin aus Hamburg

Streng genommen fragt hier gar nicht Marcel Proust selbst – vielmehr hat der berühmte Schriftsteller, dessen Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ als einer der größten Romane der Weltliteratur gilt, dem berühmt gewordenen Fragebogen seinen Namen gegeben. Proust hat einen solchen Fragebogen wohl mindestens zweimal selbst beantwortet – um die Wende zum 20. Jahrhundert galt das Ausfüllen als beliebtes Gesellschaftsspiel in gehobenen Kreisen. Der erste Bogen, ausgefüllt vom heranwachsenden Proust während eines Festes, wurde posthum 1924 veröffentlicht. Den zweiten Fragebogen betitelte Proust mit „Marcel Proust par lui-même“ („Marcel Proust über sich selbst“). Die ursprünglich 33 Fragen wurden für Kunst+Material auf 29 reduziert – und bieten spannende und nachdenkliche Einblicke in die Gedankenund Gefühlswelt unserer Befragten.

Wo möchten Sie leben? Es ist für mich noch offen, ob ich überhaupt einen festen Wohnsitz haben möchte und hängt von Lebensentscheidungen ab. Ich empfinde Freude in der Freiheit, mich nicht festzulegen. Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück? Vollkommenes Glück ist für mich die Abwesenheit von Unglück. Ich denke, Glück ist der Urzustand des Menschen, von dem man sich durch verschiedene Lebensumstände nur manchmal wegbewegt. Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten? Philosophisches oder surreales Denken wird von vielen als fehlerhaft, naiv oder verrückt angesehen. Das sind Fehler, die ich inspirierend finde. Was ist für Sie das größte Unglück? Sich eingesperrt fühlen. Ihre liebsten Romanhelden? Ich mag Charaktere, die Authentizität, innere Stärke und Verletzlichkeit verkörpern. Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte? Michel de Montaigne. Ihr Lieblings-

maler? Marlene Dumas. Ihr Lieblingsautor? Clarice Lispector. Ihr Lieblingskomponist? Das ändert sich auch ständig. Ich halte Schoenberg für relevant. Er kann Komplexität und emotionale Intensität ausdrücken. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Menschen am meisten? Authentizität, Wärme, Ehrlichkeit. Ihre Lieblingstugend? Trust the process. Ihre Lieblingsbeschäftigung? Malen und der Prozess des Schaffens / Erfindens. Wer oder was hätten Sie gern sein mögen? Ich bin ganz zufrieden, Künstlerin zu sein, aber auch wahnsinnig genug um zu glauben, dass ich zu jeder Zeit alles sein kann. Ihr Hauptcharakterzug? Ich würde mich gern als resonanzfähig sehen. Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten? Resonanz, gemeinsame Lebenserfahrungen und echte Verbindung. Ich habe sehr unterschiedliche Freunde, sowohl in ihren Lebensumständen als auch in ihren Stärken und Schwächen. Ich mag es, wenn die gemeinsame Zeit zu inneren Erkenntnissen führt, wenn beide Seiten sich danach aufgeladen fühlen und man an einem Tisch sitzt, an dem jeder Lust auf das Leben hat und seine eigenen verrückten Projekte umsetzt. Ich habe wirklich großartige Freunde, auf die ich mich immer verlassen kann, bei denen ich eine tiefe Verbundenheit spüre und die mich schon viele Jahre begleiten. Dennoch ist man als Künstlerin oft einsam, auch weil man es selbst wählt, um wirklich in den Schaffensprozess zu kommen. Meine guten Freunde wissen das bei mir und sind nicht böse, wenn ich mich mal längere Zeit nicht melde. So angenommen zu werden, schätze ich sehr. Ihr größter Fehler? Ich verliebe mich mehr in den Prozess als in das Ergebnis. Ihr Traum vom Glück? Eine klare Vision und die Kraft, sie umzusetzen. Eine enge Verbundenheit zu Gott. Ihre Lieblingsfarbe? Das tiefe Blau in einem klaren Himmel, kurz bevor er schwarz wird, der kurze Moment zwischen Tag und Nacht. Ihre Lieblingsblume? Im Juni liebe ich Pfingstrosen, Vergissmeinnicht erinnern mich an Sommertage im Garten und Hortensien habe ich gern in meinem Zuhause. Ihr Lieblingsvogel? Möwen erinnern mich an meine Heimat und an das Buch „Die Möwe Jonathan“. Ihre Helden der Wirklichkeit? Viktor Frankl. Ihre Lieblingsnamen? Karla – nach meiner Großmutter. Was verabscheuen Sie am meisten? Illoyalität. Welche geschichtlichen Gestalten verabscheuen Sie am meisten? Heinrich Kramer. Welche Reform bewundern Sie am meisten? Die von Otto von Bismarck eingeführte Sozialversicherung, Renten- und Krankenversicherung. Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen? Ich würde gern leicht Sprachen lernen können. Wie möchten Sie gern sterben? Auf einem Segelboot allein den Atlantik überquerend in einem starken Sturm. Ihre gegenwärtige Geistesverfassung? Ich bin zufrieden. Ihr Motto? Alles was ich erschaffe, erschafft mich zurück.


Im Gespräch | 95

Wer’s weiß, gewinnt! Gewebe mit großem Muster

Metall-, Steinschneider

glänzend, hervorragend

französischer Maler (Maurice)

Comicfigur v. Scott Adams

französischer Maler (Auguste)

3

4

österr. Maler (Rafael von)

9 Künstlerbedarf

2

8

anmutig, zierlich

Schmuck, Verzierung

1. Preis boesner-Einkaufsgutschein im Wert von 250 Euro

1

2. Preis boesner-Einkaufsgutschein im Wert von 50 Euro 6

3. Preis Ein Puzzle „Die Geschichte berühmter Kunst“ siehe S. 56–57.

5

So nehmen Sie teil: Bitte senden Sie das Lösungswort per E-Mail an: raetsel.zeitung@boesner.com oder per Postkarte an: boesner holding GmbH holding + innovations, Gewerkenstr. 2, 58456 Witten. Einsendeschluss ist der 31. Oktober 2026. 1

2

3

4

5

6

7

8

9

Mitarbeiter von boesner sind von der Teilnahme ausgeschlossen. Bei mehreren richtigen Einsendungen entscheidet das Los, der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Keine Barauszahlung möglich. Die Lösung finden Sie in der nächsten Ausgabe.

A S E C P I S S A R R O GO Y A H R I E T A R C H I T E K T U R L O O O S T I A D AMS A SMU S S E N I E O C S T E R N E N N A C H T E © Freimut Woessner

7

amerik. Cartoonist (Joseph)

Das Lösungswort des Preisrätsels aus Kunst+Material Juli/August 2026 ist: LICHTECHT Die Gewinner werden schriftlich benachrichtigt.


96 | Vorschau

Herausgeber boesner GmbH holding + innovations Gewerkenstr. 2, 58456 Witten Tel. +49-(0)2302-97311-10 Fax +49-(0)2302-97311-48 info@boesner.com V.i.S.d.P.: Jörg Vester Redaktion Dr. Sabine Burbaum-Machert redaktion@kunst-und-material.de Satz und Grafische Gestaltung Birgit Boesner, Hattingen mail@bboes.de Anzeigen Dr. Sabine Burbaum-Machert anzeigen@kunst-und-material.de Anzeigenpreisliste Nr. 19 vom 01.01.2026 Herstellung Vogel Druck und Medienservice GmbH, Höchberg Erscheinungsweise zweimonatlich © 2026 bei der boesner GmbH holding + innovations. Alle Rechte vorbehalten. Reproduktionen jeglicher Art, Aufnahmen in OnlineDienste und die Vervielfältigung auf Datenträgern wie CD-Rom, DVD-Rom etc. bedürfen der schriftlichen Genehmigung des Herausgebers. Unverlangte Manuskripte, Fotos und Dateien usw. sind nicht honorarfähig. Sie werden nicht zurückgesandt und für sie wird keine Haftung übernommen. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Eine Veröffentlichung von Daten, insbesondere Terminen, erfolgt trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr. Redaktionsund Anzeigenschluss ist immer der 15. des jeweiligen Vormonats. Seite 3, 43, 62–63, 93 unten, U4: Malerei und Fotografie: Ina Riepe. Seite 4: (6) Foto: Charlotta Steudten; (18) Foto: Dominik Parzinger, München; (30) Malerei und Fotografie: Ina Riepe; (44) Sara Pieper auf dem Gerüst in einem Kabinett in Schloss Mirow, Foto: © Restaurator Lutz Thürmer; (72) Ausstellungsansicht „Vilhelm Hammershøi. Maler des stillen Klangs“, Kunsthaus Zürich, 2026, Foto: Franca Candrian, Kunsthaus Zürich. Seite 6: Foto: Charlotta Steudten. Seite 7: Foto: David Bonet. Seiten 8–12, 14–16: Fotos: Anna Belén. Seite 94 rechts: Foto: Charlotta Steudten. Verlag und Redaktion danken den Rechteinhabern für die Reproduktionsgenehmigungen. Nicht nachgewiesene Abbildungen entstammen dem Archiv des Verlags. Konnten trotz sorgfältigster Recherche Inhaber von Rechten nicht ermittelt werden, wird freundlich um Meldung gebeten.

Die nächste Kunst+Material erscheint im November 2026 Porträt Jaimun Kim In seiner Raku-Malerei vereint der 1962 in Seoul (Südkorea) geborene Keramiker und Installationskünstler Jaimun Kim Experimentierfreude und eine in langjähriger Praxis erworbene technische Meisterschaft. Sein Material Ton formt er nicht wie üblich zu dreidimensionalen Objekten, sondern setzt es als zweidimensionale, flächige Form wie eine Bildtafel ein, die anstelle von Farben und Malmaterialien mit Glasuren, Jaimun Kim, keramischen Pigmenten und Metalloxiden beFoto: Wolfgang Schäfer. arbeitet und anschließend einem zweifachen Brennprozess unterzogen werden. Es entstehen einzigartige malerische Effekte – Bildwelten, die sich zwischen abstrakter Formlosigkeit und assoziativ erfahrbarer Landschaftsdarstellung bewegen. Sepp Hiekisch-Picard berichtet von seinem Besuch bei Jaimun Kim in dessen „Haus der Kunst“ im westfälischen Enniger, wo er auf ein künstlerisches Schaffen getroffen ist, das fernöstliches Denken mit zeitgenössischen westlichen Ausdrucksformen in einem sensiblen Gleichgewicht hält.

Thema Johann Joachim Winckelmann Er war eine der zentralen Figuren des Kunstdiskurses am Ende des 18. Jahrhunderts, dessen Kerngedanken noch lange darüber hinaus ausstrahlten: Johann Joachim Winckelmann (1717– 1768) war der erste, der die Kunst des Altertums historisch systematisch sah. Der „Begründer der klassischen Archäologie“ trug aber auch wesentlich dazu bei, aus der Antike entwickelte Kategorien zum Maßstab für die aktuelle Kunstproduktion zu machen: Winckelmann prägte den Geschmack.

Anton Raphael Mengs, Johann Joachim Winckelmann (1717–1768), ca. 1777, Öl auf Leinwandwand, 63,5 x 49,2 cm, New York, Metropolitan Museum of Art, Harris Brisbane Dick Fund, 1948.

ISSN 1868-7946

Weitere Themen: Inspiration | Persönlich | Bücher | Ausstellungen | Im Gespräch


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Kunst+Material Ausgabe September-Oktober 2026 by boesner - Issuu