Michael Bockemühl
KUNST SEHEN PAUL CÉZANNE
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IMPRESSUM
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INHALT VORWORT: EIN FEST FÜR DAS AUGE ODER WIE DIE KUNST DIE FRAGE NACH DEM SEHEN SCHARFSTELLT 10
VORLESUNG: MICHAEL BOCKEMÜHL – KUNST SEHEN. PAUL CÉZANNE 15
NACHWORT: VOM MUT, DEN EIGENEN AUGEN ZU TRAUEN
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LEBENSDATEN: PAUL CÉZANNE 88
ANMERKUNGEN 92 VERZEICHNIS DER WERKE UND BILDNACHWEISE 93 DANK 94 IMPRESSUM 96
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„Ich mache nichts, was ich nicht sehe.“
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Paul Cézanne
1 | Paul Cézanne Selbstporträt, 1883–1884
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VORWORT
EIN FEST FÜR DAS AUGE Was könnte uns dazu berechtigen, zu den unzähligen Büchern über allseits bekannte Künstler wie Vincent van Gogh, Paul Cézanne oder Pablo Picasso weitere Bände hinzuzufügen? Ist nicht gerade über diese Klassiker der Kunstgeschichte schon alles gesagt und geschrieben worden? Die hier veröffentlichten Vorlesungen des Kunstwissenschaftlers Michael Bockemühl sind – obwohl mehr als 25 Jahre alt – in ihrer das Sehen unmittelbar miteinbeziehenden Art noch heute zukunftsweisend und Orientierung stiftend. Deutlich vor Augen geführt wurde mir das durch die begeisterten Reaktionen der Studierenden, die den Kunstwissenschaftler nur noch anhand der schon vergilbten Transkriptionen seiner Vorlesungen kennenlernen konnten. Ihr Tenor lautete: „Diese Texte sind wichtig. Wir dürfen sie nicht für uns behalten!“ Die öffentlichen Vorlesungen Michael Bockemühls haben Anfang der 1990er Jahre im Wittener Saalbau stattgefunden. Die damaligen Räume der Universität reichten schon nach der ersten Vorlesung nicht mehr aus. Ein Bericht des WDR-Fernsehens über die „sensationelle Veranstaltung“ endete mit den Worten: „So wenig Notizen, so viel Begeisterung für die Art der Vorlesung. Kunstgeschichte als Happening – gibt’s noch ’ne Steigerung?“² Heute ist Bockemühls Methode der Kunstbetrachtung aktueller denn je und es scheint in Zeiten von „Fake News“ und „Alternative Facts“ eine Schulung des Sehsinns für eine an den konkreten Eindrücken orientierte, selbstständige Urteilsbildung unverzichtbar. Auf meine Frage, warum die Studierenden es für unbedingt notwendig erachteten, diese Texte zu veröffentlichen, lautete eine Antwort: „Wir haben verlernt, wirklich zu sehen. Unser Blick für die Schönheit und Natürlichkeit der Welt ist durch unseren Lebensstil und die Gesellschaft getrübt. Michael Bockemühl zeigt uns anhand von Kunstwerken, wie wir unseren Blick dafür wieder öffnen können.“3 Aber wie würde es uns gelingen, die Lebendigkeit des gesprochenen Worts in eine angemessene Form zu bringen – eine Form, die dem Inhalt dieses für Professor Bockemühl so wichtigen Hauptwerks entsprechen kann?4
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ODER WIE DIE KUNST DIE FRAGE NACH DEM SEHEN SCHARFSTELLT Die Qualität der Tonbandaufzeichnungen war mangelhaft und manche Sätze waren kaum noch zu hören. Auch war nicht immer eindeutig, um welche Kunstwerke es sich handelte und wo wir davon Abbildungen finden könnten. Dennoch entschlossen wir uns, diesen „Schatz“ zu heben und die in freier Rede gehaltenen Vorträge behutsam zu überarbeiten, die zugehörigen Bilder ausfindig zu machen und sie für eine Buchreihe vorzubereiten. Dabei ging es nicht nur um die Herstellung eines möglichst lückenlosen Textes, sondern immer auch darum, die Experimente und Sehanregungen im eigenen Üben zu erproben – gemäß Bockemühls Credo: „Der Künstler ermöglicht, was der Anschauende verwirklicht.“5 Das wurde für uns jedes Mal erneut zu einem „Fest für die Augen“: Unser Sehen begann sich zu verändern. Es wurde genauer, unbedingter, schärfer – und selbst die scheinbar bekanntesten Kunstwerke erschienen aufregend neu und lebendig. An die Stelle abschließender Interpretationen trat das eigene Sehen als offener Prozess.
„Der Künstler ermöglicht, was der Anschauende verwirklicht.“ Michael Bockemühl
Michael Bockemühl verzichtet in seinen Vorlesungen auf die Vermittlung kunsthistorischen Wissens. Wir erfahren weder seine Deutungen der Kunstwerke noch macht er uns näher mit den biografischen und gesellschaftlichen Hintergründen der Künstler bekannt. Das alles ist sehr gut erforscht und beschrieben und würde die Herausgabe einer weiteren Buchreihe nicht rechtfertigen. Neu und bis heute fast unbekannt ist dagegen der Zugang, den uns der passionierte Wahrnehmungsforscher hier eröffnet: Wir werden als Leserinnen und Leser auf eine Expedition mitgenommen, die uns zum eigenen Sehen führt. Mehr noch: wir werden zu einem vorurteilsfreien Wahrnehmen angespornt, wie wir es vielleicht noch aus unserer frühen Kindheit erinnern. Das aber versetzt uns in die Lage, bewusster
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mit unserem Sehen und Verstehen umzugehen – letztlich selbst Sinn im Sinnlichen zu entdecken. „Wer die Welt verstehen will, muss mit eigenen Augen sehen lernen“⁶ bemerkt Paulo Coelho. Wie man das macht, dafür liefert Bockemühl in seinen Vorlesungen konkrete Anregungen. Wir werden in Experimente und Sehübungen verwickelt und lernen, den Schleier unserer Denkroutinen zu heben, sodass an den Kunstwerken Dinge sichtbar werden, die unserem Bewusstsein zuvor durch den Filter unserer Gedanken und Meinungen entzogen wurden. So wird es möglich, an eigene Erfahrungen unmittelbar anzuknüpfen. Dabei misst sich der Wahrnehmungsexperte nicht die Deutungshoheit über das Erlebte an, sondern beschränkt sich stets auf die Frage, wie das Wahrgenommene ins Bewusstsein tritt: „Wichtig ist, dass wir uns darüber verständigen, wie es bei jedem einzelnen Betrachter von der Wahrnehmung zum Begriff gekommen ist. Wichtig ist, dass wir uns über das Wie des Anschauens verständigen.“⁷ Das aber brauchen wir in einer Zeit, in der wir durch Smartphones, Tablets und so weiter ohne jede Sinnesanstrengung immer mehr in eine Parallelwelt zweidimensionaler Bilder hineingezogen werden, „in der wir alles per Klick festhalten und gleichzeitig global verbreiten können, ohne unseren Standpunkt zu verändern, und in der uns alles, was am anderen Ende der Welt passiert, in Jetztzeit erreichen kann – was genau genommen unsere Wahrnehmung nicht erweitert, sondern verkürzt, weil wir uns selbst und die Perspektivität als Wahrnehmende aus dem Blick verlieren.“8 Der Grafiker Frank Schubert hat sich auf den mühsamen Prozess eingelassen, mit uns gemeinsam eine Buchform zu entwickeln, die dem Charakter dieser Vorlesungen entspricht: Es ist der Versuch, die Hinweise Bockemühls mit den Abbildungen in eine Balance zu bringen, es den Leserinnen und Lesern zu ermöglichen, Anschauliches und Gedankliches selbst zu verbinden. Das wiederum eröffnet die Möglichkeit zu einer kritischen Distanz sowie zu eigener anschaulicher Überprüfung. Die Wechselbeziehung zwischen sehendem Subjekt und wahrgenommenem Objekt tritt hier in den Fokus und lässt uns erleben, dass Kunst nur dann wirksam wird, wenn sie ein Gegenüber hat, das seine Augen verweilen und ruhen lässt, dass seine Eindrücke mittels der Augen zu erfassen und zu durchdenken sucht. Über die Chancen einer solchen, an Friedrich Schiller orientierten Ästhetik bemerkte der Professor von der Universität Witten/Herdecke: „Diese Ästhetik bietet die Möglichkeit, zu unserer eigenen Bestimmung zu finden, nicht über Gesetze von außen – Bildungszwecke, tradierte Wertvorstellungen, Moralvorschriften und so weiter –, sondern mehr und mehr auf dem Wege selbst verantworteter und gestalteter Wahrnehmung.“⁹ David Hornemann v. Laer Witten im Oktober 2018
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„WER DIE WELT VERSTEHEN WILL, MUSS MIT EIGENEN AUGEN SEHEN LERNEN.“ Paulo Coelho
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2 | Bockemühl, 2003
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VORLESUNG
„Kunstdinge sind ja immer Ergebnisse des In-Gefahr-gewesen-Seins, des in einer Erfahrung Bis-ans-Ende-gegangen-Seins (...) Je weiter man geht, desto eigener, desto persönlicher, desto einziger wird ja ein Erlebnis, und das Kunstding endlich ist die notwendige, ununterdrückbare, möglichst endgültige Aussprache dieser Einzigkeit ... Darin liegt die ungeheure Hilfe des Kunstdings für das Leben dessen, der es machen muss – : dass es eine Zusammenfassung ist; der immer wiederkehrende, für ihn selbst gegebene Beweis seiner Einheit und Wahrhaftigkeit, der doch nur ihm selber sich zukehrt und nach außen anonym wirkt, namenlos, als Notwendigkeit nur, als Wirklichkeit, als Dasein – . Wir sind also sicher darauf angewiesen, uns am Äußersten zu prüfen und zu erproben ... .“ 10
Meine Damen und Herren, mit diesen Worten schildert Rainer Maria Rilke, in welche Gefahren sich ein Künstler begeben muss, wenn er in seiner künstlerischen Arbeit bis ans Ende geht, wie das Paul Cézanne in seinen Werken getan hat.11 Sie bemerken sicherlich schon das Niveau, mit dem wir uns jetzt zu befassen haben, und spüren vielleicht, welche Dimension hier angesprochen ist, wenn wir uns dieser künstlerischen Gestalt Cézannes annähern. Alles, was ich hier anbieten kann, ist nur der Versuch eines Hinweises im vollen Bewusstsein dessen, dass wir selbst bei der Kunstbetrachtung bis ans Äußerste gehen und uns auch in Gefahr begeben müssen. Denn die
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Formulierungen über die Kunst und erst recht solche über das Verhältnis zwischen Sehen und künstlerischer Gestalt sind eine so zarte Befindlichkeit, dass sie eben auch durch Definitionen, durch Eingrenzungen zerstört werden können. Jedes Mal, wenn wir uns Bilder anschauen, können wir bemerken, dass es gar nicht so leicht ist, bewusst wahrzunehmen, welche Stelle im Bildzusammenhang man in den Blick nimmt. Ja, wenn man etwas genau sehen will, wenn man das Anschauen richtig betreibt, kann man sogar an den Punkt kommen, an dem man fast gar nichts mehr sieht! An diesem Punkt geht es um eine hochinteressante Frage: „Wie sehen wir, wenn wir etwas sehen?“ Oder anders gefragt: „Wie gehen wir vor beim Anschauen? Wohin blicken wir?“ Dass wir uns in Gefahr begeben müssen, wenn wir uns mit diesem Verhältnis befassen, konnten wir den Worten Rilkes schon entnehmen. Ich bin da ebenso wie Sie in der Situation, im Ungewissen zu tasten. Wir kommen hier eben an die Grenze unseres normalen Bewusstseins, an die Grenze der Sinnlichkeit. Cézannes frühe Gemälde sind durchaus vergleichbar mit den Anfängen von van Gogh. Sie haben etwas Schweres, Unerschließbares. Es sind düstere Bilder. Hier sehen wir eine Maria Magdalena des Siebenundzwanzigjährigen. Man kann sich ohne Weiteres vorstellen, welche Reaktionen ein solches Bild bei den Zeitgenossen ausgelöst hat.
3 | Paul Cézanne, Die trauernde Magdalena, 1867–1870
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Schauen Sie sich im Vergleich dieses so realistisch und perfekt gemalte Bild von Gustave Caillebotte an. Sehen Sie die unglaubliche Vollkommenheit dieser Spaziergänger auf den regennassen Pflastersteinen? Und daneben das so wenig realistische Bild von Cézanne. Der Künstler wurde von seinen Zeitgenossen immer wieder als unbeholfen und unfähig, als verkrachte Existenz beurteilt. Sogar sein langjähriger, treuer und verständnisvoller Freund Émile Zola bildete da keine Ausnahme. Er schrieb einen Roman über einen scheiternden Künstler, der sich wegen seiner Unfähigkeit schließlich das Leben nimmt. Cézanne erkannte im Schicksal des Protagonisten seine eigene Lebensspur und brach die Beziehung ab.12 Er ging eben ganz anders mit der Kunst um – von vornherein. Seine Bilder ließen sich überhaupt nicht einordnen und erklären in einer Zeit, als die Außenwelt zum Vorbild genommen und möglichst genau kopiert werden musste.
4 | Gustave Caillebotte Straße in Paris an einem regnerischen Tag, 1877
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Dieses Bild zeigt eine gewissermaßen grobe Szene, in der ein Mann eine offenbar bewusstlose Frau wegträgt. Die Körper sind nackt, die Umgebung düster, dicht und recht roh skizziert. Wir sehen Gebilde, die sich die Außenwelt zum Vorbild nehmen, und doch scheint das alles nicht so sehr erklärbar. Ja, es kann einen angesichts dieses Gemäldes das Gefühl einer unbewältigten Kraft überkommen, die nach außen drängt. Dieser unmittelbar emotionale, nach außen drängende Charakter lässt sich an vielen Gemälden in Cézannes Frühwerk beobachten. Auch hier finden wir eine Art Innenbildprojektion, wie wir sie schon bei van Goghs Anfängen beobachten konnten.
5 | Paul Cézanne Die Entführung, 1867
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„Nach der Natur malen, das heißt nicht das Gegenständliche kopieren, es heißt, seine Empfindungen realisieren.“ Paul Cézanne
Auch dieses schon von der Thematik her extreme Bild wirkt neben der formvollendeten, fotografisch genauen Malerei eines Caillebotte gewaltsam und ungebärdig, die Gestik der Figuren überspannt, die Szenerie düster und roh.
6 | Paul Cézanne, Der Mord, 1867–1870
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7 | Edouard Manet, Olympia, 1863
Zwischen Ironie und Sarkasmus stellt Cézanne eine moderne Olympia dem Betrachter vor Augen. Das quadratische Gemälde zeigt im Zentrum eine junge, schwarzhaarige, unbekleidete Frau. Sie sitzt in hockender Haltung auf der hellen Decke eines Bettes und hat ihren Kopf in Richtung eines ihr gegenüber sitzenden Mannes gewandt, der verschattet am vorderen Bildrand dargestellt ist. Wenn man die Anatomie dieser Dame beachtet, dann sind ihre Proportionen wohl kaum von einem weiblichen Vorbild ableitbar. Es hat einen ganz anderen Charakter als eine Außenbilddarstellung, wie wir sie zum Beispiel in Edouard Manets berühmter Olympia finden, die realistisch proportioniert, selbstbewusst und zugleich entspannt dargestellt ist. Cézannes Malerei gestaltet sich im Gegensatz dazu rücksichtslos, eruptiv, von innen nach außen drängend. Statt eine äußerliche Formvollendung anzustreben, scheint sie visionär ein innerbildliches Element nach außen zu tragen.
8 | Paul Cézanne Eine moderne Olympia, um 1870
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