Alexander Braun
ANIME fantastisch
Die Kunst des japanischen Zeichentrickfilms
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© 2020 des Titels »Anime fantastisch« von Alexander Braun (ISBN 978-3-7423-1504-5) by riva Verlag, Münchner Verlagsgruppe GmbH, München. Nähere Informationen unter: www.m-vg.de
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ANIME Japanzeichentrick Der Begriff »Anime« hat sich im westlichen Kulturkreis als Synonym für den ja-
Produktionen allein mit künstlerischen Traditionslinien einer anderen,
panischen (mitunter auch allgemein asiatischen) Zeichentrickfilm eingebür-
fernöstlichen Kultur festmachen wollen, sind darum mit großer Vorsicht
gert. Die Herleitung vom Wort »Animation« (im Japanischen: »animēshon«,
zu genießen. Japan war seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit
als Lehnwort des englischen »animation«) ist offenkundig, unterscheidet sich
dem Ende der Shogunen-Herrschaft kein abgeschotteter Kulturraum mehr.
allerdings von der Bedeutung in Japan selbst, wo Anime nicht nur für die hei-
Ganz im Gegenteil: Die Restauration der Meiji-Ära (1868–1912) öffnete das
mischen Produktionen Anwendung findet, sondern alle Formen von Zeichen-
Land nicht nur wirtschaftlich gegenüber dem Westen, sondern sog gerade-
trickfilmen meint. Auch die Filme von Walt Disney sind in Japan Animes.
zu sehnsüchtig westliche Kulturprodukte und Moden auf.
Der Begriff setzte sich in Japan allerdings auch erst im Laufe der 1970erJahre durch, gewissermaßen als Reflex auf seine wachsende Wahrneh-
Es spricht dennoch einiges dafür, im westlichen Kulturkreis den Begriff
mung im Westen. Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es
des Anime auf die moderne japanische Trickfilmproduktion seit der zwei-
in Japan eine eigene Trickfilmproduktion, die sich allerdings stilistisch stark
ten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu beschränken. Bestrebungen in Japan,
vom heutigen Erscheinungsbild unterscheidet, das mit dem Begriff Anime
den ambitionierten, aufwendigen Anime in Spielfilmlänge begrifflich vom
assoziiert wird. Die Gründe dafür sind nicht nur ästhetischer Natur, sondern
schnell produzierten TV-Anime zu unterscheiden (»Full Animation« versus
haben auch wirtschaftliche Ursachen. Westliche Zeichentrickfilme – insbe-
»Limited Animation«, vgl. S. 29), greifen im westlichen Kulturkreis ebenfalls
sondere amerikanische, aber auch deutsche, wie die Scherenschnitt-Filme
schwer, weil der Anime hier vornehmlich über seine spezifische Optik rezi-
von Lotte Reiniger (1899–1981) – waren in Japan durchaus bekannt und
piert wird. Auch das Bewusstsein, dass der Anime keinesfalls ein Medium
wurden aufgeführt, nur reichten die kommerziellen Möglichkeiten der ja-
ausschließlich für Kinder und Jugendliche ist, setzt sich nur sehr zögerlich
panischen Zeichentrickindustrie nicht aus, um an die Perfektion der west-
durch. Zu sehr sind im Westen die Standards als Kinder- und Familienunter-
lichen »Vorbilder« heranzureichen. Thesen, die die Eigenarten japanischer
haltung durch die Studios Disney, Warner Bros. oder Hanna-Barbera gesetzt
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The Ultraman, 1979, Studio Sunrise, drei Key-Animation-Dougas
worden. Entsprechend groß waren auch die Missverständnisse, als Animes
plus Science-Fiction, plus Roboter und Mechas und alles auch wiederum
ab den 1980/90er-Jahren als mediales Phänomen irgendwo zwischen Ac-
in anderer, komplexerer Weise für ein erwachsenes Publikum. Die letzten
tion und Pornografie (»Hentai«, vgl. S. 261) rezipiert wurden. Wer kannte im
Glühwürmchen (jap. Hotaru no Haka) von Isao Takahata (Studio Ghibli, 1988)
Westen schon Animes (oder Mangas: die Grenzen sind hier fließend), die
etwa erzählt vom verzweifelten Überlebenskampf eines Geschwisterpaars
sich ausschließlich mit einzelnen Sportarten beschäftigen oder das Feld
in der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Der Film beginnt gleich mit dem
der Spitzengastronomie zum Thema haben? Wer hatte je von Geschichten
Ende, indem er die Vierjährige sagen lässt: »Am 21. September 1945 bin
gehört, die allein dem alten chinesischen Spiel Mah-Jongg gewidmet sind?
ich gestorben«. Die Ernsthaftigkeit und die gleichermaßen schwer zu er-
Bereits die enorme Ausdifferenzierung des Zielpublikums nach Geschlecht,
tragende wie zu Tränen rührende Dramatik des Anime ließ Amerikas mäch-
Lebensalter oder Gattungsvorlieben ist erstaunlich und im westlichen Kul-
tigsten Filmkritiker Roger Ebert anlässlich der US-Veröffentlichung im Jahr
turkreis ohne Vergleich: Animes für Mädchen, Animes für Jungen, Animes
2000 schreiben: »Die letzten Glühwürmchen ist eine so machtvolle emotio-
für Mädchen mit Fokus auf Familie und Schule, Animes für Mädchen mit
nale Erfahrung, dass es eine Neubewertung von Zeichentrickfilmen gera-
einem Schwerpunkt auf Romantik und Liebe, Animes für Mädchen, bei de-
dezu erzwingt.« Als Entsprechung fällt einem bestenfalls Raymond Briggs’
nen die Protagonistinnen die Welten wechseln können, also Fantasy im wei-
(geb. 1934) Wenn der Wind weht (When the Wind Blows, GB 1986) ein, die Ge-
testen Sinne. Entsprechendes gibt es selbstverständlich auch für Jungen,
schichte eines Rentnerpaars während eines Atomkriegs. Wenn im Westen
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Ultraman, TV-Serien seit 1966, Kinofilme seit 1967 und Animes seit 1979 Vor dem großen Manga- und Anime-Boom am Ende des 20. Jahrhunderts stand Japans Filmindustrie in den Augen westlicher Betrachter vor allem für trashig anmutende, (gegenüber der Konkurrenz aus Hollywood) schlecht getrickste Monster- und Science-Fiction-Filme. Neben Godzilla erwies sich dabei Ultraman als größter Quotenbringer: Bis heute sind 38 TV-Serien (darunter auch Animes), 30 Kinofilme, 94 Computerspiele und unzählige Video-Veröffentlichungen produziert worden. Von 1966 bis 1987 hatte die Marke Ultraman dem Lizenzhalter Tsuburaya Productions (inflationsbereinigt) 17 Milliarden Dollar in die Kassen gespült.
Ultraman, 2019, Anime Den jüngsten Reboot von Ultraman unternahm 2019 der US-Streaming-Dienst Netflix. Die erste Staffel des digital animierten Anime lief so erfolgreich, dass die Serie 2020 fortgesetzt wird.
The Ultraman, 1979, Studio Sunrise, Cel
überhaupt je der Tod in einem Zeichentrickfilm thematisiert wurde, dann
kulös, ein Macher und Beschützer) zu überwinden und sich für die Reize
als kathartisch rührige Exposition, um danach den Kampf um Glück (Bambi,
der Androgynität zu öffnen – ein zugegebenermaßen schwerer Schritt für
1942) oder Macht (König der Löwen, 1994) noch heroischer inszenieren zu
eine Gesellschaft, die in komplett anderen Geschlechterrollen konditioniert
können. Das Sterben von Kindern als Thema und Konklusion für sich selbst
ist. Eines der attraktivsten Rollenbilder für junge japanische Frauen ist das
stehen zu lassen, ohne einen Weg tröstlicher Erlösung zu weisen, ist für ein
eines zarten, femininen Mannes. Und die Darstellung dieser Art Mann ist
westliches Publikum schwer auszuhalten – zumal in der Ästhetik eines Zei-
derart feminin, dass westliche Augen darin eher ein Mädchen mit Penis se-
chentrickfilms, der für solch schwere Themen tabu zu sein scheint.
hen – was wiederum eine andere falsche Spur eröffnet, denn Transsexualität ist auch nicht gemeint.
In Japan wird es aber noch komplizierter: Es gibt Animes, die Liebe zwi-
Die japanische Gesellschaft ist in dieser Beziehung viel weniger prüde
schen Frauen zeigen. Ebensolche, die die Liebe zwischen Männern thema-
als die westliche, was nicht unerhebliche Probleme und Missverständnisse
tisieren, die allerdings als Zielpublikum nicht auf homosexuelle Männer
beim Export von Animes beschert. Wenn sich die Schulmädchen in Sailor
zielen, sondern wiederum auf Frauen. Das erklärt sich erst, wenn es einem
Moon in Kriegerinnen verwandeln, sind sie für einen kurzen Moment nackt.
gelingt, das westliche Stereotyp des maskulinen Mannes (dominant, mus-
Diese Art von Nacktheit ist in Japan auch für ein junges Publikum nicht
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Isao Takahata (1935–2018), Die letzten Glühwürmchen, 1988, Studio Ghibli Mehr als ein Jahrzehnt hatte es gedauert, bis diese zweite bahnbrechende Produktion des Studio Ghibli (als Doppelfeature veröffentlicht mit Hayao Miyazakis Mein Nachbar Totoro) den Westen erreichte – in den meisten Ländern jedoch nicht auf der Kinoleinwand, sondern auf Video.
befremdlich und erregt keine Gemüter. Das tut sie aber unter Umständen,
kehrten Vorzeichen gibt es Missverständnisse, dann nämlich, wenn in Ja-
wenn dasselbe Produkt am Sonntagvormittag in amerikanische oder euro
pan explizit sexuelle Konnotationen gemeint sind, von denen der westliche
päische Kinderzimmer gesendet wird. Hier sehen die Verantwortlichen nicht
Betrachter aber nicht einmal den Anflug einer Ahnung hat. Wenn einem
jene ursprüngliche und unschuldige Form von Nacktheit jenseits jeglicher
Protagonisten etwa die Nase blutet – egal welchen Geschlechts –, ist das
sexuellen Orientierung, die gemeint ist (denn die primären Geschlechtsor-
ein Hinweis auf sexuelle Erregung (oder wahlweise auch große Scham). Im
gane werden entweder gar nicht gezeigt oder nur vage angedeutet), son-
übertragenen Sinne kann es auch bedeuten, dass der Charakter in einen
dern unterstellen eine versteckte pädophile Offerte: ein gewaltiges inter-
neuen, reiferen Lebensabschnitt eintritt. Extrem weit spritzendes Blut kann im Anime als Analogie zu einem
kulturelles Missverständnis.
Orgasmus gedeutet werden und charakterisiert die Szene somit nicht als Mitunter sind die Missverständnisse, die der Transfer eines japanischen Kul-
übertriebene Splatter-Orgie, sondern als vieldeutigeres Psychogramm. Die
turprodukts in die westliche Hemisphäre mit sich bringt, so vielfältig, dass
Analogie zur Sexualität lässt den Gewaltakt psychologischer erscheinen,
zu befürchten ist, dass das Publikum nach dem Export einen völlig anderen
die Rache befriedigender, oder die Schuld, die das Opfer unter Umständen
Film sieht als das japanische. Die bereits angesprochene Verwandlung der
auf sich geladen hat, erscheint so vor seinem inneren Auge als auf »befrie-
Sailor Moon-Heroinen ist hier ein beredtes Beispiel. Aber auch mit umge-
digende« Weise gesühnt.
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Nasenbluten im Anime In der Regel steht Nasenbluten im Anime für sexuelle Erregung (in selteneren Fällen auch für Scham). Dabei gibt es das langsame Fließen oder Tropfen, wenn der Protagonist schüchtern ist, oder ein explosionsartiges Spritzen wie hier im Fall von Master Roshi, dem Lehrmeister von Son-Goku in Dragon Ball, der sich als lüsterner Greis erweist und sich die Zeit mit pornografischer Lektüre vertreibt.
Wenn der westliche Betrachter in einem Anime einen blühenden Kirsch-
schaft. Im besten Fall handelt es sich um Indizien, die zu erkennen geben,
baum sieht, dann erfreut er sich an dessen Schönheit und liest den Hin-
dass es sich bei dem Schauplatz der Handlung um Japan handelt: eine er-
weis jahreszeitlich: Endlich ist es wieder Frühling, wie schön. Der japanische
nüchternd kurz gefasste Leseleistung, die wesentliche Aspekte der Hand-
Zuschauer versteht dasselbe Bild dagegen als Vanitas-Symbol. Wenn die
lung verstellt. Gebäude in Pagodenform stellen buddhistische Tempel dar,
Kirschblüten vom Wind erfasst werden und fallen, weiß er, dass ein Todes-
während Torbögen auf einen in der Nähe befindlichen Schrein hinweisen,
fall zu erwarten ist. Vermutlich sind die Stunden desjenigen gezählt, der
der Bestandteil des Shintoismus ist und an ausgewählten, häufig schattigen
im Kontext der Kirschblüte auftritt. Die enorme Schönheit der Kirschbaum-
Orten in der Natur platziert ist: an Steinen, Bäumen etc. Beide Religionen
blüte (die in Japan mit einem eigenen Fest begangen wird) zeitigt schnelle
werden in Japan praktiziert und nach individuellem Befinden kombiniert,
Vergänglichkeit. In Japan wird dieser Bewusstseinszustand als »mono no«
wobei der Shintoismus eher die Religion des Lebens ist, während der Bud-
bezeichnet: Die Zeitspanne der Schönheit und des Glücks ist so kurz, dass
dhismus stärker mit Lebensende, Begräbniszeremonien und Tod assoziiert
es einem kaum gelingt, den Augenblick zu fassen. Samurai-Krieger, die in
wird (vgl. S. 235). Bereits der Umstand, zwei unterschiedliche Religionen
die Schlacht ziehen, oder die Kamikaze-Flieger (jap. »kamikaze«, dt. »gött-
kombinieren zu können, stellt sich für den monotheistischen Gläubigen des
licher Wind«) des Zweiten Weltkriegs wurden in der japanischen Kultur häu-
Westens (der unter Umständen bereits katholisch/evangelisch als konträre
fig mit fallenden Kirschblüten verbildlicht.
Glaubensrichtungen empfindet) als intellektuelle Herausforderung dar. Den
Besonders komplex werden die zu entziffernden Metaphern und Sym-
Japanern geht ein solches einvernehmliches Denken leicht von der Hand,
bole, wenn sie aus dem Feld der Religion stammen. Wer kennt sich im We-
weil beide Religionen im Kern sehr abstrakt sind, eher auf philosophischen
sten schon mit Shintoismus und Buddhismus oder der spezifischen Kom-
Lebensprinzipien aufbauen als auf dogmatischen Glaubensgrundsätzen.
bination aus beiden in der japanischen Gesellschaft aus? Wenn in Animes
Entsprechend schwierig ist es andersherum für Japaner, die Idee des
pagodenhafte Gebäude oder hölzerne Torbögen zu sehen sind, sind das für
Christentums zu verstehen. Für sie ist das eine seltsam martialische und
den westlichen Betrachter lediglich pittoreske Versatzstücke in der Land-
fleischliche Religion, dunkel und unheimlich, mit einem ans Kreuz gena-
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VS Knight Ramune & 40 Fire, 1996 Ashi Productions, Cel Selten sind die Bösen im Anime langweilig oder stereotyp dargestellt. In der Regel glänzen sie durch eine schillernde Persönlichkeit und entfalten eine Herkunftsgeschichte, die erklärt, warum sie wurden, wie sie sind.
Hayao Miyazaki Mein Nachbar Totoro, 1988, Studio Ghibli Gleich zu Beginn des Films fährt die Familie wie durch Zufall an einem Shinto-Schrein vorbei. Vergleichbare Szenen werden sich im Laufe der Handlung wiederholen. Auch einer Buddha-Statue erweisen die Mädchen Satsuki und Mei im Verlauf der Handlung Respekt.
gelten Sohn Gottes. Wenn also christliche Symbole in Animes auftauchen,
Im Einzelnen mögen das Marginalien sein und das Verständnis der Ge-
dann nicht um einen ausgleichenden Proporz der Religionsgemeinschaften
samthandlung nicht wesentlich verzerren. Schwerer wiegen dagegen die
herzustellen, sondern um auf okkulte oder exorzistische Praktiken zu ver-
vielfältigen Eingriffe der westlichen Fernsehanstalten, die versuchen, durch
weisen, so wie das Bannen von Vampiren durch das Kruzifix. Ein Protago-
Synchronisation und Schnitte Animes als ein Rohprodukt zu interpretieren,
nist, der auffällig ein Kreuz um den Hals trägt, ist eher selten ein Priester,
das man einkauft, um es dann für den westlichen Markt neu zu konfektio-
sondern vielmehr jemand, der über übernatürliche Kräfte verfügt.
nieren. Wenn die Andachtsgeste einer Figur vor einem Shinto-Schrein als
Schwierig wird es auch, wenn die Tonspur eines Animes mehr ist als nur
Marien-Verehrung um-synchronisiert wird, dann erinnert das an das Enten-
ein Begleitsound, sondern eine dramaturgische Funktion übernimmt, die
hausen der 1950er- und 1960er-Jahre, als die deutsche Disney-Übersetzerin
sich einem japanischen Publikum unmittelbar erschließt: etwa das Schla-
Dr. Erika Fuchs das traditionelle amerikanische Thanksgiving-Dinner in ein
gen von Holzklappern, wie es im Nō- oder Kabuki-Theater Tradition ist, um
deutsches Weihnachtsessen »übersetzte« oder den Bootsausflug von Do-
Spannung zu erzeugen oder den Auftritt eines Dämons anzukündigen.
nald Duck und seinen Neffen auf dem Eerie-See, der in der Geschichte dra-
Wenn es im Anime romantisch wird, schwingen sich keine symphonischen
matisch in den Niagarafällen mündet, kurzerhand zum Rheinfall von Schaff-
Geigen auf, sondern es erklingt das Saiteninstrument Samisen, das traditio
hausen erklärte.
nell von Geishas gespielt wird. Und wer kennt schon die Farben und Mu-
Auf dramatische Weise unverständlich wird ein Anime jedoch, wenn zu-
ster des Vorhangs beim Bunraku-Puppentheater, so dass er den Verweis auf
dem die Erzählstruktur auf den Kopf gestellt wird: Eine der herausragenden
Puppen versteht, wenn ein solches Muster im Hintergrund erscheint?
Qualitäten japanischer Zeichentrickserien ist die Entwicklung ihrer Charak-
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Titel unbekannt zwei Cels und Background Animes, die im Alltag spielen, fungieren häufig als Rollenmodelle für unterschiedliche Lebensentwürfe. Die blonde Frau im Hintergrund scheint mit Bluse, Rock und Kette eher in ein traditionelles Business zu streben, während die Dunkelhaarige im Vordergrund mit Latzhose und Hoody eher einen alternativen Lebensstil verkörpert. Das hindert aber beide nicht daran, Freundinnen zu sein.
tere. Selten verfügt eine Figur am Ende über dieselbe Persönlichkeit wie zu
Hier prallen grundsätzlich unvereinbare kulturelle Konzepte aufeinander,
Anfang der Geschichte. Das betrifft Heldenfiguren ebenso wie die »Bösen«,
die in erster Linie auf Missverständnissen beruhen sowie der mangelnden
die selten auf stereotype Weise böse dargestellt werden, sondern in der
Bereitschaft, die andere Kultur und ihre Rezeptionsmodi verstehen zu ler-
Regel über eine differenzierte Lebensgeschichte verfügen. Zum einen wer-
nen. Dabei hat der japanische Blick auf die Dinge schon früh im 20. Jahr-
den so die Gründe dafür geschildert, warum eine Figur so handelt, wie sie
hundert Eingang ins westliche Kulturleben gefunden (auch jenseits des eu-
handelt, zum anderen kann der Betrachter mitverfolgen, wie die Handlung
phorisch grassierenden Japonismus in der bildenden Kunst seit Ende des
Auswirkungen auf die Persönlichkeit nimmt. Widersacher sind zudem nicht
19. Jahrhunderts).
zwingend auch äußerlich als solche zu erkennen, sondern werden im Gegenteil gerne in Hinsicht auf ihre Handlungen konterkariert, indem sie etwa
Theatermacher wie Bertolt Brecht und später Peter Brook oder Robert Wil-
als besonders attraktive oder modisch herausgehobene Persönlichkeiten
son haben Prinzipien des japanischen Nō-Theaters in ihre eigenen Arbeiten
inszeniert werden. So oder so, ein differenziertes horizontales Erzählen
integriert. Gerade Brecht wollte nachhaltig mit dem Theater-Naturalismus
führt zwingend zu einer aufeinander aufbauenden Struktur. Der westliche
in der Tradition des Aristoteles brechen. Das Publikum sollte sich nicht län-
Medienkonsum präferiert dagegen abgeschlossene Episoden, die mög-
ger möglichst intensiv einfühlen und das Bühnengeschehen als Realität
lichst in beliebiger Reihenfolge gesendet werden können. Jede Diskonti-
empfinden, sondern eine kritische, analytische Distanz zu Text und Spiel be-
nuität in der Ausstrahlung einer Anime-Serie zerschießt aber das narrative
kommen. So setzte Brecht auf Verfremdungseffekte, die den Illusionismus
Gefüge, und am Ende bleiben befremdliche Fragmente übrig, die sich dann
unterlaufen sollten, und von denen einige dem traditionellen japanischen
tatsächlich dazu eignen, die Argumente der Gegner zu bekräftigen, die nur
Theater entlehnt waren: zum Beispiel die Stilmittel eines nichtlinearen Er-
unzusammenhängende Action, Kämpfe oder emotionale Exploitation zu
zählens oder einer stark stilisierten Sprache, die jede Alltagsillusion über-
sehen glauben.
höht – sowie spartanisch sparsame Bühnendekorationen. © 2020 des Titels »Anime fantastisch« von Alexander Braun (ISBN 978-3-7423-1504-5) by riva Verlag, Münchner Verlagsgruppe GmbH, München. Nähere Informationen unter: www.m-vg.de
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Magical Girl Pretty Sammy, 1995–97 Studio AIC und Pioneer LDC, Cel und Background Dieser Anime beruht ausnahmsweise einmal nicht auf einem Manga, sondern auf einer Hörspielreihe von 1993: Sasami Kawai ist ein süßes Mädchen mit türkisen Haaren, das von der Zauber königin Tsunami von Juraihelm gebeten wird, »Magical Girl Pretty Sammy«, Verfechterin der Gerechtigkeit, zu werden. Viele Aspekte der Geschichte lassen sich als Parodie auf Sailor Moon lesen.
Viele der als typisch japanisch rezipierten Kunstformen sind Ausdruckswei-
zu schauen. Bei explodierenden Autos (Speed Racer, vgl. S. 103) oder Raum-
sen einer Reduktion, eines hohen Grades von Abstraktion und eines Den-
schiffen, die an Planeten zerschellen (Captain Future), einen »body count«
kens in Symbolen: Der japanische Stein- oder Zengarten etwa soll die Wahr-
der Opfer vorzunehmen, ist auf haarsträubende Weise absurd, weil eine
nehmung des Hier und Jetzt fördern, bei gleichzeitiger Ausblendung des
solche wörtliche Lesart jegliche Existenz von Stilmitteln negiert. So wird es
rationalen Denkens. Ikebana, die Kunst des Blumensteckens, ist ein hocharti
dann auch schwierig werden, zu erklären, warum eine Nation, deren Medi-
fizieller und stilisierter Umgang mit Natur, der die kosmische Ordnung ver-
enprodukten Gewaltverherrlichung vorgeworfen wird, zu den höflichsten
sinnbildlichen soll. Während der Westen bei Blumengebinden den Fokus auf
und friedfertigsten der Erde zählt. Tokio ist mit knapp 10 Millionen Einwoh-
Farben und Blütenpracht legt, achtet der Japaner vornehmlich auf die line-
nern (bzw. 40 Millionen inklusive Umland) die größte Stadt der Welt und
aren Aspekte der Arrangements, bei denen gerade dem Verlauf der Zweige
unterbietet sich selbst von Jahr zu Jahr in seiner Kriminalitätsstatistik: 2019
und der Anordnung der Blätter Bedeutung zukommt. In der Teezeremonie
gab es lediglich 0,4 Morde auf 100.000 Einwohner. Im Vergleich: Auch New
kommt es mehr auf die Zeremonie an als auf das Trinken von Tee, und die
York verbesserte sich in den letzten beiden Dekaden enorm, allerdings auf
Kalligraphie meint den Vorgang selbst, also das Wie und nicht das Was. Last
hohem Niveau. 1992 zählte New York City noch 27,5 Tötungsdelikte pro
but not least hat Japan der Weltliteratur die kürzeste denkbare Gedichtform
100.000 Einwohner. Bis 2017 konnte die Rate auf 3,4 pro 100.000 gesenkt
beschert, das Haiku, ein Dreizeiler, der sich formal nicht reimt, aber einen
werden: ein toller Erfolg, aber immer noch fast neun Mal so viele Mordopfer
Rhythmus wahrt und im Inhalt ein poetisches Bild entwirft, das nicht ausde-
wie in Tokio. Selbst in Berlin lebt man mehr als doppelt so gefährlich (im
kliniert wird, sondern atmen und sich vielfältig frei entfalten darf.
Schnitt beträgt die Rate in Deutschland 1/100.000). Nicht viel anders stellt sich die Statistik bei Sexualdelikten dar. Japan hat
All das ist nicht zwingend im Anime wiederzufinden, bildet aber mentali-
die radikalste und enthemmteste Manga-(und Anime-)Pornografie der Welt
tätsgeschichtlich die Grundlage. Der wahre Geist des Anime wird sich nicht
zu bieten (in der zwar die Schamteile rudimentär verpixelt sind, die dafür
entschlüsseln lassen, wenn man nicht bereit ist, hinter die bloße Oberfläche
aber an jedem Kiosk frei zu erwerben ist und völlig ungeniert in der U-Bahn
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